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Tuesday Falling

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. – 1 –
  8. – 2 –
  9. – 3 –
  10. – 4 –
  11. – 5 –
  12. – 6 –
  13. – 7 –
  14. – 8 –
  15. – 9 –
  16. – 10 –
  17. – 11 –
  18. – 12 –
  19. – 13 –
  20. – 14 –
  21. – 15 –
  22. – 16 –
  23. – 17 –
  24. – 18 –
  25. – 19 –
  26. – 20 –
  27. – 21 –
  28. – 22 –
  29. – 23 –
  30. – 24 –
  31. – 25 –
  32. – 26 –
  33. – 27 –
  34. – 28 –
  35. – 29 –
  36. – 30 –
  37. – 31 –
  38. – 32 –
  39. – 33 –
  40. – 34 –
  41. – 35 –
  42. – 36 –
  43. – 37 –
  44. – 38 –
  45. – 39 –
  46. – 40 –
  47. – 41 –
  48. – 42 –
  49. – 43 –
  50. – 44 –
  51. – 45 –
  52. – 46 –
  53. – 47 –
  54. – 48 –
  55. – 49 –
  56. – 50 –
  57. – 51 –
  58. – 52 –
  59. – 53 –
  60. – 54 –
  61. – 55 –
  62. – 56 –
  63. – 57 –
  64. – 58 –
  65. – 59 –
  66. – 60 –
  67. – 61 –
  68. – 62 –
  69. – 63 –
  70. – 64 –
  71. – 65 –
  72. – 66 –
  73. – 67 –
  74. – 68 –
  75. – 69 –
  76. – 70 –
  77. – 71 –
  78. – 72 –
  79. – 73 –
  80. – 74 –
  81. – 75 –
  82. – 76 –
  83. – 77 –
  84. – 78 –
  85. – 79 –
  86. – 80 –
  87. – 81 –
  88. – 82 –
  89. – 83 –
  90. – 84 –
  91. – 85 –
  92. – 86 –
  93. – 87 –
  94. – 88 –
  95. – 89 –
  96. – 90 –
  97. – 91 –
  98. – 92 –
  99. – 93 –
  100. – 94 –
  101. – 95 –
  102. – 96 –
  103. – 97 –
  104. – 98 –
  105. – 99 –
  106. – 100 –
  107. – 101 –
  108. – 102 –
  109. – 103 –
  110. – 104 –
  111. – 105 –
  112. – 106 –
  113. – 107 –
  114. – 108 –
  115. Danksagung
  116. Case Six
  117. Interview mit Stephen Williams

Über dieses Buch

Männer haben der jungen Tuesday extreme Grausamkeiten angetan, doch sie wird sich an ihnen rächen. Und sie will die anderen beschützen – Mädchen und junge Frauen wie sie. Tuesday lebt im Netzwerk vergessener Tunnel unter London, ihre Waffen stiehlt sie aus Museumsarchiven. Bald wird sie zu einem Racheengel, der Londons Bevölkerung Hoffnung gibt.

Detective Inspector Loss wird mit dem Fall betraut – ein ausgebrannter Kommissar, der immer noch unter der Last des ungelösten Mordes an seiner Tochter vor drei Jahren leidet. Fast ist es, als ob der Fall für ihn bestimmt sei … Kann es sein, dass Tuesday den Schlüssel zur Wahrheit über seine Tochter hat?

Über den Autor

Stephen Williams hat bereits Songtexte für eine internationale Rockband geschrieben und seine Gedichte und Kurzgeschichten in Magazinen veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er eigens entwickelte Geisterabende in historischen Gebäuden. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in einem Dorf in Nord-Yorkshire.

Stephen Williams

TUESDAY
FALLING

Deine Zeit ist gekommen

Aus dem Englischen von Thomas Schichtel

 

Für Josephine, ganz und gar.

– 1 –

Die Jungs mit ihren tief im Schritt hängenden Hosen und ihrem Multikulti-Dialekt drängen sich in die U-Bahn. Ihre Augen blicken hart und glänzen von zu viel Speed, das mit zu wenig Mephedron versetzt wurde. Ihre Klamotten schreien Außenseiter und sehen dabei doch nach verzweifelt ersehnter Anpassung aus. Diese Typen wollen einzeln wahrgenommen werden und doch als Gemeinschaft. Kleine Jungs in erwachsenen Körpern, verwirrt und kaputt gemacht von einer Gesellschaft, mit der sie nicht Schritt halten können und über die sie sich stattdessen lustig zu machen versuchen. Im Grunde ziemlich armselig. Wären diese Typen nicht so gefährlich, würde ich sie glatt mit nach Hause nehmen und bemuttern.

Aber ich eine Mutter? Wohl kaum. Das letzte Mal, als ich Mutter war, war ich vierzehn, und das hat gerade mal fünfzehn Minuten lang funktioniert.

Sie sind zu sechst, diese Jungs. Der Jüngste ist vielleicht dreizehn und der Älteste um die sechzehn. Würde man ihre IQs zusammenzählen, bliebe die Summe noch unter meiner Schuhgröße, und doch halten sie sich für oberschlau.

Ich liebe es, mich mit solchen Jungs anzulegen. Sie sehen mich in der Ecke des Wagens sitzen, ein kleines Goth-Girlie. Ein Emo-Zwerg. Sie gucken sich meinen Militärranzen an und denken: Poesiealbum. Sie denken nicht: Columbine.

Aber ehrlich gesagt überschätze ich sie da wohl. Sie denken überhaupt nicht. Sie funktionieren im Gruppenhirn-Modus. Folgen dem Anführer. Suchen nach den Schwachen.

Die Schwache. Das bin ich. Schlappe eins fünfzig groß in schwarzen Klamotten, als wüsste ich mit meiner Zeit nichts Besseres anzufangen, als Matrix zu gucken und mir mit einer Klinge schöne Bilder in den Arm zu ritzen. Ein hübsches Mädchen, ziemlich abgefuckt.

Pflückreif.

Na dann mal los, Jungs.

Pflückt mich.

– 2 –

»Wer ist sie?« Detective Inspector Loss sieht sich die Bilder der Videoüberwachung aus der U-Bahn an. Obwohl es eine Aufzeichnung ist, keine Echtzeitverbindung, ist die Spannung im Raum mit Händen zu greifen. Die Luft wirkt schneidend wie eine Rasierklinge, und im Hinterkopf des DI ertönt ein Winseln wie von einem kaputten Glühdraht. Die Bilder auf dem Monitor sind schwarz-weiß, und die Auflösung ist grauenhaft. Überall sieht man graue Flächen, und die Gesichter sind verschwommen, als hätte man sie unvollständig ausradiert.

Das Blut sieht man trotzdem.

»Keine Ahnung, Sir. Wir prüfen gerade die Videobilder vom Eingang.«

Sein weiblicher Detective Sergeant sieht sich nicht an, was ihr Chef vor Augen hat. Sie kennt die Bilder schon, und etliche Minuten später muss sie immer noch die beträchtliche Menge Speichel schlucken, die ihr Körper produziert. Aber entweder das oder auf den Laptop kotzen.

Auf den Bildern sieht man überall Blut. Überall auf den jungen Männerkörpern, die reglos auf dem Boden des U-Bahn-Wagens liegen. Über die Sitze und Scheiben gespritzt und in langen Schlieren über die Waggonwände verschmiert. Obwohl die Bilder schwarz-weiß sind und die Auflösung grauenhaft ist, erkennt der Inspector das Blut. Und er weiß, dass es nicht das Blut des Mädchens ist, weil er gerade gesehen hat, wie sie ohne einen Kratzer aus der U-Bahn steigt. Der DI seufzt tief und greift nach seiner E-Zigarette.

