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Die McKettricks aus Texas: Über alle Grenzen

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Lael Miller

Die McKettricks aus Texas:

Über alle Grenzen

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Christian Trautmann

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PROLOG

San Antonio, Texas

Oktober

Acht Sekunden.

Außerhalb der Welt des Rodeos war das nicht viel Zeit.

Aber auf einem zweitausend Pfund schweren und wütenden Stier – mit dem passenden Namen Buzzsaw, was so viel hieß wie Kreissäge – konnten einem acht Sekunden wie eine Ewigkeit vorkommen.

Austin McKettrick stand an der Bar einer kleinen Spelunke, die jeder klügere Mann gemieden hätte, und fragte sich, warum ihm nach dem Ritt vor wenigen Stunden nicht nach Feiern zumute war.

Seit Monaten, seit seinem ersten Versuch auf diesem Bullen, bei dem er beinah ums Leben gekommen war, wollte Austin Buzzsaw unbedingt reiten. Er hatte kaum noch an etwas anderes denken können.

Und jetzt, wo er es endlich geschafft und diesen Fluch überwunden hatte, fehlten ihm neue Ziele.

Eine Bewegung im Spiegel hinter dem Tresen weckte seine Aufmerksamkeit. Er schob seinen Hut nach oben und suchte die weite dunkle Glasfläche genauer ab.

Mist, dachte er, als er seine Brüder Tate und Garrett näher kommen sah.

Sie waren beide Cowboys, groß und schlank, mit breiten Schultern und einem Auftreten, das an Clint Eastwood erinnerte. Die Gäste machten ihnen instinktiv Platz.

Ohne sich umzudrehen hob Austin sein Glas und trank einen großen Schluck Bier.

Tate, der älteste der drei, stellte sich rechts von Austin an den Tresen, während Garrett die linke Seite einnahm. Sie drängelten sich förmlich an ihn, als hätte er sie nicht wahrgenommen. Er grinste und schob seinen Hut noch etwas höher.

Die Barkeeperin Pinky, eine Frau Mitte siebzig mit langem grauem Zopf und einer trotz der vielen Falten gesunden Gesichtshaut, erschien umgehend.

„Was darf’s sein?“, erkundigte sie sich und sah dabei Tate und Garrett an. Austin überging sie, als wäre er gar nicht anwesend.

Da sie früher mit einem der Cowboys von der Silver Spur Ranch verheiratet gewesen war, gehörte Pinky immer noch zu den Freunden der Familie. Der Cowboy dagegen war längst fort.

Tate, der schon immer ein Händchen für Frauen gehabt hatte, tippte gentlemanlike an seine Hutkrempe und schenkte Pinky ein charmantes Lächeln. „Für mich nichts, danke“, sagte er. „Wie geht es dir, Pinky?“

„Ganz gut so weit“, entgegnete sie und wandte sich lächelnd an Garrett. „Ich habe gehört, es gibt Silvester eine Doppelhochzeit auf der Silver Spur. Stimmt das?“

„Klar doch“, bestätigte Garrett gelassen. „Deine Einladung kommt mit der Post.“

„Dann heiratet ihr beide?“ Angesichts dieses Wunders schnalzte Pinky mit der Zunge.

„Allerdings“, sagte Tate. „Ich heirate Libby Remington, und Garrett schließt den Bund fürs Leben mit ihrer Schwester Julie.“

Die alte Lady pfiff anerkennend durch die Zähne. „Da brat mir doch einer einen Storch: Brüder heiraten Schwestern. Eure Kinder werden also Doppelcousins?“

„Jep“, erwiderte Garrett.

Pinky richtete den Blick auf Austin. „Tate nimmt sich eine Frau. Und Garrett auch. Warum bleibst du Single, Hübscher?“

„Ich bin zu jung zum Heiraten“, antwortete er und setzte ein gewinnendes Lächeln auf.

„Unsinn“, fuhr Pinky ihn an. „Die Ehe würde dir helfen, zur Ruhe zu kommen. Das könnte dir nämlich nicht schaden, wenn du mich fragst.“

Austin verkniff sich, sie darauf aufmerksam zu machen, dass er sie nicht gefragt hatte.

Im nächsten Moment fühlte er einen eigenartigen Druck am Rücken, und sein linkes Bein wurde bis zum Knie taub. Er verlagerte das Gewicht auf den rechten Fuß, in der Hoffnung, den Druck ein wenig zu lindern. Aber es half nicht viel.

„Tate und ich sind ganz deiner Meinung“, kam Garrett Pinky zu Hilfe. „Austin sollte unbedingt zur Ruhe kommen. Er sollte sich aus dem Rodeozirkus zurückziehen, eine Familie gründen und etwas Konstruktives mit seinem Leben anstellen.“

Garrett hat vielleicht Nerven, dachte Austin. Bis vor wenigen Monaten, als Julie Remington ihn eingefangen und an die Kette gelegt hatte, hatte Bruder Nummer zwei nämlich für einen US-Senator gearbeitet und sich gern mit klugen, schönen und willigen Frauen umgeben.

Auch Tate hatte in den wilden Zeiten nach seiner Scheidung von Cheryl nicht unbedingt wie ein Mönch gelebt, bevor er sich erneut in Libby verliebt hatte – seine Highschool-Liebe und Julies ältere Schwester.

Wenn man die beiden jetzt reden hörte, konnte man den Eindruck gewinnen, sie hätten stets wie Heilige gelebt.

Austin trank einen weiteren Schluck Bier und wartete darauf, dass das Gefühl in sein Bein zurückkehrte.

„Weißt du, was er heute Abend gemacht hat?“, wandte Tate sich an Pinky und lehnte sich mit dem Ellbogen auf den Tresen. Er war jetzt in Fahrt und wollte einfach nicht aufhören.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie kopfschüttelnd.

„Er hat Buzzsaw geritten“, erklärte Garrett ihr, als stünde Austin nicht eingeklemmt zwischen seinen beiden Brüdern direkt neben ihm. „Er hat es geschafft, den Bullen zu bezwingen, der ihn letztes Jahr auseinandergenommen hat. Damals war ein ganzes Chirurgenteam nötig, um ihn wieder zusammenzuflicken. Und was macht dieser Idiot?“

Pinkys blaue Augen weiteten sich, dann starrte sie Austin an, als hätte sie noch nie einen solchen Trottel gesehen. „Ich will verdammt sein!“, rief sie. „Ich habe schon immer gesagt, dass dein Aussehen mehr taugt als dein Verstand. Tja, da haben wir den Beweis.“

Dem jüngsten McKettrick-Bruder fiel keine passende Antwort ein. Aber sie hätte ihm auch gar nichts genützt, denn plötzlich schwankte der Boden unter ihm, sodass er sich am Tresen festklammern musste. Austin wartete, bis der Raum sich nicht mehr drehte.

Allerdings passierte das etwas zu schnell, weshalb Austins Knie nachgaben. Hätten Tate und Garrett nicht seine Ellbogen festgehalten, wäre er gestürzt.

„Ich schwöre euch, das ist erst sein zweites Bier“, erklärte Pinky besorgt.

Garrett winkte ab. „Der wird schon wieder.“

„Kannst du gehen?“, fragte Tate, dessen Stimme jetzt leise und ernst klang.

Wenn wütende Entschlossenheit ausgereicht hätte, wäre Austin zu seinem Pick-up-Truck marschiert und hätte seinen Brüdern gesagt, sie sollten zur Hölle fahren. Anschließend wäre er in sein mieses Motelzimmer abgezogen, das er vor ein paar Tagen gemietet hatte. Eine heiße Dusche und zwölf Stunden Schlaf, danach würde es ihm wesentlich besser gehen.

Dummerweise genügte wütende Entschlossenheit diesmal nicht. Austin schaffte es, auf den Beinen zu bleiben. Allerdings verdankte er das Tate und Garrett, die ihn aufrecht hielten.

„Verdammt, ja. Ich kann gehen“, log er.

„Du Idiot“, murmelte Tate auf dem Weg über den Parkplatz. Seine Brüder hoben ihn auf den Rücksitz von Tates Wagen.

