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Überleben in der Todeszone

Über den Autor

Dr. med. Kenneth Kamler leitet als Medizinischer Direktor und Spezialist für Hände-Mikrochirurgie das Hand Treatment Center in New Hyde Park, New York. Als Expeditionsarzt hat er zahlreiche Extremexpeditionen begleitet. 2005–2006 war er Vizepräsident für »Research and Education« des berühmten »Explorers Club« in New York, dessen Ehrenvorsitzender Sir Edmund Hillary ist. Zudem war Kamler Berater der NASA für Weltraummedizin. In US-amerikanischen Talkshows und Presseberichten wurden er und seine Arbeit häufig vorgestellt. 2002 wurde er vom Magazin »New York« zum »best doctor« ausgezeichnet.

KENNETH KAMLER

ÜBERLEBEN
IN DEN
TODESZONEN

MEINE
GRENZERFAHRUNGEN ALS
EXPEDITIONSARZT

Übersetzung
aus dem Amerikanischen
von Andrea Kamphuis

Für meine Eltern, Ethel und Willie

(»Burro und Potoff«).

Sie haben nie

einen extremen Lebensraum betreten,

aber durch ihr Vorbild

habe ich erfahren, was Willenskraft

und positives Denken bewirken können

und was Hingabe und Mut bedeuten.

INHALT

  1. IN EXTREMIS
  2. URWALD – DIE HÄRTESTE KAMPFZONE DER WELT
  3. HOCHSEE – DIE BEWEGTE EINÖDE
  4. WÜSTE – DER MARATHON DES SANDES
  5. UNTER WASSER – DER SOG DER TIEFE
  6. HOCHGEBIRGE – IM REICH DER GÖTTER
  7. WELTRAUM – JENSEITS ALLER GRENZEN
  8. DER WILLE ZU ÜBERLEBEN

IN EXTREMIS

Wenn der Gesang aufhört, wird mein Patient sterben. Da war ich mir sicher. So sicher, wie man in einem eisigen Zelt auf dem höchsten Berg der Erde und bei der Hälfte der normalen Atemluft nur sein konnte. Pasang hätte schon vor Stunden sterben müssen. Er lag in einem Schlafsack auf einer improvisierten Bahre – einem Haufen Steine, die wir so gleichmäßig wie möglich zu einer Plattform aufgestapelt hatten. Die Hohlräume zwischen den Steinen waren zum Teil voll gefrorenem Urin, denn Pasang war inkontinent geworden, bevor ich einen Katheter in seine Blase einführen konnte. Die Propangaslampe, die das Zelt beleuchtete, warf einen ungesunden gelben Schimmer auf sein aufgedunsenes Gesicht mit den großen blauen Flecken. Seine Augen waren zugeschwollen. Ich hatte schon gesündere Patienten in guten Intensivstationen schneller sterben sehen.

Um die steinerne Plattform hatten sich Sherpas versammelt, Bergmenschen wie Pasang, die für ihn beteten. Obwohl sie mit weit offenen Augen in seine Richtung blickten, nahmen sie ihn anscheinend nicht wahr. Ihre Lippen bewegten sich zu einem monotonen Sprechgesang, der tief aus ihrem Inneren aufstieg – so als gäben sie sich diesen Klängen nur hin, anstatt sie hervorzubringen. Draußen war noch mehr Gesang zu hören, ein körperloser Chor aus den anderen Zelten des Camps, in denen weitere Sherpas Krankenwache hielten. In der tiefen Stille der Nacht war die Wirkung des Gesangs gewaltig, urtümlich und betäubend: ein körperlich empfundenes, tiefes Schwingen, das aus dem Berg selbst aufzusteigen schien.

Pasang war beim Überqueren einer Aluminiumleiter, die waagerecht über einer Gletscherspalte lag, ausgerutscht, 24 Meter tief gestürzt und – mit dem Kopf voran – in dem sich verjüngenden Hohlraum stecken geblieben. Ein Team aus spanischen und nepalesischen Bergsteigern hatte ihm so rasch wie möglich ein Seil um die Hüfte gebunden und ihn wieder an die Oberfläche gehievt. Dennoch hatte er eine knappe halbe Stunde kopfüber zwischen den Eiswänden gesteckt. Die Bergsteiger funkten mich im Basislager an, um mir von dem Unfall zu berichten und meinen Rat einzuholen, aber im Gegensprechverkehr sind Diagnosen und Behandlungsanweisungen schwierig. Der vorläufige Bericht erreichte mich in Form abgehackter Sätze, die aufgeregte Bergsteiger mit starkem Akzent in schwache Funkgeräte riefen. Ich hatte nicht viele Anhaltspunkte und wusste nicht genau, worauf ich mich vorbereiten musste.

Mit dem Funkgerät in der Hand trat ich aus meinem Zelt in die Minusgrade hinaus. Auf halber Höhe des enormen, 600 Meter hohen erstarrten Wasserfalls aus Eis und Schnee, der das majestätische und Ehrfurcht gebietende Eingangstor zum Mount Everest bildet, entdeckte ich eine Ansammlung beweglicher schwarzer Punkte vor dem eisig weißen Hintergrund. Trotz der atmosphärischen Störungen verstand ich, dass Pasang aus der Nase blutete, aber bei Bewusstsein war und sogar laufen konnte. Sie wollten ihn zu mir ins Basislager bringen. Die fernen Punkte setzten sich in Marsch und zeichneten langsam die Konturen jeder der riesigen Eisformationen auf dem Hang nach, die sie während ihres Abstiegs überwinden mussten. Dann hielten sie an. Das Funkgerät knisterte wieder. Pasang war ins Stolpern geraten und dann zusammengebrochen. Jetzt war er bewusstlos. Sie versuchten, ihn auf eine Aluminiumleiter zu schnallen. Ihn auf dieser improvisierten Bahre zu mir zu schaffen würde lange dauern und mühsam werden: Schwierige Abseilaktionen und gewaltige Kraftakte waren da nötig. Es würden etliche Stunden vergehen, bis sie bei mir wären. Viel Zeit, über die Behandlung nachzudenken. Was ich von Pasang wusste, war allerdings dürftig und meine Diagnose deshalb unsicher.

Ein solcher Sturz, bei dem man mit dem Kopf aufschlägt und dann bewusstlos wird, endet meistens mit dem Tod – selbst wenn er sich zufällig in einer der gut ausgestatteten Unfallstationen ereignet hätte, in denen ich in New York City gearbeitet hatte. Ich aber war im Basislager auf dem Mount Everest, 5352 Meter über dem Meeresspiegel, und zwischen mir und dem nächsten Krankenhaus lag einer der abgeschiedensten und unwirtlichsten Landstriche, die man auf Erden finden kann. Eine Evakuierung auf dem Luftweg hing einmal vom Wetter ab, das normalerweise miserabel war. Dann vom Zustand des Hubschraubers, der oft mangels Ersatzteilen nicht abheben konnte. Und drittens vom Piloten, der häufig unterwegs war. Wenn Pasang es bis ins Basislager schaffte, würde ich alles Menschenmögliche tun, um ihn am Leben zu halten, bis er ausgeflogen werden konnte. Ob ich seine Überlebenschancen verbessern konnte, war jedoch völlig unsicher. Schwere Kopfverletzungen fürchtete ich von allen Unfällen am meisten, weil ich bei ihnen am wenigsten tun konnte.

Das Gehirn ist höchst empfindlich. Nicht umsonst ist dieses lebenswichtigste Organ von einem soliden Panzer umhüllt. Der Schädel schützt das Gehirn ganz hervorragend gegen alle möglichen Erschütterungen und hält mit etwas Glück sogar dem Schlag einer Bärentatze stand. Aber einem 24-Meter-Kopfsturz in eine Gletscherspalte ist selbst der dickste Schädel nicht gewachsen. Pasang hatte höchstwahrscheinlich einen Schädelbruch erlitten. Das Nasenbluten rührte vermutlich von diesem Knochenbruch her. In solchen Fällen ist aber nicht der Bruch selbst das Schlimmste. Solange die Bruchstücke nicht nach innen getrieben werden, fängt der brechende Knochen den Stoß auf, und das Gehirn bleibt heil. Bei vielen tödlichen Schädelverletzungen findet man nicht einmal Knochenbrüche. Pasang hatte wohl einen Bruch erlitten, aber seine Symptome deuteten auf eine Verletzung hin, die noch kniffliger und gefährlicher war.

Schädel haben Nachteile. Selbst wenn der Knochen durch einen Schlag auf den Kopf nicht bricht, können die Blutgefäße zerreißen, die sich um das Gehirn winden. Das ausströmende Blut kann durch den undurchlässigen Schädel nicht nach außen entweichen und sammelt sich im Inneren. Da die feste äußere Hirnhaut, die an der Innenseite des Schädels anliegt, nicht nachgibt, presst das Blut das viel weichere Hirngewebe zusammen und bildet einen Bluterguss unter der äußeren Hirnhaut. Üblicherweise zeigt sich in diesem Fall eine vorübergehende Erholung unmittelbar nach dem Aufprall – ganz wie bei Pasang, der zunächst noch selbst hatte laufen können. Unterdessen strömt weiter Blut in die beengte Schädelhöhle, bis der Druck erst Koordinationsschwierigkeiten und dann Bewusstlosigkeit auslöst, genau wie bei Pasang. Wenn das Gehirn weiter zusammengequetscht wird, kommen schließlich die lebenserhaltenden Hirnfunktionen zum Erliegen, auch wenn nur relativ wenig Blut aus den Adern austritt – und der Patient stirbt. Wie Pasang?

Pasang kam lebend bei mir an, wenn man das so nennen will, und jetzt sah ich ihm beim Sterben zu. Der gnadenlose Druck im Gehirn wirkte sich bereits auf die elementarsten Regelkreise aus, die die Atmung und den Herzschlag steuern. Wenn sich die Atemfrequenz und der Puls verlangsamen, gelangt weniger Sauerstoff ins Gehirn. Das unterversorgte Gewebe schwillt an und nimmt noch mehr Raum ein, was wiederum den Druck erhöht. Pasangs Körper stand kurz vor einem Systemzusammenbruch, der bei einer solchen Entgleisung der körpereigenen Regelkreisläufe unausweichlich ist.

Pasang glitt ins Jenseits hinüber, aber der hypnotische Gesang, der uns beide einhüllte, versetzte mich in eine seltsam ruhige und friedliche Stimmung. Ich fühlte mich, wie sich ein Ertrinkender fühlen muss, wenn sein Körper im kalten Wasser schließlich leicht und warm zu werden scheint. Mechanisch, ja fast verträumt, führte ich Pasang durch eine Atemmaske Sauerstoff zu und durch eine intravenöse Infusion Flüssigkeit. Ich war mir nicht einmal bewusst, dass ich den Infusionsbeutel gewechselt hatte, bis ich den neuen über ihm hängen sah.

Meine Bemühungen schienen nicht viel zu fruchten. Mit den Fingerspitzen ertastete ich an seinem Handgelenk einen flachen, unregelmäßigen Puls, der nicht mit dem Rhythmus des Gesangs harmonierte. Ich war mir sicher, dass der monotone Klang an die Ohren meines Patienten drang, und fragte mich, welche Auswirkungen er wohl auf sein Gehirn haben mochte. Hatten die Sherpas im Laufe der Jahrhunderte womöglich durch natürliche Auslese, Ausprobieren und glückliche Zufälle eine Methode entdeckt, die Tonhöhe ihres Gesangs an die natürliche Frequenz anzupassen, die durch die Schwingung ihrer Hirnwellen erzeugt wird? Dann wären sie in der Lage, einen Resonanzeffekt zu erzielen, bei dem sich die Eigenschwingung eines Objekts durch eine Frequenz von außen verstärkt, bis der Effekt viel größer ist als der Auslöserreiz. Die beiden aufeinander abgestimmten Schwingungen (Gesang und Gehirnwellen) würden sich zu einer größeren Schwingung aufschaukeln – wie zwei kleine Wellen, die sich treffen und zu einer großen werden. Der Effekt könnte sogar stark genug sein, um einen Systemzusammenbruch zu verhindern.

Ich habe gelernt, solche Möglichkeiten nicht vorschnell auszuschließen. Während meines Medizinstudiums hat mir niemand die richtige Mischung aus Sauerstoff, physiologischer Kochsalzlösung und tibetischen Gesängen beigebracht, mit der man auf einem fünf Kilometer hohen Gletscher bei Temperaturen unter null einen Bluterguss unter der äußeren Hirnhaut behandeln sollte. Auch bei meiner Arbeit in New York, wo ich mich auf die Mikrochirurgie der Hand spezialisiert habe, werde ich nicht so häufig mit diesem Problem konfrontiert. Ich habe diese Lehre aus eigenen Erfahrungen und denen meiner Kollegen gezogen, die – ebenso wie ich – unter allen möglichen und unmöglichen Umständen Patienten behandeln mussten: im Urwald, in der Wüste, unter Wasser, auf Berggipfeln und im Weltraum – überall dort, wo der menschliche Körper extremen und unbarmherzigen Umweltbedingungen ausgeliefert ist.

Die ersten Eroberer, die in hölzernen Booten das Meer überquerten oder zu Fuß in Wüsten und Urwälder vordrangen, haben vor Jahrtausenden dieselbe uralte, rätselhafte Vorrichtung mit sich geführt wie heute die Tiefseetaucher und Hochgebirgskletterer. Als »Apollo 11« auf dem Mond landete, war diese mitgeführte Apparatur mit Abstand die komplizierteste und zugleich die zuverlässigste an Bord. Im ganzen Universum hat man noch kein System entdeckt, das komplexer wäre als der menschliche Körper.

Dieses System wird in zwei Standardausführungen geliefert und ist milliardenfach in aller Welt zu finden. Zwar gibt es von einigen Teilen regionale Varianten, damit die Maschine in jedem Klima und Gelände die volle Leistung erbringen kann, aber die grundlegende Bauart ist seit einer halben Ewigkeit unverändert. Dennoch kann sich niemand damit brüsten, zu verstehen, wie sie funktioniert, am wenigsten wohl Ärzte wie ich, die sie nicht nur reibungslos laufen, sondern auch in die Brüche gehen sehen.

Menschen sind zäh und zugleich zerbrechlich. Sie haben die Erde bevölkert, indem sie sich an unterschiedliche Lebensräume angepasst haben, aber sie gedeihen nur an Land, bei Temperaturen zwischen dem Gefrierpunkt und etwa 38 °C und – von Ausnahmen abgesehen – bis zu anderthalb Kilometer über Normalnull. Diese physiologischen, also von unserem Organismus gezogenen Grenzen pferchen uns auf weniger als einem Fünftel der Erdoberfläche zusammen. Jenseits dessen ist die Umwelt zu extrem für einen Organismus, der täglich Nahrung und Wasser braucht, nur wenige Minuten ohne Sauerstoff auskommt und ständig auf Wärme angewiesen ist. Die wenigen Millionen Menschen, die am Rande unserer Lebensräume ausharren, leben dort nicht unbeschwert, sondern verlangen ihrer Physiologie ständig das Äußerste ab. Wie Pasang leben sie im Grenzbereich der bewohnbaren Welt, in Gegenden wie dem Himalaya, dem Amazonas-Becken, der Arktis oder der Sahara, wo das Leben möglich, aber beschwerlich ist. Die Grenzen dieses Reichs verlaufen dort, wo die Abwehrsysteme des menschlichen Körpers mit den Attacken der Umwelt nicht mehr fertig werden.

Kein Tier, das bei Sinnen ist, bringt sich in Gefahr, indem es freiwillig irgendwohin geht, wo es nicht hingehört. Menschen hingegen werden durch ihren Geist gesteuert, dessen emotionales und spirituelles Streben stärker sein kann als der Überlebensinstinkt. Menschen hatten schon immer einen unersättlichen Erkundungsdrang. Auf der Grundlage des angesammelten Erfahrungswissens zahlloser Generationen haben wir die nötige Technologie entwickelt, um jene Grenzen zu überwinden, innerhalb derer wir über Hunderttausende von Jahren gefangen waren. Diese Kombination aus Wanderlust und Technik hat in uns den tollkühnen Glauben geweckt, wir könnten es mit den extremsten Umweltbedingungen der Erde aufnehmen und dort nicht nur überleben, sondern uns sogar an sie anpassen. Der menschliche Körper ist jedoch viel empfindlicher, als wir gerne annehmen. Wenn unsere Schutzmechanismen zusammenbrechen, sterben wir schnell.

Ich habe als Arzt viele wissenschaftliche Expeditionen in die entlegensten Gegenden der Welt begleitet. Meine Patienten sind Menschen, die sich in äußerst lebensfeindliche Milieus vorwagen. Ich praktiziere in Umgebungen und Situationen, in denen das Leben nicht gedeiht, und behandle oft Fälle, die ich nie zuvor gesehen habe und mir manchmal nicht einmal hätte vorstellen können. Schon unter normalen Umständen ist die Funktionsweise des menschlichen Körpers ein Rätsel – doch wenn er einer unwirtlichen Umwelt ausgeliefert ist, kann sie vollends unbegreiflich werden. Es ist nicht leicht, etwas zu reparieren, von dem man nicht weiß, wie es funktioniert, und doch hatte ich bei diesen Expeditionen die Aufgabe, den Attacken der feindseligen Umwelt auf die menschliche Physiologie effektiv entgegenzuwirken. Immer wenn an diesen extremen Orten etwas schief geht – wenn ein Bergsteiger ein Lungenödem entwickelt, ein Taucher die Dekompressionskrankheit bekommt, wenn sich ein Forscher mitten im Dschungel eine Verletzung zuzieht oder jemand kopfüber in eine Gletscherspalte stürzt –, richten sich alle Blicke auf mich. In solchen Fällen kann man nicht nach Schema F vorgehen, und mir stehen nur die Hilfsmittel zur Verfügung, die ich selbst mitbringe. Oft gibt es keinen sicheren Arbeitsplatz, ja nicht einmal einen Ort, an dem ich ungestört nachdenken kann, und man muss unverzüglich handeln. So habe ich mir aus der Arbeit selbst ein paar Regeln abgeleitet, zum Beispiel, dass ich auf mich allein gestellt bin – mit Hilfe von außen kann ich meist nicht rechnen. Manchmal scheint jedoch von innen Hilfe zu kommen: aus dem tief verankerten Überlebenswillen des Patienten.

Warum praktiziere ich an Orten, an die ich nicht gehöre – an die oft genug niemand gehört? Weil ich meinen kindlichen Entdeckerdrang nie verloren habe. Mit acht habe ich in unserem Haus ein Buch mit dem Titel »Annapurna« entdeckt: ein seltsames Wort, wie mir schien. Ich hatte keine Vorstellung, worum es darin gehen mochte, und so kletterte ich am Buchregal meines Vaters hinauf und zog den Band heraus. Er entpuppte sich als der klassische Bericht von der Erstbesteigung des ersten bezwungenen Achttausenders der Erde. Das Buch eröffnete mir eine Welt, von der ich bis dahin nichts geahnt hatte und die von unserer Wohnung in der Bronx unvorstellbar weit entfernt lag. Der Wunsch, verborgene Welten zu erkunden, ließ mich von da an nie wieder los.

Wenn man in New York aufwächst, ist es nicht leicht, auf Berge zu steigen, aber ich entdeckte, dass ich mit einem Mikroskop unermessliche, mysteriöse Welten durchwandern konnte, ohne überhaupt mein Zimmer zu verlassen. So fing ich an, den unbekanntesten Flecken dieser Erde zu erforschen: den menschlichen Körper. Ich wurde Arzt, dann Facharzt für orthopädische Chirurgie und schließlich Spezialist für Mikrochirurgie, war also auf dem besten Weg, ein ganz normales Mitglied der Medizinergemeinde zu werden. Aber an den Abenteurerträumen, die »Annapurna« in mir ausgelöst hatte, habe ich immer festgehalten. Ich lernte wandern, Kanu fahren, segeln und tauchen, um selbst an exotische Orte gelangen zu können. Und eines Tages rief ich dann eine Kletterschule in New Hampshire an und meldete mich zum Unterricht an. Als man mir einen umherziehenden ehemaligen Green Beret aus North Dakota als Lehrer zuwies, also einen Ex-Angehörigen der US-amerikanischen Spezialeinheit für Guerillabekämpfung, nahm ich zunächst an, dass wir nichts gemein hätten. Er entpuppte sich als intelligente, empfindsame Seele – und er teilte meine Begeisterung für Abenteuer, auch wenn er schon viel mehr davon erlebt hatte als ich. Wir verstanden uns auf Anhieb.

Sechs Monate später fragte er mich, ob ich mich seiner Gruppe anschließen wollte, um in Peru Berge zu besteigen. Er sagte, er fühle sich in meiner Gesellschaft wohl und halte es für gut, einen Arzt dabeizuhaben. Diese Gelegenheit, meine medizinische Ausbildung mit meiner Abenteuerlust zu kombinieren, sprach mich sofort an. Ich war neugierig auf die Belastungen, die der menschliche Körper im Allgemeinen – und meiner im Besonderen – aushalten kann.

Einem allein stehenden Mann ohne feste Stelle wie meinem Green-Beret-Freund mag es leicht fallen, daheim seine Zelte abzubrechen und einen Monat nach Peru zu gehen – ich hingegen war ein Chirurg, der einer Frau und einem Krankenhaus verpflichtet war. Meine Frau wusste um meine lebenslange Faszination für das Klettern und unterstützte mich, obwohl es ihr zugegebenermaßen lieber gewesen wäre, wenn ich dieses Fernweh nicht in mir gespürt hätte. Einen Monat Urlaub zu nehmen hieß, meinen ganzen Dienstplan umzukrempeln, damit alle meine Patienten versorgt wären. Als Oberarzt konnte ich das zwar arrangieren, aber ich wusste nicht, wie meine Kollegen auf mein Verschwinden reagieren würden. Diese Klettertour lag mir jedoch so sehr am Herzen, dass ich sogar in Kauf nahm, nach meiner Rückkehr entlassen zu werden. Die Chirurgie war, wie ich mir einschärfte, mein Beruf und nicht mein Leben. Ich wollte nicht zum Gefangenen meiner Profession werden.

Je größer der Berg, desto besser will seine Besteigung geplant sein. Die Berge, die unser Team in Peru angehen wollte, sind etwa 6000 Meter hoch. Die Vorbereitungen wurden nach Neigung und Fähigkeiten unter den Teamkollegen aufgeteilt; mir fiel die Verantwortung für den ganzen »Arztkram« zu. Die anderen verstanden darunter vor allem die Zusammenstellung einer Liste mit allen Medikamenten etc., die wir benötigen würden. Was ihnen weniger klar, mir aber umso klarer war: Ich würde mich auch mit der Anwendung dieser Mittel vertraut machen müssen, die zum Teil gegen Erkrankungen eingesetzt werden, die ich noch nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn behandelt hatte. Von der Angst getrieben, ich könnte mir nicht zu helfen wissen, während ein Kamerad im Sterben lag, beschloss ich, mich auf alle Eventualitäten gefasst zu machen. Ich listete jedes erdenkliche Gesundheitsproblem auf, das einen im Hochgebirge ereilen kann, vom Scheitel bis zur Sohle: von Schädelbruch bis Fußpilz. Ich las etwas über jedes Problem und notierte jedes Medikament oder Gerät, das ich zur Behandlung brauchen könnte. Was ich nicht selbst mitbrächte, stünde mir nicht zur Verfügung und wäre wohl auch nicht zu beschaffen. Ich notierte mir die Behandlungsmethoden sogar auf kleinen quadratischen Spickzetteln, die ich immer in meiner Tasche behalten wollte, falls ich im Ernstfall eine Gedächtnisblockade hätte. Kurzum, ich ging gründlich vorbereitet und halbwegs zuversichtlich nach Peru und hoffte dennoch auf ein unfallfreies Abenteuer. Ich wollte ungern auf die Probe gestellt werden.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf saß ich in meiner Klettermontur auf der offenen Ladefläche eines Trucks und sah die peruanische Landschaft an mir vorüberziehen. Wir fuhren über einen hohen Gebirgspass zum Taqurahu, dem 5800 Meter hohen Gipfel, auf den wir steigen wollten. Uns kam ein weiterer Truck entgegen, noch klappriger als unserer, die Ladefläche voller indianischer Dorfbewohner, die zum Markt wollten. Entsetzt sahen wir zu, wie der Wagen auf der Böschung in Schräglage geriet und sich dann überschlug. Menschen und Tiere wurden herausgeschleudert, und der Truck purzelte den Abhang hinab.

Meine Feuerprobe war ein ausgewachsenes Verkehrsunglück. Es war wie ein Albtraum. Ich zwang mich, äußerlich ruhig zu bleiben, denn wenn der Arzt nervös wirkt, drehen alle durch. Die zwei Minuten, die unser Wagen bis zur Unfallstelle benötigte, reichten aus, um mich auch innerlich zu sammeln, indem ich mich ganz auf die mutmaßlichen Verletzungen konzentrierte. Im Geist ging ich die Behandlungsschritte durch. Ich erinnerte mich an die Notizen in meiner Brusttasche.

Über den ganzen Abhang bis hinunter zu der Schlucht, wo der Truck auf der Seite lag, waren Menschen, Vieh und Gepäckstücke verstreut. Oben blieb ich kurz stehen, um den ersten, Furcht erregenden Eindruck abzuschütteln und einen analytischen Überblick zu gewinnen: Wer schrie vor Schmerz, wer stöhnte nur, wer blutete? Keiner schien im Sterben zu liegen. Ich zerlegte die chaotische Szene in eine Reihe von Problemen, die ich abarbeiten konnte. Allmählich wurde mir klar, dass ich zwar weit oben in den Anden war, dass sich die Verletzungen der Menschen aber nicht sonderlich von denen unterschieden, die einem in einer beliebigen Unfallstation unterkommen. Ich injizierte einem kleinen Mädchen ein Betäubungsmittel und richtete dann seinen gebrochenen Unterarm. Mein Green-Beret-Kletterlehrer war ein einfallsreicher Assistent; er schiente den Arm mit einer Holzlatte, die er von dem verunglückten Lastwagen abbrach. Ich gab einem Bauern, der drauf und dran war, ohnmächtig zu werden, eine Infusion. Außerdem diagnostizierte ich eine Gehirnerschütterung, eine Unterleibsquetschung und etliche weitere, leichtere Verletzungen. Sobald mir bewusst wurde, dass es keinen Patienten gab, den ich nicht behandeln konnte, kehrte mein Selbstvertrauen – das ich ein Weilchen nur vorgetäuscht hatte – zurück. Obwohl meine Patienten nur Quechua (Ketschua) beherrschten, gab es dank der kosmopolitischen Arzt-Patienten-Sprache keine Kommunikationsprobleme. Die kleinen Behandlungsnotizen blieben ungelesen in meiner Brusttasche stecken, aber die Gewissheit, dass es sie gab, mag mir unterbewusst geholfen haben. Als ich die letzte Schnittwunde gesäubert und genäht hatte, kam einer meiner Patienten mit einer Ziege zurück, die immer noch benommen war und aus dem Hals blutete. Beschwingt vom glimpflichen Ausgang des Ganzen, flickte ich auch noch die Ziege zusammen.

Unserer Karte zufolge gab es eine Tagesreise von hier eine »clinica«, also entluden wir unseren Truck und ließen die Dorfleute aufsteigen. Einer meiner Teamkollegen begleitete mich; die anderen schlugen einfach vor Ort ein Lager auf und warteten auf unsere Rückkehr. Wir wollten unsere Patienten nur schnell dort einliefern und schnurstracks zum Berg zurückkehren. Die »clinica« entpuppte sich jedoch als Schlackenstein-Verschlag ohne jede medizinische Ausstattung, und der Arzt schien mit allem überfordert, was über die Verteilung von Antibabypillen hinausging. Obwohl die Patienten stabil waren, flehte er mich an, zu bleiben, bis der Krankentransporter aus Lima eintraf. Da ich noch genau wusste, welche Ängste ein Arzt durchsteht, der sich medizinisch überfordert fühlt, hatte ich Mitleid mit meinem Kollegen und blieb über Nacht.

Die peruanischen Zeitungen und das Radio berichteten über die Rettung, und ich erlangte eine gewisse lokale Berühmtheit. Wir schafften es schließlich doch noch, den Taqurahu zu besteigen, aber auf dem Gipfel zu stehen berauschte mich nicht annähernd so sehr wie die erfolgreiche Behandlung der Unfallopfer. Ich war froh, mich bei beiden Herausforderungen bewährt zu haben, aber wenn ich ehrlich war, hatte mich die erste viel stärker befriedigt. Zwar interessierten mich die Extremgebiete der Erde nach wie vor, aber unter Extrembedingungen medizinische Erfolge zu erzielen hatte sich als der höhere Gipfel erwiesen.

Als ich nach New York zurückkehrte, stellte ich erleichtert fest, dass meine Vorgesetzten im Krankenhaus offenbar bewunderten, was ich getan hatte – auch wenn sie es offiziell nicht zugeben konnten. Meine lange Abwesenheit wurde nur nominell gerügt. Auch wenn die Konsequenzen ernster gewesen wären, hätte das nichts an meiner Überzeugung geändert, das Richtige getan zu haben. Ich war entschlossen, die Tür zu dieser anderen Welt sogar noch weiter aufzustoßen.

Meine Heldentat in Peru war auch dem Explorers Club in New York zu Ohren gekommen, und so wurde ich bald nach meiner Rückkehr eingeladen, mich dieser altehrwürdigen Gruppe erfahrener Forschungsreisender anzuschließen. Man forderte mich auf, zum ersten Treffen eine gute Idee mitzubringen. Da ich ahnte, dass die Mitglieder über einen einzigartigen und reichhaltigen expeditionsmedizinischen Erfahrungsschatz verfügen mussten, schlug ich vor, dass jemand diese Informationen sammeln, systematisieren und zusammenfassen solle, um das Wissen über Medizin in Extremgebieten zugänglich zu machen. Die Idee wurde für gut befunden – und wie das bei solchen Sitzungen so häufig passiert, übertrug man mir auch gleich einstimmig die Aufgabe, sie in die Tat umzusetzen.

Zunächst erschien es mir anmaßend, mich – einen Spezialisten für Mikrochirurgie – nach und nach zum Experten für Extremmedizin aufbauen zu wollen. Ich kam mir wie ein blutiger Anfänger vor. Als ich mich jedoch in die Fachzeitschriften vertiefte, merkte ich, wie wenig Artikel es zu diesem Thema überhaupt gab – und längst nicht alle waren es wert, kopiert und ausgeschlachtet zu werden. Die ohnehin spärlichen Empfehlungen waren oft vage, unpraktikabel oder widersprüchlich. Mir ging auf, dass kein Arzt eine derart heterogene und von Zufällen bestimmte Ansammlung abgelegener Leiden wirklich in den Griff bekommen könnte. Dennoch galt ich in unserem Club schon bald als der »Wahrer und Mehrer« eines medizinischen Wissensschatzes.

Meine Kollegen vom Explorers Club waren sehr darauf erpicht, mir von ihren Erfahrungen zu berichten, und so hatte ich rasch eine Sammlung praktischer Ratschläge zur Behandlung von Gesundheitsproblemen an Orten und in Umgebungen zusammengestellt, an die ich früher keinen Gedanken verschwendet hatte. Vielleicht war ich wirklich in einer besonderen Lage, die mich zum Experten für Extremmedizin prädestinierte. Immer öfter suchten mich nun Forscher auf, die demnächst irgendeinen Teil der Welt bereisen wollten und sich Empfehlungen erhofften – oft luden sie mich gleich ein, mich ihren Expeditionen anzuschließen. Einem Menschen wie mir, der vor einem Jahr noch nicht einmal einen »echten« Forschungsreisenden gekannt hatte, kam jede dieser Einladungen zu verlockend vor, um sie auszuschlagen. Aber ich hatte der Klinik mittlerweile den Rücken gekehrt und mich privat niedergelassen. Ich wusste von keinem Arzt, der regelmäßig zwischen den Sphären der Entdeckungsreisen und der Medizin hin und her pendelte, und dafür gab es gute Gründe. Eine Praxis zu etablieren ist mit Risiken und Investitionen verbunden. Ich hatte vor, immer wieder für längere Zeit zu verreisen. Damit konnte ich den Ärzten, die ihre Patienten an mich überwiesen, keine Kontinuität mehr bieten, und natürlich würde mein Einkommen sinken. Die Auswirkungen auf meine Praxis waren unabsehbar, aber von Forschungsreisenden erwartet man ja gerade, dass sie Risiken eingehen und sich dem Unbekannten stellen. Die Erfahrungen würden mich mehr bereichern, als alle materiellen Güter es könnten.

So wurde ich ein medizinischer Forschungsreisender, der sich in die extremsten Lebensräume der Erde begab, um sich immer wieder auf die Probe stellen zu lassen. Ich paddelte in einem Einbaum durch den Amazonas. Mitten in der arktischen Tundra zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die Wanderroute dieses Eisbären erfassen konnte, der gerade mit seiner tödlichen Tatze gegen das stahlverstärkte Fenster meines Buggys hämmerte. Beim Tauchen vor den Galapagos-Inseln musste ich meine Notizen zur Erfassung der Fischarten unterbrechen, weil eine Schule von Hammerhaien über meinem Kopf mir das Licht raubte. Auf dem antarktischen Plateau fand ich in einem Schneegestöber, das so dicht war, dass ich nicht einmal meine Füße sah, nur dank der Rufe des Fahrers zum Schneemobil zurück.

Wo auch immer, wie auch immer: Stets war ich als Arzt dabei, von dem erwartet wurde, dass er jedwede Verletzung kurierte und jede »Schmach« wieder gutmachte, die die feindselige Natur meinen Mitreisenden zufügte: von der Frostbeule bis zum Schlangenbiss. Wenn ich nicht wusste, was zu tun war, musste ich improvisieren oder mich an der örtlichen Volksmedizin orientieren. Ich nahm meine Expeditionsarbeit sehr ernst, und nach einigen Jahren wusste ich kaum noch, welche meiner beiden Welten eigentlich die »andere« war. Dr. Kamlers Abenteuergeschichten machten in Medizinerkreisen stets rasch die Runde, wobei sie oft mit fantastischen Details ausgeschmückt und dramatisch zugespitzt wurden. In der »normalen« medizinischen Welt, aus der ich gekommen war, empfand ich mich zunehmend als Außenseiter. Manchmal kam mir meine New Yorker Praxis fremdartiger vor als alle anderen Lebensräume. Außerdem geschah etwas Merkwürdiges: Ärzte, die durch hohe Hypotheken und laufende Kosten an ihre Praxen gefesselt waren, suchten mich auf, um in meinen Berichten zumindest eine Ersatzbefriedigung zu finden. Sie verstanden, warum ich das alles tat. Sie teilten meine Neugier auf das, was dem menschlichen Körper an den Grenzen der Medizin passiert, und sehnten sich ebenfalls nach Abenteuern an Orten, die möglichst weit von ihren Wartezimmern entfernt lagen.

Viele der unwirtlichsten und am wenigsten erforschten Gegenden der Erde – wenn wir uns auf das Festland beschränken – sind bergig. Die meisten der Expeditionen, die mich am stärksten fasziniert haben, führten uns in zerklüftete Gebirge, sodass man Kletterfertigkeit durchaus als Basisqualifikation für einen Arzt bezeichnen muss, der Extremmedizin betreiben will. Ich habe Gipfel in den Alpen, den Anden und der Antarktis bezwungen und bin dabei in die verschworene Gemeinschaft der Hochalpinisten hineingewachsen. Ganz gleich, an welches Ende der Welt es mich verschlug: Immer wieder traf ich dieselben Leute.

Vor etlichen Jahren kam mir zu Ohren, dass eine von der Zeitschrift »National Geographic« unterstützte Expedition vorbereitet wurde, die mit einem Laserteleskop die Tektonik des Mount Everest erfassen und seine genaue Höhe bestimmen sollte. Das Bergsteigen würde schwierig werden, aber das Forschungsvorhaben war wichtig, und die Herausforderung, diese Expedition medizinisch zu versorgen, erschien mir ebenso riesig wie der Berg selbst. Dem Expeditionsleiter kam mein Anruf, wie er mir später verriet, wie eine göttliche Intervention vor: Er hatte ein klares wissenschaftliches Ziel, genug Geldmittel und eine Reihe exzellenter Bergsteiger – aber noch keinen Expeditionsarzt. Ich würde der Einzige im Team sein, mit dem er selbst noch nicht geklettert war, und meine Bergerfahrung war nach seinen Kriterien ziemlich bescheiden, aber er wollte mich dennoch dabeihaben. Er war schon auf dem Everest gewesen und klärte mich auf, wie schnell auf derart hohen Bergen selbst in einem routinierten Team etwas schief gehen kann. Er sollte Recht behalten. Nur einen Tag nachdem wir das Basislager erreicht hatten – meine Ausstattung war zum größten Teil noch nicht einmal ausgepackt –, stürzte Pasang in die Gletscherspalte. Und wieder behandelte ich inmitten einer feindseligen, gnadenlosen Umgebung – und wieder entdeckte ich, dass der menschliche Körper Ungeheures leisten kann, wenn es ums Überleben geht.

Diese Erfahrung bildet den Kern des vorliegenden Buches. Wir begeben uns auf eine Reise in die entlegensten und gefährlichsten Regionen der Erde – und weiter, hinein in die Körper und die Köpfe der Menschen, die dort leben: Menschen, für die diese Umwelt ganz alltäglich und zugleich sehr bedrohlich ist. Manche dieser Geschichten habe ich selbst erlebt, andere gehen auf die Erfahrungen anderer zurück: Bergsteiger, Taucher, Segler, Forscher, Astronauten, aber auch ganz normale Menschen, die es in außergewöhnliche Situationen verschlagen hat. In diese Berichte habe ich Beobachtungen und Reflexionen über die Evolutionsbiologie, Physiologie und Psychologie eingeflochten, denn erst sie liefern die Mittel zum Überleben: langfristig durch die Anpassung an den chronischen Stress, den die Umwelt ausübt, und kurzfristig durch die unmittelbare Reaktion auf den Angriff einer Naturgewalt. Wir werden die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit überschreiten und dabei erfahren, wie der Körper unter normalen Belastungen funktioniert, wie er auf Hochtouren läuft, wenn er in eine lebensfeindliche Umwelt gerät, und was passiert, wenn er schließlich zusammenbricht, weil er den extremen Naturkräften nicht mehr standhalten kann, für die er einfach nicht ausgelegt ist.

Die bewährte Methode des Umgangs mit extremen Umwelten ist, diese zu meiden. Von einigen unglücklichen Wanderern abgesehen, ist die menschliche Art in den letzten hunderttausend Jahren damit ganz gut gefahren. Die Menschen, die an den Rändern eines Niemandslandes leben, haben sich durch die natürliche Auslese an ihre besonderen Lebensräume angepasst und es vermieden, noch tiefer in diese Region einzudringen, die ihnen weder Unterschlupf noch Nahrung bieten konnte. Und es gab auch kaum Möglichkeiten, weiter vorzudringen. Die Tiefsee, trockene Wüsten, offene Meere, dichte Urwälder, hohe Berge und der Weltraum waren allesamt weitgehend unzugänglich, sodass es gar keine Gelegenheit gab, sich an noch extremere Umstände anzupassen. Die Menschen jedoch, die über viele Generationen einer unbarmherzigen Umwelt ausgesetzt waren, haben sich erstaunlich gut angepasst. Wenn die eigenen Vorfahren diesen Prozess jedoch nicht durchlaufen haben, sind solche entlegenen Gegenden tödlich.

Da niemand bereit oder imstande war, in sie vorzudringen, sind lebensfeindliche Gegenden lange weiße Flecken auf der Landkarte geblieben. Der technische Fortschritt hat sie jedoch plötzlich zugänglich gemacht. Darüber hinaus haben die Besonderheiten der modernen Zivilisation diese Orte für Entdecker, Wissenschaftler und Abenteurer immer reizvoller werden lassen. Die Spielregeln haben sich im Handumdrehen geändert, aber das Ziel des Spiels – Überleben – ist noch dasselbe. Zum Beispiel »versteht« der Körper Tigerbisse, aber Stickstoffblasen »versteht« er nicht. Die Regeln zum Umgang mit Tigern sind bekannt, weil wir uns Jahrtausende mit ihnen herumgeschlagen haben. Durch Versuch und Irrtum hat die natürliche Auslese die Menschen mit einer komplexen und zielgenauen, über zahllose Generationen verfeinerten Abfolge von physiologischen Reaktionen ausgestattet, die verhindern sollen, dass man von einem Tiger verspeist wird. Zunächst erkennt der Geist, dass ein Tier, das sich schnell nähert, gefährlich ist; dann schickt er ein Signal an den Körper, das eine Flucht auslöst. Falls die Flucht misslingt, geht der Körper in Abwehrhaltung. Und wenn er verletzt wird, steht eine Reihe von Immunzellen und körpereigenen chemischen Stoffen parat, die den Schaden begrenzen und die Heilung fördern können. Die Bemühungen mögen oft genug scheitern, aber immerhin ist der Körper auf diese Gefahr gefasst und hat Werkzeuge entwickelt, um sie zu bekämpfen.

Aber was unternimmt dieses ausgeklügelte Verteidigungssystem, wenn sich im Blut Stickstoffblasen bilden? Tiefseetauchen ist eine recht junge Erscheinung, und wer in die Tiefsee vordringt, tut das alles andere als allmählich. Die Caissonkrankheit, die Entstehung von Stickstoffblasen in den Adern des Tauchers, stellt den Körper vor ein Rätsel. Da er diese Gefahr nicht kennt und keine Zeit hatte, sich an sie anzupassen, reagiert er ebenso chaotisch und fehlgesteuert, wie die Erdbevölkerung auf eine Invasion von Marsmenschen reagieren würde. Ebenso unangemessen reagiert der Körper auf andere unbekannte Gegner: den niedrigen Luftdruck auf einem Berg im Himalaya oder den hohen Wasserdruck in der Tiefsee, das ständige Licht im Polarsommer oder das Dauerdunkel und die extreme Kälte des Polarwinters, die erbarmungslose Hitze in der afrikanischen Wüste, die Schwerelosigkeit im Weltraum. Und doch haben die Menschen, die in solchen Extremen (oder nahebei) leben – Amazonas-Indianer, Sherpas, Eskimos, Beduinen und Südseeperlentaucher –, wie wir sehen werden, jeweils spezifische Anpassungen an den Umweltstress entwickelt, dem sie tagtäglich ausgesetzt sind. Die Evolution hat diese Menschen so geformt, dass sie in einer ganzen Reihe von Grenzgebieten überleben können, aber sogar ihre besonderen Schutzvorrichtungen versagen rasch, wenn sie sich über diese Grenzen hinauswagen.

Pasang konnte eigentlich nicht überleben, aber er hat es geschafft. Im Laufe der Nacht stabilisierte sich sein schwacher Puls, sein Gesicht schwoll ab, und er schlug die Augen auf. Als die Sonne aufging, endete der Gesang, und der Zauberbann war gebrochen. Obwohl ich mich fühlte, als hätte ich die Szene aus der Ferne beobachtet, war ich sicher, die Wirkung einer Heilkraft miterlebt zu haben, die jenseits der Medizin angesiedelt war. Der Gesang hatte in Pasang eine Energie freigesetzt, einen starken Lebenswillen, und dieser hatte verhindert, dass er stirbt. Eine spirituelle Kraft hatte einen spürbaren Effekt hervorgerufen, etwas, das ein gläubiger Mensch als Wunder bezeichnen würde. Meine medizinische Ausbildung hätte mich dazu anhalten sollen, mir seine Genesung durch Nervenimpulse und chemische Reaktionen plausibel zu machen. Aber wenn er hoch oben auf einem Berg im Himalaya mit einem so eindeutigen Beweis konfrontiert wird, ist selbst ein Skeptiker vom Unerklärbaren überzeugt. Für Pasangs Überleben gab es keine bekannte medizinische Erklärung. Da ging mir auf, dass mir in der Extremmedizin wohl noch öfter Phänomene unterkommen und helfen dürften, die ich womöglich nie verstehen würde.

Ein Rettungshubschrauber war unterwegs, und wir mussten den Patienten auf den Transport vorbereiten. Ich beschäftigte mich mit den Einzelheiten einer Evakuierung, die ich letzte Nacht noch für sinnlos gehalten hatte. Pasang, der zwar nur wenig von seiner Umgebung mitbekam, aber immerhin bei Bewusstsein war, beschwerte sich, als wir seine Arme an die Tragbahre banden – ein gutes Zeichen, auch wenn es, wie man mir verriet, ein tibetischer Fluch war, den er uns entgegenschleuderte.

Jedes Mal, wenn ich an den Everest zurückkehrte, rief ich mir dieses machtvolle Ereignis ins Gedächtnis. Das Forschungsprojekt, an dem ich mich beteiligte, wurde ausgedehnt und umfasste neben den Laserexperimenten auch das Ausbringen von GPS-Sendern, deren Signale von Satelliten empfangen werden sollten. Insgesamt waren wir fünfmal am Everest. Mit jeder neuen Expedition wurde ich vertrauter mit dem Berg, aber nie verlor ich den Respekt vor ihm. Obwohl wir wissenschaftliche Apparate auf dem Gipfel installierten, hatte keiner von uns je das Gefühl, dass wir den Everest »erobert« hatten – oder dass dies überhaupt möglich wäre. Ständig wurden wir daran erinnert, wie gefährlich dieser Berg ist und wie zerbrechlich jene sind, die es wagen ihn zu besteigen.

Als ich 1995 gerade einen steilen Überhang hinaufkletterte, rutschte direkt über mir ein Sherpa auf dem glatten Eis ab. Entsetzt musste ich mit ansehen, wie er an mir vorbeifiel und gut 900 Meter tief in den Tod stürzte. Im nächsten Jahr war ich erneut auf dem Weg zum Gipfel, als ein heimtückischer zweitägiger Sturm acht meiner Kletterfreunde das Leben kostete. Ich war der einzige Arzt auf dem Berg und tat, was ich konnte, um den Überlebenden zu helfen, aber mein Team war außerstande, jene zu retten, die verloren gegangen waren und im Schnee erfrieren mussten. Sie waren für uns ebenso unerreichbar, als hätte der Weltraum sie verschluckt. Diese Analogie regte die NASA dazu an, einen Teil ihrer Weltraumtechnologie zur Rettung von Menschen einzusetzen, die sich in der Wildnis verirrt haben.

Im Jahr nach diesem Sturm erhielt ich einen Anruf aus einem kommerziellen Raumfahrtzentrum der NASA, das ein Programm zur Erprobung medizinischer Messgeräte unter extremsten irdischen Bedingungen finanzierte. Wenn ihre Apparate erst einmal auf dem Everest funktionierten, würden sie auch in jeder anderen Umgebung – nicht nur auf der Erde – bestehen. Sie waren auf der Suche nach einem erfahrenen Arzt, der ihr »Leitender Höhenmediziner« werden sollte, und waren dabei auf meinen Namen gestoßen. Das war schon wieder so ein Angebot, das ich einfach nicht ausschlagen konnte. Der Mount Everest ist die ultimative Herausforderung für einen Bergsteiger, und die ausgeklügeltste medizinische Ausrüstung der Welt in das entlegenste Einsatzgebiet der Welt zu schaffen war die ultimative Herausforderung für einen Extremmediziner. Ich nahm das Angebot an – um meiner selbst willen und eingedenk all der Freunde, die ich in den Bergen verloren hatte.

Ich kehrte zum Everest zurück – nicht trotz, sondern wegen der Tragödie von 1996 und der anderen Katastrophen, die ich dort erlebt hatte. Ich arbeitete mit Naturwissenschaftlern und Ingenieuren vom Massachusetts Institute of Technology, von der Yale University und vom Verteidigungsministerium zusammen, um Computersimulationen und Behandlungsprotokolle zu entwickeln, die wir auf dem Mount Everest erproben würden. Wir modifizierten die kabellosen Körpersensoren, die die NASA für Astronauten in einer Raumstation oder auf dem Mars konstruiert hatte, sodass sie von Bergsteigern oder anderen Forschungsreisenden in Extremgebieten getragen werden konnten. Die Sensoren übermittelten uns im Basislager ständig den Puls, die Atmungsrate, die Körpertemperatur und weitere Vitalfunktionen sowie den exakten Aufenthaltsort der Versuchspersonen. So waren wir rund um die Uhr auf dem Laufenden, ob und wo jemand gerettet werden musste.

Sobald ein kranker oder verletzter Bergsteiger in unser Behandlungszelt eingeliefert wurde, ergänzten wir diese Daten um Herzgeräusche, Atemgeräusche, EKG, Sonogramme, mikroskopische Präparate und Videoaufnahmen des Patienten. Dann wurde die digitalisierte Information per Satelliten-Liveschaltung an Fernsehapparate in Yale und im Walter-Reed-Hospital übertragen, sodass die dortigen medizinischen Sachverständigen uns in Echtzeit Behandlungsempfehlungen funken konnten.

Es kamen sogar ausländische Kletterer in unser Basislager, um ihre chronischen Erkrankungen behandeln zu lassen: Unsere Hochgebirgsausrüstung war weit besser als alles, was sie zu Hause erwarten konnten. Hätte uns während jenes schicksalhaften Sturms so ein Telemedizinsystem zur Verfügung gestanden, dann hätten wir vielleicht ein paar von den Menschen retten können, deren Leichen heute immer noch irgendwo auf dem Berg liegen.

Mir ist bewusst, wie weit ich gekommen bin, seit ich damals kleine Spickzettel zur Behandlung in die Brusttasche meiner Jacke gesteckt habe. Ich bin in einigen der abgelegensten Gebieten der Erde gewesen und habe das seltene Privileg genossen, die einzige Form der Medizin zu praktizieren, in der man moderne Medikamente mit Heilpflanzen, Satellitensignale mit uralten Gesängen und Naturwissenschaft mit Spiritualität kombiniert.

URWALD –
DIE HÄRTESTE KAMPFZONE
DER WELT

Der schwarze, sternenübersäte See spiegelte den Nachthimmel so vollkommen wider, dass nur mein Paddel die Konstellationen kurzfristig in Unordnung brachte. Sterne über mir, Sterne unter mir: Fast hätte ich mir einbilden können, durch das Weltall zu rudern – wären da nicht diese glasigen Augen gewesen, die wie zwei Periskope die Wasseroberfläche durchstießen und im Strahl meiner Taschenlampe wie Rubine aufleuchteten. Die Augen blinzelten nicht und blieben regungslos, aber mein störendes Licht rief knapp unter der Oberfläche ein hohles Grunzen hervor. Viele weitere rote Edelsteine waren paarweise zwischen die Sterne gestreut. Immer, wenn wir an einem Paar vorüberpaddelten, stieg aus der Tiefe dieser Warnlaut auf. In der schwülen Stille hallte das Grunzen über den See, von der Dunkelheit verstärkt. Ich konnte meinen Vordermann am Bug des Kanus kaum ausmachen, und wir sagten kein Wort. Jeder blieb für sich allein. Stunden verstrichen, vielleicht auch nur Minuten.

Mir fiel auf, dass über und hinter mir allmählich ein Licht aufschien. Über dem ausgefransten Horizont ging eine orangefarbene Scheibe auf. Ich wusste zwar, dass es der Mond war, aber es kam mir vor, als erlebte ich einen Sonnenaufgang auf einem fremden Planeten. Die Sterne verblassten, der Himmel und das Wasser verwandelten sich in Silber. Am Seeufer tauchte ein unregelmäßiger schwarzer Saum auf: die Silhouette der Baumwipfel, die im ruhigen Wasser reflektiert wurden. In dieser eigentümlich beleuchteten Welt voll unvertrauter Geräusche und seltsamer Kreaturen war ich ein Fremder.

Ich war in den Amazonas eingedrungen, einen Ort, der mehr Pflanzen und Tiere beheimatet als jede andere Region der Erde und daher der Schauplatz der erbarmungslosesten und furchterregendsten Überlebenskämpfe der Welt ist. Ich war hierher gekommen, um einen der Gewinner dieses Konkurrenzkampfes kennen zu lernen, ein prähistorisches Relikt, das so gut an diese Umwelt angepasst ist, dass es seit einer halben Million Jahre im Wesentlichen unverändert in diesen Wäldern lebt. Ich hingegen war erst eine Woche hier. Flugzeuge und Boote hatten mich aus New York hierher verfrachtet, aus einer Welt, die viel unnatürlicher ist als der Dschungel und dennoch mein natürlicher Lebensraum ist. Meine lebenslange Anpassung an die wichtigsten Elemente jener Welt, an Straßen, elektrischen Strom, Werbung und Luftverschmutzung, zählte hier nichts. Andere meiner erworbenen Fähigkeiten hingegen, vor allem auf dem Gebiet der Medizin und Chirurgie, behalten überall ihren Wert, sogar und gerade hier, im oberen Amazonas-Becken in Ecuador, auf einem See, der drei Tage Kanufahrt von der nächsten Stadt entfernt liegt und nur in der Regenzeit erreichbar ist, wenn das Wasser in dem flachen Kanal, der hierher führt, hoch genug steht.

Dieser unberührte See ist ein ideales Forschungsgebiet für ein Team von Biologen, die den Geheimnissen und Überlebensstrategien von Pflanzen und Tieren auf den Grund gehen wollen, die nirgends sonst auf diesem Planeten gedeihen. Zugleich bietet er genau diesen Pflanzen und Tieren ideale Bedingungen, um von den Biologen zu leben, die ihretwegen hergekommen sind. Hier gibt es keine Gnade für Wesen, deren Körper und Instinkte nicht durch die natürliche Auslese und die Erfahrung eines ganzen Lebens im Urwald gedrillt worden sind. Die Biologen waren sich bewusst, dass sie, abgelenkt durch ihre Arbeit, leichte Beute sein würden. Ich durfte an dieser Expedition teilnehmen, weil sie einen Arzt brauchten, der zumindest versuchen würde, die Schäden – von Juckreiz bis Herzstillstand – zu beheben, die durch die Gifte, Stachel, Dornen, Krallen und Zähne verursacht werden konnten, von denen sie umgeben waren. Ich hatte mich sehr um meine Aufnahme in dieses Team bemüht, denn es reizte mich, in einer exotischen Umgebung ebenso exotische Krankheiten zu behandeln. Außerdem wollte ich die Gelegenheit ergreifen, in dieses wirre Netz des Lebens einzutauchen, das so eng geknüpft war, dass ich seine Komplexität in einem Monat nur ansatzweise würde erahnen können.

In diesen Dschungel ist eine gut angepasste Lebensform eingeflochten, von der zwei Exemplare in dieser sternenklaren Nacht mit mir im Kanu saßen und sich nun wie Scherenschnitte vor dem Hintergrund des mondbeschienenen Wassers abzeichneten. Ganz vorne kauerte Berullio, der Erbauer und stolze Besitzer unseres Einbaums, des größten in der ganzen Gegend. Hinter ihm saß sein Schwiegervater Antonio im Bug und lenkte das Boot. Im Heck paddelten zwei auswärtige Angehörige derselben Art: der Expeditionsleiter, ein Collegeprofessor aus Connecticut, und ich selbst, der Expeditionsarzt. Antonio und Berullio sind Cofan-Indios, Nachfahren eines der vielen kleinen Völker, die sich im Laufe von Jahrtausenden harter natürlicher Auslese an den Amazonas angepasst haben und über einen ebenso alten Schatz an Erfahrungen und Wissen über diesen Lebensraum verfügen.

Wieder wurde die Stille des Sees von einem Grunzlaut durchbrochen. Diesmal hatte jedoch Antonio ihn ausgestoßen. Sofort antwortete ihm ein tieferes, lauteres Grunzen in der Nähe des Ufers. Berullio gab uns Zeichen: Wir sollten darauf zupaddeln. Antonio und unser Ziel setzten ihren Dialog fort, während wir uns über den dunklen See leise heranpirschten. Wir bogen in eine Bucht ein. Plötzlich entdeckten wir überall rote Augenpaare: Manche funkelten uns vom Ufer her an, wo sie zwischen den Baumstämmen und aus dem Grasdickicht hervorlugten, andere glühten auf länglichen, schwarzen Schatten, die sich rings um das Boot im silbrigen Wasser bewegten. Jetzt hörten wir mehr Antwortlaute. Berullio und Antonio konzentrierten sich weiter auf ein einziges Augenpaar, das weiter auseinander stand als alle anderen. Es war, als hätte jemand zwei rote Lampen auf einen dicken schwarzen Stamm montiert. Der Abstand der Augen wächst proportional mit der Länge des Tiers, und sogar mir war klar, dass dieses Exemplar riesig sein musste.

