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Trinkgeld vom Schicksal

Informationen zum Buch

Die perfekten Momente im Leben

Die träumerische, gelassene Atmosphäre einer Nacht am Lagerfeuer rufen diese Geschichten, Beobachtungen und Szenen hervor Man hört zu, wird melancholisch, albern, nachdenklich, entspannt und erinnert sich am nächsten Tag weniger an das, was geredet wurde, als eben an - die Stimmung.

»Selim Özdogan sensibilisiert für die kleinen, denkwürdigen Augenblicke, für die es sich zu leben lohnt.« BRIGITTE

»Sandburg Schreiben ist wie Sandburgen bauen. Du setzt dich hin und baust etwas und willst, dass es schön wird, du gibst dir Mühe mit dem Ding. Vielleicht bekommst du einen Sonnenbrand, hast Durst und schwitzt, aber du kannst völlig darin versinken, diese Burg zu bauen, es ist eine schöne Beschäftigung. Es geht nicht darum, dass Leute vorbeikommen und dein Werk bewundern, aber es ist fein, wenn ab und an einer stehenbleibt, um es sich anzusehen. Irgendwann stellst du fest, dass du deine Zeit mit dieser Sandburg vertrödelt hast, während die andern gearbeitet und Geld verdient haben. Und nun bist du fast schon gezwungen, Eintritt zu nehmen, wenn jemand kommt, um sich deine Sandburg anzusehen.« Selim Özdogan

Selim Özdogan

Trinkgeld vom Schicksal

Geschichten

Es gibt keine Wahrheit. Ich glaube nicht, daß das Leben eines Menschen von seiner Philosophie bestimmt wird. Seine Philosophie ist vielmehr Ausdruck seiner Wünsche, Instinkte und Schwächen.

W. Somerset Maugham

Die Tochter des DJs

Die ersten zwei oder drei Minuten konnte ich im Halbdunkel nicht entscheiden, ob es ein Mann oder eine Frau war. Ich versuchte, Bartstoppeln zu erkennen, einen ausgeprägten Adamsapfel oder einen Busen unter der Strickjacke. Auch die Bewegungen halfen mir nicht weiter. Wir waren in einem Laden, in dem heute Dancehall Reggae aufgelegt wurde, es war vor Mitternacht und noch ziemlich leer. Ich stand mit dem Rücken an die Theke gelehnt da und sah mir die wenigen Leute an. Bald würden die kommen, die immer so spät ausgingen, die Tanzfläche würde sich füllen, ich würde tanzen, bis ich keine Lust mehr hätte, und dann fröhlich nach Hause fahren. Ich würde kurz auf die Uhr sehen, ob es eher zwei war oder vier, um nach einigen Stunden Schlaf direkt nach dem Aufstehen eine CD aufzulegen und noch ein bißchen nur für mich in meinem Zimmer zu tanzen. Heute abend war ich allein hierhergekommen, und ich genoß es, nur gucken, tanzen und schließlich gehen, ohne sich von jemandem verabschieden zu müssen oder länger zu bleiben, als man eigentlich wollte, oder eher weg zu sein.

Das Lächeln wirkte weiblich, doch erst, als sie die Jacke ausgezogen hatte, war ich mir sicher, daß das die schönste androgyne Frau war, die ich je gesehen hatte. Eine schlanke Person in Jeans ohne Hintertaschen und einem dunkelblauen T-Shirt mit weißen Bündchen. Ihr Gesicht war schmal mit ausgeprägten Wangenknochen und einem fast schon eckigen Kinn. Während sie sich eine Zigarette drehte, fragte ich mich, wie lange es dauern würde, bis sie merkte, daß ich sie anstarrte, wie lange würde es dauern, bis ich meine Blicke zügeln mußte.

Sie nahm sehr lange überhaupt keine Notiz von mir, ich konnte tanzen, sie ansehen, tanzen, sie wieder ansehen und manchmal auch beides gleichzeitig, doch dann mußte ich oft sehr bald die Augen schließen, um nicht vor Vergnügen zu platzen.

Das Soundsystem gab uns Baß, Baß, mehr Baß, feuerte ihn in unsere Knochen, ließ uns vibrieren, wärmte uns, schickte Funken in unsere Köpfe, explodierende Lichter in allen Farben des Tanzes, ich hörte Trillerpfeifen und Sizzlas Stimme, natürlich war die Musik das Heilmittel der armen Leute, aber auch das Heilmittel aller anderen, die Musik war unsere Fahrkarte in die purpurnen Freuden der Bewegung, sie war uns Stärkung und Hoffnung, sie war der Anker, sie war unser Mittelpunkt. Alles ist aus Klang entstanden.

Die Musik schien sie zu verwandeln, wenn sie tanzte, dann wurden ihre Bewegungen weicher, fließender, sie kippte den Oberkörper leicht nach vorne und ließ ihren Hintern kreisen, und der Schwung ihrer Hüften übertrug sich auf ihren ganzen Körper. Es war mittlerweile voller geworden, manchmal verlor ich sie aus den Augen, und wenn ich sie länger nicht sah, befürchtete ich, daß sie gegangen sein könnte. Sie schien viele Leute zu kennen, doch unterhielt sich mit jedem immer nur kurz.

Es mochte gegen zwei sein, als es mir drinnen zu voll wurde, ich kaufte mir das zweite Bier des Abends und ging raus, es war noch warm. Ich setzte mich auf das äußerste Ende des breiten Treppenaufgangs, trank und sah mir die Sterne an. Irgendwann fiel mir auf, daß ich wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten grinste.

Auf einmal stand sie neben mir.

– Hast du mal eine Zigarette für mich?

– Leider. Ich kann dir einen Schluck Bier anbieten.

– Erst brauche ich eine Zigarette, ich komme wieder, sagte sie.

Etwas später setzte sie sich neben mich, und ich reichte ihr wortlos, aber lächelnd die Flasche, sie trank einen kleinen Schluck.

– Das ist ein guter Abend, sagte ich.

– Ja, sagte sie, ich liebe die Musik.

– Ja, und alle tanzen und freuen sich und sind gut drauf.

Wir drehten gleichzeitig die Köpfe und sahen uns in die Augen, sie lächelte, ich auch, dann gab sie mir die Flasche zurück.

– Kennst du das, sagte sie, wenn du nach so einer Nacht aufwachst, du riechst noch nach Abend, die Melodien sind noch in deinem Kopf, der Rhythmus noch in deinen Beinen und

– du legst als erstes eine CD ein und tanzt allein in deinem Zimmer.

– Genau, sagte sie, genau. Aber spätestens am Nachmittag fühlst du dich leer und erschöpft, die Freude verfliegt, weil du sie nicht teilen kannst.

– Ja, so geht es mir auch immer.

Ich nahm noch einen Schluck aus der Flasche, und sie flitschte die Zigarette weg, lehnte sich zurück, stützte sich auf die Ellenbogen, legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel. Dann richtete sie sich wieder auf und sagte:

– Mein Vater ist DJ. Von ihm habe ich diese Liebe zur Musik.

– Wie alt ist denn dein Vater?

– 54.

– Ich stelle mir DJs immer jünger vor.

– Das ist keine Frage des Alters, sagte sie, er liebt diese Musik wie am ersten Tag.

– Wie heißt du eigentlich, Tochter des DJs?

– Dominique. Und du?

– Timo. Eigentlich Timur, aber es sagen alle Timo.

– Bist du allein hier?

– Ja, ich gehe gerne alleine tanzen. Kino und tanzen kann man gut alleine machen, ich muß das nicht gemeinsam haben.

– Aber es ist schöner.

– Ja, sagte ich und nahm noch einen Schluck, oft ist es schöner.

– Wohnst du allein? fragte sie.

– Ja.

– Ich auch.

War das ein Angebot? Wenn ja, war es mir viel zu schnell und viel zu direkt. Ich war verunsichert und wußte nicht, was ich sagen sollte. Gehen wir doch später zu dir, ich finde dich wunderschön, und ich hasse es, morgens allein aufzuwachen. Oder: Tut mir leid, das macht mir Angst, ich kann nicht umgehen mit Frauen, die so direkt sind.

Daß die Flasche mittlerweile leer war, merkte ich erst, als der Boden schon in den Himmel zeigte und immer noch kein Tropfen kam. Es war jetzt an mir, etwas zu sagen, doch ich war verlegen. Ist sie betrunken oder auf Pille, fragte ich mich, ich versuchte ihre Pupillen zu erkennen, die waren groß, ja, aber es war ja auch ziemlich dunkel draußen. Hatte ich sie vielleicht einfach nur falsch verstanden.

Das Schweigen legte sich jetzt wie gehärteter Sprühkleber auf uns, wir waren unfähig, uns zu bewegen, wir klebten fest an den Treppenstufen und ich zudem noch an der Flasche, wir beide aneinander, obwohl wir uns gar nicht berührten.

Schließlich schafften wir es, die Köpfe zu drehen und uns anzusehen.

– Laß uns reingehen, tanzen, sagte sie, es ist noch früh.

– Okay, sagte ich.

– Vielleicht bis später, Timur, sagte sie, stand auf und ging. Ich blieb noch ein wenig sitzen, bis ich den Sprühkleber nicht mehr fühlte und die Sterne wieder sehen konnte.

Drinnen ging ich direkt an die Theke, Schnaps, ich brauchte jetzt Schnaps, meine Güte, war ich schnell zu verunsichern, meine Güte, war ich langsam, Herrgott. Doppelte Wodka, drei Stück, dann auf die Tanzfläche, mich beruhigen, es dauerte, aber bald war ich wieder drin, in der Musik, raus, aus meinem Kopf.

Warum eigentlich nicht, was hatte ich schon zu verlieren, was konnte mir passieren? Schlimmstenfalls würde ich mich morgen früh ekeln, so einfach war das, als ich meinen vierten Doppelten kippte. Ich trank in letzter Zeit kaum noch, ich hatte nicht mehr so viele Hemmungen, die ich vergessen mußte, deshalb fiel es mir um so mehr auf, wenn ich trinken mußte, weil ich nicht anders konnte. Nüchtern zu schüchtern.

Dominique war noch da, tanzte, lächelte mich manchmal an, sah noch schöner aus als am Anfang. Vielleicht ist sie doch ein Mann, schoß es mir durch den Kopf, ein Schwuler, der es ausnutzt, daß Männer ihn manchmal für eine Frau halten, Dominik, na klar. Aber sie hatte doch nicht widersprochen, als ich sie Tochter des DJs genannt hatte. Ich sah mir Dominique noch mal an. Und wenn es ein Mann war, er sah gut aus, ein baumelnder Sack würde ihn auch nicht häßlicher machen. Außerdem liebten wir beide die Musik und wußten, wie es war, morgens als erstes eine CD aufzulegen.

Ich sah ihr noch ein wenig beim Tanzen zu, und als sie sich an den Rand stellte, um auszuruhen, ging ich zu ihr.

– Wollen wir gehen? fragte ich und fand mich plump und ungeschickt, aber noch mehr hatte ich nicht trinken wollen, dann mußte ich mich eben ein wenig schämen für diese Einfallslosigkeit.

– Gehen wir, sagte sie, ich habe noch ein paar schöne Stücke zu Hause, die wir gemeinsam hören können.

Draußen blieb Dominique kurz stehen und sagte:

– Timur, das ist ein türkischer Name, oder? Timur, es geht mir nicht um Sex, und wenn du jetzt mitkommst, dann tu mir bitte einen Gefallen, ja? Ich wache nicht gerne alleine auf, ich möchte, daß du morgen früh da bist, wenn ich die Augen aufmache.

– Na klar, sagte ich.

Vielleicht hätte ich doch mehr trinken sollen. Was für eine Frau.

Es war nicht weit bis zu ihrer Wohnung, ich kaufte mir noch ein Bier an der Tanke, und den Rest des Weges sangen wir. Zuerst hatte sie nur vor sich hingesummt, aber schnell erkannte ich die Melodie, und schon bald sangen wir zweistimmig. Das war lange her, daß ich nachts in den Straßen mit jemandem gesungen hatte, das war sehr lange her, doch es erfüllte mich nun mit Freude und nicht mit Wehmut. I don’t believe in civilization, but yet I still drive a car, I don’t believe in hard work, but still I have a farm, but look what it all comes down to, ain’t gonna figure it yet, ’till you have one hand full of ashes, and the other hand is putting your soul to rest.

Die Tochter des DJs, wir kannten dieselben Lieder.

Sie hatte eine Altbauwohnung mit einer kleinen Küche und einem großen Zimmer mit hoher Decke, das hier und da in Rot gestrichen war, als hätte sie nur rumprobiert. Auf dem Boden lag ein Futon, sie hatte eine große Holztruhe, riesige Boxen, zwei Technics Plattenspieler, 1210er nehm ich an, und eine beeindruckende Plattensammlung.

Dominique zog ihre Schuhe und Strümpfe aus, machte den Verstärker an, holte aus einer Kiste voller Singles eine Platte heraus und legte sie auf den Teller, auf den sie ihren linken Zeigefinger hielt, so daß er sich nicht drehen konnte. Ich durfte auf ihrem Bett sitzen und zusehen, wie Dominique die Nadel sanft auf das Vinyl setzte. Auch ich zog Schuhe und Strümpfe aus, wir lächelten uns an, draußen zwitscherten schon die Vögel.

– Gib uns Musik, sagte ich, und sie hob ihren Finger, und der Sound war mit einem Mal überall. Dominique kam hinter ihrem Plattenspieler hervor, und wir tanzten, wir rieben uns aneinander, warfen die Arme in die Luft, sprangen auf und ab, sie beugte wieder mit geradem Rücken ihren Oberkörper vor, streckte ihren flachen Hintern raus und ließ ihn kreisen.

Was für eine Frau, die sich im ersten Licht zu der Liebe ihres Vaters bewegte, eine Frau, die laufwärts immer Klang sein wird. Das perfekte Glücksversprechen, sie hatte den Baß in den Genen, falls wir uns doch liebten, würde ich durch sie auch die Musik streicheln, ich würde die Melodien küssen und von den tiefen Frequenzen umschlungen werden.

Dominique legte die nächste Single auf, und wieder die nächste, die neuesten Riddims, den heißesten Kram, noch eine, immer wieder drei Minuten, die alles bedeuten konnten. Schließlich sagte sie:

– Einen noch. Ska.

Ich staunte nicht schlecht, als ich Athena erkannte.

– Woher? fragte ich in die Stille hinein, nachdem wir noch ein letztes Mal durchs Zimmer getanzt waren.

– Ich bin die Tochter des DJs, sagte sie. Da kann ich doch auch türkischen Ska kennen.

Sie lächelte stolz, setzte sich auf die Matratze, drehte sich eine letzte Zigarette. Der Horizont suchte sich ein paar Orangetöne für einen schönen Morgen aus. Ich zog mein Hemd aus, knöpfte es auf, anstatt es wie sonst über den Kopf zu ziehen. Dann ging ich ins Bad, stellte mich ans Waschbecken und sah mir meine müden Augen an und mein Grinsen. Ich drehte den Wasserhahn auf, hielt meine Hände darunter, plätscherte ein wenig, drehte ihn wieder zu. Morgen früh würde Dominique uns als erstes eine Platte auflegen, vor dem Frühstück. Nachdem ich meine Hände abgetrocknet hatte, ging ich ins Zimmer zurück und setzte mich aufs Bett und knöpfte meine Hose auf. Dominique drückte ihre Zigarette aus und stand auf.

Als sie aus dem Bad kam, hatte sie ein T-Shirt an, das ihr bis knapp über die Knie reichte. Ich schlug die Decke zurück, sie legte sich mit dem Rücken zu mir hin und fragte: Löffelst du mich? Als ich an sie heranrückte, nahm sie meine Hand und legte sie sich auf den Bauch. Kurz hielt ich die Luft an, horchte auf den Rhythmus ihres Atems, dann stimmte ich ein. Schon bald zuckte ihr Bein, dann zuckte ihr Arm, ich fragte mich, ob auch ihre Finger zucken würden, und dann weiß ich nichts mehr.

Ihr Wecker zeigte halb eins, als ich die Augen aufmachte und mein erster Gedanke war: Sie ist kein Mann. Ich drehte mich auf den Rücken und lächelte dem Tag entgegen.

Als es schon kurz vor zwei war und Dominique immer noch nicht wach, stand ich leise auf und ging in die Küche, setzte Kaffee auf, versuchte dabei möglichst wenig Geräusche zu machen und hoffte doch, daß sie aufwachen würde. Was sie nicht tat. Ich blätterte in einer Musikzeitschrift, sah in den Kühlschrank, starrte aus dem Fenster, trank Kaffee, las die Rückseite der Cornflakespackung, langweilte mich.

Ihr Schlüssel lag auf dem Küchentisch, ich hatte Hunger, und so kam ich auf die Idee, daß ich ja Brötchen holen konnte, Dominique würde sich bestimmt freuen. Vorsichtig lugte ich ins Zimmer, sie schlief immer noch, ein Bein lag über der Decke, ihr T-Shirt war hochgerutscht. Ich sah mir diesen friedlichen Gesichtsausdruck an, ihre lange gerade Nase, die dichten Augenbrauen, das kräftige Kinn. Ich hatte das Gefühl, als könne ich mich verlieben. Ein Gefühl, das ich schon länger nicht mehr gehabt hatte.

Mit angehaltenem Atem wartete ich, ob ein Liderflackern mir möglicherweise verraten würde, daß sie schon wach war, daß sie mich genauso beobachtete wie ich sie. Doch sie schien tief zu schlafen.

Leise ging ich durch den kurzen Flur, steckte von außen den Schlüssel ins Schloß, drehte vorsichtig die Zunge zurück und zog dann leise die Tür zu. Mein Blick fiel auf ihr Klingelschild, Bellal, ein seltsamer Name.

Es war ein freundlicher, heller Tag, vielleicht würde ich ja den Rest den Sommers mit Dominique verbringen. Den ersten Passanten, der mir entgegenkam, fragte ich nach einer Bäckerei, es gab eine ein paar Straßen weiter, ich konnte mich gar nicht entscheiden, ob ich grinsen oder ein Lied pfeifen sollte. Frühstücken mit Dominique, ein sonniger Samstag, Musik in meiner Seele, die Welt paßte in mein Herz.

Der Name der Bäckerei machