Logo weiterlesen.de
Troll Minigoll von Trollba

Über den Autor

Henning Boëtius, geboren 1939, studierte Germanistik und promovierte über Hans Henny Jahnn. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane, Essays, Biografien, Theaterstücke, Gedichte und Kurzgeschichten. Er schrieb Romanbiografien über Lichtenberg und Rimbaud und hoch gelobte Krimis. Sein größter Erfolg war der Roman »Phönix aus Asche« (2000), er wurde in über zehn Sprachen übersetzt. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen auch »Tod am Wannsee« über Kleist und das populärwissenschaftliche Sachbuch »Die Wasserstoffwende«. 2004 erschien der Renaissanceroman »Die blaue Galeere«. Henning Boëtius ist seit 1986 freier Schriftsteller und lebt in Berlin.

Wer dieses windige Buch
für ein Kinderbuch hält,
soll an der obersten Rahnock
der ›Hoffnung‹ baumeln,
denn er versteht nichts
von Erwachsenen.

Wer aber dieses windige Buch
für ein Erwachsenenbuch hält,
soll kielgeholt werden
über die ganze Länge der ›Hoffnung‹,
denn er versteht nichts
von Kindern.

Kapitän Teeboller

Abbildung

INHALT

  1. Erstes Kapitel
  2. Zweites Kapitel
  3. Drittes Kapitel
  4. Viertes Kapitel
  5. Fünftes Kapitel
  6. Sechstes Kapitel
  7. Siebtes Kapitel
  8. Achtes Kapitel
  9. Neuntes Kapitel
  10. Zehntes Kapitel
  11. Elftes Kapitel
  12. Zwölftes Kapitel
  13. Dreizehntes Kapitel
  14. Vierzehntes Kapitel
  15. Fünfzehntes Kapitel
  16. Sechzehntes Kapitel

DIE ROMANFIGUREN

Die Trolle

Minigoll
junger Steintroll aus Trollba

Haakon der Weise
Birkentroll und Gelehrter

Steinbrech
Steintroll und Vater von Minigoll

Gerölla
Steintroll und Mutter von Minigoll

Spigûl
Troll von der Eierinsel, Braumeister

Klemmsteintroll
seit Urzeiten in einer Felsenrinne eingeklemmt

Ecke
Schiefertroll und Gegner Minigolls

Tannja
Kiefertroll und die Freundin Minigolls

Kleiner und Großer Elefant
zwei verschlafene Steintrolle

Pecko
Wandertroll und Musiker

Stalagmitus und Stalagtitus
zwei Steintrolle, ein unglückliches Freundespaar

Schlafender Riesentroll
Urtroll aus grauer Vorzeit

Die Tiere

Eduard
Holzwurm und Späher

Kapitän Flint
Teebollers Papagei

Einauges Hund

Die Menschen

Kapitän Teeboller
Pirat im Ruhestand

Spiere
Teebollers taubstummer Freund

Jonny Albatros
ehemaliger Vollmatrose und Tippelbruder

Charlie Schnitzmesser
Jonnys Freund, Zimmermann

Jules Steinchen
Chaosoph und Erfinder

Archibald MacAllister
Schotte und Singsongliebhaber

Freddy
früherer Fischereifabrikarbeiter und selbsternannter Weltmeister im Ukulelespielen

Einauge
Bösewicht, einst Schiffszimmermann auf der Bark Santa Fe

Familie Klein
Touristen

Ein Häuptling aus der Karibik und seine Tochter

Abbildung

ERSTES KAPITEL

Es war einmal ein kleiner Troll, der hieß Minigoll. Wie es zu diesem Namen gekommen war, wusste niemand so recht. Es hatte wohl einfach in der Luft gelegen, Minigoll Minigoll zu nennen. Aber jeder, der tagsüber diesen kleinen weißen, runden Stein irgendwo herumliegen sah – man muss wissen, dass Trolle tagsüber Steine oder Bäume sind, während sie nachts menschenähnliche Gestalt annehmen –, hätte diesen Namen recht passend gefunden.

Minigoll wohnte mit seinen Eltern, Tanten, Onkeln und Freunden auf einer kleinen Insel, die Trollba hieß. Eigentlich war es nur eine Halbinsel, aber sie war durch ein hohes Gebirge von einer größeren Insel abgetrennt, sodass sie nur mit einem Boot erreicht werden konnte. Trollba lag, wie es sich gehört, im hohen Norden, denn im heißen Süden hält es kein Troll aus, und Stein bleibt dort darum Stein, und Baum, wenn überhaupt, Baum.

Minigolls Heimat lag auch weitab vom Reiseverkehr. Nie ließ sich ein Tourist hier blicken, und die wenigen Einheimischen waren wortkarg und eigensinnig. Trollba war also ein richtiges Trollparadies. Es gab eine Schlangenwiese, ein Wespentor, einen Munchhügel, eine Klemmsteinrinne – ein Onkel von Minigoll war dort einst hoffnungslos in die Klemme geraten: Tagsüber lag er als Stein fest zwischen zwei steilen Felswänden eingeklemmt, und nachts zappelte er als Troll an derselben Stelle und wurde von zufällig vorbeikommenden Verwandten mit allerlei Ungeziefer künstlich ernährt. Weiter gab es einen Seerosensee, eine Südspitze, einen Dorschhafen, einen Traumsee, ein Schwarzwasser, ein Thingwäldchen, eine Innere Wiese, einen Ölsumpf, ein Rinnsalflüsschen, eine Ringfingerbucht, eine Schönere Wiese, eine Schönste Wiese, eine Blaubeertreppe, ein Kleines Flachwasser, ein Schwimmendes Moor und sogar ein altes Wrack, das lag im Tiefen Wasser und diente den Fischen bei Regen als eine Art Unterstand.

In Trollba gab es noch viel mehr geheimnisvolle Orte, und Minigoll lernte nach und nach im alten Steinbruch, der als Schule diente, unter Anleitung des Lehrers Knörran, der tagsüber eine mächtige, windzerzauste Krüppelkiefer war, all ihre Namen und vor allem die Grundregeln eines anständigen Trollverhaltens. Und das Hauptfach war das Furchteinflößen. Damit hatte Minigoll allerdings so seine Probleme.

Er war nicht besonders gut in diesem Fach, was jeder begreifen wird, der ihn nachts zu Gesicht bekam. Tagsüber ein weißer, gleichmäßig runder Stein, richtig verlockend zum Aufheben und In-die-Tasche-stecken oder Damitwerfen, verwandelte er sich nachts in einen kleinen, weißhaarigen Kerl mit großen wasserblauen Augen. Allerliebst sah es aus, wenn er durch das hohe Sumpfgras der Schlangenwiese krabbelte oder vom Weiten Tal am Rinnsalflüsschen entlang zur Inneren Weide schlich, um dort Schafe zu erschrecken.

»Und nun troll dich«, sagte seine Mutter gewöhnlich bei Anbruch der Dämmerung zu ihm, nachdem sie ihn ordentlich herausgeputzt hatte, und Minigoll machte sich gehorsam auf, Tiere und Menschen das Gruseln zu lehren. Doch das war leichter gesagt als getan. Bei Steinbrech, seinem Vater, biss er auf Granit, wenn er nur um ein paar Ausrüstungsgegenstände bat, die ihm das Furchteinflößen hätten erleichtern können. So wären ein knorriger Eichenknüppel, ein großer Sack oder ein bleiches Fischmesser ganz nützlich gewesen, aber bestenfalls bekam er dann und wann von einem der Onkel aus dem oberen Kiefernwald ein paar Irrlichter geschenkt, mit denen man wie mit einer Taschenlampe spielen konnte.

Die Schafe schliefen meistens und waren furchtbar schwer zu wecken. Außerdem ist es deprimierend, jemand, den man erschrecken will, erst mühsam wecken zu müssen. Die gutmütigen Geschöpfe blinzelten bloß träge und husteten höchstens freundlich, wenn Minigoll aus dem Gras hochhüpfte und laut »Buh« machte.

Knörran lehrte unter anderem auch das bedrohliche Aussehen als ›theorätische Basis‹ des Furchteinflößens. Doch hierzu brachte Minigoll, der im Steinbruch in der letzten Reihe saß, besonders schlechte körperliche Voraussetzungen mit. »Zeige dich bei Mondschein zunächst im Profil. Dann drehe ganz langsam den Kopf, hebe die Arme und krümme sie wie Hummerscheren gegen das Opfer«, sagte Knörran. »Das Ganze macht sich gegen den hellen Westhimmel besonders gut!«

Aber wenn Minigoll dann aufgerufen wurde, vor die Klasse zu treten und die Arme entsprechend zu krümmen, lachten alle. Und besonders laut lachte der schreckliche Ecke, der tagsüber eine scheußliche, brüchige Schieferplatte war und nachts wie eine hässliche, vertrocknete Flunder über die Wiesen kroch. Gerölla musste ihren Sohn oft gegen Morgen trösten, wenn er verweint von der Schule oder vom Gruseln nach Hause kam. Doch sie meinte, dass sich sein liebliches Aussehen mit der Zeit schon verwachsen würde.

Das Leben in Trollba ging seit Jahrhunderten seinen gemächlichen, ruhigen Gang. Die wenigen Menschen, die auf der Insel wohnten, waren seit alters her das nächtliche Treiben der Trolle gewohnt und machten sich nicht sonderlich viel daraus.

Einmal im Monat trafen sich die Trolle von Trollba im Thingwäldchen, einem Kranz schlanker Fichten in der Nähe des Traumsees. Dort, wo der Pfad hinunter zum Dorschhafen führt, wurde ausführlich Rat gehalten, wurden Schreckenstaten erzählt und fachkundig ausgeschmückt und manchmal auch Händel ausgetragen. Die ältesten Trolle, darunter Knörran und Steinbrech, fällten Urteile und verhängten Strafen. Meistens ging es bei den Streitereien um den Vorwurf der Friedfertigkeit, den einzelne Trolle, die sich nicht leiden konnten, gegeneinander erhoben.

Ein Beispiel mag genügen: In einer fürchterlichen, eiskalten Winternacht voller Sturm und Schneeschauer soll Haakon, der Birkentroll, dabei gesehen worden sein, wie er aus ein paar eigenen Rindenfetzen und Reisern ein Feuer machte, um sich daran ein wenig zu wärmen. Das behauptete zumindest Ecke, der bereits Jungtroll war und sich vermutlich mit dieser Bezichtigung hervortun wollte. Haakon stritt zwar alles ab, aber das Feuer hatten auch andere gesehen, jedenfalls einen flackernden Widerschein aus der verdächtigen Richtung. »Ein anständiger Troll friert mit Überzeugung«, argumentierte die Anklage, »weil Zähneklappern besonders Furcht einflößend wirken kann.«

Der Verteidigung blieb nichts anderes übrig, als auf mildernde Umstände zu plädieren. Haakon sei alleinstehend, noch dazu auf einer besonders abgelegenen Lichtung. Außerdem habe er ein bedeutendes Buch über Birkenpilze und deren Wirkung geschrieben, auf seiner eigenen Rinde sogar, und überhaupt sei er schon sehr alt und tatterig. Haakon wurde daraufhin zur Strafe eines dreimaligen Aussetzens beim nächtlichen Furchteinflößen verdonnert, und Minigoll, der hinter dem Rücken Geröllas saß und zusah, schien es fast, als ob der Verurteilte sich über diese Strafe freute.

Wieder einmal vergingen Herbst, Winter und Frühjahr. Die Nächte wurden allmählich kürzer und damit auch die Trollzeit für Bäume und Steine. Der Sommer kam, und tagsüber war es richtig heiß auf Trollba.

Herausragendes Ereignis dieser Zeit war, dass es Minigoll gelang, in einer lauen Sommernacht voller Mücken und Mondschein seinen Feind Ecke fürchterlich zu erschrecken. Und das geschah so: Ecke kam gerade die Klemmsteinrinne heraufgekeucht. Er war ein wenig kurzatmig und wie immer mächtig mit sich zufrieden, denn es war ihm soeben gelungen, drei Schafe auf der Inneren Nachtweide derart zu erschrecken, dass sie fast in den Seerosenteich gerannt wären.

Minigoll saß oben auf dem Munchhügel und jonglierte mit Tannenzapfen, als er Ecke kommen sah. Ecke wollte zum Klemmsteintroll, um mit seinen Heldentaten zu prahlen. Man muss nun, um das Folgende zu verstehen, wissen, dass Trolle im Gegensatz zu Menschen und Gegenständen körperliche Schatten werfen. Außerdem sind ihre Schatten farbig und sehen daher wie der Troll selbst aus, der sie wirft, nur um vieles größer und ins Groteske verzerrt, vor allem dann, wenn das Licht sehr schräg einfällt.

