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Überleben unter Menschen

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© 2017 Helmut Hofbauer

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7345-8733-7
Hardcover: 978-3-7345-8734-4
e-Book: 978-3-7345-8735-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Ich wollte, man fienge damit an, sich selbst zu achten: Alles Andere folgt daraus. Freilich hört man eben damit für die Anderen auf: denn das gerade verzeihen sie am letzten. Wie? Ein Mensch der sich selbst achtet?“

Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente (1888), 14 [205].

„Gegeben ist mir mein Leben, und mein Leben ist in erster Linie ein Sichfinden meines Ich in der Welt;“

José Ortega y Gasset: Was ist Philosophie? Dtv, München 1968 (2. Aufl.). S. 204.

„…his own life closed in to a size his soul had not yet shrunk to fit.“

John Updike: Rabbit is Rich. Penguin Books, London 2006. S. 257.

„Nur Arbeit, Müdigkeit und Tod“, sagte er, sei für viele das Leben. Mit diesem stumpfsinnigen Gehabe habe er sich nie anfreunden können.“ Franz Innerhofer: Der Emporkömmling. Dtv, München, 1982. S. 90-91.

„Ich kenne keine verkehrtere und zeitraubendere Tätigkeit, als über Dinge nachzudenken, ohne Papier und Bleistift bei der Hand zu haben. Ich könnte ebenso versuchen, aus dem Kopf und ohne Plan ein Haus zu bauen. Der Mensch kann eben nur eine gewisse Anzahl von Gedanken ins Bewußtsein bringen. Der Rest davon versinkt ins Halbbewußtsein oder wird vergessen.“

Selbsthilfe im Alltag und Beruf. Geistiges Training. Lebenskunst – leicht gemacht. Aus der Reihe: Praktische Lebens- und Körperkultur, Band III, Selbstverlag Institut Bert J. Riha, Wien 1965. S. 20-21.

„Seit jeher habe ich daran festgehalten, alle Lebensfragen den drei großen Problemen unterzuordnen: dem Problem des Gemeinschaftsle-

bens, der Arbeit und der Liebe.“

Alfred Adler: Der Sinn des Lebens. Anaconda Verlag, Köln 2008 (1933). S. 28.

 

Mein Name ist Karl Wandel, und ich wandle durch die Zeit.

Mein Name ist Karl Wandel. Ich bin nicht besonders intelligent. Ich empfinde das Ungenügen meines Wissens als sehr schmerzlich. Mein Wissen reicht nicht aus, um mich in dieser unserer Welt hier zurechtzufinden, in dieser unserer Menschenwelt. Es wundert mich, wie ich bisher überlebt habe. Ich verstehe eigentlich nicht, wie ich das geschafft habe. Ich muss Glück gehabt haben.

Wenn Sie sich aus meinem Buch etwas herausnehmen, dann zeichnen Sie gewissermaßen eine Wandelanleihe. Möglichweise wird Sie diese Anleihe als Mensch und als Person verwandeln.

Wie viele Dinge muss ich erledigen, also hinter mich bringen, bis ich mich verändere und ich meinem Namen, Karl Wandel, gerecht werde?

Man denkt immer vor einem bestimmten Hintergrund. Den Hintergrund meiner Gedanken bilden folgende, heute allgemein geteilte Überzeugungen:

1. Man meint heute (und will sich diese Überzeugung auf keinen Fall nehmen lassen), dass der Mensch ein soziales Wesen ist und wir in (menschlichen) Gemeinschaften zusammenleben;

2. dass der Mensch ein rationales Wesen ist und es in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik im Allgemeinen rational zugeht;

3. dass wir in einem gerechten Wirtschaftssystem leben, das einem jeden gibt, was er verdient, je nach seiner Leistung und dem Nutzen, den er für die Gemeinschaft stiftet;

4. dass wir Sprachen sprechen, die nicht lügen und die uns nicht in die Irre führen, sondern die ehrlich und direkt benennen, was die Dinge in Wirklichkeit sind;

5. dass zwischen den Geschlechtern sexuelle Anziehung, Liebe und Partnerschaft existieren und politische wie wirtschaftliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen angestrebt wird (und eigentlich schon fast erreicht ist).

Die Wissenschaft interessiert sich für die ganz großen und ganz kleinen Dinge, dachte Karl Wandel. Sie beschäftigt sich mit vielen Dingen, die in meinem Leben gar keine Rolle spielen, weil sie entweder zu groß sind, als dass ich sie beeinflussen könnte, oder so klein, sodass ich sie nicht einmal wahrnehme.

Ich interessiere mich nur für eines: für das menschliche Individuum und für sein individuelles Leben. Doch dieser Erkenntnisgegenstand kommt in der Wissenschaft nicht einmal vor. Das menschliche Individuum ist immer das erste, wovon die Wissenschaft absieht, wovon sie abstrahiert, um dem Vorwurf zu entgehen, subjektiv zu sein.

Für das individuelle menschliche Leben kann sich die Wissenschaft ebenfalls nicht interessieren, weil sie ja Aussagen von allgemeiner Gültigkeit treffen will.

Es ist schon erstaunlich, die Wissenschaft interessiert sich für die größten und die kleinsten Dinge; doch wenn man als einzelner Mensch eine Frage an sie hat, die dasjenige betrifft, was man selbst unmittelbar vor Augen hat, kann man nicht auf ihre Hilfe zählen!

Grundlagen. Was sind Grundlagen? Grundlagen sind Gehirnwäsche, meint Karl Wandel. Niemand, der etwas in praktischer Weise lernen will, beginnt mit Grundlagen. Sondern er beginnt mit der Tätigkeit, die er erlernen will, selber und versucht, diejenigen Fragen zu klären, die sich ihm dabei stellen. Auf diese Weise gleicht er die Vorstellungen, die er bislang über diese Tätigkeit oder Materie im Kopf gehabt hat, mit denen ab, die die Tätigkeit selbst offenbar erfordert.

