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Tutanchamun - das Buch der Schatten

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. PERSONEN
  7. Zitat
  8. ERSTER TEIL
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. 4
  13. 5
  14. 6
  15. 7
  16. 8
  17. 9
  18. 10
  19. 11
  20. 12
  21. 13
  22. 14
  23. 15
  24. 16
  25. 17
  26. 18
  27. 19
  28. 20
  29. 21
  30. 22
  31. 23
  32. ZWEITER TEIL
  33. 24
  34. 25
  35. 26
  36. 27
  37. 28
  38. 29
  39. 30
  40. 31
  41. 32
  42. 33
  43. DRITTER TEIL
  44. 34
  45. 35
  46. 36
  47. 37
  48. 38
  49. 39
  50. 40
  51. 41
  52. 42
  53. 43
  54. 44
  55. 45
  56. 46
  57. 47
  58. 48
  59. 49
  60. 50
  61. 51
  62. 52
  63. 53
  64. NACHWORT
  65. AUSGEWÄHLTE LITERATUR
  66. DANKSAGUNG

Über den Autor

Nick Drake wurde 1961 in London geboren. Schon immer haben ihn Wörter fasziniert, weshalb er nicht nur Kriminalromane schreibt, sondern ebenfalls als Dichter und Drehbuchautor arbeitet – mit großem Erfolg. NOFRETETE – DAS BUCH DER TOTEN, der 1. Band um den ägyptischen Wahrheitssucher Rai Rahotep, war einer der Nominierten für den besten Historischen Kriminalroman 2006 und wurde von der Presse gefeiert.

Nick Drake

TUTANCHAMUN

DAS BUCH DER SCHATTEN

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
Diana Beate Hellmann

PERSONEN

Rahotep – der Wahrheitssucher, Leiter der Kriminalabteilung der thebanischen Medjai (Polizei)

Seine Familie und Freunde

Tanefert – seine Ehefrau

Sekhmet, Thuju, Nedjmet – seine Töchter

Amenmose – sein kleiner Sohn

Thot – sein Pavian

Kheti – sein Partner bei der Medjai

Nacht – Edelmann

Minmose – Nachts Diener

Die königliche Familie

Tutanchamun – Herr der Beiden Länder, das »Lebende Abbild des Amun«

Anchesenamun – Königin, Tochter von Echnaton und Nofretete

Mutnedjmet – Anchesenamuns Tante, Ehefrau von Haremhab

Königliche Beamte und Hofstaat

Eje – Regent und »Gottesvater«

Haremhab – General und Oberbefehlshaber des Heeres der Beiden Länder

Khay – Oberster Schreiber

Simut – Kommandeur der Palastwache

Nebamun – Chef der thebanischen Medjai

Maia – Tutanchamuns Amme

Pentu – Tutanchamuns Leibarzt

Zu der Zeit, da Seine Majestät zum König gekrönt wurde, lagen die Tempel der Götter und Göttinnen von Elephantine bis zu den Lagunen des Deltas Unterägyptens in Trümmern. Die heiligen Stätten waren nurmehr Ruinen, von Unkraut überwucherte Schutthügel. Ihre Altarräume sahen aus, als habe es sie nie gegeben, und die Bauwerke waren Trampelpfade. Das Land lag im Chaos. Die Götter hatten sich von ihm abgewandt. Schickte man Soldaten nach Syrien, um die Grenzen Ägyptens zu erweitern, so war dem Unternehmen kein Erfolg beschieden. Betete man zu einem Gott, um etwas von ihm zu erbitten, erhörte er das Gebet nicht. Flehte man eine Göttin an, so erhörte sie die Gebete auch nicht. Die Herzen der Götter waren schwach in ihren Leibern. Sie zerstörten das Geschaffene.

Aus der Restaurationsstele, die zu Beginn von
Tutanchamuns Regierungszeit in der Tempelanlage von

Karnak aufgestellt wurde

1

 

Jahr 10 der Herrschaft von König Tutanchamun,
dem Lebenden Abbild des Amun

Theben, Ägypten

Es klopfte drei Mal kurz. Ich horchte in die nachfolgende Stille, und dabei pochte mein Herz laut die Antwort. Im nächsten Moment vernahm ich zu meiner Erleichterung das so vertraute letzte kurze Klopfen des Signals. Langsam atmete ich aus. Vielleicht wurde ich allmählich zu alt. Draußen war es noch dunkel, aber ich war schon wach, denn der Schlaf hatte mich wieder einmal im Stich gelassen, wie er das in den düsteren Stunden vor Sonnenaufgang so häufig tat. Ich erhob mich von meiner Lagerstatt, kleidete mich rasch an und blickte dabei nieder auf Tanefert. Das Haupt meiner Frau ruhte elegant auf dem Kopfkissen, aber ihre wunderschönen, beunruhigt dreinblickenden Augen standen weit offen und beobachteten mich.

»Schlaf noch ein bisschen. Ich verspreche dir, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein.«

Ich küsste sie sanft, und sie rollte sich zusammen wie eine Katze und sah mir nach.

Ich zog den Vorhang auf und warf einen Blick auf meine drei schlafenden Töchter – Sekhmet, Thuju und Nedjmet. Sie lagen in ihren Betten, in dem gelb gestrichenen Kinderzimmer, das sie sich teilten und das vollgestopft war mit Kleidungsstücken, altem Spielzeug, Papyrusrollen, Schiefertafeln, Zeichnungen aus ihrer Kindheit und anderen Gegenständen, deren Bedeutung mir nicht einleuchtete. Für so große Mädchen ist unser Haus jetzt zu klein. Einen Moment horchte ich auf die schweren und rasselnden Atemzüge meines Vaters, die aus seinem Zimmer im hinteren Teil des Hauses drangen. Das Geräusch setzte zwischendurch immer wieder aus, Stille machte sich breit, aber dann quälte sich ein weiterer Atemzug durch seinen alten Körper. Zu guter Letzt stellte ich mich wie immer, wenn ich das Haus verlasse, vor meinen kleinen Sohn. Amenmose schlief tief und friedlich, er hatte sämtliche Glieder von seinem Körperchen abgespreizt wie ein Hund, der vor einem Feuer liegt. Ich küsste seinen kleinen Kopf, der durch die Wärme ganz feucht war. Er rührte sich nicht.

Da Sperrstunde herrschte, steckte ich meine Nacht-Passierscheine ein, und dann schloss ich lautlos die Tür hinter mir. Thot, mein gescheiter Pavian, erhob sich von seinem Schlafplatz im Hof, lief mit seinem buschigen, nach oben gebogenen Schwanz auf mich zu und stellte sich auf die Hinterpfoten, um mich zu begrüßen. Ich ließ ihn an meiner Hand schnuppern und strich ihm mit der anderen durch seine dicke braune Mähne. Dann sprach ich ein kurzes Gebet zu dem kleinen Hausgott in der Nische, der weiß, dass ich nicht an ihn glaube, und öffnete das Hoftor und trat hinaus in die Dunkelheit der Gasse, wo mich mein Gehilfe Kheti erwartete.

»Und?«

»Man hat eine Leiche gefunden«, gab er ruhig zur Antwort.

»Und deshalb hast du mich geweckt? Konnte das nicht bis zum Morgen warten?«

Kheti weiß, wie schlecht meine Laune sein kann, wenn man mich allzu früh belästigt. »Schau sie dir an, dann beantwortet sich das«, meinte er.

Schweigend machten wir uns auf den Weg. Thot zog an seiner Leine, denn er fand es aufregend, in der Dunkelheit draußen zu sein, und war wild darauf, die Gegend zu erkunden. Es war eine wunderbar klare Nacht: Die heiße Erntezeit shemu war zu Ende, und mit dem heliakischen Aufgang des Sirius, des Hundssterns, war die Nilschwemme gekommen, um die Ufer des Großen Flusses zu überfluten und die Felder mit reichhaltigem, lebenspendendem Schlamm zu nähren. Und so war wieder einmal die Zeit des Festes gekommen. In den letzten Jahren hatte das Wasser häufig nicht hoch genug gestanden oder aber war zu hoch gestiegen und hatte verheerende Verwüstungen angerichtet. Doch in diesem Jahr war alles ideal verlaufen und hatte einem Volk Erleichterung und Freude beschert, das durch die dunklen Zeiten der Herrschaft Tutanchamuns, des Königs von Ober- und Unterägypten, kleinlaut und sogar deprimiert geworden war.

Das helle Antlitz des Mondes schenkte uns genug Licht für unseren Weg, als sei es unsere Lampe. Wir hatten fast Vollmond, und die Scheibe war umhüllt von einem prächtigen Sterngestöber: der Göttin Nut, von der die Priester behaupten, dass unsere toten Augen zu ihr emporblicken, wenn wir auf dem Rücken in den kleinen Booten des Todes liegen, die uns über den Ozean in die Unterwelt bringen. Genau darüber hatte ich mir den Kopf zerbrochen, als ich im Bett lag und nicht schlafen konnte, denn ich bin ein Mensch, der den dunklen Schatten des Todes in allem erblickt: in den strahlenden Gesichtern meiner Kinder, in den überfüllten Straßen der Stadt, in der Eitelkeit ihrer goldenen Paläste und Verwaltungsgebäude und eigentlich irgendwie immer, aus dem Augenwinkel heraus.

»Was meinst du, was wir nach unserem Tod sehen?«, fragte ich.

Kheti weiß, dass er mir nach dem Mund reden muss, wenn ich über Philosophie sinniere, wie er mir bei so vielen anderen Dingen auch nach dem Mund reden muss. Er ist jünger als ich, und irgendwie hat sich sein Gesicht trotz der grauenvollen Dinge, die er in seinem Leben, das ganz im Dienste der Medjai steht, bereits gesehen hat, seine Offenheit und Frische bewahrt. Auch sein Haar ist – ganz im Gegensatz zu meinem – immer noch schwarz wie die Nacht. Er ist nach wie vor fit wie ein reinrassiger Jagdhund und hat auch noch die gleiche Leidenschaft für die Jagd – ist also ganz anders als ich mit meiner pessimistischen und oftmals lebensüberdrüssigen Natur. Denn je älter ich werde, desto mehr kommt mir das Leben vor wie eine endlose Aneinanderreihung von Problemen, die gelöst werden müssen, und nicht wie Stunden, die man genießen kann. »Ach, was bin ich mal wieder heiterer Stimmung«, tadelte ich mich selbst.

»Ich glaube, dass wir grüne Felder sehen, auf denen all diese aufgeblasenen Aristokraten als Sklaven schuften und alle Sklaven aufgeblasene Aristokraten sind; und ich habe den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als im Schilf Enten zu jagen und Bier zu trinken, um meine glorreichen Jagderfolge zu feiern.«

Ich ging auf seinen Scherz nicht ein.

»Wenn wir etwas sehen sollen«, sagte ich stattdessen, »warum stecken die Einbalsamierer uns dann Zwiebeln in die Augenhöhlen? Zwiebeln! Die Tränen-Knollen …«

»Vielleicht ist es ja so, dass wir das Totenreich nur mit unserem geistigen Auge sehen …«, meinte er.

