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Über den Wolken …

1. KAPITEL

Gegen den Zaun gelehnt, beobachtete Lucy, wie Kevin auf der anderen Seite des Korrals auf der Bande saß und wartete, bis er beim Rodeo an der Reihe war. Mit seinem Akubrahut, dem karierten Hemd und den staubigen Stiefeln war er der typische Cowboy aus dem Outback. Stark, schweigsam, mit kantigem Gesicht und sanften Augen. Neben ihm verblassten ihre früheren Freunde.

Genau genommen war er jedoch nicht ihr Freund. Auch wenn sie es sich wünschte. Sie war mächtig verliebt in ihn, und immerhin hatte er sie gestern Abend geküsst. Nun musste einfach etwas daraus werden.

Sie seufzte wohlig. In London war es nun sicher kalt und grau, sie aber war hier im Herzen Australiens mit seinem einzigartig hellen Licht und der sengenden Hitze. Lucy schloss die Augen, wandte ihr Gesicht der Sonne zu und atmete den Geruch von Staub und Pferden ein. Sie hörte die anfeuernden Rufe der Männer, mit denen sie die zögernden Tiere in den Pferch trieben, und spürte, wie die Sonne auf ihren Hut brannte.

Ich bin glücklich, dachte sie.

„Na, wenn das nicht Cinderella ist!“

Die belustigte Stimme ließ ihr Lächeln gefrieren, und Lucy öffnete abrupt die Augen. Den Kopf musste sie gar nicht erst drehen, um zu wissen, wer neben ihr stand. Nur ein einziger Mensch hier hatte diesen britischen Akzent, den man sofort mit Oberschicht und teurer Privatschule verband.

Guy Dangerfield.

Heute Morgen erst hatte sie sich begeistert zwischen Kevin und die anderen Viehtreiber in den engen Laster gezwängt, der sie auf die Weiden brachte. Von Hal Granger, dem Besitzer von Wirrindago, und seinem nervtötenden englischen Cousin war da nichts zu sehen gewesen, und sie hatte sich auf einen vergnüglichen Tag beim Rodeo gefreut. Doch jetzt stand Guy neben ihr. Gut aussehend, weltmännisch und völlig fehl am Platz hier im Outback.

„Oh“, platzte sie heraus und versuchte gar nicht erst zu verbergen, dass seine Anwesenheit absolut keine Begeisterung bei ihr hervorrief, „Sie sind’s.“

„Was Sie nicht sagen.“

Seine Art, mit ernstem Gesicht eine völlig normale Bemerkung zu machen und ihr dabei stets den Eindruck zu vermitteln, dass er sich über sie lustig machte, ging Lucy gegen den Strich. Lag es an dem amüsierten Unterton in seiner Stimme oder an seinen tiefblauen Augen, die er hinter einer lächerlichen verspiegelten Sonnenbrille versteckte? Immer schien er leicht belustigt, selbst wenn er sie lediglich um eine Scheibe Toast bat.

Dabei hatte sie das ungute Gefühl, dass er nur ihr auf die Nerven ging. Niemand sonst auf Wirrindago schien sich über ihn aufzuregen. Alle mochten ihn.

Es war ihr ein Rätsel. Guy verfügte über eine Selbstsicherheit, die sie mit jahrhundertealten Privilegien und dicken Bankkonten verband. Sie traute seinem routinierten Charme nicht. Sein herablassender Humor und sein ach so sympathisches Lächeln waren an sie völlig verschwendet.

„Warum nennen Sie mich immer Cinderella?“, fragte sie verärgert.

„Weil Sie sehr hübsch sind und sich anscheinend nie aus der Küche entfernen dürfen“, antwortete Guy.

„Ich darf Sie vielleicht daran erinnern, dass ich Köchin bin. Wenn man am Tag drei Mahlzeiten zubereitet, für acht Männer – und dann auch noch für Besucher –, heißt das nun mal, dass man eine Menge Zeit in der Küche verbringt.“

Zufrieden damit, ihn als Besucher abgestempelt zu haben, fühlte Lucy sich nun besser. Guy würde nur kurz hier sein, während sie vorhatte, für immer zu bleiben.

„Sie scheinen in der Tat sehr viel zu arbeiten“, gab er zu. „Ein freier Tag ist das Mindeste, was Sie sich verdient haben. Und ein Rodeo im Outback scheint mir ein angemessener Ersatz für einen Ball, was meinen Sie?“, fragte er mit seinem sonnigen Lächeln, von dem Lucy annahm, es solle sie bezaubern. „Hal fungiert als böse Stiefmutter, der Lastwagen der Viehtreiber ist der Kürbis, der Sie hergebracht hat … jetzt fehlt nur noch der Märchenprinz.“

Er klopfte seine Taschen ab. „Dabei war ich mir ganz sicher, den gläsernen Schuh eingesteckt zu haben …“

„Ich habe meinen Märchenprinzen schon gefunden“, unterbrach Lucy ihn unbeeindruckt und blickte demonstrativ hinüber zur anderen Seite des Korrals, wo Kevin zusah, wie gerade ein schnaubender Hengst hereingetrieben wurde. „Für Sie bleibt nur die Rolle der hässlichen Stiefschwester.“

Zu ihrem Ärger tat die abwertende Bemerkung Guys guter Laune keinen Abbruch. Er lachte nur, und Lucy kochte vor Empörung. Natürlich glaubte er, der Märchenprinz sei seine Rolle. Dieser Mann war so ungeheuer eingebildet. Er sah wirklich ausgesprochen gut aus – selbst sie konnte das nicht bestreiten –, doch blond und blauäugig, das war einfach nicht ihr Typ. Ihr gefielen die kernigen Männer besser.

Solche wie Kevin.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie heute auch hierherkommen“, sagte sie eisig und richtete ihren Blick wieder auf den Korral.

„Die hässlichen Stiefschwestern haben immer ihren Spaß“, erinnerte er sie. „Und Rodeos sind sehr unterhaltsam, zumindest für die Zuschauer“, fügte er hinzu, als der buckelnde Hengst seinen Reiter nach kürzester Zeit abwarf. Guy stöhnte kurz auf, als der Mann mit einem dumpfen Schlag aufkam. „Das tat weh“, stellte er lakonisch fest. „Außerdem ist es eine unterhaltsame Abwechslung. Zu Hause bekommen wir nicht gerade viele Rodeos zu sehen, oder?“

Dass er „wir“ sagte und so tat, als hätten sie etwas gemeinsam, brachte Lucy in Rage. Immer und immer wieder erinnerte er sie und alle anderen daran, dass sie Engländerin war und ebenso wenig hierher gehörte wie er.

Sie hatte sich auf Wirrindago so wohlgefühlt. Sie mochte ihre Stelle als Köchin und Haushälterin, war begeistert von der Einsamkeit und davon, dass die Männer sich am liebsten zu Pferd fortbewegten. Alles war so anders als in England, wo sie aufgewachsen war, und so viel romantischer.

Bis Guy aufgetaucht war.

Es kam nicht oft vor, dass Lucy jemanden nicht leiden konnte. Als Guy jedoch vor einigen Tagen in die Küche geschlendert kam und sich mit diesem playboyhaften Lächeln vorgestellt hatte, ließ ihr sonniges Gemüt sie im Stich. Irgendetwas an ihm ärgerte sie.

Auch wenn Guy Hal Grangers Cousin war, konnte man sich kaum jemanden vorstellen, der weniger hierher ins Outback gehörte. Er ist so unglaublich britisch, dachte Lucy säuerlich. Er passte einfach nicht hierher, und sie wünschte, er würde schnellstmöglich nach London zurückreisen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Rodeos Ihnen gefallen“, wunderte sie sich.

„Und warum nicht?“ Entspannt lehnte sich Guy neben sie an die Bande. Die Ärmel seines makellosen weißen Hemds waren hochgekrempelt und gaben den Blick auf überraschend kräftige Unterarme frei, die von blonden Härchen bedeckt waren. Gegen ihren Willen konnte Lucy den Blick nicht davon abwenden. Guy hatte etwas Unwiderstehliches an sich, wenn er so dicht neben ihr stand, und sie machte unvermittelt einen Schritt zur Seite.

