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Twins Bundle (Bände 1-5)

Autorenbiographie

Tonia Krüger, geboren 1987, wuchs auf dem Land auf, wo Fantasie gefragt war, damit es nie langweilig wurde. Nach dem Studienabschluss in Geschichte und Englisch siegte ihre Leidenschaft für Geschichten und sie schaffte sich mehr Freiraum fürs Schreiben. Zu ihrem ersten Roman haben sie nicht nur die Vergangenheit, sondern auch ihre Reiselust und lange Waldspaziergänge inspiriert.

Twins

Impressum
Prolog
Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Zweiter Teil
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Dritter Teil
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Vierter Teil
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Fünfter Teil
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Sechster Teil
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Siebter Teil
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31

Prolog

Zu sterben war unspektakulär. Der Schmerz ließ nach. Das grelle Licht in ihren Augen trübte sich. Die Notwendigkeit zu kämpfen verebbte einfach. Sie schien sich ganz langsam weiter von der Welt zu entfernen, als würde sie weggezoomt werden.

Es war ein Schock, als die Luft zurück in ihre Lungen strömte. Hustend würgte ihr Körper alles wieder hervor. Sie rollte sich keuchend auf Hände und Knie und wunderte sich, dass sie nicht gepackt wurde, dass sich die Hände nicht abermals um ihren Hals schlossen. Warum hatte der Mann sie einfach losgelassen? Sie hörte eine vertraute Stimme an ihrem Ohr, aber das Blut rauschte so laut in ihrem Kopf, dass sie kaum ein Wort verstand. Jemand griff sie fest am Arm – jemand Vertrautes, der immer an ihrer Seite zu sein schien, wenn sie ihn brauchte. Doch ihre Sicht war so verschwommen, dass sie kaum wusste, was passierte. Mit einer Hand an ihrem brennenden Hals kam sie schwankend auf die Füße. Sie griff nach seinem Arm. Er zog sie mit sich.

Doch sie konnte nicht rennen. Sie bekam keine Luft. Woher hatte er die Waffe? Er schlug damit nach dem Sicherheitsbeamten, der sie immer noch verfolgte. Sie liefen auf die Ak’aznar-Brücke, die sich als weiter Bogen auf die andere Seite des Flusses schwang. Ihr war klar, dass sie es so niemals ans andere Ufer schaffen würden. Als ihre Beine erneut unter ihr nachgaben, schüttelte sie bereits den Kopf, bevor er sich zu ihr knien konnte. Seine dunklen Augen waren weit aufgerissen.

»Du musst weiterlaufen«, stieß sie hervor. »Sonst war alles umsonst.« Sie rang nach Atem. »Lauf jetzt«, befahl sie. »Das ist mein Ernst. Lauf!«

»Nicht ohne dich«, widersprach er. Sie wusste, er wollte sie nicht allein lassen und riss sich ein letztes Mal zusammen. Dann konnte sie zumindest ihn retten. Und sie konnte tun, was getan werden musste.

Mit letzter Kraft stieß sie ihn von sich und zog sich am Brückengeländer hoch. »Ich will, dass du läufst – so schnell du kannst. Sonst springe ich.«

Erster Teil

Was sie schaudern ließ, war nicht,

was sie sahen,

sondern das,

wovon sie wussten, dass es da war.

Kapitel 1

Ihre Blicke folgten den glatten, steilen Wänden, bis sie in den grauen Himmel übergingen. Der Schutzwall war das Beeindruckendste, was sie je gesehen hatten. Weiß und massiv ragte er über ihnen in die Höhe – unerschütterlich zu ihrem Schutz.

»Niemand«, behauptete der Propaganda-Beauftragte mit euphorischer Stimme, »niemand kann dieses Bollwerk überwinden – niemals.« Mit einer schwungvollen Geste seines Arms dirigierte er ihre Blicke. »Wie Sie wissen, stehen wir hier vor dem Haupttor. Es erstreckt sich über die gesamte Höhe des Walls und bewegt sich auf digital steuerbaren Schienen.« Er winkte mit einer knappen Handbewegung, damit die Gruppe ihm folgte. »Wir kommen jetzt zu Alpha Nord – einem von acht identischen Wachtürmen.« Kurz drehte er sich noch einmal um – so abrupt, dass die nachkommenden Schüler aufeinander aufliefen. Ein schiefes Lächeln sprang ihm ins Gesicht. Wie jeder Bürger des Systems entsprach sein Aussehen einem standardisierten Phenotyp. Er war Typ D.1 – athletische Statur, blonde Haare und hellbraune Augen. »Wir nehmen natürlich den Fahrstuhl. Unser Hightech-Modell bringt uns in nur fünf Sekunden auf die Plattform in 50 Metern Höhe und spart uns 235 Stufen.«

In geordneten Zweierreihen folgten sie ihm in den Stumpf des Wachturms. Die hoch aufgeschossenen Tore aus dunkelblau getöntem Panzerglas schluckten sie wie beiläufig. Sie durchquerten die Halle zur Hälfte, wo sie die Check-in-Schalter passieren mussten. Auf den endlosen Kacheln verlor sich ihre Schar beinah. Das war die Macht des Systems. Und das System war alles.

Studienrätin Bormann marschierte hinter ihren Schülern her und sorgte dafür, dass auch die letzten das straffe Tempo beibehielten. Das energische Hämmern ihrer Absätze saß ihnen im Nacken. Die Lehrerin hatte zu verstehen gegeben, wie privilegiert sie waren, dass sie die Führung erhielten. Für den Normalbürger waren solche Führungen nicht vorgesehen. Aber als zukünftige Absolventen der besten Elite-Schule der Nord-Union stand es ihnen zu.

»Wir passieren nun die Sicherheitskontrollen«, verkündete der Beauftragte. »Dann zeige ich Ihnen, wovor wir Sie hier schützen – anschließend, wie.« Nacheinander traten sie in die Ganzkörperscanner und ließen über die Mini-Ports in ihren Fingerkuppen ihre DNA einlesen.

»Sie haben uns nicht über die Zwillinge informiert«, wandte sich der Typ-D.1-Mann gedämpft an Studienrätin Bormannn.

Sie faltete ihre Mundwinkel in ein säuerliches Lächeln. »Ist es hier nicht Ihre Aufgabe, uns vor dem Unvorhergesehenen zu schützen? Warum betrachten Sie dies nicht als spontane Übung?«

»Sicher.« Einen Augenblick war seine Miene gefangen zwischen Vorwurf und seiner standardmäßig eingestellten Ungezwungenheit. Schließlich brachte er hervor: »Sicherheitstechnisch wäre es dennoch wünschenswert gewesen, Vorkehrungen zu treffen.« Dann beeilte er sich, wieder an den Anfang der Gruppe zu gelangen. Ehe er die Schüler in Richtung des Fahrstuhls winkte, wartete er, bis zwei Soldaten sich ihnen anschlossen. Sie trugen hellgraue Uniformen und eine glänzend schwarze Panzerung, die ihren Brustkorb, aber auch Arme und Oberschenkel, schützte. Ihre Gesichter waren hinter den Visieren ihrer Helme nur zu erahnen. Auf dem Weg durchs Gebäude blieben ihre automatischen Gewehre auf die Rücken der Zwillinge gerichtet.

Lautlos flog der gläserne Fahrstuhl mit ihnen in die Höhe und gab sie nach nur wenigen Augenblicken auf den Kamm des Schutzwalls frei. Nebeneinander traten Nell und Julianne an die mit Schießscharten versehene Brüstung. Scharf blies ihnen der Wind entgegen, griff ihnen ins Haar, ließ es wie dunkle Schleier hinter ihnen wehen. Gemeinsam ließen sie ihre Blicke in die Tiefe stürzen. Ein Graben machte den Schutzwall vom Getto aus unerreichbar. Endlos und öde erstreckte sich dahinter die grasbewachsene Ebene. Am Horizont ließ sich als dunkler Streifen der Beginn des Urwalds erahnen. Was sie schaudern ließ, war nicht, was sie sahen, sondern das, wovon sie wussten, dass es da war.

Sie berührten sich nicht. Das wäre gefährlich gewesen, gerade jetzt. Aber es war auch nicht nötig. Ein winziges Zucken im Augenwinkel genügte, um zu wissen, dass die andere das Gleiche dachte: Eine von ihnen würde dort unten enden – auf der anderen Seite, im Getto.

Wieder winkte der Führer die Gruppe von Jugendlichen zusammen. »Eine sicher einmalige Gelegenheit: Sie erhalten einen exklusiven Blick auf das Getto. 60.712 Quadratkilometer Wildnis hat das System den Freien abgetreten«, erklärte er. »Wie Sie wissen, handelt es sich um all jene, die sich nicht an die Regeln unseres Systems halten wollten oder ihnen nicht gewachsen waren – also um ehemalige Bürger, die untreu wurden. Unseren Beobachtungen zufolge haben sie bisher keine Bemühungen gezeigt, einen Status zu erreichen, den man als zivilisiert bezeichnen könnte. Sie leben als Wilde, vermehren sich und ziehen ihren Nachwuchs in weitgehender Ignoranz jeglicher Werte groß.« Im Prinzip erzählte er ihnen nichts Neues. Die Großzügigkeit des Systems war allgemein bekannt. Obwohl diese Individuen ihre animalischen Triebe nicht zu kontrollieren vermochten, wie gesunde Bürger, wurden sie nicht eliminiert. Sie wurden lediglich aus der Gesellschaft entfernt, um andere nicht zu infizieren. Natürlich verloren sie die Sicherheit, die das System ihnen bot, aber sie durften am Leben bleiben. Nell und Julianne schauten stumm in die Leere.

»Wie viele leben im Getto?«, wollten ihre Mitschüler wissen.

»Nun.« Der Propaganda-Beauftragte stand steif an der Brüstung. »Nach derzeitigen Schätzungen zählen wir momentan ungefähr 10.000 Freie.«

»Das ist eine unglaublich geringe Bevölkerungsdichte für das Gebiet«, bemerkte ein Schüler sofort. »Angeblich handelt es sich doch um sehr fruchtbares Land. Warum müssen wir ihnen so viel überlassen?«

Der Typ-D.1-Mann verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust. »Hierfür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zum einen existiert jenseits des Schutzwalls zunächst ein Sicherheitsstreifen, der von den meisten Punkten aus mehrere Kilometer ins Landesinnere reicht. Wenn Freie sich diesem nähern, sichten wir sie schon von Weitem. So können wir früh Maßnahmen ergreifen, sollten sie sich dem Schutzwall in größeren Gruppen nähern. Zum anderen werfen sich direkt dahinter Hügel auf, die in einen dichten Urwald übergehen. Die Landschaft ist von Seen und einigen hohen Bergen geprägt. Über weite Strecken ist der Zugang zum Meer nur über steile Klippen möglich. Natürlich könnte diese Wildnis erschlossen werden, allerdings nur mit sehr großem Aufwand.« Sein Grinsen ließ ihn ausgesprochen zufrieden wirken. »Drittens macht es insbesondere wegen des Vulkans wenig Sinn, das Gelände zu besiedeln. Es gibt einzelne Geologen, die glauben, er sei eingeschlafen. Die meisten warten allerdings längst auf den nächsten Ausbruch, und wenn dieser Berg explodiert, werden aller Wahrscheinlichkeit nach große Teile des Gebiets zerstört. Es ist für uns also nicht ratsam, dort eine dauerhafte Siedlung einzurichten.«

Studienrätin Bormann stieß ein missbilligendes Zischeln aus. Die Schüler schreckten aus ihrer andächtigen Stimmung und konzentrierten sich auf ihre Lehrerin. Nur Nell drehte sich nicht augenblicklich um, sondern blickte weiter in die Ferne. Die Wildnis schien sich hinter den Hügelkuppen ihren Blicken zu entziehen. Aber auch die struppige, ungeordnete Wiese fesselte ihren Blick. Der Wind tauchte durch die langen Halme und bauschte sie zu Wellenmustern auf. Dazwischen wuchsen zahllose Blumen. Von der Höhe des Schutzwalls waren sie lediglich als bunte Kissen sichtbar. Es war verwirrend, wie viel Schönheit sich in dieser fremden Welt fand, obwohl niemand sie in Muster geordnet hatte.

Studienrätin Bormann verschränkte ihre feingliedrigen Hände ineinander. Sie entsprach Phenotyp C – mit zierlicher Statur, braunen Haaren und braunen Augen. Neben dem groß und breit gebauten Propaganda-Beauftragten wirkte sie unscheinbar. Ihre Schüler kannten jedoch ihre unnachgiebige Art und ließen sich nicht von ihrer Erscheinung täuschen. »Wir dürfen nicht vergessen, was der oberste Grund für die Großzügigkeit des Systems ist«, bemerkte sie, ohne dass ganz klar war, ob sie den Propaganda-Beauftragten zurechtwies oder die Schüler aufklärte. »Wer seinen Platz im System nicht will, dem steht es frei zu gehen.« Ruckartig zuckte ihr Kopf in die Richtung des Gettos. »Dorthin«, erklärte sie, »in die Freiheit.«

Böig rollte sich der Wind über den Schutzwall. Plötzlich fühlte er sich kälter an. Die Freiheit – das war ein Ort für Verbrecher. Das war der Ort für alle, die sich nicht an die Regeln hielten. In die Freiheit würde eine von ihnen ausgewiesen werden – Nell oder Julianne.

»Sehr richtig«, bestätigte ihr Führer in seiner unerschöpflich guten Laune und rieb sich kurz die Hände. »In der Freiheit vermehrt sich das Verbrechen eifrig.« Er lachte und rang zumindest einigen Schülern ein zerstreutes Lächeln ab.

Der Blick in die Natur war wie ein Fenster in eine andere Welt. Es war unglaublich, dass alles dort einfach gewachsen war – hervorgebracht von einer nicht greifbaren Kraft, allein von der Natur – ganz ohne Kontrolle durch Menschenhand. Zuerst war es faszinierend gewesen. Es wurde Nell jedoch zunehmend unheimlich. Niemand hatte unter Kontrolle, was dort passierte. Die Sensation wäre perfekt gewesen, wenn sich ihnen nun auch einer der Freien gezeigt hätte.

Der Propaganda-Beauftragte riss sie jedoch aus ihren Betrachtungen, indem er sie energisch zurück zum Aufzug drängte. »Wir haben einen Besichtigungstermin im Kontroll-Terminal von Alpha Nord.«

Nachdem alle Schüler in die Kabine gezwängt waren, sackte der Fahrstuhl in die Tiefe. Die Mauern des Schutzwalls schoben sich vor ihre Aussicht und verschluckten das Getto. Nell warf einen vorsichtigen Blick in Richtung ihrer Schwester. Der Soldat stand mit dem Gewehr direkt hinter ihnen, sodass sie lieber nicht nach ihrer Hand griff. Julianne starrte mit blassem Gesicht vor sich hin.

Automatisch folgte sie der Gruppe, als sich die Fahrstuhltüren auf halber Höhe des Wachturms öffneten. Nell hätte ihr gern Mut gemacht. Sie würden sich etwas einfallen lassen. Es musste eine Möglichkeit geben, damit sie beide im System bleiben durften.

Als sie an Studienrätin Bormann vorbei durch die Tür in den Kontroll-Terminal I ging, spürte sie schwer den Blick der Lehrerin auf sich. Nell verzog jedoch keine Miene. Ihr Blick blieb kühl geradeaus gerichtet. Sie wusste, dass ihr im Gegensatz zu Julianne keine Regung anzumerken war. Nicht einmal ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt. Studienrätin Bormann wandte ihre Aufmerksamkeit beruhigt den Großbildschirmen im Kontrollraum zu.

An mehreren Reihen von Schreibtischen saßen Soldaten, die das Getto über Satellitenbilder im Blick behielten. Sie schenkten der Schülergruppe keine Beachtung. Wie ihre Kollegen trugen sie hellgraue Anzüge – allerdings ohne die glänzende schwarze Panzerung. Erleichtert stellte Nell fest, dass auch Juliannes Blick interessiert an den Kontrollarmaturen hing. Ein wenig gesunde Farbe kehrte in ihre Wangen zurück, während sie zuhörte, wie der Propaganda-Beauftragte die Technik und Software erläuterte.

Nell und Julianne glichen sich in sämtlichen Details. Unterschieden werden konnten sie nur durch komplexe Verfahren. Die Standard-DNA-Scanner, die überall zum Bezahlen und Identifizieren Verwendung fanden, konnten das nicht zuverlässig leisten. Schlimmer noch als die Tatsache, dass sie mit ihrer puren Präsenz bei jeder Kontrolle die technischen Lücken im System verdeutlichten und den anderen Bürgern vorhielten, war die Tatsache, dass sie hier nicht hergehörten. Es sollte sie nicht geben. Sie waren wider das System, der Idee der stätigen Genverbesserung von Individuen. Aus ihrer DNA hatte man bereits vor ihrer Geburt eine äußerst günstige Kompetenzverteilung errechnet. Daraufhin hatten Nell und Julianne unterschiedliche Förderprogramme durchlaufen. Bis dahin mussten Nell und Julianne mit dem Stigma leben, dass es – in einer Welt von Individualisten – zwei von ihnen gab. Anderen waren sie unheimlich. Es war offensichtlich, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab. Und enge Bindungen zwischen Systembürgern galten als widerrechtlich. Eine enge Bindung hatte jeder Bürger nur zum System und zu sich selbst – zu nichts sonst. Dafür musste man sich nicht sorgen, weil das System sich sorgte und für Sicherheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit garantierte. Jedem Systembürger stand ein Platz in dieser Ordnung zu, wenn er sich an die Regeln hielt. Sosehr sie darauf trainiert waren: Die Bindung zwischen Nell und Julianne konnte man nicht leugnen. Vor dem System galten sie jedoch nur als eine Person: Die wertvolle, mit der man weiterarbeiten sollte, und dem weniger effektiven zweiten Teil, der aussortiert werden musste. Es war nur ein Platz für sie vorgesehen – nicht zwei. Deshalb würde eine von ihnen gehen müssen. Anschließend würde das System alle Spuren beseitigen, die darauf hindeuteten, dass es den überzähligen Zwilling je gegeben hatte.

»Der Schutzwall reicht bis aufs Meer hinaus. Suchscheinwerfer, unsere fortschrittlichste Kamera-Technologie sowie steuerbare Schussanlagen verhindern auch bei Nacht, dass Freie den Schutzwall umfahren und an unserer Küste anlanden.«

»Warum ist der Schutzwall an der Meerseite nicht vollständig geschlossen?«, fragte ein Schüler. »Können die Freien nicht entkommen, indem sie aufs Meer hinausfahren?«

Vehement schüttelte der Führer der Gruppe den Kopf. »Ihre Technologie erlaubt es ihnen, Flöße und einfache Boote zu bauen – nichts, was der Hochsee standhielte. Um Land zu erreichen, müssten sie über 5.000 Kilometer überwinden, das ist vollkommen ausgeschlossen. Die Schließung des Schutzwalls zur Meerseite hin würde also nur unnötig Ressourcen kosten, da die Instandhaltung durch die ständige Brandung extrem aufwändig wäre.« Er hielt inne und warf einen triumphierenden Blick in die Runde, ehe er den letzten Kniff verriet: »Bei regelmäßigen Patrouillen durch das Getto überprüfen unsere Kommandeure zudem die Entwicklung der Getto-Bevölkerung. Sollten sie ungewöhnliche Aktivitäten registrieren, erstatten sie Meldung und entsprechende Maßnahmen werden ausgelöst.«

Er hielt sich vage. Wie immer, wenn sie einen vorsichtigen Blick jenseits der Systemgrenzen werfen durften, wurden ihre sonst so präzisen Unterrichtsinhalte ungenau. Was sollten das für Maßnahmen sein, fragte sich Nell. Und warum sprach der Typ-D.1-Mann nicht aus, dass die Freien Staaten des Westens – der größte politische Konkurrent des Systems – das einzige Ziel jenseits des Ozeans waren, das die Freien ansteuern könnten? Natürlich wusste der Großteil der Systembevölkerung nichts über die Freien Staaten – außer, dass sie irgendwo jenseits des Ozeans existierten. Aber sie waren immerhin die zukünftige Elite. Sollten sie nicht mehr erfahren dürfen?

Nell musterte die Bildausschnitte, die einander auf den großen Bildschirmen im Kontroll-Terminal ablösten. Der Propaganda-Beauftragte erging sich in ausschweifenden Gesten, um markante Landmarken auszuweisen. Er deutete auf den Vulkan, wies auf die beiden großen Seen hin und fuhr mit einer Handbewegung die Küstenlinie nach. Eine von ihnen würde sich dort draußen zurechtfinden müssen. Außer sie konnten es verhindern.

Kapitel 2

Die Sonne ließ ihr Licht großzügig über den Zen-Plaza fließen. Gleißend wurde es von den umstehenden weißen Mauern reflektiert. Die Architekten hatten auf scharfe Ecken und Kanten verzichtet. Die Gebäude strebten in eleganten Kurven in die Höhe. Nell und Julianne saßen am Rand des Zen-Gartens – dem Mittelpunkt des Platzes nahe dem Zentrum von Monacum. Das helle Licht ließ Juliannes schwarze Haare beinah bläulich schimmern. Nell konnte sich in ihr sehen wie in einem Spiegel. Sie entsprachen Phenotyp B.1 – groß und schlank mit schwarzen Haaren und grünen Augen. Julianne hatte sich einen strengen Zopf gebunden, während Nell ihre Haare offen trug. Wie jeder andere Systembürger mussten sie die einheitliche Garderobe tragen und so war es ihre einzige Möglichkeit, sich voneinander abzugrenzen. Der fließende Stoff der schlichten Hose und des ärmellosen Oberteils mit V-Ausschnitt war in ihrem Fall dunkelblau. Da sie erst bei ihrer Klassifizierung nach ihren Abschlussprüfungen endgültig einer der drei existierenden Kategorien zugeteilt würden, waren sie derzeit noch Anwärter auf die Kategorie 1. Zum Zeichen dafür waren die Säume ihrer Shirts weiß abgesetzt und die Hosenbeine mit einem dünnen weißen Streifen versehen. Dunkelblau war die Farbe der ersten Kategorie. K2-Bürger trugen Dunkelgrün und K3-Bürger Dunkelrot.

Nicht weit von ihnen führten über wenige Stufen kiesbestreute Wege unter das kühle Dach üppiger Pflanzen mit unnatürlich großen Blättern. Plätscherndes Wasser und sorgsam hergestellte Symmetrie erleichterten den Weg in die Meditation, bei der jeder Systembürger regelmäßig sein Gedächtnis leeren musste.

Früher war Nell gerne dort spazieren gegangen. Das viele Grün war eine Erleichterung fürs Auge. Die Stadt bot wenig, wo man sich vom sterilen Weiß erholen konnte. Seit sie diesen kurzen Blick ins Getto erhascht hatte, schien es jedoch nicht mehr echt. Seit sie dort oben auf dem Wall gestanden hatte, fragte sie sich, wie es sich anfühlte, durch ungekürztes Gras zu laufen.

Während sie den gekühlten, angenehm süßen Saft trank, ließ sie ihren Blick über das sich endlos fortsetzende Schachmuster der Bodenplatten gleiten. Obwohl am Siebten Tag niemand arbeitete und viele Menschen unterwegs waren, verloren sie sich auf dem weitläufigen Platz.

»Erinnerst du dich an unseren Schulausflug?«, fragte Julianne unvermittelt. Ihre Augen schimmerten hellgrün im Sonnenlicht.

»Du meinst, als wir zum Getto gefahren sind?«, vermutete Nell. Julianne nickte zögernd. Es war nicht ratsam, hier darüber zu sprechen. Das Getto war die Angst, die ihnen allen im Nacken saß. Das Beste war, so zu tun, als existierte es nicht.

»Es ist bald so weit«, flüsterte Julianne trotzdem und riss Nell aus ihrer entspannten Stimmung. Der Schulausflug war fast zwei Jahre her und die Ausweisung schien noch unausweichlicher als damals.

»Noch drei Monate«, stimmte Nell zu.

Julianne schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht von dir getrennt sein.«

Nell seufzte kurz. »Vielleicht sollten wir mit unserer Mutter reden«, schlug sie vor. Es war eine nutzlose Idee, aber sie wollte sich später nicht vorwerfen, irgendetwas unversucht gelassen zu haben. Sie lehnte sich zurück und stützte sich mit den Händen im sorgsam manikürten Grasteppich ab. Julianne jedoch stand abrupt von dem niedrigen Mäuerchen auf. »Ich hasse die Zeit«, stieß sie hervor. »Seit mir klar ist, dass wir auch von dem Gesetz betroffen sind, verabscheue ich jeden Augenblick, der vergeht.«

Hastig sprang Nell auf und ergriff Julianne am Arm, um sie energisch mit sich zu ziehen. Sie wusste, was ihre Schwester meinte. Die Zeit scheint dein Feind zu sein, wenn es diesen einen Tag gibt, vor dem du dich fürchtest, von dem du hoffst, dass er niemals kommt. Unaufhaltsam tickt er dir entgegen.

Julianne musste dringend auf heitere Gedanken gebracht werden, damit sie dem System die Selektion nicht noch leichter machte – sonst würde der nächste DNA-Scanner die hohe Konzentration von Stresshormonen in ihrem Blut registrieren oder die soundsensitiven Überwachungssensoren würden die Anspannung in ihrer Stimmung signalisieren oder irgendeiner der treuen Systembürger würde sie als ungewöhnliche Beobachtung melden. »Du musst dich konzentrieren«, redete Nell gedämpft auf sie ein, während sie Julianne in Richtung des Fahrstuhls zur Untergrundbahn dirigierte. »Du darfst gerade jetzt nicht die Nerven verlieren. Wir haben das so oft geübt. Konzentriere dich aufs Atmen – langsam durch die Nase einatmen und kontrolliert durch den Mund ausatmen, bis sich dein Herzschlag beruhigt.« Durch die richtige Atemtechnik ließ sich vieles im Körper kontrollieren. Die Stimme wurde ruhiger. Die Muskeln entspannten sich. Aber Juliannes vegetatives Nervensystem, das den Körper unwillentlich und plötzlich unter Anspannung setzen konnte, überrumpelte sie immer wieder.

»Es ist nicht so, dass ich es nicht versuche«, behauptete Julianne hilflos, während sie sich über die schwarzen und weißen Bodenplatten ziehen ließ. »Ich kann nicht ins Getto gehen«, stieß sie hervor – ihre Stimme durch die Anspannung immer noch zu hoch.

Nell fasste sie fester am Arm. »Das reicht nicht«, sagte sie scharf. Gerade jetzt waren vermutlich alle verfügbaren Kameras und Mikrofone auf sie gerichtet. Die Spracherkennung erfasste Unworte und Sensoren griffen jede erregte Stimme auf. Wenn das Getto erwähnt wurde, blinkten in irgendeinem Kontroll-Terminal kleine Lämpchen und Wachleute wurden auf sie aufmerksam. »Du darfst solche Sachen nicht sagen – schon gar nicht in der Öffentlichkeit.«

»Ich weiß …«, Julianne wollte gerade weiterreden, doch Nell schüttelte den Kopf. Mit einem warnenden Blick brachte sie ihre Schwester zum Schweigen. Sie erreichten den Lift in den Untergrund. Zum einen war der Fahrstuhl unter Garantie bild- und tonüberwacht, zum anderen gerieten sie hier ins Gedränge der bummelnden Menschen, die alle wohldosierte Fröhlichkeit auf ihren Gesichtern spazieren trugen.

Die Schwestern warteten, bis eine Gruppe Bürger der Kategorie 3 in dunkelroten Garderoben die Kabine verlassen hatte und sich zügig über den Zen-Plaza verstreute. Nell fasste Julianne an beiden Händen, obwohl sie wusste, dass sie dadurch noch mehr auffallen würden. »Lenk dich ab«, befahl sie. »Konzentriere dich auf irgendeine Zahlenfolge.«

Nell wusste, dass diese Übung Julianne immer half: Zahlen aufzureihen gab ihr Sicherheit und sie war beinah unschlagbar darin. Ihr Puls beruhigte sich, ihr Atem wurde entspannter. Hinter drei jungen Männern in dunkelgrünen Kategorie-2-Garderoben betraten sie den Fahrstuhl. Sie entsprachen Typ B – die üblichere Kombination mit braunen Augen zu den schwarzen Haaren. Nell lehnte sich gegen das blaue Glas der Fahrstuhlwand und ignorierte gleichmütig die Blicke der drei Männer.

Die Leute starrten immer, wenn sie die Zwillinge zusammen sahen. Je älter sie wurden, desto häufiger zuckten die Blicke in ihre Richtung, desto hastiger flackerten sie wieder davon, desto heimlicher wurden sie beobachtet von Leuten, die sich selbst unbeobachtet glaubten. Je älter sie wurden, desto mehr verdichteten sich die Schatten um sie herum. Nell warf einen Blick in Juliannes Richtung. Erstaunt bemerkte sie den Augenaufschlag, den Julianne den Männern zuwarf. Er schien sogar Wirkung zu haben. Mindestens amüsierten die drei sich darüber. Einer blinzelte Julianne sogar kurz zu. Verwundert fragte sich Nell, wie ihre Schwester plötzlich diesen Blick unter ihren langen Wimpern hervorzauberte. Ein Lächeln spielte schelmisch um ihre Lippen.

Doch selbst wenn die Männer reagierten, war es gefährlich. Grundsätzlich achtete man besser darauf, anderen nicht zu lange in die Augen zu sehen. Dann hatte das System auch keinen Grund nachzuforschen. Da Nell und Julianne gemeinsam aufwuchsen, wurden sie ohnehin häufiger als andere überprüft. Denn normalerweise wurden Zwillinge wenigstens nach der Geburt getrennt und in Ausbildungsprogramme in verschiedenen Teilen der Nord-Union geschickt. Nach Abschluss der Ausbildung entschied ein Gericht auf Basis mehrerer Kompetenztests, welcher Zwilling ausgewiesen wurde. Die Ausnahme war bei Nell und Julianne nur gemacht worden, weil die äußerst breit gestreute und günstige Kompetenzentwicklung aus ihrer DNA errechnet worden war. Sie besuchten die beste Eliteschule des Systems, wo eine optimale Förderung in verschiedenen Kompetenz-Programmen sichergestellt war. Trotzdem würde eine von ihnen gehen müssen. Und bis dahin begegnete man ihnen mit Misstrauen.

In den gewölbten weiß getünchten Gängen des Untergrunds nahmen die drei jungen Männer bald einen anderen Weg als Julianne und Nell. Ein letzter Blick flog zwischen ihnen her, dann bogen die Schwestern auf eine U-Bahn-Plattform ab. Eine an die Wand projizierte Anzeige zählte die verbleibende Zeit bis zur Ankunft des nächsten Tunnel-Blitzes in Millisekunden herunter. Darunter eilten die Namen der Stationen auf der Route entlang. Die Endstation des nächsten TB lag in dem Außenbezirk von Monacum, in dem ihre Mutter lebte. Es blieb noch Zeit, bis sie sich im Internat zurückmelden mussten.

»Lass uns direkt zu ihr fahren«, schlug Nell vor.

Julianne erwiderte zweifelnd ihren Blick. »Ohne uns anzumelden?«

Die Plattform füllte sich rasch mit Menschen. Die Uhranzeige machte sich bereit, auf Anfang zu springen. Von vorne her ersetzte eine Null nach der anderen die rasenden Zahlen. Lautlos und silbern schoss der TB in die Station.

»Du hast selbst gesagt, wir haben keine Zeit mehr«, erinnerte Nell ihre Schwester. »Wir fahren einfach hin, statt wochenlang auf einen Termin zu warten.«

Mit einem zögernden Nicken stimmte Julianne zu. Obwohl sie nicht weit von ihr entfernt wohnten, hatten sie ihre Mutter noch nie spontan besucht.

Der TB öffnete seine Türen und spuckte eilig lange Reihen von Fahrgästen aus. Ebenso zügig betraten anschließend die auf der Plattform wartenden Fahrgäste die Bahn. Als Julianne und Nell nacheinander ihre DNA einlasen, geriet der Fluss ins Stocken. Der Automat stieß einen irritierten Summton aus und ließ ein rotes Warnlicht kreisen. Die Zwillinge traten zur Seite, um auf einen Wachmann zu warten, aber die übrigen Fahrgäste mussten mit ihnen ausharren, bis er kam. Eilig näherte sich der Wachmann. Über der Brusttasche seines dunkelgrauen Overalls waren in roter Farbe die Buchstaben TB eingenäht. Er tippte eine rasche Zahlenfolge in das Tastenfeld des Automaten und bestätigte sie durch seine DNA. Das Summen verklang. Das rote Warnlicht erlosch. Der Nächste in der Schlange rückte vor. Der Wachmann sah misstrauisch zwischen den Zwillingen hin und her. Dann nahm er jedoch kommentarlos einen Multi-Scanner vom Gürtel, um ihre Fingerabdrücke und Netzhäute zu prüfen. Anschließend durften sie sich setzen. Kaum hatten sie die Haltebügel heruntergezogen, glitten die Türen zu und die lautlose Beschleunigung des TB drückte sie in den Sitzen zurück. Nell und Julianne legten die Köpfe gegen die Nackenstützen. Die hohe Geschwindigkeit bekam ihnen beiden nicht, aber mit der richtigen Atemtechnik ließ sich die aufsteigende Übelkeit gut kontrollieren. Beinah ohne Fahrtgeräusche tauchte der TB durch den tiefschwarzen Tunnel. Das Bild der langen Sitzreihen wurde zwischen den spiegelnden Scheiben hin und her geworfen.