In genau dem Moment, als Minigoll sich am oberen Rand der Klemmsteinrinne zu seiner vollen geringen Größe erhob, um eine Handvoll Tannenzapfen nach Ecke zu werfen, trat der Mond hinter der Südspitze hervor und traf ihn so, dass sein Schatten genau entlang der Klemmsteinrinne fiel. Er war über zehn Meter lang und wahrhaft grausig anzusehen! Weiß wie Schimmel, borstig und mit tellergroßen rollenden, wasserblauen Augen erfüllte der Schatten Minigolls die ganze Felsspalte. Die erhobene Hand mit den Tannenzapfen war metergroß. Ecke glaubte daher, im nächsten Augenblick von einer Anzahl riesiger, entfernt an Krokodile erinnernder Schuppentiere, geworfen von einem mehlig und haarig aussehenden, turmhohen Unhold, erschlagen zu werden. Zu Tode erschreckt drehte sich der Schiefertoll auf seinen grauen Plattfüßen um und lief kreischend mit zerbröckelnden Rändern davon.

Der Klemmsteintroll hatte den beeindruckenden Auftritt fasziniert mit angesehen und erzählte den Vorfall jedem, der es hören wollte – und alle wollten es hören. Und weil die Schieferplatte, die Ecke am Tage war, an einer ziemlich unüblichen Stelle lag, waren sogar die ungläubigsten Trolle vom Wahrheitsgehalt der Geschichte überzeugt.

Minigoll aber durfte fortan im Steinbruch ein paar Reihen weiter vorne sitzen. Knörran brachte den ganzen Vorfall zudem als ein Beispiel für besonders wirkungsvolles bedrohliches Aussehen als ›theorätische Basis‹ des Furchteinflößens im Unterricht an. Ecke aber musste zur Strafe für seine Ängstlichkeit eine Weile in der Schule als Wandtafel dienen, und es ist für einen Troll schon eine besondere Schmach, sich nachts in seinem Alltagsgewand zeigen zu müssen.

Besonders peinigend wurde es für Ecke, als Knörran Minigoll mit wenigen Kreidestrichen auf die Tafel zeichnete. In diesem Augenblick wurde Minigoll, ohne es zu ahnen, zum wirklichen Todfeind des Schiefertrolls. Öffentlich jedoch legte Ecke fürs Erste seinem Widersacher gegenüber ein schleimiges, kriecherisches Verhalten an den Tag oder, wie man bei Trollen sagt, an die Nacht.

Der Sommer ließ sich gut an. Es war selten so warm in diesen Breiten, und gerade in jene Zeit fiel Minigolls erste Liebe. Ihr Gegenstand war eine junge Kiefer mit einem gleichmäßigen, kegelförmigen, dichten grünen Nadelkleid, die tagsüber am oberen Rand der Schlangenwiese stand. Minigoll hatte nie zuvor in seinem kurzen Leben – er war ja gerade erst knapp 300 Jahre alt – etwas so Schönes gesehen.

Die Kiefer war eine entfernte Verwandte von Knörran. Sie saß immer ganz vorne im Steinbruch und wurde von der ganzen Klasse, besonders aber von Ecke, verehrt und angehimmelt. Der Schiefertroll brachte ihr grüne Nadeln zum Anstecken mit und nannte sie vertraulich seine Freundin Tannja. Sie hieß übrigens wirklich und auf eigenen Wunsch so. Minigoll aber ärgerte sich furchtbar über Eckes blödsinniges und aufdringliches Gehabe und Getue.

Tannjas Spezialität war es, bei Dunkelheit hellgrün zu leuchten. Und man konnte schon einen gehörigen Schreck bekommen, wenn sie plötzlich mitten in der Nacht schimmernd vor einem stand und mit ihren tausend Nadeln klapperte und klimperte. Sie träumte oft davon, eine richtige Tanne zu sein oder wenigstens eine Fichte. Sie hatte in einer herübergewehten Zeitung etwas von Weihnachtsbäumen gelesen, und seitdem plagte sie eine unstillbare Sehnsucht nach jenen fernen Ländern, in denen es diesen Brauch mit den Bäumen gab. Ansonsten verhielt sie sich ziemlich schnippisch und eingebildet, denn sie gehörte zu den wenigen Trollen, die lesen konnten, und so hatte es Minigoll nicht leicht, inmitten seiner vielen Konkurrenten um ihre Gunst zu werben.

Er fand es albern, ihr grüne Anstecknadeln zu schenken, von denen sie doch schon so unendlich viele hatte, und er brachte es auch nicht fertig, ihr wie Ecke mit brüchiger Stimme alberne Komplimente zu machen, wie »Du-siehst-heute-aber-ehrlich-wie-eine-Tanne-aus« oder »Weihnachten-müssten-dir-Kerzen-einfach-ganz-reizend-stehen«. Stattdessen zeichnete Minigoll sie eines Tages ganz genau, Nadel für Nadel, vor einem tiefblauen Sommerhimmel, wie sie sich im Winde anmutig wiegte.

Es war ein herrliches Bild. Trolle können auch Geräusche malen, und so hörte man, wenn man das Blatt ans Ohr hielt, deutlich das Rauschen von Tannjas Wipfel im Sommerwind. Minigoll schenkte ihr das Bild nach einer besonders gelungenen Furchteinflößungsstunde, und sie nahm es mit einem höflichen Knicks, liebreizend lächelnd, entgegen, wobei sie ein wenig nadelte.

Dieser Sommer wäre alles in allem wie jeder andere der vergangenen tausend Jahre vorbeigegangen, nur vielleicht ein wenig schöner und heißer als gewöhnlich. Die Trolle schliefen lange und tief. Es war ihr Sommerschlaf, der ihnen nach einem hektischen Winter mit seiner anstrengenden Gruselei rund um die Uhr auch zustand. Die Geisterstunde kannte man ja leider nicht. Man arbeitete von Dämmerung zu Dämmerung durch. Höchstens legte man um Mitternacht, wenn in anderen Ländern die Geister überhaupt erst lebendig wurden, eine kurze Verschnaufpause ein.

Es wäre wie gesagt ein Sommer wie jeder andere geworden, wenn nicht Anfang August etwas höchst Unwahrscheinliches geschehen wäre: Sommergäste hatten sich auf der Insel eingestellt. Sie schlugen ihr Zelt ausgerechnet oberhalb der Schlangenwiese zwischen zwei massigen Steinblöcken auf, die der Große und der Kleine Elefant hießen. Das waren zwei besonders schwerfällige und träge Trollbrüder. Ganz in der Nähe war übrigens der Tagesplatz von Tannja, und auch Minigoll lag hier oft tagsüber am Rande der Bucht, die Tiefes Wasser hieß, einfach um beim Träumen seiner Angebeteten nahe zu sein.

Die Zeit, die jetzt anbrach, brachte einige, vor allem seelische Probleme für die Trolle mit sich. Alle überkam eine nervöse Betriebsamkeit. Es lag ihnen ja im Blut, Menschen zu erschrecken, und jetzt hatten sie zum ersten Mal seit unvordenklicher Zeit richtige waschechte Lebewesen aus einem fernen Land vor sich. Sicher sehr schreckhafte und empfindliche Exemplare! Man musste wahrscheinlich besonders geschickt vorgehen, um sich recht lange an ihrem Entsetzen weiden zu können.

Und da die Nächte jetzt besonders kurz waren – es dämmerte immerhin erst um halb elf und wurde gegen drei Uhr morgens schon wieder hell –, musste man sich die Arbeit sehr genau einteilen, um zum verdienten Erfolg zu kommen. Zudem erwies es sich nach einigen Beobachtungen als nicht ganz kleines Problem, dass die fremden Wesen zumeist bereits während der Abenddämmerung im Schlafsack lagen und schliefen oder lasen – der Mann hatte ein paar Taschenbücher mit Trollgeschichten besorgt. Und sie erwachten erst wieder, als es taghell war und alle Trolle der Nacht wieder als Bäume oder Steine einen entsetzlich schönen Anblick boten.

Auf dem Thing wurde über dieses Thema viel palavert. Einige ganz Clevere schlugen vor, die Menschen durch ein gespenstisches Gebrüll zu wecken. Aber dieser Vorschlag musste verworfen werden, da Trollstimmen nun einmal über alle Maßen tief und höchstens als ein leichtes Beben der Luft wahrnehmbar sind. Ecke schlug vor, einfach kurzerhand das Zelt anzuzünden, um die Menschen herauszutreiben und anschließend noch mehr zu erschrecken. Aber nur die ganz miesen und unbeliebten Trolle unterstützten diesen Vorschlag durch ihren vorsichtigen Beifall.

Man fragte schließlich Haakon, der doch immerhin Gelehrter war, um Rat. Der alte Birkentroll vertiefte sich lange in seine Rinde und sagte dann: Man solle die Menschen am besten in Frieden lassen, denn sie würden sich untereinander schon genug erschrecken. Fast hätte es einen Aufstand gegen den weisen Haakon gegeben. Aber Minigoll erklärte schnell, er wüsste eine Lösung des Problems. Und da er seit der Geschichte mit Ecke trotz seines friedfertigen Aussehens einen gewissen Ruf hatte, hörte alles gespannt zu, als er vor die Thingältesten trat und zu sprechen begann, wobei er sich auf seine weißen Zehenspitzen stellte und zu seiner größten Größe reckte: »Ich, Minigoll von Trollba, Sohn des bösartigen Steinbrech und der verschlagenen Gerölla, geborene Halden, rate dem Thing Folgendes: Lasst uns tagsüber wie gewohnt die schönsten und anmutigsten Positionen einnehmen, dann werden uns die Menschen gerne betrachten und nicht so bald wieder von Trollba wegfahren. Das ist, wie ich meine, in diesem Fall die ›theorätische Basis‹ des Furchteinflößens.«

Er warf einen vorsichtigen Blick zu Knörran hinüber, der grimmig zu den Worten seines Schülers nickte und vernehmbar mit seinen braunen Zahnstümpfen knirschte, was als ein richtiges Kompliment galt.

Minigoll fuhr fort: »Wir warten zweitens einen schönen Tag ab, was nicht so schwer ist, da zurzeit alle Tage schön sind, und drittens sorgen wir dafür, dass nicht so viele Mücken am Zelt sind. Treten all diese Umstände ein, werden die Menschen sicher das Zelt aufmachen und über die Schlangenwiese in die Dämmerung hinaussehen. Der Zelteingang liegt genau, ich habe es mir angesehen, in Richtung Munchhügel, und von dort aus treten wir dann nacheinander in Erscheinung. In unseren allerbesten Positionen natürlich. Und ich bin sicher, das Blut wird diesen Menschen vor Schreck in den Adern gerinnen!«

Die letzten Worte hatte Minigoll mit erhobener Stimme gesprochen, wobei ein leichtes Hellrosa sein Gesicht überzog, was seinem Anblick etwas besonders Zartfühlendes verlieh. Alle nickten voller Zustimmung, und einige murmelten: »Das Blut wird ihnen vor Schreck in den Adern ganz und gar gerinnen.«

»Sie werden vor Schreck in Ohnmacht fallen«, sagte ein sehr alter Troll und verstummte, als alle die borstigen Hälse nach ihm drehten, danach wieder für tausend Jahre.

In der Nacht vor dem großen Furchteinflößen las Gerölla ihrem Sohn Geschichten von den Menschen vor, bei denen er sich so richtig gruselte. Sie sammelte nämlich wie Tannja alte Zeitungen, die der Wind manchmal von der Straße herüberwehte. Was dort alles geschrieben stand, übertraf die Vorstellungskraft eines gewöhnlichen Trollverstandes bei Weitem. Und Minigoll begann sich zu fragen, ob Haakon nicht doch recht hatte, wenn er meinte, dass man diese rätselhaften Wesen auf trollische Weise kaum mehr erschrecken konnte.

Schließlich und endlich kam die Nacht des großen Furchteinflößens heran. Wie verabredet sammelten sich alle Trolle bei Einbruch der Dämmerung am Thingwäldchen und marschierten dann im Gänsemarsch – wenn dieser ein wenig respektlose Ausdruck im Zusammenhang mit Trollen erlaubt ist – in Richtung Schlangenwiese. Es ging an der Farnhöhle vorbei, durch den Dorschhafen, die steilen Wände des ersten Trollriegels empor. Dabei sangen sie alle miteinander laut, falsch und so kräftig, dass das dadurch erzeugte Beben der Luft die zahllosen Mücken davontrieb.

»Aha, die übliche Abendbrise«, sagte der Mann zu Frau und Tochter und öffnete den Zelteingang. »Sie vertreibt die Mücken. Lasst uns noch ein wenig die Abenddämmerung anschauen.«

Die Familie sah im Zwielicht ein wahrhaft herrliches Bild: Hinter der Schlangenwiese, auf der ein leichter Nebel lag, erhob sich rund und schwarz der Munchhügel mit den zwei hohen Fichten darauf, und weit dahinter gewahrte man im fahlen Mondlicht die zerklüftete Bergkette des zweiten Trollriegels. Markant hob sich die Silhouette des auf dem Rücken schlafenden Riesentrolls gegen den allmählich dunkler werdenden Osthimmel ab, seinen Namen wusste niemand, und er war auch nie erwacht, obwohl ihm die Trolle von Trollba einige Jahrhunderte lang an den Basaltsohlen gekitzelt hatten.

»Sieh mal«, sagte der Vater zu seiner Tochter, »die Menschen dieser Gegend glauben heute noch, dass all diese Bäume und Steine nachts zu leben anfangen und als gräuliche Trolle und Gnome umherwandeln und Menschen und Tiere erschrecken!«

In diesem Augenblick trat, selbst für die Trolle überraschend, Tannja auf die Lichtung und schimmerte in einem grausigen Blaurosagrün und wedelte mit allen Zweigspitzen auf eine entsetzlich unrhythmische Weise. Das war ein Auftritt, der selbst alten, gruselerfahrenen Trollen aus dem hintersten Ende der Schlange, die sich in der Munchpassage drängelte, das sandige Blut in den Adern stocken ließ.

»Sieh mal«, rief die Tochter, »die Tanne dahinten leuchtet so schön im Mondlicht. Die möchte ich gern als Weihnachtsbaum haben. Bitte, bitte, lasst sie uns mitnehmen!«

»Das wird nicht gehen«, sagte der Vater. »Wir haben schon genug Gepäck, und bis Weihnachten wären bestimmt auch alle Nadeln abgefallen.«

»Dann kaufen wir eben hier Kerzen und machen sie an der Tanne fest …«

»Das ist aber eine Kiefer«, korrigierte der Vater.

»… und feiern Weihnachten im Voraus!«

Die Eltern lächelten amüsiert und schüttelten die Köpfe. Tannja aber war von all den Komplimenten des Mädchens so gerührt und aufgeregt, dass sie Blitz auf Schlag das Furchteinflößen einstellte und ganz stocksteif und manierlich in ihrem Alltagskleid dastand.

»Schade«, sagte die Tochter, »eine Wolke hat den Mond verdeckt. Jetzt gefällt mir die Tanne gar nicht mehr, aber es ist ja auch nur eine Kiefer.«

In diesem Moment sprang Knörran wutentbrannt auf die Wiese und vollführte mit seinem abgenadelten Wipfel wahre Veitstänze, entrindete sich selbst unter Stöhnen bis auf den knochenbleichen Stamm und kroch in diesem nackten Zustand in der Haltung eines Skorpions mit stark nach innen schielenden Augen rückwärts durch das Gras. Die anderen Trolle brüllten wie ein Mann vor Entsetzen auf. Es gab ein starkes Beben der Luft.

»Es brist auf«, sagte der Vater, »ich fürchte, morgen haben wir anderes Wetter.«

»Sieh mal, wie lustig die alte, morsche Kiefer dort im Wind wackelt«, sagte die Tochter. »Sie sieht ganz abgestorben aus. Können wir nicht ein Feuerchen machen? Du kannst doch den ollen Baum einfach klein hacken. Er brennt bestimmt gut.«

Knörran tat diese öffentliche Lästerung, noch dazu in Gegenwart seiner Schulklasse, bis in die feinsten Wurzelverästelungen weh. Außer sich vor Wut jagte er die ganze Horde der in seinem Rücken verlegen mit den Füßen herumscharrenden Trolle auf die Wiese.

Es gab ein fürchterliches Durcheinander. Ecke versuchte verzweifelt, alle zu übertreffen, indem er sich in den schrillsten Tönen immer schiefer und schiefer lachte und dabei gleichzeitig auf seinen grauen, platten Leib Fratzen mit weitaufgerissenen Mäulern malte. Gerölla polterte in wirbelnden Steinschlägen über die Wiese, und Steinbrech zermalmte in seiner souveränen Art ganze Granitquader kraftvoll zwischen den Fingerspitzen zu feinem Staub.

Auf dem Höhepunkt dieses Spektakels, das alle vergleichbaren Darbietungen dieser Gegend bei Weitem übertraf und das selbst in einer Walpurgisnacht einiges Aufsehen erregt hätte, schraubte Minigoll seinen weißen, kugelrunden Kopf ab und rollte ihn auf den sich drehenden wasserblauen Augen quer über den Rasen. Niemand hätte ihm eine solche Leistung zugetraut!

Als nun alle zum Zelt blickten, in der sicheren Erwartung, dort drei vor Schreck zu Salzsäulen erstarrte Gestalten sitzen zu sehen, war der Eingang schon verschlossen. Sie hörten noch leise, wie die Mutter sagte, dass man bei dem vielen Herumlaufen in der guten Luft so schön müde werde, und die Tochter bat ihren Vater, er möge ihr zum Einschlafen doch noch einige von den lustigen Trollgeschichten vorlesen.

Am nächsten Tag stellte sich tatsächlich schlechtes Wetter ein, und die Folge davon war, dass das Ehepaar samt Tochter die Gegend von Trollba verließ. Im Grunde war dies eine glückliche Wendung, denn die Einwohner von Trollba konnten sich so einigermaßen glaubhaft einreden, ihre Gruselei habe die Fremden in die Flucht geschlagen.

Schlecht erging es nur einem der Trolle, und das war Minigoll. Ein wahrhaft unerhörter Zufall warf sein steinernes Leben aus der Bahn und führte dazu, dass eine von allen als schmerzhaft empfundene Lücke im Gemeinwesen von Trollba entstand. Noch lange Zeit später beratschlagte der Thing ziemlich ratlos über das Ungeheuerliche, und selbst Tannja änderte ihr leichtfertiges Wesen ein wenig und wiegte sich wehmütiger als sonst im einsetzenden Herbstwind. Denn Minigoll war fort. Er war und blieb verschwunden, und alles verzweifelte Suchen nach ihm – auch der Klemmsteintroll rief nächtelang seinen Namen – blieb vergebens.

Folgendes war geschehen: Am Morgen nach dem unerhörten Trollzauberspektakel fiel ein feiner, aber umso beständigerer Nieselregen. Die Menschenfamilie packte daraufhin ihre mehr als sieben Sachen zusammen. Immer wieder ruderte der Vater mit dem Schlauchboot hinüber zum Auto, das an der Straße abgestellt war, und brachte Sachen hin, die die Mutter zuvor am Zelt in Kisten, Kartons und Plastiktüten verstaut hatte.

Das Mädchen half ihr dabei ein wenig, aber meistens streunte es herum, pflückte Blumen ab und warf sie wieder fort, aß Blaubeeren, zertrampelte Pilze und schmiss Steine ins Wasser.

Und genau bei diesem Spiel hatte es in der Nähe des Kleinen Flachwassers einen wunderschönen, kugelrunden weißen Stein gefunden, der genau in seine Hand passte. Aber statt ihn wegzuwerfen, hatte das Mädchen ihn in seine Schürze gesteckt, nachdem es ihn vorher ein wenig warmgerieben hatte, was Minigoll in seinen Träumen wohlig spürte. »Der schöne, runde Kiesel ist ein richtiges Reiseandenken«, hatte der Vater erklärt, »den nehmen wir am besten mit.«

Und so geschah es, dass der kleine Troll eine lange Reise ins Ungewisse im kalten Kofferraum eines fremden Autos antreten musste. Wer beschreibt seine Qualen der langen Nächte, in denen er, wie gewohnt, erwachte und sich eingezwängt zwischen Koffern, Säcken, Zeltstangen, Konservendosen und anderem Gepäck vorfand, eingeschlossen in einen schwarzen, rumpelnden und schaukelnden Sarg!

Abbildung

ZWEITES KAPITEL

Dies waren wirklich die schwärzesten Tage und Nächte in Minigolls bisherigem Leben. Mindestens eine Woche reiste er so, voller Angst und nach Atem ringend, durch Gegenden, von denen er genauso wenig sah, wie diese je einen Troll zu Gesicht bekommen hatten.

Nur einmal wurde der Kofferraum geöffnet. Ein Männerkopf mit einer Uniformmütze zeichnete sich dunkel gegen einen trüben grauen Himmel ab, eine Hand fuhr hernieder und warf die Sachen durcheinander, zwischen denen der runde weiße Stein lag. Minigoll ahnte nicht, dass dies ein misstrauischer Zöllner war, und der Zöllner wusste zum Glück auch nicht, dass er soeben einen schlafenden Troll berührt hatte, sonst hätte er bestimmt die Einfuhr verweigert oder einen Trollzoll erhoben.

Dann endlich war die Familie in ihrem Zuhause angekommen. Beim Auspacken entdeckte der Vater den weißen Stein und fragte seine Tochter, ob er ihn wegwerfen solle. Aber das Mädchen wollte ihn als Schmuck oder Briefbeschwerer für sein Zimmer haben. Es rieb und streichelte mit seiner Kinderhand ein paarmal über den wiederentdeckten Stein, weil der so schön glatt und gleichmäßig war. Minigoll spürte wohlige Wärme. Er träumte davon, dass er wieder in der Sonne seiner Heimat lag. Dann legte ihn das Mädchen auf die Fensterbank, wo er fortan tagsüber neben ein paar Muscheln, einem versteinerten Seeigel und einem Walfischzahn ein rein dekoratives Leben führte.

Es kam auch nie mehr vor, dass er gestreichelt wurde. Dafür wischte ihn einmal die Woche die Mutter des Mädchens mit dem Staubtuch ab und legte ihn dann peinlich genau an dieselbe Stelle zurück. Trauriger konnte für einen Troll kein Schlafplatz sein.

Und traurig waren für Minigoll auch die Nächte. Anfangs traute er sich kaum, wenn er gegen Abend aufgewacht war, die Fensterbank zu verlassen. Er setzte sich nur vorsichtig auf, ohne das leiseste Geräusch zu machen. Trolle können nämlich manchmal leiser sein als die Stille, und dann entsteht eine Art Klangloch, in das andere Geräusche hineinpurzeln und verschwinden.

Traurig sah Minigoll stundenlang durch dicke Fensterscheiben auf die baumlose Straße hinter dem Vorgartenzaun. Da leuchteten helle Neonlampen mit einem so kalten Licht, dass Minigoll die wasserblauen Augen fast zufroren. Die Lampen erhellten lauter hässliche Blechkästen, die entlang der Straße standen und dem glichen, in dem Minigoll seine unfreiwillige Reise hierher gemacht hatte.

Vergeblich mühte sich der kleine Troll, am Nachthimmel Sterne auszumachen. Er hätte dann wenigstens die Richtung für seine heimwehkranken Gedanken bestimmen und sich mithilfe des Polarsterns nach Norden träumen können. Aber nie sah er etwas anderes als Flugzeuge am Himmel. Fast immer war der Himmel trübe, dunstig und von Unheil bringenden Wolken bedeckt.

Minigoll verstand überhaupt nicht, wie man es in einer so entsetzlich langweiligen Gegend aushalten konnte. Und doch lebten hier fast so viele Menschen, wie es Mücken in seiner Heimat gab. Schließlich hielt er es nach einigen unbequemen, auf dem kalten Marmorfensterbrett verbrachten Nächten nicht mehr aus. Er ließ sich an einer der Metallrippen unterhalb der Fensterbank, die sich manchmal schön warm anfühlten, herab und landete auf dem Fußboden. Der fühlte sich ganz weich an, fast wie richtiges Moos, aber er roch nicht, und es gab auch keine Tiere und Blumen auf ihm.

Der Boden ist hier also genauso langweilig wie der Himmel, dachte Minigoll, und beinahe taten ihm die Menschen noch mehr leid als er sich selbst. Auf Zehenspitzen schlich er nun in der Wohnung umher, lauter kleine Klanglöcher als Fußstapfen hinter sich lassend, und erkundete sein Gefängnis. So also sah eine Menschenhöhle aus!

Minigoll wunderte sich, dass hier alles so kahl und glatt und gerade wirkte. Er sah auch, dass an vielen Stellen auf dem Kahlgeraden bunte Dinge angebracht waren, die wohl so etwas wie Schmuck sein sollten. So erblickte er zwischen kahlgeraden Brettchen gemalte Landschaften und Tiere. Manches wirkte auf ihn sogar fast ein wenig heimatlich. Da gab es Bäume, Steine und einen Bach, vor dem so etwas wie ein magerer Elch stand. Aber alles war tot und in falschen Farben gemalt und machte ihn beim Hinschauen ganz melancholisch.

So sind die Menschen, dachte Minigoll, sie wenden überall das gleiche Prinzip an zum Furchteinflößen. Erst machen sie etwas tot und ganz kahlgerade, und dann versuchen sie, es mithilfe von etwas anderem Toten und Kahlgeraden wieder lebendig zu machen. Diese viereckigen Schmuckbilder zeigen es deutlich: Erst verjagen die Menschen die Natur aus ihren Ecken und Höhlen, indem sie mit großen Lappen, Tüchern, Stöcken mit Haaren und lauten Brummsaugern hinter ihr her sind. Dann dichten sie alles gegen Regen, Wind, Sand und Mücken ab. Und schließlich besorgen sie sich eines jener Bilder, auf denen die Natur, die sie doch gerade verjagt haben, ganz schlecht gemalt ist, ohne Wind und ohne Regen und ohne Mücken. Warum nur, dachte Minigoll, betrachten die Menschen in ihren Höhlen gerade das so gerne, vor dem sie doch offenbar solche Angst haben?

Aber dies war ja nur eine der vielen Merkwürdigkeiten, auf die Minigoll im Verlauf seiner nächtlichen Entdeckungsreisen stieß. So fand er bald heraus, dass die Menschen jeden Abend bis spät in die Nacht vor einem kleinen viereckigen Kasten saßen, der grellbunt leuchtete und in dem immerzu lauter kleine Krachmenschen herumhüpften. Erst dachte Minigoll, es sei eine Art Menschenkäfig, denn er hatte zuvor den Vogelkäfig bemerkt, in dem ein armseliger, zerzauster Wellensittich hauste.

Es könnte ja ein Käfig für kleine Krachmenschen sein, die sich die großen Schweigemenschen zu ihrem Vergnügen gefangen hatten, dachte Minigoll. Denn wirklich, sie schienen viel Spaß daran zu haben, stumm vor diesem bunt flimmernden Viereck zu sitzen, hinter dem die kleinen Krachmenschen herumhüpften und Lärm machten. Die Schweigemenschen hörten dann nichts anderes mehr um sich herum, und Minigoll konnte auftreten, so laut er wollte oder sogar vor Wut mit dem Fuß aufstampfen.

Später allerdings kam Minigoll auf eine andere Erklärung: Der Kasten konnte nämlich auch eine Art Anführer sein, der den Menschen Befehle erteilte, also so etwas Ähnliches wie ein Thingältester. Jedenfalls war es auffallend, wie gebannt und ehrfürchtig die Menschen ihm immer zuhörten, ohne je ein Wort der Widerrede zu riskieren. Und immer wenn der Anführer sagte: »Und nun wünsche ich eine gute Nacht«, gehorchten die Menschen brav und gingen gleich darauf ins Bett.

Ein anderes Lieblingsding der Menschen war ein viel kleineres Kästchen, das sie sich oft und gerne ans Ohr hielten. Sie brüllten dann ziemlich laut, ohne dass jemand in ihrer Nähe zu sehen war, und sagten Sätze wie: »Die Verbindung ist leider ziemlich schlecht.« Oder: »Ich muss jetzt aufhören.« Und das stimmte wohl wirklich, denn offenbar verband die Menschen wenig miteinander, so schien es Minigoll, und ständig hörten sie auch mit irgendwas auf. Vielleicht sind das ja kleine Beschwerdekästchen, dachte er, oder aber Behälter zum Sammeln von Ohrenschmalz.

Erstaunlich auch der Raum des künstlichen Regens, in dem alles ganz weiß war und noch sauberer als sonst in der Wohnung. Dort stand ein großer Sturmkasten mit einem runden Fenster, durch das man das Meer sehen konnte. Das Wasser wirbelte schäumend im Kreis herum. Und in seinen Wellen trieben die Kleider von offenbar Ertrunkenen. Vielleicht haben die Menschen das Meer genauso gefangen wie mich und den armen Vogel, dachte Minigoll, und er tat sich samt den anderen ganz furchtbar leid.

Merkwürdigerweise waren die Menschen fröhlich, wenn der Regen im Regenraum auf sie herabfiel. Und dabei hatten sie nicht mal diese gelben Jacken an wie auf Trollba, wenn es dort heftig regnete. Damals hatten sie ganz traurig und enttäuscht ausgesehen, weil sie nass geworden waren. Hier jedoch sangen sie dabei fröhlich, laut und falsch.

Minigoll fiel es immer schwerer, sich auf das alles einen Reim zu machen. Am schlimmsten aber war es für ihn, mit anzuhören, wie die Menschen miteinander umgingen. Seine für eine vielfarbige Stille unter freiem Himmel geschaffenen Ohren registrierten jedes Geräusch in der Wohnung. Er verstand durch die Wände hindurch alles, was die Menschen miteinander sprachen, und obwohl es zumeist freundliche Worte waren, klangen sie doch wie die schlimmsten Grobheiten. Sie summten honigsüß wie die Bienen und stachen dann plötzlich zu und taten einander nicht selten furchtbar weh. Auch schien es den Menschen Spaß zu machen, den anderen zu trösten, nachdem sie ihn verletzt hatten. Sie kamen sich dann ungeheuer wichtig vor und waren ganz weich gestimmt vor Rührung über sich selbst.

Der Einzige, mit dem Minigoll in dieser schweren Zeit eine Art Leidensfreundschaft schloss, war ein alter Holzwurm namens Eduard, der im Kinderzimmer in einer schönen bunt bemalten Truhe, offenbar einem Erbstück, ein kärgliches Dasein fristete. Er hatte es wirklich schwer. Holzmehl durfte er nirgends hinterlassen, da er in ständiger Angst vor der Entdeckung lebte. Alle seine Verwandten waren bei einem entsetzlichen Massaker gestorben, als die Truhe vor Jahren in den Besitz der Familie gekommen war. Damals hatten die Menschen sich um das Möbel versammelt, waren mit langen, spitzen Nadeln in die Heimat des Holzwurms eingedrungen und hatten ein mörderisches Gift in die Alleen, Wandelgänge und Promenaden seines Stammes gespritzt.

Nur Eduard war der Schlächterei entkommen, da er sich gerade in einem Geheimfach der Truhe aufgehalten hatte. Er hatte es zufällig bei einem Spaziergang entdeckt, und bis heute kannte niemand dessen Existenz. Seine späteren Versuche, dieses gefährliche Revier zu verlassen und in ein anderes Möbelstück überzusiedeln oder gar in eine benachbarte Wohnung zu emigrieren, waren alle an den neumodischen Holzsorten gescheitert. Sie hatten meistens eine glänzende und harte Oberschicht oder waren, obwohl sie aus der Ferne wie Holz aussahen, aus einem völlig unholzigen Material, das die Menschen Plastik oder Kunststoff nannten.

Minigoll saß manche Nacht auf der Truhe und unterhielt sich mit Eduard über die Menschen und deren sinnloses Treiben. Ich hoffe nur, meinte der verbitterte Holzwurm einmal, dass irgendwann eine Generation von Plastikwürmern entsteht, die all ihre Sachen zugrunde richtet.

Es wurde Minigoll im Verlauf der langen und tristen Winterzeit, in der es nie richtig schneite – höchstens kamen mal im Fall bereits tauende Flocken von oben, Schnee, den die Kinder sehnsüchtig zu Schneebällen zusammenzukratzen versuchten –, immer klarer, dass die Menschen alle ziemlich unglücklich waren. Sie waren sich zu Minigolls Verwunderung dessen nicht einmal bewusst. Folglich gingen sie mit ihrem Unglück ganz verkehrt um und hegten und pflegten es wie eine seltene Pflanze.

Der Troll musste Haakon im Nachhinein ganz und gar recht geben: es machte wenig Sinn, diese Menschen zu erschrecken, denn das taten sie untereinander selbst am besten. Man konnte ihnen das Unglück an der Nasenspitze ansehen, wenn sie abends auf der Straße im Licht der Neonlampen, nach vorne gekrümmt wie in einem Kummerwind, vorbeizogen und dabei versuchten, glückliche Gesichter zu machen. Ganz verkrampft wirkten ihre Züge von dieser fortwährenden Anstrengung. Anscheinend hielten sie es für eine Schande, traurig zu sein, und für eine Schwäche, wenn hinter ihren wie von Gardinen zugezogenen Gesichtern für einen Moment die Seele sichtbar wurde.

Weihnachten kam heran, und zum Ärger von Eduard wurde auf der alten Truhe ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Er nadelte bald in der warmen Zimmerluft und seine Äste bogen sich tief unter der Last golden glänzender Kugeln und silbern glitzernder Sterne. Die schief sitzenden Kerzen in seinem Gezweig tropften nicht, weil sie elektrisch waren. Ob Tannja so ein Festkleid wirklich gefallen würde? Das fragte sich Minigoll, und ganz wehmütig wurde ihm ums Herz bei dem Gedanken an seine große Liebe.

Eines Nachts, es war schon fast Frühling, hielt es Minigoll nicht mehr aus. Er ließ sich einfach aus dem Fenster fallen, das wegen der frischen Luft einen schmalen Spalt geöffnet war. Zwischen zwei Rosenstauden rappelte er sich hoch und stand eine Weile unschlüssig im Vorgarten, denn er wusste ja nicht, in welche Richtung er gehen sollte. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Nicht nur weil das Fenstersims viel zu hoch, auch weil sein Heimweh übermächtig war und seine Angst vor der fremden Umwelt vertrieb.

Leute gingen an ihm vorbei, Minigoll verhielt sich still. Wahrscheinlich fanden sie, er sei ein besonders origineller Gartenzwerg, denn sie wandten ihm, wie er so weiß und vor Schreck ganz erstarrt zwischen den kahlen Rosenbüschen stand, das Gesicht entgegen und grinsten oder nickten ihm sogar zu, ehe sie weitergingen. Dann schlüpfte Minigoll durch den Gartenzaun. Er ging einfach nach links, in der Hoffnung, die richtige Richtung einzuschlagen. Eduard hatte ihm zum Abschied noch ein »Holz- und Steinbruch« nachgerufen, und Minigoll hatte mit »Gut Holz« und »Bohr heil, Eduard« geantwortet. Sie würden sich vermutlich nie wiedersehen, aber Freundschaft war in ihren Kreisen etwas, das auch in Gedanken weiter bestand.

Minigoll lief bis zum Morgengrauen, aber wegen seiner kurzen Beine kam er nur ein paar Häuserecken weit. Zudem hatte er in diesem Labyrinth der Wände und Straßen schon längst die Orientierung verloren. Und so wurde er schließlich müde und schlief mitten auf dem Bürgersteig ein. Ein paar Kinder, die zur Schule gingen, kickten ihn ein Stück weiter, und eines der Kinder warf ihn sogar gegen eine Straßenlaterne, wobei es ein lautes ›Kloing‹ gab.

So kam es, dass Minigoll, als er am Abend erwachte, eine Beule am Kopf hatte und außerdem zu seinem Schrecken die Gegend nicht wiedererkannte. Er lag auf dem Rost eines Gullis und wäre beinahe hindurchgefallen. Stinkendes Wasser rann neben ihm in die Tiefe und gurgelte unten in dem dunklen Erdloch. Schlaftrunken rappelte er sich auf und machte sich ein zweites Mal auf den Weg, wieder ohne recht zu wissen, in welche Richtung er gehen musste.

Es wurde ein langer und verregneter Marsch. Im Licht der Neonlampen warf Minigoll grüne Schatten. Sein weißes Haar hing ihm wirr in die Stirn und verlieh seinem Gesicht einen hoffnungslosen Ausdruck. Niemand bemerkte ihn. Da er weder einem Geldstück noch einem verlorenen Portemonnaie ähnlich sah, zog er keinen Blick der wenigen Menschen, denen er begegnete, auf sich.

Schließlich kam er an ein großes graues Gebäude, auf dem in leuchtenden Buchstaben das Wort ›Bahnhof‹ stand. Minigoll entsann sich, dass das Ehepaar, bei dem er den Winter verbracht hatte, abends im Bett einmal über eine Reise des Mannes gesprochen hatte und dabei öfters das Wort ›Bahnhof‹ gefallen war: »Ich verstehe dauernd Bahnhof«, hatte der Mann immer wieder in ärgerlichem Tonfall gesagt. Und die Frau hatte jedes Mal weinend geantwortet: »Deine vielen Geschäftsreisen kommen mir langsam spanisch vor.«

Wenn man mit einem Bahnhof nach Spanien reisen kann, dachte Minigoll troll-logisch, dann bringt er einen vielleicht auch nach Trollba. Und wenn es stimmt, dass die Erde keine Scheibe ist, wie Ecke und seine Anhänger behaupten, sondern, wie Haakon sagt, eine Kugel, dann muss ich nur lange genug nach Spanien fahren, um irgendwann den hohen Norden zu erreichen. Durch diese Vorstellung getröstet, betrat er erwartungsvoll das graue Steingebäude, in der Hoffnung, es würde ihn mitnehmen in Richtung Heimat.

Stunde um Stunde wartete Minigoll hinter ein paar Koffern versteckt, aber nichts geschah. Manchmal hörte er eine blecherne, schnarrende Stimme aus einem Kasten an der Decke etwas von Uhrzeit, Abfahrt und Verspätung sagen, doch er konnte sich zuerst keinen Reim darauf machen. Aber Minigoll war ein aufgeweckter Troll, wenigstens in der Nacht und besonders gegen Morgengrauen, und so begriff er allmählich, dass gar nicht der Bahnhof selbst reiste, sondern dass es hier Züge gab, die diesem Zweck weitaus dienlicher waren.

Vielleicht war es Minigolls Glück, dass der Koffer, hinter dem er sich verborgen hatte, gerade abgeholt wurde. Jedenfalls klammerte er sich schnell an die Unterseite und wurde so unbemerkt mitgenommen zu einem der stählernen Tausendfüßler.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Troll Minigoll von Trollba" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen