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Truly Madly Guilty

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Kapitel eins
  9. Kapitel zwei
  10. Kapitel drei
  11. Kapitel vier
  12. Kapitel fünf
  13. Kapitel sechs
  14. Kapitel sieben
  15. Kapitel acht
  16. Kapitel neun
  17. Kapitel zehn
  18. Kapitel elf
  19. Kapitel zwölf
  20. Kapitel dreizehn
  21. Kapitel vierzehn
  22. Kapitel fünfzehn
  23. Kapitel sechzehn
  24. Kapitel siebzehn
  25. Kapitel achtzehn
  26. Kapitel neunzehn
  27. Kapitel zwanzig
  28. Kapitel einundzwanzig
  29. Kapitel zweiundzwanzig
  30. Kapitel dreiundzwanzig
  31. Kapitel vierundzwanzig
  32. Kapitel fünfundzwanzig
  33. Kapitel sechsundzwanzig
  34. Kapitel siebenundzwanzig
  35. Kapitel achtundzwanzig
  36. Kapitel neunundzwanzig
  37. Kapitel dreißig
  38. Kapitel einunddreißig
  39. Kapitel zweiunddreißig
  40. Kapitel dreiunddreißig
  41. Kapitel vierunddreißig
  42. Kapitel fünfunddreißig
  43. Kapitel sechsunddreißig
  44. Kapitel siebenunddreißig
  45. Kapitel achtunddreißig
  46. Kapitel neununddreißig
  47. Kapitel vierzig
  48. Kapitel einundvierzig
  49. Kapitel zweiundvierzig
  50. Kapitel dreiundvierzig
  51. Kapitel vierundvierzig
  52. Kapitel fünfundvierzig
  53. Kapitel sechsundvierzig
  54. Kapitel siebenundvierzig
  55. Kapitel achtundvierzig
  56. Kapitel neunundvierzig
  57. Kapitel fünfzig
  58. Kapitel einundfünfzig
  59. Kapitel zweiundfünfzig
  60. Kapitel dreiundfünfzig
  61. Kapitel vierundfünfzig
  62. Kapitel fünfundfünfzig
  63. Kapitel sechsundfünfzig
  64. Kapitel siebenundfünfzig
  65. Kapitel achtundfünfzig
  66. Kapitel neunundfünfzig
  67. Kapitel sechzig
  68. Kapitel einundsechzig
  69. Kapitel zweiundsechzig
  70. Kapitel dreiundsechzig
  71. Kapitel vierundsechzig
  72. Kapitel fünfundsechzig
  73. Kapitel sechsundsechzig
  74. Kapitel siebenundsechzig
  75. Kapitel achtundsechzig
  76. Kapitel neunundsechzig
  77. Kapitel siebzig
  78. Kapitel einundsiebzig
  79. Kapitel zweiundsiebzig
  80. Kapitel dreiundsiebzig
  81. Kapitel vierundsiebzig
  82. Kapitel fünfundsiebzig
  83. Kapitel sechsundsiebzig
  84. Kapitel siebenundsiebzig
  85. Kapitel achtundsiebzig
  86. Kapitel neunundsiebzig
  87. Kapitel achtzig
  88. Kapitel einundachtzig
  89. Kapitel zweiundachtzig
  90. Kapitel dreiundachtzig
  91. Kapitel vierundachtzig
  92. Kapitel fünfundachtzig
  93. Kapitel sechsundachtzig
  94. Kapitel siebenundachtzig
  95. Kapitel achtundachtzig
  96. Kapitel neunundachtzig
  97. Danksagung
  98. Literaturhinweis

Über das Buch

Erika hatte eine schwere Kindheit und fand in der Familie ihrer Freundin Clementine stets Halt und Geborgenheit. Auch heute ist Clementine ihr Zufluchtsort und hofft in einem delikaten Fall auf Hilfe: Sie und ihr Mann Oliver sind ungewollt kinderlos, und Erika möchte die Freundin um einen mehr als großen Gefallen bitten. Als sie das Thema bei einem gemütlichen Barbecue anspricht, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die in einer Katastrophe münden. Ist ihre Freundschaft stark genug, um diese zu überstehen?

Über die Autorin

Liane Moriarty ist freischaffende Werbetexterin, die für ihre Kampagnen mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Sydney. Für ihren Debütroman »Drei Wünsche frei« erhielt sie den Fred Rush Convocation Prize. Der Roman platzierte sich auf Anhieb in den Top Ten der australischen Bestsellerliste und ist inzwischen in mehreren anderen Ländern erschienen. Auch ihr zweiter Roman »Ein Geschenk des Himmels« wurde ein Bestseller.

LIANE
MORIARTY

TRULY MADLY GUILTY

Jede Familie
hat ihre
Geheimnisse

Roman

Aus dem australischen Englisch von
Sylvia Strasser

 

Für Jaci

 

Musik ist die Stille zwischen den Tönen.

Claude Debussy

Kapitel eins

»Die folgende Geschichte beginnt mit einer Grillparty«, sagte Clementine. Das Mikrofon verstärkte und glättete ihre Stimme und verlieh ihr mehr Autorität. Als wäre sie am Computer bearbeitet worden. »Eine ganz normale Grillparty in einem ganz normalen Garten.«

Na ja, ein ganz normaler Garten war es wohl kaum, dachte Erika. Sie schlug die Beine übereinander, schob den einen Fuß hinter den Knöchel des anderen Beins und schnaubte leise. Kein Mensch käme auf die Idee, Vids Garten als »ganz normal« zu bezeichnen.

Erika saß in der Mitte der letzten Reihe im Veranstaltungssaal unmittelbar vor der gekonnt renovierten Bücherei in einem Vorort fünfundvierzig Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Fünfundvierzig, nicht dreißig Minuten, wie der Angestellte des Taxiunternehmens gesagt hatte, der es doch eigentlich besser hätte wissen müssen.

Es waren ungefähr zwanzig Leute da, aber die Klappstühle hätten auch für vierzig Personen gereicht. Gekommen waren hauptsächlich ältere Menschen mit aufmerksamen, erwartungsvollen Gesichtern. Sie hatten sich vom Regen nicht abhalten lassen (ja, es regnete schon wieder – ob es wohl jemals aufhören würde?). Die intelligenten, informierten Senioren hatten sich an diesem Vormittag eingefunden, um sich auf der Versammlung der Ortsgruppe von Community Matters mit neuen, aufregenden Informationen versorgen zu lassen. »Ich habe heute eine unglaublich interessante Frau reden hören«, wollten sie später ihren Kindern und Enkelkindern erzählen können.

Erika hatte auf der Website der Bücherei die Ankündigung von Clementines Vortrag gelesen. Der Text war kurz und nicht besonders informativ gewesen:

Clementine Hart aus Sydney, Mutter und bekannte Cellistin, spricht über einen »ganz normalen Tag«, wie sie ihre Geschichte nennt.

Clementine eine bekannte Cellistin? Das schien ein bisschen weit hergeholt.

In den fünf Dollar Eintritt waren neben den Vorträgen der beiden Gastredner auch ein köstliches selbst zubereitetes Frühstück sowie die Teilnahme an einer Verlosung enthalten. Der zweite Redner würde über die umstrittene Neugestaltung des hiesigen Schwimmbads sprechen. Erika konnte im Hintergrund das gedämpfte Klappern von Geschirr hören, als die Tische für das Frühstück gedeckt wurden. Sie hielt ihr flattriges Tombola-Los fest im Schoß. Sie hatte keine Lust, es in ihre Handtasche zu stecken und es dann bei Beginn der Verlosung wieder hervorkramen zu müssen. Blau, E 24. Wie ein Gewinn-Los sah es nicht aus.

Die Frau unmittelbar vor Erika hatte ihren grauen Lockenkopf wohlwollend und aufmerksam zur Seite geneigt, allem Anschein nach bereit, Clementine in jedem Punkt zuzustimmen. Das Etikett an ihrer Bluse schaute heraus. Größe 42. Vom Discounter Target. Erika streckte die Hand aus und steckte es in den Kragen zurück.

Die Frau drehte sich zu ihr um.

»Das Etikett«, flüsterte Erika.

Die Frau bedankte sich mit einem Lächeln, und Erika beobachtete, wie ihr Nacken sich zartrosa färbte. Der Mann mittleren Alters neben ihr, vielleicht ihr Sohn, hatte sich einen Strichcode wie auf der Verpackung eines Supermarktprodukts hinten auf den braun gebrannten Hals tätowieren lassen. Sollte das witzig sein? Ironisch? Symbolisch? Erika hätte ihm gern gesagt, dass das idiotisch war und sonst gar nichts.

»Es war ein ganz normaler Sonntagnachmittag«, fuhr Clementine fort.

Eine auffällige Häufung des Wortes »normal«. Es schien, als legte Clementine Wert darauf, sich diesen normalen Menschen aus einem normalen Vorort als eine der Ihren zu präsentieren. Erika stellte sich vor, wie Clementine in ihrem Shabby-Chic-Sandsteinreihenhaus, von wo man einen Blick aufs Meer erhaschen konnte, an dem kleinen Esszimmertisch saß – vielleicht auch an Sams unrestauriertem antiken Schreibtisch – und ihre gemeinschaftsorientierte kleine Rede schrieb. Sie sah Clementine förmlich vor sich, wie sie auf dem Bleistiftende herumkaute, sich die üppige Flut ihrer dunklen Haare über die Schulter drapierte und sie, Rapunzel gleich, mit sinnlicher, leicht selbstgefälliger Geste liebkoste und dabei dachte: ganz normal.

Genau, Clementine, wie willst du es schaffen, dass diese ganz normalen Menschen dich verstehen?

»Es war Anfang Winter, ein kalter, düsterer Tag«, sagte Clementine.

Wie bitte? Erika rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Es war ein wunderschöner Tag gewesen. Ein prachtvoller Tag, wie Vid gesagt hatte.

Oder war es »herrlich« gewesen? Jedenfalls etwas in der Art.

»Es war knackig kalt gewesen«, fuhr Clementine fort und fröstelte theatralisch. Und völlig unnötig, weil es so warm im Saal war, dass ein Mann ein paar Reihen vor Erika offensichtlich eingedöst war. Er saß da mit weit von sich gestreckten Beinen, die Hände bequem über dem Bauch verschränkt und den Kopf in den Nacken gelegt wie auf ein unsichtbares Kissen. Vielleicht war er gar nicht mehr am Leben.

Es mochte kühl gewesen sein am Tag der Grillparty, aber es war definitiv nicht düster gewesen. Augenzeugenberichte waren bekanntlich unzuverlässig, wie Erika wusste. Die Leute dachten nämlich, sie müssten nur die Rückspultaste an dem kleinen Aufnahmegerät in ihrem Kopf drücken. Dabei verhielt es sich ganz anders: Sie schufen sich ihre Erinnerungen selbst. Sie »fabrizierten ihre eigenen Geschichten«. Daher erinnerte sich Clementine an einen kalten, düsteren Tag, wenn sie an die Grillparty zurückdachte. Aber Clementine irrte sich. Erika erinnerte sich (sie erinnerte sich tatsächlich daran, mit dem Fabrizieren einer Geschichte hatte das nicht das Geringste zu tun), wie Vid sich am Morgen jenes Tages in das offene Fenster ihres Autos gebeugt und gesagt hatte: »Ist das nicht ein prachtvoller Tag?«

Genau das waren seine Worte gewesen, das wusste Erika hundertprozentig.

Na ja, vielleicht hatte er auch »herrlicher Tag« gesagt.

Jedenfalls war es ein positiv besetztes Wort gewesen. Da war sie sich ganz sicher.

(Sie wünschte, sie hätte geantwortet: »Ja, Vid, es ist wirklich ein prachtvoller/herrlicher Tag«, und dann das Gaspedal durchgetreten.)

»Ich weiß noch, dass ich meine kleinen Mädchen besonders dick eingepackt habe«, fuhr Clementine fort.

Wahrscheinlich war es in Wahrheit Sam, der die Kinder angezogen hat, dachte Erika.

Clementine räusperte sich und hielt das Rednerpult mit beiden Händen seitlich umklammert. Das Mikrofon war zu hoch für sie eingestellt, sodass es den Anschein hatte, als müsste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um hineinsprechen zu können. Ihr langer, gereckter Hals unterstrich die neue Hagerkeit ihres Gesichts.

Erika überlegte, ob sie sich unauffällig an der Wand entlangdrücken, zum Rednerpult schleichen und das Mikrofon niedriger stellen sollte. Das wäre eine Sache von wenigen Sekunden. Sie stellte sich vor, wie Clementine ihr ein kurzes, dankbares Lächeln zuwerfen und hinterher bei einer Tasse Kaffee sagen würde: »Ein Glück, dass du das Mikrofon verstellt hast. Du hast mir den Tag gerettet!«

Das Dumme war nur, dass Clementine sie eigentlich gar nicht dahaben wollte. Erika war der erschrockene Ausdruck nicht entgangen, der über Clementines Gesicht gehuscht war, als sie gesagt hatte, sie werde zu ihrem Vortrag kommen, auch wenn Clementine sich schnell wieder gefasst und ihr versichert hatte, das sei ja wunderbar, ganz prima, wie reizend. Dann könnten sie anschließend im Gastronomiebereich einen Kaffee zusammen trinken.

»Wir waren kurzfristig eingeladen worden«, fuhr Clementine fort. »Zu der Grillparty. Wir kannten die Gastgeber nicht besonders gut. Sie waren … na ja, sie waren Freunde von Freunden.« Sie blickte auf das Rednerpult, als hätte sie den Faden verloren. Clementine hatte einen kleinen Stapel von Hand beschriebener Karteikarten dabei, jede etwa handtellergroß. Die Karten hatten irgendwie etwas Rührendes, weil sie an die Schulzeit erinnerten, an den kleinen Tipp aus dem Rhetorik-Unterricht. Clementine musste sie mit einer Schere zurechtgeschnitten haben. Die mit dem Perlmuttgriff, die noch von ihrer Großmutter stammte, konnte es allerdings nicht gewesen sein, denn die war verloren gegangen.

Es war seltsam, Clementine ohne ihr Cello vor Publikum auftreten zu sehen. In ihrer Jeans und dem »netten« geblümten Oberteil sah sie sehr konservativ aus. Wie eine Vorstadt-Hausfrau. Jeans waren unvorteilhaft für ihre kurzen Beine, die in den flachen Ballerinas noch kürzer wirkten. Das war einfach so. Sie hatte einen beinah altbackenen Eindruck gemacht, als sie zum Rednerpult gegangen war, auch wenn es illoyal schien, Clementine als »altbacken« zu bezeichnen. Als Cellistin trat sie mit hochgesteckten Haaren und hochhackigen Schuhen und ganz in Schwarz auf. Ihre langen Röcke waren aus fließenden Stoffen und so weit geschnitten, dass sie ihr Cello zwischen die Knie stellen konnte. Der Anblick Clementines, wie sie den Kopf voller Zärtlichkeit und Leidenschaft über ihr Cello beugte, als wollte sie es umarmen, hatte für Erika etwas unglaublich Sinnliches, Exotisches und Fremdartiges. Meist fiel Clementine dabei eine Haarsträhne bis fast auf die Saiten, und sie hielt den einen Arm in jenem sonderbaren, geometrischen Winkel. Selbst nach all den Jahren empfand Erika beim Anblick der musizierenden Clementine unweigerlich ein Gefühl von Verlust, wie eine Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem. Sie war immer davon ausgegangen, dass dieses Gefühl auf etwas Komplizierteres und Spannenderes als Neid zurückzuführen war; schließlich hatte sie ja keinerlei Interesse daran, ein Instrument zu erlernen. Aber vielleicht irrte sie sich. Vielleicht steckte doch Neid dahinter und sonst gar nichts.

Zuzusehen, wie Clementine ihre holprige und zweifellos sinnfreie kleine Rede in diesem überschaubaren Raum mit Blick auf den lauten, betriebsamen Parkplatz des Einkaufszentrums hielt, wohingegen sie sonst in der andächtigen Stille großer, hoher Konzertsäle auftrat, erfüllte Erika mit Genugtuung. Es war die gleiche beschämende Genugtuung, die sie beim Anblick eines in einem Schundblatt abgebildeten Filmstars ohne Make-up empfand: Du bist weiß Gott auch nichts Besonderes.

»Wir waren sechs Erwachsene«, fuhr Clementine fort. Sie räusperte sich, wippte auf die Fersen und wieder vor auf die Ballen. »Sechs Erwachsene und drei Kinder.«

Und ein kläffender Hund, ergänzte Erika in Gedanken. Ein richtiger kleiner Kläffer.

»Wie gesagt, wir kannten unsere Gastgeber im Grunde nicht, aber wir hatten Spaß und amüsierten uns.«

Du hast dich amüsiert, dachte Erika. Du hast deinen Spaß gehabt.

Sie erinnerte sich, wie Clementines glockenhelles Gelächter im Duett mit Vids tiefem, brummelndem Lachen anschwoll und verebbte. Sie sah Gesichter, die plötzlich aus trüben Schatten auftauchten und wieder von ihnen verschluckt wurden, Augen wie schwarze Tümpel, das helle Aufblitzen von Zähnen.

Sie hätten die Außenbeleuchtung in diesem grotesken Garten an jenem Nachmittag viel früher einschalten sollen.

»Ich weiß noch, dass wir Musik hörten«, sagte Clementine. Sie blickte auf das Rednerpult hinunter und hob den Blick dann wieder, ließ ihn in die Ferne schweifen, als hätte sie am Horizont etwas entdeckt. Ihre Augen waren ausdruckslos. Jetzt sah sie nicht mehr wie eine Vorstadt-Hausfrau aus. »Es war Nach einem Traum von Gabriel Fauré.« Natürlich sprach sie den Namen in korrektem Französisch aus. »Ein wunderschönes Stück. Und so voller exquisiter Melancholie.«

Sie verstummte. Spürte sie die leichte Unruhe im Raum, das Unbehagen ihrer Zuhörer? Das war kein Publikum für Begriffe wie »exquisite Melancholie« – das klang viel zu intellektuell, viel zu gekünstelt. Clementine, Schätzchen, wir sind einfache Leute, wir taugen nicht für deine hochgestochenen Anspielungen auf französische Komponisten. Außerdem haben sie an dem Abend auch November Rain von Guns N’ Roses gespielt. Der Song war nicht ganz so intellektuell.

Irgendwie verknüpfte sie November Rain mit Tiffanys Bekenntnis. Oder war der Song vorher gelaufen? Wann genau hatte Tiffany ihr Geheimnis verraten? Als der Nachmittag sich verflüssigt und begonnen hatte, sich langsam aus dem Staub zu machen?

»Wir hatten getrunken«, fuhr Clementine fort. »Aber niemand war betrunken. Höchstens ein klein wenig beschwipst.«

Clementines und Erikas Blicke trafen sich. Es schien, als hätte sie die ganze Zeit gewusst, wo Erika saß, aber jeden Blickkontakt bewusst vermieden. Erika sah ihr fest in die Augen und versuchte zu lächeln, wie es sich für eine Freundin, Clementines engste Freundin, die Patin ihrer Kinder, gehörte. Doch ihr Gesicht war wie versteinert. Gelähmt. Als hätte sie einen Schlaganfall gehabt.

»Es war jedenfalls spät am Nachmittag, es sollte noch einen Nachtisch geben«, sagte Clementine. Als sie ihren Blick von Erika abwandte und auf jemand anders in der ersten Reihe richtete, fühlte sich das verletzend, ja grausam an. »Wir haben alle gelacht. Über irgendetwas. Ich weiß nicht mehr genau, worüber.«

Ein Schwindelgefühl erfasste Erika. Sie bekam Platzangst. Der Raum war unerträglich stickig geworden. Sie musste raus hier.

Es ist wieder so weit, dachte sie. Es geht wieder los. Das war eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Eine Aktivierung ihres sympathischen Nervensystems. Eine Veränderung der Botenstoffe in ihrem Gehirn. Genau das war es. Erklärbar und völlig normal. Ein Kindheitstrauma. Erika hatte alles darüber gelesen. Sie wusste ganz genau, was mit ihr passierte, doch das machte es nicht besser. Ihr Körper ließ sie einfach im Stich: Ihr Herz raste. Ihre Hände zitterten. Sie konnte ihre Kindheit förmlich riechen, sie hatte den Geruch nach Feuchtigkeit und Schimmel und Scham so unglaublich real und durchdringend in der Nase.

»Kämpfen Sie nicht gegen die Panik an. Sie müssen sich ihr stellen. Lassen Sie sich auf ihr treiben, bis es vorbei ist«, hatte ihre Psychologin ihr geraten. Sie war eine außergewöhnliche Ärztin und jeden Cent wert.

Aber wie um Himmels willen sollte man sich in dieser qualvollen Enge treiben lassen, wenn nirgends Platz war, nach keiner Seite, auch nicht nach oben oder nach unten, und wenn man bei jedem einzelnen Schritt spürte, wie das schwammige, verrottende Zeug unter den Füßen nachgab?

Sie stand auf und zupfte an ihrem Rock, der hinten an ihren Schenkeln klebte. Der Typ mit dem Strichcode im Nacken warf ihr einen Blick über die Schulter zu. Der mitfühlende Ausdruck in seinen Augen versetzte ihr einen kleinen Schock. Es war, als blickte sie in die beunruhigend intelligenten Augen eines Affen.

»Entschuldigung«, flüsterte sie. »Ich muss – « Sie tippte mit der Fingerspitze auf ihre Armbanduhr und schob sich dann seitwärts hinter ihm vorbei, darauf bedacht, seinen Hinterkopf nicht mit der Jacke zu streifen.

Erika war schon an der Tür, als sie Clementine sagen hörte: »Ich weiß noch, wie meine Freundin meinen Namen rief. Ganz laut. Ich werde diesen Schrei nie vergessen.«

Erika blieb wie angewurzelt stehen. Clementine musste sich näher ans Mikrofon gebeugt haben, weil ihre Stimme plötzlich durch den ganzen Raum schallte: »Sie schrie: ›Clementine!‹«

Als Musikerin hatte Clementine ein Ohr für Stimmmelodie und Stimmlage und war immer schon eine ausgezeichnete Stimmenimitatorin gewesen. Erika konnte das nackte Entsetzen und die panische Eindringlichkeit aus diesem einen Wort – »Clementine!« – deutlich heraushören.

Sie selbst war die Freundin gewesen, die Clementines Namen gerufen hatte, doch sie konnte sich nicht daran erinnern. Wo diese Erinnerung hätte sein sollen, klaffte eine gähnende weiße Leere. Und wenn sie sich nicht an einen solchen Moment erinnern konnte, dann deutete das auf ein Problem hin, auf eine Anomalie, eine Unstimmigkeit, eine äußerst schwerwiegende Unstimmigkeit. Die Panikattacke erreichte ihren Höhepunkt und riss sie fast von den Füßen. Erika drückte den Türgriff herunter und taumelte in den gnadenlosen Regen hinaus.

Kapitel zwei

»Sie kommen wohl von einer Besprechung, hm?«, fragte der Taxifahrer, der Erika in die Stadt zurückfuhr. Er grinste sie im Rückspiegel leicht herablassend an, als fände er es irgendwie süß, was für Berufe Frauen heutzutage ausübten, in so seriöser Kleidung, als wären sie richtige Geschäftsleute.

»Ja«, antwortete Erika. Sie schüttelte ihren Regenschirm kräftig aus. »Gucken Sie auf die Straße.«

»Jawohl, Ma’am!« Der Taxifahrer salutierte spöttisch, indem er sich mit zwei Fingern an die Stirn tippte.

»Wegen des Regens«, rechtfertigte sich Erika und deutete auf die Windschutzscheibe, auf die es angriffslustig herunterprasselte. »Die Straßen sind rutschig.«

»Hab gerade so einen Hirsch zum Flughafen gefahren«, sagte der Taxifahrer und wechselte die Spur, eine fleischige Hand auf dem Lenkrad, den anderen Arm lässig auf der Rückenlehne des Beifahrersitzes. Erika stellte sich vor, wie ein richtiger Hirsch auf der Rückbank thronte.

»Er meinte, der viele Regen wäre eine Folge des Klimawandels. ›He, Mann‹, sag ich zu ihm, ›das hat nicht das Geringste mit dem Klimawandel zu tun. Das ist La Niña!‹ Sie wissen schon: El Niño und La Niña. Wetterphänomene! Treten seit Jahrtausenden auf.«

»Richtig«, sagte Erika und wünschte, Oliver wäre da, damit er die Unterhaltung für sie führen würde. Warum waren Taxifahrer so erpicht darauf, ihre Fahrgäste zu erziehen?

»Genau. La Niña«, wiederholte der Taxifahrer, wobei er sich an einem mexikanischen Akzent versuchte. Anscheinend machte es ihm Spaß, »La Niña« zu sagen. »Da haben wir wohl einen neuen Rekord aufgestellt, was? Die längste anhaltende Regenperiode in Sydney seit 1932! Wenn das kein Grund zum Feiern ist!«

»Ja«, murmelte Erika. »Wenn das kein Grund zum Feiern ist.« Es war die längste anhaltende Regenperiode seit 1931, sie vergaß nie eine Zahl, aber warum sollte sie den Mann korrigieren? Doch da hörte sie sich schon sagen: »Ich glaube, es war 1931.« Sie konnte nicht anders. Ein Charakterfehler. Das wusste sie selbst.

»1931, sag ich doch«, erwiderte der Taxifahrer. »Davor gab es 1893 vierundzwanzig Regentage hintereinander. Vierundzwanzig Regentage am Stück! Hoffentlich brechen wir diesen Rekord nicht auch noch. Was meinen Sie?«

»Wollen wir es nicht hoffen.« Erika fuhr sich mit dem Finger über die feuchte Stirn. War das Schweiß oder Regen?

Während sie draußen auf der Straße auf das Taxi gewartet hatte, war ihre Panikattacke langsam verebbt. Ihre Atmung hatte sich normalisiert, aber in ihrem Magen rumorte und kollerte es immer noch, und sie fühlte sich so erschöpft und ausgelaugt, als wäre sie einen Marathon gelaufen.

Sie zog ihr Handy hervor und schickte Clementine eine Textnachricht:

Musste leider los, Probleme im Büro. Du warst fantastisch. Werden später reden. E. x

Sie änderte »fantastisch« in »großartig«. »Fantastisch« war übertrieben. Und ungenau. Erika drückte auf Senden.

Es war ein Fehler gewesen, kostbare Arbeitszeit zu opfern, um Clementines Rede zu hören. Erika war nur zu ihrer Unterstützung hingegangen und weil sie ihre eigenen Gefühle hinsichtlich der Ereignisse katalogisieren und ordentlich wegpacken wollte. Ihre Erinnerung an jenen Nachmittag kam ihr wie einer jener alten Filmstreifen vor, aus dem das eine oder andere Bild herausgeschnitten worden war. Es waren im Grunde nicht einmal ganze Bilder, sondern schmale Streifen. Schmale Streifen Zeit. Und diese Streifen wollte sie wieder einfügen, bevor jemand ihr Fehlen bemerkte und sie zugeben musste, dass sie sich nicht an jede Einzelheit jenes Nachmittags erinnern konnte.

Ein Bild tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Sie sah sich selbst im Badezimmerspiegel, während sie mit heftig zitternden Händen versuchte, eine kleine gelbe Tablette an der Bruchkerbe mit dem Daumennagel zu teilen. Erika hatte den Verdacht, dass ihre Erinnerungslücken mit der Tablette zusammenhingen, die sie an jenem Nachmittag genommen hatte. Dabei waren es verschreibungspflichtige Tabletten gewesen. Es war ja nicht so, dass sie eine Partydroge wie Ecstasy eingeworfen hätte.

Bevor sie zu der Grillparty bei ihren Nachbarn gegangen waren, hatte Erika sich irgendwie komisch gefühlt, innerlich unbeteiligt, aber das erklärte die Erinnerungslücken nicht. Hatte sie zu viel getrunken? Ja. Definitiv. Sieh den Tatsachen ins Auge, Erika: Du hast den Alkohol gespürt. Du warst betrunken. Sie konnte kaum glauben, dass dieses Wort auf sie zutraf, und doch schien es der Fall zu sein. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie ohne jeden Zweifel betrunken gewesen. Dann hatte sie vielleicht einen Filmriss gehabt. So wie es Olivers Eltern öfter passierte. »Ganze Jahrzehnte ihres Lebens sind weg, einfach ausgelöscht«, hatte Oliver einmal in Gegenwart der beiden gesagt, und da hatten sie lachend ihre Gläser erhoben und ihm zugeprostet, als hätte er einen guten Witz gemacht.

»Womit verdienen Sie denn Ihre Brötchen, wenn ich fragen darf?«, wollte der Taxifahrer wissen.

»Ich bin Steuerberaterin«, antwortete Erika.

»Im Ernst?« Es klang viel zu interessiert. »So ein Zufall! Gerade hab ich gedacht – «

Erikas Mobiltelefon klingelte, und wie üblich fuhr sie erschrocken zusammen. (»Das ist ein Telefon, Erika«, sagte Oliver immer. »Und ein Telefon klingelt nun mal.«) Sie schaute auf die Nummer. Ihre Mutter. Sie war der letzte Mensch, mit dem sie jetzt reden wollte. Aber andererseits rutschte der Taxifahrer unruhig auf seinem Sitz hin und her, den Blick auf Erika statt auf die Straße gerichtet, und leckte sich förmlich die Lippen in freudiger Erwartung all der kostenlosen Steuertipps, die er zu bekommen hoffte. Taxifahrer schnappen überall etwas auf. Dieser hier würde ihr vermutlich von einem unglaublichen Steuerschlupfloch erzählen, von dem er von einem seiner Stammkunden gehört hatte. So eine Steuerberaterin war Erika nicht. Sie konnte das Wort »Schlupfloch« nicht leiden. Ihre Mutter schien das kleinere Übel zu sein.

»Hallo, Mum.«

»Oh, hallo! Ich hab nicht damit gerechnet, dass du rangehst!« Ihre Mutter klang nervös und gleichzeitig kampflustig. Das verhieß nichts Gutes. »Ich hatte im Geist schon eine Nachricht für deine Mailbox formuliert!«, fügte Sylvia vorwurfsvoll hinzu.

»Tut mir leid, dass ich abgenommen habe«, erwiderte Erika. Und wie leid es ihr tat.

»Das braucht dir doch nicht leidzutun, ich muss mich nur kurz umstellen. Weißt du, was? Ich tue so, als würde ich dir meine Nachricht hinterlassen, und du hörst bloß zu.«

»Na, dann schieß mal los.« Erika schaute hinaus auf die Straße, wo eine Frau im Regen und dem böigen Wind mit ihrem Regenschirm kämpfte. Plötzlich hatte sie es satt. Sie packte den Schirm und stopfte ihn im Gehen wutentbrannt in einen Abfalleimer. Richtig so, dachte Erika, die die Szene amüsiert verfolgt hatte. Weg mit dem blöden Ding. Einfach weg damit.

Die Stimme ihrer Mutter drang lauter an ihr Ohr; anscheinend hielt sie sich das Telefon jetzt näher an den Mund. »Also. Ich wollte so anfangen: ›Erika, Liebes‹, wollte ich sagen, ›Erika, Liebes, ich weiß, du kannst jetzt nicht reden, weil du im Büro bist, und an einem so wunderschönen Tag im Büro sitzen zu müssen, ist wirklich ein Jammer. Wobei es zugegebenermaßen nicht wirklich ein schöner Tag ist, im Gegenteil, es ist ein grässlicher Tag. Aber normalerweise ist es um diese Jahreszeit einfach traumhaft, und jedes Mal, wenn ich morgens einen Blick aus dem Fenster werfe und den blauen Himmel sehe, denke ich: Ach herrje, jetzt muss die arme, arme Erika an diesem herrlichen Tag im Büro sitzen! Das denke ich jedes Mal, doch das ist eben der Preis, den man für seine Karriere bezahlen muss!‹ Du hättest Wildhüterin werden sollen oder irgendwas anderes, wo man draußen an der frischen Luft sein kann. Das mit dem Wildhüter ist mir spontan eingefallen, und ich weiß auch, wieso: Sallys Sohn hat seinen Schulabschluss, und jetzt will er Wildhüter werden. Als Sally mir das erzählt hat, hab ich so bei mir gedacht: Was für ein wunderbarer Beruf, was für eine clevere Idee! Da ist man wenigstens nicht in einem kleinen Kabuff eingesperrt so wie du.«

»Ich bin nicht in einem kleinen Kabuff eingesperrt«, sagte Erika und seufzte. Sie hatte von ihrem Büro aus einen Blick auf den Hafen, und ihre Sekretärin stellte ihr jeden Montagmorgen einen Strauß Blumen hin. Erika liebte ihr Büro. Sie liebte ihre Arbeit.

»Das war Sallys Idee, weißt du? Dass ihr Sohn Wildhüter werden soll. Ganz schön clever, die Frau. Unkonventionell. Sie ist imstande, über den eigenen Tellerrand zu schauen.«

»Sally?«, fragte Erika stirnrunzelnd. »Wer ist Sally?«

»Meine neue Friseurin!«, erwiderte ihre Mutter ungeduldig, als wäre Sally seit Jahren und nicht erst seit ein paar Wochen ein Bestandteil ihres Lebens. Als wäre Sally eine potenzielle Freundin fürs Leben. Ha! Sally würde es nicht anders ergehen als all den anderen wunderbaren Fremden im Leben ihrer Mutter.

»Und was sonst wolltest du mir noch sagen, Mum?«

»Warte mal … Ach so, ja, ich hätte ganz beiläufig, als wäre es mir gerade erst eingefallen, gesagt: ›Ach, übrigens, Schatz!‹«

Erika musste lachen. Ihre Mutter schaffte es immer wieder, sie mit ihrem Charme um den Finger zu wickeln. Jedes Mal, wenn Erika dachte, so, das war’s, Schluss, aus, basta, brachte ihre Mutter sie dazu, sie wieder zu lieben.

Sylvia lachte auch, doch es klang schrill und hysterisch. »Also, was ich sagen wollte: Ach, übrigens, Schatz, hättet ihr nicht Lust, Sonntag zum Essen zu mir zu kommen, du und Oliver?«

»Nein«, antwortete Erika. »Nein.« Sie sog die Luft ein wie durch einen Strohhalm. Ihre Lippen fühlten sich irgendwie gefühllos an. »Nein, danke. Wir kommen am fünfzehnten. Wie abgemacht. Nicht vorher, Mum.«

»Aber Schatz, ich hab gedacht, du bist bestimmt stolz auf mich, weil – «

Erika ließ sie nicht ausreden. »Nein«, sagte sie noch einmal. »Wir können uns woanders treffen. Vielleicht in einem netten Lokal essen gehen. Oder du kommst zu uns. Oliver und ich haben keine Pläne für Sonntag. Es ist mir egal, wo wir hingehen, doch wir kommen auf keinen Fall zu dir.« Sie schwieg einen Augenblick und wiederholte dann lauter und deutlicher, als hätte sie es mit jemandem zu tun, der die englische Sprache nicht besonders gut beherrschte: »Wir kommen auf keinen Fall zu dir.«

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Erst am fünfzehnten«, fuhr Erika fort. »So steht’s in deinem und auch in meinem Terminkalender. Außerdem treffen wir uns Donnerstagabend zum Essen mit Clementines Eltern. Das ist doch auch was, worauf wir uns freuen können!« O ja, das würde garantiert ein Mordsspaß werden!

»Ich hab ein neues Rezept, das ich gern ausprobieren würde. Ich hab ein Kochbuch für glutenfreie Rezepte gekauft. Hab ich dir das nicht erzählt?«

Es war der betont muntere, flapsige Ton, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dieses kalkulierte, grausame Frisch-Fröhliche, als glaubte sie ernsthaft, Erika werde sich aufs Neue auf das Spiel einlassen, das sie so viele Jahre gespielt hatten (das Ganz-normale-Mutter-und-ganz-normale-Tochter-Spiel). Aber Erika spielte nicht mehr, und das wusste ihre Mutter auch. Keine Spielchen mehr, darin waren sie sich einig gewesen. Ihre Mutter hatte sogar geweint und beteuert, es tue ihr so leid, und Versprechungen gemacht, die sie, wie sie beide wussten, niemals halten würde. Und jetzt tat sie so, als hätte es diese Versprechen nie gegeben.

»Mum! Du großer Gott.«

»Was?« Diese gespielte Arglosigkeit. Diese aufreizende Kleinmädchenstimme.

»Du hast auf Grandmas Grab geschworen, dass du keine Kochbücher mehr kaufen wirst! Du kochst doch gar nicht! Du hast auch keine Glutenallergie!« Warum zitterte ihre Stimme vor Wut? Sie wusste doch, was sie von den melodramatischen Schwüren ihrer Mutter zu halten hatte.

»So etwas habe ich nie gesagt!«, protestierte Sylvia. Weg war die Kleinmädchenstimme. Stattdessen besaß sie die Unverfrorenheit, mit Empörung auf Erikas Zorn zu reagieren. »Außerdem leide ich seit einiger Zeit unter schrecklichen Blähungen. Ob du’s glaubst oder nicht, aber ich habe tatsächlich eine Glutenintoleranz. Du musst schon entschuldigen, dass ich mich um meine Gesundheit sorge!«

Geh nicht darauf ein. Distanziere dich von diesem emotionalen Minenfeld. Für Situationen wie diese gab sie Tausende Dollar für eine Therapie aus.

»Tja, dann … War nett, mit dir zu plaudern, Mum, aber jetzt muss ich Schluss machen, ich muss wieder an die Arbeit. Wir reden später.« Erika hatte die Sätze mit der Geschwindigkeit einer Telefonverkäuferin heruntergerasselt und legte auf, bevor ihre Mutter etwas erwidern konnte. Dann ließ sie das Telefon in ihren Schoß fallen.

Der Taxifahrer hatte sich auf seiner Holzkugel-Sitzauflage verdächtig weit zurückgelehnt und saß ganz still da; nur seine Hände unten auf dem Lenkrad bewegten sich. Er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, doch er hatte natürlich gelauscht. Was war das bloß für eine Tochter, die sich weigerte, zu ihrer Mutter zu gehen? Was war das bloß für eine Tochter, die ihre Mutter derart anschnauzte, nur weil diese ein neues Kochbuch gekauft hatte?

Erika blinzelte energisch.

Ihr Telefon klingelte erneut. Sie schrak so heftig zusammen, dass ihr das Handy fast vom Schoß gerutscht wäre. Wahrscheinlich ihre Mutter, die sich beschweren wollte, weil sie einfach aufgelegt hatte.

Aber es war nicht ihre Mutter. Es war Oliver.

»Hi«, sagte sie und hätte vor Erleichterung, seine Stimme zu hören, fast geweint. »Hatte gerade eine lustige Unterhaltung mit Mum. Sie wollte, dass wir Sonntag zum Essen kommen.«

»Ich dachte, wir hätten vereinbart, dass wir erst nächsten Monat bei ihr sind«, erwiderte Oliver.

»Haben wir auch. Sie wollte sehen, wie weit sie gehen kann.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja, ja.« Erika fuhr sich mit der Fingerspitze am unteren Lidrand entlang. »Alles bestens.«

»Wirklich?«

»Ja. Danke.«

»Denk nicht mehr daran«, riet Oliver ihr. »Hey, warst du eigentlich in dieser Bücherei, um Clementines Vortrag zu hören?«

Erika lehnte den Kopf an die Rückbank und schloss die Augen. Verdammt. Natürlich. Deshalb rief er an. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich nach dem Vortrag mit Clementine auf einen Kaffee zu treffen. Oliver konnte Erikas Beweggründe nicht nachvollziehen. Dass sie regelrecht besessen davon war, die Lücken in ihrem Erinnerungsvermögen zu schließen, war ihm unbegreiflich. Seiner Meinung nach war das unwichtig, fast albern. »Glaub mir, du wirst dich nicht an mehr erinnern«, hatte er gesagt. (Bei den Worten »glaub mir« waren seine Lippen ganz schmal, seine Augen hart geworden. Ein Funke Schmerz, den er niemals vollständig zu unterdrücken vermochte und den zu empfinden er vermutlich abstreiten würde.) »Zu viel Alkohol und Erinnerungslücken gehören nun mal zusammen.« Nein, nicht für sie. Aber Oliver hatte das als die Gelegenheit für ein Gespräch mit Clementine betrachtet, eine ideale Chance, sie endlich festzunageln.

Erika wünschte, sie hätte den Anruf nicht angenommen. »Ja, ich war da, doch ich bin nicht bis zum Schluss geblieben. Mir war nicht gut.«

»Dann hast du nicht mit ihr gesprochen?« Er tat sein Bestes, um sich seine Frustration nicht anmerken zu lassen.

»Nein, aber das kommt schon noch, keine Bange. Ich will nur den richtigen Zeitpunkt abwarten. Der Gastronomiebereich wäre sowieso nicht der passende Ort dafür gewesen.«

»Ich habe meinen Terminkalender vor mir. Die Grillparty war vor zwei Monaten. Ich glaube nicht, dass diese Frage aufdringlich oder taktlos oder was auch immer ist. Warum rufst du Clementine nicht einfach an? Du kannst sie doch auch am Telefon fragen.«

»Ich weiß. Tut mir leid.«

»Das braucht dir nicht leidzutun«, entgegnete Oliver. »Das ist schwer, ich weiß. Es ist nicht deine Schuld.«

»Aber ich bin schuld daran, dass wir überhaupt zu dieser Grillparty gegangen sind«, sagte sie. Von dieser Schuld würde Oliver sie nicht freisprechen. Dafür war er zu korrekt. Das war etwas, was sie immer schon gemeinsam gehabt hatten: die Leidenschaft für Korrektheit.

Der Taxifahrer stieg in die Bremsen und schimpfte: »Du Vollidiot! Du Hirsch, du dämlicher!« Erika stützte sich mit der flachen Hand am Vordersitz ab.

»Das spielt doch keine Rolle«, erwiderte Oliver.

»Für mich schon.« Ihr Handy begann zu piepsen und signalisierte einen Anrufer in der Leitung. Wahrscheinlich ihre Mutter. Dass sie erst Minuten später wieder anrief, konnte nur eins bedeuten: Statt für Beschimpfungen hatte sie sich für Tränen entschieden. Tränen zu produzieren dauerte etwas länger.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll, Erika.« Es klang besorgt. Oliver dachte, es müsse eine korrekte Reaktion darauf geben. Eine Lösung. Er dachte, es gäbe gewisse geheime Beziehungsregeln, die sie als Frau kennen müsse, ihm jedoch bewusst vorenthalte. »Nur … du wirst doch mit Clementine reden?«

»Ja, mach ich«, antwortete Erika. »Dann bis heute Abend.«

Sie schaltete ihr Telefon auf stumm und steckte es in ihre Handtasche im Fußraum. Der Taxifahrer schaltete das Radio ein. Anscheinend hatte er keine Lust mehr, sie nach Steuertipps zu fragen. Wahrscheinlich dachte er, ihr beruflicher Rat könne nicht viel wert sein, wenn sie es nicht einmal schaffte, ihr Privatleben in den Griff zu bekommen.

Erika dachte an Clementine, die langsam zum Ende ihrer Rede kommen würde. Man würde ihr höflich Beifall spenden, aber es würde weder »Bravo«-Rufe noch stehende Ovationen oder Blumensträuße geben.

Die arme Clementine. Sie würde das als regelrechte Erniedrigung empfinden.

Oliver hatte recht: Es spielte keine Rolle, dass sie sich dazu entschlossen hatten, auf die Grillparty zu gehen. Daran konnte man jetzt nichts mehr ändern. Erika lehnte wieder den Kopf zurück, schloss die Augen und erinnerte sich.

Ein silberfarbenes Auto rollte in aufgewirbeltem bunten Herbstlaub auf sie zu.

Kapitel drei

Am Tag der Grillparty

Als Erika in die Sackgasse einbog, in der sie wohnte, erwartete sie ein eigenartiger, irgendwie bezaubernder Anblick: Der silberfarbene BMW, der seit sechs Monaten vor dem Haus der Richardsons gestanden hatte, wurde endlich weggefahren. Aber der Fahrer oder die Fahrerin hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Schicht aus buntem Herbstlaub, die sich auf Dach und Motorhaube angesammelt hatte, vorher zu entfernen, und so zog das Auto einen Wirbel Blätter hinter sich her, als würde es von einem kleinen Tornado verfolgt.

Als die Blätter auf den Boden geschwebt waren, sah Erika ihren Nachbarn Vid am Ende seiner Einfahrt stehen. Er schaute dem für ein Wohngebiet viel zu schnell fahrenden Auto nach. Seine Sonnenbrille reflektierte einen einzigen Sonnenstrahl. Es sah aus wie das Blitzlicht eines Fotoapparats.

Erika bremste neben ihm ab und ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. »Guten Morgen!«, rief sie. »Wurde auch Zeit, dass die Karre wegkommt!«

»Ja, wahrscheinlich haben sie ihre Drogengeschäfte endlich abgewickelt, weißt du?« Vid beugte sich herunter und schob sich die Sonnenbrille ins volle graue Haar. »Oder der Schlitten hat einem Mafioso gehört.«

»Ha, ha!« Erikas Lachen klang wenig überzeugend. Vid sah selbst ein bisschen wie ein erfolgreicher Gangster aus.

»Was für ein Traumtag, weißt du? Schau dir das bloß mal an! Hab ich nicht recht?« Vid deutete mit dem ausgestreckten Arm zufrieden Richtung Himmel, als hätte er den Tag zu einem Spitzenpreis gekauft und das Qualitätsprodukt bekommen, das er verdient hatte.

»Ein wunderschöner Tag«, bestätigte Erika. »Und, willst du ein bisschen spazieren gehen?«

Er machte ein leicht entsetztes Gesicht. »Spazieren gehen? Ich? Nein, nein.« Vid hielt erst die eine, dann die andere Hand hoch: Zwischen den Fingern der einen steckte eine brennende Zigarette, und in der anderen hielt er die plastikumhüllte zusammengerollte Sonntagszeitung. »Bin nur rausgekommen, um die Zeitung reinzuholen, weißt du?«

Nicht mitzählen, wie oft er »weißt du« sagt, ermahnte Erika sich. Die sprachlichen Ticks seiner Mitmenschen zu registrieren grenzte an neurotisch zwanghaftes Verhalten. (Vids aktueller Rekord: elf Mal in zwei Minuten! Er hatte sich fürchterlich aufgeregt, weil die mit geräuchertem Speck belegte Pizza von der Speisekarte der hiesigen Pizzeria gestrichen worden war. Er konnte es nicht glauben. »Das war einfach unfassbar, weißt du?« Wenn er sich über etwas ärgerte, häufte sich das »Weißt du?« mit atemberaubender Geschwindigkeit.)

Erika war sehr wohl bewusst, dass sie so manches Verhalten an den Tag legte, das man möglicherweise als zwangsneurotisch bezeichnen könnte. »Solche Etikettierungen bringen Sie nicht weiter, Erika«, hatte ihre Psychologin gemeint und dabei verkrampft gelächelt, wie sie es immer tat, wenn Erika eine Eigendiagnose stellte. (Erika hatte Psychology Today, eine Fachzeitschrift, abonniert, als sie die Therapie begonnen hatte, um sich ein wenig zu informieren. Sie fand die Materie so faszinierend, dass sie vor Kurzem angefangen hatte, sich durch die Literaturliste für den Bachelor-Abschluss in Psychologie und Verhaltensforschung in Cambridge zu arbeiten. Nur so aus Neugier, hatte sie ihrer Psychologin erzählt, die dieser Hinweis nicht zu beunruhigen, aber auch nicht gerade zu begeistern schien.)

»Dieser PS-protzende Bengel rast die Straße lang und schleudert die Zeitung aus dem Fenster, als würde er eine verdammte Handgranate werfen, weißt du?« Vid holte aus und tat so, als wollte er die zusammengerollte Zeitung in weitem Bogen von sich schleudern. »Und du, Großeinkäufe gemacht?«, fragte er dann mit einem Blick auf die Plastiktüten auf ihrem Beifahrersitz. Er zog kräftig an seiner Zigarette und blies den Rauch aus dem Mundwinkel.

»Das nicht direkt, bloß ein paar … äh, Kleinigkeiten, die noch gefehlt haben.«

»So, so, ein paar Kleinigkeiten«, wiederholte Vid. Er sah Erika forschend, beinah enttäuscht an, als hätte er mehr von ihr erwartet.

»Ja, für den Nachmittagstee. Clementine und Sam kommen mit ihren beiden kleinen Mädchen. Du erinnerst dich an meine Freunde? Du bist ihnen mal bei mir begegnet.« Erika wusste ganz genau, dass Vid sich an sie erinnerte. Sie warf ihm Clementine sozusagen als Köder hin, um sich interessanter zu machen. Das war alles, was sie Vid zu bieten hatte: Clementine.

Seine Miene hellte sich schlagartig auf. »Ah, deine Freundin, die Cellospielerin!«, sagte er erfreut. Ihm lief förmlich das Wasser im Mund zusammen. »Und ihr stocktauber Ehemann! Was für eine Verschwendung!«

»Das mit dem stocktaub sagt er nur so«, erwiderte Erika. »Ich glaube nicht, dass er – «

»Ein Pfundskerl! Was war er doch gleich? Nichts sagen, nichts sagen … Marketingmanager bei einem Unternehmen für … wie heißt das noch mal? Schnell drehende Produkte. Was immer das bedeuten mag. Na, wie findest du das? Gutes Gedächtnis, was? Ich sag immer zu meiner Frau, ich hab ein Gedächtnis wie ein Tellereisen!«

»Inzwischen macht er was anderes. Er ist jetzt bei einer Firma, die Energydrinks herstellt.«

»Was? Energydrinks? Getränke, die Energie verleihen sollen? Egal, Sam und Clementine sind anständige Menschen, großartige Menschen, weißt du? Warum kommt ihr nicht alle zum Grillen zu uns? Genau, wir veranstalten eine Grillparty, weißt du? Lasst uns dieses fantastische Wetter ausnutzen! Ihr müsst kommen. Unbedingt.«

»Oh, danke für die Einladung, das ist nett von dir.« Sie sollte ablehnen. Sie war durchaus imstande, Nein zu sagen. Sie hatte kein Problem damit, ganz im Gegenteil, sie war stolz darauf, wie gut sie das konnte. Oliver würde es nicht recht sein, wenn sie die Pläne für heute änderte. Es stand viel auf dem Spiel. Der heutige Tag war entscheidend. Der heutige Tag war ein potenzieller Wendepunkt.

»Es gibt Spanferkel am Spieß! Spanferkel auf slowenische Art, weißt du? Na ja, nicht direkt auf slowenische Art, eher auf meine, aber so was Gutes hast du garantiert noch nie gegessen. Deine Freundin Clementine … ich erinnere mich, dass sie gern gut isst. So wie ich.« Er tätschelte seinen Bauch.

»So?« Erika schaute ein weiteres Mal auf die Plastiktüten auf dem Beifahrersitz. Auf dem Heimweg hatte sie immer wieder einen besorgten Blick darauf geworfen. Sie hätte mehr kaufen sollen. Was war denn los mit ihr? Warum hatte sie nicht für ein richtig üppiges Essen eingekauft?

Und die Cracker waren Sesamcracker, und mit Sesam hatte es irgendeine Bewandtnis. Mochte Clementine Sesam, oder konnte sie Sesam nicht ausstehen?

»Was sagst du?«, fragte Vid. »Tiffany würde sich freuen.«

»Wirklich?«, erwiderte Erika zweifelnd. Die meisten Ehefrauen wären wenig begeistert, wenn ihre Männer zu einer spontanen Grillparty im eigenen Garten einluden, aber anscheinend war Vids Frau genauso gesellig wie er selbst. Erika erinnerte sich, wie sie ihre engsten Freunde mit ihren extrovertierten Nachbarn bekannt gemacht hatte. Das war letzte Weihnachten gewesen, als Oliver und sie in einem verrückten Anfall von »Lass uns Gastgeber spielen und so tun, als würde es uns Spaß machen« auf einen Drink zu sich eingeladen hatten. Für Oliver und sie war jede Sekunde der reinste Horror gewesen. Erika hatte keine Erfahrung im Bewirten und Unterhalten von Gästen. Deshalb war das jedes Mal eine nervenaufreibende Angelegenheit für sie. Außerdem würde sie sich nie ganz von der tief wurzelnden Vorstellung lösen können, dass Gäste etwas waren, das man fürchten und verabscheuen musste.

»Sie haben zwei kleine Mädchen, deine Freunde, nicht wahr? Unsere Dakota würde bestimmt gern mit ihnen spielen.«

»Ich weiß nicht recht. Die beiden sind viel jünger als Dakota.«

»Umso besser! Dakota spielt furchtbar gern mit kleinen Mädchen, weißt du? Dann kann sie nämlich so tun, als wäre sie die große Schwester, weißt du? Sie kann ihnen Zöpfe flechten, die Nägel lackieren, solche Sachen eben, weißt du? So haben alle ihren Spaß.«

Erika fuhr mit beiden Händen am Lenkrad entlang. Sie blickte zu ihrem Haus hinüber. Die niedrige Hecke rechts und links des Gartenwegs zur Haustür war frisch geschnitten und wies eine vollendete, verblüffende Symmetrie auf. Die Rollläden waren hochgezogen, die Fenster glänzten sauber und streifenfrei. Nichts zu verbergen. Von der Straße aus konnte man die rote Veroneser Tischleuchte sehen. Sonst nichts. Nur die Leuchte. Ein exquisites Stück. Der Anblick dieser Leuchte erfüllte Erika jedes Mal, wenn sie auf dem Heimweg daran vorbeifuhr, mit Stolz und innerem Frieden. Oliver war jetzt zu Hause und staubsaugte. Was völlig überflüssig war, weil Erika erst gestern gesaugt hatte. Übermäßiges Staubsaugen. Wie peinlich.

Als Erika bei ihren Eltern ausgezogen war, gehörte die Frage, wie oft man staubsaugen sollte, zu den vielen praktischen Dingen, die sie beschäftigt hatten. Die Antwort hatte sie von Clementines Mutter bekommen: »Einmal die Woche, Erika, immer am gleichen Tag, damit es zur Routine wird.« Erika hatte Pams Lebensregeln gewissenhaft befolgt, während Clementine sie bewusst ignorierte. »Sam und ich vergessen immer, dass es so etwas wie Staubsaugen überhaupt gibt«, hatte sie Erika einmal anvertraut. »Aber wenn es dann gemacht ist, fühlen wir uns besser, und dann sagen wir jedes Mal: ›Lass uns in Zukunft öfter saugen!‹ Mit dem Sex geht es uns ähnlich.«

Erika war über dieses Geständnis völlig verblüfft gewesen. Oliver und sie gingen in der Öffentlichkeit förmlicher miteinander um als andere Paare. Sie neigten nicht zu liebevollen Neckereien (sie waren sehr für Klarheit, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen), aber sie würden ganz sicher nicht vergessen, miteinander zu schlafen!

Für das Ergebnis des heutigen Treffens würde es keine Rolle spielen, ob das Haus gesaugt war oder nicht. Oder ob es Cracker mit Sesam oder ohne waren.

»Ein Spanferkel am Spieß, hm?« Sie hielt den Kopf schief, als sie Vid ansah. Wie so manch andere Eigenart hatte sie auch diese kokette Geste von Clementine abgeschaut. Doch sie griff nur darauf zurück, wenn Clementine nicht dabei war, für den Fall, dass sie sie wiedererkennen würde. »Willst du damit sagen, du hast zufällig ein Spanferkel übrig, das darauf wartet, gegrillt zu werden?«

Vid grinste, er war zufrieden mit ihr. Er zwinkerte ihr zu und richtete seine Zigarette auf sie. Rauch zog ins Wageninnere und brachte eine völlig andere Welt mit herein. »Mach dir deshalb mal keine Gedanken, Erika.« Er sprach ihren Namen mit Betonung auf der zweiten Silbe aus: Erika, wodurch er irgendwie exotischer klang. »Das kriegen wir schon hin, weißt du? Wann kommt deine Freundin, die Cellospielerin? Um zwei? Drei?«

»Um drei«, antwortete Erika. Sie bereute ihr Kokettieren bereits. O Gott, was hatte sie bloß getan?

Sie sah an Vid vorbei. Harry, der alleinstehende alte Mann, der auf der anderen Seite von Vid wohnte, wollte der Kamelie in seinem Vorgarten mit einer Gartenschere zu Leibe rücken. Ihre Blicke trafen sich, doch als Erika ihm zuwinkte, wandte er sich ab und schlurfte in eine entlegenere, uneinsehbare Ecke seines Gartens.

»Treibt Harry sich draußen herum?«, fragte Vid, ohne sich umzudrehen.

»Ja, aber er ist schon wieder weg.«

»Gut, dann also um drei.« Vid klopfte kurz und kräftig mit den Knöcheln auf das Wagendach. »Abgemacht?«

»Meinetwegen«, murmelte Erika mit schwacher Stimme.

Sie sah, wie die Haustür geöffnet wurde und Oliver, eine Mülltüte in der Hand, auf die Veranda heraustrat. Er würde stinksauer sein.

»Perfekt. Hervorragend!« Vid richtete sich auf. Sein Blick fiel auf Oliver, der lächelnd winkte. »He, Kumpel!«, rief Vid ihm zu. »Wir sehen uns später! Bei uns zum Grillen!«

Olivers Lächeln erstarb.

Kapitel vier

Als Clementine auf dem Parkplatz der Bücherei in ihr Auto stieg, fühlte sie sich ein wenig gehetzt. Eigentlich hatte sie schon vor zwanzig Minuten gehen wollen. Eine Hand am Lenkrad, fingerte sie mit der anderen am Schalter für das Gebläse herum, weil die Windschutzscheibe schlagartig und heimtückisch so stark beschlagen war, dass sie an manchen Stellen undurchsichtig wie Milchglas war.

Nach ihrer kleinen Rede hatte sie zögerlichen, verhaltenen Beifall bekommen, als wären die Leute sich nicht sicher, ob sie überhaupt applaudieren sollten. Auf dem Weg zum Ausgang (so nah und doch so fern) durch die kleine, aber sehr kompakte Gruppe Zuhörer, die sich jetzt den kostenlosen Morgentee schmecken ließen, war Clementine immer wieder aufgehalten worden. Eine Frau wollte sie umarmen und ihr die Wange tätscheln. Ein Mann, der sich einen Strichcode auf den Nacken hatte tätowieren lassen, fragte sie nach ihrer Meinung zu den kommunalen Umbauplänen für das Schwimmbad. Er schien ihr nicht zu glauben, als sie erwiderte, sie sei nicht von hier und könne deshalb auch nichts dazu sagen. Eine sehr kleine, zierliche, weißhaarige Dame drückte ihr ein in eine rosarote Serviette gewickeltes Stück Möhrenkuchen in die Hand, den sie unbedingt probieren müsse.

Clementine hatte den Möhrenkuchen gegessen. Er schmeckte ausgezeichnet. Sehr schön, das wäre also auch erledigt.

Die Windschutzscheibe schenkte ihr freundlicherweise wieder klare Sicht, und Clementine bog vom Parkplatz nach links auf die Straße ein. Sie bog standardmäßig nach links ab, wenn sie keine Ahnung hatte, in welche Richtung sie fahren musste.

»Na los, sag was!«, blaffte sie ihr Navi an. »Du hast nur einen einzigen Job, also erledige ihn gefälligst!«

Das Navi musste sie auf dem kürzesten Weg nach Hause dirigieren, damit sie ihr Cello holen und sofort zu ihrer Freundin Ainsley und deren Mann Hu weiterhetzen konnte, um ihnen ihre Stücke vorzuspielen. Das Vorspielen war in zwei Wochen. »Du willst dich also immer noch für die Stelle bewerben?«, hatte ihre Mutter vergangene Woche ganz überrascht gefragt. Für Clementine hatte das wertend geklungen, aber da sie in letzter Zeit ständig das Gefühl hatte, dass andere über sie richteten, hatte sie sich das möglicherweise auch nur eingebildet.

»Ja, ich will die Stelle immer noch«, hatte sie kühl erwidert. Ihre Mutter hatte nichts mehr gesagt.

Clementine fuhr langsam, weil sie auf Anweisungen wartete, doch ihr Navi war in nachdenkliches Schweigen versunken. »Wirst du mir jetzt endlich sagen, wie ich fahren soll?«

Anscheinend nicht.

Clementine kam an eine Ampel, wo sie erneut nach links abbog. Aber sie konnte ja nicht in einem fort links abbiegen, weil sie sonst im Kreis fahren würde. Das stimmte doch, oder? Früher hätte sie es gleich, wenn sie nach Hause gekommen wäre, Sam erzählt, und er hätte gelacht und sie aufgezogen und bemitleidet und ihr angeboten, ihr ein neues Navi zu kaufen.

»Ich hasse dich«, sagte sie zu dem stummen Navigationsgerät. »Ich hasse und verabscheue dich.«

Das Navi ignorierte sie. Clementine spähte angestrengt in den Regen hinaus, ob sie irgendwo einen Wegweiser entdeckte. Sie spürte, dass sich vom konzentrierten In-den-Regen-Starren Kopfschmerzen anbahnten.

Sie sollte überhaupt nicht hier sein. Sie sollte nicht bei diesem Wetter quer durch ganz Sydney und durch diesen flachen, grauen, fremden Vorort fahren. Sie sollte zu Hause sein und Cello üben. Das hätte sie normalerweise auch gemacht.

Egal, wo sie war oder was sie tat – ein Teil von ihr malte sich stets eine hypothetische Existenz aus, ein Parallelleben zu ihrem tatsächlichen. »Nein, danke«, hatte sie in diesem Leben geantwortet, als Erika angerufen und gesagt hatte: »Vid hat uns zum Grillen eingeladen.« Nein, danke. Zwei kleine, einfache Wörter. Vid hätte es nichts ausgemacht, wenn sie nicht gekommen wären. Er kannte sie und ihre Familie ja kaum.

Das war nicht Vid gewesen in der Sinfonie am vergangenen Abend. Ihr Verstand hatte ihr einen Streich gespielt, indem er Vids großen Kopf genau in die Mitte des Meeres von Gesichtern platziert hatte.

Obwohl sie damit gerechnet hatte, dass Erika heute unter den Zuhörern sein würde, hatte ihr Magen einen kleinen Hüpfer gemacht, als sie sie, kerzengerade und gefasst wie bei einer Trauerfeier, ganz hinten hatte sitzen sehen, den Anflug eines Lächelns um die Mundwinkel, als sie Clementines Blick aufgefangen hatte. Warum hatte sie gefragt, ob sie kommen dürfe? Komisch. Hatte sie gedacht, Clementines kleiner Auftritt sei wie ein Auftritt auf einer Konzertbühne? Aber selbst dann sah es Erika gar nicht ähnlich, wertvolle Arbeitszeit zu opfern und den weiten Weg von North Sydney hierher auf sich zu nehmen, nur um Clementine eine Geschichte erzählen zu hören, die sie schon kannte. Und dann war sie mittendrin aufgestanden und gegangen! Später war eine Textnachricht von ihr gekommen – angeblich hatte es irgendwelche Probleme im Büro gegeben. Welche steuerlichen Probleme waren so dringend, dass sie nicht einmal zwanzig Minuten warten konnten?

Für Clementine war es eine Erleichterung gewesen, als Erika den Veranstaltungssaal verlassen hatte. Dieses kleine Gesicht mit dem eindringlichen Blick, das ihre Aufmerksamkeit anzog wie ein Magnet, hatte sie ganz aus der Fassung gebracht. Einmal war ihr sogar der belanglose Gedanke durch den Kopf geschossen, dass Erika ihre hellen Haare fast genauso trug wie Clementines Mutter: schulterlang mit Stirnfransen bis zu den Augenbrauen. Ein schlichter, praktischer Schnitt. Erika vergötterte Clementines Mutter regelrecht, daher war die ähnliche Frisur sicher kein Zufall.

Sie entdeckte einen Wegweiser in Richtung Innenstadt und wechselte schnell die Spur. In diesem Moment wachte auch ihr Navi endlich auf. Eine weibliche Stimme wies sie mit affektiertem britischen Akzent an, in die nächste Querstraße rechts einzubiegen.

»Ja, vielen Dank, da bin ich schon von allein draufgekommen«, brummelte Clementine.

Es fing wieder an zu regnen, und sie schaltete die Scheibenwischer ein.

An einem Wischerblatt hatte sich ein Stück Gummi gelöst, das bei jeder dritten Wischbewegung ein schrilles, kreischendes Geräusch machte wie eine langsam sich öffnende Tür in einem Horrorfilm.

Quiiietsch. Zwei. Drei. Quiiietsch. Zwei. Drei. Sie musste unwillkürlich an Zombies denken, die sich schwerfällig und unbeholfen im Dreivierteltakt bewegten.

Clementine nahm sich vor, Erika heute noch anzurufen. Oder spätestens morgen früh. Erika hatte ein Recht auf eine Antwort. Es war genug Zeit vergangen. Natürlich gab es nur eine einzige Antwort, aber entscheidend war der richtige Zeitpunkt, sie zu geben.

Denk jetzt nicht daran. Konzentrier dich auf das Vorspielen. »Kompartimentierung« hieß das Zauberwort, das sie in vielen Beiträgen auf Facebook gelesen hatte: einen Schritt nach dem anderen machen und sich voll und ganz auf die jeweilige Aufgabe konzentrieren. Angeblich konnten Männer das besonders gut. Sam allerdings hatte nie ein Problem mit Multitasking. Er konnte ein Risotto kochen und den Geschirrspüler ausräumen und mit den Mädchen Denksportaufgaben lösen – alles gleichzeitig. Clementine war diejenige, die etwas anfing und nicht zu Ende brachte, zu ihrem Cello griff und dann nicht mehr daran dachte, dass sie etwas in den Backofen geschoben hatte. Sie war diejenige, die – wie furchtbar peinlich! – einmal vergessen hatte, Holly von einer Geburtstagsfeier abzuholen. So etwas würde Sam nie passieren. »Eure Mutter hat den Kopf immer in den Wolken«, sagte er oft zu den Kindern, aber er meinte es liebevoll. Hatte sie jedenfalls immer geglaubt. Vielleicht hatte sie sich das nur eingebildet. Sie konnte sich nicht mehr sicher sein, was andere – ihre Mutter, ihr Mann, ihre Freundin – von ihr dachten. Alles schien möglich.

Die Bemerkung ihrer Mutter fiel ihr wieder ein: »Du willst dich also immer noch für die Stelle bewerben?« Sie hatte noch nie, nicht einmal vor der Geburt ihrer Kinder, so viel für ein Probespiel geübt. Immer dieses selbstmitleidige Gejammer: Ich bin eine berufstätige Mutter mit zwei kleinen Kindern! Ich Arme! Der Tag ist einfach zu kurz! Der Tag war lang genug, sofern man lernte, mit weniger Schlaf auszukommen. Jetzt ging sie um Mitternacht ins Bett anstatt um zweiundzwanzig Uhr und stand um fünf Uhr wieder auf anstatt erst um sieben.

Der Schlafmangel verlieh ihr ein gar nicht so unangenehmes Gefühl des Betäubtseins, des Losgelöstseins. Nichts schien sie noch in irgendeiner Weise zu berühren. Sie hatte keine Zeit mehr für Gefühle. So viel kostbare Zeit hatte sie damit vergeudet, zu fühlen und ihre Gefühle zu analysieren, als wären sie von nationaler Bedeutung. Clementine ist schrecklich nervös wegen des bevorstehenden Probespiels! Clementine weiß nicht, ob sie gut genug ist. Du meine Güte, das ist ja mal ganz was Neues! Dann analysieren wir doch den Begriff »Lampenfieber«, führen wir ein ernstes Gespräch mit befreundeten Musikern, holen wir uns in einem fort und von allen Seiten Bestätigung!

Hör auf damit. Sich ständig über den Menschen lustig zu machen, der sie einmal gewesen war, war auch nicht gerade hilfreich. Konzentrier dich lieber auf Fragen der Spieltechnik. Clementine suchte krampfhaft nach einem anspruchsvollen Problem – zum Beispiel der Fingersatz beim Arpeggio in der Eröffnung einer Sonate von Beethoven. Sie schwankte zwischen zwei Möglichkeiten. Die schwierigere Option würde möglicherweise zu einem besseren musikalischen Ergebnis führen, aber es bestand die Gefahr, dass sie einen Fehler machte, wenn sie sich unter Druck fühlte.

War das da vorn etwa ein Stau? Sie durfte nicht zu spät kommen. Ihre Freunde opferten ihr schließlich ihre Zeit, und das völlig selbstlos. Aus reiner Nächstenliebe. Sie starrte auf den stockenden Verkehr und sah sich auf einmal wieder in Tiffanys Auto, umzingelt von rot aufleuchtenden Bremslichtern, der Sicherheitsgurt wie eine Fixierung straff an ihrem Hals.

Der Stau löste sich auf. Alles in Ordnung. Clementine hörte, wie sie geräuschvoll ausatmete. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte.

Wenn sie heute Abend essen gingen, würde sie Sam fragen, ob seine Gedanken auch in dieser sinnlosen Was-wäre-wenn-Schleife hängen blieben. Vielleicht würde sich ein Gespräch ergeben. Ein »heilendes Gespräch«, wie ihre Mutter sagen würde.

Das war ein Date heute Abend. Noch so ein moderner Ausdruck, den ihre Mutter übernommen hatte. »Was ihr Kinder braucht, ist ein romantischer Abend zu zweit! Ein Date!« Sam und sie hassten dieses Wort zwar, doch jetzt hatten sie trotzdem ein Date in einem Restaurant, das Pam ausgesucht hatte. Ihre Mutter hatte auch den Tisch reserviert. Und sie würde so lange auf die Kinder aufpassen.

»›Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.‹ Ich glaube, Gandhi hat das gesagt«, hatte ihre Mutter sie belehrt. Pams Kühlschranktür war übersät mit irgendwelchen Weisheiten, die sie auf kleine Zettel gekritzelt und mit Magneten befestigt hatte. Sogar auf den Magneten standen weise Sprüche.

Vielleicht würde es ja ein ganz netter Abend werden. Möglicherweise sogar ein lustiger. Clementine versuchte, positiv zu denken. Einer musste es ja tun. Sie fuhr zu nah an den Rinnstein. Eine gigantische Wasserfontäne spritzte hoch. Clementine fluchte kräftig, sehr viel derber, als in dieser Situation angemessen war.

Es kam ihr so vor, als regnete es seit dem Tag der Grillparty ununterbrochen. Was natürlich nicht stimmte, das wusste sie selbst. Ihr Leben vor der Grillparty schien in goldenen Sonnenschein getaucht zu sein. Blauer Himmel. Sanfte Brisen. Als hätte es vorher nie geregnet.

»Jetzt links abbiegen«, sagte das Navi.

»Was? Hier? Bist du sicher? Oder meinst du die nächste Straße? Ich glaube, du meinst die nächste.«

Sie fuhr weiter.

»Bei nächster Gelegenheit wenden«, sagte das Navi. Man konnte es praktisch seufzen hören.

»Entschuldige«, murmelte Clementine zerknirscht.

Kapitel fünf

Am Tag der Grillparty

Clementine lief im Schlafanzug in der sonnendurchfluteten Küche auf der Stelle, während Sam, ihr Mann, wie ein Ausbilder beim Militär schrie: »Tempo, Soldat, Tempo!«

Die zweijährige Ruby ahmte ihre Mutter nach. Auch sie war noch im Pyjama, ihr blonder Haarknoten ganz zerzaust. Kichernd hüpfte sie von einem Bein aufs andere wie eine Marionette. In der einen Patschhand hielt sie ein matschiges Stück Croissant, in der anderen einen Metallschneebesen mit Holzgriff. Aber niemand in der Familie sah in Whisk, so hieß der Schneebesen, nur noch ein Küchengerät: Whisk wurde von Ruby gefüttert, gebadet und jeden Abend liebevoll in seine/ihre (Whisks Geschlecht war fließend) mit Papiertaschentüchern ausgelegte Schuhschachtel gebettet.

»Wieso jogge ich eigentlich?«, keuchte Clementine. »Ich hasse Joggen!«

An diesem Morgen hatte Sam feierlich verkündet, er habe bis spät in die Nacht einen narrensicheren Plan ausgearbeitet, wie sie das Vorspielen mit Leichtigkeit schaffen könne.

Zuerst musste sie fünf Minuten auf der Stelle laufen, und zwar so schnell sie konnte.

»Nicht fragen – laufen«, befahl Sam. »Die Knie höher! Du musst richtig ins Schnaufen kommen!«

Clementine versuchte es.

Wahrscheinlich hatte er »Tipps für ein Orchester-Probespiel« gegoogelt, und Tipp Nummer eins musste etwas herrlich Banales gewesen sein wie: »Treiben Sie Sport! Achten Sie darauf, dass Sie körperlich in Hochform sind!«

Das war das Problem, wenn man mit einem Nicht-Musiker verheiratet war. Ein Musiker hätte gewusst, wie er sie am besten bei der Vorbereitung auf das Probespiel hätte unterstützen können: indem er nämlich mit den Kindern etwas unternommen hätte, damit sie Zeit zum Üben gehabt hätte, bevor sie sich auf den Weg zu Erika machten. So schwer ist das nicht, Soldat.

»Noch zwei Minuten!« Sam betrachtete sie prüfend. Er trug ein T-Shirt und Boxershorts und war unrasiert. »Vielleicht lieber bloß noch eine, du bist nicht sonderlich fit.«

»Mir reicht’s.« Clementine verlangsamte ihr Tempo. »Ich hör auf.«

»Nein! Du darfst jetzt nicht aufhören. Dein Puls muss auf Touren kommen! Damit simulieren wir das Lampenfieber beim Vorspielen. Und dann fängst du sofort an, deine Stücke zu spielen.«

»Was? Ganz sicher nicht!« Sie konnte nicht einfach drauflosspielen, sie brauchte Zeit, um sich gewissenhaft vorzubereiten. »Was ich jetzt brauche, ist ein Kaffee.«

»Weiter, Soldat, Tempo!«, rief Sam.

»Oh, Himmel noch mal!« Sie lief weiter. Etwas für ihre Fitness zu tun würde ihr nicht schaden. Oder vielleicht doch – Clementine spürte jetzt schon jeden einzelnen Muskel.

Tochter Holly, die größten Wert darauf legte, fünf dreiviertel und nicht fünf Jahre alt zu sein, kam hereingestöckelt. Sie trug ein altes, zerrissenes Eiskönigin-Kleidchen über ihrer Pyjamahose und ein Paar von Clementines High Heels. Eine Hand auf der Hüfte, als stolzierte sie über den roten Teppich, wartete sie darauf, bewundert zu werden.

»Wow, seht euch bloß mal Holly an!«, bemerkte Sam pflichtschuldigst. »Zieh die Schuhe lieber wieder aus, sonst tust du dir noch weh.«

»Wieso ›rennt‹ ihr beide?«, fragte Holly ihre Mutter und ihre Schwester, wobei sie »rennt« besonders betonte und dazu übertriebene Anführungszeichen in die Luft malte. Das mit den Anführungszeichen war ein neuer Tick von ihr. Sie fand das sehr cool und setzte wahllos jedes beliebige Wort in Anführungszeichen. Sie zog die Stirn in Falten. »Hört auf damit.«

»Dein Vater will, dass ich renne«, schnaufte Clementine.

Ruby hatte plötzlich genug und ließ sich auf den Boden plumpsen. Sie legte das Stück Croissant behutsam neben sich auf den Fußboden, steckte den Daumen in den Mund und nuckelte kräftig daran, wie ein Raucher, der dringend einen Zug brauchte.

»Daddy, mach, dass Mummy aufhört zu rennen«, sagte Holly energisch. »Sie atmet ganz komisch!«

»Richtig«, pflichtete Clementine ihr bei. »Ich atme ganz komisch.«

»Fantastisch«, meinte Sam. »Genau so soll es sein. Mädels, ihr kommt mit mir! Wir haben etwas Wichtiges zu erledigen. Holly, ich hab’s dir schon mal gesagt: Zieh die Schuhe aus, bevor du dir noch wehtust.«

Er schnappte Ruby, klemmte sie sich unter den Arm wie einen Fußball und lief durch den Flur. Sie quietschte vor Vergnügen. Holly, immer noch in den hochhackigen Schuhen ihrer Mutter, folgte ihnen.

»Du rennst schön weiter, bis wir dich rufen!«, rief Sam aus dem Wohnzimmer.

Clementine, die genauso unfolgsam wie Holly war, schaltete einige Gänge herunter, kaum dass Sam und die Mädchen außer Sichtweite waren.

»Du kannst kommen!«, verkündete Sam.

Halb lachend, halb keuchend ging Clementine durch den Flur. In der Tür zum Wohnzimmer blieb sie abrupt stehen. Die Möbel waren an die Wände gerückt worden, bis auf einen einzelnen Stuhl, der mitten im Zimmer hinter ihrem Notenständer stand. An dem Stuhl lehnte ihr Cello, der Stachel fest in den Holzboden gerammt, wo er ein weiteres kleines Loch hinterlassen würde. (Sie hatten vereinbart, diese Dellen »Charakterlöcher« zu nennen und nicht »Beschädigungen«.) Von der Decke, hinter dem Stuhl, hing ein großes Bettlaken. Dahinter saßen Sam und die Mädchen. Clementine konnte Ruby kichern hören.

Das also war Sams große Überraschung. Er hatte das Wohnzimmer in eine Bühne für ein Probespiel verwandelt. Das Bettlaken stellte den Wandschirm dar, hinter dem die Jury wie ein unsichtbares Erschießungskommando lauerte, um zu urteilen und zu verurteilen, gesichtslos und stumm – abgesehen von einem gelegentlichen Furcht einflößenden Rascheln oder Hüsteln und der lauten, gelangweilten, überheblichen Stimme, die ihren Vortrag jeden Augenblick mit der Bemerkung unterbrechen konnte: »Danke, das genügt.«

Es erstaunte Clementine und war ihr fast peinlich, wie ihr Körper augenblicklich auf den Anblick dieses einsamen Stuhls reagierte, ohne dass sie diese Reaktion steuern konnte. Jedes einzelne Probespiel ihres Lebens war sofort präsent – eine Flut von Erinnerungen. Zum Beispiel damals, als allen Kandidaten lediglich ein einziger Vorbereitungsraum zur Verfügung gestanden hatte. Es war so unglaublich heiß und stickig und laut und so voll gewesen von scheinbar außergewöhnlich begabten Musikern, dass sich plötzlich alles um Clementine herum gedreht hatte und eine französische Cellistin ihre schlaffe Hand ausgestreckt und Clementines Cello gerade noch rechtzeitig vor dem Aufprall auf den Boden aufgefangen hatte. (Sie war ganz große Klasse darin, ohnmächtig zu werden.)

Oder damals, als sie bei dem Erstrunden-Probespiel eine ausgezeichnete Vorstellung geliefert hatte – bis auf einen einzigen peinlichen Fehler in einer nicht einmal besonders schwierigen Passage, ein Fehler, der ihr bei keinem einzigen Konzert unterlaufen war und ihr danach nie wieder unterlief. Clementine war am Boden zerstört gewesen. Drei Stunden lang hatte sie in einem Gloria-Jean’s-Coffee-Shop geweint. Von der Dame am Nebentisch war sie mit Papiertaschentüchern versorgt worden, und ihr damaliger Freund (der Oboe-Spieler mit dem Ekzem) hatte sie mit den Worten getröstet: »Diesen einen falschen Ton werden sie dir verzeihen!« Er hatte recht behalten: Sie verziehen ihr den falschen Ton tatsächlich. Clementine wurde zur zweiten Runde eingeladen, die am selben Nachmittag stattfand. Aber das Weinen hatte sie ausgelaugt, und ihr Bogenarm fühlte sich kraftlos und schwach an, und so war sie nicht in die Schlussrunde gekommen.

»Sam«, begann sie. Das war so lieb von ihm, das war wirklich, wirklich lieb, und sie liebte ihn dafür, doch es half ihr nicht.

»Hallo, Mummy«, rief Ruby.

»Hallo, Ruby«, sagte Clementine.

»Schsch!«, machte Sam. »Nicht reden.«

»Warum spielt Mummy denn nicht?«, fragte Holly. Man wusste auch, ohne sie zu sehen, dass sie wieder Anführungszeichen in die Luft malte.

»Keine Ahnung«, antwortete Sam. »Aber wenn die Bewerberin nicht spielt, werden wir ihr den Job nicht geben, oder wie seht ihr das?«

Clementine seufzte. Na gut, dann würde sie das Spiel eben mitspielen. Sie betrat das Zimmer und setzte sich auf den Stuhl. Sie hatte den Geschmack von Bananen im Mund. Auf dem Weg zu einem Probespiel aß sie im Auto jedes Mal eine Banane, weil die in Bananen angeblich enthaltenen natürlichen Beta-Blocker gegen das Lampenfieber helfen sollten. Jetzt konnte sie keine Bananen mehr essen, ohne dabei an Probespiele zu denken.

Vielleicht sollte sie diesmal wieder zu richtigen Beta-Blockern greifen. Aber ihr Mund hatte sich beim letzten Mal angefühlt wie mit Watte ausgestopft, und das war ein widerliches Gefühl gewesen. Und ihr Gehirn schien leer gefegt zu sein wie nach einer Explosion mitten in ihrem Kopf.

»Mummy hat doch schon einen Job«, wandte Holly ein. »Sie ist doch schon Cellistin.«

»Ja, doch hier geht es um ihren Traumjob«, sagte Sam.

»Sozusagen«, murmelte Clementine.

»Was war das?«, fragte Sam. »Hat da jemand geredet? Haben wir die Bewerberin reden gehört? Ausgeschlossen! Sie redet nicht, sie spielt nur.«

»Das war Mummy«, krähte Ruby. »Hallo, Mummy!«

»Hallo, Ruby!«, rief Clementine zurück und rieb ihren Bogen mit Kolophonium ein.

»Traumjob« war vielleicht übertrieben – ihr Traum wäre es, eine weltberühmte Solistin zu sein. Aber sie wünschte sich diese Stelle wirklich sehr: Erste Cellistin beim Sydney Symphony Orchestra. Eine Festanstellung mit Kollegen und Ferien und regelmäßigen Auftritten. Das Leben als freiberufliche Musikerin war zwar amüsant und abwechslungsreich, doch auch ein zusammengestückeltes Etwas: hier eine Hochzeit, dort ein Firmenauftritt, mal Musikunterricht geben, mal für jemand anders einspringen – alles, was sie kriegen konnte. Jetzt, da die Mädchen in der Schule beziehungsweise in der Kindertagesstätte waren, wollte Clementine sich wieder mehr auf ihre Karriere konzentrieren.

Sie kannte jeden Streicher im SSO, weil sie öfter für das Orchester spielte. (»Dann dürftest du ja keine Probleme haben, die Stelle zu bekommen, oder? Ich meine, du machst den Job doch schon!«, hatte ihre Mutter am vergangenen Abend gemeint. Pam hatte nicht die geringste Ahnung von dem erbitterten Konkurrenzkampf, der in Clementines Welt tobte. Clementines zwei ältere Brüder arbeiteten als Ingenieure in Übersee. Seit dem Studium hatte beider berufliche Laufbahn sich logisch und linear weiterentwickelt. Sie winselten nie: Ich glaube, ich kann heute einfach nicht Ingenieur sein!)

Ainsley und Hu – sie Cellistin, er Kontrabassist – waren nicht nur ihre engsten Freunde im Orchester, sondern gehörten auch der Jury an, die über ihr Schicksal entscheiden würde. Das Paar unterstützte sie nach Kräften und machte ihr Mut. Verstandesmäßig wusste Clementine, dass sie eine reelle Chance hatte. Es war nur ihre schwachsinnige Probespiel-Phobie, die ihr im Weg stand und sie daran hinderte, sich den Traum vom perfekten Leben zu erfüllen. Ihre Panik vor der Panik.

»›Vorbereitung‹ heißt das Zauberwort«, hatte Sam erst gestern zu ihr gesagt, als hätte er das Ei des Kolumbus entdeckt. »›Visualisierung‹. Du musst dir bildlich vorstellen, dass du das Probespiel gewinnst.«

Man »gewann« kein Probespiel, und die Vorbereitung war nicht vergleichbar mit einer … sagen wir, PowerPoint-Präsentation über Verkaufszahlen und Marketingstrategien für ein neues Anti-Schuppen-Shampoo. (Das war Sams letzter Job gewesen.) Aber vielleicht konnte man das doch miteinander vergleichen. Clementine wusste es nicht. Sie hatte keine Ahnung, was jemand eigentlich machte, der den ganzen Tag im Büro am Computer saß. Sam war im Moment richtig gut drauf. Er ging jeden Morgen frisch-fröhlich aus dem Haus, seit er seine neue Stelle als Marketing-Leiter bei einem großen, »dynamischeren« Unternehmen, einem Hersteller von Energydrinks, angetreten hatte. Es gab dort eine Menge junger Leute zwischen zwanzig und dreißig. Manchmal spiegelte sich ihre lässig schleppende Redeweise in Sams Stimme. Er befand sich noch in der Phase der ersten Begeisterung. Gestern hatte er irgendetwas über die »progressive Unternehmenskultur« gesagt und es nicht ironisch gemeint. Er hatte die Stelle erst seit einer Woche. Clementine würde ihm noch eine Gnadenfrist gewähren, bevor sie anfing, ihn damit aufzuziehen.

»Darf ich mit dem iPad spielen?«, fragte Holly laut hinter dem Bettlaken.

»Sch, deine Mutter bereitet sich auf das Probespiel vor!«

»Darf ich denn wenigstens was essen?«, quengelte Holly, und dann zischte sie, ganz empört: »Ruby!«

Sam seufzte. »Ruby, bitte hör auf, deine Schwester abzuschlecken.«

Clementine blickte nach oben und versuchte, nicht daran zu denken, wie er das Laken an der Decke befestigt hatte. Doch sicher nicht mit Reißnägeln, oder? Nein. Sam war von ihnen beiden der Vernünftige. Clementine griff zu ihrem Bogen und brachte ihr Cello in die korrekte Position.

Die Noten für die Auszüge standen auf dem Notenständer. Sie hatte sie gestern schon durchgesehen. Keine große Überraschung dabei. Brahms war kein Problem. Beethoven auch nicht, solange sie die Eröffnung überzeugend interpretierte. Natürlich Don Juan, ihre Nemesis, aber sie würde eben ausreichend Zeit investieren müssen. Über Mahler hatte sie sich gefreut: der fünfte Satz der Sinfonie Nr. 7. Sollte sie das Stück für Sam spielen? Das würde ihn glücklich machen und ihn in dem Glauben lassen, dass ihr das hier tatsächlich half.

Als sie ihr Instrument stimmte, hörte sie Marianne mit ihrem deutschen Akzent sagen: »Der erste Eindruck zählt! Schon beim Stimmen! Es gilt, schnell, leise und ruhig zu stimmen.« Obwohl ihre alte Musiklehrerin schon seit zehn Jahren tot war, wurde Clementine von einer Welle von Kummer und Trauer erfasst.

Sie wusste noch, wie sie einmal panisch geworden war, weil sie das Gefühl gehabt hatte, dass sie viel zu lange zum Stimmen brauchte, und förmlich zu spüren geglaubt hatte, wie die Ungeduld der Jury durch den Wandschirm hindurchsickerte. Das war in Perth gewesen, und sie hatte ihr perfekt gestimmtes Cello in glühender Hitze durch den Innenhof einer Ansammlung von Gebäuden und in die Kühle einer Konzerthalle tragen müssen.

Ein Probespiel zu absolvieren war immer ein Albtraum, aber jenes war besonders traumatisch gewesen. Der Bühnenmeister hatte Clementine aufgefordert, vor Betreten der Bühne die Schuhe auszuziehen, damit sie durch das Klacken ihrer Absätze nicht als weiblich identifiziert werden konnte. Aus dem gleichen Grund solle sie nach Möglichkeit auch Husten oder Räuspern vermeiden, hatte er hinzugefügt. Das schien eine fixe Idee von ihm zu sein. Als Clementine in Strümpfen (eine schwarze Strumpfhose bei vierzig Grad im Schatten!) die Bühne betrat, rutschte sie prompt aus und stieß einen spitzen, extrem geschlechtsspezifischen Schrei aus. Sie war ein Nervenbündel, als sie endlich ihren Platz einnahm und anfing, ihr Instrument zu stimmen. Während sie zitternd und schwitzend und fröstelnd dasaß, konnte sie an nichts anderes denken als an das viele Geld, das sie für den Flug und das Hotel zum Fenster hinausgeworfen hatte, und das alles für ein Probespiel, das sie niemals für sich würde entscheiden können.

Himmel, sie hasste es vorzuspielen! Falls sie diese Stelle bekam, würde sie nie, nie wieder vorspielen.

»Ruby! Komm wieder her! Finger weg!«

Plötzlich rauschte das Laken von der Decke herunter. Zum Vorschein kamen Sam, der mit Holly auf dem Schoß auf dem Sofa saß, und Ruby, die halb schuldbewusst, halb verzückt auf dem Fußboden hockte, das Bettlaken rings um ihren kleinen Körper drapiert.

»Das war Whisk«, sagte Ruby.

»Das war nicht Whisk!«, widersprach Holly. »Das warst du

»Okay, okay«, sagte Sam. »Immer mit der Ruhe, Mädels!« Er sah Clementine schulterzuckend an. »Ich dachte, wir könnten sonntags nach dem Frühstück so tun, als müsstest du vorspielen. Ich dachte, das würde bestimmt Spaß machen und vielleicht sogar hilfreich sein, doch ich fürchte, das war eine dumme Idee. Entschuldige.«

Holly rutschte von seinem Schoß herunter, kniete sich auf den Boden und zog sich das Bettlaken über den Kopf. Ruby schlüpfte zu ihrer Schwester unter das Laken, und die beiden Mädchen tuschelten miteinander.

»Das war überhaupt keine dumme Idee«, erwiderte Clementine. Sie dachte an Dean, ihren Exfreund, einen Kontrabassisten, der inzwischen bei den New Yorker Philharmonikern spielte. Sie erinnerte sich, wie sie ihm vorgespielt und er »Der Nächste!« gebrüllt und auf die Tür gezeigt hatte, um ihr klarzumachen, dass ihr Spiel nicht den Anforderungen entsprach. Sie war in Tränen ausgebrochen. »Verdammt, deine Selbstzweifel gehen mir echt auf die Nerven«, hatte er gähnend gesagt. Verdammt, Dean, du warst ein arrogantes Arschloch, und du warst nicht einmal besonders gut.

»Ich werde etwas mit den Mädchen unternehmen, damit du üben kannst«, sagte Sam.

»Das ist nett von dir, danke.«

»Du brauchst mir nicht zu danken«, wehrte er ab. »Du brauchst nicht dankbar zu sein. Ich meine es ernst. Hör auf, so ein dankbares Gesicht zu machen!«

Clementine setzte eine übertrieben ausdruckslose Miene auf, und Sam musste lachen. Aber sie war ihm wirklich dankbar, und genau das war das Problem: Ihre Dankbarkeit war nämlich der erste Schritt auf einem unübersichtlichen, verschlungenen Weg, der in Groll endete, in irrationalem, aber von Herzen kommendem Groll. Vielleicht hatte Sam das intuitiv gespürt und ihre Dankbarkeit deshalb ins Leere laufen lassen. Er hatte das alles schon durchgemacht. Er wusste, wie sehr das bevorstehende Probespiel ihrer aller Leben in den nächsten zehn Wochen beeinflussen würde, während Clementine allmählich den Verstand verlor vor lauter Lampenfieber und unter dem Druck, ihrem ohnehin bereits vollgepackten Leben ein paar Stunden zum Üben abzuzwacken. Der arme Sam konnte ihr noch so viel abnehmen, damit sie mehr Zeit hatte – es würde nie genug sein. Im Grunde wäre es für sie das Beste, wenn er und die Kinder vorübergehend nicht existierten. Eigentlich müsste sie sich in eine Parallelwelt zurückziehen, wo sie alleinstehend und kinderlos war. Nur bis zum Vorspielen. Oder sie sollte in die Berge gehen, in ein abgelegenes Chalet (mit guter Akustik), wo sie nichts als Musik lebte und atmete. Lange Spaziergänge unternahm. Meditierte. Gut aß. Alle diese positiven Visualisierungsübungen machte, wie sie junge Musiker heutzutage praktizierten. Sie hatte den furchtbaren Verdacht, dass sie Sam und die Kinder nicht einmal allzu sehr vermissen würde, wenn sie das tatsächlich in die Tat umsetzen würde. Zumindest würde die Sehnsucht erträglich sein.

»Ich weiß, du hast es in der Zeit vor einem Probespiel nicht leicht mit mir«, sagte Clementine.

»Was redest du denn da? Du bist in der Zeit vor einem Probespiel anbetungswürdig«, erwiderte Sam.

Sie holte aus und tat, als wollte sie ihn in den Bauch boxen. »Ach, halt die Klappe!«

Er fasste sie am Handgelenk und zog sie in die Arme. »Wir schaffen das schon«, murmelte er. Sie atmete seinen Duft ein. Er hatte wieder das milde Baby-Shampoo der Mädchen zum Waschen benutzt. Seine Brusthaare waren weich und flauschig wie Kükenflaum. »Das kriegen wir schon hin.«

Es gefiel ihr, dass er »wir« sagte. Das machte er immer. Selbst wenn er irgendetwas im Haus renovierte und sie nichts weiter dazu beitrug, als ihm nicht im Weg zu stehen, sagte er jedes Mal, wenn er innehielt, sein Werk begutachtete und sich sein schmutziges, verschwitztes Gesicht abwischte: »Das kriegen wir schon hin.«

Selbstlos zu sein fiel ihm leicht, das war etwas völlig Natürliches für ihn. Clementine dagegen musste es praktisch heucheln.

»Du bist ein guter Mann, Samuel«, erwiderte sie. Der Satz stammte aus einem alten Fernsehfilm. Das war ihre Art, ihm »Ich danke dir, und ich liebe dich« zu sagen.

»Ich bin ein sehr guter Mann«, bestätigte Sam und löste sich von ihr. »Ein anständiger Mann. Eventuell sogar ein großartiger Mann.« Er schaute zu dem Bettlaken hin, unter dem sich die kleinen Körper der beiden Mädchen abzeichneten. »Sag mal, wo stecken eigentlich Holly und Ruby?«, wollte er laut wissen. »Ich dachte, sie wären hier, aber anscheinend haben sie sich in Luft aufgelöst.«

»Ich weiß auch nicht, wo sie sind. Wo könnten sie denn sein?«, sagte Clementine.

»Wir sind hier!«, trällerte Ruby.

»Sch!«, machte Holly, die solche Spiele sehr ernst nahm.

»Hey, bis wann sollen wir bei Erika sein?«, fragte Sam. »Vielleicht sollten wir absagen.« Er machte ein hoffnungsvolles Gesicht. »Dann hast du einen ganzen Tag zum Üben.«

»Wir können nicht absagen. Erika und Oliver wollen … wie hat sie es ausgedrückt? Sie möchte etwas mit uns besprechen

Sam verzog schmerzlich das Gesicht. »Das verheißt nichts Gutes. Es war aber nicht von einer erstklassigen Investition die Rede, oder? Weißt du noch, als Lauren und David uns zum Essen eingeladen haben und sich dann herausstellte, dass sie uns nur überreden wollten, in dieses dämliche Unternehmen zur Herstellung umweltfreundlicher Spüllappen einzusteigen, oder was zum Teufel es auch immer war?«

»Würden Erika und Oliver uns eine erstklassige Investition vorschlagen, würden wir zugreifen«, wandte Clementine ein. »Wir würden definitiv zugreifen.«

»Der Punkt geht an dich.« Sam runzelte die Stirn. »Ich wette, sie wollen, dass wir an einem« – er malte wie Holly Anführungszeichen in die Luft – »›Vergnügungslauf‹ teilnehmen. Für einen guten Zweck. Damit wir nicht Nein sagen können.«

»Damit würden sie sich keinen Gefallen tun. Wir würden sie nur bremsen.«

»Stimmt, das würden wir. Du auf jeden Fall. Bei mir ist das was anderes, ich bin ja der geborene Sportler.« Wieder zog er die Stirn in Falten und kratzte sich zerstreut an der Wange. »Himmel, hoffentlich wollen sie nicht mit uns zum Zelten gehen, weil das angeblich gut für die Kinder ist. Damit sie mal raus an die frische Luft kommen.«

Erika und Oliver hatten sich zwar gegen eigene Kinder entschieden, zeigten aber ein reges, ziemlich besitzergreifendes Interesse an Holly und Ruby. Es war fast, als brauchten sie das, weil es zu ihrem Verständnis von Vielseitigkeit und Selbstverwirklichung gehörte: Wir treiben regelmäßig Sport, wir gehen ins Theater, wir lesen die richtigen Romane, wir besuchen die wirklich interessanten Ausstellungen, und wir haben ein aufrichtiges Interesse an internationaler Politik, gesellschaftlichen Fragen und den niedlichen Kindern unserer Freunde.

Das war unfair. Das war so was von unfair. Ihr Interesse an Holly und Ruby war echt, und Clementine wusste, dass die straffen Kontrollmechanismen, denen Erika und Oliver ihr Leben unterwarfen, nichts mit Konkurrenzdenken zu tun hatten.

»Vielleicht wollen sie einen Treuhandfonds für die Mädchen einrichten.« Sam dachte kurz darüber nach und zuckte dann die Schultern. »Damit könnte ich leben. Ich bin Manns genug.«

Clementine lachte. »So wohlhabend sind sie nun auch wieder nicht!«

»Oder meinst du, einer von beiden leidet an einer dieser seltenen schrecklichen genetischen Krankheiten? O Gott, dann würde ich mich grauenvoll fühlen!« Wieder verzog er schmerzlich das Gesicht. »Oliver hat das letzte Mal so abgezehrt ausgesehen, findest du nicht?«

»Das kommt vom Marathonlaufen. Ich bin sicher, es ist alles in Ordnung«, erwiderte Clementine zerstreut. Das leise Unbehagen, das sie empfand, lag vermutlich an dem bevorstehenden Vorspielen, das seinen Schatten warf und allem einen Beigeschmack von Angst verlieh. Kein Grund, sich verrückt zu machen. Es war nur eine harmlose Einladung zum Nachmittagstee an einem wunderschönen sonnigen Tag.

Kapitel sechs

Ein Junge in einem nass glänzenden schwarzen Regenmantel, über dem Arm ein zusammengerolltes dickes, schweres Tau, stand am Rand der Fähre. Sam beobachtete ihn von seinem Fensterplatz aus. Der Junge spähte mit zusammengekniffenen Augen durch den sintflutartigen Regen zum Kai hinüber, der langsam aus dem grauen Nebel auftauchte. Regentropfen bedeckten sein junges, glattes Gesicht. Die Fähre stampfte und schlingerte. Kalte, salzige Seeluft stieg Sam in die Nase. Der Junge hielt die Schlinge am Ende des Taus hoch über den Kopf wie ein Viehtreiber sein Lasso, ließ sie kreisen, warf und traf den Poller beim ersten Versuch. Dann sprang er auf den Kai und zurrte das Tau fest. Es sah aus, als zöge er die Fähre zu sich heran.

Der Junge schien höchstens fünfzehn zu sein, aber er warf das Tau wie ein alter Hase und fing die Anlegestelle mühelos ein. Er gab dem Schiffsführer ein Zeichen, rief den wartenden, mit Schirmen ausgerüsteten Fahrgästen in Regenkleidung »Circular Quay!« zu und schob den Landungssteg mit einem herzhaften metallischen Poltern von der Fähre auf den Kai hinüber. Die Fahrgäste hatten die Schultern zum Schutz gegen den Regen hochgezogen und eilten an Bord, während der Junge aufrecht und furchtlos dastand.

Das war jetzt mal eine anständige, ehrliche Arbeit. Anlegestellen einfangen. Büromenschen auf Fähren und wieder hinuntertreiben. Der Junge war praktisch noch ein Kind, doch wie er so im Regen stand, sah er aus wie ein Mann. Er gab Sam, der brav in seiner klammen Wollhose und dem Nadelstreifenhemd dasaß, das Gefühl, ein Weichei zu sein. Für einen Bürojob hätte der Junge vermutlich nur Verachtung übrig: »Kommt überhaupt nicht infrage«, würde er sagen, »i

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