Nell sah ihre Schwester forschend von der Seite an. »Gerade im Aufzug – was hatte das zu bedeuten?«, wollte sie wissen.

Julianne bemühte sich erfolglos um eine unschuldige Miene. »Was?«

Statt einer Antwort versuchte Nell, Juliannes Blick aus dem Fahrtstuhl zu imitieren. Julianne musste lachen, stieß ihre Schwester aber vorwurfsvoll in die Seite.

»Blödsinn«, stritt sie ab, »so habe ich bestimmt nicht geguckt.«

»Genau so!«, beharrte Nell mit einem Grinsen, wurde im nächsten Moment aber ernst. »Du weißt schon, was du tust, oder?«

Julianne verdrehte die Augen. »Was habe ich denn gemacht?«

Nell unterdrückte ein Seufzen.

Julianne schüttelte ärgerlich den Kopf. »Was soll an Höflichkeit denn schlimm sein?«

Nell zog nur die Augenbrauen hoch und sie schwiegen während der TB in einer Station hielt. Je weiter sie sich vom Stadtzentrum entfernten, desto kürzer wurden die Schlangen auf den Plattformen. Nachdem die Bahn wieder beschleunigt hatte, sagte Nell gedämpft: »Du solltest das einfach nicht tun.«

»Ich verstehe aber nicht, wieso«, entgegnete Julianne ungehalten. »Ich fand, er sah gut aus. Und offenbar habe ich ihm auch gefallen. Dann dürfen wir uns doch ansehen.« Mit geschlossenen Augen hatte sie sich zurückgelehnt. Ein verträumtes Lächeln schwang sich um ihre Mundwinkel. »Ich wünsche mir, dass ich das eines Tages erlebe. Wie es uns früher erzählt wurde. Ich wünsche mir, dass es jemanden gibt, dem ich so viel bedeute, dass alles andere egal ist.« Sie seufzte leise und fügte schließlich hinzu: »Ich glaube, man spürt es daran, wie sie einen ansehen.«

Nell war froh, dass Julianne die Augen nicht öffnete, sondern sich offenbar ausführlich ausmalte, wie sich das anfühlen würde. So konnte sie nicht sehen, wie Nell sich abwandte. Es war albern, dass Julianne diese kindischen Fantasien noch immer nicht kontrollieren konnte. Und gefährlich. »Früher« war auch so ein Wort, das man besser nicht zu oft verwendete. Denn wer zu viele Erinnerungen an »früher« hatte, war offensichtlich nicht besonders gut darin, seinen Geist zu leeren, wie es Vorschrift war. Unvermittelt stieg eine diffuse Erinnerung in ihren eigenen Gedanken auf – eine alte Frau, die an ihrem Bett gesessen und erzählt hatte. Streng genommen hatte Nell lange geübt, jede zaghafte Erinnerung augenblicklich zu unterdrücken, sobald sie an ihrem Bewusstsein kratzte. Doch diese eine ließ sie zu.

Mir blutet so das Herz.

Aus der Dunkelheit tauchten Erinnerungsfetzen an Geschichten und verbotene Lyrik auf. Ihre Mutter hatte sich bemüht, die Frau von ihnen fernzuhalten, aber damals waren Nell und Julianne neugierig gewesen. Mittlerweile hatte Nell längst vergessen, wer die Frau war oder was genau sie ihnen erzählt hatte. Dennoch waren vermutlich die wenigsten Kinder solchen Einflüssen ausgesetzt. Und Julianne hatte offensichtlich diesen Teil ihrer Geschichte nicht aus dem Gedächtnis gelöscht. Dabei war das Vergessen der vielleicht zentralste Kern des Monoismus, dem Prinzip, nach dem das System in aller Strenge strebte: Nur wer im Moment lebte, ohne sich von vergangenem Ballast oder zukünftigen Problemen ablenken zu lassen, funktionierte effizient. Sich Sorgen zu machen, war überflüssig, wenn das System für einen sorgte. Darüber hinaus sorgte das Vergessen dafür, dass man keine unerwünschten Bindungen zu anderen Individuen aufbaute. Das Vergessen garantierte, dass man dem System treu blieb und das schuldete man dem System für die Sicherheit, die es einem bot. In ihrem Fall war das Problem nur, dass sich das System für eine von ihnen entscheiden würde, für die es sorgen wollte.

Julianne öffnete die Augen erst wieder, als Nell sie in Bezirk 8 des Äußeren Rings anstieß, weil sie aussteigen mussten. Der Automat summte und blinkte zum zweiten Mal aufgebracht und der TB-Wachmann eilte mit seinem Multi-Scanner herbei. Dann folgten sie vereinzelten Passagieren in die weiße, hell ausgeleuchtete Tunnellandschaft der Bahn. Lang gestreckte Pfeile trieben sie dem nächsten Ausgang entgegen. Von der nächsten Fahrstuhlkabine ließen sie sich an die Oberfläche einer ruhigen Wohnstraße schwämmen.

Julianne sah sich um. »Weißt du noch, in welche Richtung wir gehen müssen?«

Unsicher schaute Nell die Straße in beide Richtungen hinunter. Es boten sich kaum Anhaltspunkte, um ein einzelnes Grundstück von den anderen zu unterscheiden. Gerade strebte die Straße von einer Kreuzung zur nächsten.

»Das Haus war nicht weit von einem Fahrstuhl entfernt«, erinnerte sie sich. »Wir sollten uns aufteilen.«

Über die sauberen weißen Bodenplatten entfernten sie sich voneinander. Ordentlich weiß lackierte Zäune fassten von beiden Seiten die Straße ein. Dahinter bildeten manikürte Rasenflächen, runde Teiche mit spiegelnder Wasserfläche und gewagt designte Sträucher die Gärten. Die zum größten Teil einstöckigen Standardhäuser mit weißen Mauern und großen Fenstern setzten höchstens auf den Dachterrassen ein paar weitere grüne Akzente. An ein paar wenigen Gebäuden waren die Fensterrahmen in blassen Pastellfarben gestrichen. Nell glaubte, sich zu erinnern, dass eine hellblaue Eingangstür zum Haus ihrer Mutter gehörte. Ein paar Kinder rannten lachend hintereinander her und riefen, dass die Freien kämen, um sie zu holen. Etwas weiter verschwanden sie auf einem Grundstück. Auf manchen Rasenflächen lagen Hausbewohner auf Liegestühlen in der Sonne und verbrachten vorschriftsmäßig den Siebten Tag in entspanntem Zustand.

Nach wenigen Schritten blieb Nell stehen. Ein Haus mit Dachterrasse und bis zum Boden reichenden Fenstern erhob sich vor ihr. Der Garten war verlassen, aber die Tür war mit himmelblauen Streifen versehen. Nell sah sich nach ihrer Schwester um. Julianne war bereits wieder umgekehrt und befand sich auf Höhe des Fahrstuhls. Als sie Nell winken sah, beschleunigte sie ihre Schritte und stand wenig später neben ihr. Sie nickte zustimmend.

»Das ist es«, rief sie erfreut und schob das Gartentor auf. Nell folgte ihr zum Eingang, wo Julianne die Türglocke läutete. Ein leises Surren verriet, dass sich eine Kamera auf sie scharf stellte. Wenige Augenblicke später wurde die Tür geöffnet.

Ihre Töchter sahen Sheila ähnlich. Sie war etwas kleiner, aber ihre Haare fielen ihr lang und tiefschwarz über den Rücken. Abgesehen davon, dass an ihrer Garderobe die weißen Säume fehlten, trug sie die gleiche dunkelblaue K1-Uniform wie ihre Kinder. Obwohl sie von dem unangekündigten Besuch überrascht sein musste, ließ sie sich nichts anmerken. Bereitwillig zog sie die Tür weiter auf.

»Kommt rein«, lud sie ihre Töchter ein. Julianne fiel ihr um den Hals. Sheila erwiderte die Umarmung, warf Nell aber einen irritierten Blick zu.

Nell ergriff Julianne sanft am Arm, damit sie Sheila losließ, und zog sie mit sich durch den Flur. Der helle Wohnraum hatte eine Fensterfront zum Garten und war lichtdurchflutet. Der Blick in den Garten, der nur aus einer gepflegten Rasenfläche bestand, wurde schnell von einer hohen Hecke gebremst, die ihn von den Nachbargrundstücken abgrenzte. Winzige Blütenranken zogen sich als unauffällige Dekoration durch das dichte Blattwerk. Der Wohnraum war ebenso schlicht gehalten wie der Garten. Ein runder weißer Tisch mit gewagt geschwungenen Stühlen dominierte den Raum. Im Hintergrund breitete sich eine Sofalandschaft mit farbigen Kissen aus. Ein Typ-B-Mann lag darauf und folgte auf einem in die Wand gelassenen Bildschirm dem Tele-Programm des Ministeriums für Gesellschaftliche Aufklärung. Überrascht sah er auf, als die Zwillinge ins Wohnzimmer traten. Trotzdem erhob er sich nicht, sondern warf ihnen nur einen fragenden Blick zu.

Sheila deutete auf ihn, als sie hinter ihren Töchtern den Wohnraum betrat. »Das ist Till«, stellte sie ihn vor.

Nell und Julianne grüßten kurz, aber als Sheila zum Tisch wies und ihnen etwas zu trinken anbot, setzten sie sich dorthin. Sie brachte ihnen Saft, ehe sie sich ihnen gegenüber niederließ. Es war das Standardgetränk, das sie schon auf dem Zen-Plaza getrunken hatten – im Wesentlichen kühles Wasser mit einer feinen Süße versehen.

»Till und ich warten noch auf den Bescheid, dass wir uns fortpflanzen dürfen«, erklärte Sheila mit einem leichten Lächeln.

Julianne blieb steif auf ihrem Stuhl sitzen und gab ein kurzes Nicken von sich. Nell lehnte sich zurück. So sperrig die Stühle auch wirkten, sie passten sich hervorragend an den Schwung ihrer Wirbelsäule an. Sie warf einen Blick in Tills Richtung, aber er schaute gebannt auf den Bildschirm. Das MGA strahlte eine Spielshow aus, bei der Normalbürger in verschiedenen Disziplinen gegen Absolventen von Eliteschulen antraten, um Wellness-Urlaube zu gewinnen. Das passierte nur nie. Nell fand die Show langweilig, aber Till sah stoisch zu.

Nell richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Sheila, die offenbar eine Erklärung für ihr Auftauchen erwartete. Nell lehnte sich vor, um leiser sprechen zu können. Die Anwesenheit des fremden Mannes fühlte sich wie ein unübersehbares Mikrofon an. Sie tauschte einen kurzen Blick mit Julianne, aber ihre Schwester sagte nichts. Also begann Nell: »Du weißt vielleicht, dass bald entschieden wird, wer von uns ausgewiesen werden soll.«

Sheila schob ihr Saftglas von sich. »Sicher.«

»Wir wollen nicht getrennt werden«, entfuhr es Julianne.

Sheila blinzelte. Till räusperte sich und drehte den Ton lauter.

Nell legte Julianne eine Hand auf den Arm. »Es geht darum: Julianne wird definitiv Genie-Status in ihrer mathematischen Kompetenz erreichen und sie hat sich als Programmiererin hervorgetan. Sie hat sogar schon Aufträge vom Verteidigungsministerium bekommen, um ihre Software auf Sicherheitsmängel zu prüfen.« Sie drückte Juliannes Hand. »Und sie hat fast immer Lücken entdeckt.«

Sheila lächelte ihrer Tochter zu. »Das freut mich. Man hat mir schon vor deiner Geburt gesagt, dass du ideale Voraussetzungen hast.« Ihr Blick glitt zu Nell. »Ihr beide natürlich.«

»Das ist genau der Punkt«, hakte Nell wieder ein. »Meine mathematische Kompetenz ist gut. Aber meine eigentliche Stärke ist die analytische Kompetenz.«

»Nicht zu vergessen die emotionale«, ergänzte Julianne gedämpft. »Es gibt nichts, was sie aus der Fassung bringt, und gleichzeitig ist sie unfassbar gut darin, andere zu manipulieren. Sie hat sogar schon Lügendetektoren überlistet.«

Nell ignorierte den Kommentar und sah Sheila geradewegs an. »Wir haben unterschiedliche Stärken«, erklärte sie. »Glaubst du, es gibt eine Möglichkeit, das System zu überzeugen, keine von uns wegzuschicken?«

Sheila starrte sie einen Moment lang an, ehe sie sich fasste. »Warum kommt ihr damit zu mir?«

Nell hob die Schultern und lehnte sich über den Tisch. Sie achtete darauf, ihre Atemfrequenz nicht zu erhöhen. Sobald sich der Atem beschleunigte, drohte der Puls nachzuziehen. »Zu wem sollen wir sonst gehen?«, fragte sie leise. »Mir ist schon klar, dass dieses Thema brisant ist.« Sie warf einen kurzen Blick in Tills Richtung. »Allein dafür können wir ohne Weiteres beide ins Getto ausgewiesen werden.«

Sheila beugte sich ebenfalls vor. »Trotzdem verstehe ich nicht, warum ihr glaubt, ich könne euch helfen.«

Nell zog die Augenbrauen hoch. »Du arbeitest doch im Verteidigungsministerium. Und du bist unsere Mutter. Wer sollte uns helfen, wenn nicht du?«

Sheila schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich wüsste nicht, wie. Ich bin Assistentin des Abteilungsleiters des Auslands-Geheimdienstes. Die haben mit dem Getto nichts zu tun. Und entscheiden kann ich gar nichts.«

»Ist so etwas denn schon mal vorgekommen?« Julianne sah sie hoffnungsvoll an.

Sheila hob die Augenbrauen. »Was meinst du?«

»Hat es einen ähnlichen Fall vielleicht schon mal gegeben, irgendwann früher?«

Wieder zeigte sich, wie schwer es Julianne fiel zu akzeptieren, dass es im System kein »früher« gab. Nell warf ihr einen ungeduldigen Blick zu. Sie wusste, dass es Julianne nie gelang, völlig im Moment zu leben, aber andere verstanden wahrscheinlich nicht mal, was sie meinte. Für Systembürger drehte sich die Zeit im Kreis. Es gab nur den Moment, davor oder danach gab es nichts.

Sheila zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Aber es ist nicht unmöglich, oder?« Julianne sah ihre Mutter so bittend an, dass Sheila schließlich über den Tisch nach ihrer Hand griff.

»Dem Gesetz zufolge werden Zwillinge nach Abschluss ihrer Ausbildung getestet und einer wird ins Getto ausgewiesen. Warum sollte dieses Vorgehen abgewandelt werden?«

Entmutigt ließ Julianne ihren Blick sinken. Nell hingegen hatte nicht erwartet, dass es einfach war. »Weil eindeutige Gründe dagegensprechen«, bemerkte sie und klang überzeugter, als sie sich fühlte.

»Falsch«, meldete sich Till unvermittelt von der Sofalandschaft aus. Wenig überrascht wandte Nell den Kopf in seine Richtung. Dass er der Spielshow weniger interessiert folgte, als er vorgab, hatte sie längst vermutet. Er erhob sich, wobei er sich zu seiner vollen athletischen Größe entfaltete, und kam zum Tisch. Julianne sah ihn fragend an, als er sich mit beiden Händen auf einer Stuhllehne abstützte. »Genau das wird nicht passieren«, wiederholte er. »Sie werden nicht zulassen, dass hier irgendwelche Präzedenzfälle geschaffen werden.«

Nell sah in sein Gesicht mit dem markanten Kinn. »Was schlägst du vor?«

»Eine von euch geht ins Getto«, meinte er ruhig.

Die Blässe in Juliannes Lippen verriet, wie schwer es ihr fiel, ein Zittern zu unterdrücken. »Wir können gar nichts tun?«

Till tauschte einen kurzen Blick mit Sheila. »Zum einen«, sagte er leise, ohne seine Augen von ihr abzuwenden, »solltet ihr aufpassen, wen ihr an euren Gedanken teilhaben lasst.« Er ließ eine kurze Stille zwischen sie sacken, die sich bedeutungsschwer ausbreitete. Mit einem Wimpernschlag bezwang Nell die aufsteigende Panik. Sie hatte jahrelang trainiert und ihre Strategien funktionierten beinah automatisch. Natürlich kannten sie Till nicht. Er konnte sie einfach verraten. Streng genommen galt das aber auch für Sheila. »Das System lässt nicht zu, dass an Regelverstöße auch nur gedacht wird. Das wisst ihr so gut wie jeder andere. Wenn ihr auch nur andeutet, dass ihr mit dem Gesetz nicht einverstanden seid, kann das reichen, um euch zu verhaften.«

Nell zwang sich, Tills Blick standzuhalten. Seiner vorgebeugten Haltung sah sie an, dass er noch nicht fertig war.

»Zum anderen«, fügte er endlich hinzu, wobei er über dem laut gedrehten Fernsehprogramm kaum zu verstehen war, »zum anderen habt ihr exakt eine Option, wenn ihr zusammenbleiben wollt.« Erwartungsvoll richteten sich alle Augen auf ihn. Im selben Augenblick allerdings glaubte Nell zu wissen, was er meinte. Till wandte sich ab, um zum Sofa zurückzukehren. »Und die habt ihr vorhin selbst genannt«, sagte er, ehe er sich darauf fallen ließ.

Nell stand abrupt vom Tisch auf. Till hatte recht. Diese einfache Tatsache war plötzlich glasklar. »Es wird Zeit«, meinte sie. »Wir müssen uns rechtzeitig im Internat zurückmelden.« Sie sah in Sheilas Gesicht. Ihre Mutter hatte die gleichen hellgrün schimmernden Augen wie sie selbst. Sie wusste, dass sie das letzte Mal so voreinander standen. »Vielen Dank für ... den Saft«, sagte sie.

Sheila erhob sich ebenfalls und nickte. »Ich begleite euch zur Tür.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Julianne in Richtung des Sofas, nachdem sie sich schwerfällig von ihrem Stuhl gestemmt hatte. Aber Tills Augen blieben auf den Bildschirm geheftet.

Der Flur bis zur Haustür erschien Nell länger als zuvor. Sie wollte sich an Julianne vorbeidrängen, die sich noch von ihrer Mutter im Arm halten ließ, doch Sheila ergriff Nell am Handgelenk.

»Mach es gut«, sagte sie zu Julianne und schob sie mit sanftem Nachdruck durch die Tür. In ihrem blassen Gesicht schienen Juliannes Augen zu verschwimmen, als sie zur Straße ging. »Nell«, sagte sie, wobei sie weiterhin ihr Handgelenk beinah schmerzhaft umklammerte, »ich kann mich noch an eure Geburt erinnern.« Als sie nun so dicht voreinander standen, bemerkte Nell, wie jung ihre Mutter aussah. Natürlich sorgten die Enzympräparate, die auch sie selbst bereits schluckte, für eine deutliche Verlangsamung des Alterungsprozesses, indem sie die Stabilität der Chromosomen wesentlich erhöhten. Dennoch war Nell überrascht, dass in Sheilas Gesicht nicht das kleinste Fältchen oder Grübchen zu sehen war. »Bei dir war es so leicht. Du hast nicht geschrien.« Sheila senkte kurz den Blick. »Nur Julianne konnte nicht aufhören zu weinen, bis man sie zu dir ins Bett legte.« Sheila sah ihrer Tochter nach, die sich irritiert zu ihnen umsah. »Verstehst du?«

Nell machte sich los. »Ja«, sagte sie. Sheila musste ihr keine Hinweise geben. Nell kannte Julianne besser. Und sie kannte sich selbst. Sie nickte ihr noch einmal kurz zu, ehe sie ihrer Schwester folgte. Hinter ihnen schloss sich die Tür.

Kapitel 3

Juliannes Finger flogen über die Tastatur. Ihre schmale Gestalt vor dem Schreibtisch spiegelte sich vor dem Hintergrund der Nacht in der dunklen Fensterscheibe ihres Zimmers im Internat. Mit kritischer Miene folgte sie den über den Monitor strömenden Meldungen. Nell beobachtete sie dabei. Niemand fand so schnell Sicherheitslücken. Darauf war sie während ihrer Ausbildung geschult worden. Niemand war im Programmieren besser. Wie an einer Perlenkette, hatte Julianne erklärt, reihten sich die Optionen aneinander, wenn sie an einem Projekt arbeitete. Noch während Julianne sie durchprobierte, knüpfte sie neue Ideen in die Kette ein. Sie versank in solchen Aufgaben, fühlte sich sicher darin und selbstbewusst – weil sie wusste, was zu tun war, weil sie überzeugt war, dass sie es konnte. Das kühle Monitorlicht verlieh Juliannes konzentrierter Miene einen bläulichen Schimmer.

Nell hielt sich still im Hintergrund, um ihre Schwester nicht zu stören, während sie versuchte, ihr eigenes Sicherheitssystem zu überlisten. In die Bürger-Datenbanken des Systems einzudringen, wo das Profil jeder einzelnen im System registrierten Person abgespeichert war, konnte ihre letzte Chance sein. Sie saß auf dem Bett – der einzigen anderen Sitzmöglichkeit im Raum. Auf dem Beistelltisch stand nichts außer Juliannes Medikamentenschachtel. Die kleinen, runden Pillen sorgten durch die Hemmung bestimmter Eiweißbotenstoffe im Gehirn für eine Verlängerung der gesunden, tiefen Schlafphasen und wurden abends eingenommen. Da sie gleichzeitig die Entstehung von Traumaktivitäten begünstigten, nahm jeder Systembürger nach dem Aufstehen als Erstes einen MelaBlocker ein – die länglichen Tabletten. Dadurch wurde man schnell wach und die Serotonin-Produktion wurde kontrolliert, sodass man sich idealerweise den ganzen Tag über in einem ausgeglichenen Zustand befand.

Mit nicht mehr als Schrank, Tisch und Bett eingerichtet, wirkte das große Zimmer kahl. Nell schaute aus dem Fenster. Die Internatsgebäude beschrieben einen Kreis um einen mit weißen Bodenplatten ausgelegten Innenhof. In der Mitte war ein kleiner symmetrischer Park mit niedrigen Hecken und einem Teich im Zentrum angelegt. Außen herum gruppierten sich Bänke. In der Dunkelheit waren sie von sanftem Licht angeleuchtet. Nells eigenes Zimmer lag quer über dem Platz auf einer höheren Etage. Sicherlich wusste die Internatsleitung längst, dass sie hier war. Viel länger würde Nell nicht ausharren können. Gerade jetzt durften sie nicht riskieren, dass jemand kam und nach ihnen sah.

Erneut stiegen Tippgeräusche in den stillen Raum auf. Julianne hatte sich von ihrer Angst zu dieser Tat hinreißen lassen. Aufgrund ihrer überragenden mathematischen Kompetenz war sie wertvoll für das System. Trotzdem war sie überzeugt, sie würde diejenige sein, die ins Getto geschickt wurde.

»Ich sterbe lieber, als dorthin zu gehen«, hatte sie geflüstert. »Lieber sterbe ich.«

»Es ist nur für den Fall, dass wir sie nicht überzeugen können«, hatte Nell ihr erklärt. »Auch wenn sie kein Einsehen haben, können wir dann zusammenbleiben.«

Julianne hatte genickt, aber ihre Angst blieb. »Ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist«, hatte sie zu bedenken gegeben. »Ich habe das Sicherheitssystem selbst entwickelt. Das hat keine Lücken.«

Aber es war weit über ein Jahr her. Nell hatte keine Zweifel, dass Julianne seither besser geworden war.

Ein kaum wahrnehmbares Seufzen kam aus Juliannes Richtung.

Nell drehte sich um und hob fragend die Augenbrauen.

Julianne hatte sich in ihrem Stuhl zurückgelehnt. Über dem Monitor, der sich aus der schwarz glänzenden Platte ihres Schreibtischs hob, trafen sich ihre Blicke. Sie nickte ganz leicht mit dem Kopf. Tonlos formten ihre Lippen die Worte: »Ich bin so weit.«

Nell ging zur Tür, um kurz den Flur hinunterzulauschen. Draußen blieb alles still. Also nickte sie ihrer Schwester zu und trat vom Fenster an ihre Seite, um ebenfalls auf den Bildschirm zu blicken. Julianne holte tief Luft und tippte eine Kombination auf dem Touchpad. Die Schwierigkeit war gewesen, ins Intranet des Datenlagers zu gelangen, aber offensichtlich war es Julianne schneller gelungen als gedacht. Sie hatte ihre Daten über einen Proxy geschickt, damit ihre Anfrage nicht zurückverfolgt werden konnte. Die notwendigen Passwörter offenzulegen, war dann nur noch eine Kleinigkeit gewesen. Das entsprechende Programm hatte Julianne auf eine Disc gezogen. Die Bürgerdatenbanken des Systems standen ihr offen.

 

Sie konnten sich relativ sicher sein, nicht entdeckt zu werden, aber schaden konnte es nicht, sich zu beeilen. Der enorme Vorteil war, dass Julianne sich in dem Programm auskannte. Mit wenigen Klicks öffnete sie die Rubrik, in der die Identifikationsprofile sämtlicher Bürger hinterlegt waren. Darin gespeichert waren DNA-, Netzhaut- und Fingerabdruck-Informationen. Anhand derer konnten im Zweifelsfall auch die Zwillinge unterschieden werden. Julianne konnte die Informationen löschen, aber dann würden sie sofort im Verdacht stehen. Das hier musste nach einem zufälligen Fehler aussehen. Julianne rief ihre eigenen sowie eine Reihe weiterer Profile auf, markierte die Daten, in denen die Identifikationsinformationen gespeichert waren, und ließ sie über ein Programm laufen, das wie ein Zufallsgenerator funktionierte. Die Informationen in den Profilen wurden beliebig miteinander vertauscht. Das System würde keine Chance mehr haben, sie zu unterscheiden, und das war ihre einzige Chance. Damit der Fehler in der Datenbank nicht zu früh entdeckt wurde, wollte Julianne einen Trigger einbauen. Die Vermischung der Profile sollte erst in dem Moment erfolgen, in dem die Zwillinge das nächste Mal einen Check-in-Schalter passierten.

In dem Augenblick allerdings, in dem das Programm startete, fuhr Nell herum. Sie war sich nicht sicher, was das Adrenalin so plötzlich in ihren Körper geschwemmt hatte. Wahrscheinlich hatte sie unbewusst das beinah lautlose Gleiten der Glastüren gehört, welche die langen Gänge in kürzere Segmente unterteilten. Angespannt lauschte Nell. Tatsächlich glaubte sie, das Gleiten der Tür erneut zu hören. Jemand kam und musste ganz nah sein. Nell machte eine beruhigende Handbewegung, damit Julianne unbeirrt fortfuhr. Julianne nickte mit angstvoll geweiteten Augen.

Draußen näherten sich in zielstrebigem Rhythmus und Marschtempo ein Paar laute Absatzschuhe. Im gleichen Moment, in dem die Tür geöffnet wurde, tat Nell so, als habe sie den Raum gerade verlassen wollen. Sie reduzierte ihren überraschten Ausdruck auf die Länge eines Wimpernschlags. Alles andere hätte Studienrätin Bormann misstrauisch gemacht. Sie war ihre Tutorin, seit sie vor mittlerweile fast zehn Jahren ihre erste Nacht im Internat verbracht hatten, und kannte ihre Schülerinnen. »Identifikation«, verlangte sie scharf.

»Nell Corr.«

Studienrätin Bormann versuchte, an ihr vorbei ins Zimmer zu spähen. »Wo ist Julianne?«

Nell ließ ihr so viel Sicht, dass sie Julianne am Schreibtisch sitzen sah und sich nicht veranlasst fühlte, Nell zur Seite zu schieben. »Sie programmiert.«

Der Trick beim Lügen war, so nah an der Wahrheit zu bleiben wie möglich. Wenn überhaupt ließen sich Lügendetektoren auf diese Weise überlisten. Obwohl nahezu unmöglich, hatte Nell es geschafft. Normalerweise waren Lügendetektoren zuverlässig, weil sie die neuronale Aktivität in der präfrontalen Großhirnrinde und im vorderen Gyrus cinguli überprüfen konnten. Dadurch ließ sich Wahrheit mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit von Lüge unterscheiden.

Studienrätin Bormann stellte ihren Blick auf Nells Gesicht scharf, wobei sie leicht die Augen verengte. »Was programmiert sie?«

Nell hob die Schultern. »Sie probiert ein neues Sicherheitssystem aus, aber sie schafft es immer wieder, es zu überlisten. Sie wollte, dass ich mir ein paar Probleme ansehe, aber ich glaube, sie kriegt es ohne mich besser hin.« Sie warf einen kurzen Blick zurück ins Zimmer. »Jedenfalls hat sie seit einer halben Stunde kein Wort mehr gesagt.«

Studienrätin Bormann hob die Augenbrauen. »Wenn sie bis Mitternacht nicht fertig ist, muss sie das auf morgen vertagen.«

»So lange will ich jedenfalls nicht warten«, bemerkte Nell und wandte sich noch einmal kurz um. Aber da Julianne noch immer unverändert steif am Schreibtisch saß, warf sie lediglich ihrem Rücken einen kurzen Gutenachtgruß zu. Dankenswerter Weise drehte Julianne sich nicht um, sondern murmelte nur irgendetwas Unverständliches.

Nell trat zu Studienrätin Bormann auf den Flur und zog die Tür hinter sich zu. Ihre Tutorin wandte sich bereits von Juliannes Zimmertür ab und eilte den Gang hinunter. Nell beeilte sich, mit ihr Schritt zu halten.

Am Treppenabgang blieb Studienrätin Bormann stehen. »Erscheinen Sie bitte morgen zusammen mit Julianne um elf Uhr in meinem Büro.« Sie wartete lange genug, um Nells Kopfnicken zu registrieren, aber nicht lange genug, um Fragen zu gestatten. Schon verschwand sie im unteren Stockwerk. Manchmal schienen Leute zu glauben, Julianne wüsste automatisch, was sie mit Nell besprachen. Das hatte nichts mit einer Verwechslung zu tun – einfach mit einer gewissen Naivität. Die Zwillinge sahen aus wie ein Mensch. Aber wir sind nicht ein Mensch.

Nell konnte sich denken, warum ihre Tutorin sie sprechen wollte. Es blieben nicht einmal zwei Wochen bis zu ihrem Gerichtstermin. Sie verharrte keinen Augenblick länger auf dem Gang. Das hätte nur Verdacht erregt. Und sie konnte unmöglich zu Juliannes Zimmer zurückkehren. Also ging Nell zu ihrem eigenen Zimmer. Ehe sie über den Mini-Port ihre DNA einlesen ließ, um die Tür zu öffnen, atmete sie noch einmal tief durch. Sie hoffte, das Zusammentreffen mit ihrer Lehrerin hatte nicht dazu geführt, dass Stresshormone in ihrem Körper ausgeschüttet wurden. Wenn das Lesegerät eine zu hohe Konzentration maß, würde es eine Warnmeldung ausgeben. Stress und Unzufriedenheit galten als Symptome, dass man nicht regelkompatibel war und möglicherweise nicht ins System passte. Das Gerät blieb jedoch stumm.

Als Nell ihr Zimmer betrat, das eine exakte Kopie von Juliannes darstellte, ging sie direkt zu ihrem Bett und ließ sich mit untergeschlagenen Beinen darauf nieder. Mit geschlossenen Augen tauchte sie in ihre Meditation. Das System wollte glückliche Bürger, die entspannt im Moment lebten – vollkommen frei von emotionalem und kognitivem Ballast. Das Prinzip des Monoismus besagte, dass sich jeder einzelne allein auf das System verließ. Kein Bürger sorgte sich jemals über gestern oder morgen. Und deshalb würde auch Nell es nicht tun.

Glücklicherweise bot die Vorladung Nell einen Grund, Julianne am nächsten Morgen im Refektorium zu suchen, wo sie an langen Tischreihen ihr Frühstück einnahmen.

Auf dem Weg nach draußen kam sie an Juliannes Platz vorbei. »Wir sollen um elf Uhr in Studienrätin Bormanns Büro sein«, teilte sie ihr mit.

Julianne nickte, ohne zu fragen. Ihre Blicke umfingen sich einen Augenblick lang. Dann kam ein weiteres kurzes Nicken von Julianne.

»Bis später.« Nell wandte sich ab und ging weiter. Ihre Schritte fühlten sich leichter an. Julianne war erfolgreich gewesen und hatte ihr Programm in die Datenbank implementiert. Es würde dort warten, bis der Trigger es aktivierte. Von dem Moment an würden sie nicht mehr zu unterscheiden sein.

»Es ist Zeit, eure Berichte zu schreiben«, eröffnete Studienrätin Bormann ihnen später, als sie pünktlich um elf Uhr an ihre Tür klopften, »zur Vorlage an die Richter.« Auch ihr Büro wirkte leer. Der weiße Schreibtisch bildete einen Quader in der Mitte des Raums und hob sich in scharfem Kontrast vom glänzenden schwarzen Fußboden ab, in dem Nell sich selbst als verschwommenen Umriss gespiegelt sah.

»Was sollen wir schreiben?«, fragte Julianne. »Wir wurden beide auf unser Leben hier vorbereitet. Niemand hat uns gesagt, wie wir im Getto zurechtkommen sollen.«

Studienrätin Bormann saß mit durchgedrücktem Kreuz und übergeschlagenen Beinen hinter ihrem Schreibtisch. Die weiße Lehne ihres ergodynamischen Schreibtischstuhls zog sich hinter ihrem Kopf wie ein Kragen in die Höhe. »Im Getto muss jeder allein zurechtkommen«, erwiderte sie steif. » vorbereiten.« Sie räusperte sich, wischte mit dem Finger über den touchsensitiven Bereich rechts im Schreibtisch, der sich dadurch abhob, dass er matter war als der Rest der Platte. Ein Lautsprecher-Symbol leuchtete auf und sie bestellte einen Kaffee.

»Das sind Wilde dort draußen«, sagte Julianne leise und ignorierte die warnenden Blicke ihrer Schwester. »Wir überleben da draußen nicht.«

»Keine Sorge«, entgegnete Studienrätin Bormann, »nach bisherigen Erfahrungen vergisst man seine Erziehung sehr schnell in der Wildnis.«

»Zu den Berichten«, ging Nell dazwischen. »Was sollen wir schreiben?«

»Sie notieren formlos alle Gründe, warum Sie selbst im System bleiben sollten – und nicht Ihre Schwester«, erklärte ihre Tutorin. »Sie beginnen jetzt und geben in einer Stunde ab.« Sie bedeutete ihnen, vor ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen. Als Nell sich auf dem Stuhl zurechtsetzte, passte sich die Lehne automatisch ihrem Rücken an, um sie optimal im Sitzen zu stützen. In der eben noch glatten Schreibtischplatte öffneten sich mit leisem Klicken zwei Schlitze und zwei Ultraflat-Monitore hoben sich lautlos aus der Platte. Auf leeren Seiten blinkten wartende Cursor. Als Bedienfelder leuchteten zwei Touch-Tastaturen vor Nell und Julianne auf. Die Buchstaben leuchteten blau in der weißen Schreibtischplatte.

Nell spürte Juliannes erschrockenen Blick in ihre Richtung schnellen. Hinter ihrem Monitor machte sie eine kurze kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger. Julianne holte tief Luft. Mit einem Nicken, das genauso gut Studienrätin Bormann hätte gelten können, stimmte sie zu. Es würde beiden leichter fallen, die Fähigkeiten der jeweils anderen zu loben als sich selbst.

Nell hob ihre Hände und schrieb ohne Zögern:

Mein Name ist Julianne Corr …

 

Nell und Julianne hatten keine Zeit, sich von ihren Mitschülern zu verabschieden. Diskretion in Zwillings-Angelegenheiten hatte höchste Priorität. Niemand hatte sie informiert, dass man sie noch am selben Tag abholen würde. In ihren Köpfen war das Datum ihrer Abschlussprüfungen der Fluchtpunkt gewesen, auf den ihre Ängste fokussiert waren. Nell fand, dass die Überrumpelung letzten Endes gut war. Ihre Emotionen hatten so kaum Gelegenheit, sich hochzusteigern.

Julianne aber hielt Nells Hand so fest umklammert, dass sie sich mittlerweile taub anfühlte. Sie saßen nebeneinander auf der geräumigen Rückbank eines Automobils, das mit hoher Geschwindigkeit über die Hochstraßen Monacums glitt. Vor den Fenstern verschwammen die hellen Gebäude der Stadt zu einem weißen Rauschen. Nell stellte sich vor, wie unter den Hochbrücken die Menschen zwischen Fahrstuhlschächten, ihren Arbeitsplätzen und Hauseingängen umhereilten. Sie alle waren unglaublich weit weg.

Der Fahrer lenkte den Wagen auf den Fernstraßenzubringer. Auf dem Beschleunigungsstreifen nahm der Wagen Normgeschwindigkeit auf und dockte an die nächste erreichbare Fahrzeugkette an. Nell hob leicht den Kopf, um zu sehen, welche Ausfahrt der Fahrer in den Bordcomputer eingab, konnte aber nichts erkennen. Er rief auf dem Bildschirm das Tele-Programm des MGA auf und lehnte sich in seinem Sitz zurück, um die Nachrichten zu sehen.

Nell ließ ihren Atem fließen und entspannte ihre Muskeln. Juliannes feuchter Klammergriff um ihre Hand machte ihr die Konzentration schwer. Die Fernstraßenbeschilderung verriet ihr nach kurzer Zeit, in welcher Richtung sie unterwegs waren, und sie ahnte, wohin sie fuhren.

Das System speicherte in seinen Datenbanken nicht nur die Identifikationsmarker der Bürger, sondern auch Genotyp- und Phenotyp-Profile: Genotyp – die in der DNA festgeschriebenen Anlagen; Phenotyp – die Parameter über die tatsächliche Ausprägung der Anlagen. Das Genotyp-Profil entschied über die Ausrichtung der Grundausbildung. Um das Phenotyp-Profil zu erstellen, wurden nach Ausbildungsabschluss die Kompetenztests durchgeführt. Aufgrund der Ergebnisse wurden die Bürger in eine von drei Kategorien sortiert – K1 bis K3. Auf diese Weise konnte jedem Menschen der richtige Beruf und damit ein Platz im System zugeteilt werden. K3-Menschen übernahmen einfache Hilfsarbeiten und wurden Fahrer oder Boten, sodass sie keine eigenen Entscheidungen treffen mussten. K2-Menschen übernahmen mehr Verantwortung, indem sie Sekretär, Assistent oder Sachbearbeiter wurden. K1-Menschen füllten anspruchsvolle Positionen, in denen sie komplexe Entscheidungen zu treffen hatten – als Stadtplaner, Lehrer oder Ärzte.

Über Fortpflanzungsgenehmigungen oder -anweisungen entschied die Abteilung Geburtenkontrolle des Wirtschaftsministeriums je nach Bedarf und Profilmatch der potenziellen Elterngeneration. Nur so war die optimale Sicherung der Population garantiert.

Bei Nell und Julianne aber handelte es sich um einen Sonderfall. Ihre Kompetenzen waren durchgängig so günstig im Genotyp angelegt, dass sie bei einem positiven Ausgang der Profiling-Tests als K1-Plus kategorisiert werden konnten. Menschen wie sie brauchte das System als Führungspersonal. In ihrem Fall musste unter allen Umständen die richtige Entscheidung getroffen werden. Deshalb brachte man sie nach Argenne – vor das Hohe Gericht.

Julianne schien jedoch nichts davon wahrzunehmen. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Auf ihrer Oberlippe hatten sich winzige Schweißtröpfchen gebildet. Ihre flache Atmung machte Nell nervös. Sie wandte den Kopf ab und schaute durch die Fensterscheibe in den Himmel. Er überspannte alles – das System und das Getto. Regen, Sonnenschein und Wind waren dem Schutzwall egal.

Das Gericht war das größte Gebäude in Argenne – eine Reihe hintereinander errichteter Blöcke, wobei jeder einzelne den vorherigen überragte. Aus der Ferne wirkte es wie eine gigantische Treppe, die ins Leere führte. Im Inneren verlor man schnell die Orientierung. Bereits in der hoch aufschießenden Eingangshalle überkam Nell das gewohnte Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Mehrere Lounges waren als Wartebereiche eingerichtet. Nell und Julianne wurden jedoch direkt zum Check-in-Schalter gebracht. Bei der Erfassung ihrer Daten gaben die Ganzkörperscanner grünes Licht. Nacheinander stachen Nell und Julianne den Dorn des DNA-Scanners in die Miniports in ihren Fingerkuppen.

Nell spürte den kurzen Piks, als die Nadel durch die Membran drang und einen Tropfen Blut aufnahm.

Die Zwillinge tauschten noch einen kurzen Blick. Wenn alles gut gegangen war, hatte der von Julianne eingebaute Trigger ihr Programm in diesem Augenblick aktiviert und ihre Identifikationsdaten über eine willkürliche Gruppe von Profilen verteilt. Wenn sie Glück hatten, würde der Fehler nicht auffallen, bis sie vor Gericht standen. Zu einer aufmunternden Umarmung blieb Nell keine Zeit. Von Wachleuten wurden sie in unterschiedliche Richtungen eskortiert.

Als Nell nach einer langen verwirrenden Wanderung durch endlos gleichförmige weiß ausgeleuchtete Gänge in ein Zimmer geschoben wurde, wusste sie nicht mehr, wo genau im Gebäude sie sich befand. Die Fenster ließen sich nicht öffnen. Unten in der Tiefe trennte der Fluss die Stadt in zwei gleiche Hälften – hohe, schlanke Bauten, die immer wieder von den grünen Inseln der Parks aufgelockert wurden. Wie durch Klammern wurde er vom glänzenden Netz der Hochstraßen überspannt. Die Ufer waren mit Buschwerk designt – wie eine Ader im sauberen Meer der Stadt.

Nell machte sich Sorgen, mehr um Julianne als um sich selbst. Ich komme klar, sagte sie sich und lenkte sich damit ab, sich in dem Zimmer umzusehen, in dem man sie ohne nähere Informationen allein gelassen hatte. Wie immer erschien ihr der weitläufige Raum leer. Die Tür, die von innen mit keinem Griff oder Sensor ausgestattet war, um sie zu öffnen, hob sich kaum von der weißen Wand ab. Etwa in der Mitte des Raums stand der Schreibtisch – ein blanker Quader, in dem sich aber mit Sicherheit ein Monitor verbarg. Durch Nells Berührungen ließ sich die Touch-Tastatur jedoch nicht aktivieren. Also streckte Nell sich schließlich auf dem gelben Sofa aus, das sich neben dem quaderförmigen Schreibtisch in einem weiten Halbkreis um einen niedrigen Tisch bog, und starrte an die Decke. Am Abend wurde ihr von einer K3-Frau eine aufgewärmte Mahlzeit in Form eines Proteinsteaks serviert, die auf ihre Fragen nicht reagierte, sie aber auf ein angrenzendes Badezimmer aufmerksam machte. Es verbarg sich hinter einer ebenfalls beinah unsichtbaren Tür. Nell wirkte klein in dem riesigen Spiegel darin. Das heiße Wasser aus dem Regenduschkopf an der Decke und die anschließend warm aufwallende Luft, die sie trocknete, waren jedoch angenehm.

Da es kein Bett gab, rollte Nell sich endlich auf dem Sofa zusammen und schlief schnell ein. Zum Frühstück am nächsten Tag gab es einen Vitaminshake, der ihr von derselben K3-Frau. Anschließend betrat eine in die übliche dunkelblaue Hose und ein langärmeliges dunkelblaues Shirt gekleidete K1-Frau den Raum und aktivierte den Schreibtisch kommentarlos über den Miniport in ihrer Fingerkuppe.

Wie Studienrätin Bohrmann entsprach sie dem zierlichen Phenotyp C. »Setz dich«, forderte sie Nell knapp auf.

Der erste Kompetenztest begann mit endlosen Zahlenreihen, die über den Bildschirm liefen. Nell musste auf Zeit immer komplexere Muster erkennen, um ihre mathematische Kompetenz unter Beweis zu stellen und anschließend ohne Hilfsmittel eine Reihe geometrischer Problemstellungen lösen. Unmittelbar im Anschluss wurde ihre sprachliche Kompetenz durch Matrizentests geprüft, in denen sie Wortreihen ergänzen, Begriffe definieren und aus langen Texten präzise Kurzzusammenfassungen schreiben musste. Nach einem kurzen kohlehydratreichen Mittagessen wurden ihr Fallanalysen vorgelegt, um ihre analytische Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit abzufragen. Ihre emotionale Kompetenz wurde anschließend getestet, indem sie eine Reihe von Personen vorgestellt bekam, von denen sie diejenigen identifizieren musste, die sie anlogen. Der Abend war ein willkommener Ausgleich, weil sie laufen, werfen, springen und im Kampfsport antreten musste, um ihre physische Kompetenz zu beweisen. Insgesamt war es ein langer Tag im Hohen Gericht von Argenne.

Danach ließ man sie allein. Wach lag sie auf dem Sofa und strich mit der Hand über den glänzenden Stoff, konzentrierte sich ganz auf das Gefühl unter ihrer Handfläche, bis alle anderen Gedanken dahinter zurücktraten und sie einschlief.

Die Verhandlung Corr gegen Corr wurde am nächsten Tag vor dem Hohen Gericht eröffnet. Nell und Julianne sahen sich nur kurz auf dem Flur, ehe sie an die gegenüberliegenden Seiten des Gerichtssaals geführt wurden. Von jeweils drei gepanzerten Wachmännern abgeschirmt mussten sie hinter langen Tischen Platz nehmen. Der Saal war so weitläufig, dass Nell das Gesicht ihrer Schwester kaum erkennen konnte. Der kurze Moment auf dem Gang hatte ihr Juliannes Zustand allerdings verraten. Sie war blass, aber ihre Miene weitestgehend ausdruckslos. Einen Augenblick lang, als sie beide durch die Tür geschoben wurden, hatten sich ihre Hände berührt und Nell hatte gespürt, wie kalt Juliannes Finger waren.

Mit einem Blinzeln vertrieb Nell den aufsteigenden Impuls, sich von ihren Wächtern loszureißen. Sie wollte ihre Schwester beschützen.

Doch sie wurden im Gerichtssaal zu gegenüberliegenden, lang gezogenen schwarzen Pulten geführt, hinter die sie sich mittig setzen mussten. Jeweils drei Wachleute in dunkelgrauen Overalls und leichten Sicherheitswesten bezogen hinter ihnen Position. Im Gerichtssaal herrschte vollkommene Stille, während man auf die Richter wartete. Sie staute sich meterhoch unter die Decke und drückte schwer auf Nell herab. Dicht gewebte Stille war alles, was sie umgab – und nichts isolierte stärker vom Rest der Welt. Irgendwann wollte man dagegen antoben. Der Saal war fensterlos und nur der vordere Teil von Lampen ausgeleuchtet, die an langen Armen von der Decke reichten. Im hinteren Teil des Saals setzten sich endlose Sitzbänke in die Dunkelheit fort. Abgesehen von einer Reihe in dunkelblaue Kategorie-1-Kostümen gekleidete Damen und Herren war jedoch niemand anwesend. Bei ihnen handelte es sich vermutlich um die bestellten Gutachter. Zwillings-Verhandlungen fanden immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Julianne ihr gegenüber wirkte verloren hinter der langen schwarzen Anklagebank. Da sie wie immer die identische dunkelblaue Hose und das dunkelblaue Shirt mit den weißen Säumen wie Nell trug und ihre Haare an diesem Tag ebenfalls offen um ihre Schultern fallen ließ, sah sie aus wie Nells Spiegelbild.

Endlich kündigte das Klappen der schweren Türen hinter dem weiß glänzenden Richtpult das Eintreffen der Richter an. Das Podium ragte bedrohlich hoch über dem Zeugenstand auf. Ein Gong ertönte, der den Saal mit solcher Wucht durchdrang, dass er erzitterte. Dann erschienen die drei Richter oben hinter dem Pult. Zusätzlich zu der üblichen K1-Garderobe trugen sie weite dunkelblaue Umhänge, die wie Capes um ihre Schultern befestigt waren und bis zum Boden hingen. Der Hauptrichter nahm in der Mitte Platz. Er entsprach Phenotyp D. Seine blonden Haare bildeten einen dichten Schopf, doch er war viel zu weit entfernt, als dass Nell sein Gesicht hätte klar erkennen können. Beide Nebenrichter – ein Mann und eine Frau –, die rechts und links von ihm Platz nahmen, entsprachen Phenotyp A – mit dunklen Haaren und Augen und einem dunklen Teint. Noch einmal klappte die Tür hinter dem hohen Richtpult. Gleich darauf erschienen auf den Treppen, die zu beiden Seiten hinabführten, zwei Protokollanten in dunkelgrünen K2-Garderoben. Hastig ließen sie sich hinter ihren quaderförmigen Schreibtischen nieder.

»Ich erkläre die Verhandlung Corr gegen Corr für eröffnet.« Die Stimme des Hauptrichters wurde durch Lautsprecher verstärkt und hallte in dem leeren Saal nachdrücklich wider. »Ich stelle die Anwesenheit fest.« Er begann, Namen aufzurufen und die Herren und Damen in der ersten Stuhlreihe antworteten. Die beiden Protokollanten tippten bereits emsig auf ihren Touch-Tastaturen. Ob mit den Identifikationsdaten der Zwillinge bereits ein Problem festgestellt worden war, wurde mit keinem Wort erwähnt. Unregelmäßigkeiten existierten nicht im System.

Nell atmete in einem langen, ruhigen Rhythmus. Es war ein Tag, den man aussitzen musste. Danach begann eine neue Zeitrechnung. Sie las den Bericht vor, den Julianne in ihrem Namen geschrieben hatte, als man sie dazu aufforderte, und sie hörte zu, während Julianne ihren vortrug. Obwohl den Anwesenden die Berichte mit Sicherheit bekannt waren, achteten sie sorgfältig darauf, sich Notizen zu machen. Anschließend begann die endlose Litanei der Gutachter, die Nell und Julianne bei der Bearbeitung ihrer Kompetenztests beobachtet und ihre Ergebnisse ausgewertet hatten.

Über den Zeugenstand hinweg hielten Julianne und Nell Blickkontakt. Julianne erhielt Bestnoten in der analytischen Kompetenz und – wie zu erwarten war – Geniestatus in ihren mathematischen Fähigkeiten. Nell würde definitiv als K1-Plus-Mensch kategorisiert werden, da sie nicht nur – wie Julianne immer gesagt hatte – in ihrer analytischen, sondern insbesondere in ihrer emotionalen Kompetenz Geniestatus erhielt – außerdem Bestnoten in ihrer sprachlichen Kompetenz. Julianne befand sich wie am anderen Ende eines Tunnels und schien sich immer weiter von Nell zu entfernen. Es war, als würde jedes Wort zwischen die beiden gehämmert, um sie zu trennen. Nie zuvor waren sie auf diese Weise verglichen worden.

Das Gericht machte keine Pause. Die Zeit strömte gemächlich durch den leeren Saal, in deren Strudeln die Gutachter einfach keine wirkliche Rolle spielten. Endlich verkündete der Richter: »Alle Gutachter wurden gehört. Wir kommen zu den finalen Plädoyers beider Seiten, falls niemand weitere Einwände hat.« Als niemand im Saal sich regte, erschallte wieder der Gong. »Das Gericht bittet nun Nell Corr um ihre Stellungnahme.«

Einen Augenblick lang floss die Stille ratlos in alle Winkel. Dann registrierte Nell, dass sie angesprochen worden war. Ruhig stand sie von ihrem Platz auf und wandte sich an das Richtpult. Weder der Oberste noch die beiden Nebenrichter schauten sie an. Alle drei schrieben mit fliegenden Fingern Notizen auf die digitalen Oberflächen ihres Tisches. Dennoch straffte Nell die Schultern und begann: »Mein Name ist Nell Corr. Ich wurde 33 Minuten vor meiner Schwester Julianne geboren. Aus unserer DNA war eine günstige Konstellation errechnet worden. Deshalb hat man uns auf dieselbe Schule geschickt, um eine optimale Förderung zu erzielen.« Ihre Stimme klang bis in die Tiefen des Saals. Sie klang selbstbewusst. Nell entspannte sich. »Aus den Gutachten, die wir gehört haben, zeigt sich, dass es gelungen ist: Wir beide haben alle Kompetenzen auf hohem Niveau ausgebildet. Trotzdem wurde in unserer Ausbildung Wert auf eine Förderung in verschiedenen Bereichen gelegt. Dementsprechend sind Unterschiede in unserer Kompetenzentwicklung feststellbar. Somit können wir beide dem System unseren Dienst leisten, jeder auf seine Weise.«

Erstmals hielten die Richter inne und hoben die Blicke.

»Daher stelle ich den Antrag auf eine Ausnahme von der Regelung und bitte, uns beiden – meiner Schwester Julianne und mir – einen Platz im System zuzuweisen.« Mit diesen Worten nahm sie ihren Sitz wieder ein.

Über die Köpfe der Gutachter erhob sich Gemurmel. Julianne am gegenüberliegenden Ende des Saals wirkte unerreichbar.

»Nell, erkläre dem Gericht deinen Antrag«, verlangte der Oberste Richter, nachdem er einen Moment lang verwirrt geblinzelt hatte.

Nell erhob sich ein zweites Mal. »Das habe ich bereits, Hohes Gericht«, sagte sie bestimmt. »Das System profitiert auf unterschiedliche Weise sowohl von meiner Schwester als auch von mir. Es wäre ein Nachteil, die Fähigkeiten einer von uns zu verschwenden.«

Der Oberste Richter lehnte sich zurück, während Nell sich wieder setzte. »An die Protokollanten: Streichen Sie den Antrag aus den Aufzeichnungen. Nell Corr verzichtet auf ihr Recht zu einer letzten Stellungnahme.« Er beugte sich wieder über seine Notizen. »Das Gericht bittet Julianne Corr um ihre Stellungnahme.«

Nell warf einen Blick auf die Gutachter in der ersten Reihe vor den ansonsten leeren Rängen. Keiner von ihnen zeigte eine Regung. Es war, als hätte niemand ihr ungewöhnliches Anliegen gehört. Die meisten sahen gleichmütig geradeaus. Einige schauten zu Julianne hinüber, als sie ruckartig von ihrem Platz auffuhr.

Mit klarer Stimme trug sie vor: »Ich stelle den Antrag auf eine Ausnahme von der Regelung und bitte, uns beiden – meiner Schwester Nell und mir – einen Platz im System zuzuweisen.«

Noch ehe sie wieder saß, ordnete der Richter an: »Für die Protokollanten: Julianne Corr verzichtet ebenfalls auf ihr Recht zu einer letzten Stellungnahme. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.«

Der Gong dröhnte durch den Saal. Die Wachmänner griffen nach Nells Armen und führten sie nach draußen. Suchend sah sie sich nach Julianne um, aber ein Wachmann versperrte ihr die Sicht.

Auf einmal ging alles ganz schnell. Die Wachmänner schoben Nell in einen Warteraum und schlossen die Tür hinter ihr. Das Zimmer war klein und durch Tageslichtleuchten erhellt. Einige Sessel und Pflanzen, die scheinbar aus dem Boden wuchsen, gruppierten sich um einen Tisch. Nell blieb bei der Tür, um zu lauschen. Sie war jedoch schallisoliert, sodass absolut nichts zu hören war. Überrascht wich sie zurück, als die Tür unvermittelt aufglitt und Julianne zu ihr hereingeschoben wurde. »Nell«, rief sie aus und schlang fest die Arme um ihre Schwester. Nell erwiderte einen Moment lang ihre Umarmung, ehe sie Julianne ein Stück von sich schob, um ihr ins Gesicht zu sehen. In ihren hellen grünen Augen schimmerte die Entgeisterung über die Endgültigkeit, die sie erwartete. Das gleiche Gefühl hatte Nell bisher erfolgreich bekämpft. Sie bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln und ergriff Julianne am Arm.

»Keine Sorge«, flüsterte sie, wobei sie ihre Schwester mit sich in einen der Sessel zog. »Keine Sorge.« Sie strich vorsichtig über ihren Handrücken. »Wir machen es einfach alles wie besprochen.«

Julianne lehnte sich gegen ihre Schwester. »Was ist, wenn mein Programm nicht richtig funktioniert hat?«, fragte sie leise.

Nell strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. »Deine Programme funktionieren immer«, sagte sie überzeugt. »Ich bin mir sicher, dass es aktiviert wurde, als wir vorgestern den Check-in passiert haben.« Je überzeugter sie ihre Meinung gegenüber Julianne vertrat, desto sicherer glaubte Nell selbst daran. Das Gericht würde sich für eine von ihnen entscheiden. Aber wenn die Zwillinge im entscheidenden Moment vortraten und beide behaupteten, die eine zu sein, konnte das Gericht nur beide behalten oder beide ausweisen.

Dicht beieinander blieben sie sitzen, spürten dem tröstlichen Gefühl nach, während die Wärme ihrer Körper ineinander schmolz. Nells ruhiger Atem begann, sich auf Julianne zu übertragen, bis sogar ihre Herzen im gleichen Rhythmus schlugen. Nell erinnerte sich, dass sie als Kleinkinder oft so eingeschlafen waren. Nell war wach gewesen, bis sie spürte, dass Julianne schlief.

Kaum merklich zuckte Julianne zusammen, als die Tür wieder geöffnet wurde. Die Anspannung fuhr ihr schlagartig wieder in die Glieder. Ohne ihre Schwester loszulassen, stand Nell auf. Die Wachleute marschierten herein und griffen wortlos nach ihnen. Gerade noch fühlte Nell Juliannes schmale Hand in ihrer, mit dem nächsten Wimpernschlag war es nur noch eine Erinnerung. Einzeln wurden sie aus dem Warteraum geführt und zurück in den Gerichtssaal gebracht. Nell ließ sich mitschleifen. Statt sie wieder auf ihren Platz hinter den Tischen zu setzen, positionierte man sie vor dem Zeugenstand. Julianne war direkt an ihrer Seite. Die lähmende Stille senkte sich wieder über den Saal – noch undurchdringlicher, weil nicht einmal die Gutachter mehr anwesend waren. Die Richter erschienen, nachdem sie nur wenige Momente in der drückenden Geräuschlosigkeit ausgeharrt hatten. Sie blieben hinter dem Richtpult stehen.

Die Stimme des Obersten Richters füllte den Saal mit Endgültigkeit: »Im Namen des Systems ergeht folgendes Urteil: Julianne Corr wird mit sofortiger Wirkung ausgewiesen.«

Innerhalb von zwei Wimpernschlägen sackte das Urteil in ihre Köpfe. Der Richter räusperte sich, weil es unüblich war, in Zwillingsverfahren diese Frage zu stellen: »Wer von euch ist Julianne?«

Nell atmete ein und trat vor. »Das bin ich«, sagte sie. Sie sagten es vollkommen gleichzeitig – einstimmig, wie sie es verabredet hatten. Entschlossen blickte Nell dem Obersten Richter entgegen, aber er nickte lediglich den Wachleuten zu und wandte sich ab.

Die Erkenntnis setzte sich ganz langsam in Nell zusammen. Zunächst war es nur ein kühles Kribbeln auf ihrer Haut. Zögernd drehte sie den Kopf zur Seite. Ihr Blick ging ins Leere. Julianne stand nicht an ihrer Seite. Sie war nicht vorgetreten.

Effiziente Hände griffen nach Nell und setzten sie in Bewegung. Sie wand sich zwischen den Wachleuten, um Julianne fragend anzusehen. Nur einen kurzen Moment lang trafen sich ihre Blicke. Juliannes Augen waren entsetzt geweitet, ihr Gesicht so blass, dass selbst ihre Lippen jede Farbe verloren hatten. Nell wollte nach ihr rufen, aber komplette Verständnislosigkeit erstickte ihre Stimme. Einen Moment lang fühlte sie sich, als habe sich die gnadenlose Stille des gesamten Gerichtssaals in ihrem Körper verdichtet.

Als Gefühl und Sprache zu ihr zurückkehrten, hatte ihr Kopf den Anschluss an die Zeit verloren. Plötzlich fand sie sich im Flur wieder, die Türen des Gerichtssaals waren hinter ihr verschlossen und die Wachmänner zerrten ihr grob die Arme auf den Rücken. Eine Kette wurde um ihre Handgelenke festgezurrt.

»Moment.« Bis Nell wieder atmen konnte, war niemand mehr in der Nähe, der mit ihr sprechen würde. Die Wachleute trafen keine Entscheidungen und redeten mit niemandem – nie. Das war nicht ihre Aufgabe.

»Wartet!«, wiederholte Nell, doch die Wachleute schleiften sie rücksichtslos hinter sich her. Das konnte nicht wirklich passieren. Das musste ein Missverständnis sein. Warum war Julianne nicht mit ihr vorgetreten? Sie hatten es doch so verabredet.

»Julianne!«, rief Nell endlich und rief den Namen ihrer Schwester noch immer, als die Wachmänner sie durch eine seitwärts gleitende Tür in einen schmaleren Parallelgang beförderten. »Julianne«, rief sie, obwohl kein Laut den engen isolierten Gang verlassen konnte. Er endete nach wenigen Schritten an einem Fahrstuhlschacht. Die Wachmänner drückten Nell gegen die Kabinenwand, sodass ihr die Luft aus dem Brustkorb gepresst wurde. Ein scharfer, brennender Schmerz breitete sich in ihrem Nacken aus. Gleich darauf sackte der Fahrstuhl mit ihnen in die Tiefe. Nells Bewusstsein blieb irgendwo zurück.

Kapitel 4

Nell war noch klein, als der Mann, den sie für ihren Vater hielt, ihr das Schwimmen beibrachte. Er warf sie ins Wasser und wartete. Nell kämpfte. Sie kämpfte gegen das Wasser in ihren Lungen. Sie strampelte und rang nach Luft. Ohne festen Grund war sie hilflos gefangen zwischen den Wellen, aber sie gab nicht auf. Sie kämpfte noch, als ihr längst die Kräfte ausgingen, bis sie sich am Rand des Beckens festhalten konnte. Mit Julianne hatte der Mann es genauso gemacht, aber Julianne war einfach untergegangen und er hatte sie sofort wieder herausgezogen.

Nell hatte lange gebraucht, ihre Angst vor Wasser zu kontrollieren und schwimmen zu lernen. Aber irgendwann hatte sie es gelernt. Ich kann schwimmen, das sagte sie sich immer wieder, während ihr Bewusstsein darum rang, an die Oberfläche zu gelangen. Als sie es endlich schaffte, die Augen zu öffnen, hatte sie keine Ahnung, wo sie sich befand. Ihr Blick stellte sich nur langsam scharf.

Sie lag auf einem schmalen Bett unter einem dünnen Laken und schaute an die Zimmerdecke. Sie ließ ihre Augen Stück für Stück wandern, bis sie einen Haltepunkt in der konturlos weißen Fläche fanden – ein längliches hellblaues Rechteck. Es dauerte eine Weile, bis Nell verstand, dass sie durch ein Fenster in den Himmel schaute.

Mühsam richtete sie sich auf. Der Schmerz fuhr so scharf und schlagartig in ihren Kopf, dass ihr ein leiser Schmerzenslaut entfuhr. Mit den Fingern rieb sie sich die Schläfen. Allmählich kehrte die Erinnerung zurück. Man hielt sie für Julianne. Und Julianne war nicht vorgetreten.

Abrupt schwang Nell die Beine vom Bett. Und stellte fest, dass sie nicht mehr die Garderobe trug, die sie im Gericht angehabt hatte. Stattdessen steckte sie in einer Art dunkelblauem Overall, der in seinem Schnitt an die Uniformen der Wachleute erinnerte. Der Stoff fühlte sich fester an als das fließende Material, das sie gewöhnt war. Auch ihre Füße steckten in den knöchelhohen Stiefeln, die im System sonst nur von Wachpersonal getragen wurden. Sie hatten immer alles füreinander getan. Das hatten sie immer. Warum hatte sich Julianne im entscheidenden Moment nicht an die Abmachung gehalten? Nell musste dringend herausfinden, wo sie war.

Vorsichtig stand sie vom Bett auf und stützte sich an einer Bank ab, die mit einem eckigen Tisch an der Wand des schmalen Raumes montiert war. Die Kargheit des Zimmers irritierte Nell. Sie trat an ein Fenster und verstand. Die Geschwindigkeit verzerrte die Landschaft draußen zu einem unruhigen Strom rasender grüner und weißer Muster. Nell befand sich in einem TransCel – einem Hochgeschwindigkeitszug – und sie wusste auch, wohin man sie brachte. Man schleifte sie durch versteckte Parallelgänge und brachte sie in Abstellkammern unter – sie war längst eine Ausgestoßene auf dem Weg ins Getto.

Nell spürte, wie ihr Brustkorb sich zusammenzog. Sie probierte, die Tür zu öffnen, aber nachdem es ihr nicht gelang, kehrte sie zum Bett zurück. Sie musste sich konzentrieren, um ihre Übelkeit und die Kopfschmerzen zu ertragen, insbesondere aber, um ihre Verständnislosigkeit in den Griff zu bekommen. In ihr herrschte so viel Leere. Ich muss ruhig werden. Wenn ich mich aufrege, glaubt man mir erst recht nicht. Leise summte sie das Lied – die Melodie, mit der sie ihr Leben lang geübt hatte. Ihre Stimme flog durch die ruhige Tonfolge mit den wenigen Höhen. Nell wusste nicht, woher sie die Melodie kannte, aber sie hatte sie gesummt in den Momenten vorm Einschlafen, wenn sie sich besonders entspannt fühlte. Mittlerweile beruhigte die Melodie sie beinah augenblicklich in jeder Situation, umhüllte sie, schirmte sie ab von Gedanken, von kommenden Momenten – und von vergangenen.

Das Bedürfnis auszubrechen wurde stärker, je näher der TransCel sie dem Getto brachte. Nell wollte sich nicht tatenlos über die Abbruchkante schieben lassen, aber sie wusste auch nicht, was sie tun konnte. Selbst wenn sie entkam, wohin sollte sie gehen? Es gab keinen Platz mehr für sie im System. Reglos stand Nell am Fenster, während der Zug langsamer wurde. Es konnte nicht mehr weit sein. Sie erinnerte sich noch von ihrem Schulbesuch an die Strecke. Von Monacum zum Getto an der Südwestküste der Nord-Union benötigte der TransCel gerade mal vier Stunden. Nell wartete auf das Geräusch sich nähernder Schritte. Sie spürte, wie flach ihre Atmung war, und versuchte, sie bis in den Bauch zu verlängern. Sie musste ruhig und vernünftig sein, um irgendeinem Zuständigen klarzumachen, dass sie nicht einfach abgeschoben werden durfte.

Als Soldaten kamen, um sie zu holen, antworteten sie ihr jedoch nicht einmal. Hinter ihren Helmen konnte Nell keine Gesichter erkennen, aber sie kannten ohnehin weder Mitgefühl noch Verständnis. Grob schleiften sie Nell hinter sich her auf die Plattform. Nell erinnerte sich an den Weg. Über eine Rampe gelangte man auf eine Straße, die direkt zum Haupttor des Gettos führte. Die Wachtürme Alpha Nord und Alpha Süd waren bereits in der Ferne sichtbar. Die Soldaten stiegen mit ihr in ein wartendes Fahrzeug.

»Das ist ein Fehler«, versuchte sie, ihnen klarzumachen. »Ich muss mit meiner Schwester sprechen.«

Die Helme der Soldaten blieben von ihr abgewandt. Nell fühlte sich von einem kurzzeitigen Schwindel ergriffen, als ihr panisch klar wurde, dass möglicherweise kein Zuständiger hier war, dass sie nur von dem fremdgesteuerten Wachpersonal umgeben war. Es wurde nicht besser durch die Tatsache, dass der Wagen unaufhaltsam auf das Haupttor zuraste. Es kam ihr entgegen, bis es gewaltig über ihr aufragte und seinen Schatten über sie warf. Die Soldaten ließen ihr keine Gelegenheit, nur einen klaren Gedanken zu fassen. Kaum stoppte das Automobil, sprangen sie nach draußen und zerrten sie hinter sich her.

»Ich muss mit einem Zuständigen reden«, verlangte Nell. Zum ersten Mal machte sich Panik in ihrer Stimme bemerkbar, ließ sie laut und durchdringend werden. Ungläubig sah sie, wie sich das mächtige Haupttor in Bewegung setzte. Auf seinen Schienen glitt es lautlos seitwärts. Die Soldaten hielten mit Nell in ihrer Mitte darauf zu. Nell geriet in den Sog der gefräßigen Öffnung und ruderte hilflos dagegen.

»Nein«, rief sie, »ich will sofort mit jemandem reden, der hier etwas zu sagen hat. Sie stemmte sich gegen die an ihr zerrenden Arme mit den Füßen im Boden ab, doch auf den ebenmäßigen Bodenplatten vor dem Haupttor fand sie keinen Halt. »Ihr macht einen Fehler.«

Sie ignorierten sie. Das war der Moment, in dem Nell sich ernsthaft zu wehren begann. Sie konnten sie nicht einfach durch das Tor schieben und sich selbst überlassen. Sie brauchte zumindest eine Ausrüstung. Sie brauchte eine Anleitung, einen Leitfaden, irgendetwas.

Vielleicht sprachen die Freien nicht einmal ihre Sprache. Es gab dort Krankheiten und Tiere und vermutlich nicht einmal Hormonpräparate.

Als Nell versuchte, zwischen den Soldaten auszubrechen, wurde sie augenblicklich zu Boden geworfen. Die Arme wurden ihr auf den Rücken gezerrt. Obwohl sie noch immer mit den Beinen strampelte, schleiften die Soldaten sie mit vereinten Kräften mit sich. Ein Trupp von vier Soldaten marschierte ihnen voran ins Getto. Ihr rhythmischer Schritt hallte metallisch über die Bohlen des Stegs, der den Graben hinter dem Wall überspannte. Direkt unten am Tor entdeckte Nell endlich einen Menschen, dem sie ins Gesicht sehen konnte. Sie war ihm nie zuvor begegnet, aber seine kantigen Kiefer prägten sich ihr ein. Verzweifelt versuchte sie, sich dem Griff der Soldaten zu entwinden.

»Halt«, rief sie, »das ist ein Fehler – glauben Sie mir! Das ist ein Fehler.«

Der schmale Mund des Mannes verzog sich einen Wimpernschlag lang nach unten. »Im System gibt es keine Fehler.«

Nell starrte ihn an. Die wenigen Worte hatten einen ernüchternden Effekt. Das System machte keine Fehler. Die Konsequenz war klar und die Wahrheit erschlug sie beinah. Selbst wenn ihnen klar wurde, dass Nell nicht Julianne war, würde es nichts ändern. In der systeminternen Wahrheit würde die Verwechslung nie passiert sein. Nells eigene Wahrheit war dagegen so kümmerlich, dass sie irgendwann einfach assimiliert sein würde. Und falls nicht, würde es immer noch keinen Unterschied machen.

Als die Soldaten sie urplötzlich losließen, stürzte Nell ins Leere. Erst nach einigen Atemzügen wurde ihr bewusst, dass sie in hohem Gras hockte, das sich wie ein Meer vor ihr ausstreckte. Ein merkwürdiger Geruch stieg ihr in die Nase – warm war er und eine süße Würze trug er mit sich. Sie strich mit den Händen durch die Halme. Sie beugten sich ihrer Berührung, richteten sich dann wieder auf.

Endlich kam auch Nell wieder auf die Füße. Die Wachmänner hatten sich bereits entfernt, waren über den Steg zurückgekehrt. Fast hatte sich das Haupttor wieder geschlossen. Der Spalt wurde rasch kleiner, aber Nell wusste, dass sie es schaffen konnte. Ohne einen weiteren Gedanken sprintete sie los. Hart und schnell trafen ihre Schritte auf die Bohlen. Im nächsten Moment durchschlug jedoch ein scharfer Knall die Stille. Nell wurde aus dem Lauf zu Boden geworfen und rutschte haltlos über den Steg, bis sie über dem Rand hängen blieb. Der Schmerz in ihrem Oberschenkel breitete sich rasch in ihr gesamtes Bein und in ihre Hüfte aus. Sie hielt den Atem an und wartete, bis er sich vollständig entfaltet hatte, bis er in ihrem ganzen Körper pochte.

Reglos blieb sie liegen und starrte zuerst fassungslos auf die dunkle Färbung, die sich auf ihrer Overallhose ausbreitete, und dann in das bräunliche Wasser des Grabens vor ihr. Sie hatte nicht gewusst, dass Wasser diese Farbe haben konnte. Im System war das Wasser durchsichtig in den Leitungen und türkisblau in Flüssen und Springbrunnen.

»Julianne Corr«, dröhnte eine lautsprecherverstärkte Stimme auf sie herab, »entfernen Sie sich augenblicklich aus der Sicherheitszone, sonst werden Sie eliminiert.«

Es wäre Nell egal gewesen, aber sie dachte an Julianne – an die echte Julianne, an ihre Zwillingsschwester, die sich nicht an die Abmachung gehalten hatte. Zum ersten Mal fragte sich Nell, ob Julianne es mit Absicht getan hatte, ob es von Anfang an ihr Plan gewesen war. Der Mann, der drohte, sie zu töten, sprach sie mit falschem Namen an. Es gab Fehler im System. Spätestens jetzt bestand für Nell kein Zweifel mehr daran.

Unendlich mühsam stemmte sie sich in eine sitzende Position. Der brennende Schmerz in ihrem Bein lähmte beinah jede ihrer Bewegungen. Erschrocken bemerkte sie das Blut, das bereits eine Lache um sie bildete. Sie wollte nach der Wunde sehen, aber der Lautsprecher begann abermals zu dröhnen. Obwohl ihr schwindelig war, kam Nell auf die Füße. Sie machte einen Schritt in irgendeine Richtung. Schon wieder knallte ein Schuss vom Schutzwall herab und schlug vor ihr in den Steg ein. Das Projektil prallte ab und jaulte als Querschläger davon. Nell machte einen Satz zurück und stürzte erneut über ihr nicht belastbares Bein. Rasch rutschte sie über die Bohlen rückwärts und stürzte sich ins Gras, als wäre es eine rettende Insel und nicht ein unbekanntes Meer.

Ein weiteres Projektil schlug neben ihr ein. Nell kam auf die Füße und watete, das verletzte Bein nachziehend, in die Grasebene hinaus. Mehrere Schüsse peitschten noch hinter ihr her. Entsetzt humpelte Nell schneller. Die Schüsse verklangen jedoch erst, als die Soldaten auf dem Schutzwall sicher waren, dass sie nicht wieder umkehrte. In Nells Ohren hallten die Schüsse jedoch noch immer, als schlügen sie ein ums andere Mal in ihre Erinnerung ein.

Wie ferngesteuert lief sie tiefer in das Getto hinein, hielt auf den Streifen Wald am Horizont zu, weil ihr Blick sich daran festhalten konnte, während warmes Blut über ihr Bein rann. Selbst, als sie außer Schussweite war, ging sie weiter. Sie konnte nicht zurück – nicht im Moment. Stattdessen versuchte sie, logisch zu denken. Wasser und Medikamente – das musste sie als Erstes finden. Aber sie hatte keine Ahnung, wo man so etwas im Getto bekam. Der Schmerz wurde weniger, nachdem sie eine Weile gegangen war. Ihre Gedanken wurden langsamer. Schritt für Schritt humpelte Nell vorwärts … Medikamente und Wasser … Schritt für Schritt. Kurzatmigkeit, Schwindel und Schweißausbrüche verrieten ihr, dass sie bereits zu viel Blut verloren hatte. Ihre Schritte wurden schwerer und sie verhedderte sich im hohen Gras. Die Erschöpfung ließ die Welt um sie herum kreisen. Die Grasebene unter ihren Füßen begann steiler zu werden und hob sich zu einem Hügel. Nell torkelte weiter, obwohl sie irgendwann nicht mehr wusste, warum. Gesträuch streckte sich um sie herum aus der Wiese. Mal sahen die Bäume ganz nah aus, dann wirkten sie unerreichbar. Nell stürzte, als sich ihr Fuß unter einer Wurzel verhakte. Einen Moment lang blieb sie erschöpft liegen. Der Boden unter ihr fühlte sich nachgiebig und kühl an. Der würzig-fruchtige Geruch verwirrte ihre Sinne.

Kurzzeitig war sie nicht sicher, wo oben und unten war. Sie spürte, dass sie zitterte – vor Kälte vielleicht oder Schmerz. Doch um sie herum wurde es dunkler. Nell hatte Angst vor der Nacht und der Dunkelheit. Ihr Mund war klebrig und ihr Rachen brannte. Mühsam richtete sie sich wieder auf. Mühsam taumelte sie weiter. Sie wusste nicht, was sie trieb. Sie hatte im Getto nie leben wollen – schon gar nicht ohne Julianne.

Zweiter Teil

Die Kälte kroch ins Land

und nahm es in seinen eisigen Griff.

Klaglos

schien das Leben sich zu beugen.

Kapitel 5

Das Pferd streckte sich und legte an Geschwindigkeit zu. Jake ließ den jungen Hengst laufen. Es war Herbst. Die Winde trugen die kalte Jahreszeit ins Land. Die Bäume begannen, ihre Blätter abzuwerfen. In Schwärmen waren die Vögel abgezogen – die einzigen, die so frei waren. Eine Ahnung dieser Freiheit überkam Jake, wenn er sein Pferd einfach laufen ließ. Doch sobald der Winter kam, würden selbst diese Ausritte vorbei sein.

Jake duckte sich unter den Gegenwind, der ihm kalt entgegenblies. Er war stolz auf Tempest. Zu Beginn des Jahres hatte der Hengst noch bei jedem Galopp übermütig ausgekeilt und mit dem Kopf geschlagen, ehe er durchgegangen war. Mittlerweile konnte Jake ihn relativ unbesorgt laufen lassen. Erst als die Grenzmauer mit den beiden Hauptwachtürmen in Sicht kam, verlangsamte Jake den raschen Lauf des Pferdes. Er wusste nicht, warum er immer wieder hierherkam. Der Anblick verstärkte nur das Gefühl, eingesperrt zu sein.

Tempest fiel in einen zügigen Schritt, schob den Kopf lang vor und schnaubte zufrieden. Jake klopfte ihm den Hals und sah sich suchend um. Japsend gelang es Ragan, zu ihnen aufzuschließen. Obwohl der Hund gut trainiert war, hing ihm die Zunge lang aus der Schnauze. Schwanzwedelnd sah er zu Jake auf. Vielleicht war Ragan der Einzige, dem es gefiel, dass die langen, heißen Sommertage vorüber waren. Er war bereits mitten im Fellwechsel.

Tempest fuhr prustend mit den Nüstern durch die langen Halme am Waldrand. Junge Tannenbäume hatten sich ausgesät und strömten ihren harzigen Duft aus. Es war still in der herbstlichen Landschaft. Das Stapfen der Pferdehufe war beinah der einzige Laut. Ragan trottete bald vor ihnen her und schob immer wieder neugierig seinen Kopf in die Brombeersträucher. Der Wind wirbelte Jakes dunklen Schopf auf und trug den Geruch nach Regen mit sich. Sie würden nass werden. Aber Jake verspürte keine Lust umzukehren. Manchmal war ihm das Dorf einfach zu eng und manchmal befreite ihn nicht einmal ein stundenlanger Ausritt von diesem Gefühl. Außerdem war er warm angezogen. Über dem dicken Wollpullover trug er eine feste gegerbte Lederjacke, die ihn weitestgehend trocken halten würde.

Erst als Ragan ein scharfes Bellen ausstieß, schreckte Jake aus seiner Abwesenheit. Ragan war ein ganzes Stück vorausgelaufen, stieß mit der Nase unter ein Buschwerk und bellte aufgeregt. Jake stieß einen kurzen Pfiff aus und ließ Tempest in einen zügigen Trab fallen. Gehorsam kam Ragan ihm einige Schritte entgegen. Vielleicht hatte er ein verletztes Tier aufgestöbert. Jake glaubte nicht, dass es tot war. Dann hätte Ragan höchstens versucht, daran zu nagen.

Als sie das Gesträuch erreichten, hielt auch Tempest abrupt inne und richtete alarmiert seine pelzigen Ohren darauf. Jake beugte sich über seinen Hals, um besser sehen zu können.

Es war kein Tier. Obwohl ihr Oberkörper halb von dem Gesträuch verborgen war, erkannte er sofort, was er vor sich hatte – eine Ausgestoßene. Der glänzende dunkelblaue Stoff ihrer Kleidung verriet augenblicklich ihre Herkunft. Die wenigsten Ausgestoßenen wurden lebend gefunden und in einem der Dörfer aufgenommen. Echte Dankbarkeit zeigten sie darüber hinaus selten. Manche glaubten auch nach Jahren noch, sie seien die besseren Menschen.

Einen Augenblick lang blieb Jake unschlüssig im Sattel sitzen. Seit Aidan sich als Clanführer aufspielte, galten klare Regeln. Wer einen Ausgestoßenen aufgriff, kümmerte sich um ihn, bis er gesund und kräftig war und arbeiten konnte. Jake wollte keine Verantwortung übernehmen. Er wollte grundsätzlich nichts mit System-Ausgestoßenen zu tun haben. Trotzdem war klar, dass er sie nicht einfach liegen lassen konnte.

Unwillig schwang er sich vom Rücken seines Pferdes. Ragan umtänzelte ihn aufgeregt, als er sich dem Körper unter dem Gesträuch näherte. Jake bog die Zweige auseinander und ging in die Knie. Vor ihm lag ein Mädchen – vermutlich ein oder zwei Jahre jünger als er selbst, auf keinen Fall älter als 16. Auf der Suche nach ihrem Puls strich er ihr dichte schwarze Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen und ihre Lippen beinah farblos. Sie reagierte nicht auf seine Berührung. Ihren Herzschlag konnte er jedoch ertasten. Mit schwacher Gleichmäßigkeit klopfte er gegen seine Fingerkuppen. Entschlossen fasste Jake das Mädchen an den Beinen und zog sie ein Stück unter dem Gesträuch hervor. Einen Moment lang sah er nachdenklich auf sie hinunter. Sie war schlank und feingliedrig, ihre Haut bleich. Ihre Augenbrauen bildeten zwei perfekte Schwünge und ihre Fingernägel glänzten. Sie sah aus wie die meisten Ausgestoßenen. Die perfekte Erscheinung verblasste in der Regel sehr schnell.

Besorgt bemerkte Jake eine Verletzung an ihrem linken Oberschenkel. Sie sah aus wie ein Streifschuss. Das Mädchen hatte viel Blut verloren. Fast ihre ganze Kleidung fühlte sich klebrig und hart an. Vor der Kälte würde sie auch kaum schützen. Das Material fühlte sich zwar fest an und war vermutlich regenundurchlässig, aber überhaupt nicht gefüttert. Ragan senkte seine Schnauze zu dem Mädchen und fuhr ihr aufgeregt schnuppernd mit der Nase übers Gesicht. Ihre Augenlider zuckten leicht, öffneten sich jedoch nicht. Ragan sah mit einem Wuffen zu Jake auf, als sei er stolz auf seinen Fund. Aus der Satteltasche holte Jake den ledernen Schlauch, um ihr Wasser zu geben. Noch während er es vorsichtig über ihre Lippen rinnen ließ, begann es zu regnen. Verärgert blickte Jake in den Himmel. Die helle Wolkendecke über dem Land hatte sich schiefergrau verfärbt. Das Mädchen musste dringend ins Trockene gebracht werden. Ihre Kleidung war viel zu dünn, um sie vor diesem kalten Herbstregen zu schützen.

Im nächsten Augenblick traf ihn vollkommen unerwartet ein Schlag gegen den Hals. Ragans Bellen warnte ihn einen Wimpernschlag zu spät. Der Schlag war nicht kräftig, aber trotzdem schmerzhaft. Mit einem drohenden Knurren stürzte Ragan sich vor. Das Mädchen gab einen erschreckten, unartikulierten Laut von sich.

»Nein«, stieß Jake scharf hervor und streckte Ragan eine Hand entgegen, um seinen Angriff abzubrechen. Der Hund wich zurück, trat aber nervös auf der Stelle. Er fletschte die Zähne, als das Mädchen versuchte, Jake mit beiden Füßen vor den Brustkorb zu treten. Obwohl sie offenbar in Panik war, machte es ihn wütend, dass sie sich so wehrte. Er wollte ihr nur helfen, aber im System erwartete man immer das Schlechteste von Menschen wie Jake. Als sie mühsam versuchte, vor ihm davonzukrabbeln, hatte er große Lust, sie einfach zurückzulassen. Alleine würde sie kein Wasser finden und innerhalb der nächsten paar Tage tot unter irgendeinem Baum liegen. Aidan würde es nie erfahren. Das Schlimme war nur, dass man ihr keinen Vorwurf machen konnte. Sie war so erzogen worden.

Wütend über sich selbst richtete Jake sich auf und nahm den Gürtel ab, mit dem er seine Jacke in der Taille zusammenhielt. Sein Messer, der wahrscheinlich wertvollste Gegenstand in seinem Besitz, das er immer in einer Lederhülle bei sich trug, musste er stattdessen an seiner Hose befestigen. Das Mädchen hatte es nicht weit geschafft. Sie kam auf die Füße und versuchte, ihm zwischen den Tannen zu entkommen. Als er ihr folgte, drehte sie sich nur kurz um. Er sah die Angst in ihren geweiteten Augen. Es war ihm egal. Mit wenigen Schritten holte er sie ein und stieß sie zu Boden. Sie schrie, als er sie auf den Rücken drehte.

»Fass mich nicht an«, zischte sie mit vor Furcht und Wut gepresster Stimme. Jake machte sich nicht die Mühe, ihr zu antworten. Sie war viel zu schwach, um sich ernsthaft gegen ihn zu wehren. Mit wenigen Griffen gelang es ihm, mit dem Gürtel ihre Hände zu fesseln.

Obwohl sie sich in seinem Griff wand, war es leicht, sie zu tragen. Der Regen prasselte mittlerweile heftig auf sie herab. Tempest wich schnaubend zurück, als er versuchte, das Mädchen auf den Rücken des Tiers zu laden. Sie reagierte ebenso wenig begeistert und strampelte entsetzt. Vermutlich hatte sie noch nie ein Pferd gesehen. Jake rieb Tempest über den Nasenrücken und redete beruhigend auf ihn ein, ehe er sich in den Sattel schwang und das Mädchen packte, um sie zu sich aufs Pferd zu ziehen. Tempest tänzelte nervös hin und her. Ragan saß im Regen und beobachtete Jake mit faltiger Stirn, als fragte er sich, ob es klug war, was er tat.

Jake hob die Schultern. »Ich fürchte, wir haben keine Alternative.« Da das Mädchen sich noch immer mit letzter Kraft wehrte, zog Jake sie quer vor sich auf Tempests Rücken, wo er sie gut festhalten konnte. Sie erstarrte, als das Pferd in einen leichten Galopp fiel. Erleichtert zog sich Jake die Kapuze seiner Jacke über den Kopf. Während der Regen vom Himmel strömte, lenkte er sein Pferd nach Hause.

Auf dem schmalen Pfad, der entlang des Nebelsees zum Lager der Jäger führte, kamen sie nur langsam voran. Die Ufer waren aufgeweicht vom Regen. Tempest war trittsicher, musste aber achtsam die Hufe voreinander setzen, um nicht abzugleiten. Ragan drängte sich an ihnen vorbei und lief voran. Das Mädchen fühlte sich eiskalt an. Jake waren die Arme schwer geworden. Innerlich fluchte er, während der Regen ihm von der Kapuze ins Gesicht tropfte. Immer wieder vergewisserte er sich, dass sie überhaupt noch lebte. Ihr Puls wurde stetig schwächer unter seinen Fingern – oder seine Finger immer gefühlloser von der Kälte. Die Wasserfläche des Nebelsees war so grau verhangen vom strömenden Regen, dass der Blick zum anderen Ufer und zur kleinen Insel an der Ostseite des Sees verschwommen wirkte.

Das Lager der Jäger befand sich an der Westseite des Sees am Fuß des Feuerbergs. Die Hütten duckten sich in den Schutz hoher Felsen. Die meisten Dorfbewohner hatten sich vor dem Regen in die Wohnräume geflüchtet. Einige saßen unter den überhängenden Dächern und knobelten oder besserten ihre Jagdwaffen aus. Einige Kinder entdeckten Jake, sobald er das Dorf erreichte. Fröhlich kamen sie ihm entgegen und starrten verwundert zu ihm hoch, als sie bemerkten, dass er nicht allein war.

»Wen hast du da?«, wollte Mira wissen, während sie neben Tempest herlief. Ihre vom Regen feuchten blonden Haare kringelten sich wirr um ihren Kopf. Mira war das aufdringlichste Mädchen, das Jake kannte. Obwohl er sich nie richtig daran gewöhnen konnte, eine Familie zu haben, schien sie es als ihre Aufgabe zu sehen, ihm als kleine Schwester auf die Nerven zu gehen. Dauerhaft konnte aber selbst er sich nicht ihrem Charme entziehen.

Die Kinder umsprangen ihn so aufgeregt, dass Tempest aufgebracht zu tänzeln begann.

»Sagt Aidan Bescheid«, befahl er, »statt mein Pferd irrezumachen.« Mira rannte sofort los und einige ihrer Freunde folgten ihr. Ein paar Kinder blieben aber zurück und versuchten, die Fremde zu berühren und den Stoff ihrer nassen Kleider zu fühlen. Sie stürmten alle auf einmal mit so vielen Fragen auf Jake ein, dass er nur einen Bruchteil davon verstand. Allerdings hatte er auch nicht vor, sie zu beantworten. Er war durchnässt und schlecht gelaunt. Mittlerweile wurden auch die Erwachsenen aufmerksam, unterbrachen ihre jeweiligen Tätigkeiten und riefen nach ihren Kindern. Wie durch ein Spalier schritt Tempest die Straße entlang bis zu dem kleinen Platz, der den Mittelpunkt des Dorfes markierte. Das Mädchen hing immer schwerer in seinem Arm. Sie schien nichts mehr mitzubekommen. Vielleicht hatte sie den Ritt doch nicht überstanden.

Gerade als er die Mitte des Rondells erreichte, trat Aidan aus dem Haus. Mira hüpfte aufgeregt neben ihrem Bruder her. Seine Mutter Risa und seine ältere Schwester Lou folgten ihm nach draußen. Die ganze Familie war blond. Lou hatte ihre Haare in einem dicken geflochtenen Zopf über die Schulter gelegt. Wie ihre Mutter trug sie ein Leinenkleid unter dem dicken Wollpullover. Die Säume saugten sich mit der Nässe auf dem Kopfsteinpflaster voll, aber es schien ihr egal zu sein. Alle waren neugierig. Die Nachricht, dass Jake eine bewusstlose Fremde ins Dorf brachte, verbreitete sich innerhalb von Augenblicken. Alle drängten auf den Platz und reckten die Hälse, um auch etwas zu sehen.

»Jake, was ist los?« Aidan kam mit schnellen Schritten auf ihn zu, wobei er sich zum Schutz gegen den schwächer werdenden Regen, die Kapuze über den Kopf zog. Obwohl sie ihm ein wenig zu kurz war, lief er fast nur noch in der vom Alter fast schwarzen, dicken Lederjacke herum, die eigentlich seinem Vater gehörte. Aidan war nur wenig älter als Jake. Sie waren wie Brüder aufgewachsen, seit Aidans Familie ihn vor vielen Jahren aufgenommen hatte. Jake musste zugeben, dass er froh war, nicht an seiner Stelle zu sein. Ihr Vater war der Clanführer, weshalb sie im größten Haus am Platz wohnten. Da er jedoch mittlerweile alt und verwirrt war und die meiste Zeit schnarchend im Bett lag, wandten die Menschen sich mit ihren Sorgen und Anliegen ganz selbstverständlich an Aidan. Seither traf Aidan die Entscheidungen.

Statt einer Antwort hob Jake das Mädchen über den Hals seines Pferdes und ließ sie zu Boden gleiten. Sie fiel auf das schlammige Pflaster und blieb liegen.

»Jake«, rief Aidan verärgert, »pass doch auf.« Rasch beugte er sich zu ihr, um ihr aufzuhelfen. Mühsam gelang es ihm, ihren Oberkörper in eine aufrechte Position zu bringen.

»Sie ist verletzt«, teilte Jake ihm mit. »Sieht aus, als wurde sie angeschossen.«

Aidan reagierte jedoch nicht. Stumm hielt er das Mädchen an den Schultern fest und musterte sie gebannt. Wirre Haarsträhnen klebten ihr im Gesicht und am Hals. Für einen Moment öffnete sie die Augen.

»Wie heißt du?«, fragte Aidan sie.

Ihre Lippen bewegten sich, aber sie sagte nichts. Ihre Augen schlossen sich wieder und ihr Oberkörper sackte Aidan entgegen.

»Sie braucht Hilfe. Sie ist verletzt«, drängte Jake. Er hatte sie nicht den weiten Weg durch den Regen geschleppt, um dann mitzuerleben, wie sie es am Ende doch nicht schaffte.

»Wir bringen sie ins Haus«, entschied Aidan. »Althea soll kommen und sehen, was sie tun kann.«

»Ich hole sie«, krähte Mira aufgeregt und rannte sofort los, um die Heilerin zu suchen.

Aidan zog das Mädchen zu sich herum und hob sie hoch. Ihr Kopf fiel nach hinten. Jake wollte Tempest bereits zu den Ställen außerhalb des Dorfes lenken, als Aidan sich noch einmal zu ihm umwandte.

»Jake«, sagte er, »ich will, dass du zum Abendessen nach Hause kommst. Wir müssen reden.« Von seiner Mutter und seiner Schwester flankiert, stand Aidan mit dem Mädchen auf den Armen in der Mitte des Platzes. Obwohl Aidan noch größer und kräftiger aussah als Jake, wirkte er verloren – vielleicht, weil er versuchte, einen Platz auszufüllen, der zumindest jetzt noch nicht seiner war. Noch lebte sein Vater schließlich, auch wenn er die Aufgaben des Clanführers nicht mehr ausüben konnte.

Jake nickte ihm zu. »Sicher.« Die Leute, die neugierig zum Dorfplatz gekommen waren, machten ihm hastig Platz, als Tempest schnaubend und mit gewölbtem Hals auf sie zutrabte. An der Seilmacherei vorbei, verließ Jake das Dorf und hielt über eine Hügelkuppe auf die Ställe und Koppeln zu. Die Pferde auf der Weide hatten sich unter einer Baumgruppe zusammengedrängt. Vereinzeltes Wiehern klang zu ihnen herüber, als sie Tempest begrüßten. Eilig tauchte Ragan unter dem Zaun hindurch und lief los, um nach dem Rechten zu sehen.

Jake war froh, wieder für sich zu sein. Seine Pferde hinterfragten die Welt nicht. Bei ihnen fiel es ihm leichter, nicht wahnsinnig zu werden in seinem Gefängnis.

Warme, rauchige Luft schlug ihm entgegen, als Jake durchgefroren nach Hause kam.

»Junge, geh dich schnell umziehen«, begrüßte Risa ihn. »Es gibt Essen.« Sie wedelte mit ihrem langen Kochlöffel, um ihn zur Eile anzutreiben. Anders als am Nachmittag auf dem Dorfplatz trug sie über ihrem hellen Leinenkleid eine grobe dunkelbraune Schürze. Ihre grauen Haare hatte sie zu einem praktischen Knoten im Nacken zusammengefasst. Ihre vollen Wangen waren gerötet. Lou, mit Anfang 20 das älteste ihrer Kinder, war wie immer eine eifrige Hilfe im Haushalt und bereits dabei, Schalen auf den Tisch zu stellen. Sie sah auf, als ein Schwall feuchter Kälte mit Jake hereinwehte. Sie zog die Nase kraus. »Du riechst nach Pferd«, stellte sie kritisch fest. »Nach nassem Pferd, um genau zu sein.«

»Stell dich nicht so an«, entgegnete Jake mit einem Grinsen, während er sich am Eingang die Stiefel abstreifte. Aidans zwölfjähriger Bruder Lark kam angelaufen, um sie ihm abzunehmen und am Feuer zu trocknen. Ragan lief geduckt hinter ihm her, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Er wusste genau, dass er nur halb offiziell im Haus geduldet war und sich am besten unsichtbar machte. Althea, die alte Heilerin, kniete mit krummem Rücken am Kamin bei dem Mädchen, das sie in mehrere Felle gewickelt hatte. Jake sah nur ihren dunklen Wollumhang und ihre leuchtend weißen Haare und wandte rasch den Blick ab. Er durfte gar nicht erst den Anschein erwecken, er fühle sich verantwortlich.

»Dein Zukünftiger duftet auch nicht gerade nach Rosen. Gewöhn dich lieber daran.« Scherzhaft versuchte Jake, Lou in den Arm zu nehmen, als sie an ihm vorbei in die Küche wollte.

»Untersteh dich«, rief sie, indem sie sich lachend wegduckte. Lou und Tarik, mit dem Jake die Pferde züchtete, wollten im Frühjahr heiraten. Tarik galt als gute Partie im Dorf. Er hatte zwar bereits mit 15 seine beiden Eltern verloren, die im gleichen Winter an einer Lungenentzündung gestorben waren. Seither war er jedoch zu einem der besten Jäger geworden und mit der Hütte seiner Eltern hatte er ein Dach und einen Platz am Kamin zu bieten. Mittlerweile verbrachte Jake mit kaum jemandem mehr Zeit als mit ihm, weil sie sich gemeinsam um die Pferdezucht kümmerten. Und da sie beide schweigsam waren, kamen sie hervorragend miteinander aus.

»Jake«, rief Risa aus der Küche, »ich habe dir gesagt, du sollst dir was Trockenes anziehen. Und gib den anderen Bescheid, dass wir essen können.« Da man Risas Anweisungen besser nicht zweimal missachtete, machte Jake sich gehorsam auf den Weg nach oben. In dem angrenzenden Vorratsraum führte eine Stiege in das Lager, das man bis auf den Fels gegraben hatte. Über eine Leiter gegenüber gelangte Jake in den ersten Stock des Hauses. Es würde enger werden, wenn das Mädchen jetzt bei ihnen blieb. Nach Aidans Regeln musste sie das jedenfalls, weil Jake es war, der sie hergebracht hatte.

Mira kam Jake oben an der Stiege entgegen und sprang ihm in die Arme. Ihr war es offenbar egal, dass Jake nass war und nach Tier roch. Sanft setzte Jake sie ab und strich ihr durch die weichen blonden Haare. Alle in dieser Familie waren blond – abgesehen von ihm natürlich.

»Das Essen ist fertig«, teilte er Mira mit.

Sie nickte, hielt ihm aber mit wichtiger Miene einen Stoffteddy entgegen.

»Ich gebe ihr meinen Teddy«, verkündete Mira. Risa hatte all ihren Kindern aus Leinen einen Bären genäht, mit Wolle gestopft und mit Knöpfen ein Gesicht gemacht. Auch Jake hatte damals einen bekommen und sich gewundert, was er damit anfangen sollte.

»Dem fremden Mädchen?«, fragte Jake überrascht. Mira war erst acht. Sie trennte sich nie von ihrem Kuscheltier. Insbesondere zum Schlafengehen achtete sie streng darauf, dass es an ihrer Seite war.

Mira hob die schmächtigen Schultern. »Sie hat ja noch keinen eigenen.«

Jake sah sie zweifelnd an. »Willst du ihr nicht lieber meinen geben?«, schlug er vor, ehe er sich überlegen konnte, dass das möglicherweise doch nach Verantwortungsgefühl aussah.

»Brauchst du deinen denn nicht mehr?«, erkundigte Mira sich einigermaßen hoffnungsvoll. Ihre dunkelblauen Augen wirkten riesig in ihrem kleinen Gesicht, aus dem die Sommerbräune sich noch nicht ganz verabschiedet hatte. Ihre hellen Haare bildeten einen starken Kontrast dazu.

Jake bemühte sich um Ernsthaftigkeit. »Zumindest kann ich ohne ihn schlafen.«

Mira folgte Jake in sein Zimmer. Er musste eine Weile seine Holztruhe durchforsten, ehe er den Teddy fand. Mira hüpfte davon und erleichtert, dass sie ihren eigenen nicht hergeben musste. Jake sah ihr kopfschüttelnd nach. Er fand es nach wie vor verwunderlich, dass es Menschen wie Mira gab – die zu fast allem bereit waren, damit es anderen gut ging, selbst wenn es Fremde waren.

Risa schwenkte missbilligend ihren Holzlöffel, als Jake zurück in den Wohnraum kam. Alle anderen hatten bereits um den grob gezimmerten, quadratischen Esstisch Platz genommen, der voll besetzt fast die ganze Stube einnahm. Aidan und Lou saßen an dem großen Wandschrank, dessen Holz sich so verzogen hatte, dass er ganz schief stand. Ihnen gegenüber zappelten ihre jüngeren Geschwister Mira und Lark ungeduldig in ihrer Ecke. Keldon, Aidans Vater und noch immer Clanführer im Lager der Jäger, hockte mit hängenden Schultern an der Seite, die dem Kamin am nächsten war. Jemand hatte seinen Stuhl etwas zur Seite gerückt, damit die Heilerin Althea neben ihm Platz hatte. »Entweder du erscheinst gar nicht zum Essen oder zu spät«, beschwerte sich Risa. »Das haben wir dir anders beigebracht.«

»Ich war doch rechtzeitig da«, verteidigte sich Jake und setzte sich auf seinen Platz zwischen Keldon und die beiden Kinder. »Du hast doch gesagt, ich soll mich umziehen.«

»Immer eine Erklärung parat«, bemerkte Risa mit einem Schmunzeln, wobei sie Jake als Letztem eine große Portion gestampfte Kartoffeln und einige Stücke gekochtes Fleisch auftat. »Lass es dir schmecken, Junge«, meinte sie versöhnlich, indem sie sich mit einem Seufzen auf ihren Platz gegenüber von Keldon fallen ließ. »Bald gibt es nur noch Gepökeltes.«

Mira und Lark, die dabei waren, sich gegenseitig mit Grimassen zu übertrumpfen, begannen, laut zu jammern. Die eingeschränkte Kost während der kalten Jahreszeit war nur ein weiterer Grund, warum sich niemand über die Ankunft des Winters freute. Ständige Kälte und Hunger schlugen allen auf die Laune.

»Nun fangt an zu essen«, forderte Risa sie auf, »und nicht vergessen, gut zu kauen.«

Nach dem langen Tag draußen war Jake hungrig und seine Portion erschien ihm ziemlich klein. Entgegen Risas Mahnung begann er zu schlingen und fing einen amüsierten Blick von Lou auf. Tatsächlich hatten jedoch alle am Tisch eher hastig als genüsslich zu essen begonnen – abgesehen von Keldon, der noch immer nur umrührte, und Althea, die vermutlich der Meinung war, gründliches Kauen sei das Geheimnis eines langen Lebens. Vielleicht hatte sie aber auch nur Probleme mit den Zähnen. In ihrem hohen Alter konnte sie froh sein, überhaupt noch welche zu haben. Jake hielt nur einen Augenblick inne, um Aidan zu beobachten, der seinem Vater den Löffel richtig herum in die Hand gab und in den Kartoffelstampf tauchte. Aidan verbrachte viel Zeit mit Keldon, saß bei ihm im Zimmer und erzählte, was im Dorf vor sich ging. Jake hingegen fiel es schwer. Er kam nicht damit zurecht, wenn andere sich auf ihn verließen. Wenn er Keldon ansah, hatte er Fluchtgedanken. Es war kaum etwas übrig von dem kräftigen Mann, der ihn als Kind zum ersten Mal mit zu den Pferden und auf die Jagd genommen hatte. Stattdessen waren seine Wangen fast so eingefallen wie die Altheas, obwohl sie bestimmt fast zwanzig Jahre älter war als er. Das Schlimmste aber waren seine Augen, mit denen er nur noch leer vor sich hin starrte.

Als Aidan seinen Blick auffing, beugte Jake sich rasch wieder über sein Essen.

»Althea sagt, das Mädchen wird wahrscheinlich wieder gesund«, teilte Aidan ihm mit.

Althea nickte zuversichtlich. »Viel trinken«, wiederholte sie mit heiserer Stimme ihren üblichen Ratschlag. »Ich habe eine Kräutermischung zubereitet.« Sie hielt den Blick ihrer hellgrauen Augen direkt auf Jake gerichtet. Er fand nicht, dass es ein gutes Zeichen war, wenn sie ihm die Behandlungsanweisungen vortrug. »Gebt ihr Tee.«

»Wo genau hast du sie gefunden, Jake?«, wollte Aidan zwischen zwei Bissen wissen.

»Am Waldrand gegenüber vom Haupttor«, antwortete Jake knapp. Normalerweise wurde am Abendbrottisch wild durcheinandergeredet. Insbesondere Mira und Lark verlangten alle Aufmerksamkeit. An diesem Abend stand jedoch Jake im Mittelpunkt. Die anderen waren neugierig auf die Fremde.

»Und wie?«, wollte Lark gespannt wissen. Seine dunkelblonden Haare standen ihm struppig vom Kopf ab. Im Kerzenschein leuchteten seine Augen bernsteinfarben. »Sie wäre sicher schon längst tot, wenn du sie nicht gefunden hättest.«

Jake hob die Schultern. »Möglich.«

»Hat sie irgendwas gesagt?«, wollte Aidan wissen.

Jake gab ein ungeduldiges Schnauben von sich. »Sie hat mich angeschrien, ich solle sie nicht anfassen.«

»Und deshalb hast du sie gefesselt?«, schlussfolgerte Aidan mit unüberhörbar kritischem Unterton.

»Ich hatte keine Lust, gekratzt zu werden«, entgegnete Jake. »Sie wird Angst gehabt haben«, vermutete Risa mitleidig. »Und dann hattest du auch noch den Hund dabei.«

»Hunde gibt es im System auch«, wandte Jake ein, erwähnte jedoch nicht, dass sie dort nur als beißwütige Schnüffler bekannt waren.

»Ihren Namen hat sie dir vermutlich nicht gesagt?«, versicherte sich Aidan.

»Sie hat sich nicht bei mir vorgestellt«, entgegnete Jake.

Aidan seufzte resigniert. Plötzlich entdeckte Jake Anzeichen von Müdigkeit in seinem Gesicht. Seine Haut glänzte leicht im warmen Kerzenlicht. Dunkle Schatten zeigten sich um seine Augen. Er rieb sich das Kinn, auf dem dunkelblonde Bartstoppeln wuchsen. Seit Aidan mehr und mehr seinen Vater ersetzte, fühlte sich ihr Verhältnis anders an. Während sie früher gemeinsam den ganzen Tag draußen verbracht hatten, zusammen auf die Jagd gegangen waren und den Erwachsenen im Lager Streiche gespielt hatten, war Aidan auf einmal derjenige mit Verantwortung und Vernunft. Während sie früher gemeinsam ausgeschimpft worden waren, wenn sie ihre Aufgaben nicht ordentlich erledigten, musste Jake sich mittlerweile von Aidan tadeln lassen. Seither fühlte sich das Getto noch enger an.

»Mir ist schon klar, dass dir das alles auf die Nerven geht«, meinte Aidan jetzt, »aber du musst dich an die Regeln halten. Darren würde sowieso am liebsten jeden Systembürger umbringen, der ihm in die Hände kommt. Du bist mein Bruder. Wenn du dich nicht an die Regeln hältst, wird es bald keiner mehr tun.«

»Und die Regeln sagen, dass ich mich jetzt um sie kümmern muss«, betete Jake vor. Er war nur froh, dass Darren keine Ahnung von seiner Herkunft hatte. »Kann ich aber nicht. Ich habe genug mit den Pferden zu tun. Um die muss ich mich auch kümmern.«

»Dabei kann sie dir doch helfen«, schlug Aidan vor. »Sie muss sich einfügen, wenn sie hier bleiben will. Dazu braucht sie eine Aufgabe.«

Jake deutete mit einer ungeduldigen Handbewegung vage in Richtung Kamin, wo das Mädchen in ihren Fellen lag und schlief. »Sie kann nicht mal allein trinken. Außerdem hat sie noch nie ein Pferd gesehen. Für mich sieht es nicht aus, als könne sie mir von Nutzen sein.«

Am Feuer hob Ragan plötzlich den Kopf und blaffte leise. Aufgeregt sprang Mira von ihrem Platz auf. »Sie hat sich bewegt«, rief sie. »Ich habe es gesehen. Ihre Hand hat gezuckt.«

»Mira, bleib hier«, befahl Risa scharf.

Althea erhob sich von ihrem Stuhl. »Ist der Tee fertig?«

Risa deutete hinter sich, wo sich in einem angrenzenden Raum die Küche befand. »Er steht auf der Platte.«

Althea schlurfte in ihrer leicht gebeugten Haltung los, um den Tee zu holen. Abgesehen von Keldon, der als Einziger noch nicht aufgegessen hatte, und Jake, der bewusst in eine andere Richtung schaute, beobachteten alle am Tisch, wie Althea sich zu dem Mädchen ans Feuer kniete und ihr das Gebräu einflößte.

»Wie auch immer«, meinte Aidan schließlich mit gedämpfter Stimme. »Jemand muss sich um sie kümmern.«

Jake lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich kann das machen«, bot Mira enthusiastisch an. »Mich stört das nicht – wirklich.«

»Das ist doch eine gute Idee«, stimmte Lou diplomatisch zu. »Ich helfe dir dabei.«

»In Ordnung«, gab Aidan nach. »Von mir aus können wir es so machen. Aber sobald es ihr besser geht, reden wir noch mal darüber.«

Jake nickte, um Aidan zufriedenzustellen.

Mira lief um den Tisch herum und ließ sich von Aidan auf den Schoß nehmen. Sie kuschelte sich an ihn. »Jake tut nur so, als sei sie ihm egal«, tröstete sie ihn. »Er hat mir vorhin seinen Teddy für sie gegeben.«

Aidan hob amüsiert die Augenbrauen. »So?«, sagte er. »Hat er das?«

Mira nickte bekräftigend. »Ja.«

Rasch wandte Risa sich ab, damit niemand ihr Lachen sah. Lou konnte sich die Gelegenheit jedoch nicht entgehen lassen und flötete: »Wie einfühlsam von dir, Jake.«

Jake musste selbst darüber lachen und Aidan erwiderte seinen Blick mit einem Grinsen. »Bin ich doch immer«, entgegnete er.

Kapitel 6

Wenn Jake morgens das Haus verließ, schliefen die anderen meistens noch. Früh am Morgen war alles still und voller Erwartung. Jake liebte den Moment, wenn die Sonne aufging und die Konturen der Welt langsam aus der Dunkelheit und den Nebeln hervortraten. Die gedämpften grüngrauen Farben, in die sich die Novembermorgen kleideten, verschleierten viel von der Wirklichkeit, mit der Jake sich nicht anfreunden konnte.

Er lehnte am Gatter und beobachtete die dampfenden Pferdeleiber in der aufkeimenden Helligkeit. Als Ragan abrupt den Kopf hob, drehte Jake sich um. Aidan kam aus Richtung des Dorfes auf ihn zu und gesellte sich zu ihm an den Zaun. Tief atmete er die kalte Morgenluft ein und ließ den Blick über die Weide schweifen.

»Schön hier draußen«, kommentierte er, nachdem sie einen Moment schweigend beieinandergestanden hatten.

»Was machst du so früh hier?«, wollte Jake wissen.

Aidan hob die Schultern. »Ich weiß, du bist genervt, aber ich muss noch mal mit dir über das Mädchen reden.« Er stemmte sich hoch und setzte sich rittlings aufs Gatter. »Du willst nichts mit ihr zu tun haben. Das habe ich verstanden.« Seine blauen Augen wirkten dunkel, als er Jake musterte. »Aber hast du dir mal überlegt, dass sie uns helfen könnte?«

Jake zog die Augenbrauen hoch. »Inwiefern?«

Aidan beugte sich vor. »Überleg doch mal. Wenn sie ein Zwilling ist, kann ihr Blut uns nützlich sein, sobald wir draußen sind.«

Jake seufzte und setzte sich zu Aidan auf den Zaun. »Wir haben doch gar keinen Plan, wie wir rauskommen sollen.«

»Ja«, gab Aidan zu, »aber wir werden uns etwas einfallen lassen. Die Beben werden häufiger. Wenn nicht uns, dann vernichtet der Berg unsere Kinder und Enkel.«

Jake nickte. »Ich weiß.«

Sie schwiegen, während eine Drohne über ihren Köpfen kreiste. Ihr Flug über dem Lager war beinah lautlos – nur von einem leisen Summen begleitet. Man konnte es leicht überhören, aber sie alle reagierten übersensibel auf die Drohnen. Jeder wusste, dass sie von den Türmen an der Grenze aus gesteuert wurden. Eine der ehemaligen Systembürgerinnen, die schon lange im Dorf lebte, hatte ihnen versichert, dass sie nur sicherstellen sollten, dass alles in Ordnung war. Den Menschen im Dorf war jedoch ein Rätsel, wie sie funktionierten. Es erschien ihnen wie Zauberei. Und beobachten lassen wollte sich auch niemand. Irgendjemand bemerkte die Drohnen meistens noch im Anflug und dann erstarrten alle in dem, was sie gerade taten, oder liefen in ihre Häuser.

Einige im Dorf, so wie Darren, waren auch überzeugt, dass die Drohnen und Patrouillen nur wegen der Externen – wie diejenigen genannt wurden, die nicht im Getto geboren waren – kamen. Es kursierten Verschwörungstheorien darüber, dass es sich bei den Externen um Spitzel handeln musste, mit denen das System über die Drohnen kommunizierte. Auf die meisten Ausgestoßenen war Jake selbst nicht gut zu sprechen, weil sie auf die Getto-Bewohner herabsahen, als wären sie nicht mehr als Tiere. Manche ließen sich tatsächlich durchfüttern, ohne selbst je zu arbeiten. Aber den albernen Behauptungen konnte er keinen Glauben schenken. Zumal man im Dorf dazu neigte, den Externen prinzipiell die Schuld an allem zu geben. Ein Unwetter? Sicher hatte das System das Wetter manipuliert! Eine Krankheitsepidemie? Ein Externer musste ein Virus eingeschleppt haben. Einige weigerten sich sogar, ihre Kinder in die Dorfschule zu schicken, weil dort eine der Externen als Lehrerin arbeitete.

Der Flugkörper drehte nach wenigen Runden wieder ab. »Es ist unmöglich, hier herauszukommen«, bemerkte Jake. »Und selbst wenn wir es schaffen, wissen wir einfach zu wenig über die andere Seite. Der letzte Ausgestoßene hat behauptet, die Freien Staaten des Westens hätten nur eine Botschaft in der Nord-Union. Die finden wir nicht so leicht.« Für die Menschen, die im Getto geboren waren, bestand die Welt aus ihrem Dorf und dem kleinen Radius, den sie zu Fuß oder vielleicht zu Pferd darum ziehen konnten. Die andere Seite der Grenze war für sie eine andere und ohnehin unerreichbare Welt. Die Nord-Union – oder das System, wie die Externen es nannten – war zwar Unterrichtsfach in den Dorfschulen, aber die meisten hatten vermutlich nicht mehr als eine nebulöse Vorstellung davon, wie es drüben aussah. Außer durch die Soldaten, die regelmäßig ins Lager kamen, und die Drohnen gab es keine Einblicke in die technischen Möglichkeiten – nur Erzählungen. Noch unvorstellbarer war die Idee, dass es einen weiteren Kontinent auf der anderen Seite des Meeres geben sollte – die Freien Staaten des Westens. Selbst die meisten Systembürger wussten nichts über diesen Kontinent. Jake jedoch klammerte sich seit seiner Kindheit an die Vorstellung davon. Weder das System noch das Getto boten die Freiheit, nach der er sich sehnte. Auf diesem anderen Kontinent aber musste es sie geben – er trug sie bereits im Namen. Aus den Schilderungen verschiedener Externer vermutete er, dass sich das Getto an der Südwest-Küste der Nord-Union befand. Und das bedeutete, dass ihn tatsächlich nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als ein Ozean von den Freien Staaten des Westens trennte – was auch immer sich hinter diesem Namen verbarg.

»Du warst derjenige, der gesagt hat, es sei sinnlos, es über das Meer zu versuchen«, erinnerte Aidan ihn. Seine Art, es so darzustellen, als sei es Jakes Schuld, dass sie noch immer ohne Plan hier saßen, ließ Wut in ihm aufsteigen.

»Du und ich sind beide an der Küste gewesen. Wir haben doch gesehen, dass selbst die Fischer fast nie über die Grenzen des Schutzwalls hinausfahren. Die Küsten des Systems sind mit Bollwerken gesichert. Außerhalb des Gettos kann man unmöglich anlegen. Und du hast keine Ahnung von der Größe der Welt. Wir wären Monate auf dem offenen Meer unterwegs, ehe wir anderes Land erreichen – auf Flößen. Das ist Selbstmord – weiter nichts.«

»Ich weiß, ich weiß.« Aidan versuchte, ihn zu beschwichtigen. »Wir müssen einen anderen Weg ins System finden. Dort müssen wir uns im Untergrund verstecken, bis sich uns andere Leute anschließen, die dann auch das Wissen über das System haben.«

Jake sagte nichts dazu. Ihm war klar, dass er es war, der Aidan mit seinem Freiheitsdrang angesteckt hatte. Trotzdem wusste er es besser. Im System gab es keinen Untergrund. Der Ort, von dem Jake träumte, existierte im System nicht. In seinen Augen war die gesamte Nord-Union nur ein größeres Getto. Der Ort, von dem Jake träumte, war die Freiheit des Westens. Aber Aidan hatte andere Pläne. Für ihn war der Westen eine noch abstraktere Vorstellung als das System. Aidan hatte nichts gegen das Leben im Getto. Er wollte nur, dass die Kontrollen aufhörten, und er hatte Angst vor dem Berg.

Als er Jake im heller werdenden Morgen ansah, glänzten seine Augen. »Das System hat eine Schwäche: Im System läuft immer alles im exakt gleichen Muster ab. Das macht es berechenbar.«

Jake hob die Schultern, aber Aidan fuhr überzeugt fort: »Wenn wir einmal wissen, was sie tun, wissen wir es immer.«

Schweigend beobachteten sie Ragan, der eifrig nach Mäusen buddelte.

»Du willst, dass ich ihnen folge«, vermutete Jake schließlich, »wenn die Patrouille das nächste Mal kommt.«

»Es muss bald so weit sein und dir würde ich es zutrauen«, bestätigte Aidan. »Vermutlich ist es nicht ungefährlich. Du dürftest dich auf keinen Fall sehen lassen.«

Jake stieß sich vom Gatter ab und verschränkte die Arme vor der Brust. »Schon gut, ich mache es.«

Aidan musterte ihn einen Moment lang. »Es geht nur darum, festzustellen, welchen Weg sie nehmen. Bring dich nicht in unnötige Gefahr. Wir müssen nicht jetzt schon ihr Misstrauen erregen.«

Jake nickte und ließ nachdenklich den Blick über die Weide schweifen. Er konnte Morgan mitnehmen. Die Stute war ausdauernd und zuverlässig. »Ich werde mir eine Tasche packen«, entschied er. »Wenn sie das nächste Mal kommen, bin ich bereit.« Ihm war jeder Grund recht, in Bewegung zu sein. Es würde sich gut anfühlen, etwas gegen das System zu tun, sich einzubilden, die Tage im Getto hätten irgendwann ein Ende – dass es eine Zukunft jenseits der Mauern gab.

 

Die Patrouille kam an einem stürmischen, aber sonnigen Herbsttag. Risa hatte gerade ihre Familie erfolgreich um den Mittagstisch versammelt, als ohne Vorwarnung die Tür aufgerissen wurde. In ihren warmen Wollmantel gewickelt, kam Althea über die Schwelle gestolpert. Ihre langen weißen Haare waren in einen Zopf geflochten, den der Wind zerzaust hatte. Ihr Blick schnellte in Richtung Kamin. »Wo ist das Mädchen? Hat sie etwas getrunken?«

Lou stand auf, als Althea ächzend neben der Fremden in die Knie ging. »Nur wenig«, antwortete sie. »Sie hat Fieber, aber es ist nicht hoch.«

Grummelnd fühlte Althea ihre Stirn. »Ich mache ihr kalte Wadenwickel«, entschied sie. Lou folgte ihr hilfsbereit in die Küche.

Aidan sah ihnen nach. »Warum ist sie auf einmal so besorgt?« Ehe jemand ihm antworten konnte, erklangen Rufe von draußen. Aidan war sofort auf den Füßen und lief zur Tür.

»Was ist denn nun schon wieder los?«, beschwerte sich Risa ungehalten. »Kann man nicht einmal in Ruhe essen?«

»Die Patrouille«, meldete Aidan von der Tür. »Sie kommen.« Jake sprang auf. Die Aufregung der umherlaufenden Dorfbewohner absorbierte Jake, sobald er Aidan auf die Straße folgte. Die Soldaten kamen in zwei langen Reihen aus Richtung des Nebelsees ins Dorf. In Zweierteams stießen sie rechts und links Türen zu einfachen Hütten auf, drangen in Wohnräume ein und durchwühlten Schränke. Im Prinzip kannten alle im Lager das Vorgehen. Die Soldaten kamen und hinterließen Chaos. Wenn sich alle ruhig verhielten, passierte niemandem etwas. Trotzdem rannten die Dorfbewohner umher, suchten ihre Kinder und wussten nicht, ob sie in ihre Häuser laufen oder auf der Straße bleiben sollten.

Aidan schüttelte den Kopf. »Die Leute sollten einfach Ruhe bewahren.«

Einmal war jemand erschossen worden. Jake und Aidan waren noch Kinder gewesen, als es passierte. Jemand hatte sich geweigert, die Soldaten ins Haus zu lassen. Sie hatten nicht lange gezögert. Vielleicht war das der Moment gewesen, in dem Aidan entschied, dass er sich wehren wollte. Seither waren unzählige Patrouillen durchs Lager gegangen.

Jetzt warf er Jake einen Blick zu. »Ist bei dir alles klar?«

»Ich mache mich auf den Weg.« Jake warf sich seine Tasche über die Schulter.

»Pass auf dich auf«, sagte Aidan, ehe er die Straße hinunterlief, um die Leute zu beruhigen. Er konnte das. Vielleicht war er so überzeugt davon, verantwortlich zu sein, dass alle anderen es auch einfach glaubten und ihm vertrauten.

Jake nahm seinen gewohnten Weg an der Seilerei vorbei und lief den Hügel zum Stall hinauf. Einige Pferde standen im Paddock nebenan, sodass er Morgan, der Stute mit dem glänzend dunkelbraunen Fell, direkt Halfter und Sattel anlegen konnte. Ragan kam Jake schwanzwedelnd nachgelaufen, als er Morgan in einem weiten Bogen um das Dorf herum auf den Wald zutraben ließ. Der Wald war hier von dicht stehenden Tannen beherrscht. Wenn man aber wusste, dass er von einem ganzen Netz kleiner Trampelpfade durchzogen war, kam man gut voran. Dennoch stieg Jake bald ab und führte Morgan am Halfter hinter sich her. Je näher er der tief abfallenden Uferböschung des Nebelsees kam, desto mehr Birken lösten die Tannen ab. Das Unterholz aus Wurzeln, wuchernden Farnen und Gras war so unwegsam, dass Jake sein Pferd schließlich zurückließ und sich einen Platz suchte, von dem er den Uferpfad unten am See gut überblicken konnte. Jake lehnte sich gegen den Stamm einer Birke. Ragan hatte neben ihm den Kopf zwischen die Pfoten gelegt, hielt aber die Ohren gespitzt. Es war wie auf der Jagd. Da waren Ragan und Jake längst ein Team geworden.

Nach und nach verschmolz Jake mit dem Wald, wurde Teil davon. Die Ruhe und Kraft des durchwurzelten Bodens übertrugen sich auf ihn. Es störte ihn nicht, warten zu müssen. Die Waldluft war kühl, feucht und roch intensiv nach moderndem Laub. Immer und immer wieder rauschte der Wind durch die Baumkronen und ließ die bereits kahlen Zweige klappern. Ansonsten war es still. Jake hörte tief in den Wald hinein und wartete auf den Rhythmus der marschierenden Soldaten. Doch Ragan bemerkte sie zuerst. Ruckartig hob er den Kopf und spitzte die Ohren. Jake legte ihm eine Hand in den Nacken, damit er nicht aufsprang, und richtete sich in kniende Position auf. Nur wenig später konnte auch er den gleichförmigen Schritt vernehmen. Wie der Herzschlag eines fremden Organismus hing er in der Luft.

Die Patrouille bestand wie immer aus vierzehn Soldaten und einem Kommandeur. Auf dem schmalen Pfad entlang des Seeufers mussten sie ihre Formation aufgeben und stampften im sturen Gleichschritt hintereinanderher. Der Kommandeur hielt sich in der Mitte. Seine Uniform unter der glänzenden Panzerung war taubenblau, wodurch er leicht von den einfachen, hellgrau gekleideten Infanteristen zu unterscheiden war.

Während Jake sich oben an der Böschung ganz ruhig zwischen dem kahlen Gesträuch hielt, machte ihre penetrante Anwesenheit Jake wütend. Sie gehörten nicht hierher. Sie drangen wie ein Geschwür in seine Welt ein und nahmen sich das Recht, sie zu erforschen. Und nie wehrte sich irgendjemand – nie. Falls jemand es versuchte, zogen sie ihre Waffen. Falls man sich gegen sie zusammenschloss, kamen sie mit größeren Waffen. Die Aussichtslosigkeit der Lage breitete sich wie eine triste Landschaft vor Jake aus – wie eine graue, endlose Wüste. Um nicht einfach zu resignieren, half nur Wut. Sie pochte hitzig und heilsam in seinem Blut. Die Wut war alles, was noch Sinn ergab.

Sobald der letzte Soldat unter ihm um die nächste Kurve verschwunden war, erhob sich Jake. Ragan sprang auf, schüttelte sich kurz und starrte erwartungsvoll zu ihm hoch. Wie auf der Jagd spürte er die Spannung. Jake nahm jedoch mit äußerster Vorsicht die Verfolgung auf. Solange er sich über ihnen im Wald befand, führte er Morgan neben sich her. Auf ihre Schnelligkeit würde er erst auf der Ebene angewiesen sein. Jake ging nicht davon aus, dass die Patrouille sich über weite Strecken zu Fuß fortbewegte. In den Dörfern erzählte man sich gelegentlich, dass man sie in Kabinen mit Rädern hatte steigen sehen, die sie schneller von einem Ort zum nächsten brachten, als der Wind fliegen konnte. In jedem Fall würden sie breite Spuren hinterlassen. Das taten Patrouillen immer.

Jake ließ sich ein Stück zurückfallen. Der Nebelsee war ein lang gezogenes Gewässer. Zu dem schmalen Uferpfad gab es keine Alternative. Sie konnten ihm nicht entkommen. Da die Soldaten ein zügiges Marschtempo vorgaben, überraschte es Jake, als er sie plötzlich einholte. Zum Ende des Sees hin senkte sich die Böschung ab, und Jake erblickte den Helm des letzten Soldaten plötzlich direkt vor sich. Jäh blieb er stehen, sodass Morgan aufgeschreckt den Kopf hochriss. Rasch führte Jake sie ein Stück tiefer in den Wald und ließ Ragan bei ihr zurück. Dann lief er in gebückter Haltung vor, um zu sehen, warum die Patrouille gehalten hatte. Er sprang über umgestürzte Baumstämme, tauchte beinah lautlos unter tief hängenden Zweigen hindurch und wand sich an kahlem Gesträuch vorbei. Wer als Jäger nicht lernte, sich schnell und leise im Wald zu bewegen, würde niemals das Abendessen für seine Familie auf den Tisch bringen.

Die Soldaten duckten sich wachsam und hielten ihre Waffen im Anschlag. Durch die spiegelnden Visiere der Helme war ihre Blickrichtung nicht auszumachen, aber da ihre Oberkörper abwechselnd in unterschiedliche Richtungen gewandt waren, vermutete Jake, dass sie aufmerksam die Umgebung überblickten. Er verlangsamte sein Tempo, um sich noch unauffälliger anschleichen zu können. Die Patrouille schien einen Hinterhalt zu befürchten – vielleicht gerade weil sie sich auf dem Uferpfad so verletzlich fühlte.

Es kam Bewegung in die Soldaten, als der Kommandeur sich schließlich an die Spitze seiner Truppe durchdrängte. Jake folgte ihm langsam oben auf der Böschung, wo er vorsichtig durch den Farn robbte. Schlagartig hielt er inne, als ihm ein schriller Aufschrei wie ein Alarmsignal durch alle Glieder fuhr. Sein Herzschlag beschleunigte sich, doch er zwang sich zu ruhigen Bewegungen, als er vorwärtskroch. Endlich erreichte er die Spitze des Zuges und lugte zwischen den Farnen hindurch zum Ufer. Resigniert schloss Jake für einen Moment die Augen. Die Patrouille war hier draußen am See auf Safira gestoßen.

Der Kommandeur öffnete das Visier seines Helms und hielt seine Waffe drohend auf sie gerichtet. Er war jünger, als Jake erwartet hatte – sein Gesicht glatt rasiert und bestimmt von dunklen Augen und kräftigen Brauen, die sich angespannt zusammengezogen hatten. »Was ist?«, fuhr er sie ungeduldig an. »Bist du taub?«

Mit geweiteten Augen erwiderte Safira stumm seinen Blick. Ein wenig jünger als Jake lebte sie allein mit ihrem Vater in einer winzigen Hütte im Dorf. Sie war klein und sah mit ihrem fein geschnittenen Gesicht durchaus ganz hübsch aus. Durch ihre zurückhaltende Art fiel sie jedoch kaum auf. In Jakes Gegenwart schien sie fast nie zu sprechen. Jetzt war sie völlig erstarrt. Über den See strich kühl der Wind, fuhr in ihre hellblonden Haare. Als sie die Hand hob, um sich die langen Strähnen aus dem Gesicht zu streichen, legte der Kommandeur den schlanken Hals seines Gewehrs auf sie an.

»Achtung«, bellte er scharf. Die gesamte Patrouille nahm augenblicklich ihre Waffen in Anschlag. Jake vermutete, dass die Stimme des Kommandeurs über eine Applikation im Helm direkt zu seinen Soldaten übertragen wurde. »Bist du alleine? Oder waren noch andere bei dir?« Er machte eine ruckartige Bewegung mit dem Gewehr, wie um ihr einen Anstoß zu geben, endlich zu reden.

»Ich habe Freunde im Nachbardorf besucht«, erklärte Safira endlich.

»Welches Dorf?«, wollte der Kommandeur misstrauisch wissen. Das Nachbardorf war Meilen entfernt und wahrscheinlich konnte er sich nicht vorstellen, dass es möglich war, so weit zu Fuß zu gehen. »Wen hast du genau besucht?«

Jake musste sich konzentrieren, keinen Laut zu verursachen, als er sich vorsichtig rückwärts bewegte. So rasch wie möglich kehrte er zu seinem Pferd zurück und zog Morgan tiefer mit sich in den Wald. Der Pfad würde ihn ein Stück weiter unten zum Seeufer bringen. Morgan fiel in einen zügigen Trab und auf ein Wort hielt Ragan sich dicht an ihrer Seite. Jake musste vorsichtig sein. Es würde dem Kommandeur nicht gefallen, wenn Jake ihm auch noch in den Weg geriet. Er durfte ihn auf keinen Fall zu einer übereilten Reaktion provozieren. Gegen die Waffen der Soldaten war man wehrlos.