„Als Kind habe ich viele Ferien auf Wirrindago verbracht“, erwiderte er, offensichtlich ohne ihr Unbehagen wahrzunehmen. „Hal und ich sind oft zusammen zu Rodeos wie diesem gegangen. Für die Kinder wurden Rodeos mit Schafen und Schweinefangen veranstaltet.“

Er grinste in der Erinnerung, und seine weißen Zähne blitzten in seinem gebräunten, viel zu attraktiven Gesicht. „Wir hatten viel Spaß dabei, und ich wollte werden wie die Männer da drüben“, fuhr er fort und zeigte mit dem Kinn zu den Viehtreibern, die wie Statisten in einem Western auf der Bande saßen. „Meinen Eltern erzählte ich, dass ich nach der Schule Rodeoreiter werden wollte.“

Lucy blickte ihn entgeistert an. Sein Hemd leuchtete strahlend weiß in der Sonne, und in seiner Sonnenbrille spiegelten sich die auf der Einfassung sitzenden Reiter. Er hatte etwas Glamouröses an sich, was man eher mit einer Jacht vor Saint Tropez oder mit Skifahren in Gstaad in Verbindung brachte. Zum Rodeoreiten und Schweinefangen im australischen Outback passte es jedenfalls nicht. „Rodeoreiter?“

Immer noch lässig an die Bande gelehnt, blickte Guy sie mit seinem Filmstarlächeln an. „Genau so hat es damals mein Vater gesagt, in exakt demselben Tonfall.“

Lucy wünschte, er würde endlich aufhören zu lächeln. Es war unglaublich. Er war unglaublich. Zu energiegeladen.

Zu gut aussehend. Zu charmant.

„Und was meinte Ihre Mutter?“

„Sie antwortete, ich solle nicht so dumm sein.“

Er imitierte die kühle Stimme seiner Mutter so gekonnt, dass Lucy gegen ihren Willen lachen musste.

„Dann wundert es mich, dass Sie heute nicht mitmachen, wenn Sie doch einmal so versessen darauf waren“, sagte sie provozierend.

„Ich habe dazugelernt“, erwiderte Guy. „Heute überlasse ich das Experten, wie dem Märchenprinzen da drüben.“

Er machte eine Kopfbewegung hinüber zu Kevin, der selbstsicher auf der Bande saß und beobachtete, wie ein weiteres Pferd im Einlass vor dem Korral ungeduldig mit den Hufen scharrte. „Das da ist nur was für harte Männer.“

„Ich weiß“, antwortete Lucy, ohne auf seine letzte Bemerkung einzugehen. „Kevin findet, es ist die absolute Herausforderung“, fügte sie hinzu und spürte bereits bei der bloßen Erwähnung des Namens ein Kribbeln im Bauch.

„Kevin hat geredet?“ In gespieltem Erstaunen richtete Guy sich aus seiner entspannten Haltung auf. „Wann? Ich wusste gar nicht, dass er sprechen kann.“

„Sehr witzig“, entgegnete Lucy kalt.

„Sie müssen zugeben, dass er nicht gerade gesprächig ist“, konterte Guy. „Seit ich hier bin, hat er bei den Mahlzeiten kaum ein Wort geäußert. Nichts gegen starke, stille Typen – aber das ist lächerlich!“

„An Kevin ist nichts lächerlich“, erzürnte sich Lucy. „Er sagt nur das Nötige. Er ist eben ein richtiger Mann, anders als manch anderer“, fügte sie spitz hinzu.

Guy verschränkte die Arme vor der Brust, und Lucy hatte plötzlich den Eindruck, dass es in seinen Augen, die von dieser albernen Sonnenbrille verdeckt wurden, amüsiert funkelte.

„Sie glauben also, ein richtiger Mann könne keine Unterhaltung führen.“

„Doch, aber er verschwendet seine Zeit nicht damit, Blödsinn zu reden und anderen dumme Spitznamen zu geben.“

„Cinderella, soll das etwa heißen, ich bin kein richtiger Mann?“ Guy schnalzte mit der Zunge. „Jetzt haben Sie mich sehr verletzt.“

Wenn Lucy auch nur einen Augenblick angenommen hätte, er sei wirklich gekränkt, hätte sie sich geschämt, aber so hob sie nur energisch das Kinn.

„Sie sind nicht wie Kevin.“

„Abgesehen davon, dass ich mehr als drei Worte hintereinander herausbringe, was ist der große Unterschied zwischen uns?“

„Kevin ist ein ganzer Kerl“, gab Lucy zurück. „Er ist zuverlässig, vernünftig und arbeitet viel.“ Zu spät fiel ihr auf, dass diese Charakterisierung nicht gerade nach einem sehr amüsanten Mann klang. Und sie erwartete, dass Guy sie darauf hinweisen würde, doch er grinste nur vielsagend.

„Woher wissen Sie, dass es nicht auch auf mich zutrifft?“

Genervt blickte sie ihn an. Merkte er nicht, wie leichtfertig und oberflächlich er neben einem Mann wie Kevin wirkte? „Sie scheinen nichts besonders ernst zu nehmen“, meinte sie schließlich. „Haben Sie überhaupt einen Job?“

„Natürlich!“ Guy mimte den Beleidigten. „Ich bin Investmentbanker.“

„Ach … Banker“, bemerkte Lucy abfällig. „Das hat doch mit richtiger Arbeit nichts zu tun.“

„Mein Job besteht nicht nur aus Geschäftsessen und Firmenpartys.“

„Wie sind Sie dazu gekommen?“

Guy lächelte schief. „Ich muss gestehen, dass ich in einem Familienunternehmen tätig bin.“

Genau wie sie es sich gedacht hatte. Man hatte ihm ein schickes Büro eingerichtet, und die anderen machten die Arbeit. Wahrscheinlich kam er um zehn und verbrachte die meiste Zeit damit, alte Kontakte zu seinen Internatsfreunden zu pflegen.

„Ich glaube nicht, dass man Ihre Tätigkeit mit Kevins vergleichen kann“, erwiderte sie betont unbeeindruckt. „Man braucht dazu nicht seine Fähigkeiten.“

„Mag sein“, erwiderte Guy. „Und was kann Kevin, wozu ich nicht in der Lage bin?“

„Er reitet fantastisch.“ Tatsache war, dass sie ihn nie auf einem Pferd gesehen hatte, weil sie meist in der Küche war, wenn die Viehtreiber arbeiteten. Sie hatte jedoch von den anderen oft genug gehört, wie gut er ritt.

„Reiten kann ich auch.“

Ja, im englischen Stil.“

„Im englischen Stil?“ Guy zog die Augenbrauen hoch, und ein Lächeln umspielte seinen Mund. Lucy machte eine unbeherrschte Geste.

„Sie wissen genau, was ich meine. Auf einem Pferd sitzen und einen Feldweg entlangtrotten, das gelingt jedem. Ich rede von richtigem Reiten, vom Arbeiten mit dem Tier, es so zu beherrschen wie Kevin. Ein Pferd einreiten oder einen Stier fangen und niederwerfen, ohne ihn zu verletzen … all das, was er jeden Tag tut.“

„Ich gestehe, dass ich in der Bank nicht viel Zeit auf dem Pferderücken verbringe; wenn ich es jedoch wollte, könnte ich durchaus als Viehtreiber mein Geld verdienen. Meinen Sie denn, Kevin wäre in der Lage, eine Investmentbank zu leiten?“

Lucy warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. „Wollen Sie wirklich für sich in Anspruch nehmen, Sie könnten so gut wie Kevin reiten?“

„Ich habe doch nicht gesagt, dass ich gut bin, trotzdem behaupte ich, dass ich ein ganzer Kerl sein kann, wenn ich es will.“

Sein Gesichtsausdruck gab wie üblich nichts preis, doch seine Stimme klang so amüsiert, dass es Lucy auf die Palme brachte. Sie glaubte ihm kein Wort. Er nahm sie auf den Arm. Wahrscheinlich war er beleidigt, weil Kevin ein anderes Kaliber war als er.

Sie blickte ihm ins Gesicht. Sie hatte es satt, ständig von Guy aufgezogen zu werden. „Dann beweisen Sie es!“

„Beweisen, dass ich reiten kann?“ Guy rieb sich das Kinn, „Wie soll ich das machen? Mir einfach ein Tier schnappen?“

„Wir sind bei einem Rodeo“, sagte sie sanft. „Da drüben sind genügend Pferde.“ Sie deutete auf die Pferche hinter der Arena. „Sie könnten an einem der Wettbewerbe teilnehmen.“

„Haben Sie die Pferde gesehen?“ Guy verzog das Gesicht. „Die Hälfte von denen ist völlig wild.“

Lucy zuckte die Schultern. „Ich dachte, Sie sind sicher im Sattel.“

„Reiten ist nicht gleich reiten, und das wissen Sie.“

„Sie haben doch behauptet, so gut wie Kevin zu sein. Sicher ist es nicht einfach, aber ein richtiger Mann liebt die Herausforderung. Sie anscheinend wohl eher nicht“, sagte sie abschätzig und bereute es gleich darauf, denn Guy hatte sich aufgerichtet und war plötzlich sehr groß und sehr nah.

Für einen Augenblick glaubte sie, zu weit gegangen zu sein, doch dann lächelte er. Er nahm die Sonnenbrille ab und schaute Lucy, die ihn abweisend ansah, in die blauen Augen. „Das würde ich nicht sagen, Cinderella“, erwiderte er leise.

Sein Blick zog sie in seinen Bann, und plötzlich nahm sie den Lärm und die Gerüche um sie her nicht mehr wahr.

Seit seiner Ankunft hatte sie in Guy nur den Playboy gesehen, der zu attraktiv und zu charmant war. Jetzt plötzlich sah sie in ihm den Mann – einen Mann mit warmer, gebräunter Haut, kaum wahrnehmbaren blonden Bartstoppeln, einem energischen Kinn und einer leicht gebogenen Nase, mit Lachfalten um die tiefblauen Augen, und mit einem Mal hatte sie das Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben.

„Ich würde sogar sagen, dass ich Herausforderungen besonders liebe“, fuhr er fort, und neben dem bekannten amüsierten Unterton in seiner Stimme hörte Lucy noch etwas anderes heraus, das bei ihr ein Prickeln auslöste.

Sie schluckte und schaffte es endlich, den Blick abzuwenden und einen Schritt zurückzuweichen. „Dann machen Sie also mit?“ Sie spürte, wie ihre Knie ganz leicht nachgaben.

Guy grinste unverschämt, und ihr Herz schlug plötzlich schneller. „Dabei wäre es viel leichter, wenn Sie mir einfach glaubten.“

„Das tue ich, wenn Sie bei der nächsten Runde mitmachen. Jetzt kommt das Kälbertreiben. Dafür wird man Ihnen auch ein richtiges Pferd geben.“

„Kälbertreiben? Etwas Schwierigeres haben Sie nicht gefunden?“, scherzte Guy. „Ich soll mich nicht nur auf dem Pferd halten, sondern nebenbei auch noch ein Kalb mit dem Lasso einfangen?“

„Eine echte Herausforderung. Das mögen Sie doch.“

„Wenn ich Sie anders nicht überzeugen kann, dann mache ich wohl besser …“ In diesem Moment ertönte ein „Ooooh“ von den um den Korral stehenden Zuschauern und unterbrach ihn. „Ist das nicht Kevin?“

„Kevin?“ Lucy drehte sich unvermittelt um und sah gerade noch, wie ihr Traummann sich in einer kleinen Staubwolke von den Hufen des Pferdes wegrollte. Dann sprang er auf, grinste breit und half den Männern, das bockende Tier wieder einzufangen. Es wurde geklatscht; wahrscheinlich war er also länger auf dem Rücken des Hengstes geblieben als die anderen.