Wer hingegen fordert, dass man mit Grundlagen beginnen solle, der verlangt im Grunde, dass man auf seine eigenen Vorstellungen über den Gegenstand, den man erlernen will, verzichten soll, um sie durch die Grundlagen als Lerninhalte zu ersetzen. Das aber ist Gehirnwäsche. Damit wird die Persönlichkeit des lernenden Menschen, die doch bereits durch ihre Vorstellungen über die Dinge mit den Dingen verbunden ist (und die letztlich selbst nichts anderes als diese Vorstellungen ist) ausgelöscht, und anstatt ihrer bekommt man eine artifizielle, fachadäquate Sichtweise der Dinge eingesetzt.

Die zentrale Frage wäre folgende, sagte Karl Wandel: Wie sähe die Welt aus, wenn ich sie als Mensch betrachten würde?

Sind wir heute zu einer solchen Sichtweise überhaupt noch imstande? Schließlich sind wir es gewohnt, sachlich über die Welt nachzudenken und bei unseren Urteilen nach Objektivität zu streben?

Wir haben es uns also angewöhnt, die Welt sachlich zu betrachten, das heißt, so als wären wir selbst Sachen. Wir betrachten sie sozusagen von Sache zu Sache.

Wie könnte es da möglich sein, sie noch als Mensch zu betrachten? Und worin überhaupt würde der Unterschied bestehen?

Ich lebe allein. Aber das wundert mich auch überhaupt nicht. Wenn man als Mann mit einer Frau zusammen sein will, muss man sie zuerst davon überzeugen, dass das für sie erstrebenswert ist. Umgekehrt gilt das nicht: Will eine Frau mit einem Mann ins Bett, so braucht sie ihn nur mitzunehmen. Die braven Kerle gehen ohnehin alle gerne mit.

Freilich kann man sich um eine Frau bemühen. Da soll es keine Ausreden geben: Wenn man eine Frau will und sie von allein nicht kommt, dann muss man sich eben um sie bemühen. Und vielleicht sagt sie ja sogar zu. Nur ist es dann so, dass man das Gefühl hat, dankbar sein zu müssen. Schließlich hat man ja ein Geschenk bekommen, das einem genauso gut verwehrt hätte werden können. Wo man aber dankbar sein muss, da gibt es keine Partnerschaft. Und wo es keine Partnerschaft gibt, da ist man ohnehin allein. Man ist als Mann allein, gleich ob man mit einer Frau zusammen ist oder nicht, sagte Karl Wandel.

Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind durch eine kommunikative Asymmetrie (also durch eine kommunikative Einseitigkeit) geprägt. Diese lässt sich in der Metapher fassen, dass die Männer die Käufer sind und die Frauen das Gekaufte, die Ware. Für Ware muss man immer bezahlen. Mit einer Frau zusammenzukommen, hat also seinen Preis. Wenn einem der Preis nicht zu hoch ist, kann man sich in dieses Geschäft fügen. Aber man sollte nie vergessen, dass das die eigene Entscheidung war und dass man selbst diesen Preis in Kauf genommen hat. Man muss die Sache also von vornherein ganz allein mit sich selbst ausmachen.

Deshalb täuscht die Rede von der Partnerschaft, die man uns immer wieder einreden möchte. Zwischen Männern und Frauen gibt es keine Partnerschaft. Das würde ja meinen, dass wir es mit zwei Menschen zu tun haben, die aneinander Interesse haben. Was allerdings die Frauen betrifft, so kann ich aus eigener Lebenserfahrung sagen: Wenn ich ihnen nicht nachlaufe, so lassen sie mich in Ruhe. Frauen verhalten sich so, als wären sie Dinge: Ich kann zu Frauen hingehen und mich mit ihnen beschäftigen. Aber tue ich das nicht, so rühren sie sich nicht, und es ist gerade so, als wären sie nicht lebendig.

Das alles sage ich vor dem Hintergrund, dass das Leben schwer ist, und ich manchmal eine Unterstützung bräuchte bei seiner Bewältigung, sagte Karl. Aber Frauen bieten keine Unterstützung; sie sind nur eine Belastung. Wenn ich gerade sonst keine Probleme habe, kann ich mich mit Frauen beschäftigen. Ich kann mir dann diesen Luxus leisten. Oder ich kann es tun, um mich von meinen Problemen abzulenken. Niemals aber sollte ich es tun, um auf diese Weise Hilfe und Unterstützung zu finden.

Ich lebe allein. Mehrere meiner Freunde, die sich bereits im mittleren Alter befinden, leben ebenfalls allein. Einer hat eine Freundin, der er Reisen und Städteausflüge finanziert. Mich wundert das alles nicht. Wenn Mann und Frau zusammen sind, ziehen sie nicht an einem Strang. Viel eher sieht es danach aus, als ob die Männer das Bedürfnis nach dem Zusammensein mit einer Frau emotional so stark belastet, dass sie bereit sind, dafür Kosten in Kauf zu nehmen.

Also sind sie bereit, sich in eine Beziehung zu fügen, auch wenn diese Beziehung nicht so ist, wie sie sie sich wünschen würden. Sie wählen zwischen zwei Übeln das kleinere.

Die Leute scheinen zu meinen, die Vorstellung von der eigenen Person könne einem niemals verlorengehen, dachte Karl Wandel: Wenn sie einem gleich das letzte Hemd ausziehen und man nichts mehr zu essen hat, so falle man doch immer auf sein „ich“ zurück, und ebendieses Ich sei die eigene Person.

Man stellt sich das Ich des Menschen wohl gleichsam wie den innersten Kern unter einer zwiebelartigen Ansammlung von Hüllen, die es bedecken, vor. Ich bezweifle, dass das so ist, sagte Karl Wandel. Besonders die Vorstellung von der Ausdehnung der eigenen Person verliert man relativ leicht. Ja, ich musste sie überhaupt im Erwachsenenalter erst erlernen, sie aus Büchern mir erlesen, weil zuvor niemand sich die Mühe gemacht hatte, mich darauf hinzuweisen.

Ach was, „sich die Mühe gemacht haben“ – sie werden es selbst nicht gewusst haben, was eine Person ist oder dass es wichtig ist, eine Person zu sein. Die Vorstellung von der Person ist ein Nichtthema für die Menschen in meiner Umgebung gewesen.

Ich glaube, wenn man den Personbegriff verliert oder wenn man noch gar keine Vorstellung davon hat, dann reduziert sich die eigene Person auf einen Punkt. Wie ja auch das Wort „ich“ ein ganz kurzes ist und oft nicht mehr zu meinen scheint als „ich unter meinen unmittelbaren Mitmenschen“ oder „ich an einem Punkt in der Zeit“ oder „ich allein im Gegensatz zu gemeinsam mit Freunden“ oder „ich bei vollem Bewusstsein“ etc.

Was man verliert, wenn man keine explizite Vorstellung von der Person hat, das ist

die Ausdehnung der eigenen Person in der Zeit (z.B. ich in einer Zeitspanne von 20 Jahren);

die Ausdehnung der eigenen Person auf das soziale Umfeld hin;

die Ausdehnung auf materiellen Ressourcen hin;

die Ausdehnung der eigenen Person bis hin zum eigenen Vorund Unbewussten;

nicht die Ausdehnung, aber die „Inbesitznahme“ des eigenen Körpers durch einen selbst.

Der typische Mensch, der seine eigene Person verloren hat, lebt in der Gegenwart, in einer einzigen ewigen Gegenwart ohne Zukunft. Er hat keine Ziele und deshalb auch keine Zukunftsplanung. Das Leben ist für ihn ein unaufhörliches „Und ewig grüßt das Murmeltier“. Täglich aufstehen, arbeiten, essen, ausruhen, schlafen gehen. Das ist deshalb so, weil dieser Mensch sein Ich nur als Punkt in der Gegenwart sieht. Er fragt sich nur: „Was kann ich jetzt tun; unmittelbar jetzt – in diesem Augenblick?“ Er fragt sich nie: „Was muss ich jetzt tun oder lernen, damit ich in einigen Jahren zu Handlungen fähig bin, die ich jetzt noch nicht ausführen kann?“ Diese Verlängerung des eigenen Ichs in die Zukunft fehlt ihm, sagte Karl Wandel.

Der Mensch mit eingelaufener Person betreibt auch kein aktives Management seiner Freunde und Sozialkontakte. Er verhält sich passiv zu seinen persönlichen Kontakten und verbringt die Zeit mit denjenigen Menschen, die ihn gerade eben zufällig oder regelmäßig gewohnheitsmäßig umgeben. Allerdings muss ich gestehen, dass ich das auch so halte, sagte Karl Wandel und auch nicht wüsste, wie ich es angehen könnte, damit es anders werde.

Der Mensch mit verlustig gegangener oder nichtentwickelter Person ist unfähig, sich Gewohnheiten anzueignen. Er hält sich für ein ausschließlich bewusstes Wesen. Er versteht nicht, dass man mit sich selbst umgehen muss, weil es neben dem bewussten und rationalen Ich auch noch das emotionale und gewohnheitsmäßige Ich gibt.

Es ist auch unwahrscheinlich, dass der Mensch ohne Person sich einen Überblick verschafft über das, was er besitzt und seinen Besitz aktiv in die Richtung weiterentwickelt, die ihm vorschwebt. Bitte, es kann schon sein, dass er ihn mehrt, etwa wenn er geizig ist. Aber gerade beim Geiz besteht die Möglichkeit, dass jemand aus purer Gewohnheit geizig ist und sozusagen ohne Sinn und Plan geizt. Aber das noch Wahrscheinlichere ist eigentlich, dass ein Mensch ohne Vorstellung davon, was eine Person ist, sich nicht um seinen Besitz kümmert, weil er in jeder freien Minute nach Ablenkung von sich selbst sucht und die Last seiner eigenen Person vergessen will. Er sitzt dann etwa abends vor dem Computer und spielt oder postet auf Facebook, und diese Tätigkeit hat nicht mehr Sinn als den, seine Zeit angenehm zu verbringen.

Kurz, wer den Personbegriff verliert, vergisst, dass eine Person sich entwickeln kann, sagte Karl Wandel. Und dadurch verliert man als Person alle Entwicklungsmöglichkeiten.

Für den, der keinen Begriff von seiner Person hat, erscheint das eigene Ich so, wie es das Wort „ich“ suggeriert, als ein ausdehnungsloser, unveränderlicher Punkt in Zeit und Raum.

Konkurrenz

Als Mensch unter Menschen ist man in erster Linie mit dem Überleben beschäftigt, sagte Karl Wandel.

Man sollte meinen, dass das Zusammenleben mit anderen Menschen für den einzelnen Menschen das Überleben erleichtere und es schließlich zu etwas ganz Selbstverständlichem mache.

Man sollte also meinen, dass es für einen in Gemeinschaft mit anderen Menschen lebenden Menschen nur mehr ums Wohlleben und ums Glücklichsein gehe, aber so ist das nicht.

Der heranwachsende Mensch findet sich unter Umständen vor, die ihn sehr bald zum Strampeln zwingen, zu heftigen permanenten Bemühungen zur Sicherung der Mittel des eigenen Überlebens.

Der Grund dafür ist, dass die Menschen in Konkurrenz zueinander leben. Will einer seine Lebenssituation verbessern, so geht das nur, indem er einen anderen „überholt“ und dessen Lebenssituation dadurch zugleich verschlechtert.

Viele Menschen werden das nicht zugeben wollen. Tatsächlich wird auch, unter anderem in Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum, das ökonomische Spielfeld fortwährend erweitert. Das ändert aber nichts daran, dass die Menschen heute bereits in fast allen beruflichen Feldern Selektionsprozesse durchlaufen müssen, um überhaupt in ihren jeweiligen Berufen arbeiten zu dürfen. Man kann z.B. sicher nicht als Wissenschaftler arbeiten ohne besser zu sein als irgendjemand anderer.

Und selbst diejenigen, die in relativ voraussetzungslosen Berufen arbeiten, müssen bei der Stellenbewerbung andere aus dem Feld schlagen.

