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Über den Wolken ist der Himmel immer blau

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Für die Novizen des Karsha Gompa,
Lama Wangyal,
und vor allem
für Pitter, Big B und Tiny T.

Bruce Kirkby und seine Frau, früher leidenschaftliche Reisende, finden sich einige Jahre nach der Geburt ihrer beiden Söhne in einem Alltag wieder, in dem Termine, Arbeit und das Smartphone regieren. Sie sehnen sich nach mehr Zeit und Aufmerksamkeit füreinander, besonders für ihr autistisches älteres Kind, den 7-jährigen Bodi.

Kurzerhand beschließen sie, alles hinter sich zu lassen und ein anderes Leben zu suchen – weit entfernt von ihrem Zuhause in Kanada. Kanus, Frachtschiffe, Züge, klapprige Busse, Esel und ihre eigenen Füße bringen die vier an ihr Ziel: Karsha Gompa, ein 1000-jähriges buddhistisches Kloster in Zanskar im Herzen des Himalaya.

Drei Monate lang teilen Bruce, Christine und ihre Söhne den Alltag der Mönche im Kloster. Sie tauchen tief ein in eine uralte Kultur, finden unerwarteten Zugang zu Meditation und Spiritualität, schließen Freundschaften und erleben sich als Familie neu. Und Bruce wird klar, dass er Bodi und seine Welt nur dann besser verstehen kann, wenn er lernt, ganz und gar im Moment zu leben.

»Ein wunderbares Buch über die Suche einer Familie nach Frieden. […] Eine erfrischende Lektüre für armchair traveller und alle, die sich nach einem erfüllteren Leben sehnen.«

Kirkus Review

PROLOG

Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit …

SIMONE WEIL,
BRIEF AN JOË BOUSQUET, 13. APRIL 1942

Himachal Pradesh
Nordindien

In rumpelnden Zügen durchquerten wir die nordindische Ebene in Richtung Westen. Die erbarmungslose Sommerhitze hatte sich auf das Land herabgesenkt, und unsere Tage verschwammen zu einer Melange aus Staub, eng aneinander gepressten Körpern, fettigem Curry und Kinderbüchern.

„Stinkt ein bisschen“, stöhnten unsere Söhne, als der durchdringende Geruch von Schweiß und Urin mit der steigenden Temperatur immer stärker wurde.

Also gaben wir unsere Sitzplätze auf und entschieden uns, die Fahrt lieber stehend vor den offenen Waggontüren zu verbringen. Seite an Seite stemmten wir uns gegen den Wind und beobachteten die an uns vorbeifliegende Landschaft: Straßen, auf denen es vor Menschen nur so wimmelte, Ziegelsteinfabriken, Reisfelder, Wasserbüffel, Reiher, die sich in die Luft schwangen. Nachmittags, wenn die letzten glühenden Sonnenstrahlen gerade vom Himmel verschwanden, entdeckte ich dunkle Wolken, die sich am Horizont sammelten – Tag für Tag rückten sie etwas näher, ganz so, als eilten sie uns entgegen.

Doch erst, als wir die Gebirgsausläufer erreicht hatten, erlöschte die Glut. Wir befanden uns eingepfercht in einem klapprigen Bus, der hüpfend die steilen, vom Steinschlag vernarbten Gebirgsstraßen erklomm, als eine Welle kühler Luft über uns hereinbrach. Einen Moment später hämmerten schwere Regentropfen auf das Dach des Busses ein. Unsere Jungs pressten ihre Gesichter an die beschlagenen Fensterscheiben und beobachteten, wie die umliegenden Berghänge hinter dem silbernen Vorhang des Monsuns verschwanden. Die Bauern auf den Terrassenfeldern flüchteten sich unter Eichen und Kastanien, als seien sie Regenschirme, und entlang der Straßengräben beugten sich die mannshohen Hanfstauden unter dieser Sintflut.

In der früheren britischen Bergstation Manali wurden hastig Schutzplanen über die Marktstände geworfen. Hupen schrillten, Hunde bellten und Touristen in neonfarbenen Jacken flitzten zwischen Trekkingagenturen, deutschen Bäckereien und Internetcafés die Pflastersteingassen hinunter. Blickte man nach oben, wurde die Sicht auf das Weltuntergangsszenario am Himmel von einem dschungelartigen Wald aus handgemalten Schildern, Satellitenschüsseln und verknäuelten Stromkabeln versperrt. Lange bevor dieses tiefe Tal zu einem Paradies für Kiffer erkoren wurde, war es unter Hindus als Kulantapith bekannt – „das Ende der bewohnbaren Welt“.

Das war es jetzt sicher nicht mehr.

Gegen Erschöpfung und Erkältung ankämpfend, fand unsere vierköpfige Familie Unterschlupf in einer Steinhütte, die sich zwischen den verwinkelten Tempeln und niedrigen Verschlägen der Altstadt versteckte, wo Obstgärten den Blick auf nebelverhangene und von Zedern bedeckte Berghänge freigaben. Dicht an dicht lagen wir in dem einzigen kleinen Bett und lasen uns das Kinderbuch „Die Berenstain-Bären schauen zu viel Fernsehen“ vor. Danach war „Mein allerschönstes Reisebuch“ von Richard Scarry an der Reihe. Dann Bill Peets „Die Welt der Wumps“. Durch das offene Fenster sahen wir, wie der Regen immer stärker wurde.

Noch lange nachdem unsere Söhne eingeschlummert waren, arbeiteten meine Frau und ich im Licht einer nackten Glühbirne. Gewissenhaft teilten wir das Wirrwarr aus Ausrüstung und Proviant auf zwei Haufen auf. Den größeren der beiden – bestehend aus Dingen, von denen wir einmal gedacht hatten, sie zu brauchen – beschlossen wir zurückzulassen. Der kleinere Haufen bestand aus dem Notwendigsten: aus allem, was man brauchte, um drei Monate zwischen den höchsten Gipfeln der Welt zu überleben.

Am nächsten Tag sollte uns ein Kleinbus über himmelhohe Pässe in den Norden bringen, zum Anfangspunkt eines unmarkierten Wanderwegs. Von dort aus wollten wir zu Fuß weitergehen, den Rücken der großen Himalaja-Gebirgskette überqueren und in diesen Strudel aus Gipfeln und umkämpften Grenzen eintauchen, in dem China, Pakistan und Indien aufeinandertreffen. Unser Ziel war Karsha Gompa, ein tausend Jahre altes buddhistisches Kloster, das oberhalb des Zusammenflusses zweier großer Flüsse wie eine Muschel am Fels klebt – bis zum Winter sollte es unser Zuhause sein.

Im angrenzenden Zimmer, die Tür stand leicht offen, schliefen beide Kinder im Wind eines Ventilators tief und fest. Ihre Wangen waren gerötet, die Laken beiseitegestrampelt. Bodi, kastanienbraunes Haar, knochig und schlaksig wie ein Karibu, war sieben Jahre alt. Ein nachdenklicher und ziemlich schlauer Junge, der im Umgang mit Fremden eher zögerlich war und feste Abläufe brauchte. Der dreijährige Taj war das Gegenstück zu Bodi – er hatte blondes Haar, war immer guter Dinge und lachte viel. Schon als Baby war er anderen gegenüber leicht zugänglich gewesen.

Während ich unsere schlafenden Kinder so betrachtete – offene Münder, getrocknete Spucke auf den Wangen, in ihrer Art vollkommen, voller Vertrauen, zerbrechlich –, legte sich für einen Moment ein Schatten über mich. Nach dem morgigen Tag gäbe es keinen Weg mehr zurück. Welche Gefahren erwarten uns? Ist diese Reise wirklich das Beste für sie? Oder will ich mir hier selbst etwas beweisen? Ich sah Christine an, sagte aber nichts. Ich wusste, dass auch sie sich Sorgen machte, auf ihre Art.

In schweißnassem Trägershirt und mit verstrubbeltem, blondem Haar versuchte meine Frau gerade, Zahnbürsten, Feuchttücher und Hotelshampoofläschchen in einen widerspenstigen Packbeutel zu quetschen. Sie spürte mein Zögern und zeigte auf das Durcheinander an Filmausrüstung zu meinen Füßen.

„Ich glaube nicht, dass du das Zeug wirklich brauchst. Wir haben sowieso schon zu viel dabei. Und einen Film zu drehen, das lenkt dich nur noch mehr ab.“

„Ja, ja, ich weiß, aber …“

Ich wollte das Filmprojekt jetzt nicht aufgeben. Immerhin hatte ich schon Tausende von Dollars in die neue Ausrüstung gesteckt: Schwebestativ, Kameraschienen und kabellose Mikrofone. Und nachdem ich gelernt hatte, damit umzugehen, hatte ich alles mit großem Aufwand nach Manali befördern lassen, in der Absicht, einen Dokumentarfilm über unsere Zeit im Kloster zu drehen.

Stur versuchte ich, ein sperriges Stativ in einen übervollen Seesack zu zwängen, jedoch ohne Erfolg.

„Im Ernst, du solltest es wieder nach Hause schicken“, sagte Christine. Und mit einem Seufzer fügte sie hinzu: „Langsam habe ich die Nase wirklich voll von diesen Kameras.“

„Diesmal wird es anders sein“, versprach ich. „Nur ich filme.“

Ich sagte das zwar, wusste aber gleichzeitig, dass ich ihr schon genug abverlangt hatte.

Ein Team vom Travel Channel, einem amerikanischen Reisefernsehsender, hatte uns von dem Tag an begleitet, an dem wir unser Zuhause in Kanada vor zwölf Wochen verlassen hatten, und von morgens bis abends gefilmt. Daraus entstand dann die Serie „Big Crazy Family Adventure“. Vor allem waren es junge Leute in den Zwanzigern mit Tattoos und Nasenringen, die flachkrempige Baseballmützen und Skaterschuhe trugen. Mein Ego hatte mich dem Fernsehprojekt noch in letzter Minute zustimmen lassen. Ich betrachtete es als Chance, mein freiberufliches Schreiben und meine Karriere als Fotograf voranzubringen – und außerdem konnten davon die Rechnungen während unserer sechsmonatigen Abwesenheit bezahlt werden. Von Natur aus introvertiert, war Christine von dieser Idee von Anfang an nur mäßig begeistert gewesen. Ihre größte Sorge war, welche Auswirkungen es auf unsere Kinder haben könnte.

Doch das Ende der Filmerei war ohnehin längst in Sicht. Am nächsten Tag würde der Großteil unserer Entourage zurück nach Los Angeles fliegen. Nur ein kleines TV-Team würde uns zu Fuß durch den Himalaja begleiten. Und auch sie sollten uns dann nach dem Erreichen des Klosters in Ruhe lassen.

„Es ist deine Entscheidung“, sagte Christine schließlich achselzuckend. „Aber ich finde, du solltest das mit dem Filmen sein lassen und dich stattdessen auf unsere Jungs konzentrieren.“

Ein halbes Jahr zuvor hatte ich an einem stillen Dezembermorgen zwischen Bodi und Taj auf der anderen Seite dieser Welt an unserem Küchentisch in Kimberley, British Columbia, gesessen. Vor uns ein Chaos aus Packungen mit Frühstücksflocken und eine leere Milchkanne. Im Holzofen fraß sich prasselnd ein Feuer voran, und das Haus wurde unter dem Knacken und Ächzen der Holzscheite allmählich wärmer. Oben lag Christine noch im Bett, erschöpft und mit müden Augen – eine überlastete Mutter, die sich nach dieser seltenen Atempause gesehnt hatte. Draußen fielen schmetterlingsflügelgroße Schneeflocken in Spiralen aus einem dunklen Himmel.

Abwesend schob ich mir einen Löffel Müsli nach dem anderen in den Mund und checkte dabei meinen Facebook-Account – mein Handy warf ein unheimliches blaues Licht auf die Jungen. Natürlich war alles, was über den Bildschirm flimmerte, banal und ohne tieferen Sinn. Trotzdem stöberte ich weiter, angetrieben von dem gleichen Drang, der den Strandgutsammler zum Meer oder den Goldwäscher zum Fluss treibt: Es war die Hoffnung, irgendwo unter all dem Müll könne ein Schatz verborgen liegen.

„Dad!“, schrie Bodi und riss mich aus meiner Trance. „Hast du überhaupt gehört, was ich grad gesagt hab?“

„Bo-Bee!“, stieß jetzt der kleine Taj aus, riss dabei seinen Gummilöffel in die Höhe und verteilte Frühstücks-Cheerios über seinem Plüschpyjama – ein Ausdruck der grenzenlosen Liebe für seinen älteren Bruder, der ihn zunehmend ignorierte.

Ich legte das Handy zu Seite, schob eine Strähne von Bodis Haar hinter sein Ohr und küsste seine seidige Wange. „Erzähl es mir nochmal“, flüsterte ich.

Akribisch sagte Bodi die Entfernungen zu jedem Planeten in unserem Sonnensystem auf. Die Zahlen waren mit großer Sicherheit korrekt, da Bodi es immer ganz genau nimmt, doch während ich ihm zuhörte, wurde mir etwas anderes bewusst: Tatsächlich hatte ich kein Wort von dem gehört, was er zuvor gesagt hatte. Und das, obwohl er direkt neben mir saß und mit zum Wertvollsten zählte, was es in meinem Leben gab.

Es war verstörend, wie häufig ich in meinem Leben nur so dahinzutreiben schien, ohne direkte Verbindung zu meinem Bewusstsein. Oft verlor ich in Gesprächen den Faden. Nicht selten passierte es, dass ich irgendwohin fuhr und mich später kaum an den Weg erinnerte. Im Supermarkt lief ich unsicher durch die Gänge: Ich wusste nicht mehr, was ich eigentlich brauchte. Ich hatte sogar die Fähigkeit verloren, mehrere Buchseiten hintereinander zu lesen, ohne zwischendurch etwas zu googeln. Mein Hirn schien unersättlich zu sein, doch seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren und mit Ruhe über etwas nachzudenken, war dahin. Ich hatte das Gefühl, nie von etwas wirklich gefesselt zu sein, so als sei meine Aufmerksamkeit immer aufgespalten.

Und das war noch schlimmer geworden, nachdem ich mir ein iPhone gekauft hatte. Denn anstatt im Morgengrauen meine Frau zu umarmen, griff ich nun auf den Nachttisch. In der Zurückgezogenheit des Badezimmers verbrachte ich unverhältnismäßig viel Zeit damit, ungestört durch Twitter-Nachrichten zu scrollen, während sich ein Großteil meiner Arbeitstage in E-Mails und Internetstreifzügen verlor. Auf dem Spielplatz vertrieb ich mir in Gesellschaft von anderen, ebenso abgelenkten Eltern die Zeit mit Instagram, während meine Söhne verzweifelt in den Schaukeln baumelten.

Dazu kam, dass sowohl Christine als auch ich uns seit der Geburt unserer Kinder sozial immer mehr zurückgezogen hatten. Zwischen schlaflosen Nächten, laufenden Nasen, E-Mails, Geschäftsreisen, Kreditabzahlungen und all den anderen kleinen, kaum wahrnehmbaren Angriffen der Moderne auf unser Leben fühlte es sich so an, als zöge uns etwas unaufhörlich unter Wasser. Und obwohl unsere Ehe an sich nicht Gefahr lief zu scheitern, befanden wir uns auch nicht immer in ruhigem Fahrwasser. Wir stritten, machten eine Paartherapie und stritten dann sogar noch mehr.

„Wie wir unsere Tage verbringen, so verbringen wir natürlich auch unser Leben“, lautet ein bekanntes Zitat von Annie Dillard. Und obwohl mir unsere Situation Sorgen bereitete, war diese moderne Malaise sicher nichts Außergewöhnliches. Eher unvermeidlich, würden manche sagen. Außerdem hatten wir noch konkretere Sorgen.

Drei Jahre zuvor, an einem stürmischen Novembernachmittag, hatten Christine und ich Bodi zu einem Zentrum für Kindesentwicklung in einer der Nachbarstädte gebracht. Dort, in einem Keller mit Betonwänden, beobachteten wir durch eine schallisolierte Glasscheibe hindurch, wie unser Sohn zahlreiche Tests über sich ergehen ließ.

Später versammelte sich ein Team aus wortkargen Spezialisten um uns und teilte uns die nebulöse Diagnose einer „nicht näher bezeichneten, tiefgreifenden Entwicklungsstörung“ mit. Ich bräuchte sicher Jahre, um die volle Tragweite dieser Störung zu begreifen, aber eines war schnell klar: Bodi nahm die Welt anders wahr als die meisten Menschen.

In den darauffolgenden Jahren probierten Christine und ich alles Mögliche aus, um ihm zu helfen, unter anderem ein Coaching für soziale Kompetenz, Verhaltenstherapie, Logopädie, Gesprächstherapie und Ergotherapie. Wie alle Eltern wollten wir für unseren Sohn alles tun, was in unserer Macht stand, damit er das beste ihm mögliche Leben führen konnte. Aber trotz unserer Bemühungen ließ mich das unbestimmte Gefühl, dass wir an Boden verloren, fast verzweifeln.

Allerdings begriff ich erst an diesem ruhigen Wintermorgen, als Bodi mich anschrie und Taj seine Cheerios über den Tisch verteilte, wie schnell die Jahre an uns vorüberflogen und die beiden älter wurden. So viele Gelegenheiten schienen mir schon verloren zu sein, und ich musste anerkennen, dass mein eigener Mangel an Aufmerksamkeit dabei eine große Rolle spielte.

Und mir wurde klar: Wenn auch nur die geringste Hoffnung bestand, eine tiefe Bindung zu meinem älteren Sohn aufzubauen, die rätselhaften Botschaften, die er von sich gab, zu verstehen und all das Schöne, was in ihnen verborgen lag, zu entdecken, dann musste ich, verdammt noch mal, präsenter sein.

Also sollte sich etwas ändern.

Jahrelang hatten Christine und ich mit der Idee gespielt, mit unseren Kindern in einem buddhistischen Kloster im Himalaja zu leben – an einem Ort, an dem uns die Fangarme der Moderne nicht erreichen konnten. Allerdings war es immer Fantasterei geblieben, etwas, was wenn, dann vielleicht irgendwann geschehen würde. Doch an jenem Morgen im tiefsten Winter, während Schmetterlingsflügel gegen dunkle Fenster flatterten, spürte ich, dass dieses Irgendwann gekommen war.

Christine – wirklich eine wunderbare Frau – brauchte kaum überzeugt zu werden. Einmal hatte sie fast einen ganzen Winter im Keller der Gemeindebibliothek von Calgary damit verbracht, die komplexen Rituale und die Ikonografie des tibetischen Buddhismus zu studieren. Seit damals hatte sie den Wunsch, diese alten Traditionen hautnah zu erleben. Innerhalb weniger Tage begannen unsere Pläne Form anzunehmen.

Unsere Freunde und unsere Familien fanden, dass wir zu weit gingen. Zwei kleine Kinder um die halbe Welt zu schleppen, um dann unter unsicheren (und ganz bestimmt primitiven) Bedingungen zu leben, und das nur, weil wir die vage Hoffnung hatten, dass es uns allen guttun würde?

Warum taten wir nicht etwas, was ein bisschen normaler war? Eine Kreuzfahrt vielleicht? Ein paar Wochen in einem mexikanischen All-inclusive-Hotel? Wenn wir auf der Suche nach Abenteuer seien, wie wäre es mit einem Monat in Costa Rica, wo wir uns auf komfortable und ungefährliche Weise erholen könnten? Ich gebe zu, ich konnte sie verstehen.

Wir haben unsere Reise allerdings niemals als Flucht verstanden. Genauso wenig waren wir auf der Suche nach Erleuchtung. Wir machten unsere Pläne instinktiv, aus einer Art Selbsterhaltungstrieb heraus. Es fühlte sich an, als wären wir in die Tiefen des Ozeans geraten und als bliebe uns nichts anderes übrig, als mit ganzer Kraft zu einem fernen, schummrigen Licht zu schwimmen, von dem wir hofften, dass es die Oberfläche war.

Es war kurz nach Mitternacht, als Christine endlich das Licht der Glühbirne in unserer Hütte in Manali ausschaltete und wir gemeinsam unter die dünnen Laken des harten Bettes krochen. Ich hielt sie noch eine Weile im Arm, bevor die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze uns auseinandertrieben. In der Stille, die nun folgte, hörte man den Wind gegen die Fensterscheiben schlagen. Ein Gecko flitzte über die verkohlten Holzscheite. Mich übermannte ein unruhiger Schlaf. Ich hatte ständig das Gefühl, mich im freien Fall zu befinden. Irgendwann in der Nacht schrie Bodi in der Dunkelheit und Christine sprang auf, um ihn zu trösten.

Zwei Seesäcke standen neben der Tür des Häuschens. Hineingestopft hatten wir etwas warme Kleidung, ein Zelt, Schlafsäcke, Stirnlampen, Kulturbeutel, ein Erste-Hilfe-Set, zwei kleine Packsäcke voller Lego, zwei Kinderrückentragen, eine Tasche mit Schulsachen, eine Handvoll Bücher, eine kleine Kamera und unsere Tagebücher.

Alles andere ließen wir zurück.

In den Untiefen

Wenn wir die Geschenke der modernen Technologie mit offenen Armen annehmen, dann versäumen wir meist zu fragen, was sie im Gegenzug verlangt – die subtilen, kaum wahrnehmbaren Zahlungen, die wir für ihre herrlichen Dienste leisten.

MICHAEL HARRIS,
„THE END OF ABSENCE“

LEINEN LOS

Kimberley
British Columbia

Wie ein Tiger, der sich an seine Beute anpirscht, schlich sich der dreijährige Taj vor Sonnenaufgang in unser Schlafzimmer. Lautlos bewegte er sich über den sonst knarzenden Boden. Dann setzte er zum Sprung an. Christines Schrei weckte Bodi auf, der daraufhin mucksmäuschenstill an der Tür erschien.

„Können wir unsere Fernsehzeit haben?“, bat er dringlich, und bezog sich dabei auf das 30-Minuten-Kontingent der beiden.

„Bi-itte!“, flehte Taj.

„Ihr wisst aber, das ist das letzte Mal, oder?“, fragte Christine. „Wir brechen in ein paar Stunden auf. Und ich will nichts hören, wenn es nachher Zeit ist, den Fernseher auszuschalten.“

„Okay, Mom. Danke.“

Christine schaltete den Fernseher ein, und die beiden machten es sich in unserem Bett bequem – zwischen ihnen erhob sich eine Art Gebirge aus Bettdecken, denn Bodi konnte Tajs Gezappel nur schwer ertragen. Als ich nach unten lief, um Kaffee zu machen, wurde mir klar, dass keiner der beiden eine Vorstellung von dem hatte, was vor uns lag. Wie auch?

Natürlich hatten Christine und ich die bevorstehende Reise mit ihnen besprochen, aber die zeitlichen und räumlichen Dimensionen lagen jenseits ihrer Vorstellungskraft. In den kommenden Monaten würden wir beide ihre einzige Orientierung sein.

Kurze Zeit später tauchte das Fernsehteam auf, mit Kaffee aus Pappbechern bewaffnet und frustriert, dass sie verpasst hatten, wie wir aufgestanden waren. Gemeinsam mit den ersten Rotkehlchen des Frühlings waren sie vor drei Tagen in Kimberley gelandet. Ihr Flug aus Los Angeles fiel mit dem Einsetzen der Schneeschmelze in den nahen Purcell Mountains zusammen. Sie waren jung und enthusiastisch – und zertrampelten die violetten Krokusse hinter unserem Haus, während sie rauchten und Wasser aus Plastikflaschen tranken. Die meisten hatte diese Reise nach Kanada zum ersten Mal ins Ausland geführt.

Die ganze Crew bestand aus für uns schockierend vielen Leuten – nämlich sechzehn an der Zahl: drei Kameramänner, zwei Tontechniker, vier Redakteure, zwei Produktionsassistenten, ein Datenmanager und vier, die weiß Gott was taten. Wes, ein junger Australier, war der Chef.

Obwohl er mit seinem gegelten Haar und dem schneidigen Outfit eher wie der Frontmann einer Boyband aussah, war er mir wirklich sympathisch, denn er strahlte echte Begeisterung aus.

Ich versammelte die Crewmitglieder in unserer Küche und legte jedem eine Khata um den Hals, einen traditionell buddhistischen Seidenschal, der im Himalaja bei Ankunft und Abreise überreicht wird. Die Schals hatten mir vor Jahrzehnten Sherpa-Gefährten auf dem Everest geschenkt. Damit hatten sie mir Glück und ein sicheres Vorankommen gewünscht, und in diesem Sinne gab ich sie nun weiter.

Danach wurden die schweren Kameras aufgestellt. Ein Tontechniker klebte uns schnurlose Mikrofone in die Innenseite unserer Hemden, während draußen eine Drohne wie ein riesiger Moskito von Fenster zu Fenster schwirrte.

„Tut einfach so, als ob wir nicht hier wären“, sagte Wes.

Im Ernst?

Bodi und Taj folgten diesen coolen Fernsehtypen auf Schritt und Tritt, fasziniert von ihren lässigen Mützen und ihren Chucks. Christine und ich waren zu beschäftigt, um dem Ganzen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Wir widmeten uns schnell wieder den Listen, mit denen wir unsere Handflächen und Unterarme vollgeschrieben hatten: Es ging um unsere Ausrüstung für die Reise, die an der Hintertür unseres Zuhauses in Kimberley beginnen und uns in den Norden bis in den Polarkreis hinein, durch das subtropische Asien und schließlich hoch in den Himalaja bringen sollte.

Unsere Packstrategie war simpel. Wenn wir alles, was wir brauchten, in zwei riesige Seesäcke stopften, könnte ich beide tragen – einen auf dem Rücken und einen auf den Armen. So hätte Christine ihre Hände für die Kinder frei, und wir könnten uns durch jede Situation navigieren, die auf unserer Reise zu erwarten war: Bahnhöfe, Märkte, geschäftige Straßen und überlaufene Hostels.

Zwei Stunden später, nachdem wir die Füße der Jungs in winzige Wanderschuhe gequetscht hatten, bugsierte Christine sie zur Hintertür hinaus. Bevor ich die Tür abschloss, war meine letzte Tat, das iPhone auszuschalten und es in einer der Küchenschubladen zu versenken.

Jeder, der mir in den nächsten sechs Monaten eine E-Mail schreiben würde, bekäme diese automatische Antwort: Im November zurück. Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.

Unter unseren Füßen knirschte der Frost, und eine dünne Decke aus spätem Schnee bedeckte die beiden auf unseren rostigen Pick-up geschnallten Kanus. Nach einer Stunde Autofahrt erreichten wir den Oberlauf des Columbia River, wo ich aus zwei jungen Bäumchen Spieren machte, um damit die beiden Kanus zu einem stabilen Katamaran zu verbinden. Als wir die Kanus beladen und unsere Schwimmwesten angezogen hatten, brannte die junge Maisonne auf uns herunter.

„Indien, zehn Kilometer!“, verkündete Taj und reckte seinen Arm gen Himmel.

„Gibt es da unten auch Fische?“, fragte Bodi und schielte über das Dollbord, während ich versuchte, Sonnencreme auf seinen Wangen zu verteilen.

„Regenbogenforellen?“, mutmaßte Christine.

„Oh, ja!“, rief Bodi, sprang auf und schnappte sich seine Angel. „Heute Abend essen wir Regenbogenforelle.“

Wir paddelten gen Norden, dem trägen Fluss durch sumpfige Gebiete folgend. Akustisch wurden wir von dem Gesang der Rotschulterstärlinge begleitet, hier und da unterbrochen von dem knallartigen Aufklatschen eines Biberschwanzes. Die Fernsehcrew umkreiste uns in Motorbooten. Wie Hunde, die einen Park zum ersten Mal betraten, beschnupperten wir uns noch und loteten unsere Grenzen aus.

Christine wühlte in ihrer Tasche, reichte den Kindern Wasserflaschen und forderte sie zum Trinken auf. Ihren Wunsch ignorierend, nahm Bodi sein kleines Paddel und spritzte damit im Wasser herum. Taj schwang seine Angel hin und her und zog den Köder – ohne Haken – rasselnd über Bootsrumpf und Köpfe.

Nach der Mittagspause tauchten am Horizont Gewitterwolken auf und die Motorboote kamen schnell zu uns herangefahren. Kameras wurden geschultert, und eine der TV-Redakteurinnen setzte zu einem Spontaninterview an, wie es beim Fernsehen so schön heißt.

„Blitze!“, stieg sie in besorgtem Ton ein. „Sind die Kinder in Gefahr?“

Ich tat mich schwer damit, ernsthaft beunruhigt zu sein – wegen einer Handvoll dunkler Wolken in der Ferne –, aber die offensichtliche Besorgnis der Redakteurin löste bei Bodi Panik aus. Christine versuchte, ihn zu beruhigen. Taj schwang seine Angel, und ich paddelte schweigend voran. Unterdessen liefen die Kameras weiter.

An diesem Abend schlugen wir unser Zelt auf einem langen Sandstrand auf, den der Fluss bei niedrigem Wasserstrand freigab. Nachdem sie uns dabei gefilmt hatten, wie wir uns über einem Feuer aus Treibholz Pasta zum Abendessen kochten, machte sich die Filmcrew mit ihren Motorbooten in Richtung eines Motels davon. In der plötzlichen Stille – nachdem sie weg waren – bauten Christine und ich das Zelt auf. Vom indigoblauen Himmel hörten wir die Sterne flüstern. Wir putzten den Jungen gerade die Zähne, als es in der Nähe aufheulte.

„Wölfe!“, flüsterte Christine. „Sie segnen unsere Reise.“

„Scheiße!“, rief Bodi.

„Scheiße sagt man nicht, Bodi“, sagte Taj, fest an Christines Bein geklammert.

Das Rudel lief nah an unserem Zelt vorbei, wie Geister glitten sie zwischen den Erlen hindurch. Das flüchtige Auftauchen eines canis lupus hatte ich schon immer als gutes Omen betrachtet, etwa so, wie wenn man einen herzförmigen Stein findet oder das Nordlicht sieht. Also nickte ich dankbar in Richtung der vorbeiziehenden Schatten.

Nach fünf Tagen auf dem Columbia River erreichten wir die Holzfällerstadt Golden, wo wir die Kanus einlagerten, unsere Seesäcke zur transkanadischen Bahn schleppten und einen Zug in Richtung Küste bestiegen.