Sie hatte seinen Triumph verpasst. Lucy war beschämt und wütend auf Guy, der sie abgelenkt hatte. Als Kevin jedoch wenig später quer durch den Korral auf sie zukam, schenkte sie ihm ihr strahlendstes Lächeln.

„Du warst großartig“, sagte sie und hoffte, dass er zu beschäftigt gewesen war, auf dem Pferd zu bleiben, um zu bemerken, dass sie mit Guy geredet hatte, statt ihm zuzusehen.

„War nicht schlecht“, erwiderte Kevin lakonisch.

„Gratuliere.“ Wie üblich ließ Guy sich immer dann vernehmen, wenn es nicht erwünscht war. Hätte er auch nur einen Funken Feingefühl gehabt, hätte er eine Entschuldigung gemurmelt und sie mit Kevin allein gelassen. Aber nein, er schüttelte ihm die Hand, war freundlich, interessiert, wollte wissen, wie man es anstellte, so lange auf dem Pferd zu bleiben – bis Kevin richtig gesprächig wurde.

„Ist es nicht Zeit, dass Sie sich für das Kälbertreiben fertig machen, Guy?“, unterbrach Lucy die beiden, als der nächste Wettkampf übers Megafon angekündigt wurde. „Sie wollen Ihre Chance doch nicht verpassen, oder?“

„Sie machen mit, Guy?“, fragte Kevin verblüfft, und es entging Lucy nicht, dass es ihn mehr zu interessieren schien als alles, was sie zu sagen hatte.

„Es sieht so aus.“ Guy lächelte. „Lucy hat mich herausgefordert, da kann ich mich nicht drücken. Ich weiß nur nicht, ob man mich lässt. Es würde mich nicht wundern, wenn die Kampfrichter keine Amateure zuließen.“

So leicht wollte Lucy es ihm nicht machen. „Sie können zumindest fragen.“

Kevin blickte ihm erstaunt nach, als Guy davonging. „Ich wusste gar nicht, dass er Lassowerfen beherrscht.“

„Das tut er auch nicht“, sagte Lucy verächtlich. „Gleich wird er wiederkommen und sich herausreden, warum er nicht teilnehmen kann.“

Aber Guy kam nicht zurück, und Lucy hätte jetzt glücklich und zufrieden sein können, da sie endlich mit Kevin allein war. Stattdessen wurde sie vom Gelächter der Rodeoteilnehmer abgelenkt und verfolgte, wie Guy, der sich einen Hut geborgt hatte, den Clown spielte, indem er verkehrt herum auf ein Pferd zu steigen versuchte, und damit alle zum Lachen brachte.

Was für ein Angeber er doch war! Entschlossen wandte sich Lucy wieder Kevin zu. Es fiel ihr aber schwer, sich auf ihn zu konzentrieren, während Guy vor den Zuschauern Kapriolen machte.

Je schneller diese Farce zu Ende ist, desto besser, dachte sie und war froh, als Guy endlich beim Rodeo an der Reihe war. Man hatte ein Pferd für ihn aufgetrieben, und jemand würde ihm in den Sattel helfen.

Oh!

Lucy hatte erwartet, dass er es nicht einmal allein schaffen würde, aufzusitzen. Doch Guy schwang sich elegant aufs Pferd und hielt es hinter der Absperrung im Zaum, während das Kalb in den Korral gelassen wurde und zehn Sekunden Vorsprung bekam.

Erschreckt durch die ungewohnte Umgebung, stürzte es in die Arena auf der Suche nach einem Ausgang. Dann ging die Schranke hoch, und Guy trieb sein Pferd in leichtem Galopp bis auf die Höhe des Tieres.

Lucys blaue Augen blitzten zornig, als sie sah, wie natürlich und mühelos Guy ritt, dabei das Lasso vom Sattelknauf nahm und mit einer Hand das Gewicht prüfte, als machte er nie etwas anderes.

„Ich kann reiten“, hatte er gesagt und genau gewusst, dass sie ihm nicht glauben würde. Und jetzt das. Gekonnt schwang er das Lasso über dem Kopf, bevor er es schlangengleich durch die Luft wirbelte und über die Hörner des Kalbs gleiten ließ.