Das Boot glitt direkt auf das Ufer zu, der Collegeprofessor und ich paddelten vorsichtig im Heck, und Antonio nahm mit seinem Paddel am Bug feine Kurskorrekturen vor. Er schaltete sein Licht aus. Wir taten es ihm nach. Nur Berullios Lampe, die an einem Band um seinen Kopf befestigt war, blieb an. Jede weitere Lichtquelle hätte ihn bei dem, was er vorhatte, nur abgelenkt.

Die Uferbäume türmten sich immer höher über uns auf und streckten ihre Arme weit über das Wasser, bis wir in ihren Schatten eintauchten. Berullios Stirnlampe strahlte die verschlungenen Äste und die darauf wuchernden Hängepflanzen an. Der Strahl wurde vom Wasser reflektiert, und im tanzenden Lichtkegel tauchten unterhalb des dichten Blätterdachs Teppiche aus Wasserhyazinthen und Elefantengras auf. Berullio kauerte sich noch tiefer in die Spitze des Bugs und beugte sich dann vorsichtig links über den Rand. In seiner Linken hielt er ein Lasso, das durch einen hohlen Bambusstab gefädelt war, den er mit der Rechten umklammerte. Wir bewegten das Kanu jetzt ganz langsam – kaum merklich. Die Augen lagen direkt vor uns. Antonio tauchte sein Paddel ins Wasser. Das Kanu drehte sich, die Augen wanderten nach links und waren schon fast auf der Höhe des Bugs. Ich konnte einen schwarzen Kopf ausmachen, der wie eine Insel im silbrigen Wasser lag. Mit einer unmerklichen Handbewegung versenkte Berullio völlig lautlos den unteren Teil der Schlinge. Er platzierte sie direkt vor einem weiteren Objekt, das aus dem Wasser ragte und zwei große Löcher hatte: Mir ging plötzlich auf, dass es sich um die Nasenlöcher handelte, die unter der Oberfläche mit dem Rest des Kopfes verbunden waren, der noch etwa sechzig Zentimeter entfernt lag.

Berullio hielt das Seil ganz still und wartete, bis der Schwung des Bootes die Schlinge langsam unter den Kiefer des Tieres schob. Dann zog er das Lasso abrupt nach oben, griff mit der Linken nach dem Bambusstab und zerrte mit der rechten Hand ruckartig an den losen Enden des Seils, um die Schlinge zuzuziehen. Aber das Seil verfing sich in einer Wasserhyazinthe und schlug gegen den Kopf, anstatt darüber zu gleiten. Das Tier, bis dahin völlig regungslos und sich der Gefahr nicht bewusst, riss auf einmal den Kopf zurück, hob seinen Körper vorne aus dem Wasser und versetzte dem Kanu einen heftigen Tritt, sodass es zur Seite schlingerte. Ich klammerte mich am Boot fest und merkte, wie mir Wasser über die Knöchel lief. Berullios Hand verfing sich im Seil. Das Ungeheuer riss den Kiefer auf, als es – wie Berullio – freizukommen versuchte. Der Lichtfleck von Berullios Stirnlampe tanzte hektisch über das Tier und offenbarte uns kurz die Reihen scharfer, weißer Zähne, die das lange, rosige Maul säumten. Mein Herz pochte. Ich wusste nicht, was zu tun war, und es ging alles viel zu schnell. Nach einer Sekunde gab es einen lauten Klatscher: Das Tier tauchte unter und zog Berullios Arm mit. Ein paar Luftblasen stiegen an die Oberfläche, und dann zog Berullio ruhig seine Hand aus dem Wasser, in der er das leere Lasso hielt. Ich war unendlich erleichtert: kein zerfetzter Arm, nicht einmal ein Kratzer.

Das Krokodil war entkommen. Antonio schloss aus dem Augenabstand (etwa zehn Zentimeter), dass das Tier ungefähr fünf Meter lang war. Das erschien mir nicht zu hoch gegriffen. Ich hatte ja selbst gesehen, dass allein der Kopf zwischen Nase und Augen sechzig Zentimeter maß. Die verschiedenen Krokodilarten haben unterschiedliche Augenfarben; während unserer dreitägigen Kanufahrt auf dem Fluss hatte ich bislang nur grüne und orange Augen gesehen. Dieser See war voller roter Punkte: die Farbe der Mohrenkaiman-Augen. Sie sind im Grunde farblos; das Rot entsteht, wenn das Licht unserer Lampen von den roten Blutgefäßen im Inneren zurückgeworfen wird. Der Mohrenkaiman ist ein Furcht erregendes, aber auffällig schönes Tier mit einer weichen Lederhaut, schwarz mit gelbweißen Streifen.

»Ich hätte es erschießen sollen«, meinte Antonio reumütig. »Eine gute Haut und eine Menge Fleisch.«

Er begriff nicht ganz, warum ihn diese Gringos baten, die Tiere zu fangen und ins Lager zu bringen, wo sie weiter nichts mit ihnen anstellten, als sie zu wiegen und zu vermessen, ihre Zähne zu zählen und ihnen mit Nagellack Zahlen auf die Köpfe zu malen. Das Schlimmste war, dass wir ihn nach vollbrachter Tat aufforderten, sie ins Wasser zurückzuwerfen, aus dem er sie mühsam herausgefischt hatte: Was für eine Verschwendung. Aber die Bezahlung war gut, und im Urwald war schwer an Geld heranzukommen – vor allem, seit die Wilderei scharf geahndet wurde.

»Mohrenkaiman-Häute haben früher viel eingebracht«, erzählte uns Antonio. »Nicht wie die anderen Krokodile: Die haben kleine Knochen in der Haut. Auf dem Markt will die niemand. Aber aus dieser Art kann man schönes Leder machen.«

Plötzlich wurde mir klar, warum wir auf der dreitägigen Flussfahrt nur die orangefarbenen und grünen Augen der anderen Krokodilarten gesehen hatten und den roten Augen erst auf diesem nahezu unerreichbaren See begegnet waren.

»Gibt wohl nicht mehr so viele Mohrenkaimane«, sagte ich zu Antonio.

»Nein, schwer zu finden heute«, stimmte er zu.

Ich fragte mich, ob Antonio die Wilderei wirklich aufgegeben hatte oder ob er nach dem Ende unserer Expedition postwendend hierher zurückkehren würde. Ich sorgte mich auch um das Schicksal der anderen Krokodilarten: Man hatte ein neues Gerbverfahren entwickelt, bei dem die Knöchelchen in der Haut aufgelöst wurden. Früher oder später würden die örtlichen Indios davon erfahren.

Wir setzten unsere Jagd auf dem See fort, wählten ein weiteres (bei weitem nicht so großes) Augenpaar aus und glitten still darauf zu. Diesmal konnte Berullio die Schlinge um den Kopf des Geschöpfes schieben. Antonio sprang auf und wand ein weiteres Seil um die Schnauze. Dann schoben sie ihre Unterarme ins Wasser, unter den Bauch des Tiers, und hoben es ins Kanu. Ich spürte seine Kraft, als es an Bord kam. Obwohl ich in ausreichender Entfernung am Heck saß, hatte ich das sichere Gefühl, dass eine Naturgewalt in meine Privatsphäre eingedrungen war.

Das Krokodil war nicht sonderlich kooperativ, also wurde es weiter zusammengeschnürt: Die Vorderbeine wurden an die Hinterbeine gebunden und dann an den Schwanz, damit es nicht mehr um sich schlagen konnte – ein Amazonas-Rodeo. Sobald das Tier ruhig gestellt war, warfen die beiden es in die Mitte des Bootes, hinter sich und vor uns. Der Furcht erregende und majestätische Herrscher des Sees war in ein Mitleid erweckendes Paket am Boden eines Kanus verwandelt worden. Ich starrte es an. Antonio stieß einen Zischlaut aus, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und wies mit dem Kopf zu einer Seite, in die Richtung, in die wir paddeln sollten.

Von dem einen Dutzend Augenpaaren, die wir in dieser Nacht ansteuerten, fingen Antonio und Berullio sechs. Keines der Tiere war länger als zwei Meter, aber im Laufe der Nacht wuchs der Stapel ziemlich an. Unser Boot war sehr groß – etwa 7,50 Meter lang und in der Mitte 1,20 Meter breit –, aber es war und blieb ein Einbaum, aus einem ausgehöhlten Stamm gefertigt. Es hatte keinen Kiel und neigte zum Kentern. In den Seitenwänden entdeckte ich zahlreiche Risse. Man hatte mir gesagt, dass das Boot fünf Jahre alt war.

»Wie lange halten diese Kanus, Berullio?«

»Etwa fünf Jahre.«

Jedes Mal, wenn wir einen weiteren unfreiwilligen Passagier an Bord nahmen, klammerten der Professor und ich uns an die Seitenwände des Kanus, um es zu stabilisieren, während es schlingerte und tiefer ins Wasser sank. Als die Wasseroberfläche nur noch eine Handbreit unter dem Rand lag, verwandelten sich die Risse in Lecks. Ein größeres konnte ich stopfen, indem ich eine Plastiktüte um einen Stift wickelte und diesen Pflock in das Loch trieb. Aber es tröpfelte weiterhin Wasser ins Boot, und der Schwall, der mit jedem sich heftig wehrenden Kaiman aus dem See an Bord kam, tat ein Übriges. Die Lache am Boden war gut für unsere Gefangenen, aber schlecht für meine Füße; meine durchnässten Schuhe standen seit Stunden unter Wasser. Schließlich hatte ich genug. Mit einer Sorglosigkeit, die mir noch vor einer Woche unvorstellbar gewesen wäre, zog ich die Schuhe aus und legte meine nackten Füße auf eines der Krokodile.

Kurz vor der Morgendämmerung fiel die Temperatur am See stark ab. Schon bevor es zu nieseln anfing, war mir in der Feuchtigkeit kalt geworden, und dem Professor und mir wurde es trotz unserer Ponchos allmählich ziemlich ungemütlich. Die Indios vor uns trugen keine Regensachen, aber ihr Enthusiasmus schien ungebrochen. Weiterhin schwenkten sie ihre Lichtkegel übers Wasser. Die Kaimane waren jedoch immer schwerer ausfindig zu machen. Antonio erklärte, dass die Tiere wegen der lästigen Regentropfen die Augen schlossen. Als der Regen stärker wurde, gingen die roten Lichter alle aus. Wir steuerten das Kanu auf unser Lager zu.

Am Äquator wird es schlagartig hell. Als wir zurückpaddelten, hörte der Regen auf, und der Himmel durchlief eine rasche Farbsequenz: von Silbern nach Braunrot, Violett, Rosa, Orange und dann Blau. Ein riesiger Feuerball erhob sich theatralisch über die Baumkronen. Ich fühlte mich schon etwas trockener, sehnte mich aber nach einem Kleiderwechsel, Frühstück und einem ausgedehnten Vormittagsschlaf. Heute Nacht war unser Team knapp an seinem ersten Krokodilbiss vorbeigeschrammt, aber seit ich gesehen hatte, wie geschickt Berullio seinen Arm befreit hatte, war mir etwas wohler zumute. In mir keimte die Hoffnung auf, dass ich diese Expedition hinter mich bringen könnte, ohne große offene Wunden zu verarzten.

Als wir im ersten Tageslicht nah am Ufer entlangpaddelten, verwandelte sich die ausgefranste Silhouette am Rand des Sees in ein verschlungenes Dickicht, in eine über 40 Meter hohe, zerzauste Wand in allen nur vorstellbaren Grünschattierungen. Aus der Ferne waren kaum einzelne Bäume zu unterscheiden, abgesehen von den Kapokbäumen, deren Stämme das Blätterdach durchstießen und noch einmal 30 Meter aufragten, bevor sich ihre riesigen Kronen entfalteten. Wie sie sich da dunkelgrün vom blauen Himmel abzeichneten, erinnerten sie mich an gigantische Brokkoliköpfe.

