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Twist again

Lisa Lutz

Twist again

Familie Spellman schlägt zurück

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Patricia Klobusiczky

Inhaltsübersicht

THERAPIESITZUNG NR. 19

I: UNGELÖSTE PROBLEME ZWEI MONATE ZUVOR ...

IM PHILOSOPHER’S CLUB

THERAPIESITZUNG NR. 10

WIE ICH BEIM THERAPEUTEN LANDETE

THERAPIESITZUNG NR. 1

WO WAR ICH?

WEG VON DER STRASSE

FALL NR. 001

JUDAS

RAES FEHDEMÜNZE

KEINE GUTE TAT

FRIEDENSGESPRÄCHE

HART WIE BUTTER

FALL NR. 001: KAPITEL 2

DAVIDS DRECKIGES KLEINES GEHEIMNIS

»DU SOLLST NICHT IRGENDWELCHE PARTYS SCHMEISSEN ...«

UND TSCHÜS, DR. IRA: THERAPIESITZUNG NR. 12

FALL NR. 001: KAPITEL 3

DER FALL RAE /MAGGIE /HENRY STONE

SPELLMAN-SORGEN

FALL NR. 001: KAPITEL 4

II: REGRESSION

AUF ABWEGEN

ZEIT TOTSCHLAGEN

UNGEBETENE GÄSTE

EINE ECHTE ENTDECKUNG

HAUSBESETZEN LEICHTGEMACHT

FALL NR. 001: KAPITEL 5

SCHATTEN SEINER SELBST

GUTEN TAG, DR. RUSH: THERAPIESITZUNG NR. 13

LUNCH MIT DAD

MAGGIE PACKT AUS

DER JIDDISCHE PATIENT

(FAST) WIE IM KINO

BEWERBUNGSGESPRÄCH NR. 1

BEWERBUNGSGESPRÄCH NR. 2

DAVIDS WAHRES GEHEIMNIS

UND WER ZIEHT IN MAGGIES FALL DIE STRIPPEN?

FALL NR. 001: KAPITEL 6

THERAPIESITZUNG NR. 14

III: FORTSCHRITTE

EIN KLARER FALL VON ERPRESSUNG: TEIL I

MORTY AM SCHEIDEWEG

MEIN NEUER JOB: TAG 2

DURCHSICHTIGER ALS LUFT

THERAPIESITZUNG NR. 15

FALL NR. 001: KAPITEL 7

EIN KLARER FALL VON ERPRESSUNG: TEIL 2

FALL NR. 001: KAPITEL 8

DAS ULTIMATUM

THERAPIESITZUNG NR. 17

MÄNNERSORGEN

WILLKOMMEN ZU HAUSE

GANZ NEUE ERKENNTNISSE

EIN KLARER FALL VON ERPRESSUNG: TEIL 3

WIE WÄR’S MIT DEM ZOO?

FALL NR. 001: KAPITEL 9

RATMAL, WER ZUM ESSEN KOMMT

RENDEZVOUS, RUINIERT

FALL NR. 001: KAPITEL 10

DER TYP AM TRESEN

DAS LETZTE MIT TAGSMAHL (MIT MORTY)

IM PHILOSOPHER’S CLUB

KULTUR FÜR BLUTIGE ANFÄNGER

THERAPIESITZUNG NR. 19

IV: WEITERE FORTSCHRITTE

FALL NR. 001: KAPITEL 11

WER ZULETZT LACHT

VERKNACKT

BYE-BYE, MORTY

BYE-BYE, MILO

HALLO BET T, LANGE NICHT GESEHEN

THERAPIESITZUNG NR. 20

BLOSSGEST ELLT

FALL NR. 001: KAPITEL 11

DIE DOPPELTE LINDA

RUNDUMSCHLAG

RACHE WILL KALT VER ZEHRT WERDEN

FAMILIEN THERAPIESITZUNG NR. 1

NACHSPIEL

ANHANG

DANKSAGUNG

Anmerkungen

Für David Hayward

THERAPIESITZUNG NR. 19

[Teiltranskription wie folgt:]

DR. RUSH1: Vor zwei Wochen haben Sie erwähnt, dass Sie erpresst werden.

ISABEL: Echt?

DR. RUSH: Ja.

ISABEL: Hatte ich ganz vergessen.

DR. RUSH: Möchten Sie darüber reden?

ISABEL: Nö.

DR. RUSH: Ich würde aber gern darüber reden.

ISABEL: Ist halb so wild.

DR. RUSH: Kennen Sie Ihren Erpresser?

ISABEL: Ich bin gerade dabei, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen.

DR. RUSH: Wie nimmt Ihr Erpresser Kontakt auf?

ISABEL: Anonyme Briefchen.

DR. RUSH: Und was steht drin?

ISABEL: Ich habe wirklich keine Lust, darüber zu sprechen.

DR. RUSH: Wenn es nach Ihnen ginge, würden Sie hier eine Stunde eisern schweigen und Ihren Mittagssnack verspeisen.

ISABEL: Ein Mal habe ich Sie gefragt, ob ich meinen Snack essen darf. Ein einziges Mal.

DR. RUSH: Fassen Sie den Inhalt dieser Briefchen für mich zusammen, dann machen wir weiter.

ISABEL: »Ich kenne dein Geheimnis. Wenn du es behalten willst, musst du meine Forderungen erfüllen.«

DR. RUSH: Und was ist Ihr Geheimnis?

ISABEL: Ich dachte, wir machen jetzt weiter.

DR. RUSH: Ja, wir machen mit Ihrem Geheimnis weiter.

ISABEL [seufzend]: Mein Erpresser weiß, wo ich wohne. Das ist wohl das Geheimnis, auf das er oder sie sich bezieht.

DR. RUSH: Wo wohnen Sie denn?

ISABEL: Ich will Sie nicht belügen, Dr. Rush.

DR. RUSH: Da bin ich geschmeichelt.

ISABEL: Ich will Ihnen aber auch nicht die Wahrheit sagen.

DR. RUSH: Ist das Ihr Ernst, Isabel?

ISABEL: Höre ich da einen Vorwurf heraus, Doktor?

DR. RUSH: Jetzt bin ich erst mal nur verwirrt. Der Vorwurf kommt sicher noch.

ISABEL: Sie sind witziger als Dr. Ira2.

DR. RUSH: Meine Couch ist witziger als Dr. Ira.

ISABEL: Sehen Sie?

DR. RUSH: Sie wollen mir wirklich nicht sagen, wo Sie wohnen?

ISABEL: Vielleicht tröstet Sie ja die Tatsache, dass das Gros der Menschheit nicht weiß, wo ich wohne.

DR. RUSH: Um mich geht es hier nicht.

ISABEL: Schön, dass ich mich um eine Person weniger sorgen muss.

DR. RUSH: Schlafen Sie eigentlich genug?

ISABEL: Nein. Zum Ausgleich trinke ich aber viel Kaffee und fahre mit dem Bus.

DR. RUSH: Warum schlafen Sie so schlecht?

ISABEL: Mir spukt eine Menge im Kopf herum.

DR. RUSH [ungeduldig]: Was denn zum Beispiel?

[Lange Pause.]3

ISABEL: Bei meinem Bruder ist irgendwas im Busch.

DR. RUSH: Um Ihren Bruder geht es hier nicht.

ISABEL: Ist doch meine Therapie. Warum kann ich mir die Themen nicht selbst aussuchen?

DR. RUSH: Sagen Sie mir eins: Wurden Sie beauftragt, Ihren Bruder zu beschatten?

ISABEL: Er gehört zur Familie. Im Familienkreis ermittelt man auch ohne Auftrag.

DR. RUSH: Ich würde gern auf die Erpressung zurückkommen.

ISABEL: Warum?

DR. RUSH: Weil das ein klar definierter Stressfaktor in Ihrem Leben ist.

ISABEL: So stressig ist das gar nicht. Ich würde jetzt wirklich gern das Thema wechseln.

DR. RUSH: Wenn Sie mir ein Thema vorschlagen, das so spannend ist wie Erpressung, habe ich nichts dagegen.

[Lange Pause, in der ich vorgebe, nach einem passenden Thema zu suchen.]

DR. RUSH: Ihren Pausentrick habe ich längst durchschaut.4

ISABEL: Na gut. Ich werde von einem Politikberater geschmiert.