Er hätte sich gewehrt, wenn seine Beine sich nicht in weiche Spaghetti verwandelt hätten. Außerdem fühlte er sich benommen, und ihm wurde übel.

„Mein Pick-up“, protestierte er. „Den kann ich nicht einfach hierlassen. Das ist nicht gerade die beste Gegend von San Antonio …“

Garrett schnitt ihm das Wort ab. „Deinen Pick-up holen wir später.“

„Er ist ein Oldtimer“, erklärte Austin.

„Jaja.“ Garrett hörte sich grimmig an. „Was auch immer.“

Alles begann sich erneut um ihn herum zu drehen, und plötzlich fiel Austin etwas ein. „Da ist noch der Hund. Im Motel, meine ich. Ich habe ihn gefüttert und …“

Tate setzte sich hinters Steuer, und Garrett nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

Die Taubheit in Austins Bein setzte sich bis in den Rücken hinauf fort und verwandelte sich in Schmerz. Er fluchte und murmelte: „Ich kann … den Hund … nicht allein lassen …“

„Wir kümmern uns um den Hund und auch um den Truck“, versicherte Garrett ihm. „Also gib endlich Ruhe.“

Austin verlor kurz das Bewusstsein und kam wieder zu sich. Er fragte sich, ob ihm in der Bar jemand etwas ins Bier geschüttet hatte.

In den nächsten Minuten schien Zeit jede Bedeutung zu verlieren. Mal saß er auf dem Rücksitz in Tates Pick-up, und dann nicht mehr. Mal saß er aufrecht, dann lag er flach auf dem Rücken. Lichter wirbelten um ihn herum, ein eigenartiger Mix aus Neonlicht, Mondschein und fluoreszierenden Glühbirnen, die ihn blendeten.

Eine hübsche Krankenschwester schaute lächelnd auf ihn herunter. Rote Locken umrahmten ihr Gesicht.

Austins Herz schlug schneller. Paige Remington?

Nein, das konnte nicht sein. So viel Glück oder Pech hatte er nicht. Außerdem war Paige dunkelhaarig.

„Was …“, begann er.

Er merkte, dass er auf einer Trage lag und, flankiert von seinen Brüdern, durch einen Krankenhausgang geschoben wurde. Das kam ihm alles sehr bekannt vor. Aber Moment mal. Buzzsaw hatte ihn damals erwischt. Ein Rettungshubschrauber hatte ihn nach Houston geflogen, wo er mehrere Operationen über sich hatte ergehen lassen müssen. Damals hatte er mit dem Tod gerungen – und sich schließlich erholt.

Heute Abend hatte er Buzzsaw bezwungen und das Preisgeld für den ersten Platz eingestrichen. Obwohl es ihm nicht ums Geld gegangen war. Diesmal nicht.

Nach dem Rodeo hatte er die Arena verlassen, war in seinen Wagen gestiegen und zu Pinky’s gefahren, um seinen Sieg zu feiern.

Danach war seine Erinnerung lückenhaft.

Aber was zur Hölle machte er in einem Krankenhaus?

Wenn die Schmerzen nicht gewesen wären, hätte Austin gefragt, warum er hier war. Doch sie schwollen zu einem Inferno an und verschlangen ihn, bis ihn absolute Dunkelheit umgab.

Austin kam in einem Bett mit einem Geländer auf beiden Seiten wieder zu sich. Bis auf die Stiefel war er noch bekleidet. Die Vorhänge um das Bett herum waren zugezogen, sodass er nicht wusste, wie spät es war, ob Tag oder Nacht.

„Wenn die Schmerzen nachgelassen haben, kann er gehen“, hörte Austin eine Frauenstimme sagen. „Wenn nicht, muss er für weitere Tests und zur Beobachtung hierbleiben.“

„Aber Sie glauben nicht, dass er dauerhafte Schäden davongetragen hat?“, fragte Garrett leise. Er klang hoffnungsvoll, hundemüde und verärgert zugleich.

Es waren drei Schatten hinter den Vorhängen – die Lady, zweifellos eine Ärztin, Garrett und Tate.

„Kommt drauf an, wie Sie dauerhafte Schäden definieren. Ihr Bruder hat einen Bandscheibenvorfall. Mit Ruhe und entsprechender Schonung kann er vollständig genesen.“

„Austin weiß nicht einmal, was das Wort Schonung bedeutet“, meinte Tate.

„Wie lautet denn Ihre Definition von Ruhe und entsprechender Schonung, Doc?“, wollte Garrett wissen.

Die Ärztin seufzte. Sie konnte frisch von der Uni kommen oder so alt wie Pinky sein, anhand ihrer Stimme oder ihrer Figur vermochte Austin es nicht zu sagen.

„Na ja“, erwiderte sie, „Bullenreiten bei Rodeos gehört jedenfalls nicht dazu.“

Austin schloss die Augen.

Er war Bullenreiter und sonst nichts. Was sollte aus ihm werden, wenn er sich aus dem Rodeozirkus zurückzog? Wer war er dann noch?

„Wie steht’s mit Pferden?“, fragte Tate. „Reiten darf er doch noch, oder?“

„Wenn Sie normale Sattelpferde meinen, dann ja“, antwortete die Ärztin. „Aber erst nach seiner Genesung, und nur, wenn er vernünftig reitet.“

Garrett gab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen verächtlichem Schnauben und Lachen lag. „Den Tag möchte ich erleben.“

„Wie steht es im schlimmsten Fall um ihn?“, erkundigte Tate sich. Als Ältester und Oberhaupt der Familienranch nahm er sich manchmal zu ernst. Vor allem, seit ihre Eltern tot waren.

Die Ärztin antwortete nicht gleich. Austin interpretierte das nicht unbedingt als gutes Zeichen.

„Doc?“, hakte Garrett nach.

Erneutes Seufzen und Zögern.

Austin versuchte sich aufzusetzen, doch sein Rücken verkrampfte sich, und er konnte nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken.

Irgendeinen Laut musste er jedoch von sich gegeben haben, da die drei ihre Aufmerksamkeit nun auf ihn richteten. Der Vorhang wurde zurückgeschoben, und die Ärztin trat an sein Bett. Sie war jung und hübsch. Ein schöner Trost unter diesen Umständen.

„Mr McKettrick?“, sagte sie und schaute auf ihn herunter.

„Das müsste ich sein“, antwortete er.

„Wie fühlen Sie sich?“

Wenn die Schmerzen nachgelassen haben, kann er gehen. Wenn nicht, muss er für weitere Tests und zur Beobachtung hierbleiben.

„Besser denn je“, entgegnete er und brachte ein Grinsen zustande.

Sie musterte ihn skeptisch. „Sind Sie sicher?“

„Ja, klar doch.“

„In den nächsten Tagen müssen Sie zu Ihrem Hausarzt gehen.“

„Natürlich, Ma’am“, pflichtete Austin ihr gut gelaunt bei. „Das mache ich.“

Tate und Garrett tauschten einen misstrauischen Blick. Wahrscheinlich wussten sie, dass er alles versprechen würde, um hier herauszukommen.

„Ich verschreibe Ihnen ein Schmerzmittel“, erklärte die Ärztin. „Das können Sie jedoch nur kurzfristig einnehmen. Es ist unabdingbar, dass Sie sich erholen, Mr McKettrick. Ich bin sicher, Ihr Hausarzt wird sich meiner Ansicht anschließen, dass Sie sich in den nächsten Wochen möglichst wenig bewegen sollten. Abgesehen von einer sanften Physiotherapie.“

„Was immer Sie sagen“, erwiderte Austin lammfromm.

Garrett verdrehte nur die Augen.

Tate verschränkte die Arme und machte ein ernstes Gesicht. „Vielleicht sollte er doch lieber hierbleiben. Zur Beobachtung.“

„Ich muss meine Sachen aus dem Motelzimmer holen“, protestierte Austin, der befürchtete, dass Tate die Ärztin überzeugen würde, ihn doch dazubehalten. Ihm reichte es, er hatte genug Zeit in Krankenhäusern verbracht. „Und was ist mit dem Hund? Er wird sich fragen, wo ich geblieben bin.“

„Wirst du endlich mit diesem Hund aufhören?“, fuhr Garrett ihn an.

