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Überfahrt mit Dame

HENRY JAMES

Überfahrt mit Dame

Eine Salonerzählung

Aus dem Englischen übersetzt
und herausgegeben
von Alexander Pechmann

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Inhaltsübersicht

Inhalt

Henry James  Überfahrt mit Dame

Anhang

Anthony Trollope  Die Reise nach Panama

Die Nacht und das Meer. Nachwort

Chronik

Anmerkungen

Editorische Notiz

Bildnachweis

Karte

Kapitel I

Die Häuser ragten dunkel in die Augustnacht, und der Anblick der Beacon Street mit ihrer Doppelreihe Straßenlaternen glich einer perspektivisch verkürzten Wüste. Nur von der halbrunden Fassade des Clubhauses auf dem Hügel fiel ein Lichtschimmer auf die dunkle Unbestimmtheit des Stadtparks, und als ich vorüberging, hörte ich das Klicken zweier Billardkugeln in der heißen Stille. Da alle Welt verreist war, entweihten womöglich die Diener, die nun über verschwenderisch viel freie Zeit verfügten, die Spieltische. Die Hitze war unerträglich, und ich dachte freudig an den nächsten Tag, an das Deck des Dampfschiffs, die belebende Brise, das Gefühl, in See zu stechen. Mir gefiel sogar, was ich am Nachmittag im Büro der Schifffahrtsgesellschaft erfahren hatte – dass der Dampfer, auf dem ich meine Überfahrt gebucht hatte, in letzter Minute durch einen anderen einer geringeren Geschwindigkeitsklasse ersetzt worden war. Amerika glühte, in England war es wohl nicht weniger schwül, und eine langsame Passage (die in dieser Jahreszeit eine schöne zu werden versprach) garantierte zehn bis zwölf Tage frische Luft.

Ich schlenderte den Hügel hinab, ohne einer Menschenseele zu begegnen, obwohl ich durch den Zaun des Stadtparks erkennen konnte, dass dieses Erholungsgebiet von schattenhaften Gestalten bevölkert war. Mir fiel Mrs. Nettlepoints Haus ein – in jenen Tagen (sie liegen nicht weit zurück, doch gab es Veränderungen) wohnte sie an der Küste, ein Stück weit hinter dem öffentlichen Park, und es kam mir in den Sinn, dass sie wie ich die Nacht in Boston verbringen würde, sollte sie wirklich, wie man mir einige Tage zuvor auf Mount Desert erzählt hatte, morgen nach Liverpool abreisen. Kurz darauf wurde diese Vermutung durch Licht über ihrer Tür und hinter zwei oder drei ihrer Fenster bestätigt, und ich beschloss, mich nach ihr zu erkundigen, bis zum Schlafengehen hatte ich nichts weiter zu tun. Ich war nur hinausgegangen, um etwas Zeit totzuschlagen, und hatte mein Hotel dem Gaslicht und den schwitzenden Portiers überlassen, doch nun hielt ich es für wahrscheinlich, dass meine alte Freundin nichts von der Ablösung der Scandinavia durch die Patagonia wusste, so dass ich ihr dienlich sein könnte, indem ich sie davon unterrichtete. Außerdem konnte ich ihr anbieten, am nächsten Morgen auf sie achtzugeben: Alleinreisende Frauen sind dankbar, wenn man ihnen beim Aufbruch in ferne Länder zur Seite steht.

Tatsächlich fiel mir erst an ihrer Türschwelle ein, dass sie vielleicht gar nicht so allein sein würde, da sie einen Sohn hatte. Doch erinnerte ich mich gleichzeitig daran, dass Jasper Nettlepoint nicht unbedingt ein junger Mann war, auf den man sich verlassen konnte, denn er führte – dies war zumindest meine Vermutung – sein eigenes Leben und hegte eigene Vorlieben und Gewohnheiten, die ihn schon vor langer Zeit von der Seite der Mutter hatten weichen lassen. Wenn er zufällig gerade zu Hause war, würde meine Besorgtheit natürlich übertrieben erscheinen, denn auf seinen zahlreichen Streifzügen – ich glaubte, er hatte die ganze Welt bereist – hatte er sicher gelernt, wie man die Dinge regelt. Letztlich war ich aber froh, Mrs. Nettlepoint zu bedeuten, dass ich an sie dachte. Während meiner langen Abwesenheit hatte ich sie aus den Augen verloren, doch war ihr, einer guten Freundin meiner Schwestern, seit jeher ein Platz in meinem Herzen sicher. Ihr gegenüber hegte ich stets jenes Gefühl, das solche erfreut, die auf Abwege geraten sind oder sich abgesondert haben – das Gefühl, dass zumindest sie alles über mich wusste. Ich konnte jederzeit darauf zählen, dass sie den Leuten versicherte, ich sei ehrbar. Womöglich war mir bewusst, wie wenig ich diese Nachsicht verdiente, als mir in den Sinn kam, dass ich sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Jene Nachlässigkeit ließ sich daran ermessen, wie unbestimmt meine Meinung über Jasper war. Allerdings gehörte ich mittlerweile auch wirklich einer anderen Generation an, die Mutter war eher in meinem Alter als ihr Sohn.

Mrs. Nettlepoint war zu Hause: Ich traf sie in ihrem hinteren Salon an, wo die großen Fenster sich zum Wasser hin öffneten. In dem Zimmer war es dämmrig – für Lampen war es zu heiß –, und sie saß da, bewegte langsam ihren Fächer und sah hinaus auf den kleinen Meeresarm, der nachts besonders schön ist, wenn sich die Lichter von Cambridgeport und Charlestown darin spiegeln. Ich nahm an, sie dachte an die Lieben, die sie zurücklassen würde, ihre verheirateten Töchter, ihre Enkelkinder, doch schlug sie einen eher typisch Bostoner Ton an, als sie mit dem Fächer auf die Back Bay deutete und zu mir sagte: »Wissen Sie, ich werde dort drüben nichts Bezaubernderes als das hier zu sehen bekommen!« Sie begrüßte mich ausgesprochen herzlich, ihr Sohn aber hatte ihr bereits von der Patagonia erzählt, was ihr nicht gefiel, da es die Reise verlängern würde. Sie war auf jedem Schiff ein Häufchen Elend und blieb meist in ihrer Kabine, auch wenn man das Wetter außergewöhnlich schön nennen konnte – als wäre auf See ein Wetter so gut wie das andere.

»Ach, Ihr Sohn wird Sie also begleiten?«, fragte ich.

»Da kommt er, er wird Ihnen selbst viel besser Auskunft geben können als ich mit meinen Vermutungen.« Jasper Nettlepoint, in einem weißen Flanellanzug und mit einem großen Fächer in der Hand, stieß im selben Augenblick zu uns. »Nun, mein Lieber, hast du dich entschieden?«, fuhr seine Mutter fort, ohne an Ironie zu sparen. »Er hat noch immer keinen Entschluss gefasst, dabei legen wir um zehn Uhr ab!«

»Spielt das denn eine Rolle, wenn meine Koffer gepackt sind?«, sagte der junge Mann. »Zurzeit gibt es keinen großen Andrang. Es werden noch Kabinen zu haben sein. Ich warte auf ein Telegramm – das wird den Ausschlag geben. Ich bin gerade zum Club gegangen, um nachzusehen, ob es schon eingetroffen ist – sie schicken es dorthin, weil sie annehmen müssen, dass hier niemand zu Hause ist. Noch war es nicht da, aber ich gehe in zwanzig Minuten wieder hin.«

»Grundgütiger, wie du dich bei dieser Temperatur abhetzt!«, rief die arme Dame, während mir der Gedanke kam, dass ich vor zehn Minuten vielleicht seine Billardkugeln gehört hatte. Ich war sicher, er liebte Billard.

»Hetzen? Keineswegs. Ich gehe es ungewöhnlich gemütlich an.«

»Ach, das glaube ich dir gern!«, erwiderte Mrs. Nettlepoint zusammenhanglos. Ich erahnte eine gewisse Spannung zwischen den beiden und seitens des jungen Mannes einen Mangel an Rücksicht, der vielleicht seiner Selbstsucht entsprang. Seine Mutter war nervös, angespannt, wollte endlich wissen, ob sie auf der Reise mit seiner Gesellschaft rechnen konnte oder gezwungen war, sich allein durchzuschlagen. Aber wie er so dastand, lächelte und langsam seinen Fächer bewegte, kam er mir mitnichten wie jemand vor, dem diese Tatsache allzu schwer zu schaffen machte. Er war von jenem Schlag, um den sich andere zu sorgen pflegen, nicht von dem, der sich um andere sorgt. Er war groß und kräftig, hatte ein attraktives Gesicht, einen wohlgeformten Schädel und dichte Locken. Das Weiß seiner Augen und das seines Zahnschmelzes unter seinem braunen Schnurrbart schimmerten undeutlich im Schein der Lichter der Back Bay. Ich erkannte, dass er sonnengebräunt war, als ob er sich oft im Freien aufhielt, und dass er intelligent, aber auch ein wenig unmenschlich wirkte, allerdings nicht auf verbissene Art. Seine Unmenschlichkeit war heiter und kultiviert. Ich musste ihm erklären, wer ich war, merkte aber selbst dann noch, dass er mich kaum zuzuordnen wusste und ich durch meine Erklärungen für ihn zu keiner wirklichen Persönlichkeit wurde oder zumindest zu keiner, der er Bedeutung beimaß. Ich ahnte, dass ich mich im Gespräch mit ihm manchmal sehr jung und manchmal sehr alt fühlen würde, was an ihm völlig vorbeiginge. Als wollte er unserer Gefährtin beweisen, wie gut er sich selbst überlassen werden könne, erzählte er, dass er einmal erst eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt an Bord eines Schiffes von London nach Bombay gegangen sei.

»Ja, und deine Mitreisenden waren darüber sicher sehr glücklich!«

»Ach, meine Mitreisenden!«, erwiderte er, und seine Stimme schien anzudeuten, dass jene eben damit zurechtkommen müssten. Er fragte, ob es keine kalten Getränke im Haus gäbe, keine Limonade, keinen eisgekühlten Sirup; bei solch einem Wetter sollte dergleichen stets zur Verfügung stehen. Als seine Mutter bemerkte, dergleichen stehe sicher im Club zur Verfügung, fuhr er fort: »O ja, ich habe dort schon einiges bekommen, aber ich bin seither den Hügel hinuntergegangen, nicht wahr? Man braucht an beiden Enden des Weges einen Schluck. Soll ich läuten und anfragen?« Er läutete, während Mrs. Nettlepoint bemerkte, dass sie bei der Dienerschaft in einem Haus, dessen Annehmlichkeiten sich in der derzeitigen Situation natürlich auf das Notwendigste beschränkten – man benutzte Kerzenstummel und verzichtete auf Luxus –, nicht für den Service garantieren könne. Die Angelegenheit endete damit, dass sie das Zimmer auf der Suche nach Stärkungsmitteln verließ, zusammen mit dem Dienstmädchen, das auf das Läuten hin erschienen war und bei dem Jaspers Ersuchen keinen erkennbaren Geistesblitz ausgelöst hatte.

Sie blieb eine Zeitlang fort, und ich sprach mit ihrem Sohn, der sich gesellig, aber halbherzig gab und ständig mit dem Fächer in der Hand umherwanderte, als wäre er überaus ungeduldig. Gelegentlich ließ er sich einen Moment lang auf dem Fensterbrett nieder, wobei ich feststellte, dass er tatsächlich richtiggehend gut aussah – ein schöner, braungebrannter, gepflegter junger Athlet. Er unterließ es, mir zu sagen, von welcher besonderen Eventualität seine Entscheidung abhing. Er wies nur beiläufig auf ein erwartetes Telegramm hin, und ich begriff, dass er sich wohl nie dazu herablassen würde, irgendetwas zu erklären. Die Abwesenheit seiner Mutter bezeugte, dass sie daran gewöhnt war, keine Mühen zu scheuen, wenn es darum ging, etwas für ihn zu tun, und ich stellte mir vor, wie sie in einer engen Speisekammer zwischen alten Konservendosen herumkramte, während das teilnahmslose Dienstmädchen die Kerze schräg hielt. Ich weiß nicht, ob er innerlich dasselbe Bild vor Augen hatte, jedenfalls hielt es ihn nicht davon ab, sich unvermittelt zu entschuldigen, nachdem er auf die Uhr geblickt hatte – er müsse wieder zum Club. In einer halben Stunde spätestens sei er zurück. Er ging fort, und ich saß allein da in der dunklen, ausgeräumten, reduzierten Szenerie, in der tiefen Stille, die in den Sommermonaten auf amerikanischen Städten ruht – hin und wieder hörte man aus der Ferne einen Schrei oder ein Platschen im Wasser und auf der langen Brücke gelegentlich das Klingeln der Glöckchen der Kutschen, die langsam durch die stickige Nacht fuhren. Ich war mir des seltsamen, halb lieblichen, halb traurigen Einflusses bewusst, der in unbewohnten Häusern oder solchen, die bald verlassen werden, herrscht, an eingehüllten und beraubten Orten, wo die unbeachteten Sofas und geduldigen abgedeckten Tische (wie die beunruhigten Hunde, denen alles ebenso unheimlich vorkommt) den Vorabend einer Reise zu erkennen scheinen.

Ein wenig später hörte ich Stimmen, Schritte, Kleiderrascheln, und ich wandte mich um in der Annahme, dass diese Geräusche die Rückkehr Mrs. Nettlepoints und ihres Dienstmädchens mit der für ihren Sohn zubereiteten Erfrischung ankündigten. Stattdessen erblickte ich zwei andere weibliche Gestalten, Besucherinnen, die man offenkundig eben erst eingelassen hatte und nun ins Zimmer führte. Sie wurden nicht vorgestellt – die Dienerin kehrte ihnen den Rücken und machte sich auf zu unserer Gastgeberin. Die beiden Frauen kamen unsicher, vorsichtig und ohne einführende Worte näher – ihre Unsicherheit entsprang wohl zum Teil der Dunkelheit in dem Zimmer und zum Teil der experimentellen Natur ihres Besuchs, einer entfesselten Vorstellungskraft oder einem Mangel an Selbstvertrauen. Eine der Damen war kräftig gebaut und die andere schlank, und ich konnte mich augenblicklich vergewissern, dass die eine gesprächig und die andere zurückhaltend war. Des Weiteren konnte man erkennen, dass die eine bejahrt und die andere jung war, wobei ihre faktische Unterschiedlichkeit sie nicht daran hinderte, Mutter und Tochter zu sein. Mrs. Nettlepoint kehrte wenige Minuten später zurück, doch die Zeitspanne war lang genug gewesen, so dass ein für diesen Anlass recht wortreiches Gespräch zwischen den Fremden und dem unbekannten Gentleman, den sie mit Hut und Stock in der Hand angetroffen hatten, im Gange war. Dies war nicht meinem Zutun geschuldet – worauf hätte ich eine Unterhaltung aufbauen sollen? – und noch weniger dem der jüngeren, gleichgültigeren oder weniger mutigen Dame. Sie sprach nur einmal – als ihre Begleiterin mir mitteilte, sie werde am nächsten Tag nach Europa aufbrechen, um dort zu heiraten. An dieser Stelle protestierte sie: »Ach, Mutter!«, in einem Ton, der mir im Dunkeln doppelt merkwürdig vorkam und mich neugierig auf ihr Gesicht machte.

Die ältere Frau war ohne Umschweife auf dieses Thema und verschiedene andere Dinge zu sprechen gekommen, nachdem ich erklärt hatte, dass ich auf Mrs. Nettlepoint wartete, die zweifellos bald zurückkehren werde.

»Nun, sie kennt mich nicht – vermutlich hat sie noch nicht einmal von mir gehört«, sagte die gute Dame. »Aber Mrs. Allen schickt mich, ich schätze, das spricht für mich. Sie kennen Mrs. Allen, nehme ich an?«

Diese einflussreiche Persönlichkeit war mir unbekannt, aber ich stimmte ihrer Vermutung vage zu. Mrs. Allens Abgesandte war gutgelaunt und vertraulich, aber eher im reizvollen denn im aufdringlichen Sinne (sie bemerkte, alles wäre natürlich in Ordnung, falls ihre Freundin die Zeit gefunden habe, am Nachmittag vorbeizuschauen – nur hätte diese so viel zu tun und sei zudem nur einen Tag in der Stadt, so dass sie sich dessen nicht sicher sein könne). Sogar noch bevor sie die Merrimac Avenue erwähnte (von dort waren sie den ganzen Weg hierher gekommen), hatte sie meine Phantasie bereits mit jener unbestimmten gesellschaftlichen Vorhölle in Verbindung gebracht, welche anständigen Bostoner Bürgern als South End bekannt war – eine nebulöse Region, die sich hier und da zu einem hübschen Gesicht verdichtet, wo Töchter ihren Müttern eine »Zierde« sind und manchmal mit Gentlemen aus prächtigeren Wohngegenden Bekanntschaft schließen, mit Gentlemen, deren Frauen und Töchter an diesen Bekanntschaften nicht teilhaben.

Als Mrs. Nettlepoint endlich eintrat, ausgestattet mit Kerzen und einem Tablett voller Gläser, die eine farbige Flüssigkeit enthielten und ein kühles Klimpern vernehmen ließen, fiel es mir zu, den Zeremonienmeister zu geben, Mrs. Mavis und Miss Grace Mavis vorzustellen, zu erklären, dass sie soeben der Empfehlung, ja der dringenden Bitte von Mrs. Allen, zwang- und furchtlos vorbeizuschauen, nachgekommen seien, während Mrs. Allen lediglich durch die für sie so typische Zeitknappheit (insbesondere wenn sie aus Mattapoisett herbeieile, um ein paar Stunden lang dringende Einkäufe zu tätigen) daran gehindert worden sei, im Lauf des Tages einen Besuch abzustatten, um zu erläutern, wer die Damen seien und um welche Gunst sie ihre gütige Freundin ersuchen müsse. Gutmütige Frauen verstehen einander, auch wenn sie aus verschiedenen Stadtteilen kommen und demzufolge sozusagen am oberen und unteren Ende der Tafel sitzen. Aus diesem Grunde hatte unsere Gastgeberin rasch die wichtigsten Fakten ermittelt: Mrs. Allens Besuch an jenem Morgen in der Merrimac Avenue, um über Mrs. Ambers großartige Idee, den Unterricht an den öffentlichen Schulen in den Sommerferien, zu sprechen (sie brachte – sogar bei diesem Wetter! – dem South End gleiche Barmherzigkeit entgegen wie Mrs. Mavis), wo Spiel und Sport und Musik die armen verwahrlosten Kinder von der Straße fernhalten sollten. Dann die Offenbarung, dass plötzlich, fast von einer Minute auf die andere, feststand, dass Grace nach Liverpool auslaufen solle, da Mr. Porterfield endlich bereit sei. Er nehme gerade ein paar Tage Urlaub. Seine Mutter sei bei ihm, sie seien von Paris nach England gereist, um sich einige der berühmten alten Gebäude anzusehen, und er habe telegrafiert, um ihnen mitzuteilen, dass sie die Sache zu Ende bringen und heiraten könnten, wenn Grace sofort abreiste. Zogen sich die Dinge über Jahre derart hin, kam es nicht selten vor, dass am Ende alles überstürzt erledigt wurde. In diesem Fall bliebe Mrs. Mavis natürlich gar nichts anderes übrig, als aufgeregt umherzuflattern. Die Überfahrt ihrer Tochter war gebucht worden, doch es erschien wirklich allzu furchtbar, dass sie ihre Reise allein, ohne Gefährtin oder Begleitung, antreten sollte, zumal es ihre erste Schiffsreise war. Sie könne sie nicht begleiten – Mr. Mavis sei zu krank: Sie habe ihn nicht einmal an die Küste mitbringen können.

