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Tür an Tür mit dir

1. KAPITEL

„Tante Megan, ich muss mal“, flüsterte die kleine Olivia nervös.

Megan Schumacher drückte auf den Startknopf ihrer Spülmaschine, bevor sie ihre Nichte liebevoll anschaute.

„Toilette.“ Megan zeigte in die Richtung. „Schnell.“

Die blonden Locken wippten, als die Kleine den Kopf schüttelte. „Da ist schon jemand.“ Sie rümpfte die Stupsnase. „Jemandem ist schlecht. Und in unserem Bad oben ist auch schon jemand und weint.“ Sie meinte das Bad, das sie mit ihren Brüdern Anthony und Michael teilte.

Wunderbar. „Was ist mit dem Bad deiner Mom?“

„Anthony ist da drin“, klagte Olivia. „Er hat gebrüllt, dass ich weggehen soll.“

Der älteste Sohn ihrer Schwester war neun Jahre alt. In letzter Zeit hatte er sich verändert. Wenn er nicht gerade schwieg und beleidigt war, befahl er jedem, ihn in Ruhe zu lassen.

Olivia verdrehte die blauen Augen. „Tante Megan, ich muss dein Bad benutzen.“

„Aber natürlich. Warum hast du das nicht gleich gesagt?“

Ihre Nichte seufzte gequält. „Ist es frei?“

„Sicher. Brauchst du Hilfe?“

Das kleine Mädchen richtete sich auf. „Nein, danke. Schließlich bin ich schon sieben“, entgegnete sie stolz. Dann drehte sie sich um und ging durch die Küchentür in einen überdachten Durchgang zu Megans Apartment über der Garage.

„Wie niedlich“, bemerkte die Nachbarin Marti Vincente, während sie ein Blech mit gefüllten Champignons aus dem Backofen holte. Bei der Veranstaltung des alljährlichen Straßenfestes wechselten sich die Nachbarn ab, aber Marti und ihr Mann lieferten meist das Essen. Die gefüllten Champignons sahen genauso lecker aus wie alles andere, das Marti und Ed in Angelas Küche gebracht hatten.

Marti war elegant und attraktiv und führte mit ihrem Mann ein Restaurant. Jeden Tag war sie von verführerischem Essen umgeben, aber sie blieb gertenschlank. Wirklich ungerecht!

Megan blickte auf ihr weites orangefarbenes T-Shirt und ihre ausgewaschene Jeans. Unter ihren bequemen, alten Kleidungsstücken verbarg sich eine Figur, die mit der von Marti nicht mithalten konnte.

„Champignons?“, bot Marti an. „Hier sind schon einige, die abgekühlt sind …“

Das ließ Megan sich nicht zweimal sagen. Sie steckte einen der leckeren Pilze in den Mund und stöhnte entzückt. „Unglaublich.“ Durch das Fenster über der Spüle sah sie die Nachbarn, die in Gruppen zusammenstanden, an eisgekühlten Getränken nippten und sich über das köstliche Fingerfood der Vincentes hermachten.

Angela war auch draußen und mischte sich mit einem Tablett voll Leckereien unter die Gäste. Da ihre Schwester beschäftigt war, musste Megan sich darum kümmern, was sich laut Olivia in den Bädern im Haus abspielte. Resigniert aß Megan noch einen Champignon, bedankte sich bei Marti und ging in den hinteren Flur.

Dort sah sie Rebecca Peters, die vor der Toilette stand. Rebecca hatte das Haus gegenüber dem der Vincentes gemietet. Sie trug ein leichtes Sommerkleid in ihrer Lieblingsfarbe Schwarz mit dazu passenden hochhackigen Designer-Schuhen. Rebecca Peters war absolut nicht der Typ, der in eine Vorstadt passte. Keiner der Nachbarn konnte verstehen, warum sie in den Vorort Rosewood gezogen war, der anderthalb Stunden mit dem Zug entfernt von New York City lag.

