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Über den Wolken

Über die Autorin

Claudia Busch, 1977 in Moers geboren, studierte Deutsch und Geografie auf Lehramt. Nach ihrem Referendariat entscheidet sie sich gegen den Schuldienst, um ihrem Traumberuf nachzugehen. Sie absolviert eine Ausbildung zur Stewardess. Mittlerweile arbeitet sie seit zehn Jahren als Flugbegleiterin bei einer bekannten deutschen Airline. Zusammen mit ihrer Familie wohnt sie in der Nähe von Düsseldorf.

INHALT

Über die Autorin

Prolog

Dreams …

… are my reality

Zwischen Himmel und Erde

Stopover

Im Hangar

Wind Nord-Ost, Startbahn null-drei

Auf der Startbahn

Auf kurz …

… oder lang

Völlig losgelöst

In fremden Betten

Knockin’ on heaven’s door

Flughund

Die sprechende Tasche

Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen

Der Mann auf 34A

Schalom chaverim

Sex in the air

Der Preis ist heiß

Das verflixte siebte Jahr

Ménage à trois

Aus der Zeit gefallen

Flugzeuge im Bauch

Holterdipolter

Nichts geht mehr

Alle Mann an Bord

Smoke on the water

Sakramente

Die Macht der Mächtigen

Über den Wolken

Ein kleines Nachwort

PROLOG

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Montagmorgen nach einem Brückentagwochenende. Vier Tage hatten die Schüler keinen Unterricht und ich, die Referendarin, der Depp vom Dienst und Fußabtreter für alle, auch nicht. Ein bisschen fühlt es sich an wie der erste Tag nach den Ferien. Obwohl das nur eine Wunschvorstellung sein kann.

Ich habe das lange Wochenende ausgiebig mit Michael und Andrea – meinen besten Freunden – zelebriert. Und jetzt stehe ich wieder hier. Acht Uhr zehn Unterrichtsbeginn, siebte Klasse. Die Schüler sind unruhig. Sehr unruhig. Ronja und Lea giften sich an.

»Du doofe Kuh!«

»Sag das noch mal, und ich sag es meinem Bruder, der ist in der Elf. Da hast du den Tag deines Lebens!«

»Ich bitte um Ruhe«, skandiere ich und raschele demonstrativ und vollkommen unbemerkt mit meinen Unterlagen. Scheiße. Das ist die Mappe des sechsten Jahrgangs. Ich habe die Tasche nicht richtig gepackt. Panik steigt in mir auf.

»Du doofe Kuh!«

»Na warte!«

Die beiden Mädchen gehen aufeinander los. Es sieht so aus, als wollten sie sich die Augen auskratzen. An den Haaren wird natürlich auch gezogen. Ich gehe dazwischen, setze die Mädchen auseinander. Sie funkeln sich weiterhin giftig an. Wenn Blicke töten könnten.

Der Rest der Klasse benimmt sich so, als wäre ich gar nicht da. Ich räuspere mich laut und lege meinen besten Fräulein-Rottenmeier-Ton auf: »Ruhe!«

Jetzt sehen sie mich fasziniert an. Wie eine seltene Tierart im Zoo. Dann hustet der Erste. Karsten, hinten links. Danach die ganze Reihe rechts hinten. Dann geht es vorne weiter. Gruppenhusten. Davor wurde ich schon gewarnt, aber ich wusste nicht, wie schrecklich es sein kann.

Resolut und mit unbeweglicher Miene baue ich mich hinter dem Pult auf – die müssen ja nicht wissen, dass ich die falschen Unterlagen eingepackt habe und zudem ziemlich verunsichert bin. Niemals in die Karten blicken lassen, das war der erste Tipp, der mir vor knapp anderthalb Jahren im Lehrerzimmer zugeraunt wurde.

»Wer mag die Hausaufgaben vortragen?«, frage ich forsch und blicke mich um. Viele husten noch. Okay, ich kann das auch lauter. »WER? HAT? DIE? HAUSAUFGABEN? GEMACHT

So ein Mist. Keiner reagiert. Ich hole tief Luft. Einer muss anfangen, dann läuft das schon. Also, wer ist das Schlachtlamm? Kai. Der macht immer die Aufgaben. »Kai, lies bitte die Hausaufgaben vor.«

»ICH?!« Er guckt mich empört an. »Nö.«

»Nö?« Am liebsten würde ich mich hinter der Gardine verstecken, aber das geht natürlich nicht. Auch aus hygienischen Gründen.

»Anna, die Hausaufgaben.« Ich recke mein Kinn vor.

»Hab ich nicht.« Sie schaut kaum von ihrem Schminkspiegel auf.

Das ist kein Unterricht, das ist ein Albtraum. Ich möchte nach Hause, unter meine Decke, in mein Bett. Jetzt sofort. Aber das geht nicht. Also noch einmal.

»Hat jemand die Hausaufgaben gemacht?«, brülle ich, aber keiner, wirklich keiner der Puber-Tiere reagiert. Verdammt.

Was ist hier los? Ich baue mich vor der Klasse auf. Sie reden miteinander, als wäre ich nicht da. Karina geht zu Anna und hilft ihr beim Schminken.

»SETZ DICH!«, schreie ich sie an. »SOFORT! Sonst berufe ich eine Lehrerkonferenz ein, und dann fliegst du achtkantig von der Schule!«

Auf einen Schlag ist die Klasse ruhig. Sie schauen mich an, als wäre ich eine rosa Kuh mit grünen Tupfen. Keine Ahnung, wie ich das angestellt habe. Vermutlich hat es was mit dem Signalwort »Lehrerkonferenz« zu tun. Das funktioniert immer ähnlich gut wie »Elternanruf« oder »Schulverweis«. Allerdings darf man nicht inflationär mit den Begriffen um sich schmeißen, sonst verpufft die Wirkung. Und manchmal, ja manchmal, da muss man dann halt wirklich eine Lehrerkonferenz einberufen oder einen Elternanruf tätigen oder einen Schüler der Schule verweisen, selbst wenn man das eigentlich gar nicht will. Aber was muss, muss.

»Gruppenarbeit«, zische ich. »Wenn ihr die Hausaufgaben nicht gemacht habt, holt ihr sie jetzt eben in der Stunde nach. Bildet Vierergruppen.«

Und das war ein Fehler. Jetzt diskutieren sie lang und breit, wer mit wem und mit dem nicht und wieso, weshalb, warum und überhaupt.

»Schluss!«, unterbreche ich die Diskussionen und teile sie kurzerhand selbst ein. Auch keine gute Idee. Oskar zieht Fritz den Stuhl weg, Fritz knallt auf den Boden, die Klasse johlt. Lea und Ronja nutzen die Chance und gehen sich wieder an die Gurgel. Ich ziehe die beiden auseinander, versuche den Streit zu schlichten. Am liebsten würde ich die Mädels auf den Gang schicken, damit sie ihr Gefecht dort austragen, möge der Bessere gewinnen und so. Aber das darf ich nicht.

Irgendwann sitzen dann alle schließlich an den Tischen und arbeiten. Entnervt lasse ich mich auf den Stuhl hinter dem Pult fallen. Meine Hände zittern, und meine Beine tanzen einen Wackelpudding-Twist. Ich habe kaum Luft geholt, da klingelt es. Alle springen auf und verlassen hustend die Klasse, ein fettes Grinsen im Gesicht.

Es sind nur Kinder, und sie wissen, dass ich ihnen heute nicht gewachsen war – aber ich möchte nur noch nach Hause und nie wieder eine Stunde halten. Kinder können so grausam sein. Will ich diesen Job überhaupt machen? Bin ich wirklich Vollblutlehrerin? Die nächsten Jahre, o Gott, nein: Jahrzehnte!, werde ich Machtspielchen mit unerzogenen Halbwüchsigen austragen müssen. Unterricht vorbereiten, Unterricht abhalten, Unterricht nachbereiten. Miese Aufsätze korrigieren, Referate hören, Noten geben. Mir in stinklangweiligen Lehrerkonferenzen den Hintern platt sitzen, stundenlang über die Anschaffung neuer Lehrbücher debattieren und mich irgendwann nur noch auf die Ferien freuen. Ich hatte es mir so schön vorgestellt, das Lehrersein, aber die Realität ist anders. Meine Kolleginnen und Kollegen haben zum größten Teil Spaß am Unterricht, mir bereitet er schlaflose Nächte. Ich glaube nicht, dass ich Schüler wirklich begeistern kann.

Und die wichtigste Frage ist: Will ich das überhaupt?

Herzlich willkommen an Bord unseres BlueSky-International-Airlines-Flugs. Sie sitzen in einer Boeing 737, und unser Captain wird Sie gleich an das Ziel Ihrer Träume fliegen. Die voraussichtliche Flugzeit wird etwa vier Stunden und fünfzehn Minuten betragen. Bitte vergewissern Sie sich, dass großes und schweres Handgepäck sicher unter Ihrem Vordersitz platziert ist. Für kleinere Handgepäckstücke und Garderobe nutzen Sie bitte den Stauraum in den Gepäckfächern über Ihnen. Schnallen Sie sich an und ziehen Sie Ihren Sitzgurt fest. Aus Sicherheitsgründen empfehlen wir Ihnen, während des gesamten Fluges angeschnallt zu bleiben.

DREAMS ...

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So würde sie klingen, die fachmännische Ansage von mir, wenn, ja, wenn ich Flugbegleiterin wäre.

Bin ich aber nicht. Ich bin Lehrerin. Demnächst, falls ich das Referendariat überhaupt überlebe. Und dann das Staatsexamen bestehe. Wenn ich im Anschluss daran verbeamtet werde und eine Planstelle ergattere, werde ich die nächsten einhundert Jahre Kinder mit Gruppenhusten unterrichten. Mindestens. Und das ohne wirkliche Begeisterung.

»Was ist los mit dir, Süße?«, fragt Michael und lässt sich auf den Hocker neben mich plumpsen. Er zwinkert dem Barkeeper zweideutig zu, und keine Sekunde später stellt ihm dieser einen Prosecco auf Eis vor die Nase.

»Und du? Noch ein Bier?«, fragt mich der Barkeeper und lässt Michael dabei keinen Moment aus den Augen.

Ich nicke.

»Hallo? Erde an Claudia! Was ist los?«

Michael knufft mich in die Seite. Dem kann man aber auch gar nichts vormachen. Wir sind schon seit dem Sandkasten befreundet, seit damals, als er mir meine Arielle-die-Meerjungfrau-Barbie geklaut und niemals wieder zurückgegeben hat. Sie sitzt heute noch in seinem Schlafzimmer im Regal, wie eine Jagdtrophäe.

»Nichts«, winke ich ab.

»Kummer mit Gregor?«

Ich schüttele den Kopf. »Schön wär’s«, murmele ich.

Gregor ist mein Lebensgefährte, wie man heutzutage so schön sagt. Mein Freund. Er ist dreißig und somit fünf Jahre älter als ich. Ideal, hat meine Mutter entschieden. Wir sind seit fast drei Jahren ein Paar. Gregor ist Immobilienmakler und sehr erfolgreich, gerade jetzt, wo Waschbeton wertvoller ist als jede noch so sichere Rente. Gregor ist der Traumschwiegersohn schlechthin, ein Frauenversteher mit romantischer Ader, aber trotzdem sehr männlich. Der Beschützertyp.

Vor vierundzwanzig Stunden hat Gregor höflich darum gebeten, mein zukünftiger Ehemann werden zu dürfen.

»Spuck’s aus, Claudi! Irgendwas ist doch«, meint Michael treffend.

»Wir waren gestern Häuser gucken«, wimmere ich.

»Häuser?«

»Ja, Gregor hat eine Mappe angelegt mit Objekten, die ihm zum Verkaufen angeboten wurden. Zwei davon, meint er, wären ideal für uns. Und die haben wir uns angeschaut.«

»Und wo ist der Haken?«

»Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht«, hauche ich schwach.

Michael schweigt, schlürft an seinem Prosecco. Ich nehme einen großen Schluck Pils und unterdrücke ein Rülpsen.