Aber diese Rechnung gilt nur in dem Fall, wenn man annehmen will, dass zumindest alle diejenigen, die eine Arbeit haben, halbwegs gesund überleben können, was ich aber auch nicht glaube, sagte Karl Wandel.

Im Grunde scheint es ja in Ordnung zu sein, dass man verlangt: Wenn die menschliche Gemeinschaft jemanden am Leben erhalten soll, dann muss dieser Mensch im Gegenzug dafür Arbeitsleistungen in einem bestimmten Ausmaß erbringen; aber die Tatsache, dass es nicht mehr möglich ist, einen relativ voraussetzungslosen (mit normaler Schulbildung bewältigbaren) Job finden, mit dem man ohne Not und Entbehrungen überleben kann, zeigt schon, dass es für den Menschen zum Überleben nicht mehr ausreicht, ein gewöhnliches Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Vielmehr muss man bereits aufgestiegen sein in einen „inneren Kreis“ der Gesellschaft, und durch diesen Aufstieg, den man sich zuerst erarbeitet hat, muss man bereits Menschen hinter sich gelassen haben.

Weil offenbar nicht genug Plätze für alle da sind.

Freilich, die Sozialdemokraten planen „Vollbeschäftigung“. Aber mir scheint das der Ausdruck einer ungenügenden Einsicht in gesellschaftliche Zusammenhänge zu sein. Oder, schlimmer: als eine bewusste Irreführung der Wähler. Also ich rechne nicht mit Vollbeschäftigung. Höchstens mit einer Annäherung an die Vollbeschäftigung in Zeiten starken Wirtschaftswachstums, sagte Karl Wandel.

Wenn man alles das bedenkt, so führt das zu einer verwunderlichen Erkenntnis: Der Mensch in der menschlichen Gesellschaft muss um sein Überleben kämpfen!

Die menschliche Gemeinschaft sichert ihm das Überleben nicht.

Und zwar muss er nicht gegen Tiere oder das Wetter kämpfen, sondern gegen andere Menschen, sagte Karl Wandel.

Dieser Kampf beginnt bereits in der Schule, im Bildungssystem.

Seitdem ich diesen Gedanken zum ersten Mal gehabt habe, erschreckt es mich, dass man kleine Kinder in die Schule schickt, ohne ihnen zu sagen, dass sie dort miteinander kämpfen.

Die meisten von ihnen glauben wohl tatsächlich, dass sie in die Schule gehen müssen, um zu lernen, und nicht damit diejenigen, für die ein Leben mit höherer Lebensqualität vorgesehen ist, von denen getrennt werden, für die ein Leben mit niedrigerer Lebensqualität vorgesehen ist.

Also ich würde mir wünschen, sagte Karl Wandel, dass mir das damals jemand gesagt hätte, als ich in die Schule ging. Ich habe den ganzen Ernst der Schule wohl irgendwie geahnt, aber in seinem ganzen Ausmaß doch nicht klar gesehen.

Wenn ich heute auf die Schule zurückblicke, dann bekomme ich Gänsehaut. Es ist als würde man jemanden zur Guillotine führen, ohne ihm vorher zu sagen, dass sein Kopf unter das Fallbeil gelegt werden soll.

Zweifellos hätte ich damals auch noch weit entschiedener agiert, wenn ich gewusst hätte, was mit dem Schulabschluss für mich auf dem Spiel steht, sagte Karl.

Vor allem aber: Wenn der Einzelne von der menschlichen Gemeinschaft so behandelt wird, dass er schon als Schulkind unausgesprochene Subtexte verstehen und komplexe, widersprüchliche gesellschaftliche Strukturen durchschauen muss, kann er sich dann noch als Teil einer Gemeinschaft fühlen? Und wenn er ferner merkt, dass in der menschlichen Gesellschaft nicht einmal für alle Plätze am Tisch vorgesehen sind, dann stellt sich dieselbe Frage.

Wenn von Asozialität und Egoismus die Rede ist, denkt man immer zuerst an das Individuum. Asozialität stellt man sich in der Form vor, dass das Individuum aus der Harmonie der Gesellschaft ausschert. Das Gegenteil von asozialem Verhalten, so scheint es diese Logik zu insinuieren, ist dann Sozialität, und diese wird der Gemeinschaft oder Gesellschaft zugeschrieben. (Zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft machen die Meisten keinen Unterschied.)

Dass aber das gesellschaftliche Zusammenleben an sich schon keine harmonische Angelegenheit ist, sondern sehr viel Asozialität miteinschließt, dieser Gedanke ist offenbar bis heute von den Menschen noch nicht verstanden worden, sagte Karl Wandel.

Man tut gerade so, als wäre alles eitel Wonne, wenn nur die wenigen Verbrecher nicht wären, die immer Probleme machen. Aber diese eitle Wonne im gesellschaftlichen Leben der Menschen scheint es nicht zu geben. Selbst im Frieden kämpfen wir miteinander. Gut, wir tun es nicht mit Revolvern und Säbeln, sondern mit Qualifikationsnachweisen und Bewerbungsschreiben. Nichtsdestotrotz ist das, was wie ein Frieden aussieht, ein Krieg aller gegen alle. Und Nachteile können einem Menschen daraus erwachsen, wenn er das nicht sieht, so Karl.

Alleinsein

Man liest in Ratgeberbüchern immer wieder, dass man, wenn man erfolgreich sein will, die Gesellschaft erfolgreicher Menschen suchen soll.

Ich weiß nur nicht, wie das gehen soll, seufzte Karl Wandel.

Für meinen Fall bestätigen kann ich nur die negative Hälfte dieses Ratschlags: Man soll sich nicht unbedingt mit Menschen umgeben, die einen runterziehen.

Aber wie man von erfolgreichen Menschen etwas lernen könnte, das weiß ich nicht.

Erstens ist es so, dass ich gar keine so wahnsinnig erfolgreichen Menschen kenne.

Zweitens aber erzählen mir die Leute nichts von sich, falls es sich tatsächlich einmal trifft, dass ich mit einem Menschen, der erfolgreicher ist als ich, an einem Tisch sitze.

Drittens kann es leicht der Fall sein, dass der erfolgreiche Mensch auch gar nichts zu erzählen hat, weil nämlich sein jetziger Erfolg die Folge eines früheren Erfolgs ist, z.B. seiner Bildungskarriere. Es kann also sein, dass ein äußerlich erfolgreicher Mensch sehr wenig vom Leben versteht, aber eine gute berufliche Position erreicht hat, weil sein Gehirn in früherer Zeit Talent zum Lernen beispielsweise juristischer Sachverhalte gezeigt hatte.

Wissenschaftliche Philosophie

Warum ist eigentlich wissenschaftliche Philosophie so langweilig und unbefriedigend? Darüber sollte man einmal nachdenken, sagte Karl Wandel.

Ich glaube, das kommt von der erkenntnistheoretischen Grundsituation, von der sie ausgeht. Diese ist unrealistisch und im Alltag des Einzelmenschen nicht umsetzbar.

Wissenschaftliche Philosophie geht davon aus, dass die Aufgabe der Philosophie die Auffindung von allgemeingültigen Erkenntnissen sei.

Diese Aufgabe verfolgt man vor dem Hintergrund der Zusammenarbeit vieler akademischer Philosophen, die einzelne Fragen außer Streit stellen und auf diese Weise dauerhaftes Wissen für die Menschheit schaffen.

Was mir in diesem Arrangement fehlt, ist die Unehrlichkeit der Menschen, die ja den ersten Grund dafür darstellt, warum ein Mensch sich seine eigene Meinung bildet: Weil er nicht weiß, wem er glauben soll.

Das Hintergrundgeräusch einzelmenschlicher Erkenntnis ist das Chaos der Meinungen der Anderen, vor dem man selbst wissen muss, was man für richtig hält.

Die Wissenschaft wischt dieses Meinungschaos weg und ersetzt es durch die (vorgeblich) ehrliche Kooperation von Menschen. Damit tut sie so, als müsste der Mensch, um überleben zu können, in erster Linie den Irrtum und die Unwahrheit überwinden. Doch das ist falsch: In erster Linie muss er sich gegenüber anderen Menschen durchsetzen.

Will der Mensch in Gesellschaft richtig handeln, so muss er mit der Dummheit der anderen Menschen rechnen. Es gibt nämlich gar keine andere Quelle für seinen Vorteil. Handelten alle Menschen rational, dann wäre das Handeln des Einzelnen wenig chancenreich.

Die Wissenschaft beginnt nun ihre Arbeit damit, dass sie diese Grundverfasstheit gar nicht zur Kenntnis nimmt. Sie stellt nicht die Frage: Wie kann ich vor dem Hintergrund des Konzepts falscher Meinungen meiner Mitmenschen Erkenntnisse gewinnen, die mir in meinem Leben weiterhelfen?

Das Ergebnis der wissenschaftlichen Bemühungen sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die auch tatsächlich keinem Menschen in seinem Leben weiterhelfen.

Die Wissenschaft geht von einer idealen Welt aus. Von Zeit zu Zeit fragt sich der Einzelne: „Ja, aber in welcher Welt lebe ich denn eigentlich?“ Dann sieht er, dass er seine Erkenntnisse nicht vor dem Hintergrund ehrlich kooperierender Wissenschaftler erlangen muss, sondern vor dem Hintergrund des allgemeinen Meinungswirrwarrs, das verursacht ist durch Dummheit, Unehrlichkeit und interessengefärbte Darstellungen.

Das Schöne am Philosophieren ist ja, dass man beim Philosophieren verschiedener Meinung sein kann, sagte Karl Wandel. Dadurch, dass man unter verschiedenen Auffassungen wählen kann, übt man seine Freiheit aus.

In der Wissenschaft, wo die Zielvorstellung von der einen, für alle gültigen, Wahrheit herrscht, gibt es ja keine Freiheit. Da müssen alle gleicher Meinung sein.

Anhänger der einen Wahrheit empfinden Bemühungen, die nicht eine wahre und allgemeingültige Erkenntnis als Resultat haben, als sinn- und zwecklos.

Wissenschaftlich orientierte Menschen haben wahrscheinlich einfach nicht das Bedürfnis, ihre Freiheit auszuüben. Es gibt ja verschiedene Arten von Menschen, sagt Karl Wandel, mit unterschiedlichen Bedürfnissen.

Die wissenschaftliche Illusion

Ratgeberbüchern, wie denen von Robert Kyosaki oder Bodo Schäfer, wird häufig vorgeworfen, dass sie Unwahrheiten verbreiten. Mir scheint das kein Einwand gegen diese Bücher zu sein, sagte Karl Wandel. Tatsächlich halte ich es für wahrscheinlich, dass auch Unwahrheiten und Fehler in diesen Büchern sein werden. Nur habe ich offenbar diese Bücher nie so gelesen, wie es diejenigen getan haben, die auf ihre Fehlerhaftigkeit pochen.

Diese Kritiker scheinen davon auszugehen, dass es zur Normalität in unserer Gesellschaft gehört, dass die in Büchern und anderen Publikationen verbreiteten Inhalte der Wahrheit entsprechen (müssen). Diese Normalitätsvorstellung nenne ich die „wissenschaftliche Illusion“. Die wissenschaftliche Illusion gründet im Vertrauen auf den guten Ruf bestimmter Autoren, Verlagshäuser und Arbeitsmethoden.

Ich hingegen habe diese Bücher philosophisch gelesen, sagte Karl. D.h. ich habe sie von Vornherein als „Fiction“ aufgefasst und mir nur das aus ihnen herausgenommen, was mir selbst, vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen, als einsichtig erschien.

Das Interessante ist nun: Wie kommt denn eigentlich ein Mensch dazu, der Welt wissenschaftlich begegnen zu wollen, d.h. von seinen Mitmenschen zutreffende Informationen zu erwarten und sie andernfalls als in ihrem Ruf beschädigt anzusehen?