„Nein“, entgegnete Austin entschlossen. „Ich werde nicht damit aufhören.“

Die Ärztin erteilte weitere Anweisungen und erklärte, unten in der Apotheke läge ein Medikament bereit.

Eine gute halbe Stunde verging, bevor sie Austin endgültig entließ. Anschließend musste er seinen Namen auf verschiedene Formulare kritzeln. Danach erhielt er sein Handy, seine Brieftasche und den Zimmerschlüssel für das Motel zurück.

Diesmal brauchte er keine Hilfe beim Einsteigen in den Pick-up seines Bruders. Er schüttelte zwei Pillen aus der Flasche in seine Handfläche und schluckte sie herunter.

Anschließend lotste er Tate zu dem Motel, in dem er seine Sachen und den Hund, den er in der ersten Nacht abgemagert und zusammengekauert in der Gasse aufgelesen hatte, zurückgelassen hatte.

„Zimmer Nummer drei“, verkündete er, als sie auf den Parkplatz des verfallenen Gebäudes fuhren. „Es liegt auf der Rückseite.“

Hier wohnst du?“, fragte Garrett, drehte sich auf dem Beifahrersitz zu ihm um und sah ihn erstaunt an.

Austin lachte. „Das Ritz war ausgebucht.“ Er ließ das hintere Fenster herunter und stieß einen lauten Pfiff aus. Er hatte das Cozy Doze gewählt, weil er unerkannt bleiben wollte, bis er seine Rechnung mit Buzzsaw beglichen hatte. Man kannte ihn in San Antonio, besonders in den vornehmeren Hotels, und er wollte nicht, dass seine Brüder vor seinem Auftritt beim Rodeo von seiner Anwesenheit erfuhren. Natürlich hatten Tate und Garrett ihn am Ende doch aufgespürt.

Zu seiner großen Erleichterung kam der Hund, den er Shep getauft hatte, hinter einem Stapel alter, von Unkraut überwucherter Reifen hervorgekrochen. Er wedelte mit dem Schwanz und ließ die Zunge heraushängen.

Shep war dem Aussehen nach eine Mischung aus Deutschem Schäferhund, Labrador und einigen anderen Rassen. Er war weder groß noch klein und hatte ungefähr die gleiche Größe wie der Beagle Harry. Sein Fell war vermutlich braun, obwohl das schwer zu sagen war, bevor ihn jemand gebadet hatte.

Austin warf Tate seinen Zimmerschlüssel zu, während Garrett ausstieg und den Hund zu sich rief.

Shep knurrte halbherzig und legte die Ohren an. Einem davon fehlte ein Stückchen.

„Ganz ruhig, mein Junge.“ Austin sprach durch das heruntergelassene Fenster auf das verängstigte Tier ein. „Das ist mein Bruder Garrett. Er war früher Politiker, aber du kannst ihm trotzdem vertrauen.“

Der Hund gab ein leises Winseln von sich, wedelte mit dem Schwanz und stellte die Ohren wieder auf.

Austin stieß die Wagentür auf. Falls Garrett versuchen sollte, die arme Kreatur zu streicheln, würde er mit Sicherheit gebissen werden.

„Komm her, Shep“, lockte Austin ihn mit leiser Stimme.

Das Tier schlich um Garrett herum und lief zum Wagen, wo es sich auf die Hinterläufe stellte und sich mit den Vorderpfoten auf dem Trittbrett abstützte.

„Lass uns nach Hause fahren“, sagte Austin.

Nachdem er diesen Vorschlag kurz überdacht hatte, sprang der Hund in den Pick-up auf den Rücksitz neben Austin.

Tate erschien mit Austins Reisetasche und einem Fünf-Pfund-Sack Hundefutter unter dem Arm.

„Hast du deine Rechnung schon bezahlt?“, fragte er und warf die Sachen auf die Ladefläche. Er drehte sich noch einmal um und betrachtete das heruntergekommene Motel. Die überquellenden Mülltonnen und der rissige Asphalt des Parkplatzes, auf dem Unkraut wuchs, waren nicht zu übersehen.

„Ja“, antwortete Austin. „Ich habe im Voraus bezahlt.“

Tate ging ins Büro und gab den Schlüssel ab.

„Das ist wirklich eine Bruchbude“, bemerkte Garrett, kletterte auf den Beifahrersitz und setzte seine Pilotenbrille auf.

Austin sah keinen Sinn darin, das Offensichtliche zu leugnen. „Warum habt ihr zwei mich gestern im Pinky’s aufgespürt?“, wollte er wissen. Shep lag auf dem Rücksitz, und Austin streichelte beruhigend sein mattes Rückenfell.

„Du bist unser kleiner Bruder. Wenn dich eine Weile niemand gesehen hat, machen wir uns auf die Suche nach dir. So ist das eben.“

Auch wenn er es niemals zugeben würde, war Austin doch froh, auf dem Heimweg zu sein. Und er war froh, sich in der Gesellschaft seiner Brüder zu befinden, obwohl die beiden echte Nervensägen sein konnten.

1. KAPITEL

Blue River, Texas

November

Die bösen Bräute holten sie ein und kamen immer näher.

Paige Remington rannte blindlings die dunkle Landstraße entlang. Ihre Beine flogen, ihre Lungen brannten, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Dünne Äste rissen auf beiden Seiten an ihr, spinnenhafte Finger, die sie bremsten, während der Boden unter ihren Füßen weich wurde.

Sie ließ sich auf Hände und Knie fallen und spürte die kleinen Steinchen, die sich in ihre Handflächen bohrten. Hinter ihr kreischten und gackerten die Bräute triumphierend.

„Das ist nur ein Traum“, sagte Paige sich. „Wach auf!“

Nur gab der Schlaf sie einfach nicht frei.

Spitze und Seide, auf der kleine Strasssteine funkelten und Perlen schimmerten, umwehten sie so, dass sie beinah erstickte.

Plötzlich sprang die Traum-Paige wütend auf.

Wenn die Monster einen Kampf wollten, dann würde sie ihnen einen liefern. Sie stellte sich ihren Verfolgerinnen entgegen und erkannte die Bräute. Es waren – und waren es doch nicht, wie das in solch merkwürdigen Träumen vorkam – ihre Schwestern Libby und Julie.

Ihre Gesichter waren hinter Hochzeitsschleiern verborgen, aber Paige erkannte sie trotzdem. Libby trug ein üppiges altes, elfenbeinfarbenes Kleid, während Julies Kleid ultramodern aussah. Ein knappes Etwas, das sie auf ihrer jüngsten romantischen Reise nach Paris gekauft hatte.

„Wir wollen doch nur, dass du dein Brautjungfernkleid anprobierst“, verkündete das Paar auf unheimliche Weise im Chor. „Mehr nicht.“

„Nein“, erwiderte Paige. „Ich werde das verdammte Kleid nicht anprobieren. Lasst mich in Ruhe.“

Sie kamen immer näher. Nun hielten sie auch noch Kleidersäcke in den Händen.

„Aber du bist unsere einzige Brautjungfer“, riefen wieder beide synchron.

„Nein!“, wiederholte Paige und versuchte zurückzuweichen, kam jedoch nicht weiter.

In diesem Moment drang eine Stimme durch die dicke Traumoberfläche. „He“, sagte die Stimme, die tief und männlich war und auf beunruhigende Weise vertraut. „Alles in Ordnung?“

Sie spürte eine Hand auf der Schulter, schreckte aus dem Schlaf hoch – und starrte direkt in Austin McKettricks Gesicht.

„Nein, es wird immer schlimmer“, erwiderte sie staunend und umklammerte die Lehnen des Liegestuhls am Pool, auf dem sie nach einem einsamen Essen in der Küche des Ranchhauses eingeschlafen war.

Austin lachte, zog sich ebenfalls einen Liegestuhl heran und setzte sich mit der Vorsicht eines Mannes, der viel älter war als achtundzwanzig. Er ließ sich einen Bart wachsen, goldbraun, und seine Haare sahen ein wenig zerzaust aus.

Es sollte nicht erlaubt sein, so gut auszusehen, dachte Paige. Es ärgerte sie, dass sie seinetwegen nach all der Zeit immer noch Herzklopfen bekam.

„Was machst du hier?“, fragte sie.