„Was ist los?“, fragte Megan, als sie Rebeccas besorgten Blick bemerkte.

Sie verzog die Brauen. „Ich glaube, Molly ist da drin …“

Molly gehörte das Haus Nr. 7, Danbury Way. Sie war ein glücklicher Single und steckte sämtliche Energie in ihre erfolgreiche Beratungsfirma.

„Geht es ihr nicht gut?“, wollte Megan wissen.

Rebecca nickte, bevor sie leise antwortete. „Eben war noch alles in Ordnung. Wir unterhielten uns draußen, und dann wurde sie ganz grün und …“ Rebecca schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was mit ihr los ist …“

Nun ergriff Megan die Initiative. Sie klopfte leicht an die Tür. „Molly? Molly, geht es dir gut?“, fragte sie freundlich.

Einige Sekunden vergingen, bevor man eine Antwort hörte. „Ja, fein.“ Ihre Stimme klang munter und fröhlich – zu fröhlich. „Komme gleich.“ Sie sang fast. Einen Moment später wurde die Tür geöffnet, und Molly kam, in eine Wolke von Minzeduft gehüllt, heraus. Sicher hatte sie ein Atemspray benutzt.

„Hey.“ Molly fuhr sich durch das lange, lockige Haar und lächelte gezwungen. „Tolle Party, nicht? Megan, ich weiß nicht, wie deine Schwester das alles schafft. Single mit drei Kindern und einem Vollzeitjob. Aber das Haus sieht fantastisch aus, und die Party ist … perfekt.“ Sie klopfte Megan auf den Arm. „Sicher hilft es ihr, dass du hier bist und sie unterstützt.“

Bevor Megan antworten konnte, erkundigte Rebecca sich noch einmal. „Molly, bist du sicher, dass es dir …“

Molly ließ sie nicht ausreden. „Ich brauche unbedingt etwas von der Limonade, die Angela herumreicht. Was ist mit euch?“

Rebecca hatte verstanden: Egal, was vorhin im Bad geschehen war, Molly wollte nicht darüber reden. „Ja, gut. Und du, Megan?“

Megan musste noch nachsehen, ob es der Person, die oben im Bad geweint hatte, gut ging. Außerdem musste sie nach Anthony schauen. „Geht ihr schon vor.“

Beide Frauen wollten gerade losgehen, als Zooey Finnegan, die fantastisch aussehende Nanny mit der Model-Figur, die sich um die Kinder des verwitweten Jack Lever kümmerte, aus dem Familienzimmer kam. „Ein schönes Fest“, bemerkte sie mit einem warmen Lächeln, während sie in die Toilette ging und die Tür hinter sich verschloss.

Auf dem Weg in die erste Etage traf Megan auf Anthony, der die Treppe hinunterrannte, ohne auf den Weg zu achten.

„Moment mal, Cowboy“, lachte Megan und hielt ihn am Arm fest, bevor er gegen das Geländer fiel.

„Entschuldige, Tante Megan“, murmelte er und schaute nach unten.

„Kein Problem.“ Sie wartete ab, bis er ihr einen Blick zuwarf. „Olivia meint, du hättest sie angebrüllt.“

Er schnaubte verächtlich. „Ich war im Bad, und sie hat ständig angeklopft. Was erwartet sie denn?“

„Jedenfalls nicht, angebrüllt zu werden“, sagte Megan ruhig. „Brüllen ist nicht okay.“

„Schon gut.“ Er schob die Unterlippe vor, aber er murmelte: „Tut mir leid.“

„Sag das deiner Schwester.“

Wieder starrte er auf seine Schuhe. „Wird gemacht. Kann ich jetzt bitte gehen?“

Sie ließ ihn los. „Denk daran, renne nicht die …“

Er war schon auf dem Weg nach unten, zwar schnell, aber er rannte nicht mehr. „Okay, ich mache es nicht mehr. Versprochen“, rief er ihr hinterher.