Man muss im Grunde in einem großen Ausmaß auf seine eigene Urteilskraft verzichten, um so ein Mensch zu werden.

Ich habe es noch nie geschafft, eine Frau ins Bett zu kriegen, sagte Karl Wandel, und das obwohl ich mit einigen Frauen im Bett gelandet bin. Aber das waren nicht die Frauen, mit denen ich ins Bett wollte, und ich habe mich dann auch immer von ihnen misshandelt gefühlt.

Spezialistentum

Unsere gegenwärtige Welt ist geprägt vom Spezialistentum, sagte Karl Wandel. Was Spezialistentum bedeutet, wird mir vor Augen geführt, sobald ich meinen Computer einschalte. Von alleine starten dann vier oder fünf Programme, die sich mit dem Internet verbinden wollen, um etwas upzudaten. Ich weiß nicht einmal, welche Programme das sind, die sich updaten wollen, und aus meiner Perspektive tun sie nicht mehr, als das Hochfahren des Computers zu verlangsamen, sodass ich länger warten muss, bis ich mit ihm arbeiten kann.

Aber für die Firmen, die diese Programme geschrieben haben, sind sie natürlich das Wichtigste auf der Welt. Denn diese Firmen tun ja nichts anderes als Programme zu schreiben und mit ihnen ihr Geld zu verdienen. Es ist verständlich, dass sie in der Folge die Kunden durch „Updateitis“ so eng wie möglich an sich binden wollen.

Darin liegt die Antwort auf die Frage, was Spezialistentum ist: Spezialisten können eine Sache besonders gut machen. Zugegeben. Aber indem sie sie in den Vordergrund rücken, werden wir als Individuen und Kunden immer mehr von Nebensächlichkeiten regiert. Die eine Firma verdient mit Zahnpasta ihr Geld, die andere mit Schuhcreme. Am liebsten wäre es der einen Firma, wir würden den ganzen Tag mit Zähneputzen verbringen und der anderen mit Schuheputzen.

So sieht die Lage aus, solange der Konsument sich auf freiem Feld bewegt, sei das nun bei sich zu Hause oder auf der Straße. Was aber passiert, wenn er das Reich eines Spezialisten betritt?

Nun, wir kennen die Erfahrung z.B. von Arztbesuchen oder vom Vorsprechen in Behörden. Setzen wir uns im Wartezimmer des Arztes nieder, um zu warten, bis wir drankommen, dann bleibt die Zeit stehen. Unser eigenes Leben bleibt dann stehen, es bleibt draußen vor der Türe, und wir sind sozusagen auf Urlaub von ihm. Unser eigenes Leben wird völlig bedeutungslos. Das einzige, was in dieser Situation noch zählt, ist der Wert der Arbeit des Spezialisten, etwa des Arztes, und ihre Bedeutung für die Gesellschaft.

Wir kommen dann in die Versuchung, in die Spezialistenwelt hineinzukippen. Wir sind beispielsweise wegen eines Leidens zum Arzt gekommen; und hier, in dieser besonderen Umgebung, dreht sich alles nur um Gesundheit. Die verschiedenen Aspekte unseres Lebens, die uns bedrängen und krank machen, bleiben draußen. Es erscheint so, als bräuchten wir nur den Ratschlägen unseres Arztes zu folgen, um wieder gesund zu werden. Aber das ist ein Irrtum. Der Arzt gibt sie uns ja unter den spezialistischen Voraussetzungen, dass wir in unserem Leben sonst nichts zu tun hätten als seine Ratschläge zu befolgen. Tagein tagaus, von morgens bis abends, sollten wir nichts anderes tun, als seine Ratschläge zu befolgen.

Wir akzeptieren seine Ratschläge gerne, und wir tun es mit dem Wunsch, dass, wenn wir sie annehmen, alles Übrige aufhört, auf uns einzustürmen. Aber die spezialistische Welt ist eine Illusion. Sie lässt sich nur innerhalb der ärztlichen Ordination oder des Amtszimmers aufrechterhalten. Sobald wir wieder hinausgehen, bemerken wir, dass die spezialistischen Entwürfe von einem normalen und guten Leben nicht realistisch sind.

Auf diese Weise gibt es Vorstellungen davon, wie wir gesund leben sollten, wie genau wir uns um unsere Steuern kümmern sollten, wie wir unsere Kinder erziehen oder unseren Bürgerpflichten nachkommen sollten. Alle diese Vorstellungen erschaffen zusammen ein komplexes und diffuses Gefühl davon, was normal und angebracht ist. Doch wir vergessen viel zu leicht, dass sie aus der spezialistischen Vorstellung erwachsen, dass sie also auf der Grundlage der Annahme funktionieren, dass wir nur eine Sache auf der Welt zu tun hätten – also: entweder nur gesund zu bleiben oder nur unsere Kinder zu erziehen oder nur irgendeine andere Aufgabe auszuführen, und zwar ausschließlich diese und sonst nichts.

Kippen Menschen mit ihrer gesamten Persönlichkeit in das Spezialistentum hinein, dann werden sie zu Freaks oder Nerds. Unsere gegenwärtige Zeit ist die große Zeit der Freaks und Nerds. Am besten eignen sich dazu Autisten. Das sind Menschen, die besonders gern in einer Spezialwelt, z.B. in jener der Mathematik oder der Computerprogrammierung, leben, weil ihnen das Leben außerhalb zu kompliziert und unordentlich erscheint. Viele Menschen haben ja einen kleineren oder größeren autistischen Anteil in ihrer Persönlichkeit.

Aber das Wesentliche ist, dass die Spezialistenwelt die Nichtautisten ausschließt. Für einen Nichtautisten bedeutet jede spezialistische Tätigkeit einen Gang durch die Wüste. Wir sagen dann: Dieser „Stoff“ sei uns zu „trocken“. Das kommt daher, weil das Bedürfnis des Nichtautisten darin besteht, von allem ein bisschen etwas zu tun – doch am Ende bäckt er sein ganzes Leben lang nur Brötchen oder plombiert nur Zähne.

Für den Nichtautisten bedeutet die Spezialisierung eine schmerzliche Einengung der gesamten erfahrbaren Welt auf einen kleinen Ausschnitt von ihr. Für den autistischen Menschen hingegen bedeutet sie das Entkommen aus dem Chaos in eine wohlige und verständliche Welt, in der man sich zurechtfindet, sagte Karl Wandel.

Denkkorsett

Was Wissenschaft vor allem verunmöglicht, das ist das Vorbringen alternativer Entwürfe.

Wissenschaft verlangt immer, dass Probleme innerhalb des vorgegebenen Diskussionsrahmens (Normalwissenschaft) gelöst werden, sagte Karl Wandel.

Der vorgegebene Rahmen wird wirklich nur dann verlassen, wenn viele merken, dass mit ihm nicht mehr sinnvoll weitergearbeitet werden kann (revolutionäre Wissenschaft). Aber selbst dann ist der Prozess nicht mit Phänomenen wie Nachdenken und Sich-Entscheiden verbunden, sondern man wird als einzelner Wissenschaftler von den sozialen Veränderungen im wissenschaftlichen Feld mitgerissen.

Nicht wissen, worum es geht

Ein wesentlicher Aspekt von akademischen philosophischen Diskussionen besteht darin, dass eine Zielorientierung häufig in einem solchen Ausmaß fehlt, dass man eigentlich nicht mehr weiß, wovon gerade die Rede ist, sagte Karl Wandel.

Im wirtschaftlichen Bereich geht es um die Maximierung der Profite; für den Einzelmenschen im sozialen Leben geht es um die Verbesserung seines Einkommens und seiner Lebensqualität; in der Naturwissenschaft geht es immerhin noch um die Entdeckung von Naturgesetzen und deren Ausnutzung in Form von Technik.

Aber nach einem philosophischen Vortrag weiß man oft nicht: Wohin will er/sie jetzt? Wodurch sind diese Gedanken motiviert? Was könnte man dazu sagen, das keine völlige Themenverfehlung wäre?

Manchmal wird diese inhaltliche Leere durch eine politische Orientierung oder durch eine Orientierung an geschichtspolitischen Parametern ersetzt.

Diese inhaltliche Leere entsteht durch das Leben im akademischen Anstellungsverhältnis, welches eine Art „Luftblase“ ist, in der man die Bodenhaftung verliert. Man ist nun versorgt; welche Sorgen, welche Bedürfnisse sollten da noch das eigene Nachdenken orientieren?

Ich frage mich: Ist die Menschheit eine Gemeinschaft, der ich angehöre?

Die Frage ist merkwürdig: Schließlich bin ich auch ein Mensch, und die Menschen leben in gemeinschaftlichen Siedlungen, in Dörfern und Städten! Aber unter „angehören“ hätte ich mir doch etwas anderes vorgestellt. Der menschlichen Gemeinschaft kann man z.B. auch angehören, indem man obdachlos ist und in einer Winternacht erfriert.

Sexualität

Wenn Karl an seine Sexualität denkt, dann nimmt er sie als eine Anzahl von Bedürfnissen wahr, die lang schon alt und faulig geworden sind.

Meine Sexualität, sagt Karl, das sind Bedürfnisse, die vor mehr als 20 Jahren in mir erwacht sind, und mit denen ich schon damals nichts anzufangen wusste, weil ich keinen Weg fand, sie zu befriedigen.

Während ich also andere Bedürfnisse wie Hunger, Durst oder das Bedürfnis, Musik zu hören, täglich stillen kann, wuchs mein Sexualbedürfnis vor sich hin und wurde zu einem bedrohlichen Untier, das auch meine Tage und Zeiten der Nüchternheit in Alpträume verwandelte.

Gleichzeitig wurde es mir langweilig, täglich demselben unlösbaren Problem zu begegnen, und ich wurde ihm müde und überdrüssig.

Schließlich fing es an zu stinken und zu verwesen. Ich kann das Gefühl nicht anders beschreiben. Wenn ich heute an meine Sexualität denke, dann sehe ich in ihr lange schon keine Möglichkeit, mich mit einer Frau in Verbindung zu setzen, vielmehr ist sie nur noch eine schwärende Wunde in meinem Körper, die einen tumben Schmerz ausstrahlt, welcher alles fühllos macht.

Komplettiert wird diese Erfahrung durch das Auftreten von Melancholie, die mir süße Trugbilder vorspiegelt. Was wäre, frage ich mich dann, wenn ich ein Mann wie jeder andere wäre und Beziehungen zu Frauen gehabt hätte so wie jeder andere Mann? Hätte mir dann meine Sexualität nicht den einen oder anderen Moment vollkommenen Glücks beschert, der jetzt in der Bilanz meines Lebens als großes Versäumnis dasteht?

Auf diese Weise quält mich meine Sexualität nicht nur durch Schmerz, sondern auch mit Vorspiegelungen. Das dominierende Gefühl ist jedoch: Meine Sexualität ist alt geworden. Es ist das doch jeden Tag dieselbe Peitsche, mit der sie mich schlägt. Ich betrachte sie als etwas, das vor langer Zeit einmal Teil von mir war, aber lang schon nicht mehr ist.

Könnte man an der Nichtbefriedigung des Sexualbedürfnisses sterben, wäre ich schon tot.

Alle meine Bedürfnisse – nach Essen, Trinken, Kleidung, Wärme, Wohnen, Körperpflege und Musik – kann ich täglich befriedigen, nur meinen Sexualtrieb nicht.

Aufgrund der Nichtbefriedigung scheint er zu wachsen, er wuchert vor sich hin wie ein Gewächs.

Doch er scheint auch zu sterben, zu verfaulen, zu verwesen.

Ist das Sperma oder Eiter, was sich da aus meinem Schwanz ergießt – Seeleneiter?

Macht

Als ich mich im Zug des Erwachens meiner Sexualität den Frauen zuwandte, da bin ich zum ersten Mal in meinem Leben dem Phänomen der Macht begegnet, sagte Karl Wandel.