»Er möchte das Haus kaufen, für uns. Und nächstes Jahr im Mai will er heiraten. Und in zwei, drei Jahren soll das erste Kind kommen. Vorher könnten wir uns einen Hund anschaffen, hat er gesagt. Zum Üben.«

»Wahnsinn.«

»In der Tat«, sage ich. »Du bist meine erste Brautjungfer. Ich darf doch davon ausgehen, dass du kommst und rosa Wattebäuschchen schmeißt?«

Michael lächelt. »Sag mir rechtzeitig vorher Bescheid, damit ich dann meine Off-Tage nehmen kann.«

Ich blicke ihn von der Seite an. Michaels dunkles Haar glänzt, es ist wohl noch feucht von der Dusche. Braun gebrannt und entspannt sieht er aus. Er riecht sogar ein wenig nach Sonnenmilch, bilde ich mir ein. Wir haben Januar, und niemand braucht in Deutschland Sonnenmilch.

»Wo kommst du eigentlich gerade her?«

»Malediven. Es war traumhaft.« Er grinst breit. »Nur Margo meinte, sie müsse die Paxe erschrecken. Kurz vor der Landung schaute sie auf die Tragfläche und schrie: ›Was ist denn das?‹ Sie hat sich kaputtgelacht. Aber die Paxe fanden das weniger witzig.«

Ich kichere. Die Paxe, das weiß ich inzwischen aus all den farbenfrohen Erzählungen von Michael, sind die Passagiere.

»Wie geil! Ich kann es mir bildlich vorstellen.«

»So lustig war das gar nicht. Wir hatten einen Mann dabei, der litt unter extremer Flugangst. Er hat den ganzen Flug über in eine Papiertüte geatmet. Ich glaube, der ist fast gestorben. Ich kann Margo ja verstehen – ein wenig Spaß muss sein –, aber doch nicht, wenn jemand beinahe einen Herzinfarkt bekommt! Auf dem Rückflug wollte doch tatsächlich jemand …«

Und dann fängt er an zu erzählen.

Michael ist Flugbegleiter bei BlueSky International. Er hat drei Semester Design studiert, dann hat er sich bei BlueSky beworben. Das ist jetzt fast vier Jahre her, und seitdem beneide ich ihn. Aber nur heimlich.

»Über den Wolken«, summe ich gedankenverloren, »muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …«

»Du gefällst mir gar nicht«, sagt Michael. »Eigentlich müsstest du doch überglücklich sein. Der Traum aller Heten geht für dich in Erfüllung. Habt ihr euch schon für ein Haus entschieden? Darf ich mit dir das Brautkleid aussuchen? Sag bitte bitte ja!«

»Ich habe aber noch gar nicht ja gesagt.«

»Dann mach es jetzt. Ich werde auch alles für dich tun, sogar die Einladungskarten entwerfen. Und eine Kutsche, ihr braucht unbedingt eine Kutsche!«

»Michael, ich habe zu Gregor noch gar nicht ja gesagt.«

»Was?« Er starrt mich an, sodass ich instinktiv über meinen Mund wische, um das zu entfernen, was dort hängen könnte – ein Bierschaumbärtchen zum Beispiel.

»Du hast noch nicht ja gesagt? Wieso nicht?«

Tja. Wieso nicht? Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit. Eigentlich sollte ich superdupermegaglücklich sein. Ich habe studiert, stehe kurz vor dem Abschluss und werde wahrscheinlich an meiner bisherigen Schule bleiben können und Beamtin auf Lebenszeit sein. Und ich habe einen Heiratsantrag von dem Mann erhalten, den ich liebe.

Das tue ich doch – oder?

»Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe«, gestehe ich leise.

»WIE BITTE?«, brüllt Michael so laut, dass der Barkeeper guckt.

»Na ja, also, natürlich liebe ich ihn. Gregor ist echt ein Schatz. Wirklich. Und wir streiten uns auch nie. Wir haben keine Auseinandersetzung, noch nicht mal darüber, was es am Sonntag zu essen geben soll. Er würde mir die Sterne vom Himmel holen, ohne Leiter und so. Das weiß ich alles. Aber …« Ich stocke.

»Du als zukünftige Lehrerin müsstest doch wissen, dass alles, was vor einem Aber steht, nichts gilt. Also – was aber?«

»Ich bin zu jung.«

»Aber du musst dir doch nicht gleich ein Baby andrehen lassen, Liebes.«

»Nein, ich bin für das alles zu jung. Zum Heiraten, zum Dreißig-Jahre-lang-einen-Job-Ausüben, oder, was viel wahrscheinlicher ist, siebzig Jahre, wenn die Politiker so weitermachen. Zum Haus-Kaufen. Und für den Hund bin ich auch zu jung. Ich will Abenteuer, Freiheit, was erleben.«

Ich hole tief Luft und spreche zum ersten Mal aus, was ich schon länger denke.

»Ich will so leben wie du.«

Michael sieht mich mit skeptisch hochgezogener Augenbraue an. »Ist das jetzt die komische Version eines Outings?«

»Herrgott. Nein! Ich bin immer noch sehr, sehr hetero, zumindest ist das Stand des heutigen Tags, aber ich will Flugbegleiterin werden. Die Welt sehen. Reisen. Globetrotten. Stempel im Pass sammeln, mit unterschiedlichen Menschen zu tun haben und all das!«

»Aha.«

Es gab in den gemeinsamen Jahren unserer Freundschaft nur sehr wenige Augenblicke, in denen Michael sprachlos war. Dies ist einer davon.

Meine Mutter reagiert ganz anders.

»Was willst du? Hast du Drogen genommen? Komm mal her, vielleicht ist es Fieber.«

Sie zieht mich an sich und drückt mir die Hand auf die Stirn. Währenddessen brabbelt sie unentwegt weiter.

»Ich habe von einem Meningitisfall in der Stadt gehört, vielleicht hast du dich angesteckt? Hast du Streit mit Gregor? Das gibt sich wieder. Gregor ist so ein Netter, der wird dir das verzeihen, was auch immer du getan hast«, sprudelt es aus ihr heraus.

»Mutter«, sage ich betont ruhig und langsam. »Ich habe kein Fieber, und ich habe auch keinen Streit mit Gregor.«

»Noch nicht«, wispert Michael, den ich als moralische Unterstützung mitgenommen habe. Ob das so eine gute Idee war, wird sich erst noch zeigen.

»Na, dann ist ja gut«, seufzt meine Mutter, lässt von mir ab und drückt sich theatralisch die Hand aufs Herz. »Dann ist das nur ein kurzer Moment der Unsicherheit, bevor du in den Stand der Ehe trittst.«

»Woher weißt du das?« Ich starre sie fassungslos an. »Das habe ich doch noch niemandem –«

»Gregor.« Sie strahlt. »Und er hat mir auch das Exposé von eurem Haus gezeigt. Das wird so schön!«

»Mutter, ähm …«

Ich fange einen Blick von Michael auf, der mir unmissverständlich klarmacht, dass in dieser Situation keine Ausreden gelten. Na gut, dann halt auf die herkömmliche Art: Pflaster ab und weiter im Text.

»Also, ich mach es kurz: Ich werde Gregor nicht heiraten, und wir werden auch nicht in das Haus ziehen.«

»Aber –«

»Ich möchte etwas anderes machen in meinem Leben. Etwas Aufregendes. Ich möchte kein langweiliges, spießiges Leben, ich möchte Abenteuer erleben. Und fremde Länder sehen. Und all das.«

»Aber ihr könnt doch reisen. Als Lehrerin hast du doch so viel Urlaub. Da könnt ihr doch fahren, wohin ihr wollt. Ich nehme auch den Hund.«

»Welchen Hund?«

»Gregor möchte doch einen Hund. Hat er mir letzte Woche verraten.«

»Aha. Mir hat er es erst gestern gesagt.«

Plötzlich ist mir ganz klar, dass ich mich dringend von Gregor trennen muss, bevor mich die Erkenntnis trifft, in einer Partnerschaft gefangen zu sein, die maßgeblich von meiner Mutter gestaltet wird.

»Ich möchte Flugbegleiterin werden.«

»Du willst … WAS? Das kann nicht dein Ernst sein. Nein, Claudia, das meinst du nicht so.«

Sie holt tief Luft. Das kenne ich schon, sie wird mir jetzt schwallartig mein Leben erklären – aus ihrer Sicht. Sie meint es ja nur gut, das weiß ich. Aber es nervt.

»Du musst Gregor heiraten, er ist der perfekte Ehemann, und überhaupt, Flugbegleiterin, das ist doch kein Beruf! Du hast studiert, und wir haben dein Studium bezahlt. Lehrerin, das ist sicher, du könntest Beamtin werden. Etwas Besseres gibt es doch nicht.«

»Mama, ich will aber nicht Lehrerin werden.« Mir schießen Tränen in die Augen. »Du weißt gar nicht, wie das ist, wenn dir die ganze Klasse den Rücken zudreht oder sich zwei der Puber-Tiere auf eine Art und Weise beschimpfen, die dir die Schamesröte ins Gesicht treibt!«

»Claudia, mein Kind, nur weil du eine schlechte Stunde hattest, willst du alles hinwerfen?« Sie verdreht die Augen, dann sieht sie Michael an, den sie wohl mit ins Boot holen will. Ob sie weiß, dass er selbst Flugbegleiter ist? »Das kenn ich ja schon von dir, damals war das genauso. Als du UN-BE-DINGT Klavier lernen wolltest und Papa dir das Instrument gekauft hat. Ein halbes Jahr hast du geklimpert, und dann wolltest du plötzlich reiten lernen. Zum Glück hat Papa dir da kein Pferd gekauft, ansonsten könnte das jetzt bei uns Klavier spielen. Das ist doch jetzt auch wieder so eine spontane Idee von dir. Das geht wieder weg. Glaub mir, du willst das nicht wirklich.«

»Doch!« Ich kann gerade noch verhindern, dass ich mit dem Fuß aufstampfe. Wir starren uns an wie zwei Büffel, kurz bevor sie aufeinander losgehen.

»Claudia, NEIN! Du wirst darüber nachdenken und zu der Entscheidung kommen, dass dies nur vorübergehende Zweifel sind. Schlaf darüber. Gregor ist das Beste, was dir jemals passiert ist. Das kannst du doch nicht einfach so wegschmeißen.«

»Und ob ich das kann«, brülle ich nun. »Es ist mein Leben!«

Michael räuspert sich. Er sieht so aus, als fürchte er, dass wir gleich mit Porzellan schmeißen. Eigentlich wäre mir auch danach.

»Hast du dir das wirklich gut überlegt?«, fragt er.

Hab ich das? Nein, natürlich nicht. Ich schnaufe und sehe meine Mutter an. Ihr Gesicht ist gerötet, und ich kann das Entsetzen in ihren Augen sehen.

»Ja«, lüge ich und atme kontrolliert weiter, um meinen Puls zu entschleunigen. »Das ist doch ein toller Job. Du machst ihn doch auch.«

»Jaaa«, sagt er gedehnt. »Aber …«

»Aber was?«

»Das ist alles nicht so einfach. Ich will nicht, dass du dir Illusionen machst. Es ist echt harte Arbeit. Den Job mit Ehe und Kindern verbinden – das wird schwierig. Selbst Freundschaften zu pflegen ist kein Pappenstiel – du weißt doch, wie das mit mir ist. Wir können uns oft nur spontan verabreden oder in etwa einen Monat im Voraus. Immer dann, wenn irgendetwas im Freundeskreis stattfindet, bin ich nicht da. Und wenn ich da bin, habt ihr keine Zeit. Ich verpasse Geburtstagsfeiern, Weihnachtsfeiern, Osterbrunch und Silvester mit euch.«

Ich blicke zu meiner Mutter rüber, sie hat jedes seiner Worte mit einem vehementen Nicken kommentiert.

»Das hab ich mir schon überlegt. Aber echte Freundschaften halten, sonst wärst du doch jetzt nicht hier.«

Michael lächelt. Ich bin siegesgewiss – jetzt steht es mindestens 1:0 für mich. Michael nimmt den Treffer mit wahrer Größe hin und geht zum nächsten Angriff über.

»Man wird nicht umsonst ›Saftschubse‹ genannt. Die Hauptaufgabe eines Flugbegleiters ist eigentlich, für die Sicherheit der Paxe zu sorgen. Aber die meiste Zeit ist alles sicher, und deswegen teilt man Getränke, Kissen und Decken aus, macht den Bordverkauf, lässt sich dumm anmachen und hält die Kotztüte – Service eben.«

»Ich habe jahrelang in der Gastronomie gejobbt. Das hat eigentlich immer Spaß gemacht.«

»Stimmt. Das kannst du also.«

Er scheint angestrengt darüber nachzudenken, wie er mir mein Vorhaben ausreden kann. Meine Mutter schnäuzt sich geräuschvoll in ein Taschentuch. Da scheint Michael ein Gedanke zu kommen.

»Es ist wirklich kein Vergnügen, mit schwierigen Paxen umzugehen.«

»Schwieriger als mit dreißig pubertierenden Achtklässlern kann das auch nicht sein«, halte ich dagegen.

Jetzt habe ich ihn, darauf kann er nicht kontern.

»Du kannst keine Koffer packen.«

Mist! Damit hat er mich. Das kann ich tatsächlich nicht. Gregor macht das bei uns. Und wenn er es nicht macht, sondern ich, sehen meine Sachen nachher immer aus, als kämen sie direkt aus der Altkleidersammlung.

»Das kann man lernen«, sage ich und strecke das Kinn vor. »Und ich bin lernfähig.«

»Das bist du tatsächlich«, sagt er nachdenklich.

»Kind, das kannst du nicht machen!«, schreit nun meine Mutter wieder. Ihr Gesicht ist puterrot. »Du kannst doch nicht alles hinschmeißen und Saftschubse werden.«

»Warum nicht?«, entgegne ich plötzlich ganz ruhig.

»Weil, weil … Und was ist mit Gregor?«

»Offensichtlich bist du mit ihm als Schwiegersohn viel glücklicher als ich mit ihm als Partner. Er ist nicht gewalttätig, trinkt nicht, spielt nicht und macht generell keine bösen Sachen. Wenn du möchtest, kannst du ihn ja heiraten. Ich zieh dann wieder bei Papa ein. Denn ich langweile mich mit Gregor, Mutter. Das kann es doch nicht gewesen sein. Ich bin Mitte zwanzig und will noch einmal andere Dinge ausprobieren. Bei Gregor bin ich direkt auf der Landebahn und fahre schnurstracks in Richtung Hangar. Dort bleibe ich dann für den Rest meines Lebens. Das will ich aber nicht. Ich möchte noch den ein oder anderen Flughafen ansteuern, ich wünsche mir noch mehr Turbulenzen.«

»Du scheinst vollkommen den Verstand verloren zu haben«, seufzt sie und schüttelt resigniert den Kopf. »Aber das Referendariat machst du noch zu Ende, hast du mich verstanden? Bitte. Es sind doch nur noch ein paar Wochen. Und das Staatsexamen. Bitte!«

»Sie hat recht, Claudi«, sagt Michael, der alte Verräter. »Mach das noch fertig. Nur für den Fall der Fälle. Ich habe schon mal bei uns im System nachgeschaut, es gibt Bedarf bei uns, aber die nächsten Kurse beginnen erst im September. Bewerben kannst du dich ja schon mal online.«

»Du hast schon nachgeschaut für mich?«, quietsche ich glücklich und falle ihm um den Hals. »Willst du mich heiraten?«

»Nein. Dich nicht. Lieber Gregor.«

... ARE MY REALITY

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Ich sitze nervös vor dem Telefon. Die Onlinebewerbung habe ich erfolgreich hinter mich gebracht, jetzt muss ich mich nur noch trauen, das Callcenter für das Telefoninterview anzurufen. Michael hatte eigentlich versprochen, mir beizustehen, hat aber Bereitschaftsdienst. Er wird zwar nicht immer aus dem Stand-by gerufen, aber ich habe mir abgeschminkt, dass er Zeit hat und vorbeikommt. Also muss ich da komplett allein durch. Mist!

Den letzten Kaffee habe ich vor zwei Stunden in mich hineingeschüttet – was keine gute Idee war, denn nun bin ich noch hibbeliger als vorher. Überhaupt habe ich das letzte Mal vor zwei Stunden etwas getrunken, damit meine Blase während des Telefonats nicht schwächelt. Allerdings hat sich mein Mund inzwischen in einen Teil der Sahelzone verwandelt, und ich lechze nach einem Glas Wasser. Das steht schon neben dem Telefon bereit. Ebenso meine Bewerbungsunterlagen und ein paar Fragen, die ich vorbereitet habe. Ich muss mich nur trauen. Los, Claudia! Du willst es, also mach es. Schlimmer als die Prüfungen an der Uni kann das auch nicht sein.

Plötzlich klingelt es laut, und ich zucke vor Schreck zusammen. Gott sei Dank die Tür und nicht das Telefon! Ich springe auf und öffne. Michael sieht mich genauso entgeistert an wie ich ihn.

»Willst du weg?«, fragt er.

»Was machst du denn hier?«, frage ich begeistert.

»Ich wollte dich moralisch unterstützen. Oder hast du etwa schon angerufen?«

»Aber du musst doch fliegen!«

»Bisher nicht.« Er grinst breit, geht an mir vorbei in die Küche und schaltet die Kaffeemaschine an. »Willst du auch einen?«

»Gleich. Danach.«

»Und wo willst du hin?« Er mustert mich von oben bis unten.

»Äh … nirgendwo?«

»Warum hast du dich dann so aufgetakelt?«

»Na, für das Interview. Jaja, ich weiß«, winke ich ab, als ich seinen entgeisterten Blick bemerke, »sie können mich nicht sehen. Aber ich will in der perfekten Stimmung dafür sein. Das richtige Feeling, verstehst du?«

»Hochsteckfrisur, dezentes Make-up, Pumps, Kostüm, Perlenohrringe – perfekt. Also los, ruf an!«

Michael macht es sich mit einem Becher Kaffee auf dem Sofa gemütlich.

»Wollen wir nicht erst noch mal mögliche Fragen durchgehen?«

»Nein. Sei einfach von dir überzeugt. Du willst Flugbegleiterin werden? Dann schnapp dir den Job. Jetzt.«

Ich hole tief Luft und greife nach dem Telefonhörer. Nur Mut, sage ich mir. Ich habe schon viel schwierigere Situationen überstanden. Wie zum Beispiel Gregor mitzuteilen, dass ich keinen Wert auf die drei Hs lege: Heirat, Haus, Hund. Er hat es mit großer Fassungslosigkeit aufgenommen und schickt seitdem jeden Tag einen Strauß Blumen, immer mit einem Kärtchen, auf dem steht: Was habe ich falsch gemacht, und wie kann ich meinen Fehler wiedergutmachen? Aber ansonsten lief es ganz prima.

Ich habe ihm zweimal auf seine Fragen geantwortet, einmal mit einem langen Brief, das andere Mal habe ich ihn angerufen und erklärt, dass er nichts verbockt habe, ich aber einfach nicht die passende Frau für ihn sei. Noch hat er es nicht begriffen, denn die Sträuße kommen weiterhin. Jeden Tag. Und jeden Tag bringe ich sie in das Altenheim die Straße runter. Die alten Leute freuen sich wenigstens über die bunten Blumen.

Vorgestern habe ich per Mail die Telefonnummer zugeschickt bekommen, die ich anrufen soll, um das Interview zu führen. Seitdem liegt sie auf meinem Schreibtisch und grinst mich blöde an.

Jetzt aber, denke ich, hole tief Luft, lächele und wähle.

Warteschleife. Irgendeine Kaufhausmelodie. Dritter Stock, Damenoberbekleidung, denke ich, als ein netter Mann sich meldet.

»Willkommen beim Telefoninterview für BlueSky International.« Er nennt mir seinen Namen. Markus Müller notiere ich mir direkt auf dem kleinen Block, den ich zurechtgelegt habe. Michael hat mir gesagt, dass es vorteilhaft ist, wenn man den Namen des Interviewers während des Gesprächs ein paarmal nennt.

Herr Müller gleicht die Daten meiner Onlinebewerbung mit mir ab und erklärt dann, dass das Interview etwa eine Viertelstunde dauern wird. Ich trinke einen Schluck Wasser (stilles natürlich, und nur ein winziges Schlückchen!) und sage, dass es losgehen kann.

»Sie sind Lehrerin?«, fragt Herr Müller.

»Das ist richtig. Ich habe Deutsch und Geografie auf Lehramt für Realschule studiert und werde in drei Wochen mein Referendariat abschließen.«

»Und weshalb möchten Sie dann Flugbegleiterin werden?«

»Obwohl ich immer gedacht habe, dass mir der Lehrerberuf Spaß macht, habe ich doch das Gefühl, nicht ausgefüllt zu sein. Gerade während des Referendariats habe ich das gemerkt.«

»Als Flugbegleiterin wären sie also glücklicher? Weshalb?«

Wenn ich jetzt sage, dass ich Freiheit und Abenteuer erleben will, wird mir Markus Müller die Lektüre von »Steppenwolf« empfehlen und danach sofort auflegen, das hat mir Michael garantiert.

»Ich sehe meine Kompetenz darin, dass ich mit Menschen umgehen kann. Zugegeben, auch Kinder sind Menschen.« Ich lache leise. »Jedenfalls die meisten.«

Er fällt in mein Lachen ein. Pluspunkt, denke ich.

»Ich kann gut erklären und mich freundlich und bestimmt durchsetzen, trotzdem sehe ich mich nicht vor einer Klasse stehen und unterrichten. Ich möchte den Kontakt zu verschiedenen Menschen und unterschiedlichen Kulturen.«

»Können Sie sich vorstellen, dass der Beruf des Flugbegleiters auch Nachteile hat?«

»In meinem Bekanntenkreis gibt es einige Flugbegleiter, deshalb weiß ich natürlich, dass es auch weniger schöne Dinge gibt, die mit dem Job einhergehen. Zum Beispiel den Jetlag. Oder die Arbeitszeiten. Auch dass Nachtflüge psychisch und physisch belastend sein können, ist mir bewusst. Ich weiß, dass die Wirtschaftslage Einfluss auf das Urlaubsverhalten der Leute hat und der Job eventuell nicht sicher ist. Mit meiner abgeschlossenen Ausbildung als Lehrerin habe ich für mein Gefühl jedoch ein ausreichendes Sicherheitsnetz.«

Souverän und überzeugend klingen und dabei immer lächeln, mache ich mir erneut bewusst und grinse den Telefonhörer an.

»Wenn Sie Bekannte haben, die als Flugbegleiter arbeiten, wissen Sie ja sicher, dass es nicht so einfach ist, Freundschaften zu pflegen.«

Fangfrage! Sage ich jetzt ›Ja‹, könnte er es mir so auslegen, dass ich diesen Aspekt negativ beurteile. Ich blicke zu Michael und denke an das Poesiealbum, dass ich während der gesamten Grundschulzeit mit mir herumschleppte und jedem aufs Auge drückte, der in der Lage war, einen Stift zu halten. Susanne Meierhoff aus der 4b hat damals vier Anläufe gebraucht, um zu schreiben: Freunde sind Engel, die uns wieder auf die Beine helfen, wenn unsere Flügel vergessen haben, wie man fliegt! Passt eigentlich ganz gut, wegen des Fliegens und so, könnte mich aber ein ganz kleines bisschen debil erscheinen lassen. Also lieber so: »Wahre Freundschaften zeichnen sich nicht dadurch aus, dass man sich jedes Wochenende sieht.«

Und immer lächeln.

»Haben Sie von Ihren Bekannten schon von schwierigen Situationen an Bord gehört?«

Ich überlege kurz. Natürlich habe ich das – aber was antworte ich Markus Müller?

»Schwierige Situationen gibt es in jedem Beruf. Kundenkontakt kann kompliziert sein, aber in der Regel lösen sich die Probleme mit ein wenig Kreativität und Fingerspitzengefühl.«

Hm. Das war vielleicht ein wenig zu schwammig. Unsicher schaue ich zu Michael. Der lächelt und nickt. Weiter so, scheint er zu sagen.

»Und wenn sich ein Passagier aufregt? Schüler können Sie vor die Tür schicken, in einem Flugzeug ist das nicht möglich.«

»Oh nein, man darf heutzutage leider keine Schüler mehr vor die Tür schicken«, sage ich. »Man muss Konflikte in der Klasse lösen. Und das gelingt mir auch immer.«

»Was würden Sie machen, wenn ein Passagier sehr angetrunken wirkt und einen weiteren Drink bestellt?«

»Ich würde ihm freundlich etwas anderes anbieten.«

»Aber er besteht darauf, einen Wodka zu bekommen.«

»Ich werde ihm erklären, dass der veränderte Druck in der Höhe dazu führt, dass Alkohol anders und schneller wirkt und wir deshalb nur begrenzte Mengen ausschenken dürfen, zu seiner eigenen Sicherheit und um gesundheitliche Probleme zu vermeiden. Dann werde ich ihm sagen, welche wundervollen Cocktails es auch ohne Alkohol gibt und wie lecker sie schmecken.«

»Wenn er trotzdem Wodka haben will?«

»Ich werde mit ihm wetten, dass er den Unterschied nicht schmeckt.«

»Er geht aber nicht auf die Wette ein, sondern verlangt seinen Drink.«

»Dann werde ich ihm von den Bestimmungen berichten und mein Bedauern zum Ausdruck bringen, dass ich seinem Wunsch leider nicht entsprechen kann.«

Wieder schaue ich zu Michael. Er wackelt mit dem Kopf. Das war wohl nicht ganz so überzeugend? Dann aber lächelt er mir aufmunternd zu und hebt den Daumen in die Luft.

»Sie haben angegeben, dass Sie in der Gastronomie gejobbt haben. Erzählen Sie davon.«

»Es war immer sehr abwechslungsreich. Ich fand es spannend, unterschiedliche Leute zu treffen, auch wenn man keine Zeit hatte, sich wirklich kennenzulernen. Aber allein schon zu sehen, was die Leute bestellen, fand ich interessant. Außerdem haben mir immer die Momente am meisten Freude bereitet, in denen ich gefordert wurde, zum Beispiel wenn es brenzlig wurde, weil der Schweinebraten zwar vorbestellt, aber nichts mehr übrig war. Eben immer dann, wenn ich improvisieren musste.«

»Gutes Stichwort. Now we have to switch to English. Is that okay?«

Im ersten Moment bin ich überrascht, dass der englische Teil jetzt schon kommt, aber ich kann mich schnell darauf einstellen. »That is perfect for me.«

»Where did you learn English?«

»In school, of course. But I spent half a year in the United States during my school time. It was an exciting experience and I learned so much.«

»What is the main cultural difference between Germany and the USA

»Heritage, I would say. The States are a melting pot, a lot of different cultures melted together.«

»What could Germans learn from Americans?«

»To take things more easily.«

Oh-oh. Ob das die richtige Antwort war? Ich weiß es nicht, und Michaels Miene verrät nicht, was er darüber denkt.

Markus Müller und ich reden noch ein wenig über meinen letzten Urlaub (die Kanaren mit Gregor), dann wechselt er wieder ins Deutsche. Ich traue mich nicht, auf die Uhr zu schauen. Einerseits habe ich das Gefühl, das Interview hätte gerade erst begonnen, andererseits scheint es sich wie Kaugummi zu ziehen.

»Wir bieten die Kurse in Berlin oder Frankfurt an«, sagt Markus Müller.

Die Kurse? Bedeutet das, dass sie mich nehmen? Mein Herz vollführt eine Steppeinlage.

»Wo würden Sie den Kurs machen wollen?«, fragt er weiter.

»Das ist mir egal, Herr Müller. Ich habe mich erkundigt und weiß, dass man während der Kurse keine Zeit hat, um Stadtrundfahrten zu machen oder feiern zu gehen. Daher könnte der Kurs auch in Posemuckel stattfinden, es wäre mir gleich. Sollte ich ausgewählt werden, nehme ich den Kurs, der als Erstes stattfindet.«

Michael hebt erneut den Daumen. Diese Antwort war wohl perfekt.

»Haben Sie sich noch bei anderen Fluggesellschaften beworben?«

»Nein, bisher noch nicht. BlueSky ist meine erste Wahl, deshalb habe ich mich zunächst auf diese Bewerbung konzentriert. Sollte ich bei Ihnen jedoch scheitern, werde ich mich woanders bewerben, denn ich möchte wirklich gerne Flugbegleiterin werden.«

Wieder lächele ich, auch wenn er es nicht sehen kann. Aber der Stimme hört man es an, das weiß ich. Und bestimmt hört er auch, wie schick ich angezogen bin. Wie eine echte Stewardess.

»Haben Sie noch Fragen, Frau Busch?«

Ich schlucke. Ich habe sicherlich noch tausend Fragen, aber mir will gerade einfach keine einfallen. »Im Moment nicht«, versuche ich so souverän wie möglich zu sagen.

»Sie werden in den nächsten Tagen Bescheid bekommen, ob wir Sie zum Assessment-Center einladen. Ich gebe Ihnen noch die Durchwahl zu unserer internen Hotline, falls Sie später noch Fragen haben sollten, und wünsche Ihnen viel Glück auf Ihrem weiteren Weg.«

Er diktiert mir die Nummer, wir tauschen ein paar Abschiedsfloskeln aus, und dann legt er auf. Ich sacke in mich zusammen. Die ganze Aufregung fällt mit einem Mal von mir ab, und ich fühle mich wie nach einem Marathon.

»Das hast du sehr gut gemacht«, lobt mich Michael. Er steht auf, geht zur Vitrine und holt einen Schnaps. »Trink.«

»Meinst du, ich habe Chancen?« Plötzlich fallen mir so viele Dinge ein, die ich anders oder besser hätte machen können.

»Da bin ich mir ziemlich sicher. Aber eine Garantie bekommst du von mir nicht, die gibt es nur, wenn du einen Toaster kaufst.«

Sein Handy klingelt. Er zieht es aus der Hosentasche und wirft einen Blick auf das Display. »Mist. Ich fürchte, ich werde aus der Bereitschaft gerufen.« Tatsächlich muss er kurz darauf los, um Urlauber nach Mallorca zu bringen.

Ich träume davon, dass mich in ein paar Monaten auch so ein Anruf ereilt.

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE

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Die nächsten drei Tage sind hart. Ich checke stündlich den virtuellen sowie den physischen Briefkasten. Meine Stimmung wechselt von himmelhochjauchzend zu zu Tode betrübt.

»Du bist unausstehlich«, sagt meine Mutter, und wie so oft in meinem Leben hat sie recht. »Hast du deine Tage?«

Zum Glück nicht, das wäre noch die Krönung gewesen.

»Oder trauerst du jetzt doch Gregor hinterher?«

Nein, auf keinen Fall!

Heute sind weder Post noch ein Blumenstrauß gekommen. Ersteres macht mich nervös, Zweiteres beruhigt mich. Gregor wird über unsere Trennung hinwegkommen. Ich habe seine Sachen gepackt, alles, was er so bei mir gelassen hatte, wie Wechselwäsche, Zahnbürste und seine Lieblingstasse. Beim Packen habe ich intensiv in mich hineingefühlt. War die Trennung eine Kurzschlussreaktion? Nur ein Anflug von Torschlusspanik? Wahnsinn? Übermut? Ekstase?

Aber so lange ich auch horche, weder Wehmut noch Zweifel stellen sich ein. Stattdessen nur ein großes Gefühl der Erleichterung. Wir hatten eine schöne Zeit, doch die ist nun vorbei.

Um mich vom Warten auf die Zusage bei BlueSky abzulenken, lerne ich für mein zweites Staatsexamen. Allerdings eher halbherzig. Mein Wunsch, hoch aufzusteigen in die Lüfte, wird von Tag zu Tag stärker. Ich habe sogar die Onlinebewerbungen für zwei weitere Fluglinien ausgefüllt, aber noch nicht abgeschickt.

Am vierten Tag will ich erst gar nicht aufstehen, tue es dann aber doch. In meinem elektronischen Postfach finde ich die Aufforderung, mein Paypal-Konto zu aktivieren, ich darf umsonst in einem Onlinekasino spielen, und jemand aus Russland will mir Geld schicken. Ich lösche den Spam und koche mir Kaffee. Dann schaue ich in den echten Briefkasten. Pizzaservicewerbung.

Am Vormittag bin ich mit einer Freundin zum Lernen verabredet. Bei ihr. Erst will ich absagen, um mich nicht zu weit von meinem Computer entfernen zu müssen, dann gehe ich aber doch.

»Willst du wirklich Düse werden?«, fragt mich Martina ungläubig.

»Ja.«

»Aber dann waren ja dein komplettes Studium und das Referendariat für die Katz!«

»Nein, waren sie nicht. Ich habe eine Menge gelernt und bin mir sicher, dass mir das auch zukünftig helfen wird. Vielleicht werde ich ja später mal Lehrerin«, sage ich ohne große Überzeugung. »Aber dafür müssen wir erst einmal die Prüfung packen.«

Als ich das sage, denke ich dabei an das Assessment-Center und nicht an das Staatsexamen, doch das muss ich ihr ja nicht verraten.

Wieder zu Hause angekommen, checke ich erneut den Briefkasten – es liegt nur eine Rechnung darin –, dann die Mails. Ich habe in der spanischen Lotterie gewonnen, wird mir mitgeteilt, und dann ist da eine Nachricht von BlueSky. Plötzlich klopft mein Herz wie verrückt, und meine Hände fangen an zu zittern.

Was, wenn es doch eine Absage ist? Minutenlang starre ich die Mail an, dann gebe ich mir einen Ruck.

HURRA! Ich habe das Telefoninterview bestanden und darf in vier Wochen zum Assessment-Center nach Berlin kommen. Wahnsinn. Begeistert hüpfe und tanze ich durch meine Wohnung und bin sehr froh, nicht im Erdgeschoss zu wohnen.

Erst am Abend kommt die Ernüchterung. Zwischen mir und dem Getränkewagen, den ich in Zukunft vor mir herzuschieben gedenke, liegen noch einige wichtige Schritte, und bei jedem kann ich stolpern oder gar fallen. Ich muss das Assessment bestehen, dann den medizinischen Check – wobei ich mir da ausnahmsweise mal keine großen Sorgen mache – und dann, falls ich so weit komme, auch noch die sieben Wochen Ausbildung durchlaufen. Ich habe von Kandidaten gehört, die noch am allerletzten Tag gegangen wurden, und von sehr vielen, die irgendwo auf dem Weg zur Flugbegleitung das Handtuch geschmissen haben. Einfach ist die Ausbildung sicherlich nicht. Aber wer hat gesagt, dass der einfachste Weg immer der beste ist?

In den nächsten Tagen bin ich mir nicht ganz sicher, was mir mehr Magenschmerzen bereitet – das zweite Staatsexamen oder das bevorstehende Assessment-Center. Obwohl ich mir inzwischen sicher bin, dass ich nicht als Lehrerin arbeiten will, möchte ich die Prüfung dennoch bestehen. Allein mein Ehrgeiz zwingt mich dazu. Außerdem ist meine Klasse wirklich nett und hat die ganze Zeit ordentlich mitgearbeitet. Der Klassenlehrer hat ihnen eingebläut, dass sie bei der Prüfung gut mitarbeiten müssen, damit ich bestehe. Außer Michael, meiner Familie und meiner Lernpartnerin Martina weiß bisher niemand von meinen beruflichen Ambitionen.

Die schriftliche Prüfung, die dem Examen vorausgeht, gelingt mir ganz gut, und auch die Unterrichtsvorbereitung läuft zufriedenstellend. Am Abend vor dem eigentlichen Prüfungstag werde ich dann aber tatsächlich noch ordentlich nervös.

Fleurop bringt einen Strauß Blumen zusammen mit einem kleinen Teddybären. »Viel Glück«, wünscht mir Gregor. Das ist wirklich süß von ihm, aber irgendwie auch ein bisschen anstrengend. Wie oft muss ich ihm denn noch sagen, dass wir kein Paar mehr sind?

Ich schlafe erstaunlich gut, und alle Nervosität scheint wie weggeblasen, als ich vor das Prüfungskomitee und die Schüler trete. Die Klasse ist ein wenig unruhiger als sonst, und im ersten Moment habe ich ein paar Probleme damit, Ruhe in den Unterricht hineinzubringen.

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