Eine Sekunde lang blickte Megan ihm nach und lächelte. Anthony war ein guter Junge, der hoffentlich bald seine missmutige Phase hinter sich ließ.

Jetzt musste sie noch nachsehen, wer im Bad der Kinder geweint hatte.

Oben war die Tür zum Bad verschlossen. Megan blieb davor stehen und überlegte, was sie tun sollte. Dass jemand weinte, konnte sie nicht hören. Vielleicht sollte sie einfach …

Moment. Da: ein Schluchzen. Leise, aber eindeutig.

Vielleicht musste sie sich doch noch weiter bemühen. Nun hörte sie ein leichtes Schniefen und ein unterdrücktes Jammern. Olivia hatte recht. Da weinte wirklich jemand im Bad.

Wenn man sich auf einem Fest im Bad einschloss, um zu weinen, sollte man schon Hilfe bekommen und sich bei irgendjemandem das Herz ausschütten können.

Megan war dafür genau die Richtige. In der Sackgasse Danbury Way, wo sie jetzt schon seit drei Jahren lebte, vertrauten ihr die Nachbarn. Sie war geduldig, verständnisvoll und stellte für niemanden eine Bedrohung dar. Alle Frauen mochten sie, denn sie konnten ihr ihre Geheimnisse anvertrauen, ohne dass sie verraten wurden.

Auch wenn sich die Zeiten geändert hatten, musste es jemanden geben, der für die anderen da war. Megan übernahm meist diese Aufgabe, denn schon seit ihrem siebten Lebensjahr hörte sie sich geduldig die Probleme anderer Leute an.

Diskret klopfte sie gegen die Badezimmertür.

Schweigen.

Nach einer kleinen Pause klopfte sie dann erneut. „Hier ist Megan“, sagte sie. „Alles in Ordnung da drinnen?“

Weiteres Schweigen. Dann ein Schnüffeln. Endlich antwortete eine Frau. „Megan? Bist du es?“ Megan erkannte die Stimme mit dem texanischen Akzent als die von Carly Alderson.

Sie hätte es wissen müssen. „Komm schon, Carly“, sagte sie liebevoll. „Lass mich rein.“

Eine Sekunde später wurde die Tür geöffnet. Carly, die selbst mit geschwollenen Augen und einer roten Nase sehr hübsch aussah, schniefte, schluchzte und zog Megan ins Bad. Als sie mit ihr auf dem flauschigen grünen Badezimmerteppich stand, verschloss Carly die Tür wieder.

Dann sank sie stöhnend auf den Rand der Badewanne. Megan holte die Box mit den Taschentüchern und setzte sich neben Carly.

„Oh, Megan …“ Mit einem zerfetzten Taschentuch putzte sie sich die Nase. „Ich kann … einfach nicht …“

„Hier.“ Megan reichte ihr die Box.

Carly holte sich ein frisches Tuch. Dann vergrub sie ihre rote Nase darin und schluchzte. „Ich kann … es nicht ertragen, weißt du?“

Megan klopfte ihr auf den schmalen Rücken, streichelte ihr weiches blondes Haar und gab beruhigende Töne von sich.

Endlich riss Carly sich zusammen. „Seit heute bin ich geschieden“, verkündete sie. „Greg und ich sind … nicht mehr Mann und Frau. Es ist vorbei. Ganz offiziell vorbei. Alles kaputt.“

„Carly, es tut mir so leid …“

Greg Banning, Carlys Ex, war vor Monaten ausgezogen, beziehungsweise Carly hatte ihn hinausgeworfen, weil er sie um die Trennung gebeten hatte. Seitdem ließ sie sich wieder mit ihrem Mädchennamen anreden.

Alles war jedoch reines Theater gewesen, denn Carly sprach nur noch davon, dass sie ihren gut aussehenden Mann zurückhaben wollte.

Niemand von den Nachbarn wusste, warum Greg um die Trennung gebeten hatte. Es hatte keine großen Szenen oder Streitereien gegeben, jedenfalls war davon nichts bekannt, da Carly behauptete, dass sie sich nie gestritten hatten.