Man muss sich die Sache ja erst einmal vor Augen führen, um sie sich begreiflich zu machen: Damals begegnete ich Menschen, die körperlich nicht stärker waren als ich, sondern zumeist sogar schwächer, und ich vermochte dennoch nichts gegen sie.

Sie besaßen einen sozialen Status von solcher Mächtigkeit, dass ich auf Granit biss und aufgeben musste. Es war das auch keine Macht von der Sorte, wie ich sie bis dahin schon kannte, jene der Lehrer über die Schüler etwa. In dem Fall ist die Macht durch die Berufsbezeichnung der Person deklariert, und weil man üblicherweise eine Vorstellung davon hat, wie weit die Befugnisse eines Lehrers gehen, kann man auch ihre Reichweite einschätzen.

Nicht so bei der Macht der Frauen: Sie schien einfach daraus zu kommen, dass sie schön sind, und wir Männer nicht, und dass sie sexuelles Begehren erwecken, und wir Männer nicht.

Freilich, ich bin mir nicht ganz sicher, dass nicht manche Männer auch in den Frauen sexuelles Begehren erwecken, aber jedenfalls merkt man im Umgang zwischen Männern und Frauen davon nichts. Deshalb können wir auch davon absehen. Die Männer umwerben die Frauen, und die Frauen lassen sich umwerben – eben darin besteht die Macht der Frauen.

Ich bin mir ziemlich sicher, sagt sich Karl Wandel, dass meine Klassenkolleginnen im Gymnasium größere Lebenschancen gehabt haben als ich, einfach deshalb, weil sie Mädchen waren.

Die Folge dieser Bekanntschaft mit der Macht ist, dass mir Frauen als Personen, zu denen ich mich in Beziehung setzen kann, verlorengegangen sind.

Ich rechne heute damit, sagt Karl Wandel, dass eine Frau eine Beziehung zu einem Mann deshalb eingeht, weil sie Kinder haben oder sich ein gemütliches Nest bauen will. Das sind Projekte, die vom Mann eine übermäßige Anstrengung und die Widmung von zumindest zweier Jahrzehnte seiner Lebenszeit erfordern. Es sind das Aufwendungen, deren sich die Männer wahrscheinlich zumeist gar nicht bewusst sind, wenn sie eine Beziehung zu einer Frau eingehen. Und sie lassen sich oft nur deshalb darauf ein, weil sie sonst keine Freundin kriegen würden. Die Macht der Frauen ist so groß, dass sie gleichsam sagen können: „Wenn du mich willst, musst du nicht nur bereit sein, dich mir hinzugeben, sondern du musst auch bereit sein, unabsehbar große Mengen an Lebenszeit, Geld und Arbeitsanstrengung für die Erfüllung meiner Wünsche einzusetzen!“

Lassen wir den Leuten dieses Spiel. Ich sehe dem von Ferne zu, sagte Karl Wandel. Mir ist klargeworden, dass man sich zu einer Frau nicht unter normalen Bedingungen in Beziehung setzen kann. Völlige Selbstaufgabe ist gefordert, Unterordnung und Teilnahme an ihrem Lebensprojekt. Was natürlich immer noch nicht bedeutet, dass man als Mann eine Freundin finden wird, wenn man zu all dem bereit ist. Es bedeutet nur, dass man als Mann mit einer Frau nicht als gleichwertiger Gesprächspartner redet.

Man redet mit ihr als mit einem viel mächtigeren Gesprächspartner, von dem man erwartet, dass er jederzeit in Zorn geraten kann, wenn man äußert, dass man für ein bestimmtes gemeinsames Projekt nicht bereit ist, viel mehr zu bezahlen als er, oder wenn man einmal ein eigenes Bedürfnis zur Sprache bringt.

Ungleichheit wird erwartet und als fair angesehen. Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind sadomasochistischer Art.

Sklaverei

Sehen Sie, sagte Karl Wandel, für mich stellt sich die Angelegenheit ganz einfach dar:

Unser Körper verursacht uns Kosten, die zu seiner Erhaltung nötig sind. Wir müssen essen, trinken, wohnen und uns waschen und kleiden. Diese Kosten versklaven uns. Sie liefern uns aus an einen Job, den wir tun müssen, um uns das Geld für unseren Lebensunterhalt zu verdienen.

Jetzt wird so mancher sagen: „Was willst du? Das ist doch nur gerecht, dass ein jeder Mensch, der essen will, auch etwas dafür arbeitet!“

Worauf ich antworten würde: Ja, das ist allerdings gerecht, nur ist die Situation nicht so, wie du sie beschreibst: Damit ein jeder Mensch für seinen Lebensunterhalt arbeiten kann, müsste man ihm Arbeit geben. Aber das tut man nicht. Er muss sie sich selbst suchen, und es ist nie genug Arbeit für alle da. Gleichzeitig ist die Arbeit immer zu viel für diejenigen unter uns, die Arbeit haben. Wenn es gerecht sein soll, dass ein jeder Mensch für seinen Lebensunterhalt arbeitet, dann doch nur unter der Bedingung, dass er auch nur soviel arbeiten muss wie er bei seinen Bedürfnissen verbraucht. Auch dieser Umstand ist nicht gegeben. Dazu kommt noch: Es arbeiten ja auch nicht alle für ihr Essen. Es gibt in unserer Gesellschaft viele, die von den Zinsen und Dividenden ihres Vermögens leben. In den Zeitungen wird uns immer wieder eine junge Hotelerbin als Vorbild vor Augen geführt, die in ihrem Leben nichts anderes zu tun hat als Partys zu feiern. Daher meine Botschaft an alle, die davon überzeugt sind, dass es gerecht sei, dass, wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll: Stellt doch erst mal die dafür nötigen sozialen Bedingungen her, dann mache ich gerne mit!

Nein, wenn man meint, der Mensch müsse für seinen Lebensunterhalt arbeiten, dann ist das bloß ein Fall von Selbsttäuschung. Man täuscht sich dadurch über die gesellschaftliche Realität, in der wir leben. Aber diese Selbsttäuschung wird befördert von der Politik und der öffentlichen Meinung.

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