Als Jake um die letzte Biegung ritt, befand sich Safira mit dem Rücken gegen die Böschung gedrängt. Die Gewehrmündung war aus nächster Nähe auf ihren Kopf gerichtet. Sie hatte ihr Gesicht zur Seite gedreht und die Augen zugekniffen, als ließe die Angst nach, wenn sie nichts sehen musste.

»Ich mache das öfter«, stieß sie mit flacher Stimme hervor, »um meine Schwester zu besuchen. Wir haben nichts gemacht – außer geredet und Brot gebacken.«

Jake kam nicht näher unbemerkt heran. Einer der Soldaten musste eine Warnung ausgesprochen haben, denn der Kommandeur wirbelte mit der Waffe im Anschlag zu ihm herum. »Stopp«, befahl er scharf.

Jake brachte scheinbar überrascht sein Pferd zum Stehen. »Safira«, sagte er, »hier bist du! Ich habe dir doch gesagt, ich hole dich ab. Warum hast du nicht gewartet?«

»Steig ab«, verlangte der Kommandeur. »Steig runter von dem Tier.«

Gehorsam schwang Jake sein Bein über Morgans Hals und ließ sich zu Boden gleiten. »Ich habe Safira gesucht«, behauptete er und wies mit einer Geste in ihre Richtung.

»Jake«, rief sie erleichtert aus und wollte rasch an dem Kommandeur vorbeilaufen. Mit einem Schlag gegen ihren Brustkorb stieß er sie grob zurück. Safira stürzte lautlos zu Boden. Einen Augenblick lang fürchtete Jake, sie atmete nicht mehr. Besorgt machte er einen Schritt auf sie zu.

»Zurück!«, bellte der Kommandeur ihn an.

Safiras Körper krampfte sich zusammen, als sie japsend nach Luft rang.

Es gelang Jake nur mühsam, sich zu beherrschen. Hinter ihm hatte Ragan sich mit gesträubtem Nackenfell geduckt und ließ tief in seinem Brustkorb sein drohendes Knurren vibrieren.

»Wo kommst du her?«, verlangte der Kommandeur scharf zu wissen.

Jake spürte, wie seine Hand sich um Morgans Zügel verkrampfte, und er versuchte, seinen Griff zu lockern. Wahrscheinlich ließ sich die Situation nur klären, wenn Jake einfach die Fragen beantwortete.

»Safira sollte am Menhir auf mich warten. Aber sie ist nicht gekommen, da habe ich mich auf den Weg zurück zum Lager gemacht.«

Grimmig blieben die Blicke und die Waffe des Kommandeurs auf Jake gerichtet. Hinter ihm versuchte Safira, sich aufzurichten.

»Du meinst den aufgestellten Felsblock, der von hier in südlicher Richtung auf der Lichtung im Urwald liegt?«, vergewisserte er sich.

Jake nickte und legte unauffällig eine Hand in Ragans Nacken, als das Grollen aus seiner Kehle lauter wurde.

»Warum wolltet ihr euch dort treffen?«, fragte der Kommandeur misstrauisch.

Jake hob die Schultern. »Safira hat ihre Schwester im Waldlager besucht. Ich sollte ihr entgegenreiten, aber anscheinend haben wir uns verpasst.«

Der Kommandeur sah sich kurz zu Safira um und beobachtete, wie sie mühsam wieder auf die Füße kam. »Und das dient als Transportmittel?«, erkundigte er sich und schaute zu der Stute. In seiner Stimme lagen Skepsis, aber auch Neugier. Da er Kommandeur war, konnte es nicht seine erste Patrouille durchs Getto sein. Trotzdem hatte er sicher noch nicht viele Pferde gesehen und war wahrscheinlich noch keinem so nahe gekommen. Während Jake nickte, klebten die Blicke des Kommandeurs an der schlanken dunkelbraunen Gestalt des Tiers. Schließlich stieß er Safira grob die Mündung seines Gewehrlaufs in den Rücken, sodass sie mit einem Schmerzenslaut nach vorn stolperte.

Jake fing sie auf und hielt gleichzeitig Ragan im Nackenfell fest, der mit einem zornigen Kläffen nach vorn stürzte. Ein Schuss schlug im nächsten Augenblick direkt vor seinen Füßen ein. Morgan riss den Kopf hoch und tänzelte rückwärts. Safira klammerte sich an Jakes Arm fest, sodass es ihm kaum noch gelang, seinen Hund festzuhalten. »Runter«, zischte er ihm angespannt zu. Ragan legte mit untergezogenen Beinen ab.

Einen Moment lang hielten sie erstarrt voreinander inne. Niemand rührte sich. Die Soldaten warteten auf einen Grund, zu schießen und dieses Mal zu treffen. Jake und Safira bemühten sich, ihnen keinen zu geben. Endlich machte der Kommandeur eine ungeduldige Bewegung mit seiner Waffe. »Macht den Weg frei«, befahl er.

Noch ehe sich sein Visier wieder vollständig geschlossen hatte, wandte Jake sich um und stieg mit möglichst ruhigen Bewegungen in den Sattel seines Pferdes. Er reichte Safira eine Hand und überließ ihr kurz den Steigbügel, sodass sie sich hinter ihm hinaufschwingen konnte. Fest schlang sie beide Arme um seinen Oberkörper.

Jake nahm leicht die Zügel auf und Morgan machte mehrere Schritte in das seichte Wasser des Nebelsees.

»Ragan, hier«, zischte Jake seinem Hund zu, sodass er hastig zu ihm ins Wasser platschte. Mit tropfendem Bauchfell blieb er neben Morgan stehen. Die Patrouille brachte sich in Marschordnung und setzte sich nur Augenblicke später in Bewegung. In rhythmischem Schritt zogen sie an ihnen vorbei.

Jake hielt sein Pferd im Wasser ruhig, bis der letzte Soldat um die Biegung verschwunden war. Dann lenkte er Morgan zurück ans Ufer. Ragan sprang in wenigen Sätzen hinterher und schüttelte sich, wobei er kaltes Seewasser in alle Richtungen spritzte. Morgan schnaubte missbilligend.

»Jake«, brachte Safira mit zittriger Stimme hervor und umklammerte ihn wie eine Ertrinkende im Meer, »was wollten die von mir?«

Unschlüssig blieb Jake im Sattel sitzen. Es war unerträglich schwer, ihnen nicht zu folgen. Jetzt hätte er erst recht die heimliche Genugtuung gebraucht, zu wissen, wohin sie gingen. Schließlich wollten sie das von ihnen auch ständig wissen. Woher kommst du? Wohin gehst du? Warum? Dabei hatten sie hier draußen doch gar kein Recht dazu. Seit dem einzigen Aufstand im Getto vor über 50 Jahren ließ das System sie jedoch nicht mehr in Ruhe. Über alles, was die Dorfbewohner vielleicht planten, wollten sie informiert sein.

Mit Safira war es jedoch völlig aussichtslos, ihnen folgen zu wollen. »Das war nur die Patrouille. Die kommen doch ständig ins Lager.« Er versuchte, sich zu ihr umzusehen, aber sie schien ihr Gesicht irgendwo in seiner Kapuze zu verbergen.

»Ja«, gab Safira zu, »aber ich habe mich immer versteckt. Ich dachte, sie würden mich umbringen.«

»Bist du verletzt?«, erkundigte sich Jake besorgt.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie. »Es tut weh, wenn ich Luft hole.«

Vom Ende des Sees her erhob sich das durchdringende Sirren eines starken Antriebs. Die Soldaten hatten ihr Gefährt vermutlich auf dem Wiesenstreifen zurückgelassen, der als Schneise bis zur Ebene führte. Wo der Wald langsam seinen Griff um den See schloss, war es ihnen offenbar nicht von Nutzen. Jake seufzte leise. Das wäre der Moment gewesen, in dem er mit Morgan den Schutz des Waldes verlassen und ihr freien Lauf lassen sollte.

»Sieh mich nicht so an«, verteidigte er sich, als er Ragans vorwurfsvollen Blick bemerkte. »Das war nicht meine Schuld, Bruder.«

Safiras Griff lockerte sich endlich um seinen Oberkörper. »Du hast mir das Leben gerettet.«

Jake schüttelte den Kopf. »Das ist übertrieben«, widersprach er. »Ich bin mir sicher, dass sie dir nichts getan hätten.«

»Sie wollten mich mitnehmen«, rief sie aus.

Jake nahm die Zügel auf. »Dazu ist es ja nicht gekommen«, bemerkte er unbeholfen. »Was ist mit deinen Rippen?«

Safira ließ ihn endlich los, um ihren Brustkorb abzutasten, und stieß ein leises Zischen zwischen den Zähnen aus. »Es tut weh.«

Jake seufzte. »Dann bringe ich dich nach Hause und Althea kann sich das ansehen.«

»Wo bist du wirklich hergekommen?«, wollte Safira wissen, als sie ihn wieder umfasste.

»Ich bin ausgeritten«, behauptete Jake, während Morgan sich auf dem von zahlreichen Soldatenstiefeln ausgetretenen Uferpfad in Bewegung setzte. »Seit Neuestem stoße ich immer auf hilflose Mädchen, wenn ich ausreite«, versuchte er zu scherzen.

»Was meinst du?«, erkundigte sich Safira, hellhörig geworden.

Jake warf ihr über die Schulter ein kurzes Grinsen zu. »Beim letzten Mal habe ich eine Ausgestoßene gefunden«, erzählte er. »Wenn es nach Aidan ginge, dürfte sie wahrscheinlich in meinem Bett schlafen, bis sie wieder gesund ist.«

Mehrere Augenblicke lang blieb Safira still, ehe sie fragte: »Sie ist verletzt?«

»Angeschossen«, antwortete Jake. Safiras Griff um ihn verkrampfte sich. Jake versuchte, ein wenig von ihr abzurücken, aber sie hielt fest. »Wenn du das nächste Mal deine Schwester besuchen willst, sag mir Bescheid«, bat er sie. »Ich habe dir schon einmal gesagt, du kannst ein Pferd von mir bekommen. Es ist viel zu weit zu Fuß.«

»Ich habe zweimal in einer der Lagerhütten im Wald übernachtet«, entgegnete Safira leise. »Ich würde niemals mit einem deiner Pferde ausreiten. Wenn es mir wegläuft, könnte ich es dir niemals ersetzen.«

»Dann bringe ich dich hin«, schlug Jake vor. »Oder du sprichst dich mit jemandem ab, der auch Verwandte im Waldlager hat.«

Safira seufzte. »Jetzt kommt ja sowieso erst mal der Winter.«

Kapitel 7

Nells Bewusstsein war ein Morast. Irgendetwas drängte sie, irgendetwas sagte ihr, es sei von immenser Wichtigkeit zurückzukommen. Sie wurde jedoch immer wieder hinabgezogen. Sie kämpfte in der Grauzone zwischen Wachen und Schlafen. Sie wusste, dass da Leute waren. Hin und wieder spürte sie ihre Berührungen und hörte ihre Stimmen in den Nebeln. Sie selbst befand sich in fiebriger Raum- und Zeitlosigkeit, in der nichts wirklich Sinn machte und der Schmerz sie in Wellen überkam.

 

»Was ist mit ihr?«, fragte Aidan, als er neben ihr in die Knie ging. Althea und Lou machten ihr erneut kalte Wadenwickel.

»Wir brauchen noch mehr kaltes Wasser«, entschied Althea, nachdem sie ihre Stirn gefühlt hatte. »Ich denke, dann ist es gut.«

Während Lou mit der Schale in der Küche verschwand, um durch die Hintertür zu den Wasserfässern zu gelangen, beobachtete Jake, wie Aidan dem zitternden Mädchen eine Haarsträhne aus dem erhitzten Gesicht strich. Mit verschränkten Armen blieb er an den Esstisch gelehnt stehen. Althea hatte Safira untersucht und ihr gesagt, sie solle sich in den nächsten Wochen schonen. Dann hatte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das fremde Mädchen gerichtet. Safira verabschiedete sich mit einem zaghaften Lächeln von Jake.

»Was ist dieses Zittern?«, wollte Aidan wissen, der immer noch neben dem Mädchen kniete, als Lou mit frischem Wasser zurückkehrte.

»Solche Krämpfe hat sie immer wieder«, erklärte sie. »Althea sagt, sie habe das schon öfter bei Ausgestoßenen beobachtet.«

Althea nickte zustimmend. »Ihr Körper befreit sich vom System-Gift.«

Zögernd stieß Jake sich vom Tisch ab. Als er sich näherte, machten Althea und Aidan ihm sofort Platz.

Ihre Haut war ungesund gerötet und glänzte feucht. Eine Weile schauten sie nachdenklich auf das fremde Mädchen hinab, von der sie noch immer nicht einmal den Namen kannten. Ein heftiges Zucken überkam sie plötzlich. Ihr Atem beschleunigte sich.

»Da muss sie durch«, murmelte Althea, wobei sie sich wieder ihren Schalen voller Kräuterpasten zuwendete. »Das sind Entzugserscheinungen.«

Rasch kniete Lou sich neben sie und kühlte ihr mit einem feuchten Lappen das Gesicht. »Ich wünschte, das würde aufhören. Das ist furchtbar.«

»Was meinst du mit Entzugserscheinungen?«, wollte Aidan wissen.

»Du meinst die Substanzen, die sie nehmen, nicht wahr?«, vermutete Jake.

Aidan schüttelte den Kopf. »Sie ist noch so jung«, gab er zu bedenken.

»Eben.« Althea warf ein paar Blätter in einen Mörser und begann, sie zu zerkleinern. »Sie ist jung. Damit das so bleibt, nimmt sie Pillen. Und damit ihre Aufmerksamkeit und Konzentration nicht nachlassen. Um morgens wach zu werden und um gut zu schlafen. Und die fehlen ihr jetzt.«

»Kann man gar nichts tun, um ihr zu helfen?«, wollte Lou wissen.

»Es wird ihr noch eine Weile so schlecht gehen, aber dann hört es auf.« Die alte Frau legte den Mörser zur Seite und wischte die Hände an einem Tuch ab.

Aidan hob plötzlich den Kopf. »Ich glaube, sie spricht.«

Jake trat noch einen Schritt näher. »Was hat sie gesagt?«, wollte er wissen.

Lou wickelte in kaltes Wasser getränkte Tücher um ihre Waden. »Sie hat nur gemurmelt, das hat sie schon ein paar Mal getan.«

»Warum habt ihr das nicht gesagt?«, beschwerte sich Aidan. Verärgert sah er Althea an, als seine ältere Schwester nicht antwortete. »Was hat sie denn gemurmelt?«

Die Heilerin saß nun auf einem großen ledernen Sitzsack und überwachte Lous Arbeit.

»Nichts Wichtiges«, erwiderte sie. »Irgendeinen Namen.«

Jake beobachtete, wie Aidan sich dicht zu dem Mädchen beugte. Welche Hoffnungen er an sie knüpfte, war ihm ein Rätsel. Die Ausgestoßenen waren schon immer ihre einzige Informationsquelle gewesen, während das System mit Drohnen, Satelliten und Patrouillen Einblick in jeden Winkel ihres Lebens nahm. Zu mehr waren sie aber auch kaum zu gebrauchen.

»Julianne«, meldete Aidan endlich, »sie hat Julianne gesagt. Meint ihr, das ist ihr Name?«

Jake schnaufte verächtlich. »Warum sollte sie ihren eigenen Namen sagen.« Er wandte sich ab. »Ich gehe in den Stall«, informierte er die anderen, aber es interessierte niemanden. Aidan sah nicht einmal auf, als er die Tür öffnete. Der Geruch draußen hatte sich verändert. Es roch nicht mehr nach Regen, stellte Jake fest, sondern der feinere Duft von Schnee hing in der kalten Luft. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die ersten Flocken fielen, dachte er, während er fröstelnd seine Schritte beschleunigte.

 

Die Hitze, die fiebrig in ihrem Blut kochte, ebbte in langsamen Wellen ab. Fahle Kälte manifestierte sich in ihren Gliedern. Sie begann, den weichen Untergrund unter sich zu spüren. Sie erinnerte sich. »Julianne.« Fast im selben Moment fiel es ihr wieder ein. Sie waren getrennt worden. Nell riss die Augen auf.

Geradewegs schaute sie in das Gesicht eines Jungen – nicht sehr viel älter als sie selbst. Ihre Sicht war einen Moment lang verschwommen. Nur nach und nach setzte er sich wie ein Puzzle vor ihr zusammen. Er hatte warme blaue Augen. Ein Schopf dunkelblonder Haare fiel ihm in die Stirn und ein sanfter Zug schwang sich um seinen Mund. Er lächelte sie an.

»Ich bin Aidan«, sagte er. »Wie heißt du?«

Nell versuchte, sich aufzurichten und sich umzusehen. Der Schmerz wallte jedoch so stechend in ihr auf, dass ein Nebel aus Schwindel und Übelkeit ihr die Sinne nahm. Ein unkontrolliertes Zittern überkam sie. Angst ballte sich in ihr zusammen, weil es nicht aufhörte.

Es ist alles ein Missverständnis, wollte sie ihm sagen, aber als sie wieder in seine Richtung sah, blickte sie stattdessen in ein furchtbar altes Gesicht. Es war mit einem Netz von Falten und tiefen Linien überzogen. Die Wangen hingen seitlich herunter und die verschleierten grauen Augen schienen beinah wimpernlos. Die in einen langen Zopf geflochtenen Haare hatten jede Farbe verloren.

Entsetzt begann Nell zu strampeln. Die Welle aus Übelkeit und Schmerz brach über ihr und sie sank zügig hinab in die Dunkelheit. Dieses Mal war sie beinah erleichtert, von ihr gefangen genommen zu werden. Sie kämpfte nicht länger dagegen. Sie schwebte wieder in der Raum- und Zeitlosigkeit.

Irgendwann spürte sie, wie sie erneut nach oben trieb, wie ihr Bewusstsein in sie zurückströmte. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Wie eine Ewigkeit fühlte es sich an – und doch nur ein Augenblick. Woran sie sich erinnerte, war der Blick in warme dunkelblaue Augen. Doch als sie wach wurde und blinzelte, war niemand da. Sie hatte schrecklichen Durst und eine unstete Hitze brannte auf ihrer Haut. Erschrocken bemerkte sie, dass die Reste eines offenen Feuers neben ihr brannten. Der flackernde orangerote Flammenschein zuckte in die tiefe Schwärze, die sie umgab.

Mühsam versuchte Nell, sich aufzurichten, und fuhr alarmiert herum, als sie in den Rücken gestoßen wurde. Ihr wurde schwarz vor Augen, als sich ein stechender Schmerz in ihren Kopf bohrte. Dieses Mal kostete es sie jedoch nicht das Bewusstsein. Die Kontur eines riesigen Hundes zeichnete sich vor ihr ab, der feuchtwarm seinen Atem in ihr Gesicht hechelte. Sein Fell war schwarz mit grauen Abzeichen und einem grauen Kragen. Hinter ihm schwang ein buschiger Schwanz von einer Seite zur anderen. Noch nie in ihrem Leben hatte Nell ein so großes Tier gesehen. Sie hielt den Atem an, um es nicht zu reizen. Vorsichtig versuchte sie zurückzuweichen, stellte aber fest, dass ihr linkes Bein nicht gehorchte. Das Tier stieß mit der Schnauze zu und traf sie ins Gesicht. Es tat nicht weh.

»Du bist ja endlich wach«, erklang plötzlich eine helle Stimme aus der Dunkelheit. Als Nell vorsichtig den Kopf wandte, entdeckte sie ein kleines Mädchen. Wie einen Geist schälte das Licht des Feuers sie aus der Finsternis. Unter ihrem bodenlangen groben Gewand schauten bloße Füße hervor. Verstrubbelte blonde Haare umgaben ihr Gesicht.

»Ich heiße Mira«, sagte sie und blieb schüchtern mehrere Schritte von ihr entfernt stehen. »Und wer bist du?«

Nell starrte sie einen Moment lang ratlos an. Ein Getto-Kind. Es wunderte Nell, dass sie sich einigermaßen höflich vorstellte.

»Ist das dein Hund?«, fragte Nell schließlich statt einer Antwort.

Das Kind schüttelte den Kopf. »Das ist Jakes Hund«, erklärte sie. »Er hat dich gefunden.«

Nell warf einen zweifelnden Blick in das pelzige Hundegesicht. Das Vieh versuchte schon wieder, sie ins Gesicht zu stoßen. »Der Hund?«

Mira nickte zustimmend mit dem Kopf. »Und Jake hat dich hierher gebracht.« Sie kam nun näher zum Feuer und zog dabei eine Decke hinter sich her. Als sie sich vor Nell auf den Boden kniete, bemerkte Nell das Leuchten in ihren Augen. »Er hat dir das Leben gerettet«, berichtete Mira. »Du hattest gar keine warme Kleidung an und die Soldaten hatten auf dich geschossen.«

Nells Hand flog zu ihrem Bein. Das linke Hosenbein war abgeschnitten worden, ein Verband fest um ihren Oberschenkel gewickelt. Sie erinnerte sich an den brennenden Schmerz. Mittlerweile hatte er sich zu einer dumpf pochenden Hitze irgendwo unter ihrer Haut gedämpft. Gleichzeitig erinnerte sich Nell an die Entgeisterung und Resignation. Fast war das schlimmer gewesen – die schlagartige Gewissheit, dass sie aus dem System verbannt worden war.

»Wer ist Jake?«, fragte Nell, um die Erinnerung mit neuen Gedanken zu überdecken, wie sie es gelernt hatte.

»Er ist mein Bruder«, antwortete Mira mit einem stolzen Lächeln. Ihre Blicke schienen neugierig auf Nells Haut zu kleben und Nell konnte sie nicht abstreifen. Mira wartete einen Moment lang, doch als Nell nichts mehr sagte, wollte sie noch einmal wissen: »Hast du einen Namen?«

Sie nickte zerstreut. »Ich heiße Nell.« Der Hund legte sich dicht neben sie und schaute aus weichen dunkelbraunen Augen zu ihr auf. Nell rückte von ihm ab. Sie lag auf einem Tierfell, stellte sie entsetzt fest. Der scharfe rauchige Geruch des Feuers war so aufdringlich, dass er ihre Sinne benebelte. Der Kopfschmerz wurde schlimmer und Ekel stieg ganz plötzlich in ihr auf. »Ich glaube, ich brauche eine Schmerztablette«, sagte sie zu Mira. »Kannst du mir eine besorgen?«

Das Mädchen sah sie ratlos an. »Was ist das?«, wollte sie wissen.

»Ein Mittel gegen Schmerzen«, erklärte Nell irritiert.

»Ich kann Althea holen«, bot Mira an. »Das ist unsere Heilerin.«

Schaudernd erinnerte sich Nell an ein uraltes Gesicht, von dem sie geträumt hatte. Etwas so Entstelltes hatte sie nie zuvor gesehen. Der seltsame Name ließ das Bild in ihrem Kopf entstehen. Zuallererst musste sie herausfinden, wo sie war. Sie musste mit jemandem sprechen, der zuständig war und ihr Medikamente geben konnte. »Hör mal«, sagte sie zu Mira. »Kannst du jemanden holen, der hier das Sagen hat?«

Sie nickte eifrig und sprang eilig auf die Füße. »Das ist mein Bruder Aidan«, erklärte sie. »Der entscheidet hier alles.«

»Kannst du ihn bitten herzukommen?«, fragte Nell und wunderte sich, wie viele Brüder die Kleine wohl noch hatte.

»Klar«, stimmte sie zu. »Ich komme gleich wieder.« Sie flitzte los und ließ ihre Decke zurück.

Mit einem wachsamen Blick auf den Hund, versuchte Nell aufzustehen. Der Schwindel überkam sie so heftig, dass sie sich mit beiden Händen auf der Erde abstützen und reglos warten musste, bis es vorüberging. Das Herz flatterte ihr stolpernd durch den Brustkorb. Seufzend gab sie auf und blieb vor den glühenden Scheiten im Kamin liegen. Ihre Verletzungen schienen tatsächlich nicht ungefährlich gewesen zu sein. Allerdings wirkten sie fachmännisch versorgt und Nell hoffte, dass sie schnell heilen würden.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die Zimmerdecke über Nells Kopf schauerlich zu knarzen begann. Wenig später näherten sich Schritte und durch die schmale Tür an der Kaminseite des Raumes kam eine groß gewachsene Gestalt herein. Das Hemd, das der Person etwa bis zu den Knien reichte, schien aus demselben hellen Material gefertigt zu sein wie das des kleinen Mädchens. Ob hier alle so herumliefen? Oder trug man diese Hemden nur nachts? Die Gestalt bückte sich kurz, um aus dem Korb neben dem Kamin ein Holzscheit zu nehmen und auf die glühenden Reste des Feuers zu legen. Unwillkürlich zog Nell die Decke höher. In ihrer Position auf dem Fußboden fühlte sie sich schutzlos. Als die Flammen aufzüngelten, floss ihr warmes Licht über das Gesicht eines Jungen, der Nell irgendwie vertraut erschien. Es war nur schwer vorstellbar, dass er tatsächlich alles zu entscheiden haben sollte, wie seine kleine Schwester so stolz behauptet hatte, denn er sah nicht viel älter aus als sie selbst. Aber vielleicht täuschte das ja. Als er sie ansah, lächelte er, wobei sich ein Grübchen in seiner Wange bildete. Im System hätte er gelernt zu lächeln, ohne dass man es so deutlich sah.

»Nell«, sagte er, »wie fühlst du dich?«

 

»Entschuldigung«, wischte sie seine Frage mit einer ungeduldigen Handbewegung weg, »aber ich glaube, es gibt Wichtigeres zu besprechen.«

Sein Lächeln vertiefte sich. »Soll ich dir etwas zu trinken bringen?«, bot er an.

Vielleicht hatte er ihrer heiseren Stimme angemerkt, wie ausgetrocknet ihr Rachen war. »Das wäre nett, vielen Dank.«

Er verließ den Raum und kam gleich darauf mit einem Becher aus grobem Material zurück. Er fühlte sich schwer an in Nells Hand und rau, als sie es an die Lippen setzte. Das klare Wasser entschädigte sie jedoch für alles. Sie glaubte, nie zuvor eine solche Erleichterung empfunden zu haben, und erschrak darüber. Über so primitive Bedürfnisse wie Essen und Trinken hatte sie noch nie nachgedacht. Sie bemühte sich, ihre Gier nicht zu zeigen, doch der Becher war nach nur wenigen durstigen Schlucken geleert.

»Das Mädchen, das gerade bei mir war, sagte, du seist hier zuständig«, meinte Nell, während sie den Becher einfach auf dem Boden abstellte.

Er setzte sich mit untergeschlagenen Beinen zu ihr und legte seine Arme auf den Knien ab. »Das kann man so sagen«, bestätigte er.

Es überraschte Nell, wie wenig barbarisch er wirkte, obwohl er einfach auf dem schiefen Holzfußboden saß.

»Ich bin Aidan«, fuhr er fort. »Du bist schon mal kurz wach gewesen, aber vielleicht erinnerst du dich nicht?« Er ließ den Satz als Frage ausklingen.

Nell wollte bereits den Kopf schütteln, als sie sich an den Blick in seine warmen dunkelblauen Augen erinnerte. Sie hatte gedacht, es sei nur ein Traum gewesen, aber vielleicht war es eine echte Erinnerung. Trotzdem verneinte sie. Vermutlich erinnerten sich die meisten Menschen ständig an Dinge, aber man gab es einfach nicht zu. Das gehörte sich nicht. Es gehörte sich auch nicht, danach zu fragen.

»Wenn du Schmerzen hast, sag Bescheid. Unsere Heilerin kann dir helfen«, fügte Aidan hinzu.

Nell nickte erleichtert. »Ich schreibe ein paar Sachen auf, die ich brauche«, stimmte sie zu. Der Schwindel kroch ganz langsam in ihr herauf. Sie spürte, wie er sich anschlich, und konnte ihn trotzdem nicht abwehren. Um ihre Frage zu formulieren, musste sie sich konzentrieren. »Wo bin ich hier?«

»Im Lager der Jäger«, antwortete Aidan. »So nennen wir unser Dorf, weil wir diejenigen sind, die in diesen Wäldern jagen dürfen. Jake hat dich gefunden und hergebracht. Erinnerst du dich nicht?«

Nell schüttelte den Kopf.

Aidan musterte sie mit einem seltsamen Ausdruck, den sie beinah für Besorgnis hielt. »Du hast viel Blut verloren und warst halb erfroren. Wenn er dich nicht gefunden und so schnell hergebracht hätte, wärst du nicht mehr am Leben.«

Nell verbarg die in ihr aufsteigende Ungeduld. Fast wünschte sie sich, niemand hätte sie gefunden. Sie wollte niemandem im Getto ihr Leben verdanken. Sie waren Freie und würden es ausnutzen, wenn man in ihrer Schuld stand. Warum hatte er ihr überhaupt geholfen?

»Du musst wissen«, versuchte sie, Aidan zu erklären, und sprach langsam, damit er sie sicher verstand, »dass es alles ein Missverständnis ist. Es ist ein Fehler, dass ich hier bin.«

Aidan zog fragend eine Augenbraue hoch. »Was meinst du?«

Nell holte tief Luft, um dem Schwindel standzuhalten. Wahrscheinlich hatten diese Menschen keine Ahnung von der Welt draußen. »Das ist alles nicht so wichtig«, wehrte sie ab, um das Gespräch abzukürzen. Sie spürte, wie ihre Arme zu zittern begannen. »Ich habe eine Zwillingsschwester. Sie sollte ausgewiesen werden, aber sie haben uns verwechselt.«

»Nell?«, hörte sie gedämpft Aidans Stimme. Sie glaubte, sie falle, aber dann wurde sie nur ganz sanft wieder in die Felle gebettet.

»Du musst veranlassen, dass sie mich abholen«, brachte sie mühsam hervor.

»Das kann ich nicht«, glaubte sie Aidan antworten zu hören. »Es gibt keinen Weg aus dem Getto.«

Sie wehrte sich gegen die Dunkelheit, die sie überschwemmte. Panik pulsierte kurz in ihr, bis die kühle Nacht sie wiederhatte. In unbestimmten Zeitabschnitten wurde sie immer wieder an die Oberfläche geschwemmt, doch sie konnte sich nie halten. Erst ein kurzer Pfiff riss sie ganz abrupt aus dem Nichts in die Wirklichkeit. Sie zuckte zusammen.

»Los, Bruder«, hörte sie eine gedämpfte Stimme drängen, »beweg dich.«

Im nächsten Augenblick wurde sie unsanft am Kopf getroffen und riss erschrocken die Augen auf. Über ihr ragte der Hund auf und starrte erwartungsvoll auf sie herab. Sie drehte das Gesicht weg, als das Tier sie erneut anstupste. Das Feuer im Kamin war verglüht, aber durch die Fenster drang das silbergrau kühle Licht eines frühen Morgens. »Wir können sie nicht mitnehmen«, erklärte jemand dem Hund, als verstehe er menschliche Worte. Nell versuchte, sich aufzurichten, um zu sehen, wer sie geweckt hatte, doch ihre Augen mussten sich an das diffuse Licht erst gewöhnen. In der Mitte des großen Raumes stand ein runder Tisch. Der Junge, der mit dem Hund geredet hatte, nahm ein grobes Trinkgefäß aus einem ausladenden Schrank. Er verschwand durch eine Türöffnung und kehrte wenig später trinkend zurück.

»Was ist nun? Kommst du mit oder nicht?«, fragte er den Hund. Offensichtlich hielten die Getto-Bewohner ihre Tiere für ebenbürtig, dachte Nell.

Der Junge schien allerdings ausgewogen gebaut und gut trainiert zu sein – schlank und muskulös. Selbst als er sich eine unförmige Jacke überzog, konnte kein Zweifel aufkommen, dass er nahezu perfekt proportioniert war. Er schien genau Phenotyp B zu entsprechen – mit dunklen Haaren, braunen Augen, hohen Wangenknochen und einer geraden Nase. Seine Haare waren etwas schief geschnitten und er war schlecht rasiert, aber abgesehen davon, hätte er beinah als systemintern durchgehen können.

»Du bist Jake, oder?«, fragte Nell, indem sie sich auf einen Ellenbogen hievte. Überrascht wandte er sich zu ihr um. Sowohl Mira als auch Aidan waren ihr eher mit einer Mischung aus Sorge und Neugier begegnet. Er hingegen wirkte so feindselig wie Nell sich die Freien immer vorgestellt hatte. Dennoch musste sie daran denken, was er für sie getan hatte. Da sie nicht verhandlungsfähig gewesen war, hatte sie ihm kein Angebot machen können. Er war ihr durch nichts verpflichtet gewesen und konnte jetzt alles von ihr verlangen – für den Rest ihres Lebens, das er ihr geschenkt hatte.