DR. RUSH: Im Ernst?

ISABEL: Ja.

DR. RUSH: Warum?

ISABEL: Weil er glaubt, dass ich etwas weiß. Aber ich weiß gar nichts ... bis jetzt jedenfalls.

DR. RUSH: Was glaubt er, was Sie wissen?

ISABEL: Wenn ich das wüsste, wüsste ich das ja.

DR. RUSH [seufzend]: Hat diese Schmiergeldgeschichte mit der Erpressung zu tun?

ISABEL: Auf keinen Fall.

DR. RUSH: Warum sind Sie sich da so sicher?

ISABEL: Das Schmiergeld ist eine ernste Angelegenheit. Die Erpressung ist eine Kinderei.

DR. RUSH: Das müssen Sie mir genauer erklären.

ISABEL: Der Erpresser verlangt von mir, dass ich Autos wasche und in den Zoo gehe.

DR. RUSH: In den Zoo?

ISABEL: Eigentlich sollte es das SFMOMA5 sein, aber ich dachte, ich könnte genauso gut in den Zoo gehen. Mein Fehler. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

[Sehr, sehr lange Pause.]

DR. RUSH [seufzend]: Ein Erpresser mit merkwürdigen Forderungen, Schmiergelder, Geheimadressen. Und das alles auf einmal, Isabel? Das hört sich nicht sehr –

ISABEL: Es hört sich schlimmer an, als es ist.

DR. RUSH: Betrachten wir das mal aus einem anderen Blickwinkel. Ihre lebhafte Phantasie hat Sie früher schon des öfteren in die Bredouille gebracht. Darum befinden Sie sich jetzt in Therapie. Sie können nicht leugnen, dass Sie in vielen Fällen einen gewissen Hang zur Paranoia entwickeln.

ISABEL: Das war die alte Isabel.

DR. RUSH: Ach ja?

ISABEL: Ich habe Fortschritte gemacht, Dr. Rush. Große Fortschritte.

[Sehr, sehr lange Pause.]

ISABEL: Etwa nicht?

I
UNGELÖSTE PROBLEME
ZWEI MONATE ZUVOR ...

IM PHILOSOPHER’S CLUB

Dienstag

Ein Unbekannter – etwa Mitte fünfzig, mit fast vollem, grauem Haupthaar, schmächtigem Körper (trotz Bäuchlein) und einem wettergegerbten, aber freundlichen Gesicht – betrat in einem schicken Anzug mit passablem Schlips die Bar. Der Mann setzte sich an den Tresen und nickte mir zur Begrüßung stumm zu.

»Was möchten Sie trinken?«, fragte ich.

»Kaffee«, antwortete der Unbekannte.

»Auf die irische Art?«, fragte ich.

»Nee. Normalen Kaffee.«

»Wenn Sie darauf stehen, sollten Sie ins Café gehen.«

»Es ist fünfzehn Uhr«, sagte der Unbekannte.

»Das hier ist trotzdem eine Bar«, entgegnete ich und schenkte ihm einen Becher von der abgestandenen Brühe ein. »Milch und Zucker?«

»Schwarz«, sagte der Unbekannte. Dann nahm er einen Schluck und zog eine Grimasse. Er schob mir den Becher wieder zu. »Milch und Zucker«, sagte er.

»Dachte ich’s mir doch.«

Der Unbekannte legte einen Fünfdollarschein auf den Tresen und sagte, ich könne den Rest behalten. Ich zahlte zwei Dollar in die Registrierkasse ein und steckte drei ins Trinkgeldglas.

»Sind Sie Isabel?«, fragte der Unbekannte.

»Wer will das wissen?«

»Ernest Black«, antwortete der etwas weniger Unbekannte und streckte mir die Hand entgegen. »Meine Freunde nennen mich Ernie.«

Ich schüttelte ihm die Hand, dann nahm ich ein Geschirrtuch und polierte ein paar Gläser.

»Man sagt, dass Sie früher in einer ganz anderen Branche unterwegs waren«, bemerkte Ernie.

»Wer sagt das?«

»Vor ein paar Tagen war ich hier und hab mich mit Milo unterhalten.«

»Ist Milo ein Freund von Ihnen?«

»Kann man wohl sagen. Er hat mir erzählt, dass Sie früher Schnüfflerin waren.«

»Privatdetektivin«, korrigierte ich und polierte noch ein paar Gläser.

Das Gespräch ruhte eine Weile, während Ernie angestrengt überlegte, wie er es am besten fortsetzen sollte.

»Wie ich sehe, sind Sie jetzt Barfrau.«

»Kompliment – Sie haben gute Augen.«

»Schlagen Sie damit neue berufliche Wege ein, oder ist es eher eine Etappe auf Ihrer Lebensreise?«

»Hä?«, machte ich, obwohl ich dunkel ahnte, worauf Ernie hinauswollte.

»Ich frage mich bloß, ob Sie jetzt ewig hinter der Theke stehenbleiben werden oder eines Tages vielleicht doch wieder in Ihrem alten Beruf arbeiten wollen?«

Ich stellte in aller Ruhe das Glas ab und legte das Geschirrtuch aus der Hand. Dann streckte ich den Arm über die Theke, packte Ernie am passablen Schlips und lehnte mich so weit vor, dass ich seinen schalen Kaffeeatem riechen konnte.

»RICHTEN SIE MEINER MUTTER AUS, DASS SIE MICH GEFäLLIGST SELBST FRAGEN SOLL, WENN SIE WISSEN WILL, WAS ICH IN ZUKUNFT PLANE!«

Mittwoch

Mein Vater spazierte in die Bar. Albert Spellman6. Ich hatte mit ihm gerechnet. Er kam jeden Mittwoch um drei. Wenn sonst keiner in der Bar ist, braucht er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

»Dasselbe wie immer«, sagte Dad, weil er sich gern wie ein Stammgast aufführt. Sein Stammgetränk ist ein kleines Glas Rotwein. Lieber würde er Bier oder Whisky oder beides bestellen, aber sein Herzleiden und meine Mutter verbieten es ihm.

Ich schenkte den Wein ein, schob ihm das Glas rüber, stützte mich auf die Theke und sah Dad in die Augen.

»Gestern hat Mom einen ihrer Spitzel hergeschickt, um mich auszuhorchen.«

»Hat sie nicht«, sagte Dad sichtlich angeödet.

»Hat sie doch«, entgegnete ich.

»Ein einziges Mal hat sie das gemacht, Isabel, und das war vor zwei Monaten, danach nie wieder. Großes Ehrenwort.«7

»Du hast ja keine Ahnung, was sie hinter deinem Rücken treibt.«

»Das gilt auch für andere.«

»Ich rede aber jetzt von Mom.«

»Ich würde gern das Thema wechseln, Isabel.«

Das nötigte mir ein müdes Stöhnen ab. Ich hatte kein Interesse an dem Thema, das Dad vorschwebte.

»Von mir aus können wir gern übers Wetter reden.«

»Wetter ist nicht das Thema«, sagte Dad.

»Was Gutes im Kino gesehen?«, fragte ich.