»Jetzt sprichst du wie ein weiser Mann«, erwiderte ich.

»Und trotzdem faulenzen all die, die in reiche Familie hineingeboren wurden, den ganzen Tag herum und genießen ihren Luxus und ihre Liebesaffären, während ich immer noch wie ein Hund schufte und nichts verdiene …«

»Nun ja, das ist ein noch wesentlich größeres Mysterium.«

Wir bahnten uns unseren Weg durch das Labyrinth aus alten, engen Gassen, die im Zickzack an baufälligen Häusern vorüberführten, die man ohne jeden Plan errichtet hatte. Am Tage lärmte es in diesem Viertel und herrschte überall Gedränge, aber in der Nacht war es aufgrund der Sperrstunde leer und still: Die teuren Geschäfte lagen geschützt hinter Fensterläden, ihre Luxusgüter waren gesichert wie die Grabbeigaben einer Gruft; die Wagen und Stände der Obstallee hatte man für die Nacht weggeräumt; und die Werkstätten für Holz-, Leder- und Glaswaren waren verlassen und lagen im Dunkeln; selbst die Vögel in den im Mondlicht hängenden Käfigen gaben keinen einzigen Laut von sich. Denn die Angst machte in diesen finsteren Zeiten einen jeden fügsam. Die katastrophale Regierung Echnatons, als man den Königshof und die Tempel von Theben in die neue Wüsten-Tempelstadt Achet-Aton umgesiedelt hatte, war vor zehn Jahren kollabiert. Die mächtigen Amun-Priester, die unter Echnaton vertrieben und enteignet worden waren, hatten ihre Befugnisse, ihren gewaltigen Landbesitz und ihre unermesslichen irdischen Reichtümer zurückbekommen. Stabilität hatte das aber nicht gebracht; denn die Ernten waren kläglich, die Pest tötete zigtausend Menschen, und die meisten glaubten, diese Katastrophen seien eine Bestrafung für die schweren Fehler, die während Echnatons Herrschaft begangen worden waren. Und dann, als solle damit der Beweis für diese Theorie angetreten werden, starb innerhalb der königlichen Familie einer nach dem anderen: Echnaton selbst, fünf seiner sechs Töchter und schließlich auch Nofretete, seine so außerordentlich schöne Königin, über deren Ende insgeheim sehr viel spekuliert wurde.

Tutanchamun erbte die Krone der Beiden Länder im Alter von neun Jahren; und er wurde sofort mit Anchesenamun verheiratet, der letzten noch lebenden Tochter von Echnaton und Nofretete. Das war eine zwar befremdliche, aber notwendige Verbindung, denn sie waren beide die Kinder Echnatons, hatten nur verschiedene Mütter. Und wen hätte man sonst krönen sollen, da sie die letzten Überlebenden ihrer großen Dynastie waren? Sie waren aber halt noch kleine Kinder; und es war Eje, der Regent, der »Gottesvater«, wie sein offizieller Titel lautete, der seither unerbittlich regierte und eine Angstherrschaft geschaffen hatte, indem er Beamte einsetzte, die nach meinem Empfinden nur einem gegenüber loyal waren: der Angst. Unwirkliche Männer. Für eine Welt, in der es so viel Sonne gab, lebten wir an einem düsteren Ort und in finsteren Zeiten.

Wir erreichten ein Haus, das sich nicht groß von den anderen in diesem Viertel unterschied: eine hohe, im Zerfall befindliche Mauer aus Lehmziegeln, die es von der engen Gasse abtrennte, ein Hauseingang mit einer alten, windschiefen Holztür, die halb offen stand, und dahinter das einfache Haus aus Lehmziegeln, bei dem man mehrere Etagen gefährlich aufeinandergestellt hatte – weil es einfach nicht genug Platz gibt in der übervölkerten Stadt Theben. Ich band Thot im Hof an einem Pfahl fest, und wir traten ins Haus.

Das Alter des Opfers war schwer zu schätzen. Sein mandelförmiges, beinahe schon elegantes, fein geschnittenes Gesicht war sowohl jung als auch alt, und sein Körper war der eines Kindes, zugleich aber auch der eines alten Weibes. Er konnte zwölf oder zwanzig Jahre zählen. Eigentlich hätten seine armen Knochen von den jahrelangen Fehlstellungen seines verkrüppelten Körpers verdreht und verbogen sein müssen. Ich sah aber im schwachen Licht der Öllampe, die in der Wandnische stand, dass sie an mehreren Stellen gebrochen und wie die Einzelteile eines Mosaiks neu zusammengesetzt worden waren. Vorsichtig hob ich seinen Arm. Er war leicht wie eine zerbrochene Rohrfeder; aufgrund der gebrochenen Knochen war er schartig und schlaff zugleich. Der Junge wirkte wie eine seltsame Puppe, die man aus feinem Leinen und zerbrochenen Stöckchen angefertigt hatte.

Man hatte ihn wie zur Bestattung aufgebahrt. Seine krummen Beine lagen lang ausgestreckt, seine dünnen, ungleich kräftigeren Arme waren angewinkelt, die krallenartigen Hände aufgebrochen wie die Klauen eines Falken und übereinandergelegt. Auf seinen Augen lagen goldene Blätter, und außen herum hatte man ihm in Schwarz und Grün das Auge des Re gemalt. Vorsichtig nahm ich die Blätter herunter. Man hatte beide Augen entfernt. Einen Moment lang starrte ich in das Mysterium der leeren Augenhöhlen, dann legte ich die Goldblätter wieder darüber. Sein Gesicht war das Einzige, das man nicht erfolgreich umgestaltet hatte, vielleicht deshalb nicht, weil es selbst mit Hammer, Zangen und all den anderen Instrumenten, die benutzt worden waren, um seinen verkrüppelten Körper neu auszurichten, nicht möglich gewesen war, das gewohnheitsmäßige schiefe Grinsen auszubügeln, das auf den Zügen lag – man bedenke, wie viele Muskeln vonnöten sind, um zu lächeln. Dieses Grinsen war, wie ein kleiner Sieg über so viel Gewalt, geblieben. Was es aber selbstverständlich nicht war. Seine blasse Haut, die davon zeugte, dass man ihm selten erlaubt hatte, in die Sonne zu gehen, war so kalt wie Fleisch. Seine Finger waren lang und schmal, die sorgsam manikürten Nägel unversehrt. Seine verkrümmten Hände schienen ihm im Leben nur wenig genützt und auch nicht gegen sein groteskes Schicksal angekämpft zu haben. Seltsamerweise war an seinen Handgelenken und Fußknöcheln nichts zu sehen, das darauf hingedeutet hätte, dass er gefesselt worden war.

Was man ihm angetan hatte, war grausam und brutal gewesen und hatte sowohl beträchtlicher körperlicher Kraft als auch anatomischer Kenntnisse und Fähigkeiten bedurft. Doch er musste nicht zwangsläufig an diesen Verletzungen gestorben sein. Man hatte mich mal zu einem Opfer der Bandenkriege gerufen, die in den Vorstädten der Armen toben. Den jungen Mann hatte man in eine Schilfmatte eingerollt, nur der Kopf hing heraus, damit er seine Bestrafung selbst besser mitverfolgen konnte, die darin bestand, dass man mit schweren Keulen auf ihn einschlug. Ich erinnere mich noch heute an den entsetzten Ausdruck auf seinem Gesicht, als man die Matte, aus der sein Blut troff, langsam aufrollte und sein Körper auseinanderfiel. Erst dann starb er.

Die meisten Mordopfer erzählen die Geschichte ihres gewaltsamen Endes über ihre Körperhaltung und die Male und Wunden, die ihnen zugefügt wurden. Manchmal redet auch noch der Ausdruck auf ihren Gesichtern mit der maskenhaften Leere des Todes: Panik, Schock, Entsetzen – das alles ist in den Zügen zu sehen, und Spuren davon bleiben noch eine ganze Weile erhalten, nachdem der kleine Vogel der Seele, ba, entfleucht ist. Dieser junge Mann hier wirkte jedoch ungewöhnlich ruhig. Wie war das möglich? Mir kam ein Gedanke: Vielleicht hatte der Mörder ihn mit irgendeiner Droge ruhiggestellt. Was bedeutete, dass er Kenntnisse über Medikamente und Zugang zu Arzneibüchern haben musste. Cannabisblätter vielleicht; oder dem Wein beigemengte Lotosblume? Doch hätte beides nur eine schwache einschläfernde Wirkung gehabt. Der Saft der Mandragorawurzel ist ein stärkeres Beruhigungsmittel.

Nur deutete dieses Ausmaß von Gewalt und die Komplexität, mit der sie verübt worden war, auf noch Stärkeres hin. Vielleicht der Saft des Schlafmohns, an den man herankommen konnte, wenn man wusste, wo man danach fragen musste. In Vasen, die aussahen wie auf dem Kopf stehende Mohnsamenhülsen, wurde der Stoff über streng geheime Routen ins Land importiert, und der größte Teil der Ernte stammte bekanntermaßen aus den Ländern unserer nördlichen Feinde, der Hethiter, mit denen wir uns einen langen Zermürbungskrieg um die Kontrolle über die strategisch lebensnotwendigen Länder zwischen unseren Reichen lieferten. Schlafmohn war ein verbotener, aber äußerst beliebter Luxusartikel.

Das Zimmer des Opfers, das sich im Erdgeschoss befand und von dem man direkt nach draußen in den Hof gelangte, war so unpersönlich wie der Lagerraum eines Geschäfts. Außer ein paar Papyrusrollen und einer Rassel gab es nur wenige Stücke, die an das kurze, private Leben des Jungen erinnerten. Man hatte einen einfachen Holzstuhl in den Schatten gestellt, von dem er durch den Türrahmen das Leben beobachten konnte, das draußen auf der Straße an ihm vorüberzog – und durch denselben Türrahmen hatte sein Mörder mit Leichtigkeit im Dunkel der Nacht hereinkommen können. Seine Krücken lehnten an der Wand neben dem Bett. Der Lehmfußboden war sauber gefegt, die Sandalen des Mörders hatten keine Spuren hinterlassen.

Dem Haus und seinem Standort nach zu urteilen, gehörten seine Eltern zur Klasse der niederen Verwaltungsangestellten, und wahrscheinlich hatten sie ihren Sohn vor den kritischen und abergläubischen Augen der Welt versteckt. Einige Leute glauben nämlich, dass derartige Gebrechen davon künden würden, dass die Götter einen Menschen verlassen und verschmäht haben, während andere meinen, sie seien ein Zeichen göttlicher Gnade. Kheti würde die Diener befragen und Aussagen der Familienmitglieder einholen. Ich wusste aber schon jetzt, dass dabei nichts herauskommen würde; dieser Mörder gestattete sich nämlich nicht den kleinsten Fehler. Er hatte zu viel Fantasie und zu viel Fingerspitzengefühl.