»Ja«, bestätigte er. »Ich wollte dich nicht wecken. Ich bin gleich weg.« Er kam näher und griff nach den Stiefeln, die am Kamin standen. Er zog sie über und schnürte die weiten Schäfte mit Riemen fest. Nell beobachtete ihn und fragte sich verwundert, wie man sich so sorglos in so grobes Zeug kleiden konnte. Natürlich legten sie im Getto keinen Wert auf die äußere Erscheinung. Trotzdem wollte sie ihm zeigen, dass sie wusste, wie sehr sie in seiner Schuld stand.

»Ich möchte mich bedanken«, sagte sie. »Du hast mein Leben gerettet.«

Er sah sie einen Moment lang beinah nachdenklich an, ehe er die Schultern hob. »Das war keine große Sache«, wiegelte er ab.

Nell zog die Augenbrauen hoch. »Immerhin lebe ich, statt tot zu sein«, gab sie zu bedenken. »Für mich ist das eine große Sache.«

»Gern geschehen«, sagte er und griff nach Handschuhen. »Was ist nun?«, wandte er sich mit dem nächsten Atemzug an seinen Hund. »Kommst du?« Mit einem beinah trotzigen Schnaufen legte Ragan sich neben Nell nieder. Jake warf ihm einen schiefen Blick zu. »Verräter«, kommentierte er düster. Sobald er allerdings die Tür öffnete, sprang der Hund auf und lief eilig hinter ihm her. Im letzten Moment schlängelte er sich durch den sich schließenden Spalt. Nell hörte Jake draußen lachen. Erschöpft ließ sie sich zurück auf das Fell fallen und starrte an die hölzerne Zimmerdecke. Es war eine Zumutung, dass sie in Tierhäuten hier in einem öffentlich zugänglichen Raum liegen musste wie der erste Mensch.

 

»Ich habe von dir geträumt«, sagte die uralte Frau. »Du bist in den Wald gelaufen, hast dich zwischen das Unterholz geschlängelt und bist verschwunden, als gehörtest du dorthin. Und dann hat mich der Schrei einer Wildkatze geweckt.« Erwartungsvoll hielten die hellgrauen Augen sie fixiert, doch Nell hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. »Verstehst du?«, hakte sie mit ihrer rauen Stimme nach. »Es bedeutet, die Wildkatze ist dein Totem.«

Nell wusste nicht, ob sie lachen oder Angst haben sollte, sich an der Fantasie der Frau zu infizieren. Es war ihr immer leichtgefallen, Menschen zu durchschauen, aber im Getto schienen andere Gesetze zu gelten. Sie hatte keine Ahnung, was ein Totem sein sollte. Die Alte war verrückt, aber ihre Medizin half – das musste Nell zugeben. Sie schmeckte scheußlich, stank und war oft eine schmutzige Angelegenheit –, insgesamt nichts im Vergleich zu den handlichen Pillen, die sie gewohnt war. Trotzdem linderten sie ihre Schmerzen, sorgten dafür, dass ihre Wunden heilten und Nell nachts Schlaf fand. Entgeistert hatte Nell begreifen müssen, dass es alles war, was sie im Getto hatten, und vermutlich musste sie den Leuten auch noch dankbar sein, dass sie ihr von dem wenigen gaben, was sie besaßen.

Auch wenn die uralte Frau sie für eine Wildkatze hielt, half sie Nell, sodass sie bald mit den anderen am Esstisch sitzen und ihr Bett im ersten Stock des Hauses beziehen konnte. Sie musste sich das Zimmer mit Lou teilen, der älteren von Aidans und Jakes Schwestern.

Die Kälte kroch ins Land und nahm es in seinen eisigen Griff. Klaglos schien das Leben sich zu beugen. Nachts hielt man es nicht mehr allein im Bett aus, sodass Lou und Nell sich zusammen in ihre Decken wickeln mussten. Dennoch hatte Nell das Gefühl, immerfort nur zu frieren. Bald lag der Schnee so hoch im Dorf, dass man kaum die Tür aufbekam. Sie fühlte sich ohnehin nicht kräftig genug, nach draußen zu gehen und sich der Kälte und den neugierigen Blicken der Dorfbewohner auszusetzen. Sie würde warten müssen. Bis zum Frühling würde sie warten müssen. Vorher machte es keinen Sinn, einen Weg aus dieser Katastrophe zu suchen.

»Wir alle warten auf den Frühling«, erklärte Lou ihr. »Das tun wir immer und er hat uns nie enttäuscht.« Nell war nie bewusst gewesen, wie endlos, kalt und dunkel der Winter sein konnte. Immer wieder setzte sie sich hin, um zu meditieren, wie sie es im System getan hatte, summte ihre Melodie zur Entspannung, bis sie ins Nichts glitt. Sie malte Farben in ihren Kopf, mit denen sie ihre Erinnerungen überdeckte, wie sie es immer getan hatte. Und doch war es anders. Es gab zu vieles, was sie nicht vergessen wollte. Sie wollte sich erinnern, dass ihr Platz in der Welt ein anderer war.

Und so gab Nell eines Abends auf, als klagende Laute aus den fremden Tiefen der Wälder bis ins Dorf drangen. Sie fuhren Nell in die Glieder und ließen sie erschaudern. Wild, unzähmbar und frei klangen sie und saugten jeden Versuch der Gleichgültigkeit aus ihr heraus. Mit an den Körper gezogenen Beinen kauerte sie in der dunklen Hütte nahe den Glutresten im Kamin und lauschte den fremdartigen Rufen. Feuchte Kälte war ihr so tief in die Knochen gedrungen, dass sie am ganzen Körper bebte.

»Komm mit zu den anderen«, forderte Risa sie auf, als sie mit einem dicken Wollumhang aus dem oberen Stock herunterkam und Nell allein am Tisch im Wohnraum fand. »An den Feuern ist es warm und du solltest dich nicht ausgrenzen.«

Nell erwiderte nichts darauf. Sie musste sich nicht ausgrenzen, um zu wissen, dass sie nicht dazugehörte und Wärme war im Getto ein sehr relativer Begriff. Sie trug noch immer den Overall, in den man sie vor ihrer Ausweisung gesteckt hatte und auch mit den Pullovern und Umhängen, die ihr von den anderen geliehen wurden, zitterte sie.

»Heute Nacht heulen die Wölfe«, erklärte Risa. »Sie haben Jake eine Seele geschenkt.«

Skeptisch sah Nell zu ihr auf. »Was bedeutet das?«

Im dunklen Licht des Feuers verzogen sich Risas runde Wangen zu einem Lächeln. »Sie sind wie seine Brüder und Schwestern. Als er zu uns kam, sprach er nicht und lachte nicht, außer er spielte mit den Hunden oder hörte die Wölfe singen. Daher ist der Wolf Jakes Totem. Für uns bedeutet das eine Seelenverwandtschaft. Und heute Nacht rufen die Wölfe nach ihm. Sein Totem gibt ihm Kraft. Es bringt Glück, heute Abend mit ihm am Feuer zu sitzen. Wir kommen ihm zu Ehren zusammen und erzählen Geschichten.« Sie legte Nell eine Hand auf den Arm.

Obwohl sie es nicht ausstehen konnte, von einer Fremden so vertraulich berührt zu werden, widerstand sie dem Drang zurückzuweichen. Im Getto wusste man nie, was die Leute zuvor angefasst hatten – nur, dass es etwas Dreckiges gewesen sein musste. Es gab keine Desinfektionsmittel – nicht einmal bei den Latrinen außerhalb des Lagers.

»Komm, Nell«, drängte Risa sie erneut. »Um den Winter zu überstehen, brauchen wir alle Glück, damit wir nicht krank werden und uns das Essen nicht ausgeht. Wir müssen zusammenhalten. Also komm mit uns ans Feuer.«

Widerstrebend folgte Nell Risa nach draußen. Die Nacht loderte im Licht der prasselnden Lagerfeuer, die überall entlang der Dorfstraße entfacht worden waren. Die Dorfbewohner saßen in Kreisen um die Feuerstellen – redeten, aßen und lachten. Risa setzte sich zu ihrem Mann Keldon und schlang eine Decke um sie beide. Von einem der anderen Feuer bemerkte Nell das von verfilzten Haaren überwucherte Gesicht eines Mannes auf sich gerichtet. Der vom Feuerschein verzerrte feindselige Ausdruck ließ sie erschauern. Hastig setzte sie sich auf einen Sitzsack zu Risa. Im Prinzip war es nicht mehr als ein mit getrocknetem Gras gefülltes Lederkissen, aber es war besser, als auf der kalten Erde zu hocken. Lou saß in den Armen eines kräftigen Mannes, der sein Kinn auf ihrem Kopf abgelegt hatte. Sein Mund war ungewöhnlich breit, und als er Nell zulächelte, fand sie, dass es aussah, als blecke er die Zähne. Jake und Aidan saßen nebeneinander auf dem Stück eines alten Baumstammes, das sie hergeschleppt hatten. Sie halfen Mira und Lark, Brotstücke im Feuer zu rösten.

Nell zupfte Risa am Ärmel. »Wer ist der Mann da?«

»Welcher Mann?« Risa wandte sich um und ihr Blick verfinsterte sich, als sie Nells Blickrichtung folgte. Er starrte noch immer zu ihnen herüber. Seine Brauen bildeten einen einzigen Balken in seinem Gesicht.

»Das ist Darren«, antwortete Risa und tätschelte Nell kurz das Knie. »Geh ihm lieber aus dem Weg. Manche hier glauben, ihr Ausgestoßenen fühlt euch insgeheim noch immer dem System zugehörig und betrachtet euch als was Besseres. Er wird nie begreifen, dass euch selbst auch Unrecht getan wurde.«

Obwohl Nell Darren den Rücken zudrehte, glaubte sie, den Blick seiner schwarzen Augen noch immer im Rücken brennen zu fühlen. Natürlich gehörte sie ins System statt zu den Wilden, die draußen in der Kälte am offenen Feuer saßen und Fleischstücke direkt vom Knochen nagten. Das alles war ihr vollkommen fremd. Nell schauderte, als erneut das klagende Wolfsgeheul anhob, und lauschte lieber der Geschichte, die Althea erzählte:

»Einst waren es hundert Brüder, die auf der Erde wohnten. Sie hatten sich lange und erbittert gestritten und sich gegenseitig schreckliches Leid angetan. Schließlich einigten sie sich aber doch und teilten den Platz auf der Erde unter sich auf. Jeder lebte in seinem Gebiet und die Brüder trieben Handel untereinander – so wie wir es noch heute mit anderen Dörfern tun. Einige waren jedoch von einer schweren Krankheit befallen. Die Krankheit ließ sie niemals zufrieden sein. Rastlos pressten sie der Erde mehr ab, als sie geben konnte, und sahen eifersüchtig nur auf das, was die anderen hatten – selbst wenn es weniger war als ihr eigener Besitz. Es war die Gier, von der sie ergriffen waren. Die Gier ließ sie betrügen, stehlen, ausbeuten und morden. Auf diese Weise wurden einige von ihnen sehr mächtig, während andere unter großer Armut litten. Aber auch die Reichen gerieten bald in Schwierigkeiten, denn die Erde wurde müde unter dem Druck der Produktion. Die Brüder schlossen sich zu Gruppen zusammen, um den Handel zu erleichtern und sich gegen die Ausbeutung zu schützen. Die stärksten unter ihnen stellten die Regeln auf, an die sich alle halten mussten. Am Ende waren es nur noch vier Brüder, die ihre Regeln diktierten. Einer von ihnen hatte Angst, dass die vielen anderen sich einfach entscheiden könnten, ihm nicht zu gehorchen, oder dass sie über die verbliebenen Vorräte in Streit geraten und weiterhin morden würden. Also schaffte er die Freiheit ab. Als Erste Regel sollte gelten, dass jede Form von Freiheit schlecht sei. Denn Freiheit bedeute, sagte er den anderen, dass man nicht dazugehöre und keinen Platz in der Welt habe. Und nur wer einen Platz habe, könne Arbeit, Essen und ein Haus bekommen. Wer sich an die Regeln halte, sagte der Erste Bruder, dem gebe er Sicherheit. Weil es die erste Regel war, glaubten bald alle daran und niemand wollte mehr eine freie Entscheidung treffen oder den Ersten Bruder in Zweifel ziehen. Schließlich gab er ihnen, was sie zum Leben brauchten, und allein – so fürchteten sie – müssten sie sterben. Nur ein Bruder versuchte, den anderen zu erklären, was passierte: Niemand dachte mehr darüber nach, woher sie kamen, wer sie waren und wohin sie gingen. Alle folgten nur den Regeln. Niemand fragte sich, ob es gute Regeln waren. Doch als einige ihm zuhörten, sagte der Erste Bruder: ›Ich verdamme dich. Ich verdamme dich zur Freiheit. Ich töte nicht, aber du verlierst deinen Platz in dieser Welt und du musst allein zurechtkommen. Da bekamen alle große Angst und hielten sich wieder an die Regeln. Und so kam der erste Mensch ins Getto, wo er sich in die Natur einfügte und in Freiheit und Frieden lebte – so wie wir heute.«

Natürlich, dachte Nell, natürlich versuchen sie, sich die Freiheit schönzureden. Dabei mussten sie doch selbst die Kälte und den Hunger und den Dreck spüren, selbst wenn sie es nicht anders gewohnt waren. Trotzdem konnte einfach niemand glauben, dass ein Mann 99 Brüder hatte oder dass Tiere einem ihre Seelen schenkten oder dass die Freiheit gut war. Und wenn sie doch daran glaubten, waren sie dumm.

Prüfend musterte Nell Jakes Profil. Er musste einfach sein wie sie. Er wirkte so viel ungerührter und ernsthafter als die anderen.

»Ich hätte mich nicht so einfach vertreiben lassen«, tönte Aidans jüngster Bruder Lark. »Ich hätte mir von diesem Ersten Bruder gar nichts sagen lassen. Ich hätte den verhauen.«

Jake lachte mit den anderen und Nell beobachtete sie.

»Und dann?« Aidan ergriff Lark unter den Armen, wirbelte ihn hoch und drehte sich ausgelassen mit ihm im Kreis. »Was hätte der Erste Bruder wohl mit dir gemacht?«

Lark jauchzte vor Vergnügen, drängelte sich aber rasch zwischen Risa und Keldon, sobald Aidan ihn abgesetzt hatte.

Als Risa ihren Sohn auf den Kopf küsste und beide über Aidans und Jakes Erzählung ihrer Jagdabenteuer lachten, fühlte sich Nell mit aller Härte als der Fremdkörper, der sie war in dieser Welt. Sie atmete die rauchige Luft ein und beobachtete die aufsteigenden Funken. Leise, beinah unbemerkt schwebten Schneeflocken aus dem finsteren Himmel herab. Und es gab keinen Ort, um sich in Sicherheit zu bringen – kein beheizbares Gebäude, keine Untergrundtunnel, keine Brückengänge. Nell zog fest eine Decke um sich. Nie zuvor in ihrem Leben war ihr so kalt gewesen.

Dritter Teil

Die andere

hatte es nie gegeben.

Trotzdem war sie für immer

nur ein halber Mensch.

Kapitel 8

»Nell, einen Moment, bitte.«

Ungehalten wandte sie sich um. Egal, wer sie angesprochen hatte, er war einer in einer langen Reihe von Leuten, die irgendetwas von ihr wollten. Der Tag war lang und anstrengend gewesen und sie war müde.

»Es dauert nur einen Moment«, versicherte Ben mit einem entschuldigenden Lächeln. Offenbar war ihr Blick ihm nicht entgangen. Sie musste sich besser beherrschen – besonders Ben gegenüber. Ben war perfekt. Das war ihr sofort aufgefallen, als sie ihn vor etwa einem Jahr zum ersten Mal gesehen hatte. Nach dem Tag im Gericht war sie direkt nach Monacum gebracht worden und hatte im Ministerium für Gesellschaftliche Aufklärung eine Spezialausbildung in der Abteilung Medien und Propaganda absolviert. Anschließend war sie Generalsekretärin geworden. Ben war ein Kollege aus dem Ministerium für Verteidigung und er hatte Julianne mit seinen glänzenden schwarzen Haaren, dunklen Augen und athletischem Körperbau sofort gefallen. Es erfüllte sie mit drängender Ungeduld, dass er nie ihr Lächeln erwiderte und ihren Blicken hartnäckig auswich. Sie hatte nachgeforscht und erfahren, dass er mit Lorie – einem Mädchen aus ihrer Abteilung – einen Fortpflanzungsantrag gestellt hatte. Da Lorie weder seiner Kategorie noch seinem Phenotyp entsprach, hielt Julianne es für aussichtlos und fragte sich, warum er es überhaupt versuchte.

»Gehen wir in mein Büro«, lud sie ihn ein. Er folgte ihr den Gang zurück, über den sie ihrem Arbeitsplatz gerade hatte entfliehen wollen. Die Türen reihten sich in weißer Einförmigkeit aneinander. Julianne identifizierte sich über den Mini-Port in ihrem Zeigefinger und ihre Bürotür glitt lautlos seitwärts. Nur ein bescheidener Schriftzug an der Wand wies es als das Büro der Generalsekretärin für Medien aus. Die Nacht hatte die Fensterfront ihres Büros in einen riesigen Spiegel verwandelt. Tagsüber konnte sie ihren Blick über die ganze Stadt schweifen lassen. Jetzt sah sie nur sich selbst. Der fließende Stoff ihrer dunkelblauen Hose schwang beim Gehen leicht um ihre Beine. Die langärmelige Bluse hatte einen kleinen Stehkragen und einen langen V-Ausschnitt. Wie jeder K1-Bürger trug Ben die fast gleiche Garderobe. Sein Hemd war weniger tailliert geschnitten und er hatte den Kragen umgeschlagen.

Julianne war froh, dass sie sich die Zeit genommen hatte aufzuräumen. Ihre Arbeit war sorgfältig in die Wandmodule einsortiert, sodass nichts herumlag. Ordnung wirkte professionell. Gleichzeitig schien der Raum mit seinem endlosen, glänzend schwarzen Fußboden aber auch schrecklich leer. Der Schreibtisch spannte sich als langer Bogen entlang der Fensterfront. Sorgfältig zupfte Julianne ihre Bluse zurecht, damit ihr Ausschnitt etwas tiefer rutschte, ehe sie sich in ihren Sessel fallen ließ. Erwartungsvoll sah sie zu Ben auf.

Er schob einen Datenträger in eine der Buchsen in der Schreibtischplatte und aktivierte ihn über den Mini-Port in seiner Fingerkuppe. Julianne beugte sich neugierig über den Schreibtisch und stellte frustriert fest, dass ihr Ausschnitt Ben nicht interessierte. Er hielt den Blick auf die Tischplatte gerichtet, auf der im nächsten Moment eine Systemkarte aufflammte. In dem gezeigten Maßstab waren nur die großen Städte eingetragen. Monacum, die Hauptstadt, war mit einem Stern markiert. Hier, beinah im Zentrum des Systems, befanden sich die Regierungsgebäude – unter anderem das Ministerium für Gesellschaftliche Aufklärung.

Wie immer war es ein erhebendes Gefühl, das System vollständig vor sich ausgebreitet zu sehen. Es war in seiner Größe nicht an erster Stelle unter den vier Mächten, aber in seiner Effizienz, Produktivität und Innovationskraft würde es immer an erster Stelle stehen – ebenso bei der Lebenszufriedenheit. In der Regel erfanden sie die Zahlen, aber es bedeutete nicht, dass sie nicht stimmten.

Juliannes Blick glitt die Systemküste entlang – hoch hinauf in den Norden mit seinen Fjorden, in den Süden, wo es seine Inseln ins Meer streute und hinaus in den Osten. Der Fluss Volga bildete dort die Grenze zu dem Kontinent im Osten. Hohe Schutzwälle verstärkten die natürlichen Barrieren. Trotzdem war es wie ein leiser Stich in ihr, dass nicht auch im Osten die Grenze das Meer war. Es wäre einfach ästhetischer gewesen. Ihr Blick zuckte über den weißen Fleck an der Westküste. Das Getto störte ebenfalls das Bild. Für das Wohl der Gesellschaft hatte es aber seine Berechtigung.

Durch eine kurze Berührung wählte Ben eines der Tools am Rand der Karte aus. Seine Finger flogen über den Touchscreen. Er markierte mehrere Regionen, schnitt sie aus, vergrößerte sie und arrangierte sie auf der Schreibtischplatte. »Das sind die Bezirke 6 bis 9 im Äußeren Ring von Bruksel«, erklärte er. »Daneben haben wir das gesamte Stadtgebiet von Roma und die Harvetka-Region.« Er begegnete ihrem erwartungsvollen Blick. »Alle diese Regionen erleben zurzeit sinkende Wachstumsraten. Zum Teil sind Unruhen ausgebrochen, weil es klimatisch bedingte Versorgungsschwierigkeiten gab – insbesondere mit Wasser. Gleichzeitig war die medizinische Versorgung schlecht. Weil die Regionen unattraktiv für K1-Menschen sind, ist wenig Unterstützung dorthin geflossen.« Wieder lenkte er ihren Blick mit einer Geste auf den Screen und sie folgte seinem Fingerzeig zu einigen Diagrammen, in denen die Ergebnisse seiner Analysen abgebildet waren. Er stützte sich auf der Schreibtischplatte ab. »Die gemessene Lebenszufriedenheit ist in den Gebieten auf den kritischen Wert gesunken.«

Irritiert musterte Julianne ihn. »Du arbeitest beim Grenzschutz«, bemerkte sie. »Seit wann nehmt ihr dem Wirtschaftsministerium die Arbeit ab?«

Ben schüttelte den Kopf. »Ich bin Mitglied einer Soko aus Mitarbeitern der Inneren Sicherheit, allen Abteilungen des MWF und uns.«

Verzweifelt versuchte Julianne, die aufsteigende Hitze in ihren Wangen zu bekämpfen. Es gab keinen Grund rot zu werden. Sie musste nicht über die Existenz der Sonderkommission Bescheid wissen. Resigniert nahm sie zur Kenntnis, dass alle Bemühungen ihre Gesichtsfarbe vermutlich nur intensivierten. Zum ersten Mal war sie froh, dass Ben sie ohnehin nie ansah.

»Zur Vorsicht wurden Soldaten angefordert und ein Statut verabschiedet, das Kommandeure zur Einberufung von Standgerichten befugt. Durch Massenausweisungen wäre aber zu befürchten, dass sich das Problem in die Nachbarregionen verlagert«, fuhr Ben fort. Fragend sah er sie an. »Meinst du, ihr könnt uns mit entsprechenden Kampagnen unterstützen?«

Julianne atmete tief ein, um sich auf die Dinge zu konzentrieren, die nichts mit Bens dunkelbraunen Augen zu tun hatten. Routiniert strich sie sich eine lange schwarze Haarsträhne hinters Ohr. »Auf den ersten Blick möchte ich nicht zu viel sagen«, meinte sie nachdenklich. »Die genauen Statistiken muss ich morgen in Ruhe studieren. Dann lege ich das meinem Chef vor. Tele-Kampagnen sind in Roma vermutlich kein Problem«, meinte sie und tippte auf die entsprechenden Ausschnitte. »Sie werden einen Effekt haben, wenn der Prozentsatz der fest im System Integrierten noch hoch genug ist. Wo das nicht der Fall ist, müssen wir eine Abschreckungskampagne starten. Kann ich Zugang zu den Daten bekommen?«

»Sicher«, stimmte Ben zu und entfernte den Datenträger aus der Buchse. »Wir können ihn auf dich freischalten, aber die Angelegenheit unterliegt Geheimhaltungsstufe 2.« Während der Monitor in der Schreibtischplatte erlosch, führte Ben den Dorn des Datenträgers in den Mini-Port in seinem Zeigefinger ein, um dem Sensor Zugang zu seiner DNA zu verschaffen.

»Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, Nell«, sagte er, als sie langsam den Schreibtisch umrundete und sich schließlich dicht neben ihn auf ihre Schreibtischplatte setzte. Sie streckte ihre Beine in sein Sichtfeld, aber er ignorierte sie wie üblich. Beinah stockte ihr der Atem in den Lungen, weil sie sich so sehnte – nach nur einem Blick, der ihr galt, nur einer Berührung. In ihr war alles so leer. Mit der Aussicht wie jeden Abend in ihrer stillen Wohnung zu sitzen, brannte die Einsamkeit in ihr. Es blutet mir das Herz. Unerträglich war, dass es ihr nie gelang, diese wiederkehrenden Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Eigentlich gab ihr das System doch alles, was sie brauchte. Während sie den Mini-Port in ihrem eigenen Finger über den zweiten Dorn des Datenträgers senkte, sah sie Ben unverwandt an. Er musste es doch merken. Warum hob er nicht einfach den Kopf? Dicht beieinander verharrten sie für einen Moment. Es hatte etwas so Intimes und sie wollte es in sich aufsaugen. Es strömte in sie hinein wie ein Wasserfall und schien ebenso schnell zu versiegen.

Ein grünes Licht entflammte im Datenträger. Ben machte seinen Finger los.

Sie verstaute den Datenträger in einem ihrer Wandmodule, ehe sie sich zu Ben umsah. »War es das? Oder hast du noch andere Wünsche?«

Hastig schüttelte Ben den Kopf. »Nein, das war alles«, versicherte er. »Tut mir leid, dass es so spät geworden ist.« Er ging auf die Tür zu und sie folgte ihm, obwohl sie nichts so abschreckend fand wie den Gedanken an ihre leere Wohnung. Nach einem langen Arbeitstag fiel sie in die Stille wie in ein Loch. Auf dem langen, hell ausgeleuchteten Gang in Richtung der Aufzüge hallten die Absätze ihrer Schuhe in ihrem Kopf wider. Ihr blieben nur wenige Schritte, um ihn zu überzeugen, sie zu begleiten. Ben verhielt sich ganz und gar wie ein normaler konformer Systembürger, aber sie konnte nicht allein sein.

»Wo musst du hin?«, erkundigte sich Ben, als sie hinter ihm die Kabine des Fahrstuhls betrat. »In die Quartiere?«

Sie nickte nur und hielt sich an einer der Haltestangen fest, während Ben einige Befehle in den Bordcomputer eintippte. »Dreiunddreißigste Etage«, murmelte sie.

Ben lehnte sich ihr gegenüber an die Kabinenwand, als der Aufzug sich zunächst in seitlicher Richtung in Bewegung setzte. Die Fahrt ging durch den Schacht in Block IV – einen der Arme des sternförmigen Gebäudes, in dem die Appartements der Regierungsangestellten lagen. In den spiegelnden Kabinenwänden konnte Julianne sehen, wie erschöpft sie aussah. Ihre Wangen waren blass und ihre Augen umschattet. Sollte ihren Vorgesetzten auffallen, dass ihre Kräfte nachließen, würde das Fragen aufwerfen. Das System hatte zu viel in ihre Ausbildung investiert, um Versagen zu akzeptieren. Sie musste ihre Pillendosis erhöhen.

Der Aufzug verharrte kurz an einer Schnittstelle und surrte dann in die Höhe. Die leichte geschwindigkeitsinduzierte Vibration kehrte in den Boden der Kabine zurück.

»Warum kommst du nicht noch einen Moment mit zu mir?«, fragte Julianne endlich. »Oder wir gehen in einen Klub.« Als der Fahrstuhl auf ihrem Gang hielt und sie nach draußen trat, rührte Ben sich nicht. Fragend sah Julianne ihn an, doch er wich wie üblich ihrem Blick aus.

»Ich kann nicht«, meinte er rasch. »Ich habe noch einen Termin.«

Julianne musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. »Jetzt noch?«

»Tut mir leid«, erwiderte er. »Ich gehe in eine Eiskunst-Show.«

Sie lächelte spöttisch. »Unterhaltung für K3«, kommentierte sie. »Das tust du dir an?«

Er hob die Schultern. »Ich begleite Lorie. Sie arbeitet in deiner Abteilung.«

Ungeduldig nickte Julianne. Mitarbeiter, die ganz unten in der Abteilung für Medien anfingen, bekamen oft so undankbare Aufgaben wie den Besuch der Shows. Sie beobachteten die Reaktion des Publikums und maßen Begeisterungsspitzen. Auf diese Weise konnten die Unterhaltungsprogramme optimiert werden. Obwohl Juliannes Haut brannte wie in einer allergischen Reaktion auf die Einsamkeit, die sie erwartete, wandte sie sich kommentarlos zum Gehen. Mit erhobenem Kopf ging sie los, ohne sich noch einmal umzusehen.

Ihre Unterkunft lag am Ende der spitz zulaufenden Sternspitze. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich gegen die Wand. Mit angehaltenem Atem wartete sie, während alles in ihr in die ausgedehnte Leere der Wohnung hinausdiffundierte. Glänzend weißer Fußboden erstreckte sich vor ihr. Auf drei unterschiedlich hohen Podien befanden sich eine Sofalandschaft, ein Arbeitsplatz und ihr Bett. Durch die rundum laufenden Fenster blickte schwarze Nacht herein. Sie ließ ihre Schuhe neben der Tür stehen und durchquerte barfuß den Raum, um dicht vor den deckenhohen Fenstern stehen zu bleiben. Unter ihr erstreckte sich die bunte Lichterwelt der Stadt. Sie schwebte darüber. Selbst wenn sie mittendrin war, selbst wenn sie die Nacht in einem ihrer Lieblingsklubs verbrachte, schien irgendetwas von ihr nie ganz Teil davon zu sein. Sie tat, als wäre dieses Gefühl nicht da, aber es hielt sich hartnäckig in ihr, bohrte unablässig.

Juliannes Blick stellte sich scharf auf ihr eigenes Gesicht im Spiegel der Scheibe. Perlenblass hob es sich gegen ihre schwarzen Haare ab. Sie betrachtete ihre feine Nase, die Kurve ihrer Brauen, den Schwung ihrer Lippen und das helle Schimmern ihrer grünen Augen. Sie betrachtete ihr eigenes Gesicht und sah eine andere.

 

Ganz zaghaft schlich sich Helligkeit in den Wald. Durch das dichte Blattwerk rieselte es zögerlich bis zur Erde. Erst als sich in den Baumkronen nach und nach der Vogelgesang erhob, wurde Nell klar, wie still es zuvor gewesen war – wie immer in der kurzen Zeit vor Sonnenaufgang, wenn das Nachtgetier davongehuscht war, der Tag aber noch auf sich warten ließ. Ihre Knie schmerzten. Ohne ein Geräusch zu verursachen, verlagerte sie ihr Gewicht und zog die Decke fester um sich. Sie war dankbar für Aidans warmen Körper an ihrer Seite. Noch waren die Nächte kalt.

Ihr Atem floss im gleichen Rhythmus, während sie beobachteten, wie sich die Silhouetten der Bäume und Sträucher aus den Schleiern der Dunkelheit wickelten. Reglos hielten sie sich in dem dichten Gesträuch, bis eine Gruppe Rotwild im Dämmerlicht an die Wasserstelle trat. Langsam atmete Nell aus. Noch immer wollte ihr das Herz schneller schlagen, wenn die wilden Tiere ihr so nahe kamen. Ihre großen muskulösen Körper besaßen eine so selbstverständliche Schönheit, das Nell lange gebraucht hatte, sie zu erkennen. Jetzt glitt ihr Blick andächtig über das glänzende Fell. Ganz in ihrer Nähe staute sich der Bachlauf zwischen ausgehebelten Wurzeln zu einem tiefen Becken. Die Tiere traten zur Trinkstelle und senkten ihre Mäuler ins Wasser. Lautlos bewegte Nell sich seitwärts, um Aidan Platz für den Bogen zu machen. Er legte einen Pfeil an und spannte ihn auf die Sehne, schüttelte aber mehrmals den Kopf. Sie wusste, was das bedeutete. Die Tiere in ihrer Nähe waren Kühe oder Jungtiere. Zu dieser Jahreszeit wurden sie nicht geschossen.

Im System glaubten sie, wer ins Getto ausgewiesen wurde, der wurde in die Freiheit ausgewiesen – hatte keinen Grund mehr, morgens aufzustehen, kannte keine Regeln, musste in ständiger Angst sein, der Nächste würde ihm sein Messer in den Rücken stoßen, weil man das größere Stück Brot bekommen hatte, dürfe nicht auf Hilfe hoffen, weil kein ehrlicher Vertrag möglich und jeder andere nur an seinem eigenen Wohl interessiert war. Sie hatten sich geirrt. Es gab Regeln im Getto und die Menschen hielten sich streng daran. Nur die Jäger durften in den Wäldern auf Beute gehen. Sie garantierten, dass der Tierbestand stabil blieb. Das Fleisch tauschten sie im Handel gegen Waren aus den anderen Dörfern ein. Aus Erzählungen wusste Nell, dass es außer dem Lager der Jäger fünf weitere Dörfer gab. Die Fischer lebten direkt an der Küste. In einem Dorf in den Bergen nördlich des Feuerbergs hatten sich die Bewohner auf die Herstellung von Stoffen und Kleidung spezialisiert. Die Feldbauern hatten sich am Westufer eines großen Sees im Süden des Gettos angesiedelt. Die Handwerker lebten am Ostufer desselben Sees. Sie waren besonders geachtet im Getto, weil die Handwerkskunst viel Wissen erforderte. In einer Welt, in der das einfachste Messer als kostbar galt, wunderte es Nell nicht. Ein ausgedehntes Waldgebiet streckte sich zwischen dem Feuerberg und dem großen See aus. Irgendwo in dessen Tiefen lebten die Sammler im Waldlager. Sie waren die Ärmsten im Getto. Zwar brauchte man in den anderen Dörfern das Feuerholz, das sie anboten, aber die Nüsse, Beeren und Wurzeln waren nicht übermäßig beliebt. Gesehen hatte Nell keines der anderen Dörfer. Die geringsten Entfernungen waren weit, wenn man sie zu Fuß überwinden musste – womöglich durch dichtes Unterholz oder über einen Bergrücken hinweg. Zu Nells Überraschung funktionierte das Leben im Getto jedoch. Sie erlebte bereits ihr zweites Frühjahr im Jägerlager.

