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Tschö mit Ö

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autoren
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Vorwort
  9. I. Die Ausschweifenden
    1. Vor den Kopf gestoßen
    2. Die Bestattungspumpe
    3. Schwer ums Herz
    4. Das unendliche Sichaustrecken des Apostels
    5. Im Eifer des Gefechts dahingerafft. Drei wollüstige Fälle
  10. II. Die Neugierigen
    1. Der konservierte Naturforscher
    2. Das Gewicht des Wissens
    3. Auf (Leichen-)Tuchfühlung
    4. Tödliche Ordnungsliebe
    5. Unter Strom
    6. Kopflos ins Grab
    7. Der wacklige Talmud
    8. Gleitflug in den Tod
    9. Der fliegende Schneider
    10. Der Saft, der Leiden schafft
    11. Strahlend intelligent
    12. Was ihn nicht tötet …
    13. Im Schatten der Doppelhelix
    14. Vor Neugier gestorben: Fünf neunmalkluge Unglücksraben
  11. III. Die Verfressenen
    1. Tragischer Appetit
    2. Stets zu Diensten
    3. Die Pastete des Atheisten
    4. Ein Männlein steht im Walde
    5. Das Beste zum Schluss
    6. Die wehrhafte Olive
    7. Du bist, was du isst
    8. Das letzte Mahl. Weitere beispielhafte Nahrungsaufnahmen mit Todesfolge
  12. IV. Die Geizigen
    1. Den Mund zu voll genommen
    2. Der arm(selig)e Poet
    3. Aus dem Tritt gekommen
    4. Wer den Pfennig nicht ehrt
  13. V. Die Sensibelchen
    1. Im nächsten Leben
    2. Die falsche Note
    3. Die unscharfe Klinge
    4. Der Schlüssel zum Misserfolg
    5. Falsche Freunde
    6. Simulierter Schwachsinn
    7. Reingewaschen von der Schmach
    8. Der Hauch des Todes
    9. Ein Leichenzug für zwei
    10. Ruhm und Schande
    11. Der verstimmte Bassist
    12. Der Engel mit dem gebrochenen Flügel
    13. Kein Taktgefühl
  14. VI. Die Exponierten
    1. Auf Messers Schneide
    2. Der hingerichtete Vollstrecker
    3. Politischer Schiffbruch
    4. Auf den Kopf gefallen
    5. Tödliches Pflichtbewusstsein
    6. Versehentlich gemeuchelt
    7. Aufgeregt und abgenippelt
    8. Zug um Zug
    9. In cold we trust
    10. Bombenstimmung
    11. Den Kopf in den Wolken
    12. Doppelt hält besser
    13. Ein Minister geht in die Luft
    14. Tödliche Beerdigung
    15. Der Wind der Geschichte
    16. Wozu dient dieser komische rote Knopf?
    17. Schmelzguss ist wie Gulasch: Heiß muss er sein
  15. VII. Die Hyperaktiven
    1. Der Koloss und die Wölfe
    2. Riskante Rüstung
    3. Astreine Beule
    4. Lanzendämmerung
    5. Allegro mortale
    6. Aufs tote Gleis geraten
    7. Herzschlagfinale
    8. Die spinnen, die Ärzte
    9. Lieber Gras rauchen als Heu schnupfen
    10. Wenn alle Stricke reißen
    11. Drei, zwei, eins – tot. Die Fährnisse des Sports
  16. VIII. Die Geruhsamen
    1. Tödliche Erleichterung
    2. Feuer und Flamme
    3. Warum in die Ferne schweifen
    4. Der Zungenbrecher
    5. Zwischen Himmel und Erde
    6. Nur noch ein Viertelstündchen
    7. Wüstenlos
    8. Ich packe meinen Koffer, und ich nehme mit …
    9. Nichts ist sicher
    10. In den elysischen Gefilden
    11. Heldentum und Schraubenzieher
    12. Rechts vor links
    13. Kopflos ins Unglück
    14. Rauchen gefährdet die Gesundheit
  17. IX. Die Snobs
    1. Ran an den Speck
    2. Müßiggang ist aller Laster Anfang
    3. Zum Totlachen
    4. Der unsichtbare Zweite
    5. Über den Durst getrunken
    6. Hochmut kommt vor dem Fall
    7. Eine umwerfende Geschichte
    8. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
    9. Die Kunst des Verreckens
    10. Wer früher stirbt, ist länger tot
    11. Komplizierte Gleichung
    12. Die mörderische Dreschmaschine
    13. Kein Land in Sicht
    14. Brennende Vaterlandsliebe
    15. Die Flügel der Seelenwanderung
    16. Auch Passivrauchen kann tödlich enden
    17. Vom wilden Affen gebissen
    18. Entfesselter Blinddarm
    19. Kleider machen Leute
    20. Tanz mit dem Tod
    21. Im blauen Dunst
    22. Der verkühlte Komiker
    23. Das war ein Schuss! Davon wird man noch reden …
    24. Total stoned
    25. Der Streich des Samurai
    26. Gut geerdet lebt sich’s besser
    27. Finger am Abzug
    28. Monsieur 100 000 Volt
    29. Augen auf im Straßenverkehr
    30. Schluckspecht
    31. Rechts vor links
  18. X. Zu schön, um wahr zu sein
    1. Es steht in den Sternen
    2. Dehnbare Blase
    3. Kopf oder Nase?
    4. Forelle und Schluss
    5. Herzschmerz
    6. Der appetitliche Senator
    7. Die Blonde und der Lastwagen
    8. Brechreizend
    9. Sterbenshunger
    10. Falsch gegürtet
  19. Schlusswort
  20. Register

Über das Buch

Auch berühmte Menschen sind vor dem Sensenmann nicht sicher. Schlimmer noch: Wenn es Könige, Wissenschaftler oder Politiker trifft, wird es besonders kurios. Da findet ein französischer Präsident sein Ende schon mal zwischen den Beinen einer Mätresse. Das Herz eines schwedischen Monarchen macht nach 14 Portionen Nachtisch schlapp. Oder ein überheblicher Dichter wird von herumfliegenden Schildkröten erschlagen. Dieses Buch versammelt hundert absurde Todesfälle von der Antike bis heute: böse, skurril - einfach zum Totlachen!

Über die Autoren

Geschrieben wird die witzige Sammlung von 6 Franzosen: David Alliot, Philippe Charlier, Olivier Chaumelle, Frédéric Chef, Bruno Fuligni und Bruno Léandri. Sie sind allesamt erfahrene Schreiberlinge und entweder Experte für Geschichte, Rechtmedizin, fantastische Figuren, Geheimwissenschaften oder – ein Fach, das es bisher an keiner Uni gibt – Fachmann für die besten Treppenwitze der Geschichte. Das war kurz. Jetzt ein wenig ausführlicher: David Alliot arbeitet in einem Verlag und hat unter anderem Bücher über Voltaire und Louis-Ferdinand Céline geschrieben. Philippe Charlier ist Dozent am rechtsmedizinischen Institut der Université de Paris 5 und interessiert sich vor allem für die Geschichte und den Zustand von Leichen. Olivier Chaumelle ist Produzent beim Radiosender France Culture. Als Liebhaber wunderlicher Personen hat er diesen mehrere Sendungen gewidmet. Der im schönen Reims lebende Frédéric Chef ist unter anderem Verfasser einer historischen Graphic Novel. Bruno Fuligni arbeitet als Geschichtsprofessor an der Science Po und ist Experte für die Geheimnisse französischer und internationaler Politikgeschichte, wozu er schon mehr als 16 Bücher veröffentlicht hat. Bruno Léandri ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Mitautor von Grande Encyclopédie du Dérisoire (Das große Lexikon der Lächerlichkeiten).

David Alliot
Philippe Charlier
Olivier Chaumelle
Frédéric Chef
Bruno Fuligni
Bruno Léandri

Tschö mit Ö

Dumme Todesfälle
aus der Geschichte

Aus dem Französischen von
Ulrike Werner-Richter

Es gibt keinen schönen Tod.

Es gibt Todesarten, die schön zu erzählen sind.
Aber dabei geht es immer um den Tod anderer.

Sacha Guitry

Vorwort

Dies ist ein von Freunden geschriebenes Buch.

Wir, die Autoren, um nicht zu sagen: die Verantwortlichen, pflegen die liebgewordene Angewohnheit, mehrmals im Jahr miteinander zu speisen. Diese meist nicht gerade als Schonkost zu bezeichnenden Völlereien geben uns Gelegenheit, uns gegenseitig Anekdoten zu erzählen, wie wir alle sie lieben: bizarr, komisch, seltsam und jede auf ihre Weise ein Sinnbild ihrer Zeit.

Im Verlauf eines solchen Gelages kam im Frühjahr 2012 die Rede auf wunderliche Todesarten historischer Persönlichkeiten. Wir alle waren mehr oder weniger weinselig – bis auf David Alliot, der nur diese schreckliche süße Limonade trinkt und bereits deutliche Anzeichen eines Zuckerschocks zeigte. Jeder von uns kannte eine kurze witzige Geschichte, die prompt zum Besten gegeben wurde. Die von Aischylos, der von einer den Fängen eines Raubvogels entglittenen Schildkröte erschlagen wurde. Die von Euripides, der angeblich mit dem König von Makedonien auf die Jagd ging und von wilden Hunden zerrissen wurde. Oder die von Sophokles, der, schenkt man einer der um seinen Tod rankenden Legenden Glauben, an einer Traube erstickte. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann schlief dummerweise mit angezündeter Zigarette im Bett ein und erlag Wochen später den Verbrennungen, die sie sich in dieser Nacht zugezogen hatte. Die große Schauspielerin Mademoiselle Mars vergiftete sich mit einer nicht näher bekannten Mischung beim Färben ihrer Haare über die Kopfhaut. Kriegsminister Maurice Berteaux wollte 1911 der Luftfahrt den Rücken stärken und wurde bei einem Flugwettbewerb vom Rotor einer Propellermaschine enthauptet.

Es fielen (außer Köpfen) noch weitere berühmte Namen: Bertrand du Guesclin, Félix Faure, Colonel Fabien, George Patton … Bei der zwanzigsten Geschichte kam uns die Idee, alle wunderlichen Todesarten in einem Buch zusammenzutragen.

Nachdem wir unseren Rausch ausgeschlafen hatten, setzten wir unseren Plan überraschenderweise in die Tat um, was das Merkwürdigste an dieser ganzen Angelegenheit ist. Normalerweise verpuffen derlei (Schnaps-)Ideen nämlich recht schnell im Licht des anbrechenden Tages. Wir aber begannen zu recherchieren, zu rezensieren und zu archivieren – jeder von uns auf seinem Lieblingsgebiet. Wir stellten Geschichten zusammen und tauschten uns mit einer Art schadenfroher Häme aus. Bis zu diesem Zeitpunkt existierte noch kein einziges Buch zu diesem Thema. Stattdessen kursierten im Internet haufenweise dubiose Listen, die gut belegte Fälle mit ziemlich unwahrscheinlichen Legenden in einen Topf warfen. Also durchforsteten wir Nachschlagewerke und Biografien und kontrollierten jede Menge Fakten, bis wir schließlich unsere wunderlichen Todesarten zusammengetragen hatten.

Ist dieses Buch notwendig? Es liest sich zugegebenermaßen manchmal nicht sehr barmherzig, hat aber den Vorteil, uns immer wieder daran zu erinnern, dass die große Weltgeschichte vor allem anderen von menschlichen Wesen, ihren Schwächen und ihrer Zerbrechlichkeit handelt. Auch ein französischer König kann auf der Jagd nach einer Hure den Kopf verlieren, und selbst einem schwedischen Monarchen schlägt es auf den Magen, wenn er vierzehn Mal vom Nachtisch genommen hat.

Die kleinen Anekdoten bringen uns außerdem dazu, über die Zufälligkeit persönlichen und kollektiven Schicksals nachzudenken: Hätte es möglicherweise den Lauf der Welt verändert, wenn all die vorzeitig aus den schwachsinnigsten Gründen Dahingeschiedenen hätten weiterleben dürfen? Das Studium der kleinen Unfälle führt auf natürliche Weise zum genussvollen Nachdenken über alternative Weltgeschichte.

Grundsätzlich ist es so, dass die Leiche eines Helden, seine sterblichen Überreste und sein Grab immer auch ein Politikum darstellen. Dasselbe gilt für den Bericht über sein Ende und ist der Grund dafür, dass viele wunderliche Todesarten von einem Mysterium umgeben sind und manchmal sogar für hitzige Diskussionen sorgen. Um in würdevoller Weise über die letzten Lebensmomente einer bewunderten Persönlichkeit zu berichten, bemüht man sich nach Kräften, einen törichten Unfall tunlichst zu verschleiern – selbst auf die Gefahr hin, dass sich die Geschichte am Ende wie eine absurde Verschwörungstheorie liest. Im Gegensatz dazu ist es natürlich immer tröstlich, einem verhassten Tyrannen, einem brutalen Schuft oder dem bösen Klassenfeind post mortem einen möglichst lächerlichen Abgang zu verschaffen.

Wir widmen dieses Werk all jenen, die Geschichte im Großen und im Kleinen lieben, die eine Anekdote genießen und von Herzen über dumme Missgeschicke lachen können. Schadenfreude ist doch immer noch die schönste Freude.

Oft wird vom Treppenwitz der Weltgeschichte gesprochen: Dieses Buch beweist, dass es ihn tatsächlich gibt.

Die Autoren

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I. Die Ausschweifenden

Ist es ein peinlicher oder ein beneidenswerter Umstand, auf dem Höhepunkt der Lust sein Leben auszuhauchen oder zu sterben, während man einer begehrenswerten Frau hinterherläuft? Angeblich ist dieses Ableben das Schicksal von Glückskindern – etwas, das man sich selbst oder seinen besten Freunden wünscht. Ein schöner Tod, der Legende nach.

Ebenso hedonistisch wie elitär gilt »die letzte Leidenschaft« als eine der seltensten Todesursachen. Wir wissen nur von wenigen historischen Persönlichkeiten, die auf diese Weise zu einem (etwas schlüpfrigen) posthumen Ruhm kamen. Zu unseren Helden zählen ein Monarch, ein französischer Staatspräsident, ein afrikanischer Diktator, ein Schriftsteller, aber auch jede Menge Mitglieder des Klerus, wobei die Formulierung »Mit-Glied« in diesem Zusammenhang eine völlig neue Bedeutung erhält – ebenso wie die Idee der Heiligsprechung …

Vor den Kopf gestoßen

LUDWIG III. VON FRANKREICH (ca. 862-882)

Ludwig III. von Frankreich, ein Ur-Ur-Enkel von Karl dem Großen und ältester Sohn von Ludwig II. (der interessanterweise »der Stammler« genannt wurde), wird nach dem Tod seines Vaters am 11. April 879 zum König gekrönt.

Seine Herrschaft ist kurz und glanzlos. Drei Jahre nach der Thronbesteigung stirbt der junge König, als er sich den Schädel am Sturz einer sehr niedrigen Tür zertrümmert. Der ungeschickte (und offensichtlich auch nicht ganz ausgelastete) Monarch hatte auf dem Rücken eines Pferdes ein Mädchen verfolgt, das sich im Haus seines Vaters in Sicherheit zu bringen versuchte.

Der Schürzenjäger Ludwig III. hinterlässt den Thron seinem Bruder Karlmann. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit der Familie. Der junge König stirbt nur zwei Jahre später, nachdem er bei einer Jagdpartie im Wald von Bézu von einem seiner Getreuen verwundet wurde. Unabsichtlich, immerhin, und weit und breit kein aus- beziehungsweise einladendes Dekolleté in Sicht. Glaubt man der Überlieferung.

Der Fluch des Türsturzes indes verfolgt die französischen Könige auch weiterhin: Sechs Jahrhunderte später beißt König Karl VIII. fast auf dieselbe Weise ins Gras wie Ludwig III. Der Monarch ist zu Fuß im Schloss Amboise unterwegs, und auch er stößt sich den Kopf an einem Türsturz. Er jagte allerdings keinem amourösen Abenteuer hinterher, sondern wollte bloß zum Ballhaus. Angeblich. (D. A.)

Die Bestattungspumpe

FÉLIX FAURE (1841–1899)

Jeder Franzose kennt die wenig erbauliche Geschichte des Präsidenten Félix Faure, der im Élysée-Palast das Zeitliche segnete. Kurz zuvor hatte er Besuch von einer »Bekannten«, die jedoch gleich nach dem überraschenden Ableben des Staatsmannes durch eine Geheimtür in seinen Privaträumen verschwunden sein soll. »Eine simple atheromatöse Arterie, die in einem nicht vom Protokoll vorgesehenen Anfall platzte, nahm uns diesen grandiosen, beinahe königsgleichen, grotesken Menschen«, schreibt der französische Journalist, Politiker und Staatsmann Georges Clemenceau zwei Jahre nach dem Vorfall.

Faure gehört dreimal der Regierung an: 1881 als Unterstaatssekretär, zuständig für den Handel und die Kolonien, von 1885 bis 1887 erneut als Unterstaatssekretär, dieses Mal verantwortlich für die Marine und die Kolonien, und 1894 als Marineminister im letzten Kabinett des linken Präsidenten Jules Ferry. Der in Paris am 31. Januar 1841 geborene Faure ist Sohn eines Möbelfabrikanten. Als gemäßigter Republikaner profiliert er sich als Konsul von Griechenland sowie stellvertretender Bürgermeister und Präsident der Handelskammer. Im Plenarsaal gilt er als Fachmann für Reedereien und koloniale Monopole und wird für seine profunde Kenntnis der Seefahrt und seine geradezu katzenhafte Vorsicht geschätzt.

Das bleibt nicht unbemerkt. Anfang 1895 zwingt der überraschende Rücktritt von Präsident Jean Paul Casimir-Périer die Parlamentarier, sich in Versailles zu versammeln, um einen Nachfolger für die Spitze der Grand Nation zu wählen. Sein sicheres Auftreten und seine weitreichenden Kontakte machen Faure zu einem interessanten Kandidaten für die Gemäßigten. Am 17. Januar 1895 wird er nach einigem Hin und Her im dritten Anlauf zum französischen Staatspräsidenten gewählt.

Von diesem Augenblick an beginnt die Verwandlung des Mannes aus einfachen Verhältnissen. Faure ist ein stattlicher Mann, er liebt den Prunk und strebt eine Aufwertung der Präsidentenfunktion an, die sich zu Beginn der 3. Republik als eher glanzlos darstellt. Er ist es, der die Jagdpartien in Rambouillet zu einem Treffpunkt der Schickeria macht, und er legt Wert darauf, alljährlich das Pferderennen in Auteuil im vierspännigen Landauer zu eröffnen.

Zu allem Überfluss ist Faure ziemlich eitel. Er lässt einen mit Orden geschmückten Präsidentenanzug entwerfen, der wie die Uniform eines Kaisers aussieht und im Ministerrat mit betretenem Schweigen zur Kenntnis genommen wird. Man nennt ihn »den Sonnenpräsidenten« – in Anlehnung an den verschwenderischen Sonnenkönig Ludwig XIV. Der Republikaner, der sich selbst als Monarchen sieht, verheiratet ist und Kinder hat, vertritt die Meinung, dass ihm (wie jedem großen Regenten) alle Frauen der Welt zustehen. Man sagt ihm eine Menge Eroberungen nach.

Auf einer Reise durch die Alpenregion wird ihm die charmante Marguerite Steilheil, genannt »Meg«, vorgestellt. Sie ist die Ehefrau eines Malers, dem es danach nie wieder an offiziellen Aufträgen fehlt – nur leider an einer treuen Ehefrau. Die kleine dralle Brünette ist äußerst intelligent und pfiffig. Und sie zehrt an der Konstitution des Staatschefs, der sie fortan regelmäßig in seinen privaten Räumen empfängt. Am 16. Februar 1899, nachdem er einige Papiere unterzeichnet und anschließend einigermaßen zerstreut den Erzbischof von Paris und den Fürsten von Monaco empfangen hat, trifft der Präsident müde, aber zufrieden seine geliebte Meg im Silbernen Boudoir.

Kurz darauf bemühen sich Faures Kabinettschef und ein Arzt vergeblich, ihn zu reanimieren, während sich Madame Steinheil hurtig durch den Hinterausgang davonmacht. Offiziell erleidet der erste Mann Frankreichs einen Hirnschlag. Eingeweihte aber kennen die Wahrheit und schweigen. Jedenfalls am Anfang.

Knapp zehn Jahre nach Faures Ableben gelangt die Geschichte auf spektakuläre Weise erneut in den Fokus der Öffentlichkeit, als die schöne Meg in einige verbrecherische Aktivitäten verwickelt wird. Man legt ihr den Doppelmord an ihrem Ehemann und ihrer Stiefmutter zur Last.

Eine Mörderin im Élysée-Palast? Da wird ja wohl die Frage gestattet sein, ob Faure wirklich ganz freiwillig das Zeitliche gesegnet hat.

Ein Polizeibericht vom 24. November 1908 nimmt Bezug auf den Flurfunk in der Abgeordnetenkammer. Die ehemalige Mätresse des Präsidenten ist das Tagesgespräch: »Über den wichtigsten Punkt war man sich einig: Félix Faure erlitt einen Herzinfarkt, als er sich einem sehr intimen Zeitvertreib mit Madame Steinheil hingab. Auch über die Natur dieses Zeitvertreibs herrschte Einigkeit. Es wurde berichtet, dass Madame Steinheil, die gern und großzügig Interviews gab, Félix Faure an diesem Tag, ebenso wie schon viele Male zuvor, bewiesen hatte, wie geschickt sie mit ihrer Zunge umzugehen verstand, und dass Félix Faure sie nur zu lang hatte reden lassen.«

Man tauft Meg kurzerhand »die Bestattungspumpe« und beschuldigt sie, Präsident Faure mit ihren lasziven Zärtlichkeiten ermordet zu haben. Es wird von mit Spanischer Fliege, einem starken Aphrodisiakum, versetzten Süßigkeiten gemunkelt und sogar von einer »Blausäurezigarre«, welche die Meuchelmörderin ihrem Präsidenten-Liebhaber geschenkt haben soll. Nun, es ist nicht erst seit Bill Clinton bekannt, dass Zigarren eine politische Karriere im Nullkommanichts in Flammen aufgehen lassen können …

Natürlich sind auch die hinter vorgehaltener Hand getuschelten Vorwürfe zu hören, das Ganze hätte einen politischen Hintergrund. Unter diesen Vorzeichen findet 1909 das Verfahren wegen Doppelmordes gegen Meg Steinheil statt. Der Prozess zieht weite Kreise. Am Ende wird die Femme fatale nicht nur freigesprochen, sondern erweckt auch das Interesse einer ausgesprochen guten Partie. Ein reicher Engländer, den die mysteriöse Schwarze Witwe fasziniert, hält um ihre Hand an. Als Lady Scarlett Abinger verbringt sie ihren Lebensabend in England, wo sie am 18. Juli 1954 mit fünfundachtzig Jahren friedlich stirbt. (B. F.)

Schwer ums Herz

RAYMOND-THÉODORE BARTHELMESS
genannt HENRI CALET (1904–1956)

Raymond Barthelmess wird am 3. März 1904 geboren. Der Werdegang des künftigen Autors hört sich an wie aus einem Roman: Seine Mutter versteckt ihn im besetzten Belgien. Nach seiner Rückkehr nach Paris hält sich der junge Mann mit allerlei kleinen Jobs über Wasser. Er wird Gehilfe eines Gerichtsvollziehers, Vertreter für Rasierseife und Angestellter in einer Apotheke. Schließlich stellt ihn die Gesellschaft Electro Cable ein. Um dem grauen Arbeitsalltag zu entfliehen, wettet Barthelmess gern bei Pferderennen. Die Schulden drücken. In seiner Not fälscht er Unterschriften und plündert den Safe seiner Firma. Als der Betrug und der Diebstahl auffliegen, flieht er unter dem falschen Namen Henri Calet nach Montevideo. Dort gerät er in die Gesellschaft von Außenseitern und professionellen Chaoten, die ihm beim Verjubeln seiner Diebesbeute helfen. 1934 wird er in Frankreich zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt – glücklicherweise ist er aber immer noch in Uruguay und kann deswegen nicht eingebuchtet werden.

Aber die Heimat ruft, und Calet entscheidet sich dazu, wieder nach Hause zurückzukehren, selbst wenn ihn das die Freiheit kostet. Nach seiner heimlichen Rückkehr nach Paris veröffentlicht er unter dem liebgewonnenen Pseudonym 1935 zwei Erzählungen. Beide beschäftigen sich auf sehr zärtliche Weise mit den kleinen Leuten, die der Autor sehr gut kennt. Calet ist nach wie vor auf der Flucht vor dem Kadi und besitzt keine Papiere. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, taucht er unter. Aber er wird dennoch geschnappt und muss immerhin noch sieben lange Monate ins Gefängnis.

Nach der Befreiung Frankreichs wird er rehabilitiert und Kolumnist bei der Zeitung Combat. Er berichtet sowohl über den Alltag auf der Straße als auch über die Welt der Schönen und Reichen. Sein Gefühlsleben allerdings wird immer komplizierter. Er ist mit Marthe verheiratet, hat aber ein Kind mit Antoinette. Finanziell unterstützt wird er vom Verleger Gallimard, der ihn zur Niederschrift des Romans Un grand voyage ermutigt, in dem er seine Abenteuer in Südamerika verarbeitet.

Calet lässt sich von Marthe scheiden und schickt auch Antoinette in die Wüste. 1953 lernt er Christiane kennen und erleidet im Rausch der Gefühle prompt einen Herzinfarkt. Die Ärzte verbieten ihm Rauchen und Trinken – glücklicherweise aber nicht die Frauen und die Arbeit. Calet arbeitet weiterhin als Reporter und durchstreift »seine« Stadt Paris bis zur Erschöpfung. Ein zweiter Infarkt zwingt ihn schließlich in die Knie.

Im April 1956 lässt sich Calet mit seiner Geliebten in Vence nieder, einer französischen Gemeinde in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur im südöstlichsten Zipfel der Republik. Selbst auf ausdrücklichen Rat seines Arztes: Er bringt es nicht fertig, der körperlichen Liebe mit Christiane zu entsagen, was seinem Herzen ganz und gar nicht bekommt. Pascal Pia, französischer Schriftsteller und Journalist, schreibt über Calets letzte Stunden: »An jenem Tag war das Wetter sehr schön. Im Rathaus hatte man bereits geflaggt, am nächsten Tag würde ein Tanztee stattfinden. Calet muss darüber geschmunzelt haben. Wie oft habe ich ihn mit amüsierter Miene über solche Feste für das Volk sprechen hören … Nur wenige Stunden später erlitt er den nächsten Infarkt. Er lag schon im Bett, als er zu röcheln begann. Der Tod kam in den Morgenstunden des Nationalfeiertags: am 14. Juli 1956.«

Schon seit einigen Jahren führte Calet eine Art Tagebuch, in dem er Stoff für einen neuen Roman sammelte. Die letzten Zeilen stammen vom 11. Juli. »Falten wird man nur auf der Haut meines Herzens finden. Ich bin schon ein gutes Stück fort. Abwesend. Tut einfach so, als wäre ich nicht da. Meine Stimme trägt nicht mehr weit. Sterben, ohne zu wissen, was der Tod oder das Leben eigentlich sind. Müssen wir uns schon verabschieden? Schüttelt mich nicht zu sehr. Ich bin voller Tränen.«

In seinem Kalender hat Henri Calet die Daten des Freitags, 13. Juli und Samstags, 14. Juli mit einem dicken roten Strich markiert. Vorahnung oder Zufall? Vielleicht nichts als Aberglaube. (F. Ch.)

Das unendliche Sichaustrecken des Apostels

JEAN DANIÉLOU (1905–1974)

Am Montag, den 20. Mai 1974 verkündet das Erzbistum am Nachmittag seinen Schwestern und Brüdern, Kardinal Daniélou sei mitten auf der Straße durch einen Herzinfarkt dahingerafft worden. Nur wenige Stunden später folgt eine Mitteilung, in der es heißt, der Kardinal sei »bei Freunden« verschieden. Noch etwas später wird folgende berühmte Erklärung abgegeben: »Er ist in der Epektasis des Apostels seinem Herrn und Gott gegenübergetreten.«

Epektasis? Was mag das sein? Eine exotische Krankheit? Eine religiöse Salbungspraktik? Diese Fragen müsste man seiner Eminenz Monsignore Daniélou wohl selbst stellen. Offenbar war es ein Wort, das er gern benutzte. Im Jahr 1972 ehrte ihn seine christliche Anhängerschaft mit einem dicken Wälzer namens Epektasis – Patristische Schriften. Kardinal Jean Daniélou gewidmet. Es handelte sich um eine Sammlung von Texten in Französisch, Latein, Englisch und Deutsch. Das Vorwort dieses unentbehrlichen Werkes liefert uns die Erklärung zu unserer bohrenden Frage: »Epektasis bezeichnet das unendliche Sichausstrecken der Seele zum Guten im Vokabular Gregor von Nyssas.« Der Monsignore hatte offenbar einen gewissen Hang zur sinnlichen Seite der Mystik …

Jean Daniélou ist Dozent für Grammatik. 1929 wird er Novize bei den Jesuiten in Laval, promoviert im Fach Theologie und veröffentlicht im Anschluss viele Schriften über die Geschichte christlicher Ursprünge, die Schriftrollen vom Toten Meer und die Dreifaltigkeit. 1969 wird er Kardinal, drei Jahre später ruft man ihn an die Académie française. Sein ganzes Leben lang erweist er sich als unerschrockener Verkünder der Heiligen Schrift, als tatkräftiger, geradezu ungestümer Apostel, dem das Wort Christi über (fast) alles andere geht. Vor allem das Bild der Maria Magdalena wühlt ihn immer wieder auf – oh, wie schmerzen sie doch, die Verlockungen des Weibes!

Man muss Daniélou zugestehen, dass seine Ansichten über Sexualität weit weniger heuchlerisch sind als die des Großteils seiner Mitbrüder. Ausgerechnet im Jahr 1969 erklärt er: »Sexualität ist ein Geschenk Gottes. Die Vereinigung von Mann und Frau ist ein großer und universeller Akt. Ich persönlich verstehe gut, dass manche Priester empfänglich für Schönheit und Charme einer Frau sind. […] Man erwartet zu viel von den Priestern, die doch auch nur Männer sind.«

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Am Sonntag, den 19. Mai 1974 wird Valery Giscard d’Estaing zum französischen Staatspräsidenten gewählt. Anstatt ruhig vor dem Fernseher zu sitzen, wie man es von ihm erwarten würde, mischt Seine Eminenz bei der großen Parade zugunsten des Heiligen Ivo Hélory von Kermartin in Tréguier mit, eines bretonischen Schutzheiligen. An diesem Tag ist es außergewöhnlich heiß. Daniélou hält sich den ganzen Tag in der prallen Sonne auf. Als er nach Paris zurückkehrt, ist er ein bisschen müde. Sonst nichts.

Am folgenden Tag, einem Montag, ruft die vierundzwanzigjährige Mimi um 15:48 Uhr den Notarzt. Bei ihr in der Rue Delong 56, so gibt sie an, liege Monsignore Daniélou und rühre sich nicht mehr vom Fleck.

Ein Kardinal im Appartement des 17. Arrondissements von Paris, zu Besuch bei einer Frau, die offenbar nur über einen Vornamen verfügt? Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um das verdächtig zu finden.

In der vierten Etage versammeln sich nach und nach und ohne die geringste Ordnung die folgenden Zeitgenossen zum lustigen Stelldichein: ein Brigadier namens Baudet, dem die Ehre zuteilwird, dem Kirchenfürsten eine (nutzlose) Mund-zu-Mund-Beatmung zukommen zu lassen, ein Arzt, der nur noch den Tod des hohen Herrn feststellen kann, eine Kollegin von Mimi, die wie ihre Freundin in der Bar La Douaisienne den Männern einzuheizen pflegt, mehrere Priester, zwei Journalisten (die man aber sehr schnell wieder hinausbefördert) und last, but not least Seine Exzellenz, der päpstliche Botschafter höchstpersönlich. Allerdings tot. Dahingerafft. In der Wohnung einer Hure.

Noch einmal versucht sich das Erzbistum mit einer offiziellen Erklärung zu retten: Daniélou sei bei Mimi gewesen, so die kirchliche Verlautbarung, um ihr Geld zu geben, damit sie den Anwalt ihres korsischen Zuhälters bezahlen könne, der wegen Kuppelei im Gefängnis sitze.

Ein Akt der Nächstenliebe. Soso.

Als die Journaille von der Affäre erfährt, amüsiert sie sich königlich. Dank ihrer selbstlosen Hilfe erfährt das bis dahin eher selten benutzte Wort Epektasis eine bedeutende, wenn auch sehr unchristliche semantische »Ausdehnung«. (O. Ch.)

Im Eifer des Gefechts dahingerafft.
Drei wollüstige Fälle

Es steht in der Bibel: Der assyrische Feldherr HOLOFERNES belagert die Stadt Betulia. Judith, eine fromme jüdische Witwe von erheblichem Reiz, entschließt sich, ihre Gemeinde zu retten. Sie betört Holofernes mit ihrer Schönheit und lässt sich von ihm zu einem romantischen Tête-à-Tête einladen. Bei dieser Gelegenheit macht Judith den gegnerischen Feldherrn betrunken und enthauptet ihn. Eine ganz neue Form des »Nahkampfs« ist geboren.

Nachdenklich macht auch der Tod von PIUS IV. (1499–1565) zur Zeit der Religionskriege. Nachdem er 1559 zum Papst gewählt wurde, soll er in den Armen der römischen Kurtisane Eva Cagliari sein Leben ausgehaucht haben. Das ist gleich in doppelter Hinsicht Hochverrat …

Weitaus näher an unserer Zeit ist General SANI ABACHA (1943–1998), der von 1993 bis zu seinem Tod als Militärdiktator über Nigeria herrschte. Offiziell starb er am 8. Juni 1998 an einem Herzinfarkt. Schenkt man jedoch den Gerüchten Glauben, so ist eher wahrscheinlich, dass er sich zum Zeitpunkt seines Todes mit einem halben Dutzend Luxusprostituierten vergnügte und zu viel Viagra geschluckt haben soll. Anhänger des Generals wiederum verkehrten diese Geschichte seinerzeit geschickt in ihr Gegenteil. Demnach hatte ein politischer Rivale eines der Mädchen gekauft, das dem Diktator eine blaue Pille verabreichte – die jedoch vergiftet war.

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II. Die Neugierigen

Wie heißt es doch so schön? Wissenschaft ohne Gewissen bedeutet den Untergang der Seele. Dass auch Wissenschaft ohne Vorsicht durchaus ziemlich gefährlich werden kann, lernen wir im folgenden Kapitel. Wer weiß schon, dass die sterblichen Überreste von Marie Curie auch heute noch in einem Bleisarg eingeschlossen sind, um die Touristen, die das Panthéon besichtigen, vor radioaktiver Strahlung zu schützen?

Doch auch vor der berühmten Wissenschaftlerin gab es schon eine Vielzahl gelehrter Märtyrer in Bibliotheken, gebildeter Unfallopfer in Laboratorien und akademisch bewanderter Opfer eigener Erfindungen: Sie alle mussten sterben, weil sie zu viel wussten. Oder wissen wollten.

Der konservierte Naturforscher

PLINIUS DER ÄLTERE (23–79)

Plinius, den man den Älteren nennt, um ihn von seinem gleichnamigen Neffen zu unterscheiden, war eine außergewöhnliche Gestalt der Antike und ein Vorzeigewissenschaftler par excellence. Er starb auf eine seinem Ehrgeiz angemessene Weise.

Der hyperaktive Adelige widmete sich im Lauf seines Lebens einem außergewöhnlich ehrgeizigen Projekt: Er machte es sich zur Aufgabe, die wissenschaftlichen, geografischen und historischen Erkenntnisse seiner Zeit in einem umfangreichen Werk zu sammeln, von dem uns unglücklicherweise nur ein einziger Band vollständig erhalten ist. Ursprünglich umfasste die Enzyklopädie siebenunddreißig Teile, auf denen jahrhundertelang die gesamte Kenntnis der Antike fußte. Der Bericht über seinen Tod hat es immerhin über die Zeit geschafft: Plinius der Jüngere, ebenso berühmt wie sein Onkel, hat den Tod des Älteren in einem Brief in allen Einzelheiten geschildert.

Es begab sich um das Jahr 79. Der damals sechsundfünfzigjährige Onkel lebt mit seiner Familie in einem kleinen Ort namens Misenum, der auf einer Landzunge im Westen des Golfs von Neapel liegt. Am Nachmittag des 24. August arbeitet er gerade an einem Manuskript, als ihn seine Schwester auf die Terrasse ruft. Auf der anderen Seite der Bucht erhebt sich eine gigantische »an eine Pinie erinnernde« Rauchwolke in den Himmel. Der Vesuv ist ausgebrochen.

Sofort steht der Entschluss des Wissenschaftlers fest: Dieses Ereignis muss er sich aus der Nähe ansehen. Er schlägt seinem gleichnamigen Neffen vor, ihn zu begleiten, dieser jedoch lehnt höflich ab: Er müsse noch arbeiten. Onkelchen hingegen steigt in eines seiner Schiffe und segelt auf die dunkle Wolke zu. Schon bald trifft er auf massiven Gegenverkehr, denn die in der Bucht vor Anker liegenden Boote der römischen Flotte flüchten hinaus aufs offene Meer. Das jedoch kann Plinius nicht schrecken. Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom! (Wie wahr dieses Sprichwort doch ist, erfahren wir gleich …)

Der Himmel verdunkelt sich. Es regnet Asche und Schlacke. Den Vorschlag des Lotsen, lieber umzukehren, lehnt der gute Mann verächtlich ab. Schließlich will er dieses einmalige Ereignis keinesfalls versäumen. Im Übrigen hat er vor, einen alten Freund zu besuchen, der in Stabiae wohnt, einem Küstenort in der Nähe von Pompeji, und geradezu einen Logenplatz für die Eruptionen des Vulkans bietet.

Plinius geht an Land und reist zum Gut seines Freundes. Der ist eben dabei, sich mit Sack und Pack vom Acker zu machen. Der neugierige Wissenschaftler überzeugt ihn zu bleiben und schlägt ihm vor, zunächst einmal in aller Ruhe zu Abend zu essen und bei einem netten Gläschen Wein gemütlich das Naturschauspiel aus der ersten Reihe zu beobachten. Anschließend würde man schlafen gehen und darauf warten, dass der Wind sich legt, um am nächsten Morgen unbeschadet heimkehren zu können. Ja, richtig gelesen: Der Mann geht schlafen. Und das angesichts des zunehmenden Grollens, der Erdstöße und der brennenden Häuser, die der immer stärker werdende Schlackeregen hier und da entzündet.

Ein paar unruhige Stunden später wird der unverbesserliche Optimist von seinen Leuten geweckt. Inzwischen ist so viel Asche vom Himmel gefallen, dass Plinius sein Zimmer schon fast nicht mehr verlassen kann. An ein Vorwärtskommen außerhalb des schützenden Hauses ist kaum zu denken. Die pyroklastischen Niederschläge sind mittlerweile so stark, dass viele der draußen herumirrenden Menschen schwerste Verletzungen davontragen. Aber Not macht erfinderisch: Die kleine Gruppe um Plinius macht sich mit je »einem von Bändern gehaltenen Kissen auf dem Kopf« auf den Weg zum Ufer. Doch selbst das Meer hat sich (frei nach dem Motto »Rette sich, wer kann!«) weit zurückgezogen. Tja. Kann man nichts machen. Was macht also unser Freund Plinius? Er breitet in einer geschützten Ecke ein Laken aus und legt sich wieder schlafen.

Als er später allerdings wieder aufstehen will, lassen ihn seine Kräfte im Stich. Es scheint, als sei die mit Schwefel und Vulkanasche gesättigte Luft seinen Atemwegen unzuträglich gewesen, schreibt später der Neffe. Zwei Sklaven bemühen sich, den Wissenschaftler zu stützen, doch er bricht zusammen und wird notgedrungen zurückgelassen. Nach dem Ende des Ausbruchs findet man seinen Leichnam an jenem Ort am Strand völlig intakt unter der Asche begraben. Im Gegensatz zu der nahegelegenen Stadt Pompeji wird die Bergung seiner verschütteten Überreste aber kein so großes Spektakel. (B. L.)

Das Gewicht des Wissens

JOHANNES XXI. (ca. 1220–1277)

Johannes XXI. wird im September 1276 auf den Heiligen Stuhl gewählt und ist bislang der einzige portugiesische Papst der Geschichte. Als Pedro Julião wird er 1220 in Lissabon geboren, was die Leute allerdings nicht daran hindert, ihn »Petrus Hispanus« zu nennen. Und nicht nur der Spitzname des Geistlichen, auch die Zählung von Johannes XXI. als einundzwanzigstem Papst dieses Namens ist falsch und geht auf einen mittelalterlichen Fehler zurück: Einen Johannes XX. hat es nie gegeben.

Sei’s drum. Das kurze Pontifikat von Johannes XXI. bietet noch einige weitere historische Besonderheiten. Der Papst zeichnet sich, abgesehen von der Theologie, für sein Interesse an Medizin, Chirurgie und vor allem der Augenheilkunde aus; er hat diese Sachgebiete in Paris studiert und in Siena gelehrt. Doch seine durchaus ehrenwerte Leidenschaft für die Heilkunst erweist sich letztlich als verantwortlich für seinen Tod. Kurz nach seiner Wahl lässt Johannes XXI. in seinem Palast in Viterbo einen Raum für medizinische Forschungen einrichten. Anfang Mai 1277 bricht die Decke dieses Raums ein – vermutlich unter dem Gewicht der vielen Bücher und medizinischen Instrumente, die er dort aufbewahrt – und reißt Seine Heiligkeit mit sich. Am 20. Mai 1277 erliegt Johannes XXI. seinen schweren Verletzungen.

Lesen gefährdet die Dummheit, heißt es immer. Manchmal aber auch das Leben. (D. A.)

Auf (Leichen-)Tuchfühlung

FRANCIS BACON (1561–1626)

Vor dem irischen Maler gleichen Namens gab es bereits einen höchst gelehrten Francis Bacon. Er lebte zu einer Zeit, als Politiker häufig auch Philosophen waren – ein Zustand, von dem wir heute nur noch träumen können …

Baron von Verulam und Viscount von St. Alban, von seinen Freunden aus rein praktischen Gründen aber nur Francis genannt, entwickelt recht früh einen Hang zur Wissenschaft; ein Gebiet, auf dem er seiner unersättlichen Neugierde freien Lauf lassen kann. Und er erweist sich tatsächlich als wahres Genie. Bereits mit zwölf Jahren wird er an der Universität von Cambridge zugelassen.

Auch in der Karriere geht es steil bergauf. An der Seite von Königin Elizabeth I und anschließend König James I. erklimmt er sukzessive die Stufen politischer Macht. 1617 wird er zum Großsiegelbewahrer, ein Jahr später sogar zum Lordkanzler befördert. Sein rasanter Aufstieg jedoch ruft Neider auf den Plan.

Man bezichtigt ihn der Bestechlichkeit und der Homosexualität. Sein Stern sinkt so schnell, wie er am Firmament erschienen ist. In den folgenden Jahren widmet sich Bacon ausschließlich seiner Berufung als Wissenschaftler und Philosoph. Er gilt als so bewandert, dass sich gewisse Kreise um den Nachweis bemühen, Shakespeares Werke seien in Wahrheit ihm zuzuschreiben. Man versteigt sich sogar zu der Annahme, es handele sich in Wirklichkeit um ein und dieselbe Person. Die Hypothese wird jedoch schon bald als unbegründet verworfen und seitdem in regelmäßigen Abständen oder anlässlich der zahlreichen Shakespeare-Jubiläen aus den Archiven gezerrt.

Bacon experimentiert gern und lässt es bei seinen Studien manchmal auf gefährliche Versuche ankommen. So interessiert er sich beispielsweise für die Zersetzung und Verwesung von Leichen und für die Möglichkeiten, tote Körper zu konservieren. War es eine Vergiftung mit Schwermetallen, Blei und Arsenoxid, wie man sie zur Einbalsamierung von Leichnamen benutzte, der er zum Opfer fiel? Oder eine Infektion, die er sich beim Kontakt mit Leichengiften zuzog? Man weiß es nicht, aber am 6. April 1626 erkrankt Bacon schwer.

Ihm bleibt die Zeit, sein Dahinscheiden selbst zu dokumentieren – der einzig sinnvolle Zeitvertreib eines sterbenden Naturwissenschaftlers –, und er vergleicht sich dabei mit einem anderen allzu neugierigen Forschergeist, den wir hier bereits kennenlernen durften: »Es war mein Schicksal, so zu enden wie Plinius der Ältere, der starb, weil er sich dem Vesuv zu sehr näherte, um dessen Eruptionen zu beobachten.

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