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Tu, was dein Herz dir sagt!

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1. KAPITEL

Zwölf Augenpaare blinzelten Jack Douglas an. Einige der Frauen lächelten, andere sahen aus, als würden sie gleich in Tränen ausbrechen. Es war soweit.

„Glückwunsch, Ladies. Sie alle haben es geschafft!“

Die Frauen fingen an zu kreischen und zu jubeln, manche seufzten vor Erleichterung laut auf.

Für Jack hatte der Tag begonnen wie die letzten sieben auch. Mit hundert Frauen vor seiner Tür, die alle dasselbe wollten: eine Chance, endlich ihren „Perfekten Partner“ zu treffen.

Das Gekreische ließ nach und wurde durch aufgeregtes Geplapper ersetzt. Jack beobachtete, wie sich die Frauen – die sich heute Morgen noch praktisch fremd waren – in den Armen lagen. Wie machten sie das? Sich erst anzuzicken und dann so tun, als hätten sie ihre verloren geglaubte beste Freundin wiedergefunden? Nicht einmal langjährigen Bekannten würde Jack so um den Hals fallen.

„Entschuldigen Sie …“

Eine von ihnen war an ihn herangetreten. Sie hatte keine der anderen Frauen umarmt. Er blickte zu ihr herunter. Sie war klein – geradezu winzig. Und hübsch. Aus großen grünen Augen blickte sie ihn erwartungsvoll an. Er schluckte und verpasste sich in Gedanken einen Kinnhaken. Nicht dein Problem.

„Ja?“

Instinktiv trat er einen Schritt zurück. Sie kam ihm einen Schritt entgegen, worauf er die Arme verschränkte und das Kinn reckte. Deutlicher ging es wirklich nicht.

„Hier muss ein Irrtum vorliegen. Ich müsste in einem der anderen Räume sein, bei den Verliererinnen.“

Sie schlug die Augen nieder und presste die Lippen zusammen, was seltsam aussah, denn sie hatte schöne, volle Lippen. Jack runzelte die Stirn.

„Kein Irrtum. Sie wurden als Kandidatin ausgewählt. Sie sind eine der Glücklichen!“ Er rang sich ein Lächeln ab und hoffte, sie würde sich damit zufriedengeben und gehen.

Auch sie lächelte. Auf ihrer Wange bildete sich ein Grübchen.

„Es ist so: Ich bin nur wegen meiner Schwester hier. Sie wollte es unbedingt in die Show schaffen. Ich wollte sie nur … unterstützen. Überprüfen Sie bitte noch einmal Ihre Liste. Sie heißt Madeline Wright – nicht Brooke Wright.“

Sie gestikulierte, als sie sprach, und schlug ihm versehentlich auf den Arm. Er zuckte innerlich zusammen.

„Die Namen stimmen.“

„Aber ich will nicht hier sein!“

Ihre Worte klangen so scharf, dass Jack die Augenbrauen hob. Er musterte sie. Sie trug eine weiße Bluse und einen knielangen, schwarzen Rock. Offenbar versuchte sie, seriös zu wirken, doch ihre zerzausten Haare und der Wahnsinnskörper passten nicht ins Bild. Sie war sexy, braungebrannt und sportlich. Als gehörte sie nicht in diese enge Kleidung, sondern nach draußen, in die Sonne.

Wo er jetzt auch lieber gewesen wäre. Aber er war nun einmal hier und versuchte, diese neue Sendung zum Laufen zu bringen. Er hätte sich mehr dafür begeistern sollen, immerhin war dies sein Ticket in die Freiheit. Aber etwas daran passte ihm nicht und er wusste nicht, was es war.

Am Format lag es nicht. Zwölf Frauen traten in einer Reihe von Challenges gegeneinander an. Die jeweilige Gewinnerin konnte ein Date mit einem von zwölf Männern ergattern, die danach ausgesucht worden waren, perfekt zu den Frauen zu passen. Je mehr Runden eine Frau für sich entschied, desto mehr Männer konnte sie kennenlernen. In der letzten Folge würde das Publikum dann erfahren, ob der Mann, den die Frau letztlich ausgewählt hatte, auch jener war, der von vornherein als ihr „Perfekter Partner“ vorgesehen war. Eigentlich eine witzige Idee. Interessant – und erfrischend direkt.

Auch die Kandidatinnen störten ihn nicht. Jack hatte sie alle selbst ausgewählt – sogar diese Frau vor ihm, die nicht hier sein wollte. Er dachte an ihr Bewerbungsvideo. Sie hatte witzig und klug gewirkt und er konnte sich gut an ihre Augen erinnern. An deren auffällig dunkelgrüne Farbe. Sie hatten ihm gefallen. In Erinnerung geblieben war ihm aber ihr Lächeln. Ein Lächeln, das heute fehlte.

„Haben Sie nicht wie alle hier einen Vertrag unterschrieben?“

„Schon.“ Sie errötete. „Aber …“

„Dann sind Sie in der Show. Übermorgen beginnen die Dreharbeiten.“

Jack trat zurück. Sie stand zu dicht bei ihm, das mochte er nicht. Doch sie packte seinen Unterarm. Er erstarrte. Die Berührung fühlte sich zu persönlich an. Er rührte sich nicht, spürte aber, wie sich die Wärme ihrer Hand über seinen Arm ausbreitete und zu den Schultern hochwanderte. Sein Nacken fing an zu kribbeln.

„Nein“, sagte sie und ihre Augen verengten sich. „Hier liegt ein Irrtum vor. Ich kann an der Show nicht teilnehmen. Ich bin nur als … eine Art Reserve hier. Es wäre hoffnungslos. Ich bin nicht einmal auf der Suche nach einem Mann. Im Gegenteil, ich verabscheue das Heiraten! Eher würde ich mir einen Arm abhacken, als vor den Altar zu treten.“

Jack wollte erneut zurücktreten, doch sie hielt ihn immer noch fest. Er musste einen klaren Gedanken fassen. Behutsam legte er seine Hand auf ihre, die so zierlich war wie alles an ihr. Doch ihr Griff blieb fest. Also stemmte er ihre Finger auf, löste sie von seinem Arm und spürte, wie sich seine Schultern entspannten.

Das schien sie zu überraschen und es gefiel ihr offenbar nicht, so behandelt zu werden. Dennoch schob er ihre Hand weg und trat zurück. Sie starrte ihn an und legte dann den Kopf schief. Etwas in ihrem Blick veränderte sich.

„Stört meine Hand Sie etwa?“, fragte sie süffisant.

„Nein.“ Er lächelte. Sei charmant. Das funktionierte immer. „So gerne ich mich von einer schönen Frau anfassen lasse – ich fürchte, ich muss Sie jetzt Ihrem perfekten Partner überlassen. Deshalb sind Sie doch hier. ‚Der Perfekte Partner‘ – die einzige Fernsehshow, in der wir sicherstellen, dass Sie den Mann Ihrer Träume finden!“

Sein Marketing-Team wäre stolz auf diese Ansprache.

Jack grinste breit und ließ dabei seine perfekten Zähne aufblitzen, für die sein Vater ein Vermögen bezahlt hatte. Woran er Jack häufig genug erinnerte.

Die Frau faltete die Hände vor der Brust. „Hören Sie, … Jack, oder?“

Er nickte knapp. Zwar fand er es unangemessen, mit Vornamen angeredet zu werden, doch um des lieben Friedens willen beließ er es dabei. Dieses Mal durfte nichts schief gehen.

„Jack …“ Ihr Lächeln veränderte sich. Jetzt waren Grübchen zu sehen und sie klimperte mit den Wimpern.

Sie war gut. Aber so gut auch wieder nicht. Keine Frage, sie setzte ihr hübsches Gesicht ein, um ihren Willen zu bekommen. Doch das Kätzchen konnte nicht wissen, dass er auf diesem Gebiet ein wahrer Meister war.

„Mir ist klar, dass es nervt, jetzt noch Änderungen vorzunehmen. Aber ich versichere Ihnen, dass ich nicht die Richtige bin. Ich bin überhaupt nicht telegen und habe nicht viel zu bieten. Ihre Zuschauer würden sich langweilen. Wäre es nicht besser, jemanden Aufregenderes zu nehmen? Meine Schwester Maddy zum Beispiel. Bitte, überlegen Sie es sich.“

Jack schloss kurz die Augen. Seine Gedanken wanderten zurück zu ihrem Bewerbungsvideo. Sie hatte sich über sich selbst lustig gemacht und Grimassen geschnitten, das Ganze offenbar nicht allzu ernst genommen. Auf dem Video hatte sie oft auf diese bezaubernde Weise gelächelt. Davon war heute nichts zu sehen.

Mick hatte sie von vornherein abgelehnt – sie würde Ärger machen, sagte er. Doch sie hatte etwas an sich, das Jack sofort gefesselt hatte. Sie sagte, sie sei uninteressant – doch er sah das völlig anders. Diese Augen, dieses Lächeln … dieser Körper! Die Zuschauer werden sie lieben! Gerade weil sie nicht mitmachen wollte.

„Wir haben unsere Wahl getroffen, und ich finde, Sie sollten sich ruhig mehr zutrauen. Auf mich wirken Sie überhaupt nicht langweilig. Vielleicht ein wenig aufdringlich, aber bestimmt nicht langweilig.“

Sie runzelte die Stirn. „Aufdringlich? Ich bin nicht aufdringlich! Ich nenne Ihnen nur die Fakten.“

„Dann nenne ich Ihnen jetzt mal die Fakten: Sie sind in der Show. Sie haben einen Vertrag unterschrieben. Wir erwarten Sie übermorgen früh um neun Uhr hier im Studio.“

Sie schwieg, aber er beobachtete, wie sie tief ein- und ausatmete.

„Sie scheinen nicht zu verstehen – ich kann an Ihrer Show nicht teilnehmen“, sagte sie schließlich.

„Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen.“

Ihre Augen wurden groß, dann ließ sie entmutigt die Schultern fallen. Jack zögerte kurz. Nein. Er durfte kein Mitleid haben. Seine Aufgabe war es, diese Show zu produzieren – und nicht, eine Frau aus einer selbst gestellten Falle zu befreien.

„Sehen Sie es doch als Chance. Was wollen Sie? Geld? Ruhm? Himmel, vielleicht treffen Sie sogar Ihren perfekten Partner. Welche Frau will das nicht?“

Kaum hatte er es ausgesprochen, wusste er, dass es ein Fehler war. Sie errötete, schnappte nach Luft. Dann stellte sie sich breitbeinig auf und ballte die Hände zu Fäusten.

„Deshalb bin ich nicht hier“, sagte sie knapp, um Selbstbeherrschung bemüht. „Ich will nicht mitmachen. Meine Schwester kann meinen Platz einnehmen. Sie ist diejenige, die sich nach Liebe sehnt. Glauben Sie mir, Sie wollen mich nicht. Wie gesagt: Ich würde im Fernsehen keine gute Figur abgeben.“

„Ich finde, Sie machen sich ganz hervorragend, meine Schöne.“

Jack musterte sie. Ein Kompliment besänftigte sogar die wildeste Furie. Komplimente gingen ihm immer leicht über die Lippen, aber dieses Mal lag sogar ein Funken Wahrheit in den hohlen Worten. Diese Frau war wirklich schön, hatte große grüne Augen in einem hübschen, herzförmigen Gesicht und eine natürliche Ausstrahlung. Sie sah aus wie jemand, mit dem man Spaß haben konnte. Die männlichen Zuschauer wären bestimmt begeistert.

Jack bewegte seine Füße. Die Art, wie sie zu ihm hochsah, machte ihn nervös. Wieder trat sie einen Schritt auf ihn zu, sodass ihr Körper beinahe seine verschränkten Arme berührte. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. In ihm rumorte es, doch er schob die unangebrachten Gefühle beiseite.

„Ich bin weder zu Ihrem noch zum Vergnügen irgendwelcher Zuschauer hier. Und ich werde sicher nicht bei Ihrer albernen Show mitmachen.“

„Dann erzähle ich Ihnen jetzt mal was vom Fernsehgeschäft, Schätzchen.“

Wie erwartet, zuckte sie bei dem Wort „Schätzchen“ zusammen und wich ein Stück zurück. Die herablassende Art kränkte sie. Eine kluge Frau. Kluge Frauen waren schwierig, aber Jack kannte das. Er würde mit ihr schon fertig werden.

„Sobald Sie den einen Vertrag unterschrieben haben, gehört Ihre Seele mir.“ Diese bittere Lektion hatte er selbst vor vielen Jahren lernen müssen.

„Wie bitte?“

Ihre Stimme veränderte sich, wurde kühl und sachlich. Sie richtete sich auf und strich sich mit der Hand das Haar glatt, als würde sie versuchen, gepflegter, geschäftsmäßiger auszusehen. Es funktionierte nicht. Sie sah noch immer jugendlich und lustig aus – und so, als gehörte sie an einen Strand.

Jacks Produzentenhirn sprang an. Der Strand! Er wäre die ideale Kulisse für die erste Folge. Wir beginnen mit einer nachgestellten Baywatch-Szene, überlegte er. Die Mädchen laufen am Strand entlang … in Bikinis … und jagen die Männer! Genial! Die Einschaltquoten werden durch die Decke gehen!

Ihre schrille Stimme holte ihn zurück.

„Meine Seele gehört Ihnen nicht – und wird Ihnen niemals gehören! Ich habe einen Vertrag unterschrieben, okay. Aber jetzt möchte ich ihn wieder aufheben. Was muss ich tun? Ihnen Geld zahlen? Schön. Aber bilden Sie sich ja nicht ein, ich würde Ihnen gehören – oder kampflos aufgeben.“

Jacks Wangen glühten. Ihr Feuer war überraschend sexy. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich das Kätzchen in eine angriffslustige Raubkatze verwandelt. Nur ihre Augen blieben unverändert: grün wie das offene Meer. Wunderschön.

Jack schüttelte den Gedanken ab. Er durfte sie nicht schön finden! Das würde nur Probleme geben. Diese Frau war eine Unruhestifterin, zu hübsch, zu schlau und zu selbstbewusst, was sie gefährlich machte. Das konnte er nicht gebrauchen. Was er brauchte, war ein Erfolg.

Vielleicht hatte Mick recht und sie würde nur Ärger machen. Andererseits war sie genau das, was die Show brauchte. Die Frau war übellaunig, widerwillig – und unberechenbar. Jack wusste, dass er mit ihr ein Risiko einging, aber er musste etwas riskieren. Sonst würde er auf ewig der Produzent sein, der den Job nur seinem Vater zu verdanken hatte, und nicht, weil er gut darin war. Eigentlich sollte er wegziehen, sich einen anderen Job suchen, egal was, Hauptsache weit weg vom Einfluss seines Vaters. In Wahrheit gehörte er aber dem Sender – und somit seinem Vater. Solange er nicht bewies, dass er letztlich doch eine erfolgreiche Show produzieren konnte, hing er hier fest. Er durfte sich nur nicht auf die rührselige Geschichte dieser Frau einlassen, dann war er außer Gefahr.

Sie trat wieder auf ihn zu, und er wich zurück – bloß weg von ihr!

„Laufen Sie nicht weg! Wir müssen das klären.“

Ihre Augen funkelten ihn böse an. Sie war bereit, die Krallen auszufahren. Vielleicht war sie klein, aber seinen Schutz brauchte sie nicht. Diese Frau konnte sehr gut selbst auf sich aufpassen.

Er atmete tief ein und aus. Er sah ihr an, wie sie sich fühlte. Als säße sie in der Falle. Er kannte das Gefühl nur zu gut. Doch genau wie er musste sie allein damit fertigwerden. Doch er fühlte sich mit der Frau verbunden. Sie waren sich ähnlich. Zwei Freigeister, die auf sich selbst gestellt waren und immer wieder aufstanden, egal, wie oft man sie zu Fall brachte.

„Ich fürchte, Sie haben keine andere Wahl, Ms. Wright. Sie sind jetzt eine der Kandidatinnen von ‚Der Perfekte Partner‘!“

„Soll das ein Witz sein? Das ist doch toll!“

Brooke starrte ihre Schwester an. Ihre verrückte Schwester, die sie dazu überredet hatte, bei dem aberwitzigen Vorhaben mitzumachen. Ihr Plan war so abstrus, dass Brooke sich fragte, ob Maddy für einen Moment tatsächlich den Verstand verloren hatte.

„Brooky, das ist doch perfekt! Ich wollte in die Sendung, weil ich es satt habe, nur Idioten kennenzulernen. Ich wollte endlich den Richtigen finden – einen Mann, den andere schon auf Herz und Nieren geprüft haben, damit ich mir diese Arbeit ersparen kann. Was natürlich ein alberner Grund ist, bei so etwas mitzumachen – das Kennenlernen ist schließlich das Spannendste. Aber du machst nicht mit, um die große Liebe zu finden. Du wirst einen kühlen Kopf bewahren, was dich zu einer noch besseren Kandidatin macht als mich.“

„Maddy, ich halte das wirklich für keine gute Idee …“

Brooke war auf der Hut. Normalerweise hatte Maddy immer recht. Sie war die Älteste des Wright-Clans und von all ihren Schwestern die Vernünftigste. An sie wandte sich Brooke immer, wenn sie einen Rat brauchte. Doch jetzt klang Maddy eher wie Melody, die Jüngste und Verrückteste von allen.

Der Plan, die Show als Werbeplattform für den Familienbetrieb zu nutzen, war schon aberwitzig, als Maddy ihn vor einem Monat ausgeheckt hatte. Ihr Vorschlag, Brooke als „Rückendeckung“ zum Casting mitzunehmen, war nicht viel besser gewesen. Jetzt aber von ihr zu verlangen, sich im australischen Fernsehen zum Deppen zu machen, nur um ein paar Sportartikel zu verkaufen, war zu viel.

„Es ist perfekt, Brooky! Ich wäre viel zu emotional gewesen, viel zu abgelenkt. Aber du bist die Idealbesetzung!“ Maddys lebhaftes Gesicht wurde weich. Sie kam hinter dem Schreibtisch hervor und streckte die Arme aus. „Denk mal darüber nach, was es kostet, drei Monate lang jeden Abend zur besten Sendezeit einen Werbespot zu schalten!“

Brooke war es herzlich egal, dass die Show ihnen die Gelegenheit bot, ihre Sportartikel kostenlos zu bewerben. Sie konnte nicht daran denken, wie bekannt ihre Marke werden würde, wenn es ihr gelang, die Produkte in der Show unterzubringen. Sie konnte nur daran denken, wie peinlich und demütigend es wäre, wenn Millionen von Zuschauern mitansahen, wie unfähig sie in Sachen Flirten, Liebe und all dem anderen Quatsch war, der in dieser lächerlichen Sendung gefragt war.

Brooke atmete tief ein und aus. Dieses vertraute Gefühl beschlich sie wieder. Aber sie atmete weiter, so wie Maddy es ihr vor Jahren beigebracht hatte. Sie würde nicht wütend werden, sondern ihre Bedenken klar und deutlich äußern.

„Tausende von Dollar, Brooky!“

Maddy schlang die Arme um sie und drückte sie fest an sich. Die Umarmung half etwas. Brooke fühlte die Wärme ihrer Schwester, die sie nun an die Schultern fasste.

„Wir haben das durchgerechnet, Brooke. Wir brauchen das! Denk daran, wie viele Menschen dir zuschauen werden. Wie viele einsame, verzweifelte Frauen dir Abend für Abend dabei zusehen werden, wie du einem attraktiven Mann den Kopf verdrehst. Sie werden dir förmlich an den Lippen hängen – und genau sehen, was du trägst. Sie werden sein wollen wie du und sich so kleiden wollen wie du, damit auch sie eines Tages ihren Traummann finden.“

Maddy tat, was sie immer tat, um Brooke zu beruhigen: Sie erklärte ihr alles und redete mit ihr, bis Brooke wieder normal atmete.

„Maddy …“, begann Brooke, wieder gefasst. „Das ist wirklich weit hergeholt.“

„Es ist perfekte PR für uns – das hast du beim letzten Marketing-Meeting selbst gesagt. Du musst den Leuten ja nicht erzählen, dass sie unsere Produkte kaufen sollen – du zeigst ihnen einfach, wie toll sie aussehen und wie gut sie funktionieren. Ansonsten bist du einfach nur du. Dein Charme erledigt den Rest.“

„Das ist doch lächerlich!“

„Überhaupt nicht“, sagte Maddy sachlich. „Das ist genial. Ich bin genial. Wright Sports steht kurz davor, die Welt zu erobern, Schwesterherz.“

„Du bist nicht genial, du bist irre! Erstens: Wenn du jemanden suchst, dem andere Frauen nacheifern sollen, hättest du Melissa mitnehmen müssen. Sie ist die langbeinige, großbusige Schönheit der Familie. Sogar Melody wäre besser geeignet. Sie ist niedlich, frech, witzig – und blond! Ich dagegen bin zu klein, mein Mund ist zu groß und mein Gesicht nichtssagend.“

Maddy wollte widersprechen, doch Brooke brachte sie zum Schweigen.

„Du musst mir keinen Honig um den Bart schmieren, Maddy. Das sind die Fakten. Und zweitens, was viel entscheidender ist: Die Frauen werden nur so sein wollen wie ich, wenn ich tatsächlich einen Mann verführe – was mir nicht gelingen wird. Ich kann nicht flirten, bin tollpatschig und langweilig und eine wirklich schlechte Wettkämpferin. Ich bin die Einzige in der Familie, die noch nie eine Medaille für irgendwas gewonnen hat. Selbst wenn ich nicht bei jeder Challenge versage, wird mich mein angeblich ‚perfekter Partner‘ vermutlich im Schlaf erwürgen. Du hast dir die Falsche ausgesucht, Maddy. Wenn ich bei der Show ich selbst bin, werde ich der Marke eher schaden als nützen.“

„Warum tust du das, Brooky?“, fragte Maddy sanft.

Brooke schnaubte.

„Du bist eine schöne, begabte, tolle Frau. Du wirst jede Challenge gewinnen, und dein perfekter Partner wird sich Hals über Kopf in dich verlieben – so, wie das ganze Land. Du bist genau die Richtige. Ich wusste, du würdest es schaffen. Warum, glaubst du, hätte ich dich sonst überredet mitzukommen?“

„Maddy, erspar mir das Gerede, bitte.“

„Das ist kein Gerede, im Gegenteil.“ Maddy ging zurück hinter ihren Schreibtisch, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und blickte ihre Schwester geradeheraus an. „Ich glaube wirklich, dass die Show dir guttun wird. Du musst mal unter Leute gehen. Es wird Zeit, dir einen Mann zu suchen.“

Brooke verdrehte die Augen. Das schon wieder. Ihre Schwestern lagen ihr ständig in den Ohren damit, dass sie neue Leute kennenlernen sollte. Tatsächlich war sie aber gern allein. So war es sicherer. Sie mochte ihre ruhigen Nächte, und sie brauchte keinen Mann, der sie mit seinen Ansichten und Forderungen nervte – und mit seinen Lügen und falschen Versprechen.

„Ich will keinen Mann, Maddy.“

„Brooke. Du musst endlich über Mitch hinwegkommen. Die Geschichte ist jetzt schon über ein Jahr her.“

Brooke spürte Tränen aufsteigen. Mitch. Schon der Klang seines Namens tat ihr weh.

„Ich bin über ihn hinweg, Maddy.“ Brooke hörte, wie ihr die Stimme versagte. Dabei wollte sie nicht, dass sich ihre Schwestern um sie sorgten. Natürlich war sie über Mitch hinweg.

Sie hatte einen Kloß im Hals. Zwölf Monate war es her, seit sie beschlossen hatte, sich seine Lügen nicht länger gefallen zu lassen. Zwölf Monate, in denen sie sich vorgestellt hatte, was sie ihm alles sagen würde, sollte sie ihm jemals wieder begegnen. Brooke spürte einen Stich in der Brust. Natürlich war sie nicht mehr in Mitch verliebt. Aber die Wut über das, was er ihr angetan hatte, war noch immer da. Was hatte sie nicht alles probiert: Yoga, Meditation, sogar Melodys widerliches Beruhigungsgebräu. Doch das Gefühl blieb, ein dicker, harter Kloß im Bauch, der sich einfach nicht abschütteln ließ.

„Nein, das bist du nicht, Brooke. Du gehst nicht aus, du willst niemanden kennenlernen. Stattdessen sitzt du zu Hause herum und hörst dir traurige Musik an. Oder du trainierst wie eine Besessene. Wirklich, Süße, wir machen uns ernsthaft Sorgen. Du brauchst das mehr als ich oder die Marke. Du musst endlich etwas unternehmen, um aus diesem Schneckenhaus herauszukommen.“

Brooke atmete hörbar aus. Es stimmte. Sie lebte in einem Schneckenhaus. Aber sie war glücklich darin. Sie ging beim Training gern an ihre Grenzen und arbeitete gerne bis zum Umfallen.

Sie war Marketingchefin des Familienunternehmens und in ihrem Job richtig gut. Hier konnte sie sich zum ersten Mal mit ihren Schwestern messen. Micky, die Zweitälteste, war mit nur zwanzig Jahren die beste Reiterin Australiens. Melody würde bei den nächsten Commonwealth Games neben ihrer Schwester Melissa starten. Bei jenem sportlichen Großereignis, das nach den Olympischen Spielen und den Asian Games das drittgrößte der Welt war. Und Maddy, die erfolgreichste Sportlerin der Familie, war sogar ehemalige Goldmedaillengewinnerin.

Brooke dagegen hatte gerade einmal ihre persönliche Bestleistung für Klimmzüge erhöht. Auf fünf. Lächerlich! Sie war nur knapp 1,50 Meter groß und wog 45 Kilogramm. Damit war sie kleiner, schwächer und unscheinbarer als ihre Schwestern. Aber sie war ziemlich gut darin, Statistiken zu deuten und Trends vorauszusagen.

Seit ihrem Schulabschluss vor sechs Jahren war es ihr zusammen mit Maddy gelungen, das Unternehmen von einem aufstrebenden Sportbekleidungsgeschäft zu einer preisgekrönten, landesweit bekannten Marke zu etablieren, mit siebzehn Fachgeschäften im ganzen Land und einem Dutzend neuer Produktlinien von Gymnastikanzügen bis hin zu Proteinpulver. Doch die Wirtschaftslage war alles andere als rosig. Wenn sie aber weiter expandieren wollten, was nötig war, mussten sie einen Gang hochschalten.

Werbung – das war es, was sie brauchten. Brooke wusste das. Aber eigentlich war geplant, dass Maddy an der albernen Show teilnahm. Brooke war nur mitgekommen, um ihrer Schwester Rückendeckung zu geben – für den unwahrscheinlichen Fall, dass Maddy es nicht in die Auswahl schaffte. Daran hatte Brooke nie gezweifelt. Sie gewann doch sonst auch immer alles.

Und nun, aus einer miesen Laune des Schicksals heraus, wurde von Brooke erwartet, dass sie sich im Fernsehen zum Affen machte. In einer Show, die auf der lachhaften Prämisse beruhte, dass es irgendwo den „Perfekten Partner“ für jede von ihnen gab. Doch Brooke hatte keine Wahl: Die Zukunft der Familie lag in ihrer Hand. Und ihren Schwestern verdankte sie alles. Sie waren immer für sie da gewesen, vom allerersten Tag an.

„Okay, ich mache es.“

Maddy kam um den Schreibtisch herum und wollte ihr um den Hals fallen, doch Brooke bremste sie.

„Ich werde jede Sekunde dieser Show hassen. Aber ich mache es. Für dich. Und für Micky, Melissa und Melody.“

Maddy lächelte und zog Brooke in die Arme.

„Lass dich überraschen, Schwesterherz. Wer weiß, am Ende gefällt es dir noch und du genießt jede Minute davon.“

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