Greg hatte das gemeinsame Haus im Danbury Way verlassen und war nicht mehr zurückgekehrt.

Die Nachbarn gingen davon aus, dass eine andere Frau dahintersteckte. Niemand hatte jedoch eine solche Frau gesehen oder hatte eine Vermutung, wer sie sein könnte.

Carly betupfte ihre feuchten Wangen. „Ich weiß, dass ich mich nicht hätte hier einschließen dürfen. Unten konnte ich es einfach nicht mehr aushalten. Jeder ist so nett und hat so viel Mitleid mit mir. Dann sind da noch Rhonda und Irene. Diese beiden lassen mich einfach nicht in Frieden. Du kennst sie ja. Wie Geier, die nur auf ihr nächstes Opfer warten und sich auf jeden Knochen stürzen, den sie finden …“

Rhonda Johnson und Irene Dare waren die schlimmsten Klatschtanten in der Nachbarschaft. Sie lebten um die Ecke in der Maplewood Lane.

Megan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ignoriere die beiden doch.“

„Das versuche ich ja, aber immer wenn ich mich umdrehe, steht eine von ihnen da, sieht mich so mitleidig an und flüstert mir zu, dass ich ihr doch alles anvertrauen soll, und sie würde auch niemandem etwas verraten … Was suchen sie überhaupt hier? Es ist schließlich unser Straßenfest, nicht ihres.“

Carly zog die Nase hoch. „Okay.“ Sie atmete heftig aus. „Das war jetzt sehr kleinlich von mir.“

„Ist schon gut …“

„Nein, die Feste in unserer Straße sind immer die besten, und jeder in Rosewood weiß das. Man kann Rhonda und Irene gar keine Vorwürfe machen, dass sie gekommen sind. Sie sollen mich nur in Ruhe lassen.“

„Verstehe, was du meinst.“

Carlys weiche Lippen bebten, und ihre blauen Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Oh, Megan. Wenn er mich nur anrufen würde. Einfach mit mir reden, verstehst du?“

„Vielleicht ist es dafür zu spät“, wagte Megan festzustellen. „Vielleicht musst du versuchen, über die Scheidung hinwegzukommen.“

„Ich begreife es einfach nicht“, sagte Carly kopfschüttelnd und hatte wohl gar nicht wahrgenommen, was Megan ihr mitteilen wollte. „Ich werde es nie begreifen. Immer war ich die perfekte Frau für ihn. Alles in meinem Leben drehte sich nur um ihn. Ich weiß genau, dass ich alles zwischen uns regeln könnte, wenn er mir nur …“ Wieder schluchzte sie. „… nur eine Chance gäbe …“ Sie weinte wieder und wandte sich verzweifelt an die Freundin.

Megan ließ die Box mit den Taschentüchern fallen und nahm Carly in den Arm. Jetzt schluchzte sie noch lauter. Megan streichelte ihr Haar und flüsterte, dass alles gut werden würde. Nach einer Weile beruhigte Carly sich wieder.

Gerade als Megan ihr sagen wollte, dass sie das Gesicht abwischen und wieder zur Party gehen sollte, klopfte es an die Tür.

Carly schnappte nach Luft und setzte sich gerade hin.

„Besetzt!“, rief Megan, und die Person ging weiter.

Carly hatte jedoch verstanden. Sie seufzte noch einmal traurig und presste die Handflächen gegen ihre geröteten, feuchten Wangen. „Oh, solch ein Chaos. Ich muss mich einfach zusammenreißen. Wir können nicht ewig hier bleiben, das ist sehr unhöflich. Und man hat mich nicht dazu erzogen, unhöflich zu sein.“

Megan lächelte. Sie mochte Carly, die immer wohlerzogen und korrekt war, selbst heute, da ihre perfekte Ehe mit dem perfekten Mann zu Ende war. „Jetzt komm schon. Wasch dein Gesicht mit kaltem Wasser, kämm deine wunderbaren Haare; und dann verschwinden wir von hier, damit du Irene und Rhonda zeigen kannst, dass sie dir nichts anhaben können.“

Die Nachbarin nahm ein weiteres Taschentuch und betupfte die Augen. „Danke, Megan.“

„Keine Ursache.“ Sie wollte aufstehen.

Carly fasste sie am Arm. „Warte.“ Dann drückte sie die Schultern durch und hob das Kinn. „Ich rufe Greg an.“

„Also, wenn du wirklich meinst, du …“

„Nein, Dummerchen.“ Jetzt lächelte Carly. „Nicht für mich. Für dich.“

Megan konnte ihr nicht ganz folgen. „Wieso?“

„Deine Firma? Wie heißt sie doch gleich? Design …?“

„Design Solutions.“

„Ja, richtig. Du bist …?“

„Grafikerin.“ Design Solutions war ihre eigene Firma mit fünf Angestellten und einem Auszubildenden. Ihr Büro lag in Poughkeepsie, war bequem mit dem Zug zu erreichen, und die Betriebskosten waren gering.

Carly nickte. „Du machst Broschüren, Visitenkarten, Flyer und so weiter, richtig?“

„Richtig.“ Zwar gestaltete sie viel mehr als Flyer und Broschüren, aber wenn sie versuchte, etwas über Markennamen, die Positionierung eines Produktes auf dem Markt und über die wirtschaftlichen Folgen einer guten Werbung zu erklären, dann bekamen ihre Nachbarn einen glasigen Blick. Das führte dazu, dass niemand außer Angela wusste, worin Megans Arbeit eigentlich genau bestand.

Eigentlich war die Situation ganz lustig, denn die Nachbarinnen versuchten immer, Megan zu helfen. Sie ließen sie Einladungen für die Partys ihrer Kinder entwerfen, Flyer für diverse Flohmärkte, Briefpapier und anderes. Dann steckten sie ihr fünfzig Dollar zu und sagten ihr, wie „talentiert“ sie sei.

Megan wusste, dass die Frauen es gut meinten und versuchten, sie zu unterstützen. Aber sie hatten alle eine bestimmte Vorstellung von ihr. Sie war das nette Pummelchen, das über der Garage ihrer Schwester wohnte.

Sie ahnten gar nicht, dass sie vor drei Jahren ein Haus besessen hatte, das sie verkauft hatte, um den Erlös in ihr Unternehmen zu stecken und um ihrer alleinerziehenden Schwester mit den Kindern zu helfen.

Design Solutions war eine erfolgreiche Firma geworden. Megan hatte kaum noch Zeit, einmal auszuschlafen, geschweige denn für kleine Jobs mit einem Taschengeld als Bezahlung.

„Ja, das ist das Mindeste, was Greg tun kann“, murmelte Carly düster.

Megan merkte, dass sie nicht zugehört hatte. „Wie bitte?“

„Er soll dich zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Vielleicht kann er deiner Firma einen Auftrag geben.“

„Einen Auftrag?“

„Für Banning’s. Du könntest doch ihre Grafikerin werden.“

Plötzlich passte Megan genau auf. „Ist das dein Ernst?“

„Oh ja.“ Carly zog die Nase hoch und setzte ein tapferes Lächeln auf.

„Wow …“ Banning’s war eine kleine, aber im ganzen Land bekannte Kaufhauskette mit einem gehobenen Warensortiment. Das war eine echte Chance. Es wäre ein großer Coup, wenn Megan den Werbeetat für Banning’s an Land ziehen könnte. Es würde ihr gefallen, das etwas angestaubte Image der Kette zu modernisieren.

Carly tätschelte ihre Hand. „Ich bin dir wirklich dankbar für die vielen Male, die du mir wie gerade eben zugehört und mich getröstet hast. Du bist ein liebenswerter Mensch, und ich möchte mich gerne bei dir revanchieren.“

Megan erwiderte Carlys Lächeln. „Dazu kann ich gar nichts sagen außer ‚Wow‘.“

„Freut mich, wenn ich dir helfen kann.“ Carlys Lächeln wirkte jetzt weicher. Megan wusste, dass es sicher für Carly eine gute Gelegenheit wäre, wenn sie sich mit Greg in Verbindung setzen könnte, um ihn um einen Termin für die Freundin zu bitten.

Sie wusste auch, dass Carly – und Greg Banning – ein Vorstellungsgespräch nur als Gefallen betrachten würden. Natürlich hatte Banning’s ein Unternehmen an der Hand, das die Werbegrafik erledigte. Sicher würde Greg seiner Exfrau einen Gefallen tun und Megan einladen, aber er würde sie am Ende des Gespräches freundlich nach Hause schicken.

Greg wusste allerdings nicht, dass Megan wirklich gut war, und zwar sehr gut. Sie würde Carlys Angebot annehmen, und er würde große Augen machen.

Natürlich nur beruflich gesehen.

Megan wich Carlys Blick aus. Denn schließlich gab es da noch etwas …

Ihre Schwärmerei.

Als Megan Greg früher ab und zu in der Nachbarschaft gesehen hatte, bevor er bei Carly ausgezogen und in ein Apartment in der Stadt gezogen war, hatte sie heimlich von ihm geschwärmt.

Diese Schwärmerei war lange vergessen und hatte keinerlei Bedeutung. Der wohlhabende Greg Banning war ein toller Mann, aber er war so unerreichbar für Megan, dass sie noch nicht einmal an diese alberne Schwärmerei denken sollte. Schließlich hatte er die pummelige Schwester von Angela Schumacher niemals beachtet. Selbst ganz gewöhnliche Männer taten das nicht …

Moment mal! Die Stimme der neuen, erfolgreichen Megan Schumacher ließ sich hören. Es stimmte, dass Megan sich häufiger gewünscht hatte, sie wäre nicht so schüchtern, wäre schlanker und hübscher und dass ein netter Mann sie bemerken würde. Das war aber, bevor sie Design Solutions gegründet hatte.

Wie war die Lage heute?

Nicht mehr ganz so schlimm, denn in letzter Zeit fühlte sie sich sicherer, was den Umgang mit Männern anging. Wenn sie als Unternehmerin in ihren gutsitzenden farbenfrohen Kostümen auftrat, dann schauten die Männer ihr schon hinterher. Einige flirteten oder versuchten, sie näher kennenzulernen.

Für ihr Alltagsleben spielte das jedoch keine große Rolle, da sie mit ihrem Unternehmen und den Kindern ihrer Schwester den ganzen Tag voll beschäftigt war. Selbst wenn sie jemanden kennenlernte, der sie mehr als ihre Karriere interessierte, würde sie kaum die Zeit haben, sich zu verabreden.

Im Moment standen romantische Beziehungen nicht auf ihrem Plan.

Die leichte – und längst vergangene – Schwärmerei für Greg Banning würde kein Problem darstellen. Hier ging es schließlich um rein geschäftliche Dinge. Für Megans Unternehmen wäre es ein großer Erfolg, wenn sie mit ihrem Team ein neues Image für Banning’s Inc. schaffen könnte.

„Also gut“, meinte Carly. Megan stellte fest, dass sie beobachtet wurde. „Soll ich ihn nun für dich anrufen?“, fragte Carly leicht ungeduldig.

„Ja, das wäre sehr nett. Ein Vertrag mit Banning’s wäre wunderbar.“

„Prima, dann rufe ich ihn bald an. Du kannst dich darauf verlassen.“

2. KAPITEL

Am Montag, dem 3. Juli, ein Tag vor dem Unabhängigkeitstag, wurde in vielen Unternehmen in Manhattan nicht gearbeitet, da man sich für ein verlängertes Wochenende entschieden hatte. In den Büros von Banning’s Inc. hielt eine Dame am Empfang in der Nähe der Fahrstühle die Stellung. Greg Banning, Junior-Chef des Unternehmens, saß allein in seinem hellen Büro und erledigte ungestört diverse Arbeiten.