In Vancouver brachte uns ein Taxi zum Industriehafen, wir reihten uns ein in eine Schlange aus 18-rädrigen Lastwagen, die Frachtcontainer transportierten. Christine schluckte, als sie den schwarzen Rumpf der „Hanjin Ottawa“ erblickte – drei Fußballfelder lang und mehr als zehn Stockwerke hoch – und trotzdem war sie nach heutigen Maßstäben recht klein. Dieses Schiff würde 5000 Container – und uns – über den Pazifik bringen.

Am anderen Ende einer beängstigend langen Gangway wartete ein kleiner Mann in hellbrauner Uniform und mit orangefarbenem Schutzhelm auf uns. Vier goldene Balken zierten seine Schulterklappen.

„Gott sei Dank sind Sie keine Schweizer“, bellte er. „Heutzutage sind es meistens Schweizer, die per Containerschiff reisen. Aber Kanadier sind nicht ganz so pingelig, oder?“

Über seine Lesebrille hinweg schaute er uns prüfend an und stellte sich als Kapitän Huth vor, bestand aber im selben Atemzug darauf, dass wir ihn stattdessen mit dem deutschen Titel „Kapitän Klugscheißer“ anreden sollten. Er hielt inne, um unseren Söhnen die Hand zu schütteln, und fügte hinzu: „Ich glaube, hier haben wir noch zwei Klugscheißer, oder?“ Dann winkte er uns mit einer knappen Willkommensgeste die Gangway hinauf.

Nur vier Mitglieder der Fernsehcrew (zwei Kameramänner, ein Tontechniker und ein Redakteur) würden uns begleiten. Wes und die anderen wollten mit dem Flugzeug über den Pazifik fliegen und uns in zwei Wochen in Busan, Südkorea, treffen.

Als wir an Bord gingen, stieß einer der Kameramänner einen Pfiff aus, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Klugscheißer war außer sich. „Die einzigen Dinge, die an Bord dieses Schiffes pfeifen dürfen, sind der Wind und ich“, schimpfte er. Unter Seeleuten gilt Pfeifen als unheilvoll, denn es soll den Wind drehen, und außerdem munkelt man, es sei das Signal gewesen, mit dem die Meuterei auf der Bounty ihren Anfang nahm. Der Kameramann versprach also, nicht mehr zu pfeifen, solange er sich auf dem Boot befand.

„Das ist kein Boot“, brüllte Klugscheißer. „Es ist ein Schiff!“

Ein Aufzug brachte uns auf Ebene 6 des Überbaus, an eine Tür, auf der „Kajüte des Eigentümers“ stand. Christines Augen leuchteten, als sich die Tür öffnete und eine Suite mit Teppichboden, Sofas, Holzvertäfelung und gedämpftem Licht zu sehen war.

„Einen solchen Luxus habe ich nicht erwartet“, gab sie zu. „Ich dachte irgendwie immer, dass wir auf harten Pritschen schlafen würden. In einem feuchten Kielraum oder so. Voller Ratten.“

Am nächsten Morgen legte die „Hanjin Ottawa“ ab. Bugstrahlruder stießen den turmhohen Rumpf von der Anlegestelle ab, dann schwang sich der riesige Zehnzylindermotor des Schiffes – der eine Kleinstadt mit Strom hätte versorgen können – in einen tiefen, donnernden Rhythmus ein, der bis zu unserer Ankunft in Asien unverändert bleiben würde.

Ein paar Stunden später pflügten wir an der Stadt Victoria vorbei, und ein kleines Schnellboot legte längs der „Hanjin“ an. Eine Strickleiter wurde heruntergelassen und ein Mann in Marineuniform, der Hafenlotse, tauchte neben uns auf dem Deck auf. Nachdem er unseren Söhnen zum Abschied die Haare verwuschelt hatte, schwang er sich über die Reling, kletterte ein Stück herunter und federte sich mit den Füßen am Rumpf ab, während das Schiff weiterstampfte. Schließlich sprang er mit einem Manöver, das eines James Bond würdig gewesen wäre, in das wartende Schnellboot und jagte davon.

Kurz darauf verschwand das Land hinter uns. Und es wurde kälter. Meer, Himmel, Nebel und Wellen verschmolzen ineinander, und wir tauchten in ein Kaleidoskop von Grün und Blau ein.

Zehn Jahre zuvor waren Christine und ich nach Kimberley gezogen, eine schläfrige Kleinstadt mit nur einer Ampel, im Herzen der Interior Mountains in der Provinz British Columbia, wo man noch mit Kaminholz heizt und Gefrierschränke mit Elchfleisch befüllt. Wir kauften ein heruntergekommenes Bergarbeiterhaus, fuhren einen rostigen Pick-up und sorgten nicht für das Alter vor. Geld spielte in unserem Leben keine zentrale Rolle, und ganz bestimmt waren wir nicht reich – zumindest nicht in den Augen unseres Steuerberaters.

Nachdem ich, noch ein paar Jahre zuvor, 1990 meinen Abschluss in Technischer Physik gemacht hatte, kündigte ich nach nur vier Monaten meinen Job als Datenbankprogrammierer. Es war ungleich befriedigender, Schlauchboote durch die wilden Untiefen des nahen Ottawa River zu lenken. Dass ich auf diese Weise 95 Prozent meines Einkommens einbüßte, kümmerte mich nicht.

Es folgten herrliche, sorgenfreie Sommer in der Arktis, in denen ich Kanuausflüge und Raftingtouren auf den Flüssen des hohen Nordens leitete. Im Winter paddelte ich an den Küsten der Karibik entlang, fuhr Ski in den Alpen und radelte durch Asien. Nach und nach nahmen meine Expeditionen dann immer größere Ausmaße an: Auf einem Kamel durchquerte ich die arabische Wüste, fuhr in einem Raft durch die Schlucht des Blauen Nils in Äthiopien und begleitete ein kanadisches Team auf den Everest, wobei ich dafür zuständig war, Satelliten-Updates an die Sponsoren zu senden.

Als ich beschloss, ein Buch über diese Reisen zu schreiben, schien das ein zweifelhaftes Unterfangen zu sein, da ich in der Schule nicht nur in Englisch, sondern auch im Maschinenschreiben eher schlecht gewesen war. Doch ein Verlag kaufte das Manuskript, Lektoren feilten mit mir an meinen Sätzen, Kritiker lobten das Buch, und zu meiner Überraschung wurde es tatsächlich gelesen. Ein paar Jahre später schrieb ich ein zweites. Schon bald schickten mich Zeitschriften ins Ausland. Ich begann, eine wöchentliche Reisekolumne für die Tageszeitung „The Globe and Mail“ zu schreiben. Jeden Sommer kehrte ich als Guide in die Arktis zurück, ansonsten floss nur in unregelmäßigen Abständen Geld, mein Einkommen war unsicher. Selten wusste ich, woher das Geld zum Leben als Nächstes kommen würde – und es war mir, ehrlich gesagt, auch egal. Ich war glücklich.

1999 traf ich Christine in einem Fitnessstudio in Calgary, wo sie als Personal Trainer arbeitete. In einer kleinen Präriestadt, von einem Schweißer und einer Rodeo-Queen aufgezogen, war sie eine außergewöhnlich talentierte Athletin, was sie auch bei unseren ersten Dates unter Beweis stellte, indem sie mich in Grund und Boden joggte. Trotz gänzlich unterschiedlicher Kindheiten – in ihrer hatte es Schneemobilrennen, Muscle Cars, Industriebrot und Frühstücksfleisch gegeben, in meiner dagegen eine Mutter, die Alfalfasprossen auf der Fensterbank zog und einen Vater, der als Nuklearphysiker arbeitete – war es klar, dass uns beiden Erfahrungen wichtiger waren als Geld. Von Anfang an war es einfach, mit ihr zusammen zu sein.

Bevor wir uns trafen, war Christine viel gereist, als Backpackerin durch Australien, auf die Fidschi-Inseln, nach Europa und Nepal. Und obwohl sie noch nie in einem Zelt geschlafen hatte, ließ sie sich von unserem ersten Ausflug nicht abschrecken: eine 24-tägige Seekajaktour entlang der Westküste Kanadas. Es folgten immer abenteuerlichere Reisen: Wir wanderten vierzig Tage von einer Küste Islands zur anderen, ritten zwei Monate durch die mongolische Steppe (für uns beide das erste Mal auf einem Pferd), schipperten in einem Faltkajak entlang der Nordküste Borneos, erforschten die Regenwaldinseln in Myanmars Mergui-Archipel (wo man uns für kurze Zeit sogar ins Gefängnis warf) und paddelten drei Monate lang durch die mit majestätischen Eisbergen übersäten Fjorde der schroffen Ostküste Grönlands.

Viele bezeichneten es als unfair von mir, Christine auf solche Reisen mitzuschleppen.

Oder sie haben mir zu verstehen gegeben, was ich doch für ein Glückspilz sei, eine Partnerin gefunden zu haben, die meine „Urlaube“ aushielt. Dahinter steckte die ziemlich beleidigende Unterstellung, dass Christine sich niemals aus freien Stücken in die Wildnis aufgemacht hätte.

Sie ging mit einer bemerkenswerten Bescheidenheit an unsere Reisen heran. Ganz im Gegensatz zu der Angeberei und dem Gehabe, das Outdoorsportler heutzutage oft an den Tag legen, schienen unsere Touren für Christine keine große Sache zu sein. Wenn ich mitbekam, wie sie ihren Freunden von einer Reise erzählte, klang es eher so, als hätten wir im Garten gezeltet. Für mich war klar, dass sie sich aus einem ganz simplen Grund in die Wildnis wagte: Sie liebte es einfach, dort draußen zu sein.

Und dafür liebte ich sie umso mehr.

Die Vorstellung, mit unseren Söhnen in einem buddhistischen Kloster im Himalaja zu leben, hatte schon seit Jahren in unseren Köpfen herumgespukt – das war ein vager Plan, ein Luftschloss, das Christine und ich aus verschiedenen Perspektiven betrachteten.

Christine war eine von Natur aus spirituelle Frau – schon seit Langem meditierte sie und machte Yoga. Ihr Interesse reichte von Parapsychologie und Wahrsagerei über Schamanen und Auren bis hin zu den gesundheitsschädlichen Folgen eines rückläufigen Merkur – alles Konzepte, die mein wissenschaftliches Gemüt eher beunruhigten. Hermann Hesses „Siddhartha“ war in der Mittelstufe ihr Lieblingsbuch gewesen. Ihren Nachttisch zierten Kristalle und Traumfänger. Nicht selten besuchte sie Aschrams und Yoga-Schweige-Retreats. Wenn die Wochenendausgabe der Zeitung kam, blätterte sie als Erstes auf die Seite mit den Horoskopen.

Ich wiederum war schon immer ein Skeptiker gewesen, der sich reflexartig gegen alles stemmte, was Übersinnliches betraf. Meine geistige Nahrung bestand aus datenbasierten Artikeln, die von Fachkollegen geprüft worden und in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen waren. Manchmal wünschte ich mir, Christines bedingungslosen Glauben an das Unerklärliche zu teilen, da es mir ein Gefühl von Unzulänglichkeit gab, mich nicht „gehen lassen“ zu können. Aber insgeheim wusste ich, dass ich es einfach nicht verstand. Abgesehen davon, dass mich manchmal das Gefühl von etwas Göttlichem überkam, wenn ich die Wunder der Natur bestaunte, blieb ich ein überzeugter Ungläubiger.

In Sachen Spiritualität tat sich zwischen Christine und mir also ein Abgrund auf, und hin und wieder stritten wir uns auch deswegen. Ich behauptete, Wiedergeburt sei nicht einfach nur unwahrscheinlich, sondern völlig unlogisch. Im letzten Jahrhundert war die Weltbevölkerung um weitere fünf Milliarden Menschen gewachsen. Von wo sollten denn all diese neuen Seelen gekommen sein?

„Oh, Bruce. So funktioniert das nicht. Ich kann es nicht erklären, aber tief in mir drinnen weiß ich einfach, dass es wahr ist.“

Solche Diskussionen konnte man nicht gewinnen, und mit der Zeit lernten wir, die Tatsache zu akzeptieren, dass wir unterschiedlicher Ansicht waren.

Interessanterweise stand ich dem tibetischen Buddhismus jedoch schon immer offen gegenüber. Während meiner zahlreichen Reisen in den Himalaja habe ich mich in der Gesellschaft von Nepals fröhlichen und kameradschaftlichen Sherpas, den berühmten Höhenträgern und Bergsteigern dieser tibetisch-buddhistischen Volksgruppe, immer sehr geborgen gefühlt. Anstatt herumzuschreien oder zu verzweifeln, wenn auf einer Expedition etwas schieflief – was unweigerlich passierte –, lachten die Sherpas und gingen weiter. Selbst angesichts schwierigster Situationen schien ihre Lebensfreude unverwüstlich. Egal mit welchem Geheimrezept sie auch brauten, ich wollte es kennenlernen.

Die Kernlehren des Buddhismus – Toleranz, Mitgefühl, das Streben nach Nichtanhaftung, ein Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Dinge – waren für mich im Grunde nichts anderes als gesunder Menschenverstand. Ganz unerwartet fühlte ich mich zum geistigen Oberhaupt des tibetischen Buddhismus hingezogen, dem äußerst populären vierzehnten Dalai Lama, dessen vergnügte Art mich entwaffnete und dessen grenzenloses Mitgefühl Demut in mir auslöste. In seinen Worten schwangen einfache Wahrheiten mit. „Wir brauchen keine Tempel. Wir brauchen keine komplizierte Philosophie. Unser eigenes Gehirn, unser eigenes Herz ist unser Tempel, und Freundlichkeit unsere Philosophie.“

Oft träumte ich davon, dass dieser alternde Mönch für ein politisches Amt kandidieren würde – sein Programm der Liebe und des praktischen Denkens würde ich sofort unterstützen.

Christine und ich waren also gespannt darauf – jeder auf seine Art –, mehr über diese Religion zu erfahren. Oder Philosophie. Oder was auch immer – denn ob es sich beim Buddhismus um eine Religion oder eine Philosophie handelt, ist umstritten. Für beide Sichtweisen gibt es überzeugende Argumente. Beide hatten wir nicht die Absicht, kleine Buddhisten aus unseren Söhnen zu machen. Aber wir glaubten, dass es ihnen nicht schaden könne, in das einfache Leben im Kloster einzutauchen. Möglicherweise würde es ihnen sogar ausgesprochen guttun.

Trotzdem blieb die Idee, alles stehen und liegen zu lassen, um in einem buddhistischen Kloster zu leben, eher ein ferner Traum. Etwas, was wir vielleicht irgendwann mal machen würden.

Bis zum Tag der Cheerio-Offenbarung.

Aber wohin im Himalaja sollten wir denn gehen? Und wie, zum Teufel, wollten wir es hinbekommen, in einem Kloster wohnen zu dürfen?

Christine und mich zog es nach Bhutan, das weithin dafür bekannt ist, das Bruttonationalglück dem Bruttoinlandsprodukt vorzuziehen. Vor einigen Jahren hatte mich eine Fotoreportage in dieses Land geführt, und ich war von seinen sanftmütigen Menschen und ihren fest verankerten Traditionen ganz bezaubert gewesen. Da es sich jedoch im Süden des Himalaja befindet, trifft Bhutan die volle Breitseite des Monsuns. Mein Interesse schwand, als ich von den dichten Wäldern erfuhr, die Trekking und Erkundungstouren erschwerten. Bei Christine genügten die Geschichten über aggressive Blutegel, um sie von Bhutan abzubringen.

Als Nächstes warfen wir unser Auge auf Tibet, den Ursprungsort des Himalaja-Buddhismus. Nach der Invasion Chinas vor etwa fünfzig Jahren werden Reisen in die Region noch immer streng reguliert, und Ausländer benötigen einen von der Regierung zugewiesenen Führer, wenn sie sich außerhalb der Hauptstadt Lhasa bewegen wollen. Es war klar, dass man es uns niemals erlauben würde, ohne Einschränkungen in einem Kloster zu leben.

Wir zogen auch die lebhaften indischen Bergstädtchen Sikkim und Darjeeling sowie Tibets alte Enklaven in Nepal, Mustang und Dolpo, in Betracht, aber nichts schien richtig zu passen.

Dann schlug ein alter Freund, der seit Jahrzehnten im Himalaja Berge besteigt, Ladakh vor. Normalerweise eher wortkarg, schwärmte er in höchsten Tönen von der uralten Kultur und den warmherzigen Einwohnern.

„Was aufrichtige Freundlichkeit angeht, können Ladakher sogar den Sherpas den Rang ablaufen“, erging er sich. „Sie bekommen 9,5 von 10 Punkten. Ehrlich. Da müsst ihr hin.“

Das war ein großes Lob für ein Land und seine Leute, von denen ich fast nichts wusste.

Ladakh – oder La dags auf Tibetisch, was „Land der hohen Pässe“ bedeutet – befindet sich im hohen Norden Indiens, am äußersten Rande des tibetischen Hochlands, eingezwängt zwischen den umstrittenen Grenzen von Pakistan und China. Die karge, abweisende Landschaft ist von bröckelnden Bergen, unablässigem Wind und einer unbarmherzigen Sonne geprägt – eine Wüste in Höhenlage, im Regenschatten des Himalaja.

Früher einmal eine verschlafene Karawanserei an der Route quer durch Zentralasien, wurde Ladakh 1947 nach der Teilung von Indien und Pakistan für ausländische Touristen abgeriegelt und öffnete erst 1974 wieder in Teilen seine Pforten.

Zwei hastig fertiggestellte Militärstraßen brachten erste Anzeichen von Veränderung in die Region. Die erste Straße, von Osten nach Westen verlaufend, verband die ladakhische Hauptstadt Leh mit der Hauptstadt Kaschmirs, Srinagar. Sie wurde 1963 in den Fels gehauen, nachdem man entdeckt hatte, dass sich chinesische Truppen bereits zehn Jahre zuvor über die nebligen Grenzen gestohlen und unbemerkt eine Infrastruktur auf indischem Boden errichtet hatten. Ein Akt, der verdeutlichte, wie weitläufig und unbevölkert der westliche Himalaja war. In den 1980ern baute man eine zweite Straße, vom Norden in den Süden, von Leh nach Manali, damit indische Truppen und Waffen schnell zu den sensiblen Grenzen gelangen konnten.

Mit den Straßen schlich sich unvermeidlich die Moderne ein – Traditionen gingen verloren und sozialer Zusammenhalt erodierte. Am stärksten traf es die Hauptstadt Leh, die heute jedes Jahr über eine Million Touristen beherbergt.

Weite Teile von Zentral-Ladakh sind jedoch weiterhin für Coca-Cola-Stände und abgasreiche Laster unerreichbar, und als ich die Karten studierte, entdeckte ich zum ersten Mal Zanskar. Jahrhundertelang war dieses entlegene Tal – eingebettet zwischen dem Großen Himalaja und der Bergkette von Zanskar – dafür bekannt, dass es nur schwer zu erreichen war. Und noch heute lebt man dort in relativer Abgeschiedenheit.

Im Jahr 1976 wurde ein Feldweg über den Pensi-La-Pass geebnet, der dem Tal die Vorboten der Moderne und ganze Wellen neugieriger Touristen bescherte. Aber da er sich in der Nähe der pakistanischen Grenze befindet, ist der Pfad nur schwer zu erreichen und sechs Monate im Jahr vom Schnee versperrt.

Es ist die Heimat von rund 15 000 Seelen, die auf vierzig kleine Dörfer und ein Dutzend Klöster verteilt leben – eine uralte Agrargesellschaft, die Jahretausende lang fast unverändert überdauert hat.

Zufälligerweise waren Freunde aus Kimberley vor Kurzem erst von einer Trekkingtour in der Region zurückgekehrt. Da sie unterwegs von einem ungewöhnlich starken Schneesturm überrascht worden waren, hatten sie Zuflucht im Karsha Gompa gesucht, dem größten buddhistischen Kloster in Zanskar.

Gom ist das tibetische Wort für „Meditation“, und gompa bezeichnet einen Ort der Meditation. Heutzutage benutzen Reisende diesen Begriff für jede Form von buddhistischem Kloster, allerdings versteht man darunter eigentlich eine befestigte buddhistische Klosteranlage.

Der oberste Lama des Klosters hatte die beiden aufgenommen, ihnen Kost, Logis und Unmengen an Tee angeboten, und als Gegenleistung sollten sie eine Woche lang Schnee schaufeln. Zwischen den Begriffen „Mönch“ und „Lama“ wird in Zanskar – und in diesem Buch – nicht unterschieden, obwohl es gewiss subtile Bedeutungsabweichungen gibt. Ein Mönch ist jemand, der religiöse Askese praktiziert, wohingegen ein Lama, der im Sanskrit guru heißt, ein buddhistischer Lehrer mit größeren spirituellen Errungenschaften ist.

„Oh, er fände es bestimmt großartig, wenn ihr zu Besuch kämt“, versprachen unsere Freunde.

Aber da es keine Telefone oder Internet im Kloster gab, wie sollten wir anfragen?

Wir machten den Neffen des Lamas ausfindig, der in Südindien studierte, und erkundigten uns bei ihm, ob wir seinen Onkel besuchen, vielleicht für ein paar Monate bleiben und Englisch unterrichten könnten.

Wochen später erreichte uns diese kryptische Antwort: Sehr großzügigerweise. Probleme gibt es keine.

Und jetzt gibt es da noch die Fernsehcrew zu erklären.

Ein paar Jahre vor Bodis Geburt kehrte Christine an die Universität zurück. Sie machte zunächst einen Master in Beratungspsychologie und promovierte im Anschluss daran. Bei der Verteidigung ihrer Arbeit war sie mit Taj schwanger. Sie empfing ein paar Patienten in einer Privatpraxis, aber den Großteil ihrer Energie widmete sie unseren Kindern – eine gemeinsame Entscheidung, die ich mit ganzem Herzen unterstützte.

Das bedeutete aber auch, dass mein sporadisches Einkommen vier Münder zu stopfen hatte. Ich ging also jeder Möglichkeit nach und sagte zu allem Ja, egal, wie unqualifiziert ich sein mochte. Ich vertraute darauf, dass sich die Details später schon klären ließen.

Seit einigen Jahren stand ich in Kontakt mit einem ehrgeizigen, jungen Fernsehproduzenten, einem Australier, dem ich regelmäßig Ideen für eine Abenteuer-Fernsehserie zuspielte. Zwar schien nichts jemals richtig zu passen, aber wir blieben in Kontakt.

Kurz nachdem wir angefangen hatten, unsere Reise zu planen, rief mich Wes an. Ich fiel ihm mit meiner Entschuldigung ins Wort, dass ich für den Rest des Jahres weg sei, da ich mit meiner Familie in den Himalaja reisen und dort unter buddhistischen Mönchen in einem abgelegenen Kloster leben wolle. Ich versprach, mich sofort nach meiner Rückkehr bei ihm zu melden, um weitere Ideen zu besprechen. Eine lange Pause auf der anderen Seite folgte.

„Warte mal, mate. Vielleicht ist es das? Die ultimative Familienumsiedlung!“

Nachdem er die Serie schnell skizziert hatte, brachte er den Vorschlag unter Fernsehprogrammdirektoren in Los Angeles in Umlauf. Nachdem ich schon einige Fernseh-Pitches hatte scheitern sehen, hielt ich das Ganze für utopisch und kümmerte mich weiter um die Vorbereitungen: die Kinder impfen lassen, Visa beantragen, packen und nochmal leichter packen.

Eines Abends, nur wenige Monate vor unserer Abreise, klingelte zu später Stunde das Telefon. Es war Wes.

„Setz dich mal besser hin, Großer. Der Travel Channel findet die Idee super. Ich glaube, wir bekommen grünes Licht.“

Vor meinen Augen tat sich ein Meer an Möglichkeiten auf. Was meiner Familie mit einer solchen Produktion zugemutet werden würde, bedachte ich dabei nicht. Christine reagierte verhalten auf die Idee. Sie befürchtete, dass das Fernsehteam genau die Ruhe, die wir suchten, zerstören würde. Ich argumentierte, dass wir immer noch alle digitalen Verbindungen kappen und unseren Zusammenhalt als Familie stärken konnten – trotz der Kameras um uns herum. Und vor allem hatte Wes versprochen, dass man uns von dem Augenblick an in Ruhe lassen würde, in dem wir das Kloster erreichten.

Letztlich war es, wie so häufig, das Geld, das den Ausschlag gab. Mit den Produktionshonoraren könnten wir während der Reise unsere Rechnungen begleichen. Also sagten wir mit einer Mischung aus Beklommenheit, Aufregung und etwas Widerwillen zu.

In der Hoffnung, eine überzogene Realityshow zu vermeiden, schlug ich vor, nur einen einzigen Kameramann einzusetzen und ihn so in unsere „Reisefamilie“ zu integrieren, dass er unsere Erfahrungen auf ungeschminkte, authentische Weise einfangen könnte.

„Tut mir leid, mate, aber der Sender hat da eine andere Vorstellung“, erklärte Wes. „Sie sind auf der Suche nach einem Kinoerlebnis. Es wird eine Fernsehcrew aus sechzehn Leuten, mindestens. Sogar Helikopter sind im Budget. Das wird episch, mein Freund. Episch!“

Zum ersten Mal beschlich mich das Gefühl, dass wir uns etwas übernommen hatten.

Die „Hanjin Ottawa“ machte einen großen Bogen auf ihrer Reise über den Pazifik und hinein in den Polarkreis, sie folgte dabei den gleichen Routen, die auch Flugzeuge einschlagen: nach Norden an Alaska und der Inselkette der Aleuten vorbei, durch stahlgraues arktisches Gewässer, dann gen Süden hinunter bis zur russischen Halbinsel Kamtschatka und  weiter in Richtung der geschäftigen Häfen Asiens. An Bord befanden sich zweiunddreißig Seelen: acht deutsche Offiziere, sechzehn philippinische Matrosen, vier Fernsehcrewmitglieder und wir. Wir alle sahen uns zwei Giganten gegenüber: dem unendlichen Ozean und einem Übermaß an Zeit.

Die Zeit wurde durch ein straffes Programm gezähmt.

Frühstück gab es um Punkt 7 Uhr 30, dann eine Teepause um 10 Uhr, Mittagessen um 12 Uhr, Nachmittagstee um 15 Uhr und schließlich Abendessen um 17 Uhr 30. Die Offiziere aßen europäisches Essen in der einen Messe, den Matrosen servierte man asiatisches Essen in der anderen. Wir gingen mal hierin und mal dorthin. Bodi, der großen Wert auf Pünktlichkeit legte, blühte angesichts dieses strengen Marineprotokolls geradezu auf.

Nur zu gern hätte ich den Rest des Tages damit verbracht, in einem der Deckstühle zu liegen und die wechselhaften Farben und Launen des Ozeans zu betrachten. Aber das war mit zwei Jungen, die ständig Aufmerksamkeit brauchten, nicht möglich. Also entwickelten auch wir einen strengen Tagesablauf.

Jeden Morgen nach dem Frühstück legten wir Rettungswesten an und liefen einmal das gesamte Schiff ab, eine Tour von mehr als einem Kilometer. Zwischendurch spielten wir auf dem ausladenden Bug Verstecken. Danach gingen wir in den Karaokeraum, wo die Filipinos, die gerade freihatten, Bodi ausgelassen zujubelten, während er südkoreanische Pophymnen schmetterte. Nach dem Mittagessen lasen wir den Jungen Geschichten vor. Dann, wenn die beiden in ihre Tagebücher malten, machten Christine und ich abwechselnd für eine Stunde Sport. Entweder liefen wir auf dem Schiff Runden oder gingen in den kleinen Gymnastikraum, wo es Gewichte, einen Boxsack und eine Tischtennisplatte gab.

Der Swimmingpool auf dem Schiff war leer – das Meerwasser in nördlichen Breitengraden ist unfassbar kalt –, aber die Sauna funktionierte und wir nutzten sie regelmäßig. In einem kleinen Kino gab es Videokassetten mit Filmen aus den Achtzigerjahren. Die Regale der Bibliothek bogen sich unter Wälzern über die Schifffahrt. In der Vorratskammer gab es Wein und Bier, doch sie war verschlossen und Klugscheißer besaß den einzigen Schlüssel.

Wenige Tage bevor wir aufgebrochen waren, hatten wir unser erstes Familien-iPad gekauft. Es war ein Zugeständnis an unsere Kinder, damit sie sich in den unzähligen Stunden in Zügen, Bussen und Autos die Zeit vertreiben konnten. Voller Optimismus hatten wir viele Lernspiele heruntergeladen, mit denen man Rechnen, Schreiben sowie soziale Fähigkeiten trainieren konnte. Aber innerhalb weniger Tage hatte die TV-Crew unsere Jungs mit zahlreichen anderen Möglichkeiten vertraut gemacht, die so ein Gerät zu bieten hatte: „Fruit Ninja“, „Cartoon Wars“ und „Pflanzen gegen Zombies“. Widerstand erwies sich als zwecklos.

Die Versuchung, das Tablet auf der „Hanjin“ als eine Art Reiseberuhigungsmittel für Kinder zu nutzen und so die endlosen Stunden zu füllen, war zwar groß, aber angetrieben aus einer Mischung aus Schuldgefühlen und Prinzipienreiterei bestanden Christine und ich auch weiterhin auf der beschränkten Bildschirmzeit von dreißig Minuten pro Tag. Das hinderte unsere zwei jungen Verhandlungsführer natürlich nicht daran, uns ununterbrochen zu bearbeiten, um ein längeres Pensum herauszuschlagen. Und schon bald hatte es den Anschein, als drehte sich ihr ganzer Tag um dieses teuflische Gerät – eine Sucht, die mich unbehaglich an meine eigene Beziehung zum Smartphone denken ließ.

Nach einer Woche auf See wurde ein Schwein auf einem großen Metallstab aufgespießt, mit Zitronengras gefüllt und dann über einem Kohlebett geröstet. Die Matrosen wechselten sich dabei ab, das röstende Tier per Hand zu drehen.

„Ich freu mich schon so auf das Schwein, das wir gleich essen“, Taj klatschte in die Hände und sah zu.

An diesem Abend hingen bunte Lichter auf einem der oberen Decks und daneben die Flaggen all der an Bord der „Hanjin“ vertretenen Nationalitäten: philippinisch, polnisch, deutsch, tschechisch und kanadisch. Feierlich machte Klugscheißer den Anschnitt, dann wurde serviert. Kästen voller San-Miguel-Bier tauchten auf, und aus den Lautsprechern ertönte dumpf und blechern Housemusik. Ermutigt von den Zurufen der Schiffscrew tanzten unsere Söhne ausgelassen über das Deck.

Trotz dieser schönen Momente war ich mir jederzeit darüber im Klaren, dass wir in dieser industriellen Umgebung Eindringlinge waren. Vor dem Maschinenraum hingen Reihen von fettverschmierten Schraubenschlüsseln, so groß wie Pferdebeine. Sobald sich das Schiff nur ein bisschen neigte, ächzten die riesigen Container. Dampf zischte aus versteckten Abzügen, schwere Türen wurden zugeknallt – und unsere zarten Jungs tänzelten mittendurch.

Die Relings an Deck machten mir und Christine die größten Sorgen, denn sie waren das Einzige, was sich zwischen unseren Söhnen und dem Abgrund befand. Dafür entworfen, einen ausgewachsenen Mann vor einem Sturz über Bord zu bewahren, sah es so aus, als könnten Bodi oder Taj leicht durch die weit auseinanderstehenden Stangen der Reling rutschen. Und in diesem Fall gäbe es kaum Überlebenschancen.

„Das darf niemals passieren“, antwortete Klugscheißer, als ich ihn fragte, ob er es in seinen Jahrzehnten auf See schon einmal erlebt habe, dass jemand über Bord gegangen war.

Die „Hanjin Ottawa“ sei mit einundzwanzig Knoten (achtunddreißig Kilometern pro Stunde) unterwegs, erklärte er, und brauche neun Minuten, um die Geschwindigkeit zu drosseln und umzudrehen. Dann wäre sogar ein großes Rettungsboot bereits außer Sichtweite. Eine im eiskalten Wasser des Nordpazifik treibende Person wäre für immer verloren.

Also bestanden wir darauf, dass die Kinder jedes Mal Rettungswesten anlegten, wenn sie durch die Sturmtüren zu den Außendecks gingen – nicht unbedingt, weil sie sie an der Wasseroberfläche halten würden, sondern der Greifschlaufen an ihren Kragen wegen, die Christine und ich niemals außerhalb unserer Reichweite ließen.

Nach zwölf Tagen auf See zog ein Orkan auf, und die Vulkangipfel der russischen Halbinsel Kamtschatka wurden schwankend am Horizont sichtbar. Beißender Wind peitschte die Gischt über das schwarze Wasser. Container rissen an ihren Befestigungen. Gurtschnallen protestierten lautstark. Ein Schwarm aus Sturmtauchern und Sturmschwalben suchte im Windschatten des Überbaus Zuflucht. In der Messe schwang ein Wandkalender wie eine Pendeluhr hin und her.

Am Nachmittag rief ein schriller Probealarm zum Verlassen des Schiffes auf und wir beeilten uns, um uns der Crew auf dem regengepeitschten Deck anzuschließen. Der Erste Offizier bellte zum Appell. Einunddreißig von zweiunddreißig Seelen antworteten „Aye“. Nur Klugscheißer fehlte. Nach alter Seefahrtstradition blieb er auf der Brücke. Er wäre im Katastrophenfall der letzte, der das Schiff verließ – wenn überhaupt.

Dann öffnete der Erste Offizier eine orangefarbene Rettungskapsel (nicht größer als ein Ruderboot) und alle stapelten sich hinein. Bodi stieg als Erster ein und klagte bitterlich über die abgestandene Luft. Taj folgte mit großen Augen. Das Letzte, was ich sah, bevor ich mich hineinduckte, war das auf das Dach schablonierte Rufzeichen der „Hanjin“, dass sich auch als falschgeschriebene ironische Botschaft lesen ließ: DANM.

An diesem Abend tauchte Klugscheißer an unserer Kabinentür auf. Müde wies er uns an, uns in dieser Nacht quer ins Bett zu legen. „So fallen Sie nicht aus dem Bett, wenn das Schiff stark stampft.“

Als ich später in der Dunkelheit Tajs sanftem Schnarchen lauschte, während draußen der Sturm tobte, fragte ich mich, ob der Kapitän mehr wusste als wir.

Als sich der gigantische Anker der „Hanjin“ aus seiner Winde schälte, wachte ich auf. Ich warf einen Blick aus unserer Luke und sah eine vollkommen ruhige See. Nicht weit entfernt hob sich eine grasbedeckte Landspitze von dem schwarzen Gewässer ab. Grün! Nach zwei Wochen des eintönigen Blaus und Graus wirkte diese Farbe wie ein Elektroschock und erfüllte mich mit unerwarteter Freude. Leben, da war es wieder.

Ein Funkruf am späten Abend hatte den Kapitän zu einem Abstecher ins russische Nachodka veranlasst, wo Treibstoff zu stark vergünstigten Preisen zu bekommen war. Als Zollbeamte an Bord gingen, riet mir Klugscheißer, alle Wertsachen zu verstecken. Also stopfte ich einen Stapel 100-Dollar-Scheine hinter die Rohre in der Decke unserer Kajüte. (Wir hatten viertausend US-Dollar in bar dabei, mit denen wir unsere Zeit in Zanskar bestreiten wollten, einem Land fern aller Geldautomaten). Dank internationaler Seeabkommen müssen Schiffsmannschaften beim Einlaufen in einen Hafen keine Visa vorzeigen. Aber die Fernsehcrew und uns, die wir keine russischen Visa besaßen, brachte man in einem Schlepper an Land, nahm unsere Fingerabdrücke und ließ uns eine Strafe von sechshundert Dollar zahlen. Drei Tage später, mit vollem Bauch, tuckerte die Hanjin wieder zurück ins grenzenlose Blau.

An Tag siebzehn pflügten wir durch die dampfige Luft Asiens. Wir schälten uns aus unseren dicken Jacken und tauschten sie durch kurze Hosen und T-Shirts ein. Ein Reiher tauchte auf und schwang sich majestätisch in unsere Richtung. Krächzend landete er auf dem Überbau.

Wie ein außer Kontrolle geratenes Buschfeuer brannten die Lichter des modernen Korea bei Einbruch der Nacht in intensivem Orange am Horizont.

DER KLEINE PROFESSOR

Die „Hanjin Ottawa“ ging nach Mitternacht in Busan, Südkorea, vor Anker. Allmählich ließ die Morgendämmerung eine Armee spinnenähnlicher Kräne in Erscheinung treten, die die Container vom Schiff pflückten und sie auf eine Reihe wartender Lkws setzten. Lichter blinkten und Sirenen heulten auf, aber keine lebendige Seele war zu sehen. Wie alle großen Häfen – früher einmal wuselnde Bienenstöcke aus Opiumhöhlen, Bordellen, Söldnern und Märkten – war auch dieser zu einer industriellen Einöde geworden, blank geputzt durch die Einführung des Containertransports.

Nachdem wir als Einzige in der Messe zum letzten Mal Eier und Würstchen gefrühstückt hatten, trafen wir an Deck auf die versammelte Mannschaft, die schon darauf wartete, sich von uns zu verabschieden. Sogar die Mechaniker hatten den Bauch des Schiffes verlassen, wo der Motor gerade auf die Überfahrt nach Shanghai vorbereitet wurde. Klugscheißer begleitete uns die Gangway herunter und nahm uns in die Arme. Seine Augen waren feucht.

Dann betraten wir Asien.

Wes und die anderen des Fernsehteams warteten am Kai auf uns, sie trugen Schutzhelme und Warnwesten. Nachdem wir uns umarmt und abgeklatscht hatten, unterzogen Christine und ich uns einer Runde Interviews vor der Kamera. Auf Drängen von Wes gaben Bodi und Taj einige kindliche Aussprüche von sich. Nach der Einwanderungskontrolle brachte uns ein Taxi zu unserer Privatunterkunft, die wir schon vor Monaten von Kanada aus organisiert hatten.

Ein Hotel oder Hostel wäre zweifellos einfacher gewesen, aber solche Unterkünfte sind zunehmend an westliche Komfortstandards angepasst. Auf Reisen suchen Christine und ich aber regelmäßig nach dem anderen, und das wollen wir auch unseren Kindern vermitteln: sich an das Fremde anzupassen, anstatt es reflexartig zu etwas Vertrautem zu verbiegen.

Aus dem Taxi heraus erhaschten wir einen Blick auf eine Welt aus Zement, Plastik und Glas, erhellt von Neonlichtern und bevölkert von Menschen, die an ihren Smartphones und Selfiesticks klebten. Reihen von gnadenlos gleichförmigen Apartmenthäusern schossen wie Pilze aus grünen Hängen. Innerhalb von nur einer Generation hatte sich Südkorea aus der Asche eines verheerenden Bürgerkrieges erhoben und zu einer Wirtschaftsmacht aufgeschwungen.

Auf den Straßen staute es sich. Ausgerechnet als wir in der Mitte einer sieben Kilometer langen Hängebrücke standen, sagte Bodi, dass er auf die Toilette müsse – sofort! Er könne keinen Moment länger warten. Christine sah mich an, zuckte mit den Schultern und reichte ihm ihre Wasserflasche. Es pieselte in die Flasche, der Geruch von Urin verteilte sich im Minivan. Unser Fahrer verzog empört das Gesicht und öffnete wortlos sein Fenster.

Eine Teenagerin mit Engelsgesicht wartete vor einem hoch aufragenden, direkt am Wasser gelegenen Apartmenthaus auf uns. Trotz der erdrückende Schwüle trug sie eine Strickjacke und Hello-Kitty-Turnschuhe.

„Hallo, Familie“, gurrte Kim Na Young und verneigte sich tief.

Annyeong haseyo“, antwortete Taj (ermuntert von Christine), was „Hallo“ bedeutete – oder wörtlich „Sind Sie friedlich?“

An Bord des Containerschiffes hatten wir den beiden die wichtigsten koreanischen Grußformeln beigebracht. Kim Na Young errötete.

Schnell und lautlos brachte ein Aufzug uns und die TV-Crew in den fünfundvierzigsten Stock, wo Kim mit ihren Eltern Sunny und Nikki lebte. Sunny war eine professionelle Windsurferin, Nikki ein Investmentbanker. Kim erklärte, dass ihr Vater heute extra für uns früher von der Arbeit gekommen sei. In einem Land, in dem die 60-Stunden-Woche noch die Norm war, wurde das nicht gern gesehen.

Nachdem wir unsere Seesäcke in einen mit Parkett ausgelegten Raum gebracht hatten, der abgesehen von Schlafmatten und Regalen voller Porzellankatzen leer war, bereitete uns unsere Gastfamilie ein traditionelles Mittagessen mit scharf angebratenem Rindfleisch, Lotuswurzeln und pikantem Kimchi zu.

Später begleiteten sie uns zum nahen Haeundae-Strand, dabei trugen alle drei bierdeckelgroße Sonnenbrillen. Es war drückend heiß. Unsere Söhne zogen sich bis auf die Unterwäsche aus, Christine und ich krempelten die Hosen hoch. Dann tollten wir inmitten einer Schar ausgelassener Einheimischer vergnügt in den aufschlagenden Wellen herum. Irgendwann glaubte ich ein Moskito zu hören, merkte dann allerdings, dass es sich dabei um eine Drohne der Fernsehcrew handelte, die nur wenige Meter über unseren Köpfen schwirrte.

Wir hatten uns an die Anwesenheit der Crew gewöhnt. Und, auch wenn sich das wahrscheinlich schlimm anhört: Von morgens bis abends gefilmt zu werden, war weniger störend als ursprünglich befürchtet. Auf gewisse Weise fühlte es sich so an, als wären wir mit einer Gruppe Studenten – und unseren Kindern – auf einem (gut dokumentierten) Roadtrip.

Sogar Bodi, den fremde Menschen leicht verunsicherten, hatte die Crew mit der Zeit akzeptiert. Aber das hieß nicht, dass er ihnen das Leben leicht machte. Ständig drehte er den Kameras seinen Rücken zu. Und wenn ein Redakteur ihn bat, einen bestimmten Satz noch mal zu wiederholen, weigerte er sich und schnaubte zurück, er habe das schon gesagt. Immer wenn der Akku des Mikrofons, das an seine Hüfte befestigt war, heiß wurde, was ständig der Fall war, riss er ihn ab und warf ihn zur Seite. Dem Tontechniker blieb nichts anderes übrig, als die tausend Dollar teure Ausrüstung so schnell wie möglich wieder vom Boden aufzuklauben. Allerdings war Bodi nicht ein einziges Mal auf die Crewmitglieder selbst wütend, vielmehr konnte ich einen bei Menschen sehr seltenen Vorzug an ihm beobachten: Bösartigkeit schien ihm völlig fremd zu sein.

Auf einem Markt voller beißender Gerüche beobachteten wir, wie Aale bei lebendigem Leib gehäutet wurden, berührten die sandpapierartige Haut von Haien und hielten glibberige Seegurken in den Händen. Bodi und Taj probierten frittierte Mottenlarven, einen Streetfoodsnack, der nach Sportsocken müffelt und genauso schmeckt und vor allem von betrunkenen Männern geschätzt wird. Später blieb Bodi vor einer Auslage mit Perlenarmbändern stehen und fragte Christine leise, ob er ein pinkfarbenes haben könne.

„Natürlich“, antwortete sie.

Allerdings hatten wir kein koreanisches Geld, und der Automat in der Nähe akzeptierte meine kanadische Bankkarte nicht. Ich probierte es an fünf weiteren Geldautomaten, jedoch ohne Erfolg. Als ich mit leeren Händen zurückkam, liefen die Tränen in Strömen über Bodis Wangen. Schließlich warf er sich schreiend und nach Atem ringend auf den Bürgersteig. Während Christine unseren aufgebrachten Sohn beruhigte, versuchte ich instinktiv, den Kameras, die uns umschwebten, die Sicht zu verstellen.

Die Situation ließ sich schnell lösen. Sunny lieh uns zweitausend Won (ungefähr zwei US-Dollar), und wir kauften das pinkfarbene Armband. Bodi rieb sich die geröteten Augen, und der Gefühlssturm legte sich. Schließlich fand ich einen Bankautomaten, der meine Karte akzeptierte und ein Bündel an Scheinen ausspuckte, das so dick wie ein Taschenbuch war. Doch während wir uns vom Feierabendtrubel in Richtung eines Restaurants mitreißen ließen, das bulgogi, Feuerfleisch, servierte, erwischte ich mich dabei, wie ich wieder mit der Entscheidung haderte, die Christine und ich vor einigen Monaten getroffen hatten.

An einem Abend im tiefsten Winter hatten bei Christine die Wehen eingesetzt. Unser erstes Kind ließ schon zwei Wochen auf sich warten, und die Hebamme hatte geplant, am nächsten Morgen die Geburt mithilfe eines übelriechenden Gebräus aus Rizinusöl und Zitronenverbene einzuleiten. Aber bei einer Frau aus der Prärie, die in den Sportarenen kanadischer Kleinstädte groß geworden war, reichte schon die Aufregung während der Eishockeysendung „Hockey Night in Canada“.

Die ersten Wehen setzten während des letzten Drittels ein, und gegen Mitternacht war klar, dass es sich nicht um falschen Alarm handelte. Wir machten uns auf den Weg zum Krankenhaus im benachbarten Cranbrook. Während der rostige Toyota durch die Dunkelheit jagte und Schneeflocken gegen seine Windschutzscheibe flogen, fühlte es sich so an, als reisten wir mit Lichtgeschwindigkeit in eine ferne Galaxie. Auf gewisse Weise taten wir das vielleicht auch wirklich.

Achtzehn verschwommene Stunden, viele Schreie und den Einsatz all ihrer Kräfte später, wollte sich Christines Muttermund partout nicht weiter als acht Zentimeter öffnen. Irgendwann waren sich Hebamme und Entbindungsarzt dann einig: Das riesige Baby in Christines Bauch würde da nicht durchpassen.

„Sie brauchen einen Kaiserschnitt“, erklärte der Arzt. „Sofort, okay?“

Christine sah mich an. Ihr muskulöser Körper war erschöpft, ihr Haar zerzaust. Sie konnte keine Entscheidungen mehr treffen. Wir hatten im Vorhinein einen „Geburtsplan“ besprochen und waren uns beide einig gewesen, dass ein gesundes Baby das Wichtigste war. Die Art, wie unser Kind auf die Welt kommen würde, war nicht wichtig. Trotzdem zögerte ich. Der Arzt sah mich über seine Brillengläser hinweg an und wartete.

Ich nickte. Sofort setzte eine rege Betriebsamkeit ein. Ein Anästhesist, dessen fleischige Hände eher wie die eines Mechanikers als die eines Chirurgen aussahen, setzte Christine gekonnt eine PDA-Spritze. Dann wurde sie in einen OP geschoben, wo ihr der schockierende Anblick des Geburtsvorgangs durch ein aufgespanntes Laken erspart blieb.

Ich beobachtete, wie ein Ärzteteam Christines ausgedehnten Bauch mit Fäusten und Unterarmen bearbeitete, als drückten sie einen gigantischen Pickel aus. Eine Ewigkeit lang passierte gar nichts. Dann brach ein winziges Köpfchen hervor – dunkles Haar glitzerte im Licht, Augen starrten mich offen an. Abgesehen von dem Ticken einer Wanduhr war nichts zu hören. Dann zerriss ein lauter Schrei die Stille.

Es folgten die Schultern, und schließlich glitt der gesamte glänzende Körper wie ein Fohlen aus ihr heraus.

„Es ist ein Junge!“, rief jemand. „Ein gesunder Junge.“

Hinter der Abtrennung strömten Tränen aus Christines geröteten Augen.

Das erste Jahr verging in einem Nebel aus Baumwollwindeln, zarter Haut, neugierigen blauen Augen, Staunen und Liebe. Und Erschöpfung. Und Zeiten der Langeweile.

Nachbarn und Freunde hatten uns lange dazu ermutigt, Kinder zu bekommen. Ihr werdet großartige Eltern sein. Die Freude und Liebe, die ein Kind schenkt, hat man vorher noch nicht erlebt. Jetzt schlugen sie plötzlich andere Töne an. Eine Nacht durchschlafen? Ein entspanntes Abendessen? Sex? Hahaha! Manchmal fragte ich mich, ob diese Fieslinge ihr Leid nicht einfach nur mit jemandem hatten teilen wollen.

Die Geburt hatte unser Leben wie ein Erdbeben auf den Kopf gestellt. Und nach und nach erkannten Christine und ich, dass Elternschaft dem viel beworbenen Bild von weichen Decken, krähenden Babys und Einhörnern nicht ganz entsprach. Trotz dieser Herausforderungen fühlten sich diese ersten Jahre aber normal für uns an, und alles schien sich so zu entwickeln, wie es sollte – bis Bodi mit zweieinhalb Jahren urplötzlich begann, einerseits ein ungewöhnliches Verhalten an den Tag zu legen und andererseits außergewöhnliche Fähigkeiten zu entwickeln.

Während andere Kinder seines Alters Zeichentrickserien ansahen, arbeitete er sich durch Lego-Anleitungen im Internet und überflog schematische Skizzen für Modelle, die er nicht einmal besaß.

Manchmal saß er auch allein in einer Ecke und reihte Spielzeugzüge auf, schnurgerade ausgerichtet, und tat das immer und immer wieder. Er war ungewöhnlich geräuschempfindlich und schrie jedes Mal auf, wenn das Gefrierfach beim Öffnen quietschte. Er reagierte extrem sensibel auf Berührungen und weigerte sich, kurze Hosen oder kurzärmelige Oberteile anzuziehen. Und er bestand darauf, dass Christine jedes Schildchen aus seinen Klamotten entfernte. Je nach Wochentag trug er ein bestimmtes Shirt („mein Montagsshirt“) und weigerte sich vehement, ein anderes anzuziehen. Als Christine damit begann, seine Sandwiches in der Mitte durchzuschneiden, flehte er sie an, damit aufzuhören. Als sie nach dem Grund fragte, erklärte er schluchzend, dass er sich dann nicht entscheiden könne, welche Hälfte er zuerst essen solle.

Im örtlichen Supermarkt wusste Bodi auswendig, wie viel Gramm Zucker pro Portion in jeder einzelnen Sorte ...

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