»Nun, Mrs. Nettlepoint reist mit demselben Schiff«, hatte Mrs. Allen gesagt, und sie hatte die Ansicht vertreten, dass es das Einfachste wäre, das Mädchen in ihre Obhut zu geben. Als Mrs. Mavis erwidert hatte, dass das ja alles schön und gut sei, sie jene Dame aber nicht kenne, hatte Mrs. Allen erklärt, dass dies nicht den geringsten Unterschied mache, da Mrs. Nettlepoint sicher zu jedem Freundschaftsdienst bereit sei. Es wäre wirklich ein Leichtes, sie kennenzulernen, falls dies das ganze Problem sei! Mrs. Mavis brauchte nur am nächsten Morgen, wenn sie ihre Tochter an Bord des Schiffs begleite, direkt auf sie zuzugehen (sie würde sie zusammen mit ihrer Gesellschaft an Deck sehen) und ihr klar und deutlich zu sagen, was sie wolle. Mrs. Nettlepoint habe selbst Töchter und hätte sicher Verständnis. Höchstwahrscheinlich würde sie sich auch nach der Ankunft noch gern ein wenig um Grace kümmern, die sich in einer so misslichen Lage befand und allein dem Gentleman entgegenreiste, mit dem sie verlobt war. Sie würde, einer guten Samariterin gleich, ihr helfen, sich vor der Hochzeit etwas umzusehen. Mr. Porterfield schien davon auszugehen, dass sie nicht lange zu warten brauchten, wenn sie erst einmal da wäre: Sie würden sofort alles beim amerikanischen Konsul erledigen. Mr. Allen hatte gesagt, es wäre vielleicht noch besser, Mrs. Nettlepoint vorher, noch am selben Tag, aufzusuchen, um ihr die Bitte vorzutragen: Dann würden sie nicht den Anschein erwecken, sie kurz vor ihrer Abreise zu überfallen. Sie (Mrs. Allen) werde sie selbst besuchen und ein Wort für sie einlegen, wenn sie vor Abfahrt ihres Zuges noch zehn Minuten erübrigen könne. Dass sie nicht erschienen sei, liege wohl daran, dass sie ihre zehn Minuten nicht hatte erübrigen können, aber sie habe ihnen das Gefühl vermittelt, trotzdem vorbeischauen zu müssen. Mrs. Mavis sei es lieber so, weil morgen auf dem Schiff solch ein Durcheinander herrschen werde. Sie glaube nicht, dass ihre Tochter eine Last bedeuten würde – ganz gewiss nicht. Es ginge ihr nur darum, dass sie jemanden hat, mit dem sie reden könne, und nicht abreist wie ein einfaches Dienstmädchen auf dem Weg zu einer Anstellung.

»Ich verstehe, ich soll eine Art Brautjungfer spielen und sie in feste Hände übergeben«, sagte Mrs. Nettlepoint entgegenkommend. Wirklich zu jedem Freundschaftsdienst bereit, bewies sie bei diesem Anlass, dass es ziemlich unkompliziert war, sie kennenzulernen. Jeder weiß, dass es nichts Unangenehmeres gibt als eine aufgezwungene Verpflichtung auf hoher See, doch sie akzeptierte unbeirrt die Bürde, sich um die junge Dame zu kümmern, und erlaubte ihr, wie Mrs. Mavis es ausdrückte, sich anzuhängen. Offenkundig war sie von Natur aus geduldig, und die Art, wie sie auf die Geschichte ihrer Besucher reagierte, erinnerte mich aufs Neue daran – ich wurde immer wieder daran erinnert, wenn ich in meine Heimat zurückkehrte –, dass meine lieben Landsmänner zu dem Volk auf Erden gehören, das gegenseitige Gefälligkeiten für selbstverständlicher hält als jedes andere. Seit jeher hatten sie sich selbst helfen müssen und ziemlich großmütig zu lernen vergessen, dass es nicht das Gleiche ist, anderen zu helfen. In keinem Land gibt es weniger Förmlichkeit und mehr Gegenseitigkeit.

Zweifellos war es nichts Außergewöhnliches, dass die Damen aus der Merrimac Avenue sich nicht aufdringlich vorkamen: Erstaunlich war hingegen, dass Mrs. Nettlepoint augenscheinlich keinerlei Verdacht in diese Richtung hegte. Allerdings hätte sie es unter allen Umständen für unmenschlich gehalten, sich dergleichen anmerken zu lassen – obwohl ich erkennen konnte, dass sie sich insgeheim über all das amüsierte, was die Gesprächigere der beiden Pilgerinnen aus South End für selbstverständlich erachtete. Ich weiß nicht recht, ob die Haltung der jüngeren Besucherin zum Verdienst der Gutmütigkeit beitrug oder nicht. Mr. Porterfields Verlobte nahm an den Erläuterungen nicht teil, sprach selten, saß da und blickte auf die Back Bay und die Lichter der langen Brücke. Sie lehnte die Limonade und die anderen Mischgetränke ab, die ich ihr auf Mrs. Nettlepoints Bitte hin anbot, während ihre Mutter allem herzhaft zusprach, und es kam mir in den Sinn – denn ich hatte ebenso freimütig ein oder zwei Gläser geleert, in denen Eiswürfel klimperten –, dass Mr.

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