Als wir näher kamen, erkannte ich die Einzelheiten des Ufers, aber nirgendwo entdeckte ich ein Stück trockenen Boden. Der See ging in ein Wirrwarr aus Pflanzen über, deren Stängel aus dem flachen Wasser ragten und hängende, große Blätter trugen: so genannte Elefantenohren. Dazwischen waren zarte, violette Blüten eingesprengt, die auf flachen, schwimmenden Blättern wuchsen: die Wasserhyazinthen, die Berullio beinahe seinen Arm gekostet hätten. Dahinter ragten die ersten Baumreihen auf, die direkt im Wasser wurzelten, und von ihnen führte ein Abhang aus verrottenden Pflanzenteilen zum höher gelegenen Land hinauf. Der Bewuchs war zu dicht, um im Dunkeln noch irgendetwas zu erkennen.

So unwahrscheinlich es mir auch vorkam: Aus dem Blätterlabyrinth tauchte ein kleiner Junge auf. Er schwenkte seinen rechten Arm und hielt seine linke Hand hoch, die nach vorne und zur Seite baumelte: eine Haltung, die wir Chirurgen als »verletzte Pfote« bezeichnen. Eine Hand kann nur dann einen solchen Winkel mit dem Unterarm einnehmen, wenn sie schwer beschädigt ist. Der Junge brauchte Hilfe. Als wäre mein Piepser losgegangen, verwandelte ich mich vom schläfrigen Urwaldtouristen in einen einsatzbereiten Arzt.

Der Junge kam an die Kante des schlammigen Abhangs und rief Berullio etwas zu. Er konnte über den Schlick nicht ohne weiteres herunterkommen, und unser Kanu konnte nicht näher ans Ufer heran. Nach einer kurzen, aufgeregten Diskussion, von der ich nichts verstand, verschwand der Junge wieder in der Vegetation. Das einzige Wort, das ich aufgeschnappt hatte, war »doctoro«.

Antonio führte seine Rechte mit einer Hackbewegung gegen sein linkes Handgelenk. »Machete«, sagte er.

»Wann?«, wollte ich wissen.

»Heute Morgen«, erwiderte er. »Wir treffen ihn im Dorf.«

Da er für unser Gepäck zuständig war, wusste Antonio, dass meine medizinische Ausrüstung – wie der größte Teil unserer Kisten – noch nicht zum See transportiert worden war, sondern noch im Dorf lagerte. Der Rest des Teams würde heute Morgen dort sein, um Verpflegung in die Boote zu laden. Dort würde ich den verletzten Jungen am besten behandeln können.

Antonio hatte diese Entscheidung gefällt, ohne den Doctoro auch nur zu fragen. Ich hätte beleidigt sein können, aber wozu? Das hier war der Dschungel, und Antonio trug hier die Verantwortung.

Bevor der Junge aufgetaucht war, waren wir auf dem Weg zu unserem Lagerplatz am See gewesen. Das Dorf lag am Fluss. Wir änderten die Richtung und paddelten auf die Mündung zu. Antonio und Berullio unterhielten sich, sie scherzten miteinander und zeigten alles in allem keine übertriebene Eile. Das war nur eine weitere Kraftprobe des Urwalds. Die Starken würden überleben, die Schwachen nicht. Wir paddelten im selben Tempo weiter wie zuvor.

Wir lenkten das Kanu aus dem See in die Strömung des Flusses. Um untergetauchte Stämme herum und zwischen verflochtenen Zweigen hindurch paddelten wir flussaufwärts an einen breiten, modderigen Uferabschnitt. Oberhalb der Landestelle führte eine Schlammbank zu einer Lichtung hinauf, auf der ich nicht mehr als die Dächer zweier Hütten ausmachen konnte. Die anderen Kanus unserer Expedition waren bereits eingetroffen und wurden mit Lebensmitteln beladen, um bald zum Forschungscamp am See aufzubrechen. Ein Dutzend Kinder sprang am Ufer herum und genoss die ganze Aufregung.

Ich trat aus dem Kanu in den weichen Schlamm und sank bis zum Knöchel ein. Ich machte einen zweiten Schritt, und der Schlamm stieg bis zur Oberkante meines Stiefels. Der Gedanke an einen dritten Schritt war selbst für die Indios, die vom Ufer aus zusahen, zu viel. Sie bedeuteten mir zu warten, schleppten ein Kanu über den Strand und schoben das eine Ende auf mich zu. Ich stieg in das Kanu, marschierte ans andere Ende und trat dort in den festeren, grauen Matsch. Der Doctoro hatte seinen Auftritt gehabt.

Mein Patient wartete schon. Er kam am Ufer direkt auf mich zu und hielt schweigend seinen linken Arm hoch, damit ich ihn untersuchen konnte. Auf mich wirkte er wie neun, was hieß, dass er vielleicht sieben war. Am Amazonas reifen Kinder schnell. Ich sprach kein Wort Cofan, und er sprach nichts anderes als diese lokale Sprache, aber ein freundliches Lächeln und eine zuversichtliche Miene bedürfen keiner Übersetzung. Dennoch wusste ich nicht, ob er mich verstanden hatte, denn seine weit aufgerissenen Augen waren zu dunkel, um darin zu lesen, und sein Gesicht blieb ausdruckslos. Ich ergriff seine verletzte Hand.

Das Handgelenk war mit Schlamm und getrocknetem Blut verkrustet, und die Hand hing nach vorne. Ich wollte einen Blick auf den Schnitt werfen, aber mir war klar, dass die Blutung wieder einsetzen würde, sobald ich den Dreck entfernte. Als wir dort standen, inmitten einer Ansammlung von Erwachsenen und Kindern jeden Alters, entdeckte ich im Sand ein anscheinend sauberes Tuch und ging hin, um es aufzuheben. Alle Blicke folgten mir. Die Zuschauer waren viel stärker von dem weißen Arzt fasziniert als von der Wunde, die er behandelte. Schnitte hatten sie alle schon gesehen. Ich fing an, die Wunde abzuwischen. Der Junge sah genau hin und blieb sogar noch regungslos, als der Pfropf aus Dreck in einem Stück loskam und ein Schwall Blut austrat. Beim zweiten Schwall erkannte ich, dass der Schnitt sehr tief ging und unterhalb des Daumenballens direkt in die Handwurzel hineinlief. Ich benutzte den Lumpen als Kompresse, und zwar dort, wo der Dreckpfropf gesessen hatte. Aus der Heftigkeit der Blutung und der Haltung des Handgelenks und des Daumens ersah ich, dass eine Arterie und einige Sehnen durchtrennt worden waren. Wahrscheinlich waren auch die Nerven, die dazwischen verliefen, zerschnitten.

»Wie ist das passiert?«, fragte ich Sebastian, unseren Führer, der Cofan, Englisch und Spanisch sprach und oft alle drei Sprachen einsetzen musste, um unsere Gruppe zusammenzuhalten.

»Er war heute früh im Kanu seines Vaters unterwegs, um einen Kanal zu reinigen. Der Wasserstand ist niedrig, und das Kanu hat sich in irgendwelchen Wasserpflanzen verfangen. Er hat unter sich gelangt und die Stängel mit der linken Hand gepackt, um sie mit der Machete in der Rechten abzuhacken. Er hat daneben gehauen.«

Auch wenn die Geschichten meiner Patienten in New York meist völlig anders lauten, war mir diese Art von Verletzung durchaus vertraut. Erst vor wenigen Monaten hatte ich einen ganz ähnlichen Fall behandelt. Ein Teenager hatte sich ins rechte Handgelenk geschnitten, und ich hatte zunächst auf einen Selbstmordversuch getippt. Aber sein Psychiater hatte mir erklärt, dass der Junge Rechtshänder war, und wenn er sich hätte umbringen wollen, dann hätte er seine Rechte benutzt, um das linke Handgelenk zu durchtrennen. Tatsächlich hatte der Junge seine rechte Hand abzutrennen versucht, um sich für seine Selbstbefriedigung zu bestrafen. Ich verbrachte viele Stunden im OP, wo ich ein Mikroskop benutzte, um die Hand so zusammenzuflicken, dass er wieder masturbieren konnte. Solche Begebenheiten können sich nur in einem modernen, hoch entwickelten Land zutragen, an einem Ort, der von hier aus unerreichbar war. Dieser Gedanke verdeutlichte mir vielleicht stärker als alles andere, wie weit ich gereist war.

»Er braucht eine richtige Operation«, erklärte ich Sebastian, »aber ich glaube, das bekommen wir hier hin. Wenn nicht, dann wird er mit dieser Hand auf Dauer nicht mehr viel anfangen können.«

»Natürlich«, sagte Sebastian. »Was brauchen Sie?«

Wir standen immer noch auf dem grauen Uferschlamm, und die Morgensonne gewann an Kraft. Ich schlug vor, auf die kleine Lichtung hinaufzugehen, wo wir einen sichereren Stand haben und auch etwas Schatten finden würden. Sebastian redete mit Berullio, der ein leeres Ölfass auftrieb und es neben ein weiteres stellte, das bereits dort stand. Dann schleppte er ein Holzbrett heran, das er auf die Fässer legte, sodass ich einen schmalen Operationstisch hatte. Die Fässer steckten tief in der feuchten Erde und das Brett war eben, aber es lag nur sechzig Zentimeter über dem Boden.

Der Junge setzte sich rittlings auf das Brett, beugte sich vor und streckte den Arm darauf aus, aber die Arbeitsfläche war für mich zu niedrig. Bill Jahoda, der Collegeprofessor, der unsere Expedition leitete, erkannte das Problem sofort. Er setzte sich auf die andere Seite des Bretts und legte sich den Arm des Jungen auf die Beine. Dadurch wurde das Handgelenk noch einmal 30 Zentimeter angehoben. Wir befanden uns am Rand der Lichtung, wo der Abhang zum Fluss noch so steil war, dass ich, wenn ich mich vor den Tisch in den Schlamm kniete, etwa die richtige Arbeitshöhe erreichte. Das war etwas anderes als der Drei-Achsen-Kippstuhl mit den gepolsterten Armlehnen, an den ich im Krankenhaus gewöhnt war, aber der Aufbau erschien mir durchaus praktikabel.

Inzwischen hatte sich eine Menge von etwa dreißig Leuten um uns versammelt – mehr als die gesamte Dorfbevölkerung. Sebastian versuchte, sie zu zerstreuen, indem er ankündigte, dass unsere Crew unten bei den Booten Orangen verteilte. Die Erwachsenen gingen, aber die kleinen Kinder blieben alle, um zuzusehen. Sie scherten sich nicht um Sebastians Worte.

Ich bewahrte mein Operationsbesteck und den größten Teil meiner medizinischen Ausrüstung in einer großen Kiste für Angelzeug auf, die – in einen wasserfesten Plastiksack gehüllt – in einem der Kanus stand. Ein Mitarbeiter ging sie holen, ein anderer griff sich zwei Eimer, um sie mit Regenwasser aus einem offenen Fass hinter einer der Hütten zu füllen. Sie breiteten den Plastiksack auf dem Schlamm aus und stellten die Kiste und die beiden Eimer darauf, als bereiteten sie ein Picknick vor. Ich öffnete meine Medizintruhe und ordnete mein Werkzeug und Material in der Reihenfolge an, in der ich es vermutlich brauchen würde: Gaze-Bäusche, Wundhaken, Gefäßklemmen, Kauter, Skalpell, Zange, Schere, Nadelhalter. Diese Aufgabe übernimmt normalerweise meine Instrumentierschwester, daher hielt ich kurz inne, um jede Eventualität durchzuspielen und sicherzustellen, dass ich alles Nötige griffbereit hatte. Zumindest meine nächste Umgebung sah jetzt halbwegs vertraut aus: Ich war im OP – wenn auch bis zu den Knien im Matsch.