Sie hielt die Hündin neben sich im Nacken fest. Das Tier hatte die Schnauze auf die Erde gedrückt, aber unter ihrem Fell spürte Nell die Spannung in den Muskeln. Die Hündin wartete nur auf das Signal.

Nell zuckte zusammen, als Aidan seinen Pfeil von der Sehne schnellen ließ. Die Wildtiere stoben auseinander. Ein Bock taumelte getroffen ins Gebüsch. Die Hündin hechtete mit einem befreiten Jaulen los. Aidan rannte hinterher. Nell blieb zurück. Sie würde sich niemals daran gewöhnen – an den Moment des Tötens. Obwohl ihr klar war, dass sie darauf angewiesen waren. Im System war sie einfach nie mit so existenziellen Fragen wie der Nahrungssuche konfrontiert worden.

Das Prasseln im Gebüsch erstarb nach wenigen Augenblicken. Es war ein sauberer Schuss gewesen. Immerhin war die lange Wartezeit endlich vorüber. Nell erhob sich aus ihrer knienden Position und streckte die Beine, ehe sie sich in entgegengesetzter Richtung auf die Suche machte. Mittlerweile erkannte sie die feinen Blätter der Kräuter und Moose mit Leichtigkeit. Althea glaubte, es sei ihre Berufung, weil sie so schnell lernte. Nell wusste aber, dass sie alles so schnell lernte – abgesehen von einigen Besonderheiten des Gettolebens.

Sie sortierte die Pflanzen, Pilze und Rinden in verschiedene Lederbeutel, die sie mitgebracht hatte – eine Aufgabe, die all ihre Konzentration verlangte. Im Wald schien vieles zu sein, was es nicht war. Im Zweifelsfall starb man an einem Irrtum. Anfangs, als sie Althea auf die Suche begleitet hatte, erschienen ihr die Kratzerei in der Erde und die Zupferei an den Baumstämmen als reiner Irrsinn und die Verabreichung der Ernte bei Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten als Wunderglaube. Tatsächlich steckte hinter Altheas Salben, Tinkturen und Teemischungen jedoch mehr Wissenschaft, als es auf den ersten Blick schien. Auch wenn nichts davon so effizient, unkompliziert und sauber wie im System funktionierte. Aber es war alles, was sie hatten und Nell hielt es daher für nützlich, sich damit auszukennen. Immerhin hatte sie eine Aufgabe, die nichts mit dem Ausmisten von Ställen zu tun hatte. Jake wollte ihre Hilfe sowieso nicht, obwohl sie ihm zugestanden hätte. Und so war Nell im vergangenen Jahr zu der alten Dorfheilerin in die Lehre gegangen. Doch obwohl sie sich im Lager der Jäger eingewöhnt hatte, sehnte sie sich noch immer nach dem System zurück. Denn auch wenn das Leben im Getto funktionierte, schrie es ihr die Entbehrungen und die Primitivität mit jedem Wimpernschlag entgegen.

Während die Sonne sich zügig höher in den Himmel schwang, sammelte Nell mit flinken Fingern die zarten Pflänzchen.

»Wie lange brauchst du noch?« Als Aidans Stimme so plötzlich hinter ihr erklang, drehte sie sich zu ihm um. Der Bock lag zu seinen Füßen. Die Hündin saß mit wachsamer Miene daneben. Aidan lehnte mit verschränkten Armen an einem Baum. Das Licht glänzte sonnenhell auf seinen Haaren.

Nell lächelte ihm zu. »Du beobachtest mich schon länger.«

»Sonst bist du nicht so leicht zu überraschen«, entgegnete er.

Nell warf ihm einen schiefen Blick zu. »Sehe ich überrascht aus?«

Aidan lachte und das Grübchen kam in seiner Wange zum Vorschein. Mittlerweile fand Nell es weniger irritierend. »Du siehst nie überrascht aus«, meinte er, »aber das heißt nichts.«

Sie schnürte die Riemen ihrer Ledersäckchen zusammen und hängte sie über die Schultern. »Wir können nach Hause«, sagte sie. »Ich bin fertig.« Sie folgte Aidan durchs Gebüsch bis zur nächsten Lichtung, wobei sie versuchte, nicht den Bock anzusehen, den er über die Schulter gehievt hatte.

Morgan, die schokoladenbraune Stute, die Jake ihr ausgeliehen hatte, streckte neugierig ihre Nüstern vor und versuchte, an ihren Lederbeuteln zu knabbern. Lachend schob Nell ihren Kopf zur Seite. »Ich weiß, das riecht gut«, meinte sie, »aber das ist nicht für dich.« Sie zog die Decke glatt und kontrollierte den Sitz des einfachen Sattelzeugs. Als sie sich hochziehen wollte, umfasste Aidan sie plötzlich von hinten. Rasch wandte sie den Kopf, war aber gefangen zwischen ihm und dem warmen Pferdekörper. Er lächelte und beinah unwillkürlich lächelte sie zurück.

»Wenn das Sonnenlicht in deine Augen scheint«, sagte er, »erinnern sie mich an einen Waldsee.«

Verwundert erwiderte sie seinen Blick. »Was meinst du?«

Er gab ihr Schwung und hob sie auf den Pferderücken. »Das war ein Kompliment«, erklärte er.

Nell beobachtete ihn, während er auf sein eigenes Pferd stieg und am Halfterstrick des Packpferdes zupfte, damit es neben ihn trat.

»Hast du noch nie gesehen, wie tief ein Waldsee in der Sonne leuchtet?«, wollte er wissen.

Nell gab sich Mühe. Mit Althea war sie ein paar Mal an dem kleinen Waldsee gewesen, der sich nicht weit hinter den Pferdeweiden befand und aus einem Seitenarm des Flusses gespeist wurde, der aus den Quellen des Feuerberges herabkam und sich in zahlreichen Windungen dem Meer entgegenschlängelte. Für sie war es jedoch nur Wasser gewesen. Ein besonderes Leuchten war ihr nicht aufgefallen.

Aidan lachte über ihre konzentrierte Miene. »Achte mal darauf. Dann wirst du wissen, was ich meine.«

Nell duckte sich unter einigen tief hängenden Ästen hindurch, als Morgan sich in Bewegung setzte und zwischen den Bäumen hindurch zurück auf den Pfad schritt, über den sie gekommen waren. Sie war froh, dass der Weg zu schmal war, um nebeneinanderzureiten. Manchmal glaubte sie, dass sie Aidan gefiel. Aber im Getto bedeutete das so viel. Die Menschen schienen sich gegenseitig mit ihren Gefühlen zu überschwemmen, bis man nicht mehr atmen konnte. Nell würde niemals dabei mithalten – selbst wenn sie sich anstrengte.

Als sie den Wald verließen und bereits das Ostufer des Nebelsees vor sich sahen, schreckte ein schriller Pfiff sie auf. Suchend sahen sie sich um und entdeckten zwei Reiter, die sich in leichtem Galopp über den Wiesenstreifen näherten. Aidan winkte ihnen zu. »Sieh mal, das sind Luk und Tobin.«

»Sie werden immer anhänglicher.« Nell brachte Morgan zum Stehen. Es war keinen Monat her, seit die beiden zuletzt im Lager der Jäger gewesen waren, und der Weg aus der Stätte der Handwerker war weit. Selbst mit ausdauernden Pferden waren es mehrere Tagesritte.

»Was für ein Zufall«, rief Tobin und sandte ihnen schon von Weitem sein breites fröhliches Grinsen entgegen. »Wie ich sehe, ist für den Festschmaus bereits gesorgt.« Er drängte sein Pferd an Morgans Seite, um Nell überschwänglich in den Arm zu nehmen. Morgan kniff das andere Pferd missgelaunt ins Hinterteil, sodass es zur Seite sprang. Hastig klammerte Nell sich an Tobin fest, als sie den Halt verlor. Sein Pferd bockte aufgeschreckt und sie landeten beide lachend im Gras. Immer noch grinsend richtete Tobin sich über Nell auf und sah mit blitzenden blauen Augen auf sie hinunter. »Schön, dich wiederzusehen.«

»Du bist ja auch oben gelandet«, entgegnete sie und schob ihn mühsam von sich runter. »Was macht ihr schon wieder hier?«

Scheinbar beleidigt richtete Tobin sich auf. Die blonden Haare standen ihm zerzaust vom Kopf ab. »Du könntest zumindest so tun, als würdest du dich freuen.« Unter seiner gerunzelten Stirn blitzte jedoch der Schalk, sodass sie ihn nur spaßhaft in die Seite knuffte. Von allen aus Aidans Familie hatte er das leichteste Gemüt. Die beiden waren Cousins.

Als Nell auf die Füße kam, war Luk bereits losgeritten, um ihre Pferde wieder einzufangen. Nell verstand nicht, wie er es aushielt, Tobins bester Freund zu sein und ständig in Ordnung zu bringen, was er mit seinen Späßen durcheinanderbrachte. Luks Geduld musste nahezu unerschöpflich sein. Immerhin hatte er Reiten mit Nell geübt, wann immer er im Lager war und bei ihren lange Zeit ungeschickten Versuchen nie die Fassung verloren.

Als er ihr nun Morgans Zügel überreichte, bedachte er sie mit einem kritischen Blick aus seinen hellbraunen Augen. »Das Absteigen hat schon mal eleganter ausgesehen.«

»Da wurde ich ja auch nicht von der Wiedersehensfreude eines Handwerkers getroffen«, verteidigte sich Nell und schwang sich zurück in Morgans Sattel.

»Ich kann mir nicht helfen«, meinte Tobin, »aber aus ihrem Mund klingt Handwerker wie eine Beleidigung.«

»Wie seltsam«, gab Luk zurück – sein schmales Gesicht nur scheinbar ernst, »da ich doch immer sage, du seist eine Beleidigung für den Beruf des Handwerkers.«

Tobin schnaubte empört. »Und ich dachte, wie wären Freunde.«

Aidan grinste schadenfroh. »Also, was führt euch her?«

Luk sah ihn mit seiner gewohnt ruhigen Miene an. Trotz seines eher schmalen Gesichts war er insgesamt kräftig gebaut. Tobin, der größer und dünner war als er, wirkte schlaksig neben ihm. »In einigen Dörfern gibt es Probleme.« Seine fast schulterlangen braunen Haare hatte Luk im Nacken zusammengefasst und er strich eine Strähne hinters Ohr, die sich aus dem Knoten gelöst hatte. »Wir müssen uns etwas einfallen lassen.«

Aidan hob die Augenbrauen. »Kommt mit zum Lager. Wir sollten in Ruhe darüber reden.« Er warf Nell einen Blick zu. Plötzlich wirkte er so angespannt.

 

Jake lehnte mit dem Rücken am Zaun der Pferdeweide als sie sich über den Weg unterhalb des Dorfes den Ställen näherten. Safira stand dicht bei ihm und hielt seinen Arm fest. Nell fand, dass die beiden aussahen, als entstammten sie zwei verschiedenen Welten. Jake war groß, dunkelhaarig und auf seine nachdrückliche Weise sehr präsent. Safira hielt sich zwar oft in seiner Nähe auf, wirkte aber fast unsichtbar neben ihm. Wie er jetzt am Gatter lehnte und vor sich zu Boden starrte, wirkte es, als nähme er sie überhaupt nicht wahr an seiner Seite.

»Jake scheint mal wieder grandioser Laune zu sein«, bemerkte Tobin.

Aidan warf ihm ein schiefes Grinsen zu. »Es ist ihm noch nie bekommen, zu lange die Dorfluft zu atmen.«

»Dann ist es ja gut, wenn er was zu tun bekommt«, stellte Tobin zufrieden fest. »Er kann sich gleich um mein Pferd kümmern.«

Jake sah erst auf, als sie ihn schon fast erreicht hatten. Nell ließ Morgan ein wenig abseits halten. Seine Miene war vollkommen unbewegt. Er schien sich erst am Morgen sorgsam rasiert zu haben und ohne die Bartstoppeln, die ihm sonst einen unnahbaren Ausdruck verliehen, wirkte er beinah verletzlich. Etwas schimmerte in seinen dunklen Augen. Auch Ragan, der zu seinen Füßen lag, schien zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Er klopfte zwar mit dem Schwanz auf den Boden, sprang aber nicht wie sonst auf, um Nell entgegenzulaufen.

Tobin setzte zu seiner gewohnt ausschweifenden Begrüßung an, merkte aber schnell, dass sie an Jakes und Safiras starren Mienen verpuffte. »Warum freut sich hier eigentlich niemand, mich zu sehen?«

Aidan musterte Jake prüfend. »Was ist passiert?«

Jake machte sich von Safira los und trat an Aidans Pferd heran. »Keldon ist heute Morgen gestorben.«

Nell fand, die Nachricht kam nicht besonders unerwartet. Als sie Keldon zum ersten Mal gesehen hatte, war er bereits alt gewesen. Natürlich sahen eine Menge Menschen im Getto alt aus und Althea – die vermutlich älter war, als sie zählen konnte – lebte auch noch immer. Trotzdem war deutlich zu erkennen gewesen, dass der letzte Winter Keldon nicht gut bekommen war. Seine Glieder waren steif, sodass er sich kaum noch rühren konnte. Von den meisten schien er aber sowieso vergessen zu haben, wie man sie gebrauchte. Obwohl sie ihm den ganzen Winter hindurch Teemischungen verabreicht und ihren halben Kartoffelvorrat in Brustwickel investiert hatten, war sein Husten einfach nicht in den Griff zu kriegen gewesen. Und obwohl Nell oft und viel mit Keldon gesprochen hatte, fragte er sie jedes Mal wieder, wer sie war und warum sie Kartoffelbrei auf seiner Brust verteilte. Wenn man ihn kitzelte, das hatte er noch gespürt. Manchmal hatte sie ihn eine Weile gekitzelt, weil es Risa tröstete, ihn lachen zu hören. Trotzdem war damit zu rechnen gewesen, dass er bald starb. Nell ließ sich von Morgans Rücken gleiten.

»Du kannst zu ihm«, sagte Jake zu Aidan. »Ich kümmere mich um die Pferde.«

Aidan reagierte nicht. Reglos blieb er auf seinem Pferd sitzen und starrte ins Nichts. Luk und Tobin wechselten hinter seinem Rücken einen betroffenen Blick. Jake hielt unschlüssig das Pferd am Halfterstrick. Niemand sagte oder tat irgendetwas. Es war, als stünde die Zeit still – nur nicht für Nell.

Verständnislos beobachtete sie, wie eine Träne über Safiras Wange rann. Sie hatte Safira kein einziges Mal mit Keldon sprechen sehen. Entschlossen trat sie an Aidans Seite und griff nach seiner Hand. »Es tut mir leid«, sagte sie und wartete, aber er sah sie nicht einmal an. »Komm«, forderte sie ihn auf, »lass uns nach Risa und Lou sehen.«

»Was geht dich das denn an?«, fuhr Jake plötzlich erbost auf. »Dich interessiert das doch sowieso nicht.«

Erschrocken ließ Nell Aidans Hand los. Als sie Jakes Blick aus der Nähe begegnete, spürte sie, wie sich Hitze in ihr verdichtete. Was in seinen dunklen Augen schimmerte, zog sich beinah schmerzhaft in ihrem Herzen zusammen.

»Du warst ja nicht mal hier«, warf er ihr vor.

»Ich war auch nicht hier«, stellte Aidan tonlos fest, machte aber noch immer keine Anstalten, vom Pferd zu steigen.

»Es wäre deine Aufgabe gewesen, hier zu sein«, betonte Jake an Nell gewandt, indem er Aidan ignorierte. »Du hättest ihm helfen müssen und wo bist du gewesen?«

Abwehrend hob sie die Hände. »Wenn Althea ihm nicht helfen konnte, hätte ich erst recht nichts tun können. Er war einfach alt.«

»Wenn man nicht da war, weiß man es natürlich am besten«, meinte Jake kalt und wandte sich ab.

Als Nell vom Stall ins Dorf zurückkehrte, war Aidan verschwunden. Niemand hatte ihn gesehen. Den ganzen Nachmittag suchte Nell mit Mira und Lark nach ihm, aber sie fanden ihn weder im Dorf noch in den Ställen oder den Scheunen am Hang des Feuerberges. Nell fragte sogar in den schiefen Hütten am Rand des Dorfes nach, ob jemand Aidan gesehen hatte. Aber Darren, der schwarzbärtige Mann, der ihr schon in ihren ersten Tagen im Getto aufgefallen war, scheuchte sie nur mit seiner üblichen finsteren Ungeduld davon.

»Ich rede nicht mit Externen«, knurrte er. Nell wusste nicht, was er gegen sie hatte, aber dass er sie nicht leiden konnte, war sicher. Wann immer sie im Nebelsee schwimmen wollte und an seinem Haus vorbeimusste, beobachtete er sie mit düsterer Miene. Selbst an diesem Nachmittag überwand er seine Abneigung nicht, sondern knallte ihr die Tür vor der Nase zu. Als es dunkel wurde, schickte Nell die Kinder nach Hause und drehte noch eine letzte Runde durchs Dorf, ehe sie ihnen folgte. Die Trauer schlug ihr wie eine kalte Welle entgegen, die sie lautlos umspülte, sobald sie die in den Angeln quietschende Tür öffnete. Lou saß mit ihrem Mann Tarik, Tobin und Luk am Kamin. Mit gedämpfter Stimme unterhielt Tobin die Kinder mit Ratespielen und machte sich über Luk lustig, der sich nicht beteiligte.

Leise trat Nell zum Tisch. Jake warf ihr nicht einmal einen kurzen Blick zu. Die Starrheit in seiner Miene hatte sich nicht aufgelöst. Risa sah jedoch mit rot geweinten Augen auf, als Nell sich setzte. »Hast du ihn nicht gefunden?«

Nell schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid.«

Risa seufzte tief. »Mein armer Keldon. Es war ja die ganzen letzten Jahre nicht mehr viel los mit ihm, aber zumindest hat jemand neben mir im Bett gelegen und mir die Füße gewärmt. Und für Aidan ist es schlimm. Er hing so an seinem Vater.« Die Tränen rannen von Neuem über ihre Wangen und sie vergrub schniefend ihr Gesicht an Jakes Schulter. Hilflos hielt er sie fest.

»Es tut mir leid«, sagte Nell wieder, weil ihr nichts anderes einfiel.

»Ich weiß«, hörte sie Risa murmeln, während sie sich die Nase in einer Windel putzte. »Du hast dir Mühe gegeben mit ihm. Ich habe Keldon oft lachen hören, wenn du bei ihm warst.«

Lou stellte Brot, Käse und Schinken als Mahlzeit auf den Tisch, aber niemand hatte Appetit. Sie selbst offensichtlich auch nicht, denn sie setzte sich nur erschöpft auf einen Stuhl, ohne zuzugreifen. Seit ihrer Hochzeit mit Tarik wohnte sie in seiner Hütte auf der anderen Seite des Dorfplatzes. Sie war schwanger und hatte immer noch mit schwerer Übelkeit und Schwäche zu kämpfen. Und das, obwohl sie bereits im siebten Monat war und Althea Nell erklärt hatte, die Übelkeit dauere selten länger als ein paar Wochen. Nell gewöhnte sich nur langsam an den Anblick von Lous aufgeblähtem Körper.

»Wo ist denn der Junge bloß?«, fragte Risa ein ums andere Mal.

»Aidan braucht nur ein bisschen Zeit«, meinte Jake, obwohl er sicher selbst nicht wusste, wo Aidan abgeblieben war. In der starren Trauer glaubte Nell zu ersticken. Sie hätte es ertragen, wenn sie nicht ständig mit hineingezogen worden wäre. Die anderen spendeten ihr – durch ihre betroffenen Blicke, die kleinen Berührungen und Umarmungen – ganz selbstverständlich Trost, als wäre Nell darauf angewiesen, wie sie es waren. Irgendwann fühlte es sich an, als sei sie das tatsächlich. Sie war froh, als ihr nach dem Essen einfiel, dass sie die Kräuter und Moose noch nicht zum Trocknen aufgehängt hatte. Obwohl nur noch diffuses Licht draußen herrschte, nutzte sie die Gelegenheit zu entkommen und verließ mit den Ledersäckchen das Haus. Auf der Türschwelle stolperte sie über Safira, die hoffnungsvoll den Kopf hob, als sie die Tür hörte.

»Was machst du denn hier?«, erkundigte sich Nell und setzte sich für einen Moment neben sie. »Es ist doch noch viel zu kalt, um abends so lange draußen zu sitzen.« Safira hob die Schultern. »Ich wollte euch nicht stören«, erwiderte sie. »Aber ich dachte, falls Jake noch mal zu den Pferden geht, will er sicher nicht allein sein.«

Nell zog die Augenbrauen hoch. »Wenn er um die Zeit noch zu den Pferden geht, vermutlich vor allem, um allein zu sein«, bemerkte sie. »Außerdem geht er heute Abend bestimmt nicht mehr. Er hält abwechselnd Risa und Lou im Arm und versucht ausnahmsweise mal, Verantwortung zu übernehmen.«

Im Zwielicht erkannte sie nur undeutlich, wie Safira kritisch die Augenbrauen zusammenzog. »Jake übernimmt jede Menge Verantwortung«, verteidigte sie ihn. »Für ihn ist Keldons Tod nicht leicht. Er kam nicht damit klar, dass er immer schwächer wurde und niemand ihm helfen konnte. Ich glaube, jetzt macht er sich Vorwürfe.«

Nell hatte keine Lust, mit Safira darüber zu streiten. Trotzdem griff sie nach ihrer Hand. »Wenn Jake deine Gesellschaft will, wird er danach fragen. Du bist eiskalt. Geh nach Hause, sonst wirst du krank.« Sie zog sie mit sich hoch, obwohl Safira es nur widerstrebend zuließ. »Ihr seid doch gar kein Paar mehr«, erinnerte Nell sie. »Du hast keine Verpflichtungen mehr ihm gegenüber.« Die beiden waren im letzten Sommer zusammen gewesen – so nannte Safira das jedenfalls. Nells Beobachtungen zufolge hatte das vor allem bedeutet, dass Safira auf Jake wartete, der ständig auf tagelangen Ausritten verschwand. Wenn er zurückkehrte, war sie ihm gefolgt, wohin er auch ging. Im Herbst war Safira einige Tage mit verweinten Augen herumgelaufen und hatte Nell schließlich verraten, dass sie mit Jake Schluss gemacht hatte, weil er sich so wenig um sie bemühte. Obwohl Nell nicht verstand, warum sie so traurig war, hatte sie Safira ein paar Mal zum Kräutersuchen mitgenommen, damit sie auf andere Gedanken kam.

Jetzt seufzte Safira und wechselte das Thema: »Gehst du Aidan suchen?«

Nell schüttelte den Kopf. »Ich habe Aidan fast den ganzen Nachmittag gesucht«, erklärte sie. »Ich will die Kräuter trocknen.« Sie wies auf die Riemen über ihrer Schulter.

»Du solltest noch mal nach ihm sehen«, meinte Safira. »Ich denke, er braucht dich jetzt.«

»Mich?« Das Wort flog ihr überrascht von den Lippen, aber Safira nickte nur.

»Wir sehen uns morgen«, murmelte sie und machte sich auf den Weg nach Hause.

Nell verließ das Dorf zwischen zwei Wohnhäusern in Richtung des Flusses. Als Wasserfall kam er die Hänge des Feuerberges herabgerauscht und fächerte sich über dem harten Gestein oberhalb des Dorfes weit auf, ehe er sich über einige Kaskaden in den Nebelsee stürzte. Nell hielt sich auf dem schmalen Weg hart am Felsen, um nicht versehentlich abzurutschen. Sie musste eine Felsnase umrunden und gelangte dann auf eine abschüssige Wiese, die von dornigem Gesträuch bewachsen war und hinter der hoch eine Felswand aufschoss. Verstreut standen hier die kleinen Scheunen, in denen Vorräte, Notrationen, Werkzeuge und Boote lagerten.

Sobald Nell die Tür zu der Hütte öffnete, in der Althea ihre Kräuter trocknete, wurde ihr jedoch klar, dass ihr Einfall Unfug war. Unter dem dunklen Holzgebälk konnte sie die kleinen Pflänzchen überhaupt nicht mehr unterscheiden und zwischen dem leicht brennbaren Material hütete sie sich, eine Kerze anzuzünden.

Nell tastete sich dennoch vorwärts und fand die schmalen Tische, auf denen sie die Moose auslegten und die Kräuter zu Bündeln banden. Der Geruch des im hinteren Teil der Scheune lagernden Holzes war dicht und harzig – angereichert mit den kräftigen Aromen der Heilpflanzen. Vorsichtig nahm Nell alles aus ihren Beuteln, um es auf den Tischen auszubreiten. Für diese Arbeit fiel gerade genug Licht durch die weit geöffneten Scheunentore. Alles Weitere würde bis morgen warten müssen. Als eine Gestalt in der Türöffnung auftauchte, sah sie hoch.

»Aidan«, rief sie aus. »Da bist du ja. Wir haben dich überall gesucht.« Gegen das hellere Licht draußen, konnte sie nur seine Umrisse erkennen. Sein Gesichtsausdruck blieb verborgen.

»Tut mir leid«, sagte er. »Ich bin fast den ganzen Berg hochgeklettert – keine Ahnung, warum. Ich habe dich hier drinnen gehört, als ich zurück zum Dorf wollte.«

»Ich bin noch nicht dazu gekommen aufzuräumen«, sagte Nell, »bin aber gleich fertig.«

Er schwieg einen Moment, blieb, wo er war und beobachtete sie. »Wie geht es meiner Mutter?«, fragte er endlich.

»Sie ist traurig«, antwortete Nell. Sie wusste, dass es das richtige Wort war, aber der Heftigkeit von Risas Gefühlen schien es nicht gewachsen. »Jake kümmert sich um sie.«

Er kam ein paar Schritte in die Scheune und ließ sich an der Wand zu Boden rutschen. »Das wäre meine Aufgabe«, meinte er bitter, »mich um sie zu kümmern … Aber ich komme damit nicht klar.«

Nell drehte sich zu ihm um. Es dauerte einen Augenblick, bis sie seine Kontur in der Dunkelheit entschlüsselte. Er saß auf dem Boden und hatte einen Ellenbogen aufs Knie und seinen Kopf in die Hand gestützt.

»Immer muss ich mich um alles kümmern. Wie soll ich da klarkommen?«, hörte sie ihn sagen.

Langsam ging sie zu ihm hinüber und vor ihm in die Knie. »Aidan«, sagt sie, »sieh mich an.« Sie wartete, bis er den Kopf hob. »Natürlich kommst du klar. Ich weiß, es tut dir weh, aber es wird sich nicht viel ändern.« Er erwiderte nichts darauf. Vermutlich waren ihre Worte unglücklich gewählt. »Ich kann nichts sagen, um dich zu trösten«, meinte sie hilflos. »Aber ich weiß, dass du immer klarkommen wirst. Du bist klug und du bist bereit, Entscheidungen zu treffen. Und es sind die richtigen Entscheidungen, weil du einfühlsam bist und verstehst, was die Leute wollen.«

Reglos verharrte er in der Dunkelheit. Obwohl Nell nicht verstand, warum alles in ihm so erstarrt war, wollte sie ihn nicht allein lassen. Sie setzte sich dicht neben ihn und lehnte sich wie er mit dem Rücken gegen die Wand.

»Danke«, sagte er endlich mit rauer Stimme und sog tief die Luft ein. »Ich vermisse ihn einfach so«, brach es aus ihm heraus. »Ich weiß, ich habe ihn schon vor Jahren verloren, aber jetzt ist es endgültig. Es ist wahr, ich kann den Mann oben im Bett nicht vermissen. Aber meinen Vater, den vermisse ich. Er war immer da, wusste immer, was richtig und falsch ist, und die Leute haben ihm vertraut. Was soll ich machen, wenn die Patrouillen wiederkommen und sie nicht auf mich hören?« Er verstummte, als sein Atem zu zittern begann, und senkte den Kopf in die Hände.

Nell war ratlos. Logische Argumente schossen ihr durch den Kopf, mit denen sie ihm hätte widersprechen können. Helfen würde ihm das nicht. Ihm würden die Nähe und Wärme und die geteilten Erinnerungen seiner Familie helfen. Erinnerungen waren den Menschen hier wichtig. Sie erzählten sich Geschichten, um sich zu erinnern. Bald würden sie Geschichten über Keldon erzählen.

»Wollen wir zum Haus zurück?«, schlug sie leise vor.

Sie spürte, dass Aidan den Kopf schüttelte.

»Ich ertrage das nicht, noch nicht«, stieß er stockend hervor. Sein Körper zitterte vor Anstrengung, seine Emotionen zu kontrollieren.

Nell legte ihm eine Hand auf den Arm. »Willst du allein sein?«

Sie hörte seinen Atem neben sich lauter werden und rückte näher an ihn heran, als sie glaubte, ihn erneut den Kopf schütteln zu spüren. Es war schnell dunkel geworden, aber in der Scheune hielt sich die stickige Wärme. Willig ließ er sich an sie ziehen und sie schlang ihre Arme um ihn. Er vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Er erdrückte sie beinah. Er klammerte sich an sie und die Hitze und das Beben seines Körpers überrollten sie. Er vergrub sie unter seinem Kummer. Seine Trauer schien sich zu übertragen auf sie, durch ihre Haut in ihren eigenen Körper zu sickern.

Aidan sank mit dem Kopf in ihren Schoß und hielt seine Arme fest um ihre Taille geschlungen. Sie harrte mit ihm aus. Sie ließ alles zu, als könne sie seinen Schmerz verringern, wenn sie ihn teilte.

Kapitel 9

Nell erwachte, als sie versuchte, ihre Position zu ändern und sich nicht bewegen konnte. Ihr Nacken fühlte sich steif an, aber in ihren Beinen hatte sie überhaupt kein Gespür mehr. Vorsichtig dehnte sie ihre Halsmuskeln und öffnete die Augen. Helles Morgenlicht schien durch die weit geöffneten Tore in die Scheune. Über Nacht hatten sich die Temperaturen deutlich abgekühlt. Frische Luft strich herein und stellte die Härchen auf ihren Armen auf. Möglicherweise war dafür allerdings auch der Blick verantwortlich, mit dem Jake sie durchbohrte. Mit verschränkten Armen stand er in der Tür und musterte sie forschend. Ragan saß mit schief gelegtem Kopf neben ihm.

Nell versuchte, sich aufzurichten, aber Aidan lag in unveränderter Haltung in ihrem Schoß. Sie rüttelte ihn an der Schulter, aber er drehte nur unwillig den Kopf. »Wach auf«, verlangte sie, indem sie ihn erneut anstieß. »Mir tut alles weh.« Sie lächelte, als er blinzelte und sich irritiert aufrichtete.

Mit einem Aufstöhnen griff er sich in den Rücken. »Mir auch.«

»So seht ihr auch aus«, warf Jake ein.

Hastig löste Aidan sich von Nell und strich sich durch die Haare.

»Ich störe nur ungern«, fuhr Jake fort, »aber seit Risa heute Morgen festgestellt hat, dass Nell auch fehlt, hat sie mich vom Frühstück suspendiert, bis ich euch gefunden habe.« Fragend sah er Aidan an. »Alles klar bei dir?« Aidan stützte sich an der Wand ab, um sich aufzurichten und reichte Nell eine Hand. »Ich schätze, meine Schonzeit ist vorüber«, entgegnete er und griff Nell unter die Arme, als es ihr nicht gelang, auf die Beine zu kommen. Sie schienen aus Myriaden durcheinandergeratener Atome zu bestehen und waren kaum belastbar. Nell ließ zu, dass Aidan seinen Arm um ihre Taille legte, um sie zu stützen, obwohl es ihr vor Jakes Augen irgendwie unangenehm war.

Jake nickte nachdenklich. »Risa will ihn so schnell wie möglich bestatten und vermutlich solltest du dabei sein.«

»Schon gut«, versicherte Aidan. »Ich gehe zu ihr.«

»Und ich habe mit Luk und Tobin geredet«, fügte Jake h