Alle klatschten, was Guy veranlasste, sofort wieder den Clown zu spielen und, mit dem Hut winkend, den Applaus entgegenzunehmen.

„Nicht schlecht für ’nen Engländer“, bemerkte Kevin.

Lucy musste ihm recht geben. Sie wusste, dass Guy nicht geplant hatte, sie hereinzulegen, trotzdem fühlte sie sich getäuscht.

Für diesen Nachmittag hatte sie genug von Guy Dangerfield. „Komm“, sagte sie abrupt, „gehen wir zu den anderen.“

„Dann können wir auch gleich unsere Schlafsäcke mitnehmen“, sagte Kevin. „Es gibt sicher noch ein Plätzchen unten am Fluss, da schlafen wir meistens.“

Lucy blieb wie vom Donner gerührt stehen. „Schlafen?“

„Nach dem Rodeo gibt’s immer ’ne kleine Party in der Scheune“, erklärte er, als wüsste das jeder. „Wir trinken dann ziemlich viel Bier, und es wird getanzt. Danach will keiner mehr nach Hause fahren.“

„Aber … ich wusste nicht, dass du hierbleibst.“ Enttäuscht sah Lucy ihn an. „Ich habe Hal versprochen, heute Abend zurück zu sein. Seine Nichte und sein Neffe kommen morgen, und ich habe zugesagt, ihm zu helfen, alles herzurichten.“

Kevin sah darin kein Problem. „Hal weiß, dass du bei uns bist. Er rechnet sicherlich nicht vor morgen mit dir.“

Unsicher biss sie sich auf die Lippe. „Hast du für mich auch einen Schlafsack mitgebracht?“

„Klar“, sagte Kevin und lächelte so sanft wie immer, was normalerweise Lucys Herz schneller schlagen ließ.

Diesmal war sie allerdings zu sehr hin und her gerissen, um darauf zu reagieren. So lange hatte sie sich gewünscht, mehr Zeit mit Kevin zu verbringen, und nun, da er Interesse zu zeigen schien, wurde nichts daraus. Es war so unfair.

Könnte sie nur bleiben! Sie liebte Partys, und die heute würde sicher ein riesiger Spaß werden. Mit Grillen und Tanz in der Scheune, und später würde sie vielleicht allein mit Kevin im Licht der Sterne hinunter zum Fluss gehen … Es wäre der perfekte romantische Abend.

Doch sie hatte Hal versprochen, zurückzukommen, und hätte den ganzen Abend ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich nicht daran halten würde.

Ihr Boss war kein einfacher Mensch, und Lucy fühlte sich ein wenig unsicher ihm gegenüber. Immerhin hatte er ihr den Job gegeben und damit die Chance, im Outback zu arbeiten. Ohne ihn hätte sie Kevin nie kennengelernt. Außerdem hatte Hal ihr unmissverständlich gesagt, dass ihre Hauptaufgabe darin bestand, sich um die Kinder seiner Schwester zu kümmern, solange sie auf Wirrindago waren. Es war sogar Bestandteil ihres Vertrags.

Wenn sie aber darauf bestand, dass Kevin sie am Abend zurückfuhr, müssten die anderen Viehtreiber sich ihnen anschließen, da es lediglich einen Lastwagen gab. Lucy wusste, dass sie nur wenige Gelegenheiten zum Feiern hatten und es ihnen gegenüber nicht fair wäre, wenn sie ihretwegen nicht an der Party teilnehmen könnten.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, Kevin“, gestand sie ihm hilflos. „Ich würde nur zu gern mitfeiern, ich habe aber versprochen, dass ich heute noch zurückkomme. Wenn ich nur gewusst hätte …“

In diesem Augenblick gesellte sich Guy zu ihnen, wie immer wie aus dem Ei gepellt. Anscheinend war der Ritt für ihn selbst in der glühenden Hitze nicht schweißtreibend gewesen. Voller Groll blickte Lucy ihn an. Er hätte zumindest so viel Anstand besitzen können, vom Pferd zu fallen. Dann würde er wenigstens schmutzig und wie alle anderen aussehen.

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