Ich zog sterile Handschuhe an und pinselte den Arm und die Hand mit Betadinlösung ein – und auch einen Teil der Hand und der Hose von Bill, der den Arm des Jungen unbeirrbar quer über seinen Beinen festhielt. Dann breitete ich unter der Hand, auf Bills Schoß, ein steriles Tuch aus, das ich seitlich unter seiner Hose feststeckte, damit es nicht wegrutschte.

Empfindungen in der Hand und dem Unterarm werden in drei Hauptnerven ans Gehirn geleitet, von denen zwei in der Gegend der Wunde verliefen. Für eine Betäubung würde ich beide blockieren müssen, und zwar mit Lidocain, demselben Mittel, das Zahnärzte einsetzen, wenn sie einen Zahn aufbohren müssen. Genau mit diesen Injektionen hätte ich eine solche Operation in einem normalen Operationssaal eröffnet, aber hier erschienen sie mir fast überflüssig. Eine derart schwere Verletzung sollte heftige Schmerzen auslösen, aber der Junge ließ nichts dergleichen erkennen. Tatsächlich hatte er bis jetzt keinen Laut von sich gegeben. Er kam mir ruhiger vor als ich selbst.

Jeder Arzt hat schon Patienten mit schweren Verwundungen gesehen, die keinen Schmerz spürten. Schmerz ist ein Alarmsignal, das unser Bewusstsein auf eine körperliche Beeinträchtigung hinweist, damit Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können, um den Missstand zu beheben. Bei massiven Schäden ist das Problem offensichtlich – ein Alarm wird überflüssig. Eine Flut von Schmerzimpulsen, proportional zur Schwere der Verletzung, wäre nicht zweckdienlich, sondern würde den Signalen in die Quere kommen, die das Gehirn aussendet, um eine wohlgeordnete und effektive Reaktion zu bewirken. Je dramatischer die Situation, desto wichtiger ist es, dass die Schmerzsignale unterdrückt werden. Das ist ein universeller Überlebensmechanismus, der umso häufiger und stärker aktiviert wird, je extremer die Umwelt ist.

Während ich Lidocain in eine Spritze aufzog, wies ich Sebastian an, dem Jungen zu erklären, dass die Spritze etwas wehtun, er danach aber keinen Schmerz mehr verspüren würde. Diese Worte kamen mir wie eine überflüssige Routine vor: Dieser Junge war der stoischste Patient, den ich je gesehen hatte. Berullio hockte sich hinter den Jungen und hielt seine Schulter. Als die Nadel seine Haut durchstieß, schrie der Junge auf und brach in Tränen aus. Ich war verblüfft. Die Verletzung mit der Machete hatte nur umsichtige, vernünftige, zielgerichtete Reaktionen ausgelöst, aber ein kleiner Nadelstich ließ ihn hysterisch werden. Ich hätte damit rechnen müssen: Vom Standpunkt des Überlebens aus war das eine sinnvolle Reaktion. Die Situation war unter Kontrolle. Der Junge konnte sich den Luxus Schmerz jetzt wieder leisten, und es handelte sich um eine Verletzung, bei der Alarmsignale angemessen sind. Die Injektion fühlte sich genauso an wie das Eindringen eines Dorns, eines Stachels oder eines Splitters – wie eine dieser kleinen Wunden, die zu einer anhaltenden Blutung, einer Vergiftung oder Infektion führen können, wenn man sie ignoriert. Solange er im Überlebensmodus war, wäre Weinen nicht hilfreich gewesen, aber jetzt befand sich der Junge in einer geschützten Umgebung. Er war von Menschen umringt, die ihm Hilfe und Trost bieten konnten, wenn er sie wissen ließ, dass er das brauchte. Ich fühlte mich an meine Tochter erinnert: Einmal war sie zu Hause beim Spielen über einen Stuhl gestolpert. Ich war dabei, aber meine Frau nicht. Meine Tochter stand ohne einen Mucks auf und spielte weiter. Als meine Frau kurz darauf nach Hause kam, lief ihr die Kleine vor Schmerz heulend in die Arme. Unbewusst hatte sie sich ausgerechnet, dass es sinnlos wäre, bei mir Trost zu suchen, während es sich durchaus lohnen könnte, bei Mami eine Reaktion auszulösen.

Es dauerte ein paar Minuten, bis die Nervenblockade wirksam wurde. Ich hatte die Injektion in den Unterarm gesetzt, »stromaufwärts« der Wunde, und das Lidocain strömte langsam durch die Nerven in die Hand. Während wir warteten, tröstete Berullio den Jungen, wischte ihm die Tränen weg und half ihm, sich die Nase zu putzen. Schlagartig ging mir auf, dass das Berullios Sohn war, eine Tatsache, die allen außer mir bekannt gewesen war. Er hieß Hermanigildo. Antonio war sein Großvater. Ich hatte mich so auf meinen Job konzentriert, dass mir sämtliche sozialen Zusammenhänge um mich herum entgangen waren. Die Vater-Sohn-Interaktion vor meinen Augen hätte sich in jeder anderen Kultur ganz ähnlich abgespielt, aber umso bemerkenswerter kam mir im Rückblick Berullios Verhalten heute früh im Kanu vor. Jetzt war er durch und durch liebender Vater, aber vorhin, als ihr Sprössling allein und unerreichbar am Ufer gestanden hatte, hatten Antonio und er keinerlei Aufregung oder besondere Sorge gezeigt. Vielleicht hatten sie gespürt, dass Mitleid in dieser Situation nichts gebracht hätte und möglicherweise sogar kontraproduktiv gewesen wäre.

Ich berührte Hermanigildos Fingerspitzen und fragte ihn, ob er das spürte. Er schüttelte den Kopf, also konnte ich anfangen. Bill hielt seinen Arm eine Minute hoch, damit so viel Blut wie möglich hinausströmen konnte, bevor ich den Stauschlauch anlegte: eine simple, aber hocheffiziente Technik, die auch in modernen Krankenhäusern noch eingesetzt wird, um den Blutfluss komplett zu stoppen. Ohne sie käme eine Handoperation dem Versuch gleich, eine Armbanduhr am Boden eines Tintenfasses zu reparieren.

Erst danach entfernte ich den Lappen, den ich am Ufer um die zerfetzte Arterie des Jungen gebunden hatte. Ich wusch das Innere der Wunde mit Betadin, Peroxid und Regenwasser aus. Sobald all das Blut und der Dschungeldreck entfernt waren, verschaffte ich mir einen Überblick über den Schaden. Der Schnitt verlief an der Außenseite des Unterarms direkt oberhalb des Handgelenks und Daumenballens, über ein Drittel der Gelenkbreite. Er war glatt, die Machete musste sehr scharf gewesen sein. Ich konnte nicht hineinsehen, da die Wundränder nicht auseinander klafften; also nahm ich ein langes Holzstäbchen mit Watte an den Enden, rammte die Kunststoffbasis einer Kanüle über ein Ende und bog die Nadel zu einem Haken. Zwei von diesen Geräten dienten mir als Wundhaken: Ich stach die Nadeln durch die Wundränder, zog sie auseinander und reichte Bill die Enden der Stäbchen: Jetzt war er nicht nur mein Operationstisch, sondern auch noch meine Instrumentierschwester.

Mit einer Zange und einer Schere untersuchte ich die Wunde, aber ihren Boden sah ich immer noch nicht. Der Schnitt ging zu tief, und unsere kleine Lichtung schützte uns zwar vor der Hitze der Sonne, bot aber keine guten Lichtverhältnisse. Die Bäume bildeten weit über uns ein dichtes, verworrenes Blätterdach, das sowohl das Sonnenlicht als auch den Wind abfing. Nur schmale Lichtbündel, die zudem mit jeder Bewegung des Laubs hin und her wanderten, drangen bis zum Boden vor. Als ich so im Schlamm kniete, in diesem weichen Dämmerlicht und der regungslosen Luft weit unter der gewölbten, grünen Decke, hatte ich das Gefühl, dass die Szenerie viel mehr von einer Freiluftkathedrale hatte als von einem Operationssaal.

»Ich brauche eine Taschenlampe«, sagte ich, ohne direkt jemanden anzusprechen. Zwei Leute unseres Teams liefen zu den Kanus und kamen mit zwei starken Leuchten zurück. »Versucht, die Strahlen links und rechts an meinem Kopf vorbeizulenken, sodass sie möglichst senkrecht auf die Haut treffen«, bat ich, ohne den Blick von der Wunde zu lösen. Sie bekamen das wunderbar hin. Der Boden der Wunde lag im Licht, und nach kurzer Suche entdeckte ich vier durchtrennte Sehnen und einen zerschnittenen Nerv. Auch die Radialarterie und einige Venen waren durchtrennt worden, und in der Speiche war eine Delle: Der Knochen hatte die Wucht des Schlags aufgefangen. Eine Machete ist ein Furcht einflößendes Instrument, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Wasserwiderstand den Schlag schon gebremst hatte.

Ich schätzte ab, wie lange ich für die Ausbesserung aller Teile benötigen würde. »Haltet ihr das zwei Stunden durch?«, fragte ich meine Beleuchter und meinen Operationstisch. Alle drei meinten, ich bräuchte mir um sie keine Sorgen zu machen.

Zwei Stunden würden nicht ausreichen, um alles in Ordnung zu bringen, aber mehr Zeit durfte ich mir nicht nehmen. Zwar hätten meine drei Assistenten durchaus noch länger durchgehalten, aber der Stauschlauch war der begrenzende Faktor. Während der Operation würde kein Blut durch den Arm fließen und das Gewebe folglich nicht mit Sauerstoff versorgt werden. Gliedmaßen, die zu wenig Sauerstoff bekommen, erleiden nach etwa zwei Stunden Dauerschäden, was das Anbringen eines Stauschlauches zu einer riskanten Sache macht. Und nach zwanzig Minuten würde der Arm zunehmend wehtun. Da ich keinen Anästhesisten dabei hatte, der dem Jungen starke intravenöse Betäubungsmittel hätte verabreichen können, würde die Operationsdauer von der Schmerztoleranz meines Patienten abhängen.

Sehnen sind wie Seile, und im vorliegenden Fall verbanden sie die Muskeln des Unterarms mit den Handknochen. Wenn sich ein Muskel zusammenzieht, fungiert die Sehne wie ein Marionettenfaden und setzt den Körperteil, an dem sie befestigt ist, in Bewegung. Zwei der durchtrennten Sehnen setzten an der Handwurzel an, die anderen beiden am Daumen. Ohne sie kann die Hand nicht gehoben und der Daumen nicht abgespreizt werden, um etwas zu greifen.

Die Machete hatte den Radialnerv getroffen, der den größten Teil des Handrückens empfindungsfähig macht. Er ist der unwichtigste der drei Handnerven, denn die anderen beiden sorgen für das Gefühl im Handteller und den Fingerspitzen. Dennoch wäre es für einen Siebenjährigen nicht schön, durchs Leben zu gehen, ohne auf dem Handrücken irgendetwas zu fühlen. Schlimmer noch, die Enden eines durchtrennten Radialnervs wachsen sich oft zu einem Neurom aus: einem Klumpen nackter Nervenendigungen, die auf Berührung so ...

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