»Bin in letzter Zeit kaum ausgegangen, zu viel Arbeit. Apropos. Arbeit. Darüber wollte ich reden.«

»Ich will aber nicht darüber reden.«

»Musst du auch gar nicht. Das Reden übernehme ich. Du brauchst nur zuzuhören. Kriegst du das hin?«

»Ich weiß noch genau, wie du mir bescheinigt hast, keine gute Zuhörerin zu sein«, erwiderte ich. »Also werde ich es wohl kaum hinkriegen.«

»ISABEL!«, sagte Dad viel zu laut, aber wen kümmerte es schon, wenn sonst keiner in der Bar hockte? »Wir werden dieses Gespräch jetzt führen, ob du willst oder nicht.«

Mein Vater definierte Gespräch anders als jedes landläufige Lexikon. Der »Gedankenaustausch zwischen mindestens zwei Beteiligten in Rede und Gegenrede« mutierte bei ihm zum Monolog:

»Du bist eine lizenzierte Privatdetektivin. Das ist dein Beruf. Trotzdem tust du seit fünf Monaten nichts anderes, als Getränke zu servieren und Trinkgeld zu kassieren8. Du weigerst dich, einen Beruf auszuüben, für den du bestens qualifiziert bist und der dich früher immer ausgefüllt hat. Ich habe sieben lange, harte Jahre für deine praktische Ausbildung geopfert, habe dir alles beigebracht, was ich weiß – und du? Hast frech widersprochen, bist beim Berichteschreiben eingenickt, hast ständig Mist gebaut, die Ausrüstung zerstört, mir die Hand in der Autotür eingeklemmt9, Kunden vergrätzt und mich in Sachen Autoversicherung ein Vermögen gekostet. Sieben verdammt lange Jahre, Isabel. Jahre, die für mich auf ewig verloren sind. Meinst du nicht, ich wäre viel besser damit gefahren, einen netten, verantwortungsbewussten Studenten zu engagieren, der sich nach ein wenig Aufregung sehnt? Jemanden, der mich nicht jeden Tag aufs Neue hätte für dumm verkaufen wollen oder den Observierungsbus mit Kippen und leeren Bierdosen vollgemüllt hätte, jemanden, der artig nickt statt grummelnd die Augen zu verdrehen? Kannst du dir vorstellen, wie mein Leben dann verlaufen wäre?10 Wie das meine Gesundheit geschont hätte?11 Als du vor fünf Monaten diesen ›temporären‹ Job übernommen hast, hast du deiner Mutter und mir versprochen, ernsthaft über deine Zukunft nachzudenken, die unmittelbar mit unserer Zukunft zusammenhängt und dadurch wiederum mit der Zukunft des Unternehmens, das wir nicht allein für uns aufgezogen haben, sondern auch für dich. Und so möchte ich von dir gern hören, Isabel, ob du nach fünf Monaten als Thekenkraft und gut zwei Monaten beim Seelenklempner endlich bereit bist, eine Entscheidung zu treffen?«

Normalerweise halte ich mich nicht an das Motto »Ehrlich währt am längsten«, aber Dads Predigt hatte auch mich erschöpft, und so sagte ich einfach die Wahrheit: »Nein.«

Dad schlürfte das letzte Tröpfchen Alkohol aus seinem Weinglas. Dann sah er sich hilfesuchend in der menschenleeren Bar um. Er blickte mir in die Augen, konnte den Kontakt aber nicht lange halten. Seine Enttäuschung war nicht zu übersehen. Sogar ich fühlte eine Spur von Mitleid.

»Jetzt kannst du sicher einen richtigen Schluck vertragen, Dad«, sagte ich und schenkte ihm ein Gläschen Maker’s Mark ein. »Das bleibt unter uns.«

Donnerstag

Donnerstag ist mein freier Tag. Nach dem Aufstehen lese ich bis mittags Zeitung und trinke Kaffee. Erledige so dies und das und stöbere im Internet nach Seiten, die sowohl belehren als auch unterhalten. Ich schlage die Zeit bis zur Lunchverabredung mit meinem alten12 Freund Morty13 tot. Früher haben wir uns jeden Donnerstag im selben jüdischen Deli-Laden getroffen, bis ich ihm schließlich erklärte, dass ich als Nicht-Seniorin keinen übertriebenen Wert auf die Beibehaltung liebgewonnener Gewohnheiten lege. Morty wandte dagegen ein, er gehe gern jede Woche in denselben Deli, weil ihm das Essen dort schmecke und er garantiert nicht enttäuscht würde. Worauf ich entgegnete, dass ein bisschen Abwechslung immer guttut. Das überzeugte ihn. Zum Glück, denn ich hatte Mortys Dauervorschlag, doch auch mal das Zungensandwich zu probieren, allmählich satt.

Diesmal waren wir im Fog City Diner14 auf der Battery Street verabredet, in der Innenstadt. Ich fuhr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber Morty nahm seinen gigantischen Cadillac und verspätete sich um gut zwanzig Minuten.

»Wo warst du?«, fragte ich, als er sich endlich in unserer Sitzecke niederließ. Normalerweise kommt Morty nämlich immer fünf Minuten zu früh.

»Hab mich unterwegs verfahren«, sagte er.

»Aber du hast doch ein Navi.«

»Das hatte ich ausgeschaltet.«

»Warum?«

»Weil ich mich nicht gern rumkommandieren lasse, erst recht nicht von diesem grässlichen Ding.«

Während Morty die Speisekarte mit der üblichen Aufmerksamkeit studierte, betrachtete ich ihn mit größerer Aufmerksamkeit als üblich.

Von seinem fadenscheinigen Baumwollhemd baumelte der dritte Knopf. Am Jackenaufschlag prangte ein Soßenfleck. Sein Haar wirkte strähniger als sonst, und seine colaflaschenbodendicken Brillengläser waren so verschmiert wie eine Windschutzscheibe nach Sprühregen.

»Gib mir deine Brille«, sagte ich.

»Aber dann kann ich die Karte nicht lesen«, erwiderte er.

»Du wirst so oder so ein gegrilltes Thunfisch-Sandwich und eine Tasse Koffeinfreien bestellen, wie in allen Restaurants, die keine Pastrami anbieten.«

Ich streckte ihm die Hand hin, bis er mir die Brille überließ. Dann tauchte ich einen Serviettenzipfel in mein Wasserglas und machte damit die Gläser sauber. Ich gab Morty die Brille zurück, nicht ohne darauf hinzuweisen, wie gefährlich es war, bei solch eingeschränkter Sicht Auto zu fahren. Er nickte, wie man nickt, wenn man den anderen zum Schweigen bringen will. Die Kellnerin kam, um unsere Bestellung aufzunehmen. Morty wählte den Hackbraten und grinste mich herausfordernd an. Dafür blieb er beim Koffeinfreien.

»Wie geht’s Ruth?«

»Gut, glaube ich.«

»Du bist ihr Mann. Du musst das doch wissen

»Sie ist diese Woche in Florida.«

»Und was macht sie da?«

»Sie besucht ihre Schwester.«

»Warum bist du nicht mitgefahren?«

»Ist das jetzt ein Verhör oder was?«

»Ich betreibe nur gepflegte Konversation, Morty. Diese Fragen sind alle zulässig.«

»Ich werde auf keinen Fall nach Florida ziehen!«, donnerte Morty aus heiterem Himmel.

»Wie kommst du jetzt darauf?«, fragte ich.

»Nur über meine Leiche.«

»Schon kapiert.«

»Lass uns das Thema wechseln!«

»Möchte Ruth etwa nach Florida ziehen?« Ich zog es vor, beim Thema zu bleiben.

»Vor zwanzig Jahren wollte sie nach Italien ziehen, daraus wurde nichts«, antwortete er.

»Was hast du gegen Florida?«

»Frag lieber nicht«, sagte Morty.

Damit war das Gespräch praktisch beendet. Morty stocherte in seinem Essen herum und hörte nicht mehr auf zu schmollen.

Als wir das Diner verließen, nahm ich sein Angebot an, mich nach Hause zu fahren. Am linken vorderen Kotflügel seines Cadillacs fiel mir eine Delle auf, und ich fragte, wie das passiert sei. Er zuckte bloß mit den Schultern. Dann fuhr er aus der Parklücke, ohne in den Rückspiegel zu sehen, und verfehlte nur knapp einen Radfahrer, der ihm in allerletzter Sekunde auswich. Morty bemerkte es nicht einmal. Wenige Minuten später übersah er ein Stoppschild, danach befuhr er auf der Van Ness Avenue zwei Spuren, bis der Fahrer eines Mini Cooper auf die Hupe drückte. Morty quittierte das mit dem Satz: »Entspann dich, früher oder später kommen wir alle an.«

Als er mich abgesetzt hatte, überlegte ich, wann ich am besten Anzeige erstatten sollte. Wenn das, was ich eben erlebt hatte, wirklich Mortys neue Fahrweise war, stellte er eine ernsthafte Bedrohung für die Allgemeinheit dar. Ich beschloss, ihm eine zweite Chance zu geben. Schließlich hat jeder mal einen schlechten Tag.

Freitag

Ein Mann in den besten Jahren betrat die Bar, mit einem Teenager im Gefolge. Der Mann wirkte zornig, das Mädchen trotzig. Darf ich Ihnen meine Schwester Rae und ihren »besten Freund« Henry Stone15 vorstellen?