Austin lehnte sich zurück, öffnete eine Bierdose und gab Paige zu verstehen, dass er sich mit der Antwort Zeit zu lassen gedachte.

Ein verwahrlost aussehender Hund kam angetrottet und rollte sich mit einem zufriedenen Schnaufen zu Austins Füßen zusammen.

„Wenn jemand Erklärungen verlangen kann, dann ja wohl ich“, sagte Austin schließlich. „Immerhin wohne ich hier.“

Darauf war sie gefasst gewesen – und trotzdem hatte sie die Konfrontation nicht abwenden können.

Paige atmete tief ein und langsam wieder aus. „Ich wohne für ein paar Tage in der Gästewohnung“, erklärte sie. „Der Mietvertrag für mein Apartment ist ausgelaufen, und die Renovierungsarbeiten an unserem alten Haus sind noch nicht beendet. Darum …“

Seine Augen hatten ein gefährliches Blau – „Erbblau“, wie Paige es nannte –, eine Mischung aus frischem Jeansblau, Himmelblau und jeder Schattierung dazwischen. Der Legende nach vererbten die McKettricks es von Generation zu Generation.

Er betrachtete sie eine Weile. Dann stellte er sein Bier ab, ohne davon getrunken zu haben. „Meine Brüder heiraten deine Schwestern.“

„Ja, ist mir auch schon zu Ohren gekommen“, erwiderte Paige seufzend.

Austin ignorierte den leicht schnippischen Ton und fuhr fort, als hätte sie nichts gesagt. „Das bedeutet, dass wir beide lernen müssen, zivilisiert miteinander umzugehen – trotz unserer Vergangenheit.“

Einige Episoden dieser Vergangenheit rief Paige sich ins Gedächtnis: jugendliche, leidenschaftliche Liebesspiele oben in Austins Zimmer, tanzen unter den Sternen zur Musik aus dem Autoradio seines alten Pick-ups.

Und die Streitereien. Sie schloss die Augen und errötete bei der Erinnerung an die Streitereien.

„Paige?“

Sie sah ihn funkelnd an.

„Sind wir uns darin einig?“, fragte er ruhig.

„Sind wir uns worin einig?“, gab sie in bissigem Ton zurück.

Austin seufzte. Er sah dünner aus als bei ihrer letzten Begegnung, und seine Augen leuchteten nicht mehr so intensiv. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie geglaubt, er würde Schmerzen leiden – vielleicht körperliche, vielleicht emotionale. Möglicherweise beides.

Er beugte sich vor und sprach sehr langsam und deutlich, als wäre sein Gegenüber ein Ausländer mit Sprachproblemen. „Ob es dir nun gefällt oder nicht, Silvester sind wir eine Familie, du und ich. Und ich tippe mal darauf, dass meine Brüder und deine Schwestern bis in alle Ewigkeit verheiratet sein werden. Uns stehen also eine Menge gemeinsamer Weihnachtsfeste, Thanksgivings und Geburtstagspartys bevor. Und das bedeutet …“

„Ich weiß, was das bedeutet“, schnitt Paige ihm das Wort ab. „Was soll dieser herablassende Ton?“

„Und was soll dieses Rumgezicke?“, konterte er. „Oh, stimmt! So bist du ja immer.“

So ungern sie es auch zugab und sosehr es sie auch ärgerte, Austin hatte leider recht.

Libby heiratete Tate. Julie heiratete Garrett. Tates Kinder, die Zwillinge Audrey und Ava, gehörten selbstverständlich bereits zur Familie. Das Gleiche galt für Julies kleinen Sohn Calvin. Und beide Paare wollten möglichst schnell weitere Kinder. Oh ja, es würde reichlich Geburtstagspartys geben.

„Können wir noch einmal von vorn beginnen?“, schlug Paige vor und versuchte, dabei gelassen zu klingen.

Austin betrachtete Paige mit einem Ausdruck feierlicher Heiterkeit, den nur er beherrschte. „Klar“, entgegnete er mit gespielter Großzügigkeit. „Nur zu, sag etwas Nettes – du kannst es. Tu einfach mal so, als wäre ich ein menschliches Wesen.“

Sie wandte den Blick ab, und eine tiefe, unerklärliche Traurigkeit überkam sie. „So kommen wir nicht weiter“, erklärte sie.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, bevor sie langsam weiterlief. Dann nahm Austin ihre Hand und streichelte mit dem Daumen ihre Fingerknöchel. Ein heißer Schauer überlief sie. Ebenso gut hätte er sie an all jenen intimen Stellen streicheln können, die kein anderer je entdeckt hatte.

„Du hast recht“, sagte er ein wenig heiser. „So kommen wir nicht weiter. Lass es uns versuchen – miteinander klarzukommen, meine ich.“

Er sah aufrichtig aus. Er klang aufrichtig.

Sei auf der Hut, ermahnte Paige sich im Stillen und straffte die Schultern. „Einverstanden.“

In der darauf folgenden erneuten Stille versuchte sie sich auszumalen, wie ein Waffenstillstand zwischen ihnen tatsächlich aussehen würde. Immerhin waren sie seit jener Sommernacht zerstritten. Es war kurz nach ihrem Highschool-Abschluss gewesen, als Paige diesen hinterhältigen Lügner und Mistkerl dabei ertappt hatte …

Sie atmete erneut tief durch und löste sich gedanklich von der Vergangenheit – zumindest so gut sie konnte.

Austin und sie waren zufällig zusammengekommen. Tate und Libby waren eines Freitagabends ins Kino gegangen, und dazu hatte Tate zähneknirschend seinen kleinen Bruder mitgebracht. Paige hatte den Eindruck gehabt, dass seine Eltern darauf bestanden hatten und Tate gegen eine Abmachung verstoßen würde, wenn er es nicht tat.

Sie hatte es sich schon in einem Lehnsessel bequem gemacht und ein Buch gelesen, als Austin seinen sagenhaften Charme bei ihr spielen ließ. Er schenkte ihr sein verwegenes Lächeln und fragte sie, ob sie Lust aufs Kino hätte.

Danach waren sie so unzertrennlich gewesen wie Libby und Tate.

Anfangs glaubte sie, er spiele irgendein Spiel mit ihr, doch nach einigen Monaten waren sie ein Paar. Nach einem Jahr nahm Paige die Pille, und sie schliefen miteinander.

Sie verlor ihre Jungfräulichkeit – na schön, sie schenkte sie ihm, zusammen mit ihrem Vertrauen und ihrem Herzen.

Und dann betrog er sie.

Aber all das war vor über zehn Jahren passiert, bevor seine Eltern bei diesem schrecklichen Autounfall getötet worden waren und ihr eigener Dad an Krebs gestorben war. So vieles war seitdem passiert, und Paige war es müde, Austin gegenüber einen Groll zu hegen.

„Hast du vorhin schlecht geträumt?“, erkundigte Austin sich.

„Wie bitte?“

„Als ich dich aufgeweckt habe.“

„Ja.“ Sie lächelte kurz. „Danke noch mal.“

Er grinste, was ein flaues Gefühl in ihrem Magen auslöste, griff nach seiner Bierdose und prostete ihr damit beiläufig zu. „Jederzeit.“

Der Hund winselte leise, offenbar jagte er irgendetwas im Traum. Oder er lief vor etwas davon.

„Shep“, murmelte Austin und stupste den Hund sanft mit der Stiefelspitze an. „Ist ja gut. Alles in Ordnung.“

Paige betrachtete Shep. „Ein Streuner?“

„Was hat ihn verraten? Das glanzlose Fell? Oder vielleicht der Dreck?“

„Das arme Ding könnte wirklich ein Bad vertragen“, räumte Paige ein. Sie hatte schon immer eine Schwäche für Tiere gehabt, besonders für die vernachlässigten und verstoßenen.

„Garrett hat versprochen, ihn vor dem Abendessen mit dem Gartenschlauch abzuspritzen“, erklärte Austin, als wäre das etwas Selbstverständliches.

„Aber bis zum Abendessen dauert es noch eine ganze Weile“, gab Paige leicht irritiert zu bedenken.

„So lange wird er schon noch durchhalten“, meinte Austin. „Nicht wahr, Shep?“

Paige schaute auf ihre Uhr. Sie hatte noch über eine Stunde Zeit, bevor sie Calvin aus der Kindertagesstätte in der Stadt abholen musste. Momentan arbeitete sie nicht als Krankenschwester, sondern wartete auf einen neuen Job – ebenso wie auf ihr neues Zuhause.

Weil Julie mit den Vorbereitungen für die Hochzeit, ihrer Tätigkeit als Lehrerin an der Highschool und der Regie des Schülermusicals vollkommen ausgelastet war, hatte Paige sich in letzter Zeit häufig um ihren kleinen Neffen gekümmert. Da sie Calvin über alles liebte, bedeutete das kein großes Opfer.

Jetzt stand sie auf. „Ich mach’s“, verkündete sie.

„Was machst du?“, fragte Austin.

„Den Hund baden“, erklärte sie und war stolz auf sich, dass sie sich jede weitere Bemerkung dazu verkniff.

„Ich habe dir doch gesagt, dass Garrett sich um Shep kümmert, sobald er nach Hause kommt.“ Austin klang genervt.

„Es ist doch unsinnig, es so lange aufzuschieben.“ Paige tat das Tier leid.

Auch Shep stand auf und musterte sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Hoffnung. Sein Schwanz wedelte zögernd erst zur einen, dann zur anderen Seite.

Augenblicklich schloss Paige das Tier in ihr Herz. Sie kniete sich vor die Liege und sah dem Hund in die braunen Augen. „Ich werde dir nichts tun“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Keine Sorge.“

Shep wedelte weiter langsam mit dem Schwanz, diesmal aber schon etwas vertrauensvoller und lebhafter.

„Paige“, mischte Austin sich ein. „Er ist verwildert und wahrscheinlich nicht geimpft …“

Ohne auf ihn zu achten, streckte Paige die Hand aus, um Shep an ihren Fingern und ihrem Handgelenk schnüffeln zu lassen. Sie empfand eine Art Triumphgefühl, als er nicht zurückwich.

„Unsinn“, widersprach sie. „Er ist ein lieber Kerl. Stimmt’s nicht, Shep?“

Als sie sich aufrichtete, sah sie, dass Austin ebenfalls aufgestanden war. Ein übermütiges, wissendes Funkeln lag in seinem Blick. Er verschränkte die Arme, legte den Kopf schräg und betrachtete sie.

Paiges Wangen glühten.

Um den Bann zu brechen, wandte sie sich ab und marschierte resoluten Schrittes auf das Haupthaus zu. Dabei registrierte sie mit innerem Jubel, dass der Hund ihr zögernd folgte.

Austin konnte es dem Hund nicht verübeln, dass er Paige nachlief – der Anblick ihres sexy Pos in der Jeans war so verlockend, dass er dasselbe tat. Allerdings verletzte es seinen Stolz ein wenig, dass Shep nicht auf ihn gewartet hatte.

Wessen Hund war das eigentlich?

Er lief Paige hinterher wie dem Rattenfänger aus dem Märchen, und so landeten sie alle drei in der Waschküche. Hier kannte Paige sich aus. Sie suchte sich ein paar alte Handtücher zusammen und nahm das Hundeshampoo, das Julie für Harry benutzte. Dann ließ sie in eines der großen Spülbecken Wasser laufen, wickelte die Handbrause ab und drückte den Sprayerknopf mit geübtem Daumen, während sie mit der Innenseite ihres Handgelenks die Wassertemperatur überprüfte.

Diese Szene, so gewöhnlich sie auch war, hatte eine eigenartige Wirkung auf Austin.

„Nun“, wandte sich Paige an Austin, „steh nicht einfach nur herum. Heb Shep ins Spülbecken, damit ich ihn waschen kann.“ Zu dem Hund sagte sie: „Du wirst dich gleich viel besser fühlen, wenn du gebadet hast.“

Austin hatte seinen Stolz. Er würde dieser Frau nicht verraten, dass er sich den Rücken verletzt hatte und darum nicht einmal einen mageren Hund heben durfte, wenn er nicht im Streckverband enden wollte.

Also bückte er sich, schob die Arme unter Sheps Bauch und hob ihn behutsam in das Spülbecken.

Paige machte den Hund mit dem Duschkopf vertraut, indem sie mehrmals kurz den warmen Wasserstrahl auf ihn richtete. Er sollte Gelegenheit bekommen, sich auf das bevorstehende Bad einzustellen.

In der Zwischenzeit wollte Austin sich gerade dazu beglückwünschen, dass es ihm überhaupt nichts ausgemacht hatte, einen kleinen Hund zu heben, als er einen stechenden Schmerz im Rücken verspürte. Genau an der gleichen Stelle wie an dem Tag, als seine Brüder ihn halbwegs aus Pinky’s Bar hatten tragen müssen. Er sog scharf die Luft ein und hielt sich an der langen Arbeitsfläche fest, auf der die Haushälterin Esperanza für gewöhnlich Laken und Handtücher faltete.

Vorsicht, ermahnte er sich selbst. Warte, bis es vorbei ist.

Paige war damit beschäftigt, den Hund abzuspritzen, und merkte gar nicht, dass das Wasser die Vorderseite ihres dünnen T-Shirts durchnässte. Sie schenkte Austin keinerlei Beachtung, und das war ihm eigentlich auch ganz recht so.

Der Krampf in seinem Rücken wurde heftiger und würde sich nicht einfach so vertreiben lassen wie ein Wadenkrampf. Austin biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen.

„Austin?“ Paige klang besorgt. „Stimmt etwas nicht? Du bist blass und …“

Er schüttelte den Kopf. Langsam ließ der Krampf nach, obwohl der Schmerz nach wie vor enorm war. So stark, dass er kein Wort herausbekam.

Auf keinen Fall wollte er es riskieren, Paige jetzt anzusehen. In ihrer Jugend, als sie verrückt nacheinander gewesen waren, hatte sie die beunruhigende Fähigkeit entwickelt, seine Gedanken lesen zu können. Sie wusste meistens genau, was in ihm vorging.

„Alles … in Ordnung“, brachte er schließlich heraus. Der Schmerz ließ nach.

Sie nahm das Hundeshampoo, drückte einen glänzenden Streifen auf Sheps nasses Rückenfell und fing an, es einzumassieren. „Tut mir leid, aber du siehst nicht so aus, als ob alles in Ordnung wäre“, stellte sie fest.

Der arme Shep sah tropfnass zu Austin, aber er ließ die Prozedur mit einer solchen Geduld über sich ergehen, dass es Austin zutiefst rührte.

„Bist du etwa krank?“, bohrte Paige weiter.

Erneut schüttelte er den Kopf, da er schon wieder kein Wort herausbekam.

„Austin“, sagte sie bestimmt. „Ich bin Krankenschwester und sehe, wenn jemand Schmerzen hat.“

Gerade als er darauf etwas antworten wollte, spürte er den Krampf in seinem Rücken von Neuem. Er hielt sich an der Kante der Arbeitsfläche fest und wartete darauf, dass der Schmerz nachließ.

Paige wartete ebenfalls, drängte ihn aber nicht weiter. Stattdessen duschte sie den Hund ab, seifte ihn ein zweites Mal ein und duschte ihn wieder ab.

Wie sich zeigte, war Shep, der das Bad ohne Klagen über sich ergehen ließ, ein Hund mit einem gelbbraunen Fell. In der Mitte des Rückens hatte er einen rötlich braunen Fleck, der die Form eines Sattels hatte.

Paige beglückwünschte den Hund zu seinem guten Aussehen und trocknete ihn gründlich ab, bevor sie ihn aus dem Becken hob und auf den Boden stellte.

Inzwischen konnte Austin wieder atmen, aber das war auch schon alles.

Die Hände auf die Hüften gestützt, drehte Paige sich zu ihm. Ihr nasses T-Shirt klebte an faszinierenden Stellen ihres Oberkörpers.

Mühsam riss Austin sich vom Anblick ihrer vollkommenen Brüste los, leider nicht schnell genug. In Paiges Augen flackerte Zorn auf.

Oder war es Besorgnis?

„Manche Dinge ändern sich nie“, bemerkte sie.

Austin ließ die Kante der Arbeitsfläche los. Er war heilfroh, dass der Krampf nachgelassen hatte. „Was meinst du damit?“, fragte er und fuhr törichterweise fort: „Na schön, ich habe deine Brüste betrachtet. Tut mir leid, dass du das mitbekommen hast.“

Ihr Mund zuckte. „Du meinst, es tut dir leid, dass ich dich dabei erwischt habe?“

„Ja“, gestand er und hatte immer noch Schwierigkeiten, ihre Stimmung zu deuten.

Sie lachte.

Er hatte ganz vergessen, welche Wirkung Paige Remingtons Lachen auf ihn hatte. Es machte ihn benommen und schwindelig, als hätte man ihm die Augen verbunden, ihn ein halbes Dutzend Mal im Kreis gedreht und ihm anschließend den Boden unter den Füßen weggezogen.

Gleich darauf wurde ihre Miene wieder ernst, obwohl ihre Mundwinkel noch die Andeutung eines Lächelns verrieten und ein belustigter Ausdruck in ihren Augen lag. „Was ich eigentlich mit der Bemerkung ‚Manche Dinge ändern sich nie‘ meinte, war, dass du nach wie vor zu stur und stolz bist, um zuzugeben, dass du Hilfe brauchst.“

„Ich brauche keine Hilfe“, erwiderte er, wobei er sich selbst fragte, warum es ihm so wichtig war, das klarzustellen.

Shep wählte diesen Augenblick, um sich gründlich zu schütteln und beide nass zu spritzen.

„Ich werde mit dir nicht darüber streiten, Austin McKettrick“, erklärte Paige.

Diese Bemerkung veranlasste ihn, einen verächtlichen Laut von sich zu geben.

„Mit dir ist etwas nicht in Ordnung“, sagte sie und ging in die Küche. Shep folgte ihr munter. Seine Krallen klackten leise auf den Holzdielen. „Wenn du mir nicht verraten willst, was es ist, werde ich mich eben an Tate oder Garrett wenden.“

Als er sicher war, dass er ohne Probleme gehen konnte, folgte Austin ihr in die Küche. Paige stand an der Spüle und wusch sich die Hände.

Sie drehte sich nicht zu ihm um.

„Paige.“

Die Haltung ihres Kinns verriet ihm, dass sie störrisch bleiben würde. Sie würde einen seiner Brüder fragen, was mit ihm los sei, und dann dessen Version der Geschichte hören.

Verdammt, aber es war seine Geschichte. Er musste sie erzählen. Außerdem wollte er nicht, dass irgendwelche Versionen aus zweiter Hand die Runde machten. „Mein Rücken streikt hin und wieder“, gestand er. „Das ist alles.“

Endlich drehte sie sich zu ihm um. „Das ist alles? Und warum hast du mir das vorhin nicht gesagt, als ich dich gebeten habe, Shep ins Spülbecken zu heben?“

„Weil ich Texaner bin, Ma’am, und deshalb eine Lady nicht meine Sachen heben lasse.“

Sie betrachtete ihn völlig verständnislos und meinte: „Du Idiot.“ Aber in ihren Worten schwang Zuneigung mit.

Hatte sie ihn gerade mal wieder beleidigt? Andererseits war ihr Ton … na ja, er löste ein warmes, angenehmes Gefühl in Austin aus.

Paige, die offenbar keine Ahnung von ihrer Wirkung auf ihn hatte, schaute auf ihre Uhr. „Ich muss Calvin abholen. Willst du mitkommen?“

Ratlos fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare. Wollte sie wirklich seine Gesellschaft? Oder hatte sie Angst, einen invaliden Cowboy allein im Haus zu lassen?

Schwer zu sagen, und genau genommen war es ihm auch egal.

„Klar“, erwiderte er. „Glaube ich jedenfalls.“

Darauf verdrehte sie ihre wundervollen Augen. „Na, das ist mal eine eindeutige Antwort. Ich ziehe nur schnell dieses nasse T-Shirt aus, dann können wir los.“

„Musst du das wirklich?“

Sie kniff die Augen zusammen und stemmte erneut die Hände in die Hüften. Doch dabei kämpfte sie gegen ein Grinsen an. „Muss ich was wirklich?“

„Das nasse T-Shirt ausziehen?“

Nach einem tadelnden Blick in seine Richtung verschwand sie in der Gästewohnung.

Austin unterdrückte den Impuls, ihr einfach hinterherzurennen. Denn sie würde ihn bestimmt nicht dabei zusehen lassen, wie sie sich ein neues T-Shirt überzog.

Pech.

Jede Nervenzelle in Paiges Körper war in Alarmbereitschaft, und ihr Herz schien bei jedem zweiten Schlag auszusetzen.

Daran war sie selbst schuld.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, Austin zu fragen, ob er mitfahren wollte?

Jetzt saß er in voller Größe und vor Testosteron nur so strotzend in ihrem Kleinwagen und schob den Beifahrersitz so weit wie möglich nach hinten. Shep, noch feucht von seinem Bad und angenehm nach frisch shampooniertem Hund duftend, saß direkt hinter ihm.

Austin nahm so viel Platz ein, dass Paige aufpassen musste, damit sich ihre Schultern nicht berührten. Sie nahm ihre Sonnenbrille aus der Halterung über dem Rückspiegel und setzte sie auf. Dann schnallte sie sich an, legte den Rückwärtsgang ein und wäre um ein Haar durch das geschlossene Garagentor gefahren.

Lachend drückte Austin auf die Fernbedienung, die an der Sonnenblende befestigt war. Das Garagentor öffnete sich hinter ihnen.

„Daran hätte ich schon noch gedacht“, sagte sie.

„Natürlich hättest du“, entgegnete er gut gelaunt.

Paige wusste genau, dass sie ihn mit einem Grinsen auf dem Gesicht ertappen würde, wenn sie ihn jetzt ansähe. Ihre Wangen glühten, und sie war froh über ihre Sonnenbrille.

„Vermutlich findest du, du solltest fahren“, meinte sie, während sie äußerst vorsichtig aus der Garage fuhr.

„Habe ich das etwa gesagt?“

Paige seufzte. „Nein.“

Sie schaffte es, aus der Garage zu fahren, ohne irgendetwas zu rammen. Dann lenkte sie den Wagen zu dem massiven, offenen Eisentor am Ende der langen Auffahrt.

„Warum bist du so durcheinander?“, wollte Austin wissen. Bevor sie in die Hauptstraße einbog, bremste Paige, obwohl von beiden Seiten kein Verkehr kam.

„Ich bin nicht durcheinander“, stellte sie klar.

„Doch, das bist du.“

„Bin ich nicht.“ Sie wartete einen Augenblick und holte tief Luft. „Schmeichle dir nicht selbst, Austin. Nicht jede Frau erliegt deinem Charme.“

Er lachte. „Auch das habe ich nicht behauptet.“

„Manches muss man nicht aussprechen“, konterte sie und bog in Richtung Stadt ab.

„Ganz egal, was ich sage, du wirst dagegen sein, nicht wahr?“

„Stimmt“, gab Paige zu.

Diesmal mussten sie beide lachen.

Austin verschränkte die Arme, schloss die Augen und legte den Kopf zurück. Er bot das Inbild eines zufriedenen Cowboys. So ungern Paige es zugab, aber dieser Mann schaffte es immer noch, sie völlig aus dem Konzept zu bringen.

Er strahlte dieses verdammte Selbstbewusstsein aus.

Manche Männer hätte es gewurmt, auf dem Beifahrersitz mitfahren zu müssen, anstatt selbst das Steuer in der Hand zu haben. Nicht so Austin, der ganz sicher noch nie an seiner Männlichkeit gezweifelt hatte. Davon war Paige überzeugt.

Tate und Garrett waren genauso. Vielleicht ist das so eine McKettrick-Sache, dachte sie.

Warum sollten die drei auch nicht selbstbewusst sein? Sie besaßen alles: gutes Aussehen, Geld, eine Ranch, die selbst gemessen an texanischen Standards groß war, und einen Namen, dem man Respekt entgegenbrachte.

Paige spürte, wie es ihr heiß den Hals hinaufkroch und es ihr die Kehle zuschnürte. Außerdem bekam sie Herzklopfen.

Natürlich wählte Austin genau diesen Moment, um ihr eine Frage zu stellen. „Wie ist es dir so ergangen, Paige?“

Sie fühlte Tränen in sich aufsteigen, wäre aber eher gestorben als zu weinen. Also schluckte sie hart.

Wie ist es dir ergangen, Paige? Seit ich dir das Herz gebrochen habe, meine ich. Seit du mich in einem gestohlenen Golfcart verfolgt hast. Wie ist es dir ergangen, Paige, alte Freundin?

„Gut“, antwortete sie, überrascht und erleichtert darüber, wie ruhig sie klang. „Mir geht’s wirklich gut. Ich hatte viel zu tun. Und du?“

Nun war der Ball auf seiner Seite des Spielfelds.

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass er sie beobachtete.

„Ist es wirklich schon zehn Jahre her?“

„Allerdings“, bestätigte sie. Einen Monat nach ihrer Trennung waren Austins Eltern bei diesem grässlichen Autounfall ums Leben gekommen. Damals hätte sie ihn so gern getröstet und gefragt, ob sie irgendetwas für ihn tun konnte.

Nur war er leider nicht der Einzige mit zu viel Stolz.

„Ich war auf der Beerdigung“, sagte sie. Zur Trauerfeier waren so viele Menschen gekommen, dass sie nicht alle in die Kirche passten.

„Ich weiß“, erwiderte Austin leise. „Ich habe dich gesehen.“

Er war auch auf der Beerdigung ihres Vaters gewesen, gemeinsam mit seinen Brüdern. Damals hatte er zwar kein Wort mit ihr gesprochen, aber es hatte ihr trotzdem geholfen. Es tat gut zu wissen, dass er da war und Anteil nahm. An jenem Tag war ihr Kummer zu groß gewesen, um auch noch über den Verlust ihrer großen Liebe zu trauern.

Es hatte ohnehin noch genug andere Tage gegeben, an denen sie wegen Austin geweint hatte. Und ebenso viele dunkle Nächte.

Sie fuhren an den bereits vor vielen Jahren versiegelten Ölquellen vorbei. Unter der Silver Spur Ranch befand sich laut Expertenmeinung noch reichlich schwarzes Gold.

Austin und Paige fuhren vorbei an Rindern, die auf McKettrick-Weideland grasten, und es gab so vieles, was Paige sagen wollte.

Aber ihre Vernunft – oder ihr fehlender Mut – hielten sie davon ab, irgendeines ihrer Gefühle in Worte zu fassen.

2. KAPITEL

Calvin Remington, der gerade fünf Jahre alt geworden war, gehörte zu den Menschen, die Austin am liebsten waren. Und dem strahlenden Gesicht nach zu urteilen, mit dem der Junge auf Paiges Wagen zurannte, beruhte das auf Gegenseitigkeit. Seine Tante folgte einige Schritte hinter ihm, während Austin bei heruntergelassener Scheibe auf dem Beifahrersitz wartete.

„He, Kumpel!“, rief er.

Calvins Brille saß ein wenig schief, und sein blondes Haar stand in sämtliche Richtungen ab. Der Reißverschluss seiner Jacke war offen, und Calvin wedelte mit einem Papier über seinem Kopf.

„Meine ganze Kindergartenklasse fährt nach Six Flags!“, schrie er begeistert. „Weil wir wirklich, wirklich gut waren!“

Austin lachte, und sein Blick begegnete zufällig Paiges. Sofort spürte er das Knistern zwischen ihnen, und sein Verlangen erwachte.

„Wessen Hund ist das?“, wollte Calvin wissen, der vor Aufregung außer Atem war, nachdem er das Rasenstück zwischen Gemeindezentrum und Parkplatz überquert hatte. „Ist das dein Hund, Austin?“

„Ja, das ist mein Hund“, bestätigte er. „Er heißt Shep.“

Calvin machte die Wagentür auf und kletterte hinten in den Kindersitz. „Hallo, Shep“, begrüßte er den Hund.

Paige überprüfte, ob ihr Neffe auch richtig angeschnallt war. Sie kümmerte sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit und ebenso gekonnt um den Jungen wie zuvor um Shep in der Waschküche der Ranch.

Aus irgendeinem Grund berührte Austin diese Tatsache.

„Stürz dich nicht gleich auf Shep“, ermahnte sie ihren Neffen. „Er gewöhnt sich erst noch daran, zu jemandem zu gehören. Du willst ihm ja schließlich keine Angst machen, oder?“

Calvin nickte zustimmend, dann wechselte er das Thema. „Kommst du als Begleitung mit, wenn wir nach Six Flags fahren, Tante Paige?“, fragte er. „Mom würde es bestimmt machen, aber sie muss den ganzen Tag unterrichten und der Theatergruppe mit dem Musical helfen und sich auf die Hochzeit vorbereiten und solche Sachen.“

Paige sah über den Sitz zu Austin.

Er zwinkerte ihr zu.

Sie errötete ein wenig, schloss Calvins Tür, stieg vorn ein und startete den Motor, nachdem sie sich angeschnallt hatte. Während der ganzen Zeit achtete sie darauf, Austin nicht anzusehen.

„Machst du’s, Tante Paige?“, ließ Calvin nicht locker.

„Kommt drauf an“, antwortete sie sanft, obwohl ein leichtes Vibrieren in ihrer Stimme lag. „Wann ist denn der große Tag?“

„Am Mittwoch vor Thanksgiving. Meine Lehrerin wollte wissen, welcher Hirni den Ausflug auf den Tag vor einem so wichtigen Feiertag gelegt hat. Sie backt an dem Tag gern Kürbiskuchen, aber jetzt bekommt sie wahrscheinlich Kopfschmerzen, sodass sie den ganzen Abend mit einem kalten Waschlappen auf der Stirn verbringen muss.“

Austin grinste. „Das hat deine Lehrerin alles gesagt?“

„Ja, aber nicht vor der Klasse“, stellte Calvin klar. „Das hat sie in der Pause gesagt. Ich war auf dem Klo, und als ich zurückkam, habe ich gehört, wie sie sich mit Mrs Jenson unterhalten hat. Das ist unsere Pausenaufsicht.“

„Ah, ich verstehe“, erwiderte Austin ernst, während Paige vorsichtig rückwärts aus der Parklücke fuhr. Andere Kinder verließen mit ihren Müttern und Vätern das Gelände und winkten.

„Ich finde diesen Hund sehr freundlich“, bemerkte Calvin. „Darf ich ihn streicheln? Bitte.“

„Ja“, sagte Paige, die auf dem Weg zum Highway mit dem Kleinwagen durch jedes Schlagloch fuhr. „Aber achte darauf, keine hastigen Bewegungen zu machen.“

Eine Weile fuhren sie in angenehmem Schweigen, doch als sie nach rechts zur Silver Spur Ranch abbiegen mussten, bog Paige stattdessen nach links ab.

Und obwohl Austin nichts dazu sagte, lieferte sie ihm trotzdem eine Erklärung.

Frauen. Sie waren immer bereit, einem Mann mehr Informationen zu liefern, als er brauchte.

„Calvin schaut gern noch bei der Blue River Highschool vorbei, um seine Mom für ein paar Minuten zu sehen, bevor er nach Hause fährt“, informierte sie ihn.

Nach Hause – Austin mochte den Klang dieser Worte aus Paiges Mund. Es gefiel ihm, dass sie damit die Ranch meinte – seine Ranch.

Sofort nahm er sich zusammen. Langsam, Cowboy. Werd bloß nicht sentimental. Du bist absolut der Falsche für Paige Remington, und sie ist die Falsche für dich. Das hast du auf die harte Tour lernen müssen, deshalb solltest du es nicht vergessen.

„Garrett meint, Mom arbeitet zu hart“, verkündete Calvin vom Rücksitz. „Und weißt du was?“

„Was denn?“, fragte Austin und verscheuchte seine Gedanken, um sich auf den Jungen zu konzentrieren.

„Ich kriege sofort einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester.“

Austin musste grinsen.

Paige sah ihn an, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Na ja, vielleicht nicht sofort“, meinte sie. „Es dauert neun Monate, bis ein Baby zur Welt kommt.“

„Garrett sagt, die anderen Babys brauchen so lange, aber das erste kann jederzeit kommen.“

Das brachte Austin zum Lachen.

„Garrett sagt, Garrett sagt“, neckte Paige ihren Neffen und beobachtete ihn im Rückspiegel. Austin betrachtete ihren anmutigen, schlanken Hals, den er gern geküsst hätte. „Das ist das Evangelium nach Garrett McKettrick.“

„Das wäre in der Tat mal ein schönes Evangelium“, bemerkte Austin trocken.

„Still“, tadelte sie ihn, allerdings in mildem Ton. Auch das fand er angenehm, genau wie ihre Art „nach Hause“ zu sagen vor einigen Minuten.

Sie erreichten die Blue River Highschool, und Paige hielt auf dem Lehrerparkplatz. Bis auf Julies Wagen, einen alten pinkfarbenen Cadillac, und den schicken weißen Pick-up, den Garrett kurz nach der Verlobung mit Julie gekauft hatte, war der Parkplatz leer.

Viele Jugendliche aus der Theater-AG besaßen auch schon Autos, aber der Schülerparkplatz lag auf der anderen Seite des Gebäudes.

„Calvin und ich bleiben nicht lange“, erklärte Paige, nachdem sie den Motor abgestellt hatte. Dann errötete sie ein wenig. „Oder möchtest du vielleicht mitkommen?“

„Ich glaube, Shep und ich vertreten uns lieber hier draußen auf dem Parkplatz ein wenig die Beine“, erwiderte er und genoss ihr Unbehagen. Es tat gut zu wissen, dass er sie noch immer ein bisschen aus dem Konzept bringen konnte.

Oder vielleicht nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich.

Hör auf damit, ermahnte er sich, doch sein Verstand fing schon an, ihm Schwierigkeiten zu machen.

Zum Glück waren Paige und Calvin bereits ausgestiegen und auf dem Weg zur Aula.

Austin bewegte das Becken dezent, um ein gewisses Körperteil zurechtzurücken, schnallte sich ab und öffnete die Beifahrertür. Shep hatte zwar weder ein Halsband noch eine Leine, aber er würde nicht wegrennen. Er schien sich viel zu sehr darüber zu freuen, dass er ein Zuhause hatte, um es erneut allein zu versuchen.

Und wie vermutet, benahm der Hund sich wie ein Gentleman. Er war gerade wieder in Paiges Wagen gesprungen, als Garrett aus der Aula gestürzt kam – er besuchte Julie regelmäßig bei den Proben. Er hatte ein albernes Grinsen im Gesicht und bewegte sich so lässig, als wären seine Scharniere frisch geschmiert worden.

„Na, wenn das nicht der Wunderknabe vom Bullenrodeo ist“, begrüßte er Austin, offenbar verblüfft, ihn nicht nur auf den Beinen, sondern auch noch unterwegs zu sehen.

„In Person“, entgegnete Austin, warf die Wagentür zu und ging seinem Bruder entgegen.

Garrett musterte Paiges Kleinwagen und sah kurz zurück zur Aula, bevor er sich wieder Austin zuwandte. „Anscheinend bist du in besserer Verfassung, als Tate und ich dachten.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.

Darauf antwortete Austin nicht. Stattdessen wartete er auf das, was sonst noch kommen würde. Und er ahnte bereits, was das sein würde.

„Denk dran, dass Paige ab Silvester zur Familie gehört“, sagte Garrett schließlich.

Doch Austin ließ sich nicht einschüchtern. Er hatte nichts Falsches getan, Rückenprobleme hin oder her. „Was soll das denn heißen?“

„Das kannst du dir schön selbst ausrechnen“, erwiderte Garrett gereizt. „Paige ist Julies Schwester. Julie hängt an ihr. Ich liebe Julie. Also, wenn du Paige wehtust, tust du damit auch Julie weh. Und dann werde ich stocksauer.“

Den Unterschied zwischen einer Drohung und einem Versprechen kannte Austin sehr gut. Dies war ein Versprechen. Er hatte zwar keine Angst vor Garrett oder Tate, aber die Botschaft war angekommen.

„Du denkst, ich hätte es auf Paige abgesehen?“ Er stellte diese Frage mit ruhiger, fester Stimme.

„In Anbetracht eurer gemeinsamen Vergangenheit denke ich das durchaus“, antwortete Garrett. „Und Paige ist keine von den Frauen, die du gewohnt bist.“

Am liebsten hätte Austin seinem Bruder einen Kinnhaken verpasst, aber Jim und Sally McKettrick hatten keine Dummköpfe großgezogen. Mit seinem Bandscheibenvorfall war er im Nachteil, mal abgesehen davon, dass Garrett sich genau deshalb auf keinen Kampf einlassen würde. Darum wartete Austin mit geballten Fäusten, bis sein Zorn sich wieder legte.

„Und was für Frauen bin ich gewohnt?“, fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Ehe Garrett auf diese Frage antworten konnte, flogen die Aulatüren auf, und Paige erschien mit Calvin im Schlepptau.

„Darf ich mit dir nach Hause fahren?“, fragte der Junge Garrett.

„Na klar“, antwortete Garrett und wuschelte Calvin durchs Haar. „Du kannst mir helfen, die Pferde zu füttern.“

„Darf ich, Tante Paige?“ Calvin sah so hoffnungsvoll zu ihr auf, dass Austin sich nicht vorstellen konnte, wie sie ihm diese Bitte abschlagen sollte. „In Garretts Auto ist auch ein Kindersitz.“

„Natürlich“, sagte Paige. „Wir sehen uns dann auf der Ranch.“

Calvin nickte und rannte zum Pick-up.

Garrett hob grinsend die Hände, als wollte er sagen: „Was soll ich machen?“ Dann folgte er dem Jungen.

„Er ist so glücklich“, murmelte Paige und schaute den beiden voll zärtlicher Zuneigung hinterher.

Austin hätte sie gern in den Arm genommen und an sich gedrückt, genau wie früher.

Wie damals.

Als sie ihn noch geliebt hatte.

Als sie ihm noch vertraut hatte.

Als sie noch geglaubt hatte, er würde das Gleiche für sie empfinden.

„Wer?“, fragte er und blieb auf Distanz. „Garrett oder Calvin?“

Sie lächelte, und die Erde bewegte sich unter seinen Füßen.

„Beide, würde ich sagen“, antwortete Paige mit einem kleinen Schulterzucken und Wehmut im Blick. „Calvin liebt Garrett.“

Am liebsten wäre er ihr mit den Fingern durch die Haare gefahren, hätte mit den Daumenflächen sanft ihre Wangenknochen gestreichelt und sie geküsst. Aber das tat er nicht.

Es gab Dinge, die er hätte sagen können, sagen sollen. Doch er brachte es nicht fertig.

Ich war damals erst achtzehn, Paige. Alles ging viel zu schnell mit uns, die Gefühle waren zu überwältigend. Ich wusste nicht, wie ich es anders bremsen sollte, darum habe ich dich betrogen und dafür gesorgt, dass du es erfährst.

Schon als Teenager wusste Paige ganz genau, was sie wollte. Zuerst eine Karriere, dann eine Ehe, ein schönes Zuhause und Babys.

Austin, verwirrt und verstört von den Gefühlen, die sie in ihm weckte, wollte nicht aufs College wie seine Brüder vor ihm. Er versuchte es nicht einmal. Zu Hause bleiben und die Ranch leiten wollte er aber auch nicht.

Obwohl er Paige wirklich liebte, war er nicht bereit, mit ihr irgendwo zusammenzuziehen und den Hausmann zu spielen, während seine Frau ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolvierte. Das Rodeo war seine Leidenschaft, seit er denken konnte, und die Verlockung war einfach zu groß.

Unvermittelt kehrte Austin in die Gegenwart zurück. Es gelang ihm zwar, die Erinnerungen abzuschütteln, aber die Stimmung blieb.

Paige setzte sich wieder hinter das Lenkrad ihres Kleinwagens.

Ohne Calvin als Puffer kam ihm die Verbindung zwischen Paige und ihm noch intimer vor.

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