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Tu Buße und stirb

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Vorbemerkung der Autorin
  7. 1975
  8. 2010
  9. Tag eins Freitag, 10. Dezember
  10. 1
  11. 2
  12. 3
  13. 4
  14. 5
  15. 6
  16. 7
  17. 8
  18. Tag zwei Samstag, 11. Dezember
  19. 9
  20. 10
  21. 11
  22. 12
  23. 13
  24. 14
  25. 15
  26. 16
  27. 17
  28. 18
  29. 19
  30. 20
  31. 21
  32. 22
  33. 23
  34. 24
  35. Tag drei Sonntag, 12. Dezember
  36. 25
  37. 26
  38. 27
  39. 28
  40. 29
  41. 30
  42. 31
  43. 32
  44. 33
  45. 34
  46. 35
  47. 36
  48. 37
  49. 38
  50. 39
  51. 40
  52. 41
  53. 42
  54. Tag vier Montag, 13. Dezember
  55. 43
  56. 44
  57. 45
  58. 46
  59. 47
  60. 48
  61. 49
  62. 50
  63. 51
  64. 52
  65. 53
  66. 54
  67. 55
  68. 56
  69. 57
  70. 58
  71. EPILOG
  72. DANKSAGUNG

Über die Autorin

Jo Spain arbeitet als Journalistin und Beraterin des Irischen Parlaments. TU BUßE UND STIRB ist ihr erster Roman, der in Irland sogleich zum Bestseller avancierte und es auf die Shortlist des renommierten RICHARD AND JUDY BESTSELLER COMPETITION schaffte. Jo Spain lebt mit ihrem Ehemann und ihren vier gemeinsamen Kindern in Dublin.

Vorbemerkung der Autorin

Die Handlung dieses Buchs ist frei erfunden, doch Magdalenenheime und Mutter-Kind-Heime gab es tatsächlich, in meinem Heimatland ebenso wie anderswo. Meine wichtigsten Quellen waren Berichte von Frauen, die in solchen Einrichtungen waren. Jedoch sind der religiöse Orden, der im Buch erwähnt wird, und das Dorf Kilcross von mir frei erfunden; Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Orten sind nicht beabsichtigt.

Im Folgenden sind einige wenige der Bücher, Fernsehsendungen und Websites aufgeführt, die ich beim Schreiben zu Recherchezwecken benutzt habe:

Mike Milotte: Banished Babies. The Secret History of Ireland’s Baby Export Business

June Goulding: The Light in the Window

Martin Sixsmith: Philomena. Eine Mutter sucht ihren Sohn

Sex in a Cold Climate, Testimony Films, Channel 4, Regie: Steve Humphries

www.magdalenelaundries.com (Kampagne Gerechtigkeit für Magdalenen)

www.adoptionrightsalliance.com

1975

Ihr ganzer Körper bebte, als das Adrenalin durch ihre Adern strömte. Schweiß glänzte auf jeder unbedeckten Stelle ihrer Haut, und Erleichterung überflutete sie, als die Wehen vorbei waren. Er würde wiederkommen, der Schmerz zwischen den Beinen und tief in ihrem Bauch, das wusste sie instinktiv, aber jetzt, in diesem Augenblick, wurde sie durch das kleine rosa Bündel abgelenkt, das ununterbrochen laut schrie.

»Lassen Sie mich mein Baby halten. Bitte. Ich glaube, es hat Hunger.«

Ihre Stimme klang kläglich. Flehend.

Die Entbindung war lang und aufreibend gewesen. Vierzehn Stunden Wehen ohne irgendetwas zur Linderung der Schmerzen, und nur harte, verächtliche Worte von der Frau, die ihr beistehen sollte.

Doch nichts davon spielte jetzt noch eine Rolle. Dieses gesunde und kräftige Baby hatte sie zur Welt gebracht. Sie hatte dieses Wunder erschaffen. Es war das Beste, was sie je getan hatte.

Es spielte keine Rolle, auf welche Weise sie schwanger geworden war. Wer der Vater war, tat nichts weiter zur Sache; was zählte, war allein, dass das Kind in ihr gewachsen war, dass sie es genährt hatte. Dieses kleine unschuldige Wesen mit den winzigen vollkommenen Händen und den zierlichen strampelnden Füßchen, dem rosigen Mund, der offen stand wie bei einem hungrigen Küken, und den umherhuschenden blauen Augen – wie hätte jemand es für irgendetwas verantwortlich machen können?

»Bitte, bitte, lassen Sie mich mein Baby halten.«

Die Mutter versuchte sich aufzusetzen und streckte die Hände nach dem Neugeborenen aus, das die Nonne gerade in ein blütenweißes Tuch hüllte.

Die Bewegung im Bett machte die Schwester aufmerksam.

Sie drehte sich um, um die Mutter anzusehen, und hielt den Säugling so hoch, dass die junge Frau vom Bett aus nichts weiter sehen konnte als seinen Hinterkopf. Doch das klägliche Geschrei konnte sie hören. Das Baby wollte die Wärme des Körpers seiner Mutter spüren, ihren Herzschlag hören und ihre Haut riechen, und es wollte ihre Milch.

Die Nonne hob verächtlich die Augenbrauen.

»Glaubst du wirklich, ich würde dich dieses kostbare Gottesgeschenk halten lassen? Glaubst du wirklich, unser Herr würde dir erlauben, dieses Kind zu behalten? Dir, einer Hure?«

Sie spie die Worte praktisch heraus.

Mit einem kurzen Nicken begrüßte sie die Schwester, die als Ablösung gekommen war, wandte sich ab und fegte mit dem Säugling aus dem Raum.

Die Mutter geriet in Panik.

»Warten Sie. Mein Baby«, brachte sie erstickt hervor. Ihr Herz hämmerte. Sie versuchte aufzustehen, sank aber ins Bett zurück, schwach und schwindelig, wie sie war.

Einen Augenblick war es ganz still.

Dann begann sie hysterisch zu schreien. Die Schreie übertönten das Jammern des Babys und das Echo der Schritte, die den Gang hinunter verklangen.

Der Nonne, die geblieben war, um die Frau zu pflegen, brach es das Herz. Sie gab den Versuch auf, ihr den Schweiß von der Stirn zu wischen.

»Mein Kind!«, flehte die junge Mutter. Sie war kreidebleich geworden, und ihre Pupillen weiteten sich vor Angst und Unglauben. Im nächsten Moment erwachte ihr Kampfgeist, und mit letzter Kraft richtete sie ihren erschöpften Körper auf und stellte die Beine auf den Boden. Ein heiserer Laut drang aus ihrer Kehle.

Sie würde sich ihr Baby zurückholen.

Die junge Frau war von einer Entschlossenheit erfüllt, die stärker war als alles, was sie je empfunden hatte, doch die Nonne neben ihr war körperlich stärker und nicht durch stundenlange Wehen geschwächt.

Sie legte tröstend die Arme um die Mutter, bemühte sich aber gleichzeitig, sie zurückzuhalten, und sie rangen miteinander.

»Nicht. Bitte tu das nicht. Du wusstest doch, was passieren würde. Es gibt nichts, was wir tun könnten.« Die Stimme der Nonne brach, als sie den letzten Satz sagte.

Die Frau wehrte sich noch ein wenig, um dann mit einem leichten Schrei in sich zusammenzusinken. Sie sah die Nonne entsetzt an.

»Aber es ist mein Baby.« Ihre Stimme war nur noch ein gequältes, ungläubiges Flüstern. Sie stand unter Schock, akzeptierte allerdings, dass sie nichts mehr tun konnte. Schließlich hatte sie gewusst, was geschehen würde.

Heftige, krampfhafte Schluchzer drangen aus ihrer Kehle, und die Nonne hielt sie fest, aber sanft umfasst. Auch ihr standen heiße Tränen in den Augen.

»Es tut mir leid«, sagte sie immer wieder. »Es tut mir leid, dass dir das widerfährt. Sie wird sich für ihre Sünden verantworten müssen, das verspreche ich dir.«

Die verzweifelte Frau hörte die Stimme der Nonne wie durch einen Nebel des Schmerzes.

Sie sank auf das Bett nieder und starrte auf das weiße Metallgitter des leeren Kinderbettchens, das danebenstand.

»War es ein Junge oder ein Mädchen?«, flüsterte sie.

Die Nonne sagte es ihr.

Die Reaktion der Mutter war ein untröstlicher Seufzer.

Die Stunden verrannen, aber die Frau rührte sich nicht. Nicht, als sie gewaschen wurde, und nicht, als das leere Kinderbettchen hinausgeschoben wurde und sie zurückblieb, um die Wände und den Tisch mit den medizinischen Instrumenten anzustarren.

Sie hatte keins der mitfühlenden Worte gehört, die die Nonne ihr zugeflüstert hatte. Sie schmeckte das Wasser nicht, das man ihr an die Lippen hielt, und sie schluckte es nicht herunter. Der Geruch nach Desinfektionsmittel, mit dem der Boden gewischt wurde, erreichte ihre Nase nicht.

Sie lag da, fühlte nichts, sah nichts.

Es dauerte sechs Stunden, bevor der Wahnsinn einsetzte.

Die Rückkehr der körperlichen Schmerzen war nichts verglichen mit der Wut und dem Kummer, der sie verzehrte.

Es wurde dunkel. Die Nonne, der befohlen worden war, über sie zu wachen, schlief ein.

Die Frau im Bett schlang die Arme um sich. Sie begann, sich hin und her zu wiegen. Dann flüsterte sie, immer und immer wieder: »Ich hasse sie. Ich hasse sie.«

Die Worte füllten die Leere. Sie waren ein Trost, ein Mantra, ein Ersatz für das, was ihr genommen worden war. Ihr Körper lag leer unter der groben Decke. Ihre Arme umfassten sich selbst, nicht ihr Baby.

Alles, was ihr geblieben war, waren Trauer und Hass.

2010

Ich fürchte mich. Ständig glaube ich, etwas zu hören. Türenknallen. Schritte.

Die Küche ist eine Weihnachtswunderwelt und duftet nach Zimt und Muskat. Ein Backblech mit Lebkuchenfiguren wie aus dem Bilderbuch liegt zum Abkühlen auf der Arbeitsfläche. Sie sind mit Zuckerguss verziert. In einem Körbchen, das mit rotem Musselin ausgelegt ist, liegen süße glasierte Gewürzbrötchen. Es ist Anfang Dezember, und bald wird in der Ecke ein Weihnachtsbaum aufgestellt werden, mit funkelnden Lichtern und selbst gebasteltem Schmuck aus vergangenen Jahren.

Es ist kalt, und es riecht nach Schnee. Ich zittere und schließe behutsam die Hintertür, sperre den Frost aus.

Ich durchquere den Raum und bleibe an der Küchentür stehen.

Wind ist aufgekommen und rüttelt am Fensterrahmen, und meine Hand zittert zusammen mit dem alten Glas.

Ich beruhige meine Nerven. Schließe die Augen. Ermahne mich, mich nicht von der Angst überwältigen zu lassen.

Seit Jahren werde ich von dem Gefühl verfolgt, dass jemand hinter mir her ist. Ich habe eine lebhafte Fantasie. Es gibt Leute, die sagen würden, ich sei paranoid.

Sie haben nicht mein Leben gelebt.

Ich öffne die Tür.

In der gut erleuchteten Eingangshalle ist nichts. Niemand, der längst im Bett sein sollte, ist noch auf. Kein Bi-Ba-Butzemann macht Anstalten, sich auf mich zu stürzen.

Was für eine Erleichterung.

Die Küchentür ist schwer und kracht hinter mir ins Schloss, als ich die Schwelle überschreite, es macht einen Heidenlärm. Ich erschrecke mich dermaßen, dass ich die Hand vor den Mund schlage.

Es dauert eine ganze Minute, bevor ich wieder Luft bekomme. Sonst scheint niemand etwas gehört zu haben. Ich habe nur mir selbst einen Schrecken eingejagt.

Ich weiß, dass es wichtig ist, die Angst zuzulassen. Ich habe diese Emotion früh kennengelernt. Die Angst ist ein Freund. Sie lässt einen wachsam sein.

Leise durchquere ich die Halle und lausche auf Geräusche, die darauf hinweisen würden, dass noch jemand im Haus aktiv ist.

Rechts neben der Tür, auf die ich zuhalte, steht ein Tischchen aus Walnussholz, darauf eine große Vase mit weißen Lilien. Ihr Duft ist berauschend und schwer; er wird seit Jahrhunderten eingesetzt, um den Gestank des Todes zu übertünchen.

Die Tür führt zu einem Korridor mit etlichen gemauerten Nischen. In jeder Nische steht eine Kerze, die jeden Tag entzündet wird, je nach Jahreszeit früher oder später. Der Letzte, der noch auf ist – und das ist immer dieselbe Person –, pustet sie aus, bevor er müde ins Bett fällt.

Die Prozedur ist immer gleich. Schritt, Schritt, Schritt. Pusten. Sicherheitshalber noch die Finger benetzen und den Docht löschen, bis er zischt. Den ganzen Weg bis zum Ende. Eine einsame Aufgabe.

Ich spüre eine Bewegung zu meiner Linken und reiße den Kopf herum. Meine Kehle schnürt sich zusammen.

Da ist nichts. Nur die Schatten der vom Wind gepeitschten Zweige auf den bleigefassten Fensterscheiben.

Ein unwillkürliches Lachen entfährt mir, löst die Anspannung. Nicht jedes Geräusch ist für mich bestimmt, nicht jeder Schatten ist der Feind. Während ich das denke, entspanne ich mich, die Verspannungen in meinen Schultern lockern sich.

Ich bin bei der Tür angekommen. Rechts von ihr ist der Lichtschalter für den Korridor. Sirrende Leuchtstoffröhren an der Decke erhellen den Gang, wenn die Kerzen gelöscht sind.

Ich lege den Kippschalter um. In den letzten Monaten hat der altmodische Sicherungskasten häufiger verrücktgespielt, und der Korridor wurde unerwartet in Dunkelheit gestürzt. Nervenzerfetzend in einer mondlosen Nacht, doch der Trick ist, eine Kerze brennen zu lassen und sich von ihr den Weg zurück in die Halle leuchten zu lassen.

Links von der Tür steht ein alter Garderobenständer, behängt mit langen Wintermänteln. Er ist so breit und tief, dass ein Erwachsener sich darin verstecken könnte, vom Kopf bis zu den Füßen, ohne gesehen zu werden.

Als ich danebenstehe, geht schon wieder die Fantasie mit mir durch. Ich frage mich, ob sich vielleicht jetzt jemand dort versteckt.

Zögernd lange ich hinein und bewege meinen Arm zwischen den Mänteln hin und her. Ich bin bereit, meinen Arm augenblicklich zurückzuziehen, starr vor Angst, dass jemand mich am Handgelenk packen und hineinziehen könnte, während ein Schrei auf meinen Lippen erstirbt.

Da ist nichts.

Ich höre ein Geräusch. Diesmal ist es real, und es ist ganz in der Nähe. Schritte kommen auf mich zu. Ich zuckte zusammen, und skelettartige Finger kriechen mir am Rückgrat hoch.

Mein Herz rast, und ich tauche zwischen den Mänteln ab.

Die Tür geht auf.

Eine Frau tritt in die Eingangshalle. Durch die feuchte Wolle der Mäntel hindurch kann ich ihr Profil sehen.

Mein Mund ist trocken, und ich bin voller Entsetzen.

Es geschieht tatsächlich.

Kann sie mich sehen?

Ihre Gesichtszüge sind hart. Furcht einflößend. Immer hämisch. Es ist die, vor der ich mich fürchte.

Eine Sekunde lang denke ich, dass sie mich gesehen hat. Jeder Muskel in meinem Körper spannt sich vor Entsetzen an.

Dann wendet sie sich ab und stellt die letzte brennende Kerze auf dem Tisch ab. Sie hebt die Hand zum Lichtschalter. Sie denkt, dass die Sicherung mal wieder durchgebrannt ist, und will verhindern, dass das Licht angeht, sobald die Störung behoben wurde.

Sie erstarrt mitten in der Bewegung. Der Schalter steht auf Aus, aber sie weiß, dass sie das Licht eingeschaltet hat, bevor sie den Korridor betrat.

Ich trete zwischen den Mänteln hervor, still wie ein Grab. Während sie noch dort steht und ihre leichte Verwirrung zu Unbehagen wird, hebe ich die schwere Taschenlampe, die ich mit mir führe.

Die Frau beginnt leicht zu zittern. Sie hat meine Gegenwart gespürt, doch sie dreht sich nicht um. Vielleicht denkt sie, wenn sie mich nicht sehen kann, gibt es mich nicht.

Aber es gibt mich.

Ich schlage mit genau dem richtigen Maß an Kraft zu. Nicht zu hart, nicht zu leicht. Mein Schlag ist genau richtig.

Die Taschenlampe kracht gegen ihren Hinterkopf. Ihr rechter Arm rudert, ihr linker Arm zuckt.

Zu spät sehe ich, dass ihr rudernder Arm die Vase auf dem Tisch erwischt hat. Die Vase kracht so laut gegen die Wand, dass es in meinen Ohren klingt wie Donner und eine losgehende Sirene gleichzeitig.

Glassplitter fliegen in alle Richtungen, und die Frau sinkt zu Boden.

Ich habe keine Zeit, darauf zu reagieren. Keine Zeit, sauber zu machen. Ich muss sofort weg.

Ich stecke die Taschenlampe ein und packe die Frau unter den Achseln.

Mir bleibt kaum ein Moment, das auszukosten, was gerade geschehen ist.

All das Beobachten und Warten. Über ein Jahr Planung.

Rache.

Ich weiß nicht, ob es die weihnachtlichen Gewürze in der Luft sind, aber es stimmt, was man so sagt.

Rache ist süß. Und ich bin noch nicht fertig.

Tag eins
Freitag, 10. Dezember

1

Er träumte. Er wusste, dass er träumte, obwohl er in seiner Einbildung aufgestanden war und sich anzog, wenn auch in dieser schläfrigen, trägen Weise, in der man sich im Traum bewegt. Er hatte heute frei, und gleich würde er die Zeitungen holen und auf dem angenehmen viertelstündigen Spaziergang nach Castleknock Village die beißende Winterluft einatmen. Es gab keinen Grund, sich zu beeilen. Vielleicht würde er noch ein paar Blätterteigteilchen besorgen. Sie könnten Feuer in dem altmodischen Kamin in ihrem Schlafzimmer machen, er und Louise, und sich unter die Bettdecke kuscheln.

Louise. Sie rief ihn. »Tom. Tom. TOM!«

Er öffnete die Augen. Diesmal tatsächlich.

Seine Frau beugte sich über ihn. Ihre langen braunen Haare kitzelten seine Wange, und amüsierte braune Augen spähten in seine grünen Augen, die er kaum aufbekam.

»Erde an Detective Inspector Tom Reynolds. Zeit aufzuwachen, Liebling. Schläfst du eigentlich nachts, oder fällst du ins Koma?«

Sie hielt ihm einen Becher unter die Nase – seine leicht krumme Nase, die sie gleich zu Beginn ihrer Beziehung zu seinem liebenswertesten Zug erklärt hatte, weil es seinem attraktiven Gesicht eine männlich-markante Unregelmäßigkeit verlieh.

Er roch Kaffee. Dampfenden, starken, wunderbaren Kaffee.

»Für mich?«, krächzte er und rieb sich die Augen. Er hievte sich in eine sitzende Position hoch und fuhr sich durch sein dichtes, früher schwarzes und jetzt ergrauendes Haar.

Er griff nach der Kaffeetasse. »Ich hatte einen ganz sonderbaren Traum, du weißt schon, die Art, wo man denkt, dass man wach ist, obwohl man noch schläft …«

»Tom.« Mit einem Lächeln streichelte Louise sein Gesicht und rieb seine grau melierten Stoppeln. »Du schläft ja immer noch halb. Ray ist unten. Du wirst gebraucht.«

Tom stöhnte, trank seinen Kaffee und schlug gereizt ihre Hand weg, mit der sie durch sein vom Schlaf zerwühltes Haar fuhr.

»Wie spät ist es?«

Selbst in den besten Zeiten war er kein Morgenmensch, und etwas verriet ihm, dass es noch früher war, als sogar er es gewohnt war.

»Kurz nach sechs. Ich würde ja anbieten, euch beiden Frühstück zu machen, aber Ray sagt, es ist dringend. Es sind noch ein paar Rosinenbrötchen da, die kannst du mitnehmen …« Sie hielt inne und tätschelte seinen Bauch. »Obwohl ein wenig Obst vielleicht besser wäre.«

Tom schnaubte, trank noch einen Schluck Kaffee und spürte, wie dadurch seine Lebensgeister geweckt wurden. Er stellte die Tasse ab und streckte sich.

»Ich bin Inspector beim NBCI. Es ist immer dringend. Gott, warum bin ich bloß so müde?«

»Vielleicht weil du bis nach ein Uhr aufgeblieben bist, um noch eine Zigarre zu rauchen, nachdem ich ins Bett gegangen war? Oh, ich habe es sehr wohl gerochen.«

Sie versetzte ihm einen spielerischen Klaps aufs Ohr. Seine Reaktion war ein verlegenes Grinsen.

Sie fand es furchtbar, dass er rauchte, aber er war jetzt fast fünfzig und hatte keine Lust, eine lebenslange Gewohnheit einfach abzulegen. Er hatte eine Vorliebe für den intensiven Geschmack kubanischer Zigarren. Glücklicherweise reichten meist ein paar Züge, um ihn zufriedenzustellen.

Es war eins seiner wenigen Laster. Die Krimis, die seine Frau verschlang, wurden von Ermittlern bevölkert, die zu viel tranken, unter Depressionen litten oder abhängig von Schmerzmitteln waren – die Liste der Beschwerden war endlos, das Leben der Ermittler unweigerlich bejammernswert. Die Krimiautoren hatten gute Arbeit geleistet und die Bevölkerung davon überzeugt, dass alle Ermittler bei der Polizei stereotype gebrochene Genies waren und insgeheim mit Dämonen rangen. In Wahrheit waren die meisten von Toms Kollegen ganz normale Männer und Frauen mit den üblichen menschlichen Stärken und Schwächen, und auch wenn natürlich nicht alles spurlos an ihnen vorüberging, hatten die meisten keinen Knacks, wenn sie in den Ruhestand gingen.

»Entschuldigung. Raussetzen konnte ich mich nicht, dazu war es zu kalt. Ich hätte mich erkälten können.«

»Du tust mir überhaupt nicht leid.« Sie schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn du dir Sorgen wegen einer Erkältung machst, aber nicht wegen Lungenkrebs. Soll ich Ray hochschicken? Er wird schon ungeduldig.«

Tom nickte, wappnete sich gegen die Kälte und warf die warme Decke von sich.

Er hatte die Hose angezogen und knöpfte gerade sein Hemd zu, als Ray an die Tür klopfte.

»Alles in Ordnung, ich hab was an.«

Ray Lennon war fünfzehn Jahre jünger als Tom. Mit seiner Größe, seinen wie gemeißelt wirkenden Gesichtszügen, den dunkelgrauen Augen und den stoppelkurzen Haaren war er ein ausgesprochen gut aussehender Mann. Trotz seines leidenschaftlichen, grüblerischen Äußeren hatte er einen jungenhaften Sinn für Humor. Hinter diesem leichtherzigen Aspekt seiner Persönlichkeit verbarg sich eine scharfe Intelligenz, die seinen relativ schnellen Aufstieg zu Toms leitendem Detective Sergeant in der Mordkommission des National Bureau of Criminal Investigation erklärte.

Tom entschied sich für eine marineblaue Krawatte und drehte sich um. »Hat Ihnen die Kälte die Sprache verschlagen?«

Sein Grinsen erstarb, als er das Gesicht seines Stellvertreters sah.

Ray blickte grimmig drein, und alle Farbe war aus seinen Wangen gewichen. Er sah aus wie jemand, der einen Schock erlitten hatte.

»Was ist los?«, fragte Tom.

In den letzten Monaten hatte es eine Flut von Gang-Morden gegeben, aber die Lage schien sich wieder beruhigt zu haben. Jeder Polizist in Dublin betete, dass die Pause noch den ganzen Dezember über anhalten würde.

Ray schluckte, sein Adamsapfel bewegte sich. Er suchte immer noch nach Worten.

Tom griff nach seinem Jackett, das über dem Stuhl neben der Tür zum angrenzenden Bad hing. »Bitte erzählen Sie mir nicht, dass einer dieser Kriminellen einen unschuldigen Passanten erschossen hat.«

Ray schüttelte den Kopf. »Nein. Es ist schlimmer.«

»Doch kein Kind?« Toms Herz hämmerte, als er das sagte.

Wieder ein Kopfschütteln.

»Es ist eine Frau, Sir, eine ältere Frau. Man hat ihre Leiche im Phoenix Park gefunden.«

Der Inspector setzte sich auf die Stuhlkante, um sich die Schnürsenkel zuzubinden, in Wahrheit allerdings, weil er das Gefühl hatte, er sollte besser sitzen, wenn er das hörte, was er gleich zu hören bekommen würde. Er konnte sich kaum vorstellen, was bei einem erfahrenen Ermittler eine solche Reaktion auslösen könnte, wenn kein Kind zu Schaden gekommen war.

»Spucken Sie’s aus, Ray.«

»Sie wurde gekreuzigt, Tom. Eine alte Frau wurde im Park gekreuzigt.«

»Was meinen Sie mit gekreuzigt?«

Tom fragte sich kurz, ob er etwa immer noch träumte. Gegenüber von seinem Haus stand eine der Mauern, die den Phoenix Park umgaben, eine öffentlich zugängliche Grünanlage, die über siebenhundert Hektar der Fläche der Stadt Dublin einnahm.

»Ich habe sie noch nicht gesehen. Michael und Laura waren die Ersten aus unserem Team, die am Fundort ankamen. Sie haben nur gesagt, dass sie an einen Baum genagelt wurde.«

Tom starrte seinen Stellvertreter einen Moment fassungslos an, dann gab er sich einen Ruck.

»Fahren wir hin. Es ist doch an keinem offen einsehbaren Ort, oder?«

»Nein, es ist abseits der Straße.«

Die beiden Männer eilten nach unten und trafen im Flur auf Louise.

»Es gießt wie aus Eimern, Tom. Du nimmst besser deinen Regenmantel …« Sie verstummte. »Was ist denn los?«

Tom schüttelte den Kopf.

Seine Frau verstand. Sie kannte das.

Tom griff nach dem schweren schwarzen Regenmantel, den sie ihm hinhielt.

»Vielleicht besorge ich nachher noch den Weihnachtsbaum«, sagte sie, während er den Reißverschluss hochzog. Die Welt da draußen, mit der er zu tun hatte, mochte brutal und chaotisch sein, aber sie wollte verdammt sein, wenn sie zuließ, dass es auf ihr häusliches Leben übergriff. »Und du hast versprochen, diesen Mini-Müllcontainer für mich zu bestellen, damit ich diese Kartons auf dem Dachboden entsorgen kann.«

»Mach ich später.« Die Reaktion kam automatisch.

»Wenn du stirbst, Tom Reynolds, werde ich mich gezwungen sehen, mach ich später als deine Grabinschrift zu wählen.«

»Liebling, wenn du mich um etwas bittest, tue ich es auch. Du musst nicht immer wieder davon anfangen.«

Sie hob die Augenbrauen. Es war der Ich finde das gar nicht komisch-Ausdruck, den er so gut kannte.

»Jedenfalls: Ist es nicht ein bisschen früh, einen Weihnachtsbaum zu besorgen? Ich werde nicht da sein, kann dir also nicht helfen.«

»Es sind nur noch ein paar Wochen bis Weihnachten. Maria kann mir helfen.«

»Ist sie denn nicht in der Uni?«

Louise zögerte. Es war ein kaum wahrnehmbares Zögern, aber der Mann, mit dem sie seit mehr als fünfundzwanzig Jahren verheiratet war, hielt inne und sah sie an.

Sie hätte sich ohrfeigen können. Manchmal musste man die Wahrheit besser vorerst für sich behalten.

»Kein Grund zur Sorge«, versicherte sie schnell. »Ich erzähle es dir ein anderes Mal. Geh und mach deine Arbeit.«

Tom zögerte kurz, dann umarmte er sie und gab ihr einen Abschiedskuss.

Maria hatte ihnen in den letzten Monaten ziemliche Kopfschmerzen bereitet. Sie hatte sich in der Uni nicht gut eingelebt, und sie konnten ja schlecht einer Neunzehnjährigen sagen, was sie tun sollte. Sosehr er sie auch liebte, Tom wünschte allmählich, sie würde sich eine Wohnung suchen und mit einer Freundin zusammenziehen.

Louise schloss die Augen, genoss die kurze Umarmung und atmete seinen Geruch nach Moschus und Zahnpasta ein. Wieder ein Fall, der ihn ihr wegnehmen würde, und das gerade, wo sie ihn besonders gebraucht hätte.

Sie seufzte. Das Leben mit Tom war nie langweilig, aber es war oft einsam.

2

Es war noch dunkel, und im Park war wenig Verkehr. In einer Stunde würde es hier starken Durchgangsverkehr geben, wenn die Leute wach wurden, den starken Regen bemerkten und beschlossen, den unzuverlässigen öffentlichen Nahverkehr zu meiden und lieber aufs Auto umzusteigen.

Sie hatten Rays Wagen genommen. Im Augenblick sah der Kfz-Mechaniker mehr von Toms Auto als er selbst. Der alte Mann hatte ihm vom Kauf des Alfa Romeo abgeraten, aber Tom hatte auf stur geschaltet und bereitwillig auf Verlässlichkeit zugunsten von Technologie und Eleganz verzichtet. Der Alfa Romeo war ein prachtvolles Auto, wenn er in Top-Form war.

Allerdings war Tom seit zwei Wochen zu seinem Leidwesen entweder auf Ray oder seinen langjährigen Garda-Fahrer Willie Callaghan angewiesen. Beide Männer hatten unangemessen viel Respekt vor dem Tempolimit, wie Tom fand.

»Ihnen ist schon klar, dass die Vorgabe von fünfzig Stundenkilometern in diesem Park für gesetzestreue Bürger gilt, nicht für die Polizei, oder?«, beschwerte er sich, als sie gemächlich die Chesterfield Avenue entlangfuhren, die schnurgerade durch den Park verlief.

Ein grimmiges Lächeln spielte um Rays Lippen, aber er hielt den Blick auf die Straße gerichtet.

»Ich glaube, Sie werden feststellen, Sir, dass die Geschwindigkeitsbegrenzung wegen des Wilds eingeführt wurde. Dem ist es egal, wer den Wagen fährt.«

Im Phoenix Park lebten über vierhundert Damhirsche. Sie stammten von einer Herde ab, die um 1660 herum hier angesiedelt worden war. Die Dubliner rechneten immer damit, dass eins der Tiere im Dunkeln über die Hauptstraße setzen würde, doch viele unglückselige Autofahrer, die zu Besuch hier waren, hatten schon erschrocken das Steuer herumgerissen und waren im Straßengraben gelandet, als sie die prachtvollen Tiere über die Straße springen sahen, die Augen glitzernd im Scheinwerferlicht.

Tom und Ray waren am Eingang Castleknock Gate in den Park gefahren und bogen jetzt vor der Residenz des amerikanischen Botschafters rechts ab. Ein Stück weiter bogen sie links in eine schmale Straße ein, die frisch mit Polizei-Absperrband markiert war. Ein Polizist stand im strömenden Regen allein mit eingezogenem Kopf Wache.

Sie verlangsamten das Tempo, und der Polizist spähte unter dem Rand seiner tropfnassen Mütze durch die Windschutzscheibe hervor. Als er sah, wer im Wagen saß, winkte er sie eifrig durch.

Am Ende der Straße hielten sie neben zwei Streifenwagen, die auf dem Grünstreifen parkten.

»Bereiten Sie sich darauf vor, durchnässt zu werden«, warnte Tom, zog sich die Kapuze über den Kopf und trat auf das durchweichte Gras. Der Geruch feuchter Pflanzen und Bäume stieg ihm in die Nase, gefolgt von einem unangenehmen Gefühl von Nässe, die die Hosenbeine hochkroch. Sämtliche Wärme, die er im Auto aufgesogen hatte, schien seinen Körper augenblicklich zu verlassen.

Michael Geoghegan erwartete sie. Er trug eine schwere schwarze Regenjacke von Nike und hatte die Hände in die Taschen gestopft.

Der Inspector wusste, dass Michael erst seit ein paar Tagen wieder im Dienst war. Er hatte den jungen Detective nicht mehr gesehen, seit seine Frau vor drei Monaten eine Fehlgeburt erlitten hatte. Anne war im vierten Monat gewesen, und es war ein schwerer Schlag für das Paar, das Baby verloren zu haben. Michael hatte Sonderurlaub bewilligt bekommen und seinen Resturlaub genommen, um bei ihr sein zu können.

Tom legte ihm die Hand auf die Schulter. »Michael, schön, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen? Was macht Anne?«

Michael zuckte die Achseln und trat nervös von einem Bein auf das andere. »Uns geht’s gut, Sir, wir kommen zurecht.«

Es war offensichtlich, dass der junge Ermittler nicht über die Tragödie sprechen wollte.

»Also, was haben wir hier?«

»Es war nicht leicht, das Opfer zu finden. Der Mann, der uns verständigt hat, konnte kaum zusammenhängend sprechen, und um ehrlich zu sein, wenn man versucht, ein bewaldetes Gebiet zu beschreiben …« Michael wies auf die mit Bäumen bewachsene Parkfläche um sie herum. »Tja, eine Eiche sieht so ziemlich aus wie die andere.«

»Haben Sie Leiche gesagt?« Ray sah verblüfft aus.

Tom verdrehte die Augen. »Eiche, Ray, Eiche. Sprechen Sie weiter, Michael.«

»Gut. Also, sie haben erst einen Streifenwagen geschickt, aber wir hatten Frühschicht und haben es über Funk gehört, also waren wir schon Minuten nach der Streife vor Ort. Die Rechtsmedizin und die KTU schicken Teams her. Gestern Nacht wurden Schüsse auf ein Haus in Clondalkin abgegeben, und zudem gab es einen Vorfall in der Stadt, also sind sie ziemlich eingespannt. Ich glaube, McDonagh kommt selbst. Er hat mir einen Vortrag darüber gehalten, wie viel er zu tun hat, und dann aufgelegt.«

Michael wirkte unsicher, als überlege er, ob er sich hätte bestätigen lassen sollen, dass der Chief Superintendent McDonagh, der Chef der Kriminaltechnik der Garda Síochána, tatsächlich hierher unterwegs war.

»Er ist auf dem Weg, Michael«, beruhigte Tom ihn. »Ist der Fundort so weit wie möglich gesichert?«

Die KTU würde am Fundort Spuren suchen und sichern, doch Toms Team würde das Gebiet abriegeln, um es vor dem Eindringen unbefugter Bürger oder der Presse zu schützen.

»Eine Wache steht am Anfang der Straße, über die ihr gekommen seid, und eine andere hinter dieser Baumgruppe dort. Damit ist sichergestellt, dass niemand hinkommt. Die Senke, in der wir das Opfer gefunden haben, ist praktisch unzugänglich, abgesehen von einem Pfad, der vom Hauptweg abzweigt. Sie ist von dichtem Gestrüpp und Brombeerhecken umgeben.«

»Wir gehen bis zur Senke«, entschied Tom. »Betreten tun wir sie besser erst, wenn die KTU uns grünes Licht gibt.«

Sie verschwanden zwischen den Bäumen, nachdem sie sich Taschenlampen aus dem Auto geholt hatten. Tom konnte sehen, dass sie einem Trampelpfad folgten, aber eins war klar: Keine Frau würde allein hier entlanggehen, sei es tagsüber oder im Dunkeln.

»Michael, der Zeuge, der uns verständigt hat – wie genau, sagte er, ist er auf die Tote gestoßen? Das sieht nicht nach einer Stelle aus, an der man mit seinem Hund spazieren gehen würde.«

»Dazu hat er nichts gesagt. Seinen Namen hat er auch nicht genannt.«

»Also unser Verdächtiger Nummer eins«, meinte Ray.

Sie brauchten fünf Minuten, bis sie bei Laura Brennan angelangt waren. Das jüngste Mitglied des Teams stand gegen einen Baum gelehnt da. Die kupferroten Locken hingen ihr ins Gesicht, das von ihrem Smartphone erleuchtet wurde. Lauras Finger flogen über das Display, sie erteilte Anweisungen via SMS. Im Gegensatz zu Michael, der im Dienst immer ausgesprochen salopp gekleidet war, trug seine Kollegin stets modische, gut sitzende Hosenanzüge. Sie war jung, also zog sie sich älter an, damit sie auch ernst genommen wurde. Im Augenblick hatte sie einen vernünftigen schwarzen Parka über ihre tadellos gearbeiteten Sachen geworfen, um den Regen abzuhalten.

Sie blickte auf, als Tom und Ray sich näherten, und stieß sich vom Baum ab.

»Morgen, Sir. Das Opfer ist dort in der Senke.« Sie holte tief Luft. »Es ist ziemlich übel.«

»Es ist nichts angerührt worden?«

»Nein.«

Tom und Ray traten an den äußersten Rand der dunklen Senke und achteten darauf, nicht weiterzugehen, um nicht den Fundort zu kontaminieren. Beide Männer hoben ihre Taschenlampen. Die Lichtbögen beleuchteten Teile der Lichtung und warfen einen geisterhaften Schein auf den mit Laub besäten Boden.

Im selben Augenblick richteten beide den Strahl ihrer Taschenlampen auf die entgegengesetzte Seite des kleinen Kreises.

Ray ließ schockiert die Taschenlampe fallen. »Himmel!«, rief er aus, sank auf die Knie und tastete nach der Lampe.

Tom blieb wie erstarrt stehen. Seine rechte Hand zitterte leicht, als er das Licht auf den albtraumhaften Anblick vor ihnen gerichtet hielt.

Die Frau schien zu stehen, bereit, auf sie zuzugehen. Ihr Kopf war grotesk auf eine Seite gesunken und ruhte auf einem der ausgestreckten Arme. Ihre Brust unter der zerrissenen, blutdurchtränkten Kleidung war entblößt. Dünne Strähnen grauen Haars umgaben das runzlige Gesicht. Sie musste über siebzig sein. Unauffällige Kleidung – ein brauner Rock und eine Bluse mit Spitzenkragen.

Die Züge der alten Frau waren im Moment des Entsetzens erstarrt, die Augen weit aufgerissen vor Schreck, der Mund stand offen in einem Ausdruck permanenten Schocks. Getrocknetes Blut bedeckte die untere Hälfte des Gesichts.

Die Arme waren in einem unnatürlichen Winkel ausgestreckt, die Hände mit langen Nägeln durchbohrt, die in den breiten Baumstamm getrieben worden waren. Ihre Füße, die knapp über dem Boden hingen, waren zusammengestellt und mit einem einzigen Nagel durchbohrt worden.

Als wären die Nägel nicht genug, fesselte ein Seil ihre Taille fest an den Baum.

Doch nichts davon schockierte Tom so tief wie die Botschaft.

Auf ihrer bloßen Brust waren grob Lettern eingeritzt.

Der Inspector musste die Augen zusammenkneifen, um die Wörter erkennen zu können, die unter dem geronnenen Blut kaum zu entziffern waren:

Satans Hure

Instinktiv machte Tom einen Schritt rückwärts. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, und er war froh, dass er noch nicht gefrühstückt hatte.

Hinter ihm kontaminierte Ray die Randgebiete des Fundorts, indem er sich übergab, Halt suchend an einen Baum geklammert.

3

»Guten Morgen, Tom. Also, was haben wir hier?«

Emmet McDonagh, der Leiter der KTU, kam forsch auf sie zumarschiert. Zwei weitere Techniker folgten, momentan noch durch seine massige Gestalt verdeckt.

»Ich dachte, ich lasse euch mein umfangreiches Wissen zugutekommen, wenn ihr schon praktisch in meinem Vorgarten seid. Wo ist das Opfer?«

Tom deutete auf die Senke.

Emmet blieb unvermittelt stehen und leuchtete lässig mit seiner Stabtaschenlampe in den dunklen Raum.

Seine beiden Kollegen prallten gegen seinen Rücken.

»Himmel!«, rief Emmet aus.

»Du bist ohne Vorwarnung stehen geblieben«, fauchte eine Frauenstimme, und die dazugehörige Person ging um ihn herum und stellte sich neben ihn.

»Ich habe nicht mit dir gesprochen«, sagte Emmet. »Seht.« Er schwenkte seine Taschenlampe hin und her, sodass ein grausig flackerndes Licht auf das Opfer fiel.

Die Frau riss die Augen auf. »Tja, das ist neu«, verkündete sie.

Emmet schüttelte den Kopf mit dem Wust braunen Haars darauf, immer noch abgelenkt durch den Anblick, der sich ihm bot.

Tom vermutete, dass er sich die Haare färbte. Emmet war zwölf Jahre älter als er, und es war noch keine einzige graue Strähne in Sicht.

»Zur Hölle, Tom, eine kleine Vorwarnung wäre nett gewesen. Ich dachte, es geht um irgendeine Bandenschießerei.«

»Michael hat es dir nicht gesagt?« Tom war überrascht. Dann fiel ihm ein, dass Emmet laut Michael am Telefon brüsk wie immer gewesen war.

Emmet schüttelte den Kopf. Ohne den Blick vom Opfer abzuwenden, machte er eine Handbewegung zu den beiden Technikern hin, die neben ihm standen. »Du kennst Ellie Byrne und Mark Dunne, oder?«

Tom schüttelte ihnen die Hand. Er hatte beide schon gelegentlich gesehen, und an Ellie erinnerte er sich ganz bestimmt. Sie war eine wunderschöne Frau. Langes rabenschwarzes Haar umrahmte ein herzförmiges Gesicht, um dessen Knochenstruktur sie jedes Model beneidet hätte. Selbst erschöpft von ihrem hohen Arbeitspensum und mit Augenringen war sie atemberaubend. Er vermutete, dass Ray ein wenig in sie verknallt war, genau wie die meisten anderen männlichen Kollegen.

Die Kriminaltechniker schüttelten ihm abwesend die Hand und starrten dabei weiter auf die Frau, die an den Baum genagelt worden war.

»Das müssen wir sichern«, sagte Emmet. Er leuchtete mit der Taschenlampe über den Boden vor ihnen. »War schon jemand da unten?«

»Niemand von uns«, sagte Tom.

»Wer hat das denn hinterlassen?«

Emmet schwenkte die Taschenlampe über die übel riechende Pfütze links vom Eingang in die Senke.

»Dafür sind wir verantwortlich«, erwiderte Tom und vermied so die Beantwortung der Frage.

»Hm. Ich werde Halogen-Scheinwerfer brauchen. Es dauert mindestens noch eine Stunde, bevor es richtig hell wird, und wenn es weiter regnet, wird es trübe bleiben.«

*

Den größten Teil der folgenden anderthalb Stunden brachte Tom am Telefon zu. Der Gerichtsmediziner war unterwegs, ebenso wie Toms Chef, Detective Chief Superintendent Sean McGuinness.

Als Emmet ihm schließlich erlaubte, die Senke zu betreten, ging er direkt zum Opfer und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Was meinst du, Emmet – Mitte bis Ende siebzig?«

Sein Kollege trat zu ihm und nickte langsam.

Sie musterten den Brustkorb der Frau.

»Stichwunden«, stellte Tom fest, der sich bewusst war, dass er damit etwas vorbrachte, was für den Kriminaltechniker vermutlich offensichtlich war. »Mehrere Einstiche.«

Er würde sich gründlich umsehen, ehe das gerichtsmedizinische Team eintraf und hier übernahm. Danach würden sie die Frau vom Baum nehmen. Tom hatte nicht vor, sich hier in der Senke aufzuhalten, wenn die Nägel aus den Händen und den Füßen des Opfers gezogen wurden.

Sie trug ein Kreuz um den Hals. Tom zog sich Latexhandschuhe über und hob es sehr behutsam an. Die Gestalt Jesu, der am Kreuz hing. Eine grässliche Ironie, wenn man bedachte, dass das Opfer gekreuzigt worden war.

Er drehte das Kreuz um. Auf der Rückseite befanden sich die Initialen MM.

Sie waren eingraviert. Es wirkte nicht wie der Stempel des Herstellers.

»MM«, sagte er zu Emmet. »Das müsste irgendwas Religiöses sein, nicht ihre Initialen, oder was meinst du?«

»Wahrscheinlich. Es könnte Mutter Maria bedeuten. Oder vielleicht ist es auch eine römische Ziffer.«

Tom legte das Kreuz sanft wieder auf die Brust der Frau zurück.

»Sie ist groß, aber ich würde die Vermutung wagen, dass sie kaum fünfundvierzig Kilo wiegt«, stellte Emmet fest. »Es wird dem Täter leichtgefallen sein, sie an den Baum zu fesseln, nachdem er sie erst mal dagegengelehnt hatte.«

»Selbst wenn sie sich gewehrt hat?«, fragte Tom.

»Sie hat sich nicht gewehrt. Nicht hier. Sie wurde nicht hier umgebracht.«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine, sie wurde irgendwo erstochen, blutete aus und wurde danach hergebracht. Die Leiche wurde post mortem so arrangiert. Es würde viel mehr Blut geben, wenn sie hier erstochen worden wäre. Deshalb habe ich dich so schnell an den Fundort gelassen.«

»Ist das dein Ernst? Jemand hat sie hergebracht und dann ihre Leiche gekreuzigt?«

»Ja.«

Tom holte tief Luft. Er war erleichtert, dass die Frau nicht zu Lebzeiten das Martyrium einer Kreuzigung hatte durchmachen müssen, aber eine Frage drängte sich auf.

»Warum?«

Emmet schüttelte den Kopf. »Die Frage nach dem Warum ist nicht mein Metier. Ich gebe nur Hinweise auf das Wie. So wie es aussieht, wollte jemand damit ein Statement abgeben.«

Tom hörte nicht zu. Er starrte auf das Blut am Kinn der Frau. Es sah aus, als wäre sie auf den Mund geschlagen worden. Aber …

»Herr im Himmel!«

Emmet fuhr zusammen. »Was ist?«

Mit hervorquellenden Augen starrte Tom in den Mund der Frau.

»Ihre Zunge. Ihr ist die Zunge herausgeschnitten worden.«

4

Tom setzte die Mitglieder des gerichtsmedizinischen Teams ins Bild, sobald sie eintrafen. Dann ließ er sie ihre Arbeit machen und kehrte mit Ray zum Auto zurück.

Die ersten Journalisten waren eingetroffen. Die beiden Polizisten ignorierten das Sperrfeuer der Fragen, stiegen ins Auto und schlugen die Türen hinter sich zu, um die Außenwelt auszuschließen. Der Umgang mit den Medien war Aufgabe des Präsidiums, und das war etwas, worum Tom niemanden beneidete.

»Diese Ellie ist ein Feger, was?«, bemerkte Ray beiläufig und fischte ein Handtuch vom Rücksitz.

»Warum haben Sie ein Handtuch im Auto?«, fragte Tom abgelenkt.

»Gestern Abend bin ich am Strand gelaufen. Ich habe mir damit den Schweiß und den Regen abgewischt, damit ich mich auf der Rückfahrt nicht erkälte.«

»Sie machen mich krank.«

Tom rieb die beschlagene Scheibe auf der Beifahrerseite sauber, bereute es aber sofort. Einer der zurückgewiesenen Reporter glotzte das Auto an, und jetzt war Tom für jeden sichtbar. Er seufzte und drehte sich zu Ray um, mit dem Rücken zum Fenster.

»Glauben Sie, sie ist Single?«

So handhabten sie es immer. Wenn sie einen Tatort verließen, sprachen sie über alles Mögliche, nur nicht über das, was sie gerade gesehen hatten. Es war eine fünfminütige Ruhepause, ihre Art, das Unvermeidliche hinauszuschieben. Es hieß auch, dass Ray nicht darüber sprechen musste, dass er ein Mordermittler war, der eine Aversion gegen blutige Szenen hatte. Andere mochten diesen Widerspruch zum Schreien komisch finden. Ray fand es demütigend.

»Ich hatte ja schon vermutet, dass Sie was für Ellie übrighaben, aber mal im Ernst«, sagte Tom. »Glauben Sie, der Beginn einer solchen Ermittlung ist der richtige Zeitpunkt, um ihr den Hof zu machen? Ich weiß sowieso nicht, wie Sie es geschafft haben, sie mit begehrlichen Blicken zu mustern – vor diesem Hintergrund. Das sagt sicher irgendwas über Sie aus, psychologisch betrachtet.«

Ray sah seinen Vorgesetzten böse an. »Den Hof machen? Oh, tut mir leid, wer drückt sich denn heutzutage noch so antiquiert aus? Ich habe mich nur gefragt, ob sie wohl solo ist, nichts weiter. Sie wissen schon, für die Zukunft.« Ray schüttelte entnervt den Kopf.

Niemand könnte ihn als einen Romeo beschreiben. Er war beruflich stark eingespannt und hatte wenig Zeit, jemanden kennenzulernen, aber mittlerweile war er Mitte dreißig und das Single-Dasein fühlte sich nicht mehr so gut an wie früher, besonders, da mit alarmierender Regelmäßigkeit Einladungen zu Hochzeiten von Freunden ins Haus flatterten.

Zwanzig Minuten später traf der Leiter des NBCI ein, Detective Chief Superintendent Sean McGuinness. Tom verfolgte, wie der Wagen des Chiefs auf die wachsende Reporteransammlung zuraste und sie zwang, zu beiden Seiten auseinanderzuspritzen.

Der große, grauhaarige Mann stieg aus, und Tom erriet aus seinen Gesten, dass er den niederprasselnden Regen und den durchweichten Boden dafür verantwortlich machte, das Tempo nicht verlangsamt zu haben.

Es dauerte nur Sekunden, dann hatte McGuinness Tom und Ray erspäht. Mit langen Schritten kam er zum Auto marschiert und hieb kräftig auf das Wagendach, um dann die Fahrertür aufzureißen. Der junge Polizist, der mit ihm gekommen war, eilte hinter ihm her und versuchte, seinem Vorgesetzten den Regenschirm über den Kopf zu halten.

McGuinness scheuchte ihn weg. »Glauben Sie wirklich, dass ein Regenschirm da viel nützt?«, brüllte er und deutete auf den Himmel, der alle Schleusen geöffnet hatte.

Der junge Polizist eilte mit rotem Gesicht davon, achtete aber darauf, in Hörweite zu bleiben.

»Sitzen die Herren auch schön warm und trocken?«, blaffte der Chief mit seinem starken Kerry-Akzent und schob seinen triefenden Kopf ins Wageninnere.

»Gibt’s eine Mini-Bar da drin? Lassen Sie sich einen Irish Coffee schmecken? Nein? Dann raus da, zum Teufel!« Den letzten Teil brüllte er.

Ray legte die Hand vor den Mund, um ein Lachen zu unterdrücken.

»Passen Sie nur auf, dass Ihnen da drin nicht schlecht wird, Jüngelchen; Ihre Heldentat hat sich schon überall herumgesprochen.«

Ray ließ beschämt den Kopf hängen, nicht nur wegen des Sarkasmus seines Vorgesetzten, sondern auch, weil ihm gerade klar geworden war, dass Ellie Byrne sein wieder hochgewürgtes Frühstück eintüten würde.

Tom bekam Mitleid mit ihm und beschloss, sich einzumischen.

Widerstrebend stieg er aus dem warmen Auto. »Ich finde es auch schön, Sie zu sehen, Sir.«

Tom maß etwas über eins achtzig, aber der Chief überragte ihn noch. Selbst mit sechzig hatten seine Größe und Kraft eine einschüchternde Wirkung, was durch seine ungestüme, poltrige Persönlichkeit noch verstärkt wurde. Tom wusste, dass das nur Fassade war. Sean McGuinness war ein alter Freund, und trotz seiner ruppigen Art war er im Grunde nachdenklich, freundlich und gutherzig.

Angesichts der Journalisten, die sie beobachteten, sprach McGuinness leiser weiter.

»Ich frage mich bloß, wie die Frau es geschafft hat, sich quasi im Hinterhof des Garda-Präsidiums ermorden zu lassen.«

Seine Worte legten nahe, dass Toms Team im Park hätte campieren sollen, um sicherzugehen, dass dort keine für die Polizei peinlichen Morde verübt wurden.

Der Chief sog die Luft ein, sodass sich seine Backen blähten, und stieß sie langsam wieder aus. Er fuhr sich durch das struppige graue Haar und wischte die Regentropfen ab, die ihm von der Stirn herabrannen und ihn zu blenden drohten.

»Für die Presse ist das wie Manna, das vom Himmel geworfen wurde. Dazu noch die Gang-Morde, die Etatkürzungen und die internen Querelen … ich weiß nicht, wie wir das schaffen sollen.«

Tom nickte mitfühlend. McGuinness würde in ein paar Jahren in Pension gehen, und dann würde man vermutlich ihm, Tom, seinen Posten anbieten – allerdings konnte er den Gedanken daran kaum ertragen. Ihm widerstrebte die Vorstellung, dass er gezwungen sein würde zu versuchen, eine ganze Abteilung mit wenig bis keinen Mitteln zu leiten und der wachsenden Kriminalität Herr zu werden. Ganz zu schweigen von der Presse, die unablässig in Leitartikeln das Versagen der Polizei anprangerte.

»Haben Sie schon gehört?« McGuinness beugte sich konspirativ vor. »Am Dienstag musste ein Polizist in Donegal das Opfer eines Einbruchs bitten, ihn vom Bahnhof abzuholen, damit er ermitteln konnte. Haben Sie so was schon mal gehört? Die Wache hat nur ein Fahrzeug zur Verfügung, und das war unterwegs.« McGuinness schüttelte den Kopf. »Wie dem auch sei. Das ist jetzt nicht wichtig. Diese Frau –« Er deutete auf die Bäume. »Wir werden uns von internen Problemen und Personalengpässen nicht unterkriegen lassen, oder?«

*

Als sie in der Senke ankamen, begutachteten zwei Assistenten der Rechtsmedizin die Nägel in den Händen der Frau und überlegten, wie man sie herausziehen könnte, ohne die Hände weiter zu beschädigen. McGuinness sah kurz hin und drehte sich umgehend um, um dem Anblick zu entgehen.

»Gesegnete Jungfrau, heilige Muttergottes!« Er bekreuzigte sich, eine angemessene Reaktion für einen Mann seiner Generation, wenn auch in Anbetracht der Lage des Opfers unpassend.

Tom hörte, wie Emmet hinter ihnen herbrüllte: »Verdammt noch mal, das ist kein Wanderweg für Touristen!«

»Mein Gott, Tom. Was, wenn ein Kind hier runtergelaufen wäre und das gesehen hätte?«

Ellie kam ihnen entgegen, Asservatentüten, die für das Labor bestimmt waren, in den Händen.

»Irgendwas gefunden?«, fragte Tom.

Sie zuckte die Achseln. »Der Bereich ist öffentlich zugänglich. Von den gesammelten Proben könnte alles oder nichts relevant sein. Sie wissen aber schon, wofür diese Stelle bekannt ist, oder?«

Tom sah McGuinness an, und beide schüttelten den Kopf.

Ellie hob die Augenbrauen. »Es ist ein berüchtigter Stricher-Strich. Hier bringen sie ihre Kunden her.«

»Sie machen Witze«, stieß Tom erstickt hervor. »Woher wissen Sie das?«

»Ich dachte, das wüsste jeder. Aber, wissen Sie, unser Arbeitsplatz ist ja lediglich ein oder zwei Meilen von hier entfernt.«

Das Garda-Präsidium, in dem auch die Kriminaltechnik untergebracht war, lag unmittelbar neben dem North Circular Road-Eingang zum Park – sozusagen in seinem »Vorgarten«.

»Also gab es keinen Zweifel, dass sie schnell gefunden werden würde«, sagte Tom.

Sean McGuinness schüttelte den Kopf. »Das ist barbarisch. Es gibt kein anderes Wort dafür. Wir haben es mit einem Tier zu tun. Und da wir gerade davon sprechen – niemand wird mit diesem Pack räudiger Hunde hinter der Absperrung reden. Es wird eine Pressekonferenz geben, sobald wir ein paar Fakten gesammelt haben.«

5

Als sie auf der Garda-Wache in Blanchardstown, einem Vorort von Dublin, eintrafen, war bereits ein Raum als Basis für sie eingerichtet worden. Das Dezernat für Tötungsdelikte befand sich in der Harcourt Street im Süden Dublins, aber dort herrschte eigentlich immer hektische Aktivität. Wenn irgend möglich, arbeitete Tom mit seinem Team von der Garda-Wache aus, die dem jeweiligen Tatort am nächsten lag. Praktischerweise war Blanchardstown nicht weit von seinem Haus entfernt, und er war mit den Örtlichkeiten vertraut.

Er nippte vorsichtig an einer dünnen schwarzen Brühe, als Ray mit zwei Styroporbechern vom »Bistro« hereinkam, ihrem Lieblingsrestaurant im Village.

»Oh. Sie haben schon einen Kaffee.«

»Ihn so zu bezeichnen wäre übertrieben.« Dankbar streckte Tom die Hand nach dem frischen Kaffee aus. Seiner Ansicht nach war Instant-Kaffee ein Affront gegen die Menschlichkeit. Wenn man nicht bereit war, Kaffeebohnen von guter Qualität zu mahlen und die Milch vorher anzuwärmen, konnte man sich den Koffeinschub ebenso gut von einer Dose Cola holen.

»Weitere Anweisungen vom Chief?« Ray deutete auf das Telefon in Toms Hand.

»Ja. Er will den Fall rechtzeitig vor den Abendnachrichten gelöst sehen.«

Bevor die Stunde herum war, war der Raum voll. Zu den Detectives, die heute Morgen am Fundort gewesen waren, gesellten sich vier weitere Teammitglieder sowie der Sergeant der Wache, Ian Kelly – von seinen Freunden liebevoll »Hairy« genannt, ein Tribut an seinen vollständig kahlen Schädel.

Ian fing an, die Fotos anzuordnen, die von der KTU geschickt worden waren. Die Aufnahmen fingen jedes grausige Detail der Verletzungen der Frau ein. Selbst die erfahrenen Ermittler im Raum fanden die Bilder abstoßend.

»Gut, fangen wir an«, sagte Tom. »Es ist unsere Aufgabe, die Geschichte dieser Frau herauszufinden. Wer ist sie? Wer hat ihr das angetan? Und warum?«

Er machte eine kurze Pause. Es war ihm bewusst, dass die Männer und Frauen in diesem Raum verzweifelt den Weihnachtsurlaub herbeisehnten. Es war ein langes und anstrengendes Jahr gewesen.

»Sie sind die begabtesten Ermittler der Polizei. Das wissen Sie. Deshalb arbeiten Sie in der Mordkommission. Wir werden alle Hände voll zu tun bekommen, aber ich könnte kein besseres Team verlangen.«

»Steht ja auch sonst niemand zur Verfügung«, schnaubte Ray.

Die anderen lachten.

Der Inspektor lächelte. »Das ist wahr. Dieser Fall wird in der nächsten Zeit unser Leben bestimmen, aber zumindest hat McGuinness uns für den Augenblick von unseren sonstigen Fällen entbunden. Das hier hat höchste Priorität.«

Dabei sah er Michael an und dachte an dessen junge Frau zu Hause, die um den Verlust ihres Kindes trauerte. Sollte er überhaupt hier sein?

Michael fing den abschätzenden Blick seines Vorgesetzten auf. Er wollte unbedingt dabei sein, so sehr, dass es gar nicht mit Worten auszudrücken war. Es war furchtbar, was hier passiert war, doch es war jemand anderem zugestoßen. Es hatte nichts mit ihm zu tun. Es war nicht der Schmerz, der ihn jede Nacht peinigte, wenn Anne auf der anderen Seite des Ehebetts lag und um ein ungeborenes Baby trauerte, das es nicht mehr gab.

Seine Kollegen wussten, was ihnen Schreckliches widerfahren war, allerdings nicht, dass sie jetzt seit fünf Jahren versuchten, ein Kind zu bekommen, und zum ersten Mal die magische Zwölf-Wochen-Marke überschritten hatten. In der achtzehnten Woche hatte es dennoch als blutige Tragödie geendet.

Sein Gesicht musste seine Verzweiflung verraten haben, denn Tom hielt nur kurz seinem Blick stand, bevor er weitersprach.

»Also gut. Was haben wir bislang?«

Ray erhob sich ungelenk. Es machte ihn immer nervös, im Mittelpunkt zu stehen.

In diesem Moment ging die Tür auf, und ein junger Polizist schob einen Wagen mit Verpflegung herein.

»Bitte entschuldigen Sie, Ray«, sagte Tom. »Ich habe uns einen kleinen Imbiss kommen lassen. Es wird ein langer Tag werden.«

Der Detective Sergeant wollte gern seinen Bericht hinter sich bringen, aber das übrige Team wirkte dankbar. Einige hatten schon besorgte Blicke auf die Uhr geworfen und befürchtet, dass bald ihr Magen zu knurren beginnen würde.

Noch besser, Tom hatte die Sandwiches und die Getränke im »Bistro« bestellt.

Als er sich überzeugt hatte, dass jeder im Team etwas Essbares in der Hand hielt, wartete er ab, bis Ray einen besonders großen Bissen von seinem Sandwich genommen hatte, ehe er sich an die Runde wandte und um Ruhe bat.

Der Detective Sergeant hätte sich fast verschluckt. Die übrigen Teammitglieder, die nicht verpflichtet waren, etwas vorzutragen, kauten zufrieden und verfolgten amüsiert, wie Ray versuchte, den Bissen hinunterzuwürgen.

Das wird ihn von seiner Nervosität ablenken, dachte Tom.

Der alte Scheißkerl kann einen zur Raserei bringen, dachte Ray.

»Okay«, brachte er schließlich heraus und holte tief Luft. »Die gute Nachricht ist, dass die Rechtsmedizin den Fall als vorrangig behandelt und die Obduktion noch heute durchgeführt wird. Nach der äußeren Leichenschau wird vermutet, dass das Opfer Mitte bis Ende siebzig ist. Die sechs Stichwunden, die dem Opfer zugefügt wurden, könnten von einem normalen Küchenmesser stammen. Das ist aber noch nicht bestätigt. Dieselbe Waffe wurde vermutlich benutzt, um der Frau die Zunge herauszuschneiden. Zu dem Zeitpunkt lebte sie noch, aber wir nehmen an, dass sie bereits tot war, als ihr die Buchstaben in die Brust geritzt wurden und sie gekreuzigt wurde.«

Die Mordermittler, die am Morgen nicht am Fundort gewesen waren, schnappten nach Luft, als sie von der herausgeschnittenen Zunge erfuhren, und sahen zu den Aufnahmen an der Wand, um eine visuelle Bestätigung für diese grässliche Tat zu finden. Diejenigen, die einen weniger starken Magen besaßen, legten diskret ihre Sandwiches auf die Pappteller zurück.

Ray räusperte sich erneut. »Geschätzter Todeszeitpunkt ist gestern, Donnerstagvormittag, gegen elf. Bislang wurden noch keine DNA-Spuren des Täters an der Leiche gefunden. Es gibt keine abgebrochenen Fingernägel, nichts, was darauf hindeuten würde, dass sie sich gewehrt hat. Dazu gleich mehr. Die KTU hat am Fundort reichlich Material gesammelt, es ist aber nicht sicher, ob irgendetwas davon relevant sein wird.«

Ray blickte auf seine Notizen. »Der Rechtsmediziner meint, es sähe nach einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf aus. Es wurden keine Fasern in der Kopfwunde gefunden, also vermutet er irgendeine Art Gerät oder Werkzeug aus Metall, vielleicht aus Aluminium.«

Es gab ein kollektives Zusammenzucken, als alle sich das hässliche Geräusch ausmalten, das es gegeben haben musste, als die Waffe auf den Schädel der alten Frau traf.

»Der Täter ist da ein Risiko eingegangen, denn ein kräftigerer Schlag hätte innere Blutungen ausgelöst und den Tod verursachen können. Die Rechtsmedizin hat Fesselspuren an Armen und Beinen gefunden, was darauf hinweist, dass die Frau irgendwann mit einem Strick gefesselt war, vielleicht an einen Stuhl. Wenn sie erst danach das Bewusstsein wiedererlangt hat, könnte das das Fehlen von Abwehrverletzungen erklären. Es wurden auch ein paar Schnittwunden an ihrer rechten Hand entdeckt, verursacht durch Glasscherben.«

Ray wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bei einem Zehn-Kilometer-Lauf geriet er kaum ins Schwitzen, aber vor Publikum sprechen zu müssen, war für ihn eine ungeheure Belastung.

»Es ist noch unklar, wann genau sie in den Park gebracht wurde. Das kalte Wetter erschwert die Berechnungen. Offensichtlich war sie jedoch die ganze Nacht dort. Die Rechtsmedizin geht davon aus, dass sie am Donnerstagabend dorthin geschafft wurde.

Wie Sie wissen, spekulieren Rechtsmediziner nicht gern, aber unserer wagt die Vermutung, dass die erste Stichwunde, die ins Herz ging, vielleicht in Verbindung mit der Verstümmelung der Zunge, einen Herzinfarkt ausgelöst hat. Das war vermutlich die Todesursache, aber mit Sicherheit kann er das erst sagen, wenn er die Obduktion durchgeführt hat.«

Alle schwiegen.

Ray nickte Tom zu, der sich erhob.

»Okay, Leute. Das ist unser Problem. Wir wissen nicht, wer sie ist, warum sie ermordet wurde, wo sie ermordet wurde oder von wem. Wir wissen also im Grunde gar nichts.

Wichtig ist jetzt vor allem, die Identität des Opfers festzustellen. Heute Nachmittag wird es eine Pressekonferenz geben, bei der wir einen Zeugenaufruf starten. Die Leiche wurde in den Phoenix Park geschafft; es muss jemanden geben, der etwas gesehen hat. Und ich will diesen anonymen Anrufer haben –«

»Sir, was hat die eingeritzte Botschaft zu bedeuten?«, warf Michael ein.

»Es gibt ganz klar einen religiösen Bezug, allein schon wegen der Kreuzigung«, meinte Laura.

»Vielleicht ist irgendeine Art Satanismus im Spiel?«, spekulierte Ian. »Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass so etwas in Irland schon mal vorgekommen wäre. Verwenden Satanisten nicht ein umgedrehtes Kruzifix?« Ian neigte leicht den Kopf nach links, um das Foto der Toten zu betrachten, als stelle er sie sich verkehrt herum vor.

Laura starrte ihn entsetzt an.

»Warum wurde sie in den Park gebracht?«, fragte Bridget, die einzige Frau unter den übrigen Ermittlern. »Dieser bewaldete Bereich liegt etwas abseits vom Schuss, aber zugänglich ist die Stelle trotzdem. Er hätte sie auch in die Dublin Mountains hinaufschaffen können, dann wäre sie vermutlich nie gefunden worden.«

»Er wollte, dass sie gefunden wird«, antwortete Tom. »Uns wurde mitgeteilt, dass dieser Bereich ein beliebter Aufenthaltsort von Strichern ist, also ist er zwar abgeschieden, aber nicht einsam. Wer immer das Opfer dort aufgehängt hat, muss schnell gearbeitet haben, aber das Risiko, erwischt zu werden, bestand trotzdem. Ich frage mich, warum die Zunge? Was will uns der Mörder damit mitteilen – dass er sie für immer zum Schweigen gebracht hat? Dass sie eine Lügnerin war?«

»Muss es denn einen Grund für Folter geben?«, fragte Michael. »Vielleicht hat er ihr die Zunge herausgeschnitten, um sie am Schreien zu hindern.«

Tom schüttelte den Kopf, unfähig, sich diese grausame Tat so rational zu erklären.

Der Inspektor beendete die Lagebesprechung, indem er die Aufgaben im Team verteilte. Während die Detectives den Raum verließen, wandte er sich an Ray.

»Wann hat es gestern angefangen zu regnen?«

»Gegen drei. Dann hörte es nicht wieder auf. Ich weiß es, ich war draußen im Regen und bin gelaufen.«

Tom seufzte. Wenn es geregnet hatte, war der Park am Donnerstagabend vermutlich verlassen gewesen, insbesondere abseits der Straßen.

»Bereiten wir ein Phantombild vor, falls niemand sie als vermisst gemeldet hat«, sagte er.

»Ich nehme an, es ist an uns beiden, die Familie zu benachrichtigen?«

»Ja. Wenn wir eine Familie finden können.« Tom schnitt eine Grimasse. Was war wohl schlimmer, überlegte er. Es den Angehörigen zu sagen oder festzustellen, dass es keine mehr gab?

6

Tom blickte auf die Nummer und die Anschrift, die er sich notiert hatte. »Sind Sie sicher? Der anonyme Anrufer hat von seinem Festnetzanschluss aus angerufen?«

»Natürlich sind wir sicher. Jeder hätte das zurückverfolgen können. Das haben wir auch schon Ihrem Detective gesagt.« Gemeint war eigentlich, verschwenden Sie nicht unsere Zeit mit solchen simplen Telefondaten-Abfragen.

»Danke«, sagte Tom knapp und hoffte, dass der Spezialist von der IT-Abteilung zu Laura nicht ebenso grob gewesen war.

Ungläubig betrachtete er die Nummer. Was war das für ein Genie, das einen anonymen Anruf vom eigenen Festnetzanschluss tätigte?

Gerade als er einen Wagen losschicken wollte, um Gerard Poots abzuholen – den jetzt nicht mehr unbekannten Anrufer –, klingelte sein Telefon. Das Display zeigte eine interne Nummer an.

»Ja«, meldete er sich.

»Sir, wir haben hier einen Mann namens Gerard Poots unten am Empfang. Er sagt, er hätte den Mord im Park gemeldet.«

Tom lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Eigenartig. Dass er sich von allen Garda-Wachen ausgerechnet diese ausgesucht hatte …

»Führen Sie ihn in einen Vernehmungsraum und schicken Sie die Detectives Brennan und Geoghegan zu ihm.«

Er schaute auf die Uhr. Es war acht Uhr abends, und er wollte nach Hause. Er hatte es noch nie erlebt, dass ein Fall schon am ersten Tag aufgeklärt worden war, es sei denn, der Täter gestand sofort. Die Pressekonferenz war gut besucht gewesen, und alle Medien, die sie brauchten, brachten die Story. Die grausigen Details des Mordes hatten sie zurückgehalten und lediglich Informationen über die äußere Erscheinung der Frau und den Fundort freigegeben.

Das sollte eigentlich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden zu einer Identifizierung führen. Hoffte er. Die Anfrage bei der Vermisstenstelle hatte nichts erbracht.

Er wollte gerade nach dem Telefon greifen, um Ray anzurufen, als die Tür aufging.

Ray schlenderte herein und schwenkte sein Handy. »Sie haben angerufen?«

»Also, das ist die prompte Reaktion, die ich bei meinen Untergebenen gern sehe.«

Ray verdrehte die Augen. »Der Anrufer ist unten.«

»Ich weiß, und ich weiß sogar, wo er wohnt.«

»Wirklich? Und dabei ist er noch nicht mal zur Sache vernommen worden. Sie sind gut.«

»Ich habe Laura und Michael hingeschickt. Sie sollen ihn mal unter die Lupe nehmen, bevor wir ihm mit den hohen Tieren Angst machen.« Humoristisch ließ er seinen Bizeps spielen. Die Muskeln, die er durch jahrelanges Schwimmen und Laufen aufgebaut hatte, waren noch nicht völlig weg, aber er saß mit einem Mann in der Blüte seiner Jahre zusammen, der auch noch jeden Tag trainierte. Er seufzte und murmelte: »Ein alter Mann ist ein erbärmlich Ding, zerriss’ner Mantel auf den Stock gehängt.«

Ray trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch und hob die Augenbrauen.

»Haben Sie vergessen, Ihre Medikamente zu nehmen?«

»Das war William Butler Yeats, Sie Banause«, konterte Tom.

*

Zwanzig Minuten später kamen Laura und Michael kopfschüttelnd in Toms Büro.

»Er ist noch unten, Ian nimmt gerade seine Aussage auf«, berichtete Michael. »Er hat alles ausgekotzt und uns alle seine Probleme erzählt, sobald wir zur Tür hereinkamen. Er ist Anwalt und verheiratet, und gegen Mitternacht hat er im Park einen Stricher aufgelesen. Kein angenehmer Zeitgenosse, aber wenn er der Täter ist, wird er garantiert nächstes Jahr für einen Oscar nominiert. Er sagt, er stand unter Schock, als er uns gestern Nacht anrief – er hatte Angst, seine Frau könnte herausfinden, was er so treibt. Er deutete an, er sei derjenige, der ausgenutzt wird.

Jedenfalls: Sie haben nichts gehört und nichts gesehen, aber irgendwann …« Michael hustete. »Irgendwann hatte er das Gefühl, dass jemand sie beobachtete, was in diesen Kreisen offenbar nicht unüblich ist, also hat er sein Handy genommen und damit die Senke ausgeleuchtet. Dabei entdeckten sie die Tote. Beide ergriffen panisch die Flucht. Er kennt den Namen des Jungen nicht, aber die Sitte wird ihn schon aufspüren. Wahrscheinlich erzählt er gerade allen seinen Kumpels, was passiert ist. Wir lassen eine DNA-Probe von Poots nehmen.«

»Ich finde, wir sollten ihn verhaften, weil er zu minderjährigen Strichern geht. Ich habe diese Kids gesehen«, sagte Ray. »Bemitleidenswert.«

»Ich weiß«, antwortete Tom, »aber stellen Sie sich nur vor, welche Wirkung das auf andere potenzielle Zeugen haben würde. Ein Bürger geht zur Polizei, um zu helfen, und wird wegen Verstoßes gegen das Prostituiertenschutzgesetz festgenommen. Leute, die mit ihrem Hund unterwegs waren, werden überlegen, ob sie auch dessen Hinterlassenschaften entsorgt haben, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was sie gesehen haben.«

»Na gut«, sagte Ray. »Sind wir für heute fertig?«

»Ja. Lagebesprechung morgen früh um acht. Warten wir ab, was wir dann haben. Ich hoffe, niemand hatte Pläne für das Wochenende.«

Tom schaffte es, das Gebäude zu verlassen, ohne jemandem zu begegnen, der ihn aufgehalten hätte. Das war einer der Vorteile, in einer Vorortwache zu arbeiten. Wenn Sean McGuinness ihn dabei ertappt hätte, wie er um diese Zeit nach Hause ging, hätte er ihn beschuldigt, den halben Tag blauzumachen.

Er ging zur nächsten Bushaltestelle. Der Bus in Richtung Innenstadt würde ihn so dicht an seinem Haus in der Blackhorse Avenue absetzen, dass er den Rest zu Fuß gehen konnte. Natürlich hätte ihn auch jemand nach Hause fahren können, aber er brauchte ein wenig Zeit für sich.

Er saß frierend da und wartete geduldig auf den verspäteten Nachtbus, während das Duett aus Bizets Oper Die Perlenfischer aus seinen Kopfhörern dröhnte.

Das vertraute Musikstück wurde brutal durch Toms Klingelton unterbrochen.

Ian Kelly war dran.

»Ich bin gerade raus«, sagte er. »Was ist passiert?«

Ian zögerte kurz, bevor er sprach. Tom spürte, dass etwas ihn aus der Fassung gebracht hatte.

»Die Tote ist identifiziert. Zumindest nehmen wir das an. Ich hoffe, Sie sitzen gerade. Sie werden es nicht glauben.«

»Nun? Wer ist sie?«

Ian holte tief Luft. »Sie ist eine Nonne, Tom.«

Das Blut wich ihm aus dem Gesicht.

»Oh mein Gott«, flüsterte er.

»Ich glaube nicht, dass Gott irgendwas damit zu tun hatte. Morgen kommt eine andere Nonne aus Limerick, um sie zu identifizieren. Ihren Angaben nach wird Mutter Attracta – so heißt das Opfer übrigens, sie ist die Mutter Oberin – seit vorgestern vermisst, und sie entspricht der Beschreibung, die in der Presse veröffentlicht wurde.«

»Limerick? Ist das nicht ein bisschen weit, geografisch gesehen?«

»Eine zweistündige Fahrt, wenn man das Gaspedal durchdrückt, was man vermutlich tun würde, wenn man eine Leiche im Kofferraum hat.«

»Also, wenn ich eine Leiche im Kofferraum hätte, würde ich es nicht riskieren wollen, wegen Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten zu werden. Himmel, Ian, was reden wir denn da?«

»Tut mir leid.«

Tom erwog den Gedanken. Konnte eine vermisste Nonne aus Limerick die Tote sein, die in Dublin aufgefunden worden war?

»Tom? Wissen Sie, ich hatte schon so das Gefühl, dass sie eine Nonne sein könnte.«

Es war doch wunderbar, wie klug man im Nachhinein immer war.

»Wir hatten ja schon überlegt, ob es eine religiöse Dimension geben könnte. Hat es der Täter vielleicht auf die katholische Kirche abgesehen?«, überlegte Tom laut.

»In letzter Zeit wurde in den Medien viel über Missbrauchsfälle in der Kirche berichtet. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass es dabei hauptsächlich um Priester ging.«

»Hauptsächlich, ja. Warum habe ich bloß das Gefühl, als würden wir da ein ganz heißes Eisen anfassen?«

»Weil es so ist. Sie treffen sich morgen früh um zehn an der Store Street Station neben dem Leichenschauhaus mit Schwester Concepta. Ich rufe Ray an.«

Tom legte auf, als er seinen Bus um die Ecke biegen sah. Gefolgt von einem zweiten Bus mit derselben Liniennummer.

Ganz toll!

Der Inspector ging raschen Schrittes an der Granitmauer entlang, die den Phoenix Park umgab. Er wohnte seit zwanzig Jahren direkt gegenüber dieser Mauer. Der große Stadtpark war ein schönes Erholungsgebiet für alle Bewohner der Stadt, besonders aber für die Anwohner. Und jetzt war eine ermordete Frau dort auf grässliche Weise zur Schau gestellt worden, eine weitere düstere Anekdote, die die Geschichte des Parks befleckte.

Tom war alt genug, um sich lebhaft an den Mord an Bridie Gargan erinnern zu können. 1982 hatte sich die junge Krankenschwester mitten am Tag im Park gesonnt, als der unzurechnungsfähige Playboy Malcolm MacArthur sie bei dem Versuch, ihr Auto zu stehlen, das er als Fluchtwagen brauchte, mit einem Hammer totschlug.

Der heutige Leichenfund jedoch war eindeutig eine Kategorie für sich.

Im Flur zog er die Schuhe aus, lockerte seine Krawatte und fragte sich, warum es im Haus so still war. Als er einen Blick ins Wohnzimmer warf, entdeckte er den ungeschmückten Weihnachtsbaum. Er hatte den Duft gerochen, noch bevor er den Baum sah.

Louise und Maria hockten am Küchentisch in der Mitte des großen Essbereichs und berieten sich. Ihre Körpersprache machte ihn nervös. Maria war sichtlich verstört.

Louise schoss hoch, als sie ihn entdeckte. Seine Tochter stöhnte nur und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Tom, du kommst ja früh nach Hause.« Die Stimme seiner Frau klang schuldbewusst.

Er warf einen Blick auf die Uhr und überlegte, ob es zu spät war, umzukehren und noch irgendwo ein Bier zu trinken.

»Auch nicht früher als sonst.« Er warf einen fragenden Blick auf Maria.

Louise sank auf den Stuhl zurück, das schöne Gesicht von Sorge gezeichnet. »Sie hatte eigentlich vor, es dir heute Abend zu sagen, aber nach dem, was passiert ist –«

»Was ist los?« Tom war plötzlich hellwach.

Wenn es nötig war, war er sehr gut darin, die Arbeit auszublenden. Die Familie ging vor, egal, was sonst noch anlag.

Er zog sich einen Stuhl heraus und setzte sich neben seine Tochter.

Maria saß über den Tisch gebeugt da, das Gesicht in den verschränkten Armen vergraben, sodass man nur ihre kastanienbraune Mähne sah. In dieser Haltung hätte man sie mit einer Zehnjährigen verwechseln können.

Sanft legte Tom ihr die Hand auf den Ellenbogen.

»Du musst es ihm sagen«, drängte Louise.

Maria murmelte etwas, das er allerdings nicht verstand.

»Was?«, fragte Tom.

»Nun hör ihr doch einfach mal zu«, warf Louise ein.

»Ich höre ihr zu. Sie hat irgendwas gesagt, was ich nicht verstanden habe.«

»Es ist mir peinlich, ich sagte, es ist mir peinlich!«

Die Stimme drang lauter hinter dem Haarvorhang hervor.

Also, es war schwer zu verstehen, was das Mädchen sagte, wenn es so in den Tisch murmelte, dachte er.

»Was gibt es denn?«, fragte er und fügte gedanklich ein »jetzt schon wieder« hinzu.

Sie stöhnte wieder.

Er holte tief Luft und versuchte, ganz ruhig zu bleiben.

»Es tut mir leid, dass du so durcheinander bist, Maria. Ich will nur wissen, was los ist, damit ich dir helfen kann. Ich bin für dich da. Steckst du in Schwierigkeiten? Ist es die Uni?«

Maria sah ihre Mutter an, und irgendeine stumme Verständigung fand zwischen den beiden statt. Als Folge davon setzte seine Tochter sich auf und fasste sich wieder. Sie wischte sich die Tränen ab und stieß einen lauten Seufzer aus.

Dann ließ sie die Bombe platzen.

»Ich weiß, es wird ein Schock für dich sein, Papa, aber ich bin nicht die Erste, und ich werde nicht die Letzte sein. Ich bin schwanger …«

7

Mit achtundzwanzig wohnte Laura Brennan immer noch bei ihrer Familie, was sie als ewige Schande betrachtete.

Bis vor wenigen Jahren hatten sie in Kerry gelebt. Aber die Rezession hatte das County hart getroffen, und im Südwesten wurden die Arbeitsplätze rar. Zwar tat Laura sich bei der Polizei hervor, doch ihre Eltern hatten angefangen, sich über die Berufsaussichten der übrigen vier Kinder Sorgen zu machen.

Laura konnte das gut verstehen. Die meisten ihrer Schulfreunde waren bereits ausgewandert, und sie fürchtete, ihre jüngeren Geschwister könnten es ihnen gleichtun.

Dann war die Mutter ihres Vaters gestorben und hatte ihrem einzigen Sohn ihr Haus in Dublin hinterlassen. Lauras Vater, der auch bei der Polizei war und kurz vor der Pensionierung stand, fand einen Schreibtischjob in Dublin, kurz bevor Laura die Beförderung zur Kriminalpolizei angeboten bekam, ebenfalls in der Hauptstadt. Obwohl auch Dublin unter der Wirtschaftskrise zu leiden hatte, gab es hier wesentlich mehr Arbeitsmöglichkeiten für Lauras Geschwister, auch wenn der Umzug schmerzlich gewesen war – besonders für ihre Mutter, die in Kerry geboren und aufgewachsen war.

Müde wickelte Laura ihren Schal ab und legte ihn auf die vielen Mäntel, die über dem Treppengeländer hingen.

Ihr Bruder Daithí, sechzehn und eins der Zwillingskinder der Familie, kam die Treppe heruntergedonnert, eine Schale Weintrauben in der Hand. Auf der letzten Stufe blieb er stehen und wippte auf den Zehen.

»Also, diese alte Frau im Park – war es blutrünstig? Was hat man mit ihr gemacht? Wurde sie abgeschlachtet?«

Laura gab einen angewiderten Laut von sich. »Daithí, du bist wirklich ein kleiner Freak.«

Er schob sich eine Weintraube in den Mund und grinste kauend. »Igitt! Da sind Kerne drin. Echt, warum kauft man Weintrauben mit Kernen drin? Mam wird langsam Lady Gaga.«

Lauras anderer Bruder, Donncha, tauchte aus dem Wohnzimmer auf, und sie fand sich zwischen den beiden gefangen.

»Jemand hat sich die Zeit genommen und herausgefunden, wie man Trauben ohne Kerne züchtet«, sagte Donncha und fixierte seinen jüngeren Bruder. »Wenn man doch nur dasselbe mit Idioten machen könnte. Sie daran hindern könnte, sich zu vermehren.«

»Ich hoffe, du meinst damit nicht mich!« Daithí war empört.

Laura lachte.

Donncha war der Zweitälteste. Anfangs, als sie vier war und ihre Mutter den kleinen Eindringling aus der Klinik mit nach Hause brachte, war es turbulent zugegangen, doch dann wurden sie beste Freunde. Sie mussten sich gegen die drei verbünden, die nach ihnen kamen.

»Ich würde gern ein Bad nehmen und mich entspannen«, stöhnte sie. »Können die Kinder nicht ins Bett gebracht werden?«

Donncha lachte. »Da wirst du kein Glück haben. Mam hat dir übrigens einen Teller warm gehalten – Fleisch und zwei Gemüsesorten.«

»Was sonst? Wenn sie ein Curry gemacht hätte, würde ich vor Schock eingehen.« Sie grinste ihrem Bruder verschwörerisch zu und ging in die Küche, wo ihr Essen auf sie wartete.

In der Ecke saß ihr Vater in seinem erbsengrünen verstellbaren Lehnstuhl. Beim Umzug hatte ihre Mutter freudig die Gelegenheit ergriffen, das anstößige Möbelstück aus dem Wohnzimmer zu verbannen, angeblich aus Platzmangel. Die Farbe Grün hatte nie zu ihren Lieblingsfarben gehört – »Grün in einem Wohnzimmer, damit kann man einfach nicht arbeiten« –, und sie war entschlossen, den Raum nach ihren eigenen Vorlieben zu gestalten.

Der Krieg, der über der Frage entbrannte, ob der Lehnstuhl wegmusste oder bleiben durfte, ließ die Schlacht von Alamo wie ein freundliches Geplänkel aussehen. Ein Kompromiss, mit dem sich beide Seiten schließlich ungnädig einverstanden erklärten, sah vor, dass der Lehnstuhl in die Küche kam – so weit entfernt von der schwarzen Sitzgruppe im Wohnzimmer, wie es ging, ohne auf dem Müll zu landen.

Das Arrangement funktionierte überraschend gut. Ihre Mutter backte gern, und ihr Vater saß gern in der Küche, und die beiden unterhielten sich, während er Zeitung las und sie siebte, rührte und knetete.

»Ah, da bist du ja, Liebes. Setz dich erst mal hin. Himmel, wie lange du immer arbeiten musst.«

Ihre Mutter wuselte um sie herum und führte sie zu ihrem Platz. Sie hatten alle ihre angestammten Plätze; nur jemand, der auf Krawall gebürstet war, würde sich auf den falschen Stuhl setzen.

Lauras Mutter würde nie auf den Gedanken verfallen, dass ein Mensch, der ihre Küche betrat, bereits gegessen haben könnte. Sie gehörte einer Generation an, in der Frauen es als ihre Pflicht betrachteten, jeden zu verköstigen, der über ihre Schwelle trat.

Bei dieser Gelegenheit stellte Laura fest, dass sie tatsächlich am Verhungern war. Die grausige Entdeckung heute Morgen hatte ihren Appetit gedämpft, und sie hatte den ganzen Tag hauptsächlich von Koffein gelebt. Das selbst gekochte Essen ihrer Mutter kam ihr gerade recht: zarte gebratene Hähnchenbrust, butterweicher Kartoffelbrei und glasierte Karotten.

Laura gefiel die Idee, für sich selbst zu kochen. Vielleicht sogar mit so exotischen Zutaten wie Knoblauch oder Ingwer. Aber wenn sie so spät von der Arbeit kam, war es schön, einen Teller mit einer warmen, selbst gekochten Mahlzeit serviert zu bekommen.

Sie goss großzügig Soße über ihr Essen, während ihr Vater sie über den Rand der Zeitung hinweg musterte, die Brille auf die Nasenspitze geschoben.

»Du nimmst doch auch ein bisschen Huhn und Gemüse zur Soße, oder?«

Donncha war ihr in die Küche gefolgt. »Du liebe Zeit, du langst ja ganz schön zu«, bemerkte er, als er sah, wie sie sich das Essen in den Mund schaufelte.

»Einfach furchtbar, was da heute passiert ist.«

Ihre Mutter, die nahtlos von einer hausfraulichen Pflicht zur nächsten übergegangen war, stand jetzt an der Spüle, direkt neben dem brandneuen Geschirrspüler, den Laura ihr zum Umzug gekauft hatte, und wusch ab.

»Also, Kaye«, mahnte ihr Vater.

»Ich mein ja nur, Jim. Ich frage nicht nach einem detaillierten Bericht. Schreckliche Sache, wenn eine alte Frau nicht einmal …« Kaye hielt inne, um zu überlegen, was die Frau im Park getan haben mochte, bevor sie umgebracht wurde. »– einen Spaziergang machen kann …« Sie hörte kurz mit dem Geschirrspülen auf und betrachtete ihr Spiegelbild im Küchenfenster. »Wir müssen bald den Weihnachtsbaum besorgen.«

Niemand erwartete von Laura, das sie über das sprach, was sie bei der Arbeit erlebte. Jim war sein Leben lang bei der Polizei gewesen; sie wussten, wie der Hase lief. Aber manchmal wünschte sie, sie könnte nach Hause kommen und zu ihrem Freund oder einer besten Freundin sagen: »Ich hatte einen furchtbaren Tag«, ohne sich eine Lektion über professionelles Verhalten einzuhandeln.

Sie spürte ihr Handy in der Hosentasche brummen und verfluchte sich, weil sie vergessen hatte, das verdammte Ding auszuschalten.

Sie angelte es diskret hervor und sah Bridgets Nummer auf dem Display. In ihrem Berufsumfeld gab es nicht viele Frauen, und Laura war froh gewesen, als sie bei der Kripo auf eine junge Kollegin traf. Ihrer Erfahrung nach gab es im Berufsleben ein paar Frauen, die gern die Leiter hinter sich hochzogen, nachdem sie sie erklommen hatten.

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