Schweigend saß ich auf der Liege und begutachtete fasziniert das seltsame Puzzle, das vor mir ausgelegt war, bestürzt über die bewusste Absonderlichkeit der Tat. Was der Mörder dem Jungen angetan hatte, musste eine andere Bedeutung haben: Es war wie eine Absicht oder ein Kommentar, den man auf den Körper geschrieben hatte. War die Grausamkeit des Verbrechens ein Ausdruck von Macht? Oder war sie ein Ausdruck der Verachtung für die Unvollkommenheit des Fleisches und des Blutes, die ein tiefes Bedürfnis nach größerer Vollkommenheit signalisierte? Oder, noch interessanter, hatte die eventuelle Ähnlichkeit des Jungen mit unserem König und dessen Gebrechen – ich musste mir dabei vor Augen halten, dass das alles nur Gerüchte waren – eine spezielle Bedeutung? Warum hatte man sein Gesicht so bemalt, als sei er Osiris, der Gott der Unterwelt? Warum hatte man seine Augen entfernt? Und warum erinnerte mich das Ganze an ein altes Ächtungsritual, bei dem unsere Vorfahren ihre Feinde verfluchten, indem sie zunächst Tontafeln zertrümmerten, auf denen deren Namen und Titel standen, und sie dann hinrichteten und enthauptet und bäuchlings verscharrten? Das Ganze hier hatte Raffinesse, Intelligenz und einen Sinn. Es war fast so deutlich wie eine Botschaft. Nur war sie in einer Sprache verfasst, die ich noch nicht entschlüsseln konnte.

Und dann sah ich etwas. An seinem Hals, versteckt unter seinem Gewand, befand sich ein Streifen außerordentlich feinen Leinens, auf das man mit herrlicher Tinte Hieroglyphen gemalt hatte. Ich hielt die Lampe hoch. Es war eine Schutzformel, speziell für Verstorbene und ihre nächtliche Reise im Sonnenschiff durch das Jenseits. Sie endete mit den Worten: »Dein Leib, oh Re, wird mit diesem Spruch ewig leben.«

Ich saß ganz still da und begutachtete dieses seltene Stück, bis Kheti am Eingang zur Kammer des Jungen diskret zu hüsteln begann. Ich würde es meinem alten Freund Nacht zeigen, einem Edelmann, in puncto Reichtum ebenso wie in puncto Charakter, und einem Experten für Weisheit, Zaubersprüche und viele, viele andere Dinge.

»Die Familie ist jetzt so weit, dass sie mit dir reden können«, sagte er.

Sie warteten in einem angrenzenden Raum, der von ein paar Kerzen erhellt wurde. Die Mutter schaukelte leise wehklagend in ihrer Trauer vor sich hin, ihr Mann saß verständnislos schweigend neben ihr. Ich trat zu ihnen und sprach ihnen mein nutzloses Beileid aus. Dann nickte ich dem Vater diskret zu, und er begleitete mich nach draußen auf den kleinen Hof. Wir setzten uns auf die Bank.

»Mein Name ist Rahotep. Ich bin der Leiter der Kriminalabteilung der thebanischen Medjai. Mein Gehilfe Kheti wird dich noch genauer befragen müssen. Ich fürchte, das ist erforderlich, selbst in einem Augenblick wie diesem. Sag mir jetzt aber bitte, ob ihr letzte Nacht irgendetwas Ungewöhnliches gehört oder bemerkt habt.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nichts. Wir haben keinen Nachtwächter, denn hier in der Gegend kennt uns jeder, und wir haben keine Reichtümer im Haus. Wir sind ganz normale Leute. Wir schlafen oben, weil es dort kühler ist, aber unser Sohn hat hier unten, im Erdgeschoss, geschlafen. Das war sehr viel einfacher für ihn, wenn er irgendwo hinwollte. Und er beobachtete so gern, was auf der Straße vorging – das war das Einzige, was er je vom städtischen Leben gesehen hat. Wenn er uns in der Nacht brauchte, hat er gerufen.«

Er stockte, als lausche er in die Stille, in der Hoffnung, die Stimme seines toten Sohnes rufen zu hören. »Was für ein Mensch tut einem liebenswerten Jungen mit einer derart schlichten Seele so etwas an?«

Er starrte mich an und wartete verzweifelt auf eine Antwort. Ich stellte fest, das ich keine parat hatte, die in diesem Moment hätte helfen können.

Die heftige Trauer in seinen Augen verwandelte sich plötzlich in pure Rachsucht der Verzweiflung.

»Wenn Ihr in schnappt«, sagte er, »gebt ihn mir. Ich werde ihn töten, langsam und unbarmherzig. Dann wird ihm die wahre Bedeutung von Schmerz bewusst werden.«

Aber das konnte ich ihm nicht versprechen. Er drehte den Kopf zur Seite, und sein Körper begann zu zittern. Ich ließ ihn mit seiner Trauer allein.

Wir standen auf der Straße. Das Indigoblau des Horizonts im Osten verwandelte sich rasch in Türkisgrün. Kheti riss den Mund auf und gähnte.

»Du siehst aus wie eine Nekropolenkatze«, sagte ich.

»Ich bin hungrig wie eine Katze«, meinte er, nachdem er sich ausgegähnt hatte.

»Bevor wir an Frühstück denken, lass uns über diesen jungen Mann nachdenken.«

Er nickte. »Brutal …«

»Aber auf seltsame Weise zielgerichtet.«

Wieder nickte er und beobachtete dabei, wie sich die Dunkelheit zu seinen Füßen rasend schnell in Helligkeit verwandelte, als könne ihn das auf eine Spur bringen.

»Dieser Tage ist alles durcheinander und verquer. Aber wenn sie jetzt anfangen, hilflose, lahme Jungen zu verstümmeln und neu zusammenzusetzen …« Fassungslos schüttelte er den Kopf.

»Und das an diesem Tag, dem höchsten Tag des Festes …«, sagte ich leise.

Wir ließen diesen Gedanken beide einen Moment auf uns wirken.

»Nimm die Aussagen der Familie und der Diener zu Protokoll. Untersuche das Zimmer nach allem, was wir in der Dunkelheit vielleicht übersehen haben … und mach das, solange alles noch frisch ist. Finde heraus, ob einem der Nachbarn jemand aufgefallen ist, der dort herumgelungert hat. Der Mörder hat sich diesen Jungen mit Bedacht ausgesucht. Irgendjemand könnte ihn gesehen haben. Und anschließend mach dich auf den Weg zum Fest, und amüsier dich. Wir treffen uns dann später im Hauptquartier.«

Er nickte und ging zurück ins Haus.

Mit Thot an der Leine lief ich durch die Gasse und bog am Ende in die Straße ein. Gerade hatte Re den Horizont erklommen, war wiedergeboren aus dem großen Mysterium des Totenreiches der Nacht, hinein in einen neuen Tag, über dem er schlagartig seine enorme silberweiße Helligkeit verströmte. Als die ersten Strahlen mein Gesicht berührten, wurde es sofort heiß. Ich hatte versprochen, bei Sonnenaufgang wieder zu Hause bei den Kindern zu sein, und ich war schon jetzt spät dran.

2

Auf den Straßen herrschte plötzlich Gedränge. Die Menschen kamen aus den unterschiedlichen Vierteln, aus den hinter hohen Mauern und Wachtoren liegenden Villen der Reichen ebenso wie aus den Hinterhöfen und von Abfall übersäten Gassen der Armen. Die Maultiere der Stadt schleppten heute ausnahmsweise mal keine Lehmziegel oder Bruchsteine, Obst oder Gemüse durch die Straßen, und die eingewanderten Hilfsarbeiter, die im Normalfall um diese Zeit zu ihrer harten Arbeit eilten, genossen einen Ruhetag. Hohe Beamte der Elite in plissierten weißen Leinengewändern klammerten sich an die Geländer ihrer kleinen Streitwagen, die ratternd und holpernd von Pferden über die Straßen gezogen wurden, einige in Begleitung mitlaufender Leibwachen. Männer aus den unteren Führungsschichten waren zu Fuß mit ihren Dienern und Sonnenschirmen unterwegs, ebenso reiche Kinder mit ihren Gouvernanten; teuer zurechtgemachte Frauen waren mit ihren aufgeregten Zofen auf dem Weg zu morgendlichen Besuchen. Sie alle liefen wie im Takt zu einem Trommelschlag, den man nicht hören konnte, auf den Südtempel am Stadtrand zu, um den Zeremonien des Festes beizuwohnen. Jeder wollte die Ankunft der heiligen Schiffe miterleben, die die Schreine der Götter trugen, und vor allem einen Blick auf den König erhaschen, der in aller Öffentlichkeit eine Audienz abhielt – bevor er die geheimste und heiligste aller Tempelstätten betrat, um sich mit den Göttern zu besprechen und für sich selbst Göttlichkeit zu empfangen.

Nur, während früher jeder bestrebt gewesen wäre, dafür zu sorgen, dass die gesamte Familie gut angezogen und adrett zurechtgemacht war und so wohlgenährt und repräsentabel aussah wie eben möglich, waren in unseren Tagen des angespannten Gehorsams aus Staunen und Ehrfurcht Unsicherheit und Angst geworden. Die Feste waren nicht mehr, wie ich sie aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Damals schien die Welt ein einziges Märchen zu sein, in dem es keine Grenzen gab, ein Märchen mit Prozessionen und Besuchen der einzelnen Götter, die in ihren goldenen Schreinen auf goldenen Barken in die Stadt getragen wurden und dann in einem Festzug an uns vorüberschritten und sich den überhitzten Menschenmassen wie grandiose Bilder einer lebendig gewordenen Schriftrolle offenbarten.

Ich betrat den Vorhof meines Hauses und nahm Thot die Leine ab. Sofort trabte er zu seiner Schlafstatt, machte es sich darauf gemütlich und begann aus dem Augenwinkel heraus, eine der Katzen zu beobachten, die sich gerade elegant putzte, eine ihrer Vorderpfoten in die Luft hielt und sie sauber schleckte. Sie sah aus wie die kokette Geliebte eines älteren Herrn, die sich vor ihrem Publikum in Szene setzt.

Im Haus herrschte Chaos. Amenmose saß im Schneidersitz an dem niedrigen Tisch wie ein kleiner König und schlug mit geballter Faust im Takt zu irgendeiner Melodie in seinem fröhlichen Köpfchen auf die Tischplatte, sodass die Milch aus der Schüssel auf den Boden schwappte, wo eine weitere unserer Katzen sie auflecken konnte. Die Mädchen rannten hin und her und machten sich zurecht. Sie nahmen meine Anwesenheit kaum zur Kenntnis. »Guten Morgen!«, rief ich, und im Chor wurde mein Gruß irgendwie erwidert. Tanefert lief an mir vorbei und verpasste mir im Vorübergehen einen flüchtigen Kuss. Also setzte ich mich an den Tisch zu meinem Sohn, der mich für einen kurzen Moment mit einem Anflug von Neugier beäugte, als sei er mir bisher noch nie begegnet. Dann schenkte er mir plötzlich das für ihn so typische Lächeln, das besagte, dass er mich erkannte, und fuhr damit fort, auf seine Schüssel einzuschlagen, um mir zu zeigen, wie gut er das konnte. Er ist das unerwartete Wunschkind, mit dem wir nicht mehr gerechnet hatten, die Überraschung und Wonne meiner Lebensmitte. In seinem Alter glaubt er noch alles, was ich ihm erzähle, also erzähle ich ihm über alles das Beste. Natürlich versteht er kein einziges Wort. Ich versuchte, ihn zu unterhalten, indem ich ihm seine Milch einflößte, und feierlich trank er sie, als sei dies hier ein ganz besonderer Anlass.

Während ich ihm zusah, dachte ich an den toten Jungen und seinen zertrümmerten Zustand, und dieses groteske Bild wurde zu einem dunklen Schatten über dem Tisch des Lebens. Möglicherweise war es kein Zufall, dass er genau am Tag des Festes auf diese Weise ermordet worden war. Ebenso wenig zufällig war unter Umständen, dass die Gebrechen des Opfers an die unseres jungen Königs erinnerten. Obwohl in der Öffentlichkeit natürlich niemand seine Gebrechen in irgendeiner Form zu erwähnen wagt – seine angeblichen Gebrechen –, geht das Gerücht um, dass Tutanchamuns irdischer Leib alles andere als vollkommen ist. Da man ihn aber nur selten in der Öffentlichkeit sieht – und wenn, sitzt er immer in einem Streitwagen oder auf einem Thron –, kann niemand mit Sicherheit sagen, ob etwas Wahres daran ist. Allgemein bekannt ist indes, dass er niemals, obwohl er inzwischen erwachsen ist, eigenständig regiert hat.

Seinem Vater war ich vor Jahren mehrmals in der Stadt Achet-Aton begegnet. Und bei einem dieser Anlässe hatte ich auch einen Blick auf diesen Jungen erhascht, der jetzt der König geworden war, wenn vielleicht auch nur vom Titel her. Ich erinnerte mich an das schallende Klack-klack-klack seines Gehstocks auf dem Korridor dieses eitlen, tragischen und inzwischen mit Sicherheit verfallenen Palasts. Ich erinnerte mich an sein charismatisches und kantiges Gesicht mit dem kurzen, scheuen Kinn. Er hatte ausgesehen wie eine alte Seele in einem jungen Körper. Und ich erinnerte mich an das, was mir mein Freund Nacht über den Jungen gesagt hatte, den man damals Tutanchaton genannt hatte: »Wenn die Ära Atons vorbei ist, wird Amun wieder verehrt. Dann nennen sie ihn möglicherweise bei einem anderen Namen. Tutanchamun.« Und genau so war es gekommen. Denn den dem Wahnsinn verfallenen Echnaton hatte man in seinen Palast in der staubigen Totenwelt seiner zerbröselnden Traumstadt weggesperrt. Und deren gewaltige offene Tempel und die Unmengen großartiger Statuen des Königs und Nofretetes hatten sich nach seinem Tod unweigerlich alle wieder in Schutt verwandelt. Die Ziegel, aus denen die Stadt in aller Hast errichtet worden war, zerfielen jetzt, wie es hieß, wieder zu dem Staub, aus dem man sie geschaffen hatte.

Nach Echnatons Tod hatte man seinen Aton-Kult in den Beiden Ländern und den unterworfenen Gebieten wieder abgeschafft. Das Bildnis der Sonnenscheibe mit den vielen sich niederstreckenden Händen, die mit dem Anch, dem Zeichen des Lebens, die Welt segnen, war nicht mehr in die Mauern der Tempel gemeißelt, in keiner unserer Städte. Das Leben in Theben war weitergegangen, als seien alle übereingekommen, so zu tun, als sei keines dieser Dinge je geschehen. Allerdings ließ sich die Geschichte aus der persönlichen Erinnerung der Menschen natürlich nicht so leicht ausradieren. Die neue Religion hatte viele begeisterte Anhänger gehabt, und viele andere hatten auf ihren Triumph gesetzt, weil sie auf irdische Beförderung hofften, und dafür ihre finanzielle Existenz und ihre Zukunft riskiert. Viele waren jedoch insgeheim auch nach wie vor Gegner der erstaunlichen weltlichen Macht der Amun-Priester und der absoluten Macht eines Mannes im Besonderen: Eje, ein Mann, der nicht wirklich von dieser Welt war, denn sein Blut war kalt und sein Herz so voller Willkür und Gleichgültigkeit wie das Tropf-tropf-tropf einer Wasseruhr. Das heutige Ägypten ist das reichste und mächtigste Reich, das es jemals auf der Welt gegeben hat, und trotzdem fühlt sich niemand sicher. Angst, dieser unfassbare und allmächtige Feind, ist in uns alle eingefallen wie eine geheime Armee der Schatten.

Eilig machten wir uns alle zusammen auf den Weg, denn wie gewöhnlich waren wir spät dran. Das intensive Licht der Morgendämmerung hatte sich in ungeheure Morgenhitze verwandelt. Amenmose saß auf meinen Schultern, klatschte in die Hände und johlte vor Aufregung. Ich schob mich durch die Menschenmassen, indem ich die Leute anschrie, uns Platz zu machen. Dabei schienen meine offiziellen Insignien der Medjai weniger hilfreich zu sein als Thots Brüllen; er half uns, eine Schneise durch den aufgeregten Pulk zu schlagen, in dem verschwitzte Leiber einander im Kampf um mehr Platz und Luft anrempelten und die engen Gassen und Wege verstopften, die sich in Richtung des Großen Flusses wanden. Die Musik von Saiteninstrumenten und Trompeten versuchte die Schreie, Gesänge und Rufe von Männern zu übertönen, die laut kommunizierten, entweder, um einander fröhlich zu begrüßen, oder aber, um einander heftig zu beschimpfen. Angebundene Affen brabbelten, und in Käfigen eingesperrte Vögel kreischten vor sich hin. Straßenverkäufer priesen grölend ihre Waren und ihre Imbisse an und pochten auf die perfekte Qualität ihres Angebots. Ein Wahnsinniger mit ausgemergeltem Gesicht suchte mit wildem Blick den Himmel ab und verkündete dabei das Kommen der Götter und das Ende der Welt. Ich liebte das Ganze genauso wie mein Sohn.

Die Mädchen liefen hinter uns, trugen ihre feinsten Gewänder, und ihre Haare glänzten und dufteten nach Behen- und Lotosöl. Tanefert bildete das Schlusslicht, um sicherzustellen, dass uns keiner verloren ging und auch keiner versuchte, uns zu nahe zu kommen. Meine Mädchen werden allmählich Frauen. Wie werde ich mich fühlen, wenn die drei Prachtstücke meines Lebens mich verlassen und ihr eigenes Leben führen? Ich habe jede von ihnen geliebt, bevor sie den ersten Atemzug auf dieser Welt tat und auf ihren Namen reagierte, indem sie laut losbrüllte. Als die Erkenntnis, dass sie mich verlassen werden, zu schmerzen begann, drehte ich mich nach ihnen um. Sekhmet, die Älteste, lächelte sanft; sie ist die Gelehrte in unserer Familie und behauptet, sie könne mich denken hören, was eine beängstigende Vorstellung ist, wenn man bedenkt, über welchen Blödsinn ich mir meist den Kopf zerbreche.

»Vater, wir sollten uns beeilen.«

Damit hatte sie recht, wie immer. Der Augenblick, da die Götter eintrafen, nahte.

Wir fanden Sitzplätze auf den offiziellen Tribünen im Schatten der Bäume am Fluss. Am gesamten Ostufer hatte man Opferstände und Schreine aufgestellt, und gewaltige Menschenmengen hatten sich eingefunden, die erwartungsvoll der Ankunft des Schiffes harrten. Ich nickte diversen Leuten zu, die ich kannte. Unter uns scheiterten junge Medjai kläglich an der Aufgabe, Ordnung in der Menge herzustellen, aber das war während des Festes immer schon so gewesen. Ich schaute mich um. Die Anzahl an Soldaten war erstaunlich hoch, aber Sicherheit ist heutzutage zur Besessenheit geworden.

Im nächsten Moment schrie Thuju auf und zeigte mit dem Finger auf das erste der Ruderboote, das im Norden in Sicht kam; zugleich erhaschten wir einen ersten Blick auf die Bootsschlepper, die sich am Ufer damit abplagten, die Große Barke des Gottes Amun, die Userhat, zu ziehen. Aus der Ferne war der berühmte und uralte schwimmende Tempel aus Gold nur ein Schimmer auf dem glitzernden Wasser. Doch als er näher kam und sich zum Ufer drehte, wurden die Widderköpfe an Bug und Heck deutlich sichtbar, und die gebündelte Pracht der Sonne schlug auf die glänzenden Sonnenscheiben darüber ein und sandte ein blendendes, funkelndes Licht über das breite grüne und braune Wasser, das blitzend in die Menschenmengen schoss. Die Mädchen schnappten nach Luft und standen auf, winkten und johlten. Am Fahnenmast des Schiffes und am Ruder im Heck flatterten bunte Flaggen. Und mitten auf der Barke stand der goldene Schrein mit dem verborgenen Gott, den man die kurze Strecke von der Anlegestelle zum Tempeleingang in feierlicher Prozession durch die Menge tragen würde.

Die Ruderer im Heck des Schiffes und die Schlepper am Ufer zogen die Barke gekonnt an den steinernen Pier. Jetzt konnten wir den Schutzfries der Kobras über dem Schrein erkennen, die Kronen auf den Köpfen der Widder und die goldenen Falken auf ihren Pfählen. Amenmose war völlig still, und das Mündchen stand ihm weit offen, so staunte er über dieses Bild aus einer anderen Welt. Im nächsten Moment wurde der Trageschrein des Gottes zu gewaltigem und ohrenbetäubendem Getöse, das dafür sorgte, dass mein Sohn sich ängstlich an mich presste, auf die Schultern der Priester gehoben. Sie hatten Mühe, das Gleichgewicht zu halten unter der Last von so viel purem Gold, und balancierten langsam und vorsichtig über den Anlegesteg auf dem Pier. Die Menschenmassen schoben und drückten sich gegen die Soldaten, die mit verschränkten Armen eine Absperrlinie bildeten. Würdenträger, Priester und Herrscher aus dem Ausland knieten nieder und entboten ihre Opfergaben.

Der Tempel lag nur ein kurzes Stück vom Flussufer entfernt. Auf dem Weg befand sich eine Stelle, an der der Schrein kurz haltmachen würde, damit der verborgene Gott Opfergaben entgegennehmen konnte, bevor man ihn über das offene Gelände zu den Toren des Tempels trug.

Wenn wir die Ankunft des Trageschreins gut sehen wollten, wurde es Zeit, dass wir uns in Bewegung setzten.

3

Wir schoben und drückten uns durch die Menschenmenge zu Nachts großartigem Stadthaus, das nördlich des Tempeleingangs und ganz in der Nähe der Straße der Sphingen steht. Hier befinden sich ausschließlich die Villen der reichsten und mächtigsten Familien der Stadt, und mein alter Freund Nacht gehört zu diesen Auserwählten, obwohl er als Mensch so ganz und gar nichts von dem Hochmut und der Arroganz der grotesken Figuren an sich hat, die das Gros unserer sogenannten Eliteschicht ausmachen. Einmal mehr fiel mir auf, welch heftige Verachtung ich für diese Leute empfand, und ich versuchte, mich auf die unvermeidlichen Demütigungen einzustimmen, die diese Party mit sich bringen würde.

Nacht stand in seinem feinsten Leinengewand an der großen Eingangstür, um seine vielen reichen und berühmten Gäste willkommen zu heißen. Sein Gesicht besticht mit feinen, markanten Zügen, die sich mit der Zeit stärker ausgeprägt haben, und mit ungewöhnlich gesprenkelten, topasfarbenen Augen, die das Leben und die Menschen so zu beobachten scheinen, als seien sie zwar ein faszinierender, aber in der Ferne stattfindender Festzug. Er ist der intelligenteste Mensch, der mir je begegnet ist, und intellektuelles Denken und rationales Hinterfragen der Geheimnisse der Welt bedeuten ihm alles. Er hat keine Lebensgefährtin und scheint auch keine zu brauchen, denn sein Leben ist ausgefüllt mit guter Gesellschaft und Dingen, für die er sich interessiert. Er hat seit jeher etwas von einem Habicht an sich, ganz so, als hocke er zwar hier auf Erden, sei aber jederzeit bereit, mit einem kurzen Aufflackern seines imposanten Verstands in den Himmel aufzusteigen. Ich weiß nicht genau, warum wir Freunde sind, doch er scheint meine Gesellschaft stets zu genießen. Und meine Familie liebt er von ganzem Herzen. Als er die Kinder erblickte, nahm sein Gesicht einen entzückten Ausdruck an. Sie vergöttern ihn nämlich. Er umarmte sie, küsste Tanefert – die ihn meines Erachtens etwas zu sehr vergöttert –, und dann schaffte er uns rasch in die Stille seines prächtigen Gartens voller ungewöhnlicher Pflanzen und Vögel.

»Lasst uns nach oben auf die Terrasse gehen«, sagte er und reichte jedem der Kinder spezielle Süßigkeiten, die es immer nur zum Fest gibt – wie ein gütiger Zauberer. »Ihr seid schon fast zu spät, und ich will nicht, dass ihr irgendetwas verpasst an diesem besonderen Tag.« Er nahm die begeisterte Nedjmet auf den Arm, und die beiden älteren Mädchen folgten ihnen artig über die breite Treppe nach oben auf seine ungewöhnlich weitläufige Dachterrasse. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten, die das winzige bisschen Platz auf ihrem Dach dazu nutzen, Obst und Gemüse zum Trocknen auszulegen und Wäsche aufzuhängen, verfolgt Nacht auf seinem wesentlich größeren Areal sehr viel glamourösere Ambitionen: So beobachtet er dort beispielsweise die Bewegungen der Sterne am Nachthimmel, denn dieses Mysterium ist seine größte Passion. Und er nutzt den Platz für seine berühmten Feste, zu denen er Menschen aus allen Schichten einlädt. Heute tummelte sich hier eine große Gesellschaft, trank von seinem hervorragenden Wein, aß die fantastischen Speisen, die uns in Häppchen überall auf Tabletts auf Ständern erwarteten, und plauderte munter unter dem Schutz der wundervoll bestickten Sonnensegel und der Schirme, die von geduldigen, schwitzenden Dienern gehalten wurden.

Die Aussicht war eine der besten der Stadt. Unter uns taten sich in alle Richtungen die Dächer von Theben auf, ein Labyrinth aus Umbra und Terrakotta, vollgestopft mit rotem und gelbem trocknendem Obst und Gemüse, unbenutzten und ausrangierten Möbelstücken, Kisten, Vogelkäfigen sowie ebenfalls Menschengruppen, die sich auf diesen Aussichtsplattformen über dem Chaos der Straßen zusammengefunden hatten. Als ich auf dieses Panorama blickte, wurde mir bewusst, wie sehr die Stadt sich im Laufe des letzten Jahrzehnts ausgedehnt hatte.

Tutanchamun wollte dabei gesehen werden, wie die königliche Familie dem Amun ihre erneuerte Loyalität und Großzügigkeit erwies, indem sie für den Gott der Stadt und die Priester, denen seine Tempel gehörten und die sie verwalteten, neue Monumente und noch ehrgeizigere und großartigere heilige Bauwerke errichten ließ. Dazu war eine riesige Anzahl an Baumeistern, Kunsthandwerkern und vor allem Arbeitern vonnöten, deren Baracken und Zeltstädte um die Tempel herum aus dem Boden geschossen waren, wodurch sich die Grenze Thebens weiter hinaus in Richtung der Anbaugebiete verschoben hatte. Ich schaute nach Norden und sah das unregierbare Herz der Stadt mit seinen alten dunklen Gassen, seinen Märkten, Schweineställen, Werkstätten und winzigen Häusern, das von der unnatürlich gerade verlaufenden Linie der Straße der Sphingen, die vor meiner Geburt erbaut worden war, in zwei Teile geteilt wurde. Im Westen wand sich die glitzernde Silberschlange des Großen Flusses, und an den beiden Ufern strahlten blendend hell die Felder wie sorgfältig zerbrochene Spiegel an den Stellen, an denen sie von der Nilflut überschwemmt worden waren.

Sehr viel weiter in der Ferne, hinter den Felderreihen am Westufer, befanden sich in der Wüste die gewaltigen Totentempel aus Stein und dahinter wiederum, in einem geheimen und versteckt liegenden Tal, die unterirdischen Grabkammern der Könige. Südlich der Tempelanlage stand der Königspalast von Malqata zusammen mit den Quartieren für die Angestellten sowie deren Arbeitsräumen, und davor breitete sich der gewaltige künstliche See Birket Habu aus. Hinter der Stadt und ihren Außenbezirken verlief deutlich sichtbar die Grenze zwischen dem Schwarzen Land und dem Roten Land. Dort ist es möglich, mit einem Fuß in der Welt alles Lebenden zu stehen und mit dem anderen in der Welt aus Staub und Sand, in der die Sonne jede Nacht verschwindet und in die wir nach dem Tod unsere Geister schicken und unsere Verbrecher, damit sie dort verenden, die Welt, in der sich die Ungeheuer unserer Albträume herumtreiben, um uns in der großen öden Finsternis heimzusuchen.

Vor uns zog sich von Norden nach Süden, zwischen der großen Tempelanlage von Karnak und dem Südtempel, die Straße der Sphingen, die so leer war wie ein ausgetrocknetes Flussbett, wenn man von den Fegern absah, die hastig den letzten Staub und Schotter entfernten, damit alles makellos war. Vor der beeindruckend bemalten Lehmziegelmauer des Südtempels standen in geschlossener Front thebanische Armee-Einheiten und Gruppen von Priestern in weißen Gewändern, die sich der Hierarchie nach aufgestellt hatten. Nach dem quirligen Chaos am Pier herrschten hier Ordnung und Konformität. So weit das Auge reichte, hielten Medjai-Soldaten die Menschenmassen zurück, die sich überall drängten, sowohl seitlich des offenen Geländes als auch zu beiden Seiten der Straße der Sphingen; so viele Menschen, alle angezogen von der Traumvorstellung, an diesem Tag der Tage einen glückverheißenden Blick auf den Gott zu erhaschen.

Nacht stellte sich neben mich. Für einen Moment waren wir allein.

»Bilde ich mir das nur ein, oder ist die Atmosphäre irgendwie seltsam?«, fragte ich ihn.

Er nickte. »Es lag noch nie so viel Anspannung in der Luft.«

Allein die Schwalben schienen verzückt zu sein und sausten um unsere Köpfe. Diskret förderte ich den Stoffstreifen aus Leinen zutage und zeigte ihn ihm.

»Was kannst du mir zu dem hier sagen?«

Erstaunt schaute er darauf und las rasch, was da stand.

»Das ist ein ›Schutzzauber für die Toten‹, was eigentlich aber sogar du wissen solltest. Es ist allerdings ein ganz besonderer. Es heißt, dass Thot, der Gott der Schreiber und der Weisheit, ihn für den großen Gott Osiris geschrieben hat. Damit der Spruch seine Wirkung entfalten kann, muss die Tinte aus Myrrhe hergestellt werden. Das findet man im Allgemeinen nur bei den Bestattungen allerhöchster Personen.«

»Wie zum Beispiel?«, hakte ich verwirrt nach.

»Hohepriester. Könige. Wo hast du das gefunden?«

»Bei der Leiche eines lahmen Jungen. Ein König war der ganz bestimmt nicht.«

Jetzt war es Nacht, der verwundert aus der Wäsche schaute.

»Wann?«

»Ganz früh heute Morgen«, erwiderte ich.

Er dachte einen Moment über diese seltsamen Fakten nach, dann schüttelte er den Kopf.

»Dafür habe ich keine Erklärung«, sagte er.

»Ich auch nicht. Nur glaube ich halt nicht an Zufälle.«

»Wenn wir etwas einen Zufall nennen, tun wir das nur, weil wir zwar zwischen zwei Ereignissen eine Verbindung erkennen, die Bedeutung dieser Verbindung aber nicht erfassen können«, gab er kurz und präzise zurück.

»Alles, was du sagst, mein Freund, klingt stets völlig richtig. Du verfügst über die Gabe, Verwirrung in einen Sinnspruch zu verwandeln.«

»Ja«, meinte er lächelnd, »allerdings ist das für mich selbst wie Tyrannei, denn bei mir ist alles übersichtlicher, als es vernünftig ist. Und wie wir alle wissen, besteht das Leben hauptsächlich aus Chaos.«

Ich sah ihm dabei zu, wie er sich weiter über den leinenen Stoffstreifen und den merkwürdigen Schutzzauber den Kopf zerbrach. Er dachte über etwas nach, was er mir gegenüber nicht laut aussprach.

»Nun, es ist ein Mysterium. Aber komm jetzt«, meinte er in bestimmtem Ton, »denn das hier ist eine Party, und es sind viele Leute hier, die du kennenlernen solltest.«

Er griff nach meinem Ellbogen und schob mich in die schnatternde Menschenmenge.

»Du weißt, dass ich hochstehende Persönlichkeiten nicht ertragen kann«, murmelte ich.

»Och, nun sei doch kein Snob. Es sind heute viele Leute hier, die bemerkenswerte Interessen und Passionen haben – Architekten, Bibliothekare, Ingenieure, Schriftsteller, Musiker, und um das Maß vollzumachen, auch ein paar Geschäftsleute und Finanziers – denn Kunst und Wissenschaft sind auf kräftige Investitionen angewiesen. Wie soll unsere Kultur besser werden und wachsen, wenn wir unser Wissen nicht teilen? Und wo sollte ein Medjai wie du Umgang mit solchen Leuten pflegen, wenn nicht hier?«

»Du bist wie deine Bienen, fliegst von Blume zu Blume, probierst den Nektar mal hier, mal da …«

»Das ist eine recht gute Analogie, nur hört sich das an, als wäre ich ein Dilettant.«

»Mein Freund, ich würde dich niemals bezichtigen, ein Dilettant, Pfuscher oder Amateur zu sein. Du bist eine Mischung aus Philosoph und Abenteurer, der sein eigenes Innenleben erforschen will.«

Zufrieden lächelte er.

»Das gefällt mir. Diese Welt und das Jenseits sind voller Merkwürdigkeiten und Geheimnisse. Man würde viele Menschenleben benötigen, um sie alle zu verstehen. Und so enttäuschend es auch ist, habe ich doch den Eindruck, wir hätten nur ein einziges …«

Bevor ich elegant verschwinden konnte, stellte er mich einer Gruppe von Männern mittleren Alters vor, die sich unter dem Sonnensegel miteinander unterhielten. Sie waren alle hochwertig gekleidet in Gewänder und Juwelen feinster Qualität. Jeder Einzelne von ihnen nahm mich neugierig in Augenschein wie ein auf merkwürdige Weise interessantes Objekt, das man zum Schnäppchenpreis unter Umständen kaufen würde.

»Das hier ist Rahotep, einer meiner ältesten Freunde. Er ist der Leiter der hiesigen Medjai-Abteilung, die auf Morde und ungelöste Fälle spezialisiert ist! Einige von uns sind der Ansicht, dass er Chef der thebanischen Medjai hätte werden sollen, als die Stelle das letzte Mal neu besetzt wurde.«

Ich bemühte mich, diese öffentliche Schmeichelei so ruhig wie möglich hinzunehmen, obwohl ich so was hasse – wie Nacht sehr wohl wusste.

»Wie Euch allen bekannt sein dürfte, ist mein lieber Freund berühmt für seine Redekunst. Damit kann er Lehm in Gold verwandeln.«

Sie nickten alle gleichzeitig und schienen entzückt über diesen Kommentar.

»Die Redekunst ist eine gefährliche Gabe. Sie manipuliert den Unterschied, man könnte auch sagen die Kluft, zwischen der Wahrheit und dem, was sich als solche ausgibt«, sagte ein kleiner dicker Mann. Sein Gesicht sah aus wie ein Kissen, auf dem jemand gesessen hatte, seine blauen Augen blickten ebenso verwundert drein wie die eines Babys, und er hielt einen Becher in der Hand, der bereits leer war.

»Und in unserer Zeit ist diese Kluft das Mittel geworden, mit dem Macht ausgeübt wird«, entgegnete Nacht.

Dem folgte ein leicht betretenes Schweigen.

»Meine Herren, diese Versammlung scheint ja geradezu subversiv zu sein«, erklärte ich, um das Ganze etwas aufzulockern.

»Aber war sie das denn nicht immer schon?«, meinte ein anderer. »Die Redekunst ist Überredungskunst, seit der Mensch das Sprechen lernte und anfing, seinen Feind davon zu überzeugen, dass er eigentlich sein Freund sei …«

Alle lachten sie leise vor sich hin.

»Wie wahr. Aber heute ist das ja alles sehr viel raffinierter geworden! Eje und seine Mannen verkaufen uns Worte, als seien sie die Wahrheit. Aber Worte sind heimtückisch, ihnen ist nicht zu trauen. Ich muss das wissen!«, erklärte der blauäugige Mann großspurig.

Einige begannen zu lachen, hoben ihre Hände und schwenkten drohend die eleganten Finger.

»Hor ist Dichter«, klärte Nacht mich auf.

»Dann seid Ihr also ein Meister der mehrdeutigen Worte. Ihr kennt ihre verborgene Bedeutung. Das ist heutzutage eine sehr nützliche Gabe«, sagte ich.

Verzückt johlend klatschte er in die Hände. Ich stellte fest, dass er angetrunken war.

»Stimmt, denn wir leben in Zeiten, in denen keiner mehr sagen darf, was er wirklich meint. Nacht, mein Freund, wo hast du diesen bemerkenswerten Menschen gefunden? Einen Medjai, der Poesie versteht! Was kommt als Nächstes? Tanzende Soldaten?«

Die Gruppe lachte noch lauter, entschlossen, den Ton leicht und locker zu halten.

»Ich bin überzeugt, dass es Rahotep nichts ausmachen wird, wenn ich euch verrate, dass er selbst Poesie geschrieben hat, als er noch jünger war«, erklärte Nacht, als wolle er damit die Haarrisse kitten, die sich allmählich in der Unterhaltung auftaten.

»Ungemein schlechte Poesie«, führte ich weiter aus. »Und es ist nichts davon für die Nachwelt erhalten.«

»Aber was ist denn passiert?«, fragte der Dichter besorgt. »Warum habt Ihr aufgegeben?«

»Ich weiß es nicht mehr. Ich schätze mal, die Realität hat Besitz von mir ergriffen.«

Belustigt und mit großen Augen wandte sich der Dichter an die anderen.

»›Die Realität hat Besitz von mir ergriffen‹, das ist ein guter Spruch, den borge ich mir möglicherweise.«

Die anderen nickten ihm nachsichtig zu.

»Seid vorsichtig, Rahotep, ich kenne diese Schriftsteller; die sagen zwar ›borgen‹, meinen damit aber ›stehlen‹. Bald werdet Ihr Eure Worte auf einer Schriftrolle mit neuen Versen wiederfinden, die überall die Runde machen«, warnte mich einer der Männer.

»Und wie ich Hor kenne, wird es sich bei dem Werk um eine bösartige kleine Satire handeln und nicht um ein Liebesgedicht«, meinte ein anderer.

»Von dem, was ich tue, gehört nur sehr wenig in ein Gedicht«, sagte ich.

»Und das, mein Freund, ist der Grund dafür, dass es interessant ist, denn andernfalls ist alles nur künstlich, und wie leicht ermüdet einen das Künstliche«, erwiderte der Dichter und hielt einer vorübereilenden Dienerin seinen leeren Becher hin. »Lass mich jeden Tag die Wahrheit schmecken«, sprach er weiter. Das Mädchen trat zu uns, schenkte uns nach, ging dann wieder und nahm ihr sanftes Lächeln und die Aufmerksamkeit vieler, aber nicht aller Männer mit. Ich dachte, wie wenig dieser Mann doch von der Realität wusste. Dann wurde die Unterhaltung fortgesetzt.

»Die Welt hat sich in den letzten Jahren ganz sicher enorm verändert«, meinte ein anderer der Männer.

»Und trotz der Fortschritte in unserer internationalen Vormachtstellung, trotz unserer großen neuen Bauwerke und trotz des Wohlstands, den viele von uns inzwischen genießen …«

»Bla, bla, bla«, höhnte der Dichter.

»… hat sich längst nicht alles zum Besseren gewendet«, pflichtete ein anderer ihm bei.

»Ich bin gegen Veränderungen«, tönte Hor. »Die werden überbewertet. Sie machen nichts besser.«

»Na komm«, rief Nacht. »Das ist eine absurde Ansicht, die widerspricht jeglicher Vernunft. Das ist lediglich ein Zeichen des Alters, denn wenn wir älter werden, glauben wir, die Welt würde schlechter, die Manieren würden nachlassen, die Standards von Moral und das Wissen würden untergraben und – …«

»Und die Politik wird mehr und mehr zu einer jämmerlichen Farce«, fiel der Dichter ihm ins Wort und leerte neuerlich seinen Becher.

»Mein Vater beschwert sich ständig über so was«, meinte ich, »und ich will dann mit ihm darüber streiten, stelle aber jedes Mal fest, dass ich das nicht kann.«

»Dann lasst uns wenigstens hier ehrlich miteinander sein. Das große Mysterium ist, dass wir in einer Zeit leben, in der wir von Männern regiert werden, deren Namen wir kaum kennen und die in Ämtern sitzen, die undurchschaubar bleiben, und der Führung eines alten Mannes unterstehen, eines Größenwahnsinnigen, der noch nicht einmal einen königlichen Namen trägt, seinen grausamen Schatten aber über die Welt geworfen zu haben scheint, solange ich mich zurückerinnern kann. Dank der ehrgeizigen Ambitionen des großen Generals Haremhab sind wir in einen langen und bislang fruchtlosen Krieg mit unseren uralten Feinden verwickelt, obwohl Diplomatie da sicher sehr viel mehr hätte ausrichten können und uns den endlosen Druck auf unsere Finanzen erspart hätte. Und was die beiden königlichen Kinder angeht, so sieht es ganz danach aus, als erlaube man ihnen nicht, jemals erwachsen zu werden und ihre rechtmäßigen Plätze im Herzen des Lebens der Beiden Länder einzunehmen. Wie konnte das passieren, und wie lange kann das noch so weitergehen?«

Hor hatte die unaussprechliche Wahrheit in Worte gekleidet. Wie es schien, hatte keiner den Mut, etwas darauf zu erwidern.

»Wenn wir uns selbst anschauen, müssen wir einräumen, dass es uns finanziell sehr gut geht und wir in unseren verschiedenen Bereichen gut vorankommen. Wir verfügen über Wohlstand und Arbeit, und wir besitzen elegante Häuser und haben Dienstboten. Für uns ist es vielleicht ein fairer Kompromiss. Ich kann mir aber vorstellen, dass Ihr eine ganz andere Seite des Lebens kennt, oder?« Dies fragte mich ein großgewachsener eleganter Herr, der sich mir mit einer kurzen Verbeugung als Nebi vorstellte und von Beruf Architekt war.

»Ja, vielleicht seht Ihr die schreckliche Realität der Dinge, von der wir, die wir ein so wohlbehütetes Leben in Wohlstand führen, verschont bleiben«, fügte der Dichter mit einem Anflug von Hochmut in der Stimme hinzu.

»Warum begleitet Ihr mich nicht einfach mal eine Nacht lang und findet es selbst heraus?«, schlug ich vor. »Ich könnte Euch die finsteren Gassen und die Hütten zeigen, in denen ehrliche Leute, die einfach nur kein Glück hatten, von dem Abfall leben, den wir gedankenlos wegwerfen. Und ich könnte Euch mit ein paar höchst erfolgreichen Verbrechern bekannt machen, mit Experten in puncto Grausamkeit und Brutalität, für die Menschenleben eine Handelsware sind. Viele von denen haben elegante Amtsstuben in der Stadt und wunderschöne Ehefrauen und Kinder, die in den bezaubernden Villen der neuen Vorstädte ein angenehmes Leben führen. Diese Leute geben aufwendige Abendgesellschaften. Sie investieren in Immobilien. Aber sie erwerben ihren Reichtum mit Blut. Ich kann Euch die Realität dieser Stadt zeigen, wenn es das ist, was Ihr sehen wollt.«

Der Dichter fuhr sich theatralisch mit seinen Stummelfingern über die Schläfen.

»Ihr habt recht. Die Realität überlasse ich Euch. Zu viel davon kann ich nicht ertragen – wer kann das schon? Ich gebe zu, dass ich ein Feigling bin. Von Blut werde ich ohnmächtig, den Anblick armer Leute und ihrer entsetzlichen Gewänder hasse ich, und selbst wenn mich mal zufällig einer auf der Straße nur anrempelt, kreische ich auf, weil ich sofort fürchte, ich würde ausgeraubt und zusammengeschlagen. Nein, ich ziehe es vor, auch weiterhin in der kultivierten Gesellschaft von Worten und Schriftrollen in meiner komfortablen Bibliothek zu bleiben.«

»Worte sind heutzutage aber vielleicht auch nicht mehr sicher«, meinte ein anderer Mann, der weiter hinten stand, an der schattigsten Stelle des Sonnensegels. »Vergesst nicht, dass wir uns in der Gesellschaft eines Medjai befinden. Die Medjai sind selbst ein Bestandteil der Realität dieser Stadt und auch nicht gefeit gegen die Korruption und die Dekadenz, von der wir hier sprechen.« Dabei sah er mich kalt lächelnd an.

»Ah. Sobek. Ich habe mich die ganze Zeit schon gefragt, ob du dich an unserer Unterhaltung beteiligen würdest«, meinte Nacht.

Der Mann, den er damit ansprach, war fortgeschrittenen mittleren Alters und hatte kurzes graues Haar, das nicht gefärbt war. Seine graublauen Augen hatten einen stechenden Blick, und der Zorn auf die Welt stand ihm ins Gesicht geschrieben. Wir verbeugten uns voreinander.

»Ich halte Gespräche nicht für ein Verbrechen«, sagte ich vorsichtig. »Obwohl manche da möglicherweise anderer Meinung sind.«

»In der Tat. Heißt das, dass der Tatbestand eines Verbrechens nur vorliegt, wenn eine Tat ausgeführt wurde, und nicht, wenn beabsichtigt oder formuliert wird, sie zu begehen?«, wollte er wissen.

Die anderen sahen einander an.

»Ja, das ist richtig. Andernfalls wären wir alle Kriminelle und säßen hinter Gittern.«

Sobek nickte nachdenklich.

»Vielleicht ist die menschliche Fantasie das Ungeheuer«, meinte er. »Ich glaube, es gibt kein einziges Tier, das von seiner Fantasie gefoltert wird. Das wird nur der Mensch …«

»Die Fantasie ist in der Lage, das Beste und das Schlechteste in uns hervorzubringen«, pflichtete Hor ihm bei, »und ich weiß, was meine eigene gerne einigen Leuten antun würde.«

»Deine Dichtung ist Folter genug«, scherzte der Architekt.

»Und das ist der Grund, warum ein zivilisiertes Leben, Moral, Ethik und so weiter so wichtig sind«, erklärte Nacht mit Nachdruck. »Wir sind zur Hälfte Erleuchtete und zur Hälfte Ungeheuer. Anstand muss auf Vernunft und gegenseitigem Nutzen fußen.«

Sobek hob seinen Becher.

»Ich trinke auf deine Vernunft. Ich wünsche ihr allen nur erdenklichen Erfolg.«

Er wurde unterbrochen von einem Grölen, das von der Straße nach oben drang. Nacht klatschte in die Hände und rief:

»Es ist so weit!«

Daraufhin eilte die gesamte Runde auf die Brüstung der Terrasse zu und zerstreute sich, weil jeder der Männer nun um den besten Platz kämpfte.

Auf einmal stand Sekhmet neben mir.

»Komm, Vater, komm, oder du wirst alles verpassen!«

Dann zog sie mich mit sich. Wieder ertönte ein lauter Jubelschrei und dröhnte wie Donner durch die Straße unter uns und durch die Massen, die sich im Herzen der Stadt drängten. Wir hatten das offene Gelände vor den Tempelmauern perfekt im Blick.

»Was ist da los?«, fragte Thuju.

»Im Inneren des Tempels«, antwortete Nacht, »warten der König und die Königin auf den richtigen Moment, um zu erscheinen und die Götter willkommen zu heißen.«

»Und was ist im Inneren des Tempels?«

»Ein Mysterium in einem Mysterium in einem Mysterium«, sagte er.

Genervt blinzelte sie ihn an.

»Das beantwortet meine Frage nicht«, entgegnete sie. »Überhaupt nicht.«

Er lächelte.

»Da drin befindet sich ein außerordentliches neues Bauwerk: die Säulenhalle. Man hat viele Jahre daran gebaut, und sie ist gerade erst fertiggestellt worden. Es gibt auf der ganzen Erde nichts Vergleichbares. Die Säulen reichen bis in den Himmel, und es sind wundervoll bemalte Bilder darin eingemeißelt, die den König dabei zeigen, wie er Opfergaben darbringt. Und das Dach ist mit zahllosen goldenen Sternen der Göttin Nut bemalt. Dahinter befindet sich der gewaltige Sonnenhof, der von vielen großen, schlanken Säulen gesäumt ist. Und dahinter geht man dann durch ein Tor nach dem anderen, und hinter jedem werden die Decken niedriger und niedriger und die Schatten dunkler und dunkler – und diese Gänge führen in das Herz des Ganzen: zum verschlossenen Schrein des Gottes, in dem er bei Morgengrauen geweckt wird, mit den besten Speisen genährt und in die kostbarsten Gewänder gehüllt und in der Nacht wieder zu Bett gebracht wird. Es ist aber nur einigen wenigen Priestern und dem König gestattet, diesen Ort zu betreten, und niemandem, der da hinein darf, ist es erlaubt, jemals über das zu sprechen, was er dort erlebt hat. Und du darfst niemals jemandem verraten, was ich dir hier jetzt gerade anvertraut habe. Das ist nämlich ein großes Geheimnis. Und große Geheimnisse bringen immer große Verantwortung mit sich.« Mit strenger Miene sah er sie an.

»Ich will das sehen.« Pfiffig grinste sie ihn an.

»Das wird nie geschehen«, warf Sekhmet da auf einmal ein. »Du bist nur ein Mädchen.«

***

Nacht überlegte gerade, wie er auf diese Äußerung reagieren sollte, als die Trompeten eine ohrenbetäubende Fanfare bliesen. Das war für die Priester das Signal, sich zeitgleich auf den makellos gefegten Boden zu knien, und für die Soldaten, Habachtstellung einzunehmen, wobei ihre Speer- und Pfeilspitzen in der unerbittlichen Sonne glitzerten. Im nächsten Moment erschienen aus den Schatten der gewaltigen Tempelmauern zwei kleine Gestalten, die auf Thronen saßen, die von Bediensteten getragen und von hohen Regierungsbeamten und deren Gehilfen begleitet wurden. In dem Augenblick, da man sie aus der Dunkelheit in die Sonne trug, fiel das überwältigende Licht auf ihre Gewänder und hohen Kronen, die daraufhin gleißend hell erstrahlten. Vollkommene Stille legte sich über die Stadt. Sogar die Vögel verstummten. Die wichtigste Phase des Festrituals hatte begonnen.

Allerdings passierte eine ganze Weile gar nichts, ganz so, als seien sie zu früh zu einem Fest erschienen und keiner habe sich Gedanken darüber gemacht, wie man die beiden nun unterhalten könnte. Die königlichen Schirmträger zogen Sonnenschirme hervor und schützten die königlichen Gestalten mit den Kreisen aus Schatten. Dann verkündete weiter vorn ein Aufschrei die Ankunft des Gottes in seinem goldenen Schrein, der auf den Schultern seiner Träger ruhte. Langsam und unter sichtlicher Anstrengung bog die Prozession um die Ecke und tauchte auf wie ein Lichtblitz. Das Königspaar saß regungslos da wie Puppen, wie kostümierte, steife, kleine Puppen.

Angeführt von hochrangigen Priestern, die Gebete und magische Formeln sprachen, flankiert von Akrobaten und Musikern und gefolgt von einem weißen Opferstier, näherte sich der Gott. Endlich erhoben sich der König und die Königin: Tutanchamun, das Lebende Abbild des Amun, und Anchesenamun.

»Sie sieht aus, als hätte sie Angst.«

Ich schaute nieder auf Sekhmet und dann wieder auf die Königin. Meine Tochter hatte recht. Unter den Requisiten der Macht, der Krone und den Gewändern, sah die Königin nervös aus.

Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte ich, wie aus der dichten Menschenmenge, die unter Schirmen im grellen Licht der Sonne stand, mehrere Personen von anderen auf den ineinander verschlungenen Händen von Akrobaten vom Boden gehoben wurden, und im nächsten Moment erfolgte eine Reihe von flinken Bewegungen, und ich sah Arme, die irgendetwas warfen – kleine dunkle Bälle, die in hohem Bogen in die Luft flogen, über die Köpfe der Menge hinweg geradewegs in Richtung des aufrecht stehenden Königs und der Königin. Die Zeit schien plötzlich wie in Zeitlupe weiterzulaufen, wie sie das in den letzten Momenten vor einem Unglück stets tut.

Auf einmal explodierten Spritzer aus hellem Rot im makellosen Staub und auf den Gewändern des Königs und der Königin. Tutanchamun trat stolpernd einen Schritt zurück und sackte auf seinen Thron. Die Stille des tiefen Schocks hielt die Welt gleichsam eine Sekunde lang an. Im nächsten zerbrach sie in tausend Einzelteile voller Lärm, Aktivität und Geschrei.

Ich fürchtete, dass Tutanchamun tot war. Doch hob er langsam seine Hände, entsetzt, angewidert und nicht gewillt, das rote Zeug zu berühren, das über seine königlichen Gewänder tropfte und im Staub eine Pfütze bildete. Blut? Ja, aber nicht das Blut des Königs, denn dafür war da allzu plötzlich zu viel Blut. Der Schrein des Gottes geriet ins Wanken, weil die ihn tragenden Priester nicht wussten, wie sie reagieren sollten, und auf Anweisungen warteten, die nicht kamen. Anchesenamun sah sich verwirrt um. Und dann, als würden sie aus einem trägen Traum erwachen, hagelte es sowohl vonseiten der Priester wie der Armee Befehle.

Mir fiel auf, dass die Mädchen schrien und weinten, Thuju sich an mich presste und Tanefert die anderen zwei an sich drückte, während Nacht mir mit einem kurzen Blick zu verstehen gab, wie sehr ihn diese Freveltat schockierte und verwunderte. Die Männer und Frauen auf der Dachterrasse wandten sich einander zu, hielten sich die Hände vor den Mund oder suchten in diesem Augenblick der Katastrophe am Firmament Trost. Unter uns kam es zu einem Tumult, weil die Menge in Panik geriet, sich verwirrt umdrehte und die schützenden Reihen der Medjai zu durchbrechen begann, um auf die Straße der Sphingen zu gelangen und die Flucht vom Schauplatz des Verbrechens anzutreten. Die Medjai reagierten, indem sie auf jeden einschlugen, den sie mit ihren Schlagstöcken treffen konnten, Unbeteiligte an den Haaren mit sich rissen, Männer und Frauen zu Boden warfen – wo sie von anderen niedergetrampelt wurden – und so viele Menschen wie Vieh zusammentrieben, wie sie eben konnten.

Noch einmal schaute ich nach unten auf die Stelle, von der die Bälle geworfen worden waren, und erblickte das vor Angst verzerrte Gesicht einer jungen Frau. Ich war sicher, dass sie eine der Personen war, die diese Bälle geworfen hatten; ich sah mit an, wie sie sich umschaute, einzuschätzen versuchte, ob man sie beobachtet hatte, und sich dann zielstrebig abwandte und inmitten einer Gruppe junger Männer verschwand, die sich um sie geschart zu haben schienen, als wollten sie die Frau schützen. Sie spürte irgendetwas, schaute nach oben und sah, dass ich sie beobachtete. Einen Augenblick lang sah sie mir fest in die Augen, dann verbarg sie sich unter einem Sonnenschirm, weil sie wohl hoffte, so im allgemeinen Tumult unterzutauchen. Ich sah jedoch eine Gruppe von Medjai, die sich wie Fischer jeden schnappten, dessen sie habhaft werden konnten, und so saß sie in der Falle, zusammen mit vielen anderen.

Derweil wurden der König und die Königin mit unziemlicher Hast zurück in die Sicherheit der Tempelmauern geschleppt, und ihnen folgten der sich in seinem goldenen Schrein verbergende Gott und die Unmengen Würdenträger, die vor lauter Angst geduckt davonhuschten. Alle verschwanden sie jenseits der Tempeltore und ließen einen Aufruhr im Herzen der Stadt hinter sich, wie es ihn in dieser Form noch nie zuvor gegeben hatte. Ein paar mit Blut gefüllte Harnblasen – Waffen, die plötzlich so kampfstark waren wie der eleganteste Bogen und der treffsicherste Pfeil – hatten alles geändert.

Ich schaute auf die Straße unter uns, auf der es vor Menschen nur so wimmelte, die sich in Panik wanden, und für einen kurzen Moment verwandelte sich das Bild vor meinem geistigen Auge in einen Abgrund aus dunklen Schatten, und mittendrin erblickte ich die Schlange des Chaos und der Zerstörung, die insgeheim ständig zusammengerollt unter unseren Füßen liegt, und sah, wie sie ihre goldenen Augen aufschlug.

4

Ich wies meine Familie an, in Nachts Haus zu warten, bis es wieder sicher genug war, dass sie in Begleitung von dessen Hauswachen nach Hause zurückkehren konnten. Dann nahm ich Thot an die Leine und trat vorsichtig aus der Tür nach draußen auf die Straße. Medjai trieben die letzten Menschenansammlungen zusammen und verhafteten und fesselten jeden, von dem sie mutmaßten, dass er irgendetwas verbrochen hatte. Aus der Ferne drangen Rufe und Schreie durch die schwüle, rauchige Luft. Die Straße der Sphingen sah aus wie eine riesige Papyrusrolle, auf der die wahre Geschichte dessen, was sich hier soeben zugetragen hatte, auf dem eingetretenen Sand festgehalten war, hingekritzelt in Form der Fußspuren der fliehenden Menschen, die Tausende von Sandalen dabei zurückgelassen hatten. Abfall trieb ziellos dahin. Böen aus heißer Luft drehten sich zornig im Kreis und erstarben in Wirbeln aus Staub. Kleine Gruppen versammelten sich um die Toten und Verletzten, weinten und schluchzten die Götter an. Die verschmierten und zertrampelten Überbleibsel der vielen Blumendekorationen für das Fest wurden zu einer unangemessen versöhnlichen Opfergabe an den Gott all dieser Verwüstung.

Ich untersuchte das verspritzte Blut, das jetzt klebrig und in der Sonne zu schwarzen Pfützen erstarrt war. Thot schnüffelte elegant daran und sah mit flatterndem Blick zu mir auf. Fliegen kämpften erbittert um diese neuen Schätze. Behutsam hob ich eine der Harnblasen vom Boden und drehte sie in meiner Hand. Es war nichts Besonderes an ihr, ebenso wenig wie an der Tat selbst. Radikal waren die Originalität und die vulgäre Effektivität dieser abscheulichen Tat; denn die Täter hatten den König damit gedemütigt, als hätten sie ihn an den Füßen aufgehängt und mit Hundekot beschmiert.

Unter dem in Stein gemeißelten Bildnis unserer Standarte – dem Schakal Upuaut, dem Öffner der Wege – betrat ich das Hauptquartier der Medjai. Schlagartig war ich von Chaos umgeben. Männer unterschiedlichsten Ranges hasteten umher und brüllten Befehle und Gegenbefehle, womit sie demonstrierten, dass sie etwas zu sagen hatten und schwer beschäftigt waren. Durch die Menschenmenge hindurch erblickte ich Nebamun, den Chef der thebanischen Medjai. Sichtlich verärgert, mich zu sehen, starrte er mich an und bedeutete mir mit einer schroffen Geste, in seine Amtsstube zu kommen. Ich seufzte und nickte.

Er trat die schäbige Tür zu, und alsdann saßen Thot und ich geduldig auf unserer Seite seines niedrigen Tisches, der nicht unbedingt ordentlich, sondern mit Papyrusrollen, Essensresten und schmutzigen Öllampen übersät war. Sein breites Gesicht, aus dem wie immer dunkle Bartstoppeln stachen, sah finsterer aus denn je. Während er Thot mit einem verächtlichen Blick bedachte, den dieser unerschrocken erwiderte, schob er mit seinen Wurstfingern verschiedene Schriftstücke von einer Seite auf die andere – für einen Schreibtischhengst hatte er die falschen Hände. Er war ein Mann der Straße, kein Mann der Schriftrollen.

Ein persönliches Gespräch hatten er und ich bisher vermieden. Ich hatte mich aber bemüht, deutlich zu machen, dass ich keinen Groll gegen ihn hegte, weil er statt meiner befördert worden war. Für mich wäre sein Job nichts gewesen, obwohl mein Vater enttäuscht war und Tanefert es sich gewünscht hatte. Sie sähe lieber, wenn ich in einer sicheren Amtsstube arbeiten würde; sie weiß aber, dass ich es hasse, in einem stickigen Raum eingesperrt zu sein und mich mit dem langweiligen Unsinn interner Politik zu befassen. Nebamun tat das alles gern. Nur, jetzt hatte er Macht über mich, und wir wussten beide, dass es so war. Tief drinnen wurmte mich das, ein Gefühl, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

»Wie geht es der Familie?«, erkundigte er sich desinteressiert.

»Gut. Und deiner?«

Er machte eine vage Handbewegung, die mich an einen gelangweilten Priester erinnerte, der eine störende Fliege verscheucht.

»Was für ein Fiasko«, meinte er kopfschüttelnd. Ich beschloss, für mich zu behalten, was ich mitangesehen hatte.

»Wer steckt deines Erachtens dahinter?«, erkundigte ich mich unschuldig.

»Ich weiß es nicht, aber wenn wir diese Leute finden, werde ich ihnen eigenhändig die Haut vom Leib ziehen, langsam und in schmalen Streifen. Und dann werde ich sie an Pfählen in die Mittagssonne der Wüste stellen, als Mahl für die Bulldoggenameisen und Skorpione. Und ich werde zuschauen.«

Ich wusste, dass ihm nicht genug Ressourcen zur Verfügung standen, um angemessene Ermittlungen anzustellen. Im Verlauf der letzten Jahre hatte man das Budget der Medjai immer wieder gekürzt und die Gelder der Armee zukommen lassen, und sehr viele, zu viele ehemalige Medjai waren mittlerweile entweder arbeitslos oder – für ein besseres Gehalt, als sie es je von der Medjai bezogen hatten – als private Sicherheitskräfte reicher Kunden und deren Familien tätig, sowohl in deren Privathäusern als auch in ihren mit Schätzen vollgestopften Grabkammern. Unter solchen Bedingungen die städtische Polizei zu leiten war nicht leicht. Also würde er tun, was er in der Regel tat, wenn ein ernsthaftes Problem vorlag: Er würde ein paar mutmaßliche Verdächtige verhaften, Anklagepunkte gegen sie erfinden und sie mit großem Spektakel hinrichten lassen. Das ist heutzutage der Lauf der Gerechtigkeit.

Er fläzte sich nach hinten, und ich sah, was für einen dicken Bauch er seit seiner Beförderung bekommen hatte. Der Speck, der für Wohlstand und Bequemlichkeit stand, schien Teil seines neuen Egos geworden zu sein.

»Ist schon eine Weile her, seit du eines deiner großen Projekte hattest, nicht wahr? Ich schätze mal, dass du hier herumschnüffelst, um dich irgendwie in die Ermittlungen einzumischen …«

Wie er mich beäugte, das weckte den Wunsch in mir, aufzustehen und zu gehen.

»Ich doch nicht«, erwiderte ich. »Mir gefällt das ruhige Leben.«

Er wirkte beleidigt. »Warum, zum Teufel, bist du dann hier? Besichtigst du die Räumlichkeiten?«

»Ich habe heute Morgen eine Leiche untersucht. Die Leiche eines Jungen, eines jungen Mannes, der unter interessanten Umständen …«

Er ließ mich nicht aussprechen.

»Um ein totes Balg scheren wir uns hier einen Scheißdreck«, fiel er mir ins Wort. »Schreib einen Bericht, leg ihn ab … und dann tu mir den Gefallen und verschwinde. Für dich gibt es hier heute nichts zu tun. Nächste Woche bin ich vielleicht in der Lage, dir irgendeine kleine Sache zuzuteilen, die du aufwischen kannst, nachdem die anderen die eigentliche Arbeit geleistet haben. Es ist an der Zeit, den jüngeren Kollegen eine Chance zu geben.«

Ich zwang mich zu einem Lächeln, hatte aber den Eindruck, dass es eher an das Zähnefletschen eines zornigen Hundes erinnerte. Das sah er. Er grinste, erhob sich, lief um den Tisch herum und öffnete mir mit vorgetäuschtem Eifer die Tür. Ich verließ den Raum. Laut fiel die Tür hinter mir ins Schloss.

Draußen auf dem Hof hatte man Hunderte unglücklicher Männer und Frauen aller Altersgruppen zusammengepfercht, die kreischten, dass sie unschuldig waren, Bittgesuche schrien oder einander beschimpften. Viele warfen mit dem irdischen Besitz um sich, den sie in diesem Moment bei sich trugen – Schmuck, Ringe, Kleidungsstücke, und hin und wieder war auch eine Botschaft dabei, die sie auf eine Tonscherbe gekratzt hatten –, um die Wachen dazu zu bringen, sie freizulassen. Niemand scherte sich darum.

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