Er hätte auch anderswo sein können, denn er hatte viele Einladungen bekommen. Seit Greg wieder als Junggeselle lebte, hatte er entdeckt, dass es viele gut aussehende intelligente Frauen gab, die überaus gewillt waren, mit ihm auszugehen. Schließlich war er ein Banning. Das stand für Geld und Einfluss und machte ihn zu einer begehrten Partie.

Aber Greg wollte etwas, das ihm nicht irgendeine schöne Frau geben konnte. Er wollte …

Okay, er war sich nicht ganz sicher, was er eigentlich wollte. Aber er wusste genau, was er nicht wollte: eine Frau, die wegen seines Namens und seines Bankkontos an ihm interessiert war.

Anstatt eine Gartenparty im Norden von New York zu besuchen oder vier Tage in den Hamptons auf Long Island zu verbringen, hatte Greg sich für die ruhige Stadt entschieden, um den Stapel von Arbeit abzuarbeiten, der immer auf seinem Schreibtisch lag. Seiner persönlichen Assistentin hatte er frei gegeben, hatte keine Termine und erwartete nicht, gestört zu werden.

Um elf klingelte jedoch das Telefon. Überrascht schaute er auf das Display: der Sicherheitsdienst in der Lobby. Brannte es etwa?

Stirnrunzelnd nahm er den Hörer ab. „Greg Banning.“

„Mr. Banning, eine Megan Schumacher möchte Sie sehen.“

Megan Schumacher? Wer zum Teufel war …?

Da erinnerte er sich. Verdammt. Vor zwei Wochen hatte Carly ihn angerufen und ihn gebeten, Angela Schumachers Schwester in seinem Büro zu empfangen. Er hatte sich einverstanden erklärt und Carly freundlich am Telefon abgewimmelt. Dann hatte er das Gespräch vergessen, so dass der Termin gar nicht in seinem Kalender vermerkt war.

Greg dachte nach. Megan Schumacher …

Die Frau wohnte über Angelas Garage, oder? Und sie beschäftigte sich mit …?

Grafikdesign. Ja. Laut Carly gehörte ihr eine kleine Firma, deren Name Greg nicht kannte. Carly hatte ihn gebeten, Megans Unternehmen für die Werbung von Banning’s zu berücksichtigen.

Greg hatte ihr nicht absagen wollen, denn er hatte Carly gegenüber wirklich ein schlechtes Gewissen. Er fühlte sich schuldig, weshalb sie bei der Scheidung eine großzügige Abfindung erhalten hatte und er nicht ablehnen konnte, wenn sie ihn um einen Gefallen für eine Nachbarin bat.

Er rückte seine Krawatte gerade und schüttelte den Kopf. Welch verdammte Zeitverschwendung, sowohl für ihn als auch für Miss Schumacher. Banning’s hatte schon eine hervorragende Agentur mit sämtlichen Werbeaktivitäten beauftragt. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeiteten sie für die Kaufhauskette, und die Arbeit war qualitativ hochwertig und erfolgte immer innerhalb des festgelegten Budgets.

Für Megan Schumacher gab es deshalb keine Chance. Aus diesem Grund konnte er jetzt nur nett sein und das arme Ding freundlich nach Hause schicken.

„Danke, sie soll nach oben kommen.“ Er rief kurz die Empfangsdame an. „Jennifer, zeigen Sie Megan Schumacher bitte den Weg zu meinem Büro.“

„Gern, Mr. Banning.“

Er legte auf und wandte sich der Tabelle zu, die er betrachtet hatte. Einige Minuten später hörte er Jennifers Stimme.

„Mr. Banning, Miss Schumacher ist hier …“

Greg beendete das Programm und schaute auf.

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