»Noch mal abspielen«, sagt er.

Der Bildschirm bleibt einen Augenblick lang leer, dann taucht wieder der U-Bahn-Wagen auf, kurz vor dem Gemetzel. Kein Blut. Keine Leichen. Nur ein kleiner weiblicher Teenager in der Ecke und sechs aufgeputschte Raubtiere, die sich durch die Wagentür drängen. Sie albern ein wenig herum, hauen sich gegenseitig und ziehen ihr pubertäres Gehabe wie eine brutale Comedy-Nummer ab, die lautlos über den Bildschirm flimmert. Dann entdecken sie das Mädchen. Trotz der miesen Bildqualität, obwohl die Pixel benebelter sind als ein Game-Designer, erkennt DI Loss, wie die Jungs sich plötzlich freuen, als wäre Weihnachten. Zwei von ihnen klatschen sich lässig ab, dann nähert sich das Rudel dem Mädchen in unaufhaltsamer Gang-Power. Die totale Kontrolle. Die Spitze der Nahrungskette.

Loss starrt auf den Monitor. Starrt auf den animalischen Hunger in den verwischten Gesichtern.

»Ich wär mir meiner Sache da nicht so sicher, Jungs«, flüstert er.

– 3 –

Sieh mal einer an, da kommen sie ja schon.

Der mit der Kapuzenjacke sieht mich als Erster. Aber was für ’nen Mist erzähl ich da - sie stecken ja alle in Hoodies. Natürlich tun sie das. Sie wollen alle gleich aussehen, als ob sie amerikanische Gangstas wären. Merken die nicht, dass das alles Bullshit ist? Dass die Typen, die sie verehren, die Lebenserwartung von Spatzen haben? Ganz ehrlich, wenn man’s sich genau überlegt, ist das, was ich vorhabe, ein Akt der Barmherzigkeit. Diese Jungs leben gar nicht richtig, sie verrotten nur in Zeitlupe.

Zeit, den Film zu beschleunigen.

Was ich sagen wollte: Der Typ vorneweg in dem etwas hoodiehafteren Hoodie, als ihn die übrigen Spastis anhaben, entdeckt mich zuerst. Ich denke mir, er ist das, was bei dieser Truppe als Gehirn durchgeht. Auf jeden Fall kann er immerhin fast aufrecht gehen. Er klatscht seine Klondrohne mit einem Low five ab und pirscht sich an mich ran, und die anderen latschen ihm wie ferngesteuerte Marionetten hinterher.

Hab ich schon erwähnt, dass ich solche Typen liebe? Die in der Gruppe ganz auf tough tun und den Blick cool in die Ferne schweifen lassen. Wenn ich einem dieser Jungs sonntags vor einer Kirche allein begegnen und ihm eine Broschüre in die Hand drücken würde, ich denk mal, er würde sich artig bedanken.

Was übrigens nicht heißen soll, dass ich zu den Gotteskriegern gehöre. Da scheiß ich drauf. Lieber lass ich mir alle Zähne ziehen, als vor so einem Priesterschwanz auf die Knie zu sinken.

Nein, was ich sagen will: Ohne seine Truppe, seine Stütze, ist er nichts weiter als ein hirntotes Muttersöhnchen mit der geistigen Kapazität eines undichten Sandsacks.

Was ihn natürlich nicht entschuldigt.

Ich sehe mir im Wagenfenster per Spiegelbild an, wie sie näher kommen. Als sie kaum noch einen Meter entfernt sind, bleiben sie selbstzufrieden stehen, fast alle gleichzeitig. Gut gemacht, Jungs.

Auf geht’s! Megahoodie grinst mich an und meldet sich zu Wort, mit einer Stimme, die so freundlich klingt wie ein Dolch.

»Ey, du kleine Bitch, wie wär’s, wenn du mit uns kommst, was Nettes zusammen machen?«

Das ist brillant. Megahoodie ist so was wie der Shakespeare der Gang. Er gibt den Romeo. Er hat es geschafft, Jahrtausende der Sprachentwicklung auf die verbale Entsprechung von Schwanz-Vorzeigen und ein »Na, wie wär’s?« zu reduzieren.

Echt, den muss ich mir bis zuletzt aufsparen, wenn’s geht. Er macht einfach so viel Spaß! Ich zieh die Knie bis an die Brust hoch und glotze weiter durch die Scheibe in den dunklen Tunnel hinaus, der mit einer Million Meilen pro Stunde vorbeiwischt.

Sie lächeln jetzt und sind auf einmal ganz zapplig. Sie denken, sie hätten das perfekte Opfer aufgegabelt. Sie denken, ich hätte Angst und wär kurz davor einzuknicken.

»Ey, Emo! Ich rede mit dir. Da draußen gibt’s nix zu sehen. Hier drinnen dafür ’ne ganze Menge.« Er lacht los und traktiert seinen Kumpel mit dem Ellbogen, während er sich die rechte Hand vorne in die pre-ripped Cargohose von Diesel schiebt.

Dazu zwei Anmerkungen:

Erstens: Es gibt reichlich zu sehen, wir sind nämlich gerade im Tunnel, und die Beleuchtung im Wagen ist extrem hell. Das macht die Scheibe zum Spiegel. Ich sehe alles, was die Typen machen.

Zweitens: Der Hoodie-Affe hat sich gerade die rechte Hand in die Hose gesteckt, um sich vor seinen Freunden kurz mal gepflegt die Eier zu schaukeln. Ich vermute also, dass er Rechtshänder ist und somit gerade nicht in der Lage, mich zu attackieren.

Ich meine, so was kann sich doch eigentlich keiner ausdenken, oder? Jemand Fremdes einschüchtern, indem du dir selbst ein Handicap zulegst! Das ist, als würde man von den Teletubbies bedroht.

Länger kann ich mich nicht verarschen lassen. Ich dreh mich zu ihnen um, zieh das Messer aus meiner Tasche und stoß es dem Diesel-Deppen in den Hals.

– 4 –

Der DI sieht sich an, wie das Mädchen in der U-Bahn ihr Ding durchzieht. Trotz der miesen Bildqualität erkennt er, dass sie lächelt. Trotz der ruckelnden Bilder und der Horrorfilmbeleuchtung, die ab der Hälfte der Videoaufzeichnung einsetzt, als sie die Notbremse zieht, kann er sehen, dass sie glücklich ist. Wie sie so durch den Wagen spaziert, verraten die Schönheit und Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, dass sie mit sich und ihrer Arbeit zufrieden ist. Wie ein Tsunami in Menschengestalt walzt sie durch den Wagen. Loss zieht an seiner E-Zigarette und sieht weiter zu, ohne dass der Dampf auch nur ein einziges grausiges Detail verhüllt.

– 5 –

Es ist nicht schwer, jemandem in die Kehle zu stechen. Man zieht einfach das Messer aus der Armeetasche, rammt es ihm in den Hals und durchtrennt die Halsschlagader, nur wenige Zentimeter neben der Luftröhre. Natürlich ist es nicht schwer; er wollte dich vergewaltigen und dann zusehen, wie seine Klone nacheinander über dich herfallen. Reine Selbstverteidigung.

Nein, der schwierige Teil besteht darin, nicht zu erstarren, an dieser Stelle aufzuhören und den Jungen zu betrachten, wie er sich in Krämpfen auf dem Boden windet. Das ist es, was die meisten Leute falsch machen. Du musst ihm in den Hals stechen, dann sofort das Messer herausziehen und ihn mit Hilfe deiner abgewetzten ochsenblutfarbenen Doc Martens umdrehen, damit nichts von seinem Blut auf dich spritzt. Dich besudelt. Du darfst jetzt nicht haltmachen, wenn das Blut von Dying-Boy in kräftigen Stößen auf seine Kumpels und an die Wände spritzt, während er sich von dir wegdreht.

Aber du siehst gar nicht hin, wenn er zu Boden geht. Nein, das tust du nicht. Du bist nämlich schon längst dabei, Drohne Nummer zwei die Augen auszustechen, während du an den Sitzbänken vorbei zum anderen Ende des Wagens läufst. Die Blutfontäne und das einsetzende Geschrei haben dir drei oder vier Schrecksekunden Pause verschafft, bevor sich bei denen das Adrenalin einschaltet und sie als Rudel auf dich losgehen. Natürlich bist du am Arsch, wenn es dazu kommt. Mehr als am Arsch. Aber in dem Moment, in dem sie ihre Lage kapieren, drückst du dich schon mit dem Rücken an die Wand, ein breites, irres Grinsen im Gesicht.

Es ist übrigens wichtig, an welche Wand du dich drückst. Die U-Bahn fährt mit neunzig Stundenkilometern, und wenn die Notbremse gezogen wird, was jetzt gleich passiert, reicht der Impuls, der auf den stehenden Körper eines zugedröhnten Vergewaltigungsjunkies einwirkt, um ihn mit der Fresse voran über den Boden schlittern zu lassen. Der Impuls würde auch reichen, um ein kleines Goth-Girl durch die Luft und gegen die Scheiben zu schleudern, und deshalb ist es entscheidend, dass sie sich an eine Wand drückt, die den Schwung sofort abfängt, während sich das Rudel noch an dem Ende des Wagens aufhält, das die längste Flugstrecke für sie bereithält und ihnen dadurch - wie man nur hoffen kann - sämtliche Knochen in ihren Vergewaltigerleibern bricht.

Lächeln. Ziehen. Das Kreischen der Bremsen registriere ich kaum, denn mein Kopf ist voller Schnee und Eis, aber die Jungs vor mir sehen nicht mehr ganz so oberschlau aus wie noch vorhin.

Oh, und was sich als recht hilfreich erweist: Wenn die Notbremse gezogen ist, geht die Deckenbeleuchtung aus, und der Waggon bleibt im stotternden Neonlicht der Notbeleuchtung in Wänden und Fußboden zurück.

Ich wünsche euch einen schönen Tag, Jungs. Ich öffne die Tasche und hole zwei Sicheln hervor. Ich stehe auf und gehe auf die Jungs zu.

Witsch watsch.

Es dauert nicht lange. Es dauert nie lange. Wenn es lange dauert, hat man Probleme. Wenn es lange dauert, ist man tot. Im Wagen herrscht Stille. Ich gehe den Gang zurück und stecke die Sicheln weg. Ich werde sie nicht noch mal benutzen, aber ich will sie auch nicht für die Polizei liegen lassen.

Ich meine, ich will ja schließlich nicht, dass es zu einfach wird, oder? Wo bleibt denn da der Spaß? Eine Sache will ich der Polizei allerdings schon hinterlassen. Ich hole sie aus der Hemdtasche meines klassischen US-Armeeshirts hervor und platziere sie auf Trouser-Boy. Er protestiert nicht mal, aber das war ja auch nicht zu erwarten.

Dann blicke ich zur Kamera hinauf, damit die Jungs und Mädels in Blau eine gute Aufnahme von mir bekommen.

Und dann gehe ich. Job erledigt.

– 6 –

Die DS tippt auf ihrem Computer, und die Aufnahme läuft ein paar Einstellungen weit zurück und erstarrt an der Stelle, wo das Mädchen in die Kamera lächelt. DI Loss spürt, wie sich in seinem Bauch Druck aufbaut, und rülpst leise, hält dabei die Hand vor den Mund. Im Raum breitet sich der Geruch von Speckfett aus. Dabei wird ihm übel. Noch übler.

»Und die Kameras außerhalb der Station?«, fragt er und kramt in der Jacke nach säurebindenden Magentabletten. Die DS deutet auf das unterteilte Display ihres Laptops, wo die Überwachungsbilder vom Eingang des Embankment-U-Bahnhofs laufen. Dort mussten sämtliche Fahrgäste aussteigen, wenn jemand im Zug die Notbremse gezogen hatte.

»Nichts, Sir. Den Kameras zufolge hat sie den Bahnhof nicht verlassen. Sie ist wie eine Art Geisterninja durch diese Jungen spaziert und dann ...« Sie führt eine wegwerfende Handbewegung aus. «... puff, einfach in Luft aufgelöst.«

Der DI betrachtet weiterhin das Mädchen auf dem Bildschirm. Sie konnte nicht älter als siebzehn sein. »Und wie viele dieser feinen jungen Männer hat sie umgebracht?«

»Erstaunlicherweise nur einen. Den Anführer.« Die DS drückt ein paar Tasten. »Einen gewissen Jason Dunne, wohnhaft in Sparrow Close, Crossquays.«

»Reizende Gegend.« DI Loss kennt Sparrow Close zur Genüge. Man stelle sich ein Problemviertel vor, in das keinerlei öffentliche Gelder mehr investiert werden, wo aber stattdessen reichlich Knete aus Drogendeals und Hehlerei fließt, und wenn man dann noch eine Bande eiskalter Mistkerle dort ablädt, dann hat man: Sparrow Close.

»Obwohl keiner der anderen je wieder laufen wird«, fährt die DS fort. »Sie hat ihnen die Achillessehnen gekappt und auch die Sehnen in den Kniekehlen durchgeschnitten.«

Die DS wendet den Blick vom Laptop und sieht Loss an. »Sie hat sogar noch mehr getan, aber darüber möchte ich gar nicht weiter nachdenken.«

Loss kann es ihr nicht verdenken. Bei all dem Blut auf dem Monitor wird auch ihm allmählich schwindelig. Obwohl die Aufnahme schwarz-weiß ist, läuft sie in seinem Kopf in Farbe ab, ganz grell eingestellt. »Und was hat sie da auf ihm abgelegt?«

Sie wendet sich erneut dem Laptop zu und tippt los. Ihre Finger hämmern auf die Tasten, und auf dem Monitor erscheint eine Großaufnahme der Leiche Jason Dunnes. Auf seiner Jeans klebt im Blut ein Stück weißer Karton, so was wie eine Visitenkarte. In Arial-Schrift steht dort ein einzelnes Wort gedruckt: Tuesday. Der DI stößt einen tiefen Seufzer aus.

»Und?«

»Und was, Sir?«

»Ist heute Dienstag?«

Stone lächelt gepresst, während sie den Monitor anstarrt.

»Nein, Sir. Heute ist Freitag.«

– 7 –

Es wird überall in den Nachrichten gemeldet, wird von jeder aktiven Medienplattform herausgeschrien.

Einer ermordet und fünf verkrüppelt!

Jason Dunne, 16, und fünf weitere Teenager, alle der Sparrow Secondary School verwiesen, wurden vergangene Nacht in einer U-Bahn brutal angegriffen. Mr Dunne starb an Ort und Stelle. Derzeit bittet die Polizei Zeugen des Verbrechens, sich zu melden. In Kürze wird eine offizielle Stellungnahme herausgegeben. Besonders dringend möchte die Polizei mit einer jungen Frau sprechen, die mutmaßlich im Zentrum der Ereignisse steht.

Als Lily den Bericht sieht, wird ihr ganz flau; sie glaubt, dass sie die junge Frau ist, die die Polizei vernehmen will. Doch einen Augenblick später kracht die Realität in ihre Gedanken zurück, und sie stößt einen bebenden Seufzer der Erleichterung aus.

Natürlich ist sie es nicht. Das wäre ganz und gar unmöglich.

Sie war die ganze Nacht lang zu Hause.

Ganz den Anweisungen entsprechend, die sie erhalten hatte.

Lily schaltet das Bild auf ihrem Laptop aus und steht aus dem Bett auf. Ohne das Geräusch der Nachrichten im Raum hört sie deutlich den Regen, der ans Fenster hinter dem Vorhang trommelt. Lily steckt in ihrem blauen Lieblingspyjama von Marks & Spencer. Sie muss die Pyjamahose oben in der Taille mehrfach einrollen, damit sie ihr nicht runterrutscht. Lily hat rapide an Gewicht verloren und wiegt jetzt nur noch knapp fünfunddreißig Kilo. Ihre Knochen tragen die Haut auf die gleiche Art und Weise wie ein Kleiderbügel ein gebrauchtes Kleid. Es sieht aus, als hätte sie sich den Körper eines kleineren Mädchens ausgeliehen. Sie zieht den Bademantel an, geht langsam zur Schlafzimmertür und presst ein Ohr ans Holz, um nach Geräuschen zu lauschen, die nicht da sein dürften. Sie hört nur das Radio in der Küche und ihre Mutter, die das Frühstück systematisch zur Kapitulation prügelt.

Keine Türen, die eingetreten werden. Keine Leute, die hereingestolpert kommen.

Kein Gestank von Drogen, Alkohol und Hass.

Kein Schakalgelächter. Keine Gewalt, kein Zerreißen und keine Körpergier.

Na ja, das war ja auch nicht zu erwarten gewesen, oder?

Lily zieht den Riegel zurück, den sie vor drei Wochen hat anbringen lassen, und durchquert die Wohnung auf dem Weg in die Küche. Sie geht inzwischen nicht mehr viel und hält sich etwas wackelig auf den erbärmlich dünnen Beinen. Ihre Mutter steht am Herd, einen Ausdruck völliger Verständnislosigkeit im Gesicht. Lily lächelt. Das fühlt sich gut an. Lily lächelt nicht mehr häufig.

Vor alldem hat ihre Mutter nur selten für sie gekocht; zu sehr war sie mit drei Jobs beschäftigt, nur damit Lebensmittel im Kühlschrank waren und ein Kreditrahmen fürs Telefon existierte. Lily hatte es ihr vergolten, indem sie sich in der Schule anstrengte und sich bemühte, in nicht allzu viele Schwierigkeiten zu geraten. In Lilys Siedlung war das nicht einfach, aber sie hatte sich aufrichtig Mühe gegeben. Inzwischen lässt die Mutter Lily nicht mehr allein in der Wohnung. Lily geht nicht mehr zur Schule und verlässt nur noch selten ihr Zimmer. Der Herd wird nicht mehr gebraucht.

Man isst nicht, wenn man möchte, dass der eigene Körper stirbt.

Lilys Mum blickt vom Herd auf und starrt ihre Tochter an. Lily sieht die eigenen Augen im Gesicht der Mutter. Wund von zu viel Weinen. Trocken von zu wenig Tränen.

»Hast du es schon gehört?«

Lily nickt und erwidert den starren Blick der Mutter. Draußen spricht der Regen, der gegen die Scheiben peitscht, eine ganz eigene Sprache. Lilys Mum blickt das Radio an; die ruhige gemessene Radiostimme spricht vom Angriff auf die sechs Jungen in der U-Bahn. Lilys Mum nickt knapp. Nur einmal.

»Diese Mistkerle haben nichts anderes verdient.«

Lily lächelt erneut. Ihre Mutter fluchen zu hören, wie harmlos auch immer, erdet sie. Sie hat nicht mehr das Gefühl, als wandelte sie durch einen Traum aus Watte im eigenen Kopf, wo nichts Bedeutung hat und alles okay ist.

Lily tritt auf die Mutter zu und drückt sie, aber nur sachte, damit sie nicht spürt, wie spitz sich Lilys Knochen in ihre Haut bohren. Lily weiß: Die Mutter gibt sich selbst die Schuld an dem, was der Tochter angetan wurde. Während sie auf der Arbeit war.

»Ich sag dir was, Mum. Du mixt mir einen Nährstoffdrink, ich checke so lange meine Nachrichten, und dann beschimpfen wir gemeinsam das Radio.«

Es ist nicht viel, aber es ist alles, was sie tun kann. Gespräche sind eine Fertigkeit, die sie verloren hat. Einen Schutzschild aus Worten zu schmieden, war früher Teil ihrer Persönlichkeit gewesen. Inzwischen sind Worte für sie ein Labyrinth, das sie verwirrt. Lily lässt die Mutter weinend in der Küche zurück, wo sie der Tochter nachblickt, während diese wieder in ihr Zimmer geht. Zuletzt hat sie ihre Tochter vor zwei Tagen etwas essen gesehen, und das war eine hauchdünn geraspelte Karotte gewesen.

– 8 –

Man findet in London über vierzig stillgelegte U-Bahn-Stationen, manche nur ein kleines Stück von noch in Betrieb befindlichen Stationen entfernt, aber nur wenige davon erfüllen meine Anforderungen.

Zunächst mal brauche ich mehr als einen Weg, der rein- und rausführt. Ein Zuhause ohne Fluchtweg ergibt keinen Sinn. Als ich dazu überging, unterirdisch zu leben, habe ich mich in einem alten Tunnel am Green Park eingebunkert: dicht genug am Bahnsteig, um mich sicher zu fühlen, aber weit genug von ihm entfernt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zum System gehören Hunderte solcher Tunnel. Manche dienen als Materiallager oder als Betriebsräume. Manche sind Seitenarme von Linien, die heute überflüssig geworden sind. Und bei manchen habe ich nicht den geringsten Schimmer, wofür sie eigentlich da sind. Ich fand den Tunnel, in dem ich hauste, perfekt. Wände und Decken bestanden aus diesen kleinen weißen Porzellanmauersteinen, als hätte jemand Spielzeugsteinchen für ein lebensgroßes Bauwerk benutzt. Genau so, wie ich mich die ganze Zeit fühlte. Ich hatte da ein altes Campingbett, eine Lampe und diversen anderen Kram.

Verglichen mit dem Ort, an dem ich zuvor gehaust hatte, war es das Ritz.

Dass der Tunnel vielleicht doch noch mal irgendwann benutzt werden könnte, kam mir gar nicht in den Sinn. Ich dachte, er wäre ein Überbleibsel aus dem Krieg oder so was.

In der dritten Nacht weckt mich doch glatt ein Arbeiter, der ein paar Stunden von seiner Nachtschicht schwänzt. Ich weiß nicht, wer sich mehr erschrocken hat, er oder ich. Jedenfalls hatte der Tunnel keine Hintertür, und ich musste den Typ letztlich beißen, um an ihm vorbeizukommen. So, wie ich damals gelebt habe, muss er mich für ein Tier gehalten haben.

Aber das war damals, und jetzt ist jetzt.

Nachdem ich die Jungs in der Bahn liegen gelassen habe, gehe ich durch einen Wartungstunnel nach Charing Cross, nehme die Perücke ab, stopfe sie in meine Umhängetasche und setze mir ein Basecap auf. Ich ziehe mein Armyshirt linksrum an, sodass es außen grün, nicht schwarz aussieht, und warte, bis ein Zug in den Bahnhof einfährt. Ich habe einen Generalschlüssel für den Notausstieg am Heck, das immer noch in den Tunnel ragt, wenn der Zug anhält, also brauche ich nur aus meiner Nische zu schleichen, an Bord zu steigen und eine Station zum Leicester Square mitzufahren. Dann auf die Piccadilly-Linie wechseln und bis nach Holborn fahren.

Nur wenige wissen, dass Holborn Station eine Ersatzhaltestelle ist. Eine weitere liegt fast gleich gegenüber auf der anderen Seite der Oxford Street und wurde 1933 geschlossen: die Haltestelle British Museum.

Ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken, oder?

Ich steige mit den übrigen Fahrgästen aus, das Cap tief ins Gesicht gezogen und die Umhängetasche wie einen Rucksack über die Schultern gehängt, die Lederriemen über den Kopf gestreift, aber unter den Armen hindurchgeführt. Ich folge der Menge ein Stück weit, verdrücke mich dann durch eine Wartungstür und schleiche durch den Fußgängertunnel zur stillgelegten Haltestelle. Ich beleuchte den Weg mit einer Halogentaschenlampe und pirsche mich durch die gewundenen Kammern und Verbindungskorridore, die mich in den Luftschutzunterstand aus dem Zweiten Weltkrieg führen.

Trautes Heim, Glück allein.

– 9 –

Lily schaltet ihren Computer ein, führt den Mauspfeil auf das Google-Icon und klickt es an. Während sie auf die Internetverbindung wartet, geht sie zum Fenster, späht durch den Vorhang und blickt durch die Regenschlangen, die über die Scheibe kriechen, hinaus auf die Siedlung.

Lily wohnt im ersten Stock eines dreigeschossigen Blocks. Auf jeder Etage befinden sich zehn Wohnungen, alle identisch geschnitten. Hinter dem Schlachtfeld unter ihr, das hier als Spielplatz durchgeht, ragt ein Wohnblock auf, der ihren exakt spiegelt. Links und rechts wiederum das Gleiche: vier Blocks aus Identi-Apartments, in Beton gesperrtes Leben.

Jeder kennt jeden vom Sehen, kann sich aber niemandem anvertrauen: Leben in einem Kriegsgebiet. In Lilys Siedlung werden mindestens ein Dutzend Sprachen gesprochen, aber nur zwei davon versteht hier jeder: Angst und Macht. Unten sieht Lily Teenager auf Kinderfahrrädern. Sie gehen zwischen den Blocks hausieren, verticken Drogen, Telefone, iPads, was auch immer. Über den Blocks sieht Lily in der Ferne die Neonlichter und glänzenden Banktürme von Canary Wharf aufragen: eine ungreifbare Zukunft aus einer anderen Welt.

Hinter ihr erzeugt der Computer einen leisen, gedämpften Ton und tut damit kund, dass er sich mit dem Web verbunden hat. Lily wendet sich vom Fenster ab und setzt sich vorsichtig. Nach einem Monat sind die blauen Flecken zwar verschwunden, aber die Nähte tun immer noch weh. Sie öffnet die speziell für sie eingerichtete Facebook-Seite und stellt ohne Überraschung fest, dass sie völlig leer ist. Kein Fototag, keine Likes oder Dislikes, keine Freunde.

Natürlich keine Freunde.

Lily tippt: BIST DU DA?

Eine Computerpause; der Cursor flackert wie Finger, die auf einem Tisch trommeln, dann:

JA.

Die Antwort erscheint in stahlblauer Schrifttype.

Lily beißt sich unbewusst auf die Lippe, bis dort Blutstropfen wie tiefrote Blütenblätter hervortreten, während sie auf den Bildschirm starrt. Sie möchte so viele Fragen stellen, aber sie weiß, dass sie nicht darf. So funktioniert es nicht.

Sie tippt: HAST DU SCHON DIE NACHRICHTEN GEHÖRT?

Pause.

JA. WO WARST DU?

Pause.

ZU HAUSE BEI MEINER MUM. HABEN DEN GANZEN ABEND LANG FERNGESEHEN.

Pause.

GUT. WAR ES DAS?

Lily dreht sich um, betrachtet die Regentropfen, die am Fenster herabgleiten, und wendet sich dann wieder den Wörtern auf dem Bildschirm zu. Sie sind so einfach. War es das? So einfach, und doch für sie so unergründlich. Lily saugt an ihrer blutenden Lippe und wischt mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht.

WAR ES DAS, LILY-ROSE?

Pause.

JA. DAS WAR ES. DANKE.

O.K. HALTE DICH AN DIESE ANWEISUNGEN UND HAB EIN SCHÖNES LEBEN. DEIN KÖRPER GEHÖRT DIR. BRING IHN WIEDER IN ORDNUNG.

Lily erhält Anweisungen, wie sie die Einstellungen ihres Laptops so zu verändern hat, dass jemand von außen auf ihre Daten zugreifen kann. Sobald sie sie ausgeführt hat, kann sie zusehen, wie Geisterhände systematisch sämtliche Spuren ihrer Korrespondenz auf dem Laptop löschen. Sämtliche Hinweise auf das Anorexie-Forum, über das sie ursprünglich Kontakt aufgenommen hatten. Sämtliche Gespräche, die sie in den Cyberkellern der Interworld geführt haben. Omegle. Whisper. Sie alle. Der Facebook-Account, den sie speziell für ihre Treffen angelegt hatten, hört auf zu existieren. Alles. Jede Verbindung zwischen Lily-Rose und der Person, die ihre Tastatur aus der Ferne steuert. Als Letztes, ehe sich der Computer selbst abschaltet, erscheinen diese Worte auf dem Monitor:

LEB WOHL, LILY-ROSE.

Lily-Rose sitzt vor dem leeren Laptop, seinem toten Monitor und den Future-Girl-Aufklebern, mit denen sie ihn in einem anderen Leben individualisiert hat, und sie fragt sich, was als Nächstes geschieht. Sie hat das Gefühl, dass eine Tür sie vom Rest der Welt trennt und der Türgriff entfernt wurde. Obwohl sie der Person am anderen Ende der Leitung nie begegnet ist, bestand eine Verbindung zwischen ihnen, ein Verstehen des Schmerzes und der inneren Selbstverachtung. Lily-Rose weiß nicht, ob sie je dazu fähig sein wird, auf den Ratschlag zu hören und keine Angst mehr zu haben. Ob sie fähig sein wird, ihr Leben wieder so weit in die Hand zu nehmen, um es wirklich zu leben. Sie schlingt die Arme um sich, starrt durch den Regenvorhang auf die graue Welt draußen und sieht nichts. Jemand klopft an ihre Zimmertür. Sie dreht sich um und sieht ihre Mum im Türrahmen stehen, eine Tasse Nährstoffdrink in der Hand und einen Ausdruck im Gesicht, den Lily-Rose nicht deuten kann.

»Mum? Alles okay mit dir?«

Lily-Rose blickt an ihr vorbei auf einen müde wirkenden Mann in einem Anzug ohne erkennbaren Stil und eine müde wirkende Frau in einem noch schlimmeren Anzug, und beide erwidern ihren Blick.

»Polizei«, sagt die Mutter in gepresstem Ton. »Sie möchten uns ein paar Fragen stellen.«

– 10 –

Es ist nicht schwierig, einen Computer zu hacken. Jeder, der etwas anderes behauptet, ist ein Lügner. Es gilt das Gleiche wie fürs Knacken von Schlössern oder das Deuten von Gesichtern: Man braucht nur den richtigen Lehrer und die passende Motivation. Diese ganzen Filme, in denen junge Freaks herumsitzen und sich Star Trek und Quantum Geek angucken und dann die Rechner der NASA oder von sonst was hacken, das ist reiner Blödsinn. Nur eine weitere Methode, um die Sonderlinge einzuschüchtern. Sie in eine Schublade zu stecken. Sie zu diesem zu machen. Sie zu jenem zu machen. Sie dazu zu bringen, dass sie allein im Dunkeln hocken.

Wohlgemerkt: Ich sitze gern allein im Dunkeln. Weil das bedeutet, dass niemand sonst da ist.

Die meisten U-Bahn-Stationen, Holborn eingeschlossen, haben heute WLAN. Um ein Signal zu kriegen, brauchte ich also nur einen Verstärker im Verbindungstunnel zwischen dort und der Haltestelle British Museum zu installieren. Das ist nicht schwer. Hier unten sind so viele unbenutzte Kabel und Anschlusskästen vorhanden, dass es leicht war, eine Stromquelle zu finden, und unnötig, das Gerät zu tarnen. Die Wände sehen hier aus wie im Film Alien, überall gummi-ummantelte gepanzerte Kabel und Warnschilder. Niemand kann hier unten feststellen, was wozu gehört. Deshalb wird auch nie was entfernt. Wenn man das falsche Kabel zieht, bleibt ein Zug stehen. Oder fallen alle Lichter aus. Etwas Schlimmes könnte passieren, also lässt man die Finger davon. So funktioniert hier die Logik.

Ist okay für mich.

Ich habe mir meine eine Bleibe in dem Teil des Bahnhofs eingerichtet, der mal ein Luftschutzunterstand war, dem am tiefsten gelegenen Abschnitt des Baus. Hier hängen immer noch die »Grabe für Großbritannien!«-Poster. Ich habe hier Lichterketten an der Decke, ein Campingbett, einen Laptop mit externen Lautsprechern und eine Kleiderstange. Im Hauptteil der Station findet man immer noch eine funktionsfähige Toilette, obwohl ich den Spülkasten mit Wasser aus einer Steigleitung im Verbindungstunnel nachfüllen muss. Hier ist es wirklich heimeliger, als mein Zuhause von früher jemals war.

Ich habe noch andere Unterkünfte in anderen Stationen und für andere Zwecke, über ganz London verstreut ... Ich setze nur ungern alles auf eine Karte, sicher ist sicher.

Dieses spezielle Nest hier hat drei Ausgänge, also fühle ich mich okay. Weniger Fluchtwege, und ich werde nervös. Ich stelle den Wecker, gucke die BBC-Nachrichten auf dem Laptop und mache mich auf meiner Pritsche lang. Ich starre zu den Lichterketten hinauf, die über mir funkeln und die sich glitzernd in den Millionen winziger Staubpartikel spiegeln, die mir mit Sicherheit die Lungen vergiften. Im Computer plappert Nachrichtensprech. Hier ein kaputtes Land. Da das Klima im Arsch. Das alles passiert in einer Welt, von der ich mich so sehr getrennt fühle, dass sie genauso gut frei erfunden sein könnte. Ich schalte ab und liege einfach nur da, betrachte die winzigen Porzellankacheln der Decke. Ehrlich, es muss Jahre gedauert haben, die dort alle einzupassen. Warum haben die das gemacht? Warum haben die so kleine Steinchen benutzt? Und wo haben sie sie hergestellt? Mir fällt keine Antwort ein, also höre ich auf nachzudenken, liege einfach nur da und atme ein und aus.

Als ob ich am Leben wäre.

Und damit hat sich’s im Grunde.

Licht aus. Gute Nacht.

– 11 –

Sogar von der Tür aus, wo er und DS Stone stehen, kann DI Loss erkennen, dass dem Mädchen richtig übel mitgespielt wurde. Sie macht den ausgezehrten Eindruck einer Person, die kürzlich eine Menge Gewicht verloren hat: die Haut zu eng und die Augen zu groß. Wie ein Krebspatient oder jemand, der Extremes durchgemacht hat. Krieg, Hungersnot. Oder wie jemand, überlegt er traurig, der wiederholt vergewaltigt und verprügelt wurde und den eigenen Körper nicht länger als Verbündeten betrachtet.

Sie werden ins Wohnzimmer geführt, einen rechteckigen Kasten, strukturell identisch mit Tausenden anderer rechteckiger Kästen, in die man den DI im Verlauf der Jahre geführt hat. Die Mutter hat versucht, dem Raum mit Bildern und Wandfarbe, Möbeln und kleinen Teppichen eine individuelle Note zu geben, aber Loss empfindet ihn trotzdem als Kaninchenstall in einer heruntergekommenen Siedlung, die genauso gut ein Gefängnis sein könnte.

Die Mutter mustert die beiden Polizisten mit harter Miene, eine Hand auf der Schulter der Tochter. Sie beschützt sie. Spendet ihr Kraft. Keine der beiden möchte Loss hier haben. Oder seine DS. Er kann es in ihren Gesichtern lesen. Er kann es ihrer Haltung entnehmen. Müsste blind sein, um es nicht mitzubekommen. Was er nicht erkennen kann, ist der Grund. Möglicherweise hat sich die Polizei nach der Vergewaltigung ruppig und ohne Mitgefühl gezeigt. Das passiert bei Vergewaltigungen häufig. In manchen Polizeikreisen gilt Vergewaltigung nur als anderes Wort für »hat es sich anders überlegt". Aber nicht in allen. Das ist heute schon viel besser geworden, läuft aber teilweise noch immer so. Vielleicht haben Mutter und Tochter inzwischen auch einfach genug, möchten sich zurückziehen und ausheilen oder es zumindest versuchen, und die beiden, also die Polizisten, erinnern sie nur an zurückliegendes Grauen. Es könnte an all diesen Dingen und noch anderen liegen. Loss war ein seltsamer Ausdruck im Gesicht des Mädchens aufgefallen, als sie ihn das erste Mal erblickte. Fast Schuldgefühl. Und dieser verstohlene Blick auf ihren Laptop? Der DI weiß nicht, wie er das deuten soll, beschließt also, es erst mal gar nicht weiter zu deuten und mit dem weiterzumachen, was ihn hergeführt hat. Er beugt sich im Sessel vor.

»Tut mir leid, Sie heute Morgen zu stören, Mrs Lorne, Lily, aber ich habe Informationen, die möglicherweise mit Ihrer, äh ...« Er weiß nicht, was er sagen soll. So, wie er hier in dieser ordentlichen kleinen Wohnung mit ihrem Hauch von Menschlichkeit sitzt, scheint sogar der Gebrauch des Wortes »Vergewaltigung« etwas Böses heraufzubeschwören, das hier nicht hingehört. Er sieht, wie die Hand der Mutter weiß wird, während sie der Tochter die Schulter drückt.

»Wir haben im Radio davon gehört, Inspector ...?« Die Mutter möchte seinen Namen noch einmal hören. Obwohl er ihn schon gesagt hat. Sie möchte die Kontrolle behalten. Er nimmt es ihr nicht übel.

»Loss.«

»Inspector Loss, ich kann nur sagen, dass diese Tiere bekommen haben, was sie verdient hatten.« Das Gesicht der Mutter ist erhitzt von Zorn, und die Tochter starrt auf die eigenen Hände. Wie Loss bemerkt, hat sie ihre Nägel so weit abgekaut, dass selbst die Haut angenagt wurde und die Fingerkuppen wund und blutig sind.

»Tut mir leid, Ihnen diese Frage stellen zu müssen, Mrs Lorne, aber in Anbetracht der Umstände, wie der Angriff auf die jungen Männer ausgeführt wurde ...«

»Tiere!«, wirft Mrs Lorne heftig ein. »Sie haben meine Tochter vergewaltigt, sie zusammengeschlagen und dann noch mal vergewaltigt. Was diesem Ungeziefer auch zugefügt wurde, es war nicht genug.«

»Und weil es genau diese jungen Männer waren«, fährt Loss in leiserem Ton fort, »fürchte ich, dass ich die Frage stellen muss.«

Sekunden verstreichen, und Mutter und Tochter starren ihn an. Endlich versteht Mrs Lorne, was er sagt. Was er fragt. Sie blickt ihn voller Abscheu an und sagt: »Wir waren die ganze Nacht lang zu Hause. Das möchten Sie doch wissen, oder nicht?«

»Die Bilder der Videoüberwachung zeigen eine junge Frau am Tatort ...« Loss bricht ab, als Mrs Lorne ihn mit einer heftigen Handbewegung unterbricht.

»Das reicht. Wir waren die ganze Nacht hier. Leute waren zu Besuch. Im Gegensatz zu diesen Tieren, die meine Tochter überfallen haben, haben wir echte Zeugen.« Mrs Lorne kräuselt voller Abscheu die Lippen. Eine Sekunde lang erwartet Loss, dass sie auf den eigenen Fußboden spuckt. »Die helfen sich nur untereinander aus. Verwischen gegenseitig ihre Spuren und grinsen uns höhnisch an, als wären wir wertlos.« Loss kann sehen, dass Mrs Lorne ihren Zorn nur mit knapper Not beherrscht. »Außerdem bräuchten wir gar keine Zeugen, wenn man diese Mistkerle rechtzeitig eingesperrt hätte. Den ganzen letzten Monat konnte ich keinen Schritt vor die Tür setzen, ohne dass einer von ihnen da draußen herumlungerte und in sein Handy lachte. Selbst wenn ich bloß unten im Laden etwas einkaufen will, muss ich eine Nachbarin bitten, hier oben kurz auf meine Tochter aufzupassen, damit sie nicht anfängt zu schreien oder Schlimmeres.« Sowohl Mrs Lorne als auch Lily-Rose scheinen vor seinen Augen auseinanderzufallen, und Loss erlebt einen Augenblick tiefster Selbstverachtung. Diese Leute wollen nichts anderes, als ihre Wunden zu heilen, und jetzt kommt er und bohrt einen Schraubenzieher mitten in die Wunde und öffnet sie erneut zur Untersuchung. Macht alles schlimmer. Also dreht er erneut am Schraubenzieher.

»Ist für eine von Ihnen das Wort ›Tuesday‹ von besonderer Bedeutung?«

»Raus!« Die Mutter stürmt zur Tür und rempelt dabei die DS an. »Ich möchte, dass Sie jetzt gehen. Meine Tochter muss sich ausruhen.«

»Ja, natürlich.« Loss steht auf und folgt ihr zur Wohnungstür. Als er an Lily-Rose vorbeikommt, hat er das Bedürfnis, ihr die Hand auf die Schulter zu legen, sieht er doch die eigene Tochter in ihr, aber er widersteht dem Impuls. »Auch angesichts des Vorfalls in der U-Bahn werden wir weiterhin versuchen, Ihre Aussage zu erhärten. Die an Ihrem Fall arbeitenden Beamten haben uns Abschriften aller Verhöre übergeben. Möglicherweise haben sie angesichts der neuen, äh, Umstände noch etwas hinzuzufügen.«

Lily-Rose blickt auf und starrt ihn an. Dann lächelt sie, und es wirkt wie das letzte Strahlen der Sonne, ehe sie im Meer versinkt.

»Es wird denen schwerfallen, aus dem Rollstuhl heraus noch jemanden zu vergewaltigen, wie?« Und dann wendet sie sich von ihm ab und starrt auf den Fußboden, lässt den DI kalt und leer zurück.

Draußen auf dem betonierten Gang vor der geschlossenen Wohnungstür blicken die Detectives auf die regennasse Siedlung. Obwohl es in Strömen regnet, können sie die jungen Männer auf ihren Fahrrädern erkennen, die Rucksäcke voller Konsumartikel. Der Handel macht auch bei schlechtem Wetter keine Pause. Loss holt die E-Zigarette aus der Tasche, tippt ein paarmal darauf, um den Verdampfer zu aktivieren, und saugt einen Atemzug Nikotin in die Lungen. Die DS schnieft, legt die Hände auf das Geländer des Balkongangs und blickt auf den betonierten Spielplatz hinab.

»Da war eindeutig eine Reaktion, als Sie ›Tuesday‹ sagten, Sir.«

– 12 –

Nachdem ich alles aus Lily-Rose’ Computer gelöscht habe, hole ich die Festplatte aus meinem und stecke sie mitsamt der Konsole in die Umhängetasche, um das Zeug später in die Kanalisation zu schmeißen. Es geht nicht so sehr darum, dass ich mir Sorgen mache, geschnappt zu werden; darauf gebe ich einen Dreck. Es geht eher darum, dass meine Klienten keine Scherereien bekommen. Keine Festplatte, keine Daten.

Neuer Klient, neuer Laptop.

Die Lautsprecher behalte ich allerdings.

Klienten. So nenne ich sie. Mädchen und Jungs, die sich an niemanden sonst wenden können, wenn alles zum Teufel geht und sie in der Nirgendwowelt aus Selbstverletzung und Selbstmord landen ...

Ich werde aber sowieso keine neuen Klienten mehr haben, oder doch?

Ehe ich die Hardware entsorge, gönne ich mir ein Red Bull und schreibe die Namen der Jungs aus der U-Bahn an die Wand. Sobald ich später die Videoüberwachung der U-Bahn gehackt habe, werde ich ihre Namen um einen QR-Code ergänzen. Ich habe diesen Code schon vorab mit der Website verknüpft, auf der sie das Video von Lily-Rose gepostet haben. Falls sich jemand die »Lily-Rose-Vergewaltigungsshow« angucken möchte, muss er sich stattdessen die Show mit dem Titel »U-Bahn-Gang komplett überfordert und am Arsch« reinziehen.

Ich schnappe mir die Hardware und meine Maglite-Taschenlampe und mache mich an den Aufstieg über die Treppe. Die Stufen sind nicht so gut in Schuss wie die Haupträume, also muss ich ein bisschen kraxeln. Ich steige ein paar Etagen hinauf, bis ich einen Tunnel in die Kanalisation erreiche. Die Wände bestehen hier aus dem gleichen viktorianischen Mauerwerk wie in manchen der Stationen. Also wirklich, was hatten die Viktorianer nur mit diesen kleinen Backsteinen? Auch die ganze Kanalisation ist voll davon. Ich weiß, dass viele Abwasserkanäle und die frühen U-Bahn-Tunnel zur gleichen Zeit angelegt wurden, aber sind die ganzen Mauersteine von Liliputanern oder so hergestellt worden? Oder war es ein Arbeitsprogramm für Waisenkinder aus dem Armenhaus?

Ich werfe den Laptop ins langsam dahinschwappende Abwasser. Eine Art Laufsteg führt den Tunnel entlang, und ich folge ihm so etwa achthundert Meter weit und werfe dann die Festplatte weg. In der Kanalisation muss man aufpassen. Die Geräuschkulisse ist beachtlich, und oft sind hier auch Arbeiter unterwegs und werkeln an irgendetwas herum ...

In einer der kostenlosen Zeitungen, die überall an den Haltestellen herumliegen, habe ich gelesen, dass London einen neuen Superkanaltunnel kriegen soll und eine Menge alte Tunnel, die das unterirdische London vernetzen, abgerissen werden. Viel Glück dabei. Hier unten gibt es so viele Geheimnisse, dass jeder, der eine komplette Bestandsaufnahme zu machen versucht, sein blaues Wunder erleben dürfte. Auf meinen Wanderungen habe ich Hasch-Farmen entdeckt, Geheimgaragen voller geklauter Luxusschlitten und Fabriken für Crystal Meth. Die halbe Londoner Unterwelt verstaut ihr Zeug unterirdisch. Einmal habe ich sogar einen Panzer gefunden. Einen Panzer!

Sobald ich die Hardware losgeworden bin, kehre ich zur Station British Museum zurück, checke gründlich die Alarmanlagen und arbeite mich bis zum »Plünderschacht« durch: einem Tunnel, den man im Zweiten Weltkrieg zwischen der Station und dem Keller des British Museum gegraben hat. Die Überlegung dabei war: Wenn die Nazis anfingen, London in Grund und Boden zu bomben, sollten die wertvollsten Stücke hierher in Sicherheit gebracht werden. Das heißt alles das, was die Regierung nicht schon in walisischen Bergwerken untergebracht oder als Bestechung an die Amerikaner verhökert hatte. Erstaunlich, was man aus Dokumenten erfahren kann, deren Besitzer schon gar nichts mehr von ihnen wissen. Auch unter dem Gebäude des MI6-Gehemdienstes befindet sich ein Tunnel. Unter dem alten MI6, nicht unter dem protzigen neuen. Unter dem neuen geht’s zu wie auf dem Todesstern; da halte ich mich lieber fern.

Jedenfalls habe ich die Verbindungstür zwischen dem Tunnel und der Station mit einem ABUS-Zylindervorhängeschloss gesichert, damit niemand, der zufällig den Eingang findet, allzu weit kommt. Außerdem habe ich einen Stolperdraht installiert, um informiert zu werden, falls es doch jemand schafft. Nicht, dass ich ernsthaft damit rechne, aber ich hätte dann genug Zeit, um abzuhauen.

Ich öffne das Vorhängeschloss und gehe vor bis zur Tür, die in den Keller des Museums führt. Ich sage Keller, aber da unten sind in Wahrheit Hunderte von Räumen. Der Laden ist seit 1753 in Betrieb; da fällt eine Menge Zeug an, und jedes Jahr kommt mehr dazu. Ich würde wetten, dass sie von den meisten Sachen, die sie hier haben, schon gar nichts mehr wissen. Alte Artefakte aus der ganzen Welt. Karten und Klamotten. Instrumente und Waffen.

Sie haben hier Waffen aus dem ganzen Empire und darüber hinaus.

Wie zum Beispiel diese burmesischen Handsicheln.

– 13 –

DI Loss starrt auf das Whiteboard an der Rückwand seines Büros und wünscht sich, er würde immer noch rauchen. In den zwei Wochen seit der Attacke des unbekannten Mädchens in der U-Bahn hat er beharrlich winzige Informationshäppchen auf dieser Tafel notiert. Sie mit Schnipseln aus Fakten und Annahmen ergänzt, von denen er hofft, dass sie sich zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen werden. Ein körniges Standbild der Videoüberwachung zeigt das Mädchen, wie es ihn anstarrt, ein Blick, der ihn inzwischen mehrmals täglich heimsucht. Unter dem Bild hat er mit einem fetten schwarzen Textmarker notiert:

WIE HAT SIE DIE STATION VERLASSEN?

VERKLEIDUNG?

Die Namen aller sechs Jungen, die sie angegriffen hat - gegen die sie sich verteidigt hat, sagt eine leise Stimme in ihm - und ihre Adressen sind mit der Beschriftung versehen:

SPARROW-SIEDLUNG.

DROGEN?

SEXUELLE ÜBERGRIFFE?

Auch ein Bild von Lily-Rose hängt da, im Krankenhaus aufgenommen, weniger als eine Stunde nachdem ihre Mutter sie gefunden hatte. Loss kann es nicht ansehen, ohne dass ihm ein kleines Stück aus dem Herzen geschnitten und von Verzweiflung verschluckt wird. Die Organe, die im Körper hätten sein müssen, aber draußen hingen. Die Schwellungen. Das Blut. Die animalische Brutalität, die es erfordert haben muss, so etwas einem anderen Menschen anzutun. Er muss dabei an seine eigene Tochter denken, aber er kann nicht an seine Tochter denken, weil er dann heulen muss und nie wieder aufhören kann. Darunter hat er notiert:

RACHE?

LAPTOP? INTERNET-PROTOKOLLE?

ALIBI?

Er zweifelt nicht daran, dass Lily-Rose etwas verheimlicht, aber er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, was das sein könnte. Die Polizei hat ihre Internet-Chronik untersucht, aber außer ein paar Pro-Anorexie-Seiten und extremen Selbsthilfeforen nichts Ungewöhnliches gefunden.

Abgesehen von einem auffälligen Mangel an Social-Network-Aktivität. Mädchen ihres Alters hatten gewöhnlich einen Account bei Facebook oder Google+. Irgendwas. Bei Lily-Rose war da nichts. Ihre Anwesenheit in der Interzone hatte kaum die Oberfläche angekratzt. Das ist irgendwie merkwürdig, Loss wird nicht ganz schlau daraus.

Am oberen Rand der Tafel hat er mit fetten, deutlichen Buchstaben notiert:

WAS BEDEUTET TUESDAY?

Und am unteren Rand hat er neben dem Bild der weißen Karte, die an der Jeans des toten Jungen pappte, der Karte mit dem Wort ›Tuesday‹ darauf, notiert:

WAS WILL SIE UNS DAMIT SAGEN?

Mitten auf der Tafel klebt ein Foto der seltsamen Messer, mit denen sie die Jungen verstümmelt hat. Loss hat das Bild an alle Waffengeschäfte der Stadt weitergeleitet, bislang aber kein Glück bei der Identifizierung dieser Messer gehabt. Unter dem Foto hat er notiert:

ANTIQUITÄTEN?

Während Loss auf die Tafel starrt und die verschiedenen Indizien zu deuten versucht, verrät ihm ein Klingeln auf seinem Laptop, dass eine Nachricht eingegangen ist. Er liest sie, während sich seine Gedanken nach wie vor um die Wörter und Bilder auf der weißen Wandtafel drehen. Dann ruht seine Aufmerksamkeit plötzlich ganz auf der Inbox seines Mail-Accounts; eine Absenderadresse ist nicht zu sehen, nur zwei Wörter in der Betreffzeile und dahinter ein Smiley.

WER WOHL?

DI Loss spürt, wie sich ihm die Härchen an den Armen aufrichten, während sich die Haut zusammenzieht. Als er die Mail öffnet, findet er keinen Text vor, nur einen MPEG-Anhang: ein Foto oder Video. Er spürt die Spannung im Bauch ansteigen, während er auf den Bildschirm starrt und dann die Tasten drückt, mit denen er die Datei öffnet. Er saugt einen Augenblick lang das Bild vor sich auf und spricht dann ein einzelnes Wort aus:

»Scheiße.«

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