Drei Barhocker trennten die beiden. Henry rollte den New Yorker auf, den er sich unter die Achsel geklemmt hatte, und fing an zu lesen. Rae wischte über den bereits blank gewischten Tresen und sagte: »Dasselbe wie immer.« Ich servierte ihr Stammgetränk – ein Ginger Ale – mit der Stammbemerkung, dass sie mit ihren sechzehn (einhalb!) Jahren in einer Bar eigentlich nichts verloren habe. Dann servierte ich Henry sein Stammgetränk, ein Glas Mineralwasser. Ich fragte mich, wann sie das ungewöhnlich lange Schweigen brechen würden. Rae beobachtete Henry aus dem Augenwinkel. Er vertiefte sich gebannt in das Magazin, scheinbar ohne seine Umgebung im Geringsten wahrzunehmen. Als wollte sie ihn nachäffen, packte Rae ihr Geometriebuch aus und tat so, als würde sie sich gebannt darin vertiefen. Ihre Showeinlage war bei weitem nicht so überzeugend wie die von Henry. Sie beobachtete ihn nach wie vor aus dem Augenwinkel, darauf lauernd, dass er endlich von ihr Notiz nahm. Nach einer Weile trank sie das Ginger Ale in einem Zug aus und knallte das Glas auf den Tresen. Es war schlicht unmöglich, von ihr keine Notiz zu nehmen.

»Noch mal dasselbe«, sagte sie.

»Kann mir mal jemand erklären, was hier los ist?«, fragte ich beim Einschenken.

»Nix ist los. Henry will bloß chillen. Entspannen. Locker werden«, sagte Rae.

»Stimmt das?«, fragte ich Henry.

»Isabel«, sagte er, »das hier ist eine richtige Bar. Keine Milchbar. Erwachsene kommen her, um Kindern aus dem Weg zu gehen. Ich kann jederzeit anordnen, dass der Laden geschlossen wird, weil du Minderjährige bedienst.«

»Geh nach Hause, Rae«, sagte ich. Henry brauchte offensichtlich dringend seine Ruhe.

»Auf keinen Fall«, antwortete Rae.

»Ich hab’s immerhin versucht«, sagte ich zu Henry.

Henry trank sein Mineralwasser aus und verlangte etwas Stärkeres. Ich schlug ihm Zitronenlimo vor, er dachte aber an Whisky, meine Schwester musste also Fürchterliches verbrochen haben. Meine Neugier war geweckt.

»Was hast du getan?«, fragte ich Rae, nachdem ich Henry mit Bulleit Bourbon versorgt hatte.

»Richte Henry bitte aus, dass ich nur zu seinem Besten gehandelt habe«, sagte Rae.

»Hast du das gehört?«, fragte ich Henry.

Er hob den Kopf. »Was denn?«

»Tja, Rae meint, sie habe zu deinem Besten gehandelt.«

»Richte deiner Schwester aus, dass sie sich nie hätte einmischen dürfen.«

»Was hat er gesagt?«, fragte Rae, obwohl Henry laut und deutlich gesprochen hatte.

»Willst du mich verschaukeln?«, fragte ich.

»Was hat er gesagt?«, wiederholte sie.

»Er hat gesagt, du hättest dich nie einmischen dürfen.«

»Richte ihm aus, dass er mir eines Tages dankbar sein wird.«

Henry widmete sich wieder seiner Lektüre und tat weiterhin so, als existiere Rae in einem Paralleluniversum, wo nur ich sie sehen und hören konnte. Ich ließ mich, jedenfalls vorläufig, auf das Spielchen ein, weil ich darauf brannte, mehr zu erfahren, das muss ich zugeben.

»Sie hat gesagt, du wirst ihr eines Tages dankbar sein.«

»Richte ihr aus, dass das nie der Fall sein wird. Und dass sie nie wieder zu mir nach Hause kommen darf.«

»Das meinst du nicht ernst«, sagte sie. Offenbar hatte ich als Zwischenträgerin ausgedient, da Rae sich direkt an Henrys Rücken richtete.

»O doch«, antwortete er und trank seinen Bourbon aus. Sosehr es mich umhaute, als er auf das leere Glas deutete und ein zweites orderte, dachte ich, dass ich ihm auf diese Weise mehr Informationen entlocken könnte. Ich schenkte ihm nach und wartete begierig auf die Fortsetzung.

Ich erspare Ihnen einen langwierigen Bericht, hier sind die wichtigsten Fakten: Henry war die letzten fünf Monate mit einer Pflichtverteidigerin namens Maggie Mason liiert gewesen. Maggie wohnt in Daly City – ziemlich weit weg vom Gerichtsgebäude in der Bryant Street. Henry wohnt im Inner Sunset District. Kein Wunder, dass Maggie sich meist bei Henry aufhielt und nicht umgekehrt. Vor zwei Monaten hatte sie in seiner Wohnung eine Schublade belegen dürfen. Vor einem Monat bekam sie ein Regal in seiner Speisekammer16 zugeteilt. Vor einer Woche ließ Henry einen Zweitschlüssel anfertigen und überreichte ihn Maggie in einem Schmuckkästchen. Überzeugt, dass Henry den falschen Kurs einschlug, tauschte meine Schwester ein paar Tage später die Schlösser an seiner Wohnungstür aus. Keine Ahnung, wie Rae sich unbemerkt Zutritt verschaffen konnte. Sie machte allerdings keinerlei Anstalten, ihre unrühmliche Rolle in diesem Drama zu leugnen. Was dann passierte, kann man sich leicht vorstellen. Maggie fuhr nach einem langen Arbeitstag zu Henry. Als sie die Tür aufschließen wollte, passte der Schlüssel nicht. Dafür diktierte ihr die weibliche Logik eine einzige Erklärung: Henry hatte ihr den falschen Schlüssel gegeben, um ihr unbewusst oder auf passiv-aggressive Art zu vermitteln, dass er für eine feste Bindung einfach noch nicht bereit war. Maggie ahnte nicht, dass ihre Beziehung von Rae sabotiert wurde. Natürlich hatte es zwischen ihr und der merkwürdigen »besten Freundin« ihres Liebsten Spannungen gegeben, aber Maggie hatte Raes offene Feindseligkeit verkannt. Was Henry durchaus nicht entgangen war.

»Richte deiner Schwester aus, dass sie bei mir kein Gastrecht mehr genießt«, sagte er.

»Geht das schon wieder los?«, fragte ich.

Raes Antwort war nicht die klügste. »Ich hab den Schlüssel«, sagte sie und verdrehte die Augen.

»ICH HABE DIE SCHLöSSER HEUTE MORGEN AUSTAUSCHEN LASSEN!«, konterte Henry in einer Lautstärke, die ich ihm nicht zugetraut hätte.

»Reine Geldverschwendung«, antwortete Rae.

Henry trank sein zweites Glas aus, stand schnaubend auf und verkündete: »Ich warne dich, Rae. Das wirst du mir büßen.« Er nickte mir zum Abschied stumm zu und ging.

Rae faltete ihre Cocktailserviette ein Mal, zwei Mal, drei Mal und versuchte es ein viertes Mal. Ihr trotziger Ausdruck wich einem besorgten Stirnrunzeln.

»Er ist wirklich stocksauer, Rae.«

»Ich weiß.«

»Maggie hat auf mich einen netten Eindruck gemacht. Was hast du gegen sie?«

»Nichts«, sagte Rae. »Aber wenn keiner was unternimmt, wird er sie heiraten.« Samstag 14.00 Uhr Ein Anwalt betrat die Bar. Kein Witz. Mein Bruder David17, er trug einen Dreitagebart und legere Kleidung – Cargohose, Turnschuhe und ein T-Shirt mit der Aufschrift GUINNESS BEKOMMT DIR, das eigentlich mir gehörte. Mit diesem Outfit beging David einen schweren Verstoß gegen seinen eigenen Dresscode. Er sah aus wie verkleidet, als hätte er sich vorgenommen, den Tag im Park zu verbringen, ohne aufzufallen. Anstatt das zu bestellen, was auf seinem T-Shirt angepriesen wurde, verlangte er eine Bloody Mary, bloß um mich ein bisschen auf Trab zu halten. Ich fügte eine Extradosis Tabasco und Pfeffer hinzu, bloß um ihn ein bisschen leiden zu lassen.

»Warum betrinkst du dich schon am Samstagnachmittag?«

»Heute fangen meine Ferien an.«

»Tolle Ferien«, frotzelte ich und sah mich vielsagend um.

»Montag fliege ich nach Europa.«

»Für wie lange?«

»Vier Wochen.«

»Und ich weiß wieder von nichts.«

»Last-Minute-Buchung«, erklärte er.

»Reist du allein?«, fragte ich.

»Ja«, sagte er in einem Ton, der mir jede weitere Frage verbot. Natürlich ignorierte ich das Verbot.

»Und wer begleitet dich?«

David, dem meine Verhörtaktik vertraut war, ignorierte die Frage. »Ich hätte gern jemanden, der mein Haus hütet, während ich unterwegs bin, und da du in diesem Drecksloch18 wohnst, dachte ich, du wärst wahrscheinlich froh, das zu übernehmen, auch ohne Bezahlung.«

»Als ob du dir das nicht leisten könntest.«

Mein Bruder überreichte mir einen Umschlag, lehnte sich über die Theke und küsste mich auf die Wange. »Hier sind die Schlüssel und Anweisungen. Ich fahre Montagmorgen gegen zehn Uhr zum Flughafen. Komm auf keinen Fall vor halb elf, damit wir uns nicht in die Arme laufen, falls ich spät dran bin. Ich kehre dann auf den Tag genau vier Wochen später zurück, nachmittags. Bis zwölf musst du das Haus wieder geräumt haben, kapiert?«

»Soll ich nicht lieber auf dich warten, damit du mich mit deinen phantastischen Urlaubsfotos langweilen kannst?«

»Bloß nicht«, antwortete David. »Bau keinen Mist in meiner Abwesenheit«, fügte er hinzu. Dann ging er.

Kaum hatte David die Bar verlassen, riss ich den Umschlag auf. Wie angekündigt, enthielt er die Schlüssel und einen Computerausdruck.

Regeln, die für Isabel in meinem Haus bindend sind

Du sollst ...

  • täglich die Post reinholen.
  • den Müllbeutel rausbringen, sobald er voll ist. Die Mülltonnen immer Donnerstagabend rausstellen.
  • möglichst wenig verbrauchen, möglichst viel wiederverwenden. Die Umwelt schonen.
  • im Gästezimmer schlafen.
  • aufräumen, bevor Margarita kommt. Sie macht immer dienstags sauber.
  • alle Pflanzen im Haus gießen. Entsprechende Anweisungen liegen aus.

Du sollst nicht ...

  • am Rasensprenger herumspielen. Er läuft über die Zeitschaltuhr.
  • Porno-Websites in meinem Favoritenordner abspeichern.
  • meine elektrische Zahnbürste benutzen, es sei denn, du kaufst mir einen neuen Aufsatz.
  • irgendwelche Partys schmeißen.
  • in meinem Bett schlafen.
  • auch nur ein einziges Möbelstück verrücken.
  • trinken meinen:
    • J. Walker Black Label
    • Glenlivet 18 Years
    • Grey Goose Vodka
    • Rémy Martin VSOP

Als ich mich nach der Lektüre dieser Beleidigungen einigermaßen berappelt hatte, rief ich David an, um einen letzten Punkt zu klären.

»Warum hast du mir deinen Reiseplan nicht dagelassen?«, fragte ich.

»Es gibt keinen«, antwortete David. »Ich weiß selbst nicht, wo ich überall sein werde.«

»Und wie soll ich dich im Notfall erreichen?«

»Ruf einfach auf dem Handy an.«

Ich legte auf, ohne einen Schritt weitergekommen zu sein. Meine einzige Gewissheit war, dass David mir etwas verheimlichte. Aber ich hatte keinen Schimmer, was.

Während ich über das verdächtige Verhalten meines Bruders grübelte, trafen die ersten Nachmittagsstammgäste ein.

Clarence Gilley schlug um kurz nach vier auf. Er behauptet, beim Trinken müsse er sich an einen strengen Zeitplan halten. Schichtbeginn ist um vier, und wenn er nach vier eintrifft, sagt er: »Entschuldige bitte die Verspätung. Es wird nicht wieder vorkommen.« Ich mag Clarence. Er gibt gutes Trinkgeld, erzählt mir bei jedem Besuch einen Witz, einen einzigen, dann verstummt er und vertieft sich vier Stunden lang in die Sportseiten des San Francisco Chronicle.

Der Samstagswitz: Ein Mann ohne Gedächtnis kommt in eine Bar. Er fragt: »Bin ich oft hier?«

17.00 Uhr

Mom19 kam in die Bar spaziert. Was mein Vater an Schönheit vermissen lässt, wird von meiner Mutter mehr als aufgewogen. Sie ist klein, zierlich und elegant, mit langen rotbraunen Haaren, deren Farbe mittlerweile aus der Tube kommt. Von weitem sieht sie deutlich jünger aus, als sie ist. Tatsächlich entfuhr Clarence ein Pfeifen, als sie hereinkam. (Wobei ich nicht sicher bin, ob er damit Mom Tribut zollte oder enttäuschende Sportergebnisse kommentierte.)

Mit ihren »Stippvisiten« im Philosopher’s Club verfolgte Mom denselben Zweck wie mein Vater, nämlich die Durchführung kaum verhohlener Verhöre. Das Gespräch mit meiner Mutter ließ sich an diesem Tag ungefähr so an:

ISABEL: Was darf ich dir bringen?

OLIVIA: Eine zielstrebige Tochter.

ISABEL: Die sind grad aus, tut mir leid. Was darf ich stattdessen bringen?

OLIVIA: Ich schwanke zwischen einem Glas Mineralwasser und einem richtigen Drink.

ISABEL: Ich empfehle einen richtigen Drink.

OLIVIA: Fein. Dann hätte ich gern einen Gimlet.

ISABEL: Na gut. Aber nur, wenn du nach diesem einen Drink wieder verschwindest.

OLIVIA: Ich gehe erst, wenn meine Mission erfüllt ist.

[Der Drink wird serviert. Der Gast nippt daran und verzieht das Gesicht.]

OLIVIA: Du hast am Gin gespart.

ISABEL: Wenn ich mehr Gin reintue, behauptest du, ich wolle dich vergiften. Kann es sein, dass dir Gimlets gar nicht schmecken?

OLIVIA: Früher habe ich die wahnsinnig gern getrunken.

ISABEL: Man ändert sich eben. Damit musst du leben.

OLIVIA: Ist das der Erfolg deiner Therapie? Dass du deine innere Barfrau annehmen lernst?

ISABEL: Ich sitze nur meine Zeit ab, Mom. Mehr nicht. OLIVIA: Erzähl mir ein bisschen mehr. Sprichst du auch über mich, wenn du bei Dr. Ira bist20?

ISABEL: Früher oder später kommen alle zur Sprache, denen ich im Leben begegnet bin. Nur von Bernie21 war bisher nicht die Rede. Aber der kommt sicher auch noch dran.

OLIVIA: Gibst du mir die Schuld an all deinen Problemen?

ISABEL: Nein. Ich habe David die Schuld gegeben.

OLIVIA: Er hat es nicht anders verdient.

[Die Mutter/der Gast rümpft beim zweiten Schluck Gimlet die Nase. Die Tochter/die Barfrau spritzt etwas Mineralwasser in den Drink.]

ISABEL: Probier’s mal so.

OLIVIA: So ist’s viel besser. Wie soll ich ihn in Zukunft bestellen?

ISABEL: Gar nicht. Aber wenn es unbedingt sein muss, bestellst du einfach einen verwässerten Gimlet.

OLIVIA: Klingt verlockend.

ISABEL: Wenn du mir eine ehrliche Antwort gibst, revanchiere ich mich mit einer ehrlichen Antwort.

OLIVIA: Einverstanden.

ISABEL: Hast du am Dienstag diesen Kerl in die Bar geschickt, um mir auf den Zahn zu fühlen?

OLIVIA: Das habe ich einmal vor zwei Monaten gemacht. Findest du nicht, dass das Thema allmählich durch ist?

ISABEL: Heißt das also nein?

OLIVIA: Ja. Bin ich jetzt dran?

ISABEL: Schieß los.

OLIVIA: Hast du einen neuen Freund?

[Lange Pause.]

ISABEL: Wenn man so will.

OLIVIA: Was verheimlichst du mir?

[Wieder eine ominöse Pause.]

ISABEL: Milo und ich hatten eine kurze Affäre. Seitdem sind wir beide ein bisschen befangen.

OLIVIA: Das ist nicht komisch, sondern widerwärtig.

ISABEL: Stimmt. Sollte bloß ein Witz sein, aber er ist mir auch übel aufgestoßen.

OLIVIA: Was hast du denn vor, Isabel?

ISABEL: Zur Zeit? Gar nichts.

Sonntag

Milo schlenderte in die Bar, was nicht weiter ungewöhnlich ist, schließlich gehört sie ihm. Nachmittags arbeite ich in der Regel allein, damit Milo mehr Freizeit hat, am Sonntagnachmittag arbeiten wir jedoch immer zusammen und gehen die Getränkebestände durch. Inzwischen kenne ich Milo bald zehn Jahre. Davon war er aber nur fünf Monate mein Boss. Barbesitzer stellen vergleichsweise bescheidene Ansprüche an ihre Mitarbeiter: Sie sollen pünktlich erscheinen, nicht stehlen, das Wechselgeld richtig herausgeben und den Alk nicht allzu großzügig ausschenken. An den meisten Abenden gelang es mir, immerhin drei der vier Kriterien zu erfüllen.

Während ich Gläser polierte, löste Milo das Kreuzworträtsel im San Francisco Chronicle, was er für richtige Arbeit hält. (Er meint, wenn er seine Hirnmuskeln trainiert, sei das gut fürs Geschäft oder so was in der Art.)

»Ein Grundnahrungsmittel mit vier Buchstaben?«, fragte er.

»Bier«, sagte ich. Wie will Milo eigentlich sein Hirn trainieren, wenn ich ihm die Lösungen liefere?

»Red keinen Quark. Muss was Essbares sein.«

»Käse.«

»Käse ist doch kein Grundnahrungsmittel.«

»Ich bin sicher, dass Käse gemeint ist.«

»BROT!«, brüllte Milo, als brüllte er eine Beleidigung.

»Gratuliere«, sagte ich, froh, dass er wenigstens eine Frage aus eigener Kraft hatte beantworten können. Daraufhin herrschte eine Minute lang himmlische Ruhe. Klar, dass das nicht lange vorhalten würde.

»Hab vor ein paar Tagen mit einem Freund gesprochen«, sagte Milo, während er seine Jacke an einen Garderobenhaken hinter der Bar aufhängte.

»Sag bloß.«

»Pass auf, gleich wird’s richtig spannend.«

»Und was geschah dann?«, fragte ich mit mühsam gezügeltem Desinteresse.

»Er erzählte mir von einem Barbesuch und wie er mit der Barfrau einen freundlichen Plausch hielt, bis sie ihn aus heiterem Himmel am Schlafittchen packte und ohne ersichtlichen Grund versuchte, ihn mit seinem eigenen Schlips zu erdrosseln, während sie ihn beschuldigte, mit ihrer Mutter unter irgendeiner Decke zu stecken.«

»Inzwischen müsste er sich von dieser traumatischen Erfahrung erholt haben.«

»Nicht ganz. Ein paar Nebenwirkungen halten noch an.«

»Und welche wären das?«, fragte ich mit geheuchelter Anteilnahme.

»Er hat einen ganzen Schrank voller Schlipse – der Kerl ist ein echter Dandy –, aber jetzt traut er sich nicht mehr, einen dieser Schlipse zu tragen. Dabei war das immer sein Markenzeichen. Jetzt muss er sich was Neues einfallen lassen.«

»Was für eine tragische Geschichte.«

»Izz, er kennt deine Mutter doch gar nicht. Wir haben uns vor ein paar Tagen unterhalten, er hat ein Problem, er braucht einen Detektiv, der möglichst nicht so teuer ist wie deine Eltern, und da habe ich ihm von dir erzählt.«

»Ich hab einen Job, Milo.«

»Aber das ist keine richtige Arbeit, Izzy.«

»Für dich schon.«

Milo schleuderte die Zeitung auf die Theke und seufzte theatralisch. »Ich lasse dich jetzt nur noch drei Tage die Woche hier arbeiten. Du musst allmählich in deinen alten Beruf zurückfinden, oder du suchst dir eine ganz neue Beschäftigung. Hauptsache, du servierst dabei keinen Alk.«

»Was zahlen dir meine Eltern?«

»Nada.«

»Glaub ja nicht, dass du mich mit Fremdsprachen beeindrucken kannst.«

»Ernie kommt heute noch mal vorbei. Er wird dir sein Problem erklären. Du wirst ihm deine Dienste anbieten. Ihr werdet beide einen fairen Preis aushandeln. Du wirst dein Bestes geben, um meinem Freund zu helfen.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»Kürze ich dir noch ein paar Stunden mehr.«

18.00 Uhr

Wie angekündigt, tauchte Ernie Black wieder auf.

Sein Problem war das banalste der Welt, zumindest von meiner beruflichen Warte aus gesehen – oder meiner früheren beruflichen Warte. Falsch. Das galt auch für die jetzige Warte. Ob als Privatdetektivin oder Barfrau: Ständig muss man sich Klagen über einen möglicherweise untreuen Ehepartner anhören.

Mit fünfzig war Ernie seiner Traumfrau begegnet. Sie hatte sich in der Autoreparaturwerkstatt, die er mit seinem Bruder betrieb, als Bürokraft beworben. Nachdem Ernie und sie sechs Monate lang miteinander ausgegangen waren, wollten sie ihre Beziehung während eines Viertagetrips nach Reno, Nevada, testen. Schon am zweiten Tag beschlossen sie zu heiraten. Ihr Vorname war (und ist sicher immer noch) Linda, ihr Mädchenname Truesdale. Eine Rothaarige mit braunen Augen und unzähligen Sommersprossen. Das hatte ich mir als Erstes gemerkt, weil Rothaarige leicht zu beschatten sind. Ich nahm mir vor, das mit Rücksicht auf Ernies finanzielle Lage bei der Preisfindung einzukalkulieren.

Es war Ernies erste Ehe, und er wollte unbedingt, dass sie hielt. Allerdings waren Frauen für ihn schon immer ein Buch mit sieben Siegeln gewesen, darum versuchte er, die Siegel mit Hilfe billiger Ratgeber zu brechen. Als ich Ernie das erste – oder besser, das zweite – Mal traf, hatte er ein zerfleddertes Taschenbuch mit dem Titel Alles, was Sie schon immer über Frauen wissen wollten – und mehr dabei. Zuletzt hatte er das Kapitel über Geheimnisse gelesen, dabei war ihm aufgefallen, dass seine Frau offenbar etliche hatte.

Ich bat ihn, sich strikt an die Fakten zu halten, um mich nicht von seinen Deutungsversuchen beeinflussen zu lassen. So erfuhr ich, dass seine Frau oft unter einem dürftigen Vorwand stundenlang verschwand. Ernie hakte in diesen Fällen nie nach, denn er wollte sie nicht unter Druck setzen. Nach diesen mysteriösen Eskapaden tauchten außerdem immer neue teure Kleidungsstücke und Kosmetikartikel auf, ohne dass ihre gemeinsame Kreditkarte belastet wurde. Also musste das Geld aus einer anderen Quelle stammen. So viele Stunden, die sie ohne ihn verbrachte – da musste sie doch irgendetwas anstellen. Ernie schwante nichts Gutes, trotzdem sagte er sich, dass er bloß Gespenster sah. Erst als er am vergangenen Wochenende seine Garage aufräumte und eine Schuhschachtel mit 3000 Dollar in bar fand, entschied er sich, der Sache nachzugehen.

Ich fragte Ernie nach seinen Vermutungen, und er überreichte mir ein Blatt Papier, auf dem seine Erklärungsversuche handschriftlich aufgelistet waren, in absteigender Reihenfolge von seiner Lieblingshypothese bis zu seinem schaurigsten Verdacht:

A) Es wird sich alles in Wohlgefallen auflösen.

B) Linda ist Kleptomanin.

C) Linda hat eine Affäre mit einem Mann, der sie mit Geld und Geschenken verwöhnt.

D) Linda hat eine Affäre und ist außerdem Kleptomanin.

Obwohl ich keine Linda-Expertin war, wollte ich Ernie nicht ohne einen Funken Hoffnung ziehen lassen. Ich sagte ihm, dass Option D) äußerst unwahrscheinlich war. Dann stellte ich ihm eine Frage, die meine Mutter immer stellt, bevor sie einen solchen Fall übernimmt.

»Was werden Sie tun, Ernie, wenn wir herausfinden sollten, dass Ihre Frau eine Affäre hat?«

Ernie las die Antwort von seinen Schuhspitzen ab: »Dann suchen wir wohl am besten eine Eheberatung auf.«

Dass er so ruhig reagierte, bestärkte mich in meinem Entschluss. Natürlich kann man nie voraussehen, wie Menschen sich im Ernstfall verhalten, aber ich hätte einen Wochenlohn darauf gewettet, dass Ernie ein friedfertiger Mann war. Und so übernahm ich den Fall.

Über Geld sprachen wir nur kurz, da Ernie nicht viel hatte. Ich würde ihm die Hälfte meines normalen Satzes berechnen, also ein Viertel dessen, was meine Eltern für vergleichbare Aufträge verlangten. Ernie machte damit ein echtes Schnäppchen, wobei der Job recht einfach zu werden versprach. Ich würde mich bereithalten, wenn seine Frau die nächste Eskapade plante.

Für mich war das keine Herzensangelegenheit – um das gleich klarzustellen. Das war nur ein Gefallen, den ich einem Freund von Milo erwies. Es bedeutete keineswegs die Rückkehr in meinen alten Beruf. Das redete ich mir jedenfalls ein.

THERAPIESITZUNG NR. 10
(THERAPEUT NR. 1: DR. IRA SCHWARTZMAN)

[Teiltranskription wie folgt:]

ISABEL: Diese Woche ist auch nicht anders verlaufen als die anderen.

DR. IRA: Es ist also nichts Besonderes vorgefallen?

ISABEL: Nein. Es war eine stinklangweilige Woche.

DR. IRA: Aha. Und wie finden Sie das?

ISABEL: Großartig.

DR. IRA: Es belastet Sie also nicht?

ISABEL: Nein.

DR. IRA: Sie wollen sich nichts von der Seele reden?

ISABEL: Nein.

DR. IRA: Sind Sie ganz sicher? ISABEL: Lassen Sie mich mal überlegen.

[Lange Pause.22]

ISABEL: Ach, jetzt fällt mir etwas ein.

DR. IRA: Fahren Sie fort.

ISABEL: Nur noch zwei Wochen.

DR. IRA: Wie bitte?

ISABEL: Nur noch zwei Wochen bis zur letzten Sitzung meiner gerichtlich verfügten Therapie.

[Dr. Ira blättert seine Notizen durch.]

DR. IRA: Sie haben völlig recht, Isabel.

ISABEL: So werden sich unsere Wege bald wieder trennen.

DR. IRA: Soll das etwa heißen, dass Sie die Therapie nach dieser letzten Sitzung nicht fortsetzen wollen?

ISABEL: Exakt.

DR. IRA [enttäuscht]: Aha.

ISABEL: Das sollten wir feiern.

DR. IRA: Ich verstehe nicht ganz?

ISABEL: Wie wird das Ende einer Therapie traditionell gefeiert?

DR. IRA: Dafür gibt es keine Tradition.

ISABEL: Ich würde gern einen Kuchen mitbringen. Am besten bestelle ich ihn schon heute, damit wir was richtig Gutes bekommen.

DR. IRA: Ich denke, wir sollten uns lieber auf die nächsten paar Sitzungen konzentrieren.

ISABEL: Mögen Sie Kuchen etwa nicht?

DR. IRA: Kuchen scheint mir nicht angebracht zu sein.

ISABEL: Warum denn nicht?

DR. IRA: Beantworten Sie mir diese eine Frage, Isabel: Glauben Sie wirklich, dass Sie Fortschritte gemacht haben?

WIE ICH BEIM THERAPEUTEN LANDETE

Vor anderthalb Jahren bin ich für kurze Zeit wieder bei meinen Eltern eingezogen, in die Dachwohnung, wo ich fast mein ganzes Erwachsenenleben verbracht hatte. Während dieser flüchtigen Regressionsphase konnte ich das Treiben eines verdächtigen Nachbarn aus der Vogelperspektive beobachten. Nennen wir diesen Nachbarn einfach John Brown, denn es stellte sich heraus, dass das sein richtiger Name ist. Die Geschichte ist zu lang, um hier erzählt zu werden23, aber ich hatte allen Grund, Nachforschungen anzustellen, auch wenn ich dem verdächtigen Nachbarn dabei vielleicht zu stark auf die Pelle rückte – jedenfalls stärker, als es Gesellschaft und Gesetze erlauben. Es wurde eine Unterlassungsverfügung erwirkt (gegen mich), und plötzlich steckte ich ganz tief in der legalen Patsche. (Meinen hochbetagten Anwalt haben Sie einige Seiten zuvor bereits kennengelernt.)

Es ist schon schlimm genug, von einer solchen Verfügung betroffen zu sein. Noch schlimmer wird es, wenn man dagegen verstößt. Sollten Sie so etwas jemals in Betracht ziehen, rate ich Ihnen eins: Lassen Sie es bleiben.

Zurück zum Therapie-Thema. Dazu muss man wissen, dass mein Vater als Ex-Polizist gewisse Beziehungen hat, genau wie mein greiser Verteidiger, und so brachten sie den Staatsanwalt mit vereinten Kräften zur Einsicht, dass eine gerichtlich verfügte Therapie der beste Weg sei, um mit »einer so schwierigen Person wie Isabel«24 fertig zu werden. Ich wurde dazu verdonnert, drei Monate lang einmal wöchentlich zum Psychologen oder Psychiater zu gehen. Die Therapie sollte ich spätestens nach Ablauf von drei Monaten beginnen, eine Frist, die ich bis zum Anschlag ausreizte. Rückblickend wird mir klar, dass ich mehr Initiative zeigen und mir selbst einen Therapeuten hätte suchen sollen, statt meiner Mutter die Wahl zu überlassen. Über den erschreckend sanftmütigen Dr. Ira kann ich höchstens ein paar lauwarme Worte verlieren, doch eines weiß ich bestimmt: Für mich war er nicht der Richtige.

Elf Wochen und drei Tage nach diesem Gerichtsbeschluss ließ ich mir für den kommenden Montag einen Termin um elf Uhr geben. Auf dem Weg zur Praxis wurde ich von Dad angerufen, der glaubte, mir wertvolle Ratschläge erteilen zu müssen.

»Manchmal lassen sie eine gewisse Zeit verstreichen, bevor sie zu sprechen anfangen«, erklärte er. »Du solltest dann auf keinen Fall stumm und trotzig dasitzen. Vielleicht musst du den Anfang machen. Verstehst du?«

»Wer spricht da?«, erwiderte ich.

Dad seufzte: »Gib mir ja nicht die Schuld an deinen Problemen.«

»Aber nein«, sagte ich, »ich werde Mom die Schuld geben.«

Die Praxis von Dr. Ira Schwartzman lag (und liegt sicher immer noch) an der Market Street, direkt am Ausgang des Bahnhofs Montgomery Street. Offenbar war eine gute Verkehrsmittelanbindung für meine Mutter das entscheidende Kriterium gewesen, als sie den Therapeuten auswählte. Die Praxis war ganz anders als das, was man aus dem Kino und Fernsehen kennt. Das Wartezimmer hatte in etwa die Ausmaße eines Kleiderschranks. Darin standen zwei Stühle mit Stoffbezug und ein Couchtisch aus Holz, alle von Verfall gezeichnet – Kaffeeflecken, abgestoßene Kanten, rissige Oberflächen.

Dr. Ira Schwartzman öffnete seine Sprechzimmertür.

»Isabel?«, fragte er.

»Die bin ich«, sagte ich und stand auf.

Der Doktor komplimentierte mich in einen Raum hinein, der kaum größer war als der Warteschrank. Die Möbel waren eine Spur wertiger, aber genauso heruntergekommen. Dass die Praxis so wenig filmkompatibel war, machte das Erscheinungsbild des Psychiaters locker wieder wett: bequeme Treter, beige Cordhose, weißes Hemd und braune Strickjacke mit Ellbogenflicken. Dr. Schwartzmans gütiges, runzliges Gesicht signalisierte, dass man ihm alles, wirklich alles anvertrauen könne, ohne sein Urteil fürchten zu müssen. Doch leider sah mein Plan vom ersten Tag an vor, ihm gar nichts anzuvertrauen.

Dr. Schwartzman ließ sich in seinem bequemen Ledersessel nieder, legte eine winzige Kassette in einen winzigen Rekorder ein (er war noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen) und fragte mich, ob es mir etwas ausmache, wenn er unsere Sitzung aufnehme. Er erklärte mir, manchmal käme er gern auf bestimmte Themen zurück, um seinen Patienten besser gerecht zu werden. Ich erteilte ihm die Erlaubnis, holte dann meinen digitalen Mini-Rekorder hervor und fragte ihn, ob es ihm denn etwas ausmache, wenn ich die Sitzung ebenfalls aufnehme. Dr. Ira schien erfreut, wahrscheinlich dachte er, dass ich die Therapie besonders ernst nahm. Da ich ihm zu diesem Zeitpunkt noch keine Illusionen rauben wollte, schaltete ich bloß das Gerät ein und stürzte mich in die Präliminarien.

THERAPIESITZUNG NR. 1

[Teiltranskription wie folgt:]

ISABEL: Wie soll ich Sie anreden? Mit Dr. Schwartzman?

DR. IRA: Die meisten Patienten nennen mich Dr. Ira.

ISABEL: Dann nenne ich Sie eben auch Dr. Ira. Sie wissen, warum ich hier bin?

DR. IRA: Warum erzählen Sie es mir nicht einfach?

ISABEL: Weil ich muss. Sonst lande ich im Knast. Dann schon lieber Therapie.

DR. IRA: Sie sind also hier, um dem Gefängnis zu entgehen? Habe ich Sie richtig verstanden?

ISABEL: Ja.

DR. IRA: Gibt es noch einen anderen Grund? ISABEL: Der erste reicht schon dicke.

[Lange Pause.25]

DR. IRA: Wie fühlt man sich, wenn man von einem Richter in Therapie geschickt wird?

ISABEL: So lala.

DR. IRA: Könnten Sie das bitte etwas ausführen?

ISABEL: Ich finde, das sagt schon alles.

DR. IRA: Ist es das erste Mal, dass Sie eine Therapie machen?

ISABEL: Ja, das absolut allererste Mal.

[Daraufhin lässt Dr. Ira eine etwa zehnminütige Rede vom Stapel, um die Therapievorschriften zu erläutern. Sollte ich jemandem ein Leid androhen, darf er das der Polizei melden und so bla und so fort. Dann geht die Sitzung richtig los.]

DR. IRA: Welches Thema würden Sie gern ansprechen?

ISABEL: Momentan wüsste ich keins.

DR. IRA: Warum erzählen Sie mir nicht von Ihrer Familie?

[Mittellange Pause.]

ISABEL: Da gibt es nicht viel zu erzählen. Das ist eine ganz normale Familie.

WO WAR ICH?

So fing meine Therapie an. Die Sitzungen Nr. 2 bis 9 erspare ich Ihnen (Sie können mir später danken, oder auch nicht). Es genügt zu wissen, dass ich Dr. Ira Lügen über meine Familie auftischte, was Sie sicher schon selbst messerscharf geschlossen haben, wenn Sie die beiden früheren Akten gelesen oder einen Blick in den Anhang geworfen haben. Falls nicht, wissen Sie so gut wie gar nichts über mich, und dann sollte ich vielleicht ein bisschen ausführlicher werden.

Ich bin tatsächlich eine lizenzierte Privatdetektivin und habe von meinem zwölften Lebensjahr an im Familienunternehmen Spellman Investigations mitgearbeitet. Nein, Sie haben sich nicht verlesen. Klingt nach einem großen Spaß, ich weiß, aber wenn man Jahrzehnte damit leben muss, dass die Freunde auf Herz und Nieren geprüft werden, das Schlafzimmer durchsucht, das Telefon abgehört, das Auto verfolgt und man selbst unablässig beschattet wird, hört der Spaß irgendwann auf. In meiner Familie werden keine Fragen gestellt, sondern Schubladen und Jackentaschen durchsucht.

Nach dem ganzen Ärger des vergangenen Jahres beschloss ich, mir eine längere Auszeit vom Familienunternehmen zu gönnen. Den Ärger hatte ich nur wegen meines Jobs bekommen, und so dachte ich, dass eine berufliche Veränderung zur Lösung meiner Probleme beitragen könnte. Mangels anderer Qualifikationen fing ich an, in einer Bar zu arbeiten, dem Philosopher’s Club, der früher meine Stammkneipe war.

Am Anfang hatte ich gar nicht gewusst, dass eine Barfrau an guten Abenden 200 Dollar Trinkgeld verdienen kann. Sicher, man ist stundenlang auf den Beinen, aber dafür muss man wenigstens nicht acht Stunden im Auto hocken und auf eine Zielperson warten, die das observierte Haus garantiert nicht verlassen wird. Das heißt nicht, dass ich plötzlich ein Leben lang Getränke servieren wollte, aber es war mal eine nette Abwechslung. Ich genoss es, dass meine Eltern nicht mehr meine Vorgesetzten waren. Ich genoss es, meinen Gästen nicht auf den Zahn fühlen zu müssen.

Was die Therapie anging ... Ich gebe gern zu, dass ich es Dr. Ira nicht gerade leichtmachte. Ich sah die Therapie als Strafe an – das war sie ja auch. Und so wollte ich sie einfach absitzen. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich aus dieser Therapie irgendeinen Nutzen ziehen könnte. Auf diese Idee kam ich erst lange, nachdem Dr. Ira zu drastischen Maßnahmen gegriffen hatte.

Montag um 18 Uhr zog ich in Davids Haus. Binnen vierundzwanzig Stunden schlief ich in seinem Bett, benutzte seine elektrische Zahnbürste (nicht ohne den Aufsatz zu wechseln), rückte die Chaiselongue näher an den Fernseher, trank einen Schuss aus jeder verbotenen Flasche26 und rief exakt eine Porno-Website auf, um seine Browser-Chronik zu bereichern.

David bewohnt eine sanierte dreistöckige viktorianische Villa, und zwar ganz allein. Selbst für einen verheirateten Mann oder für einen verheirateten Mann mit sechs Kindern, mehreren Hunden, einer Katze und einem riesigen Tropenfisch-Aquarium wären diese 230 Quadratmeter mehr als geräumig gewesen, insbesondere angesichts der Wohnverhältnisse in San Francisco. Ich nahm mir vor, mir für diese Woche nichts vorzunehmen, um diesen flüchtigen Luxus voll und ganz auszukosten.

An dieser Stelle erscheint mir ein Blick auf meine Wohnsituation angebracht.

In den ersten achtzehn Jahren meines Lebens bewohnte ich ein Einzelzimmer im zweiten Stock der Spellman-Familienresidenz an der Clay Street 1799 im Nob Hill District von San Francisco. Danach lebte ich zehn Jahre in einer Dachwohnung (63 Quadratmeter) an derselben Adresse. Mit 28 beschloss ich, dass es an der Zeit war, von zu Hause auszuziehen, und wohnte zur Untermiete im Apartment (58 Quadratmeter) von Bernie Peterson, einem Polizei-Lieutenant a. D., der mit meinem (inzwischen verstorbenen) Onkel Ray befreundet war. Als Bernies Ehe letztes Jahr zu kriseln begann, zog er kurz entschlossen in sein Apartment zurück. Nachdem mir monatelang diverse Leute widerwillig Unterschlupf gewährt hatten, wurde mir klar, dass ich mir eine eigene Bleibe mit eigenem Mietvertrag suchen musste. Und so geriet ich an dieses Einzimmerapartment (32 Quadratmeter) im Tenderloin District, wo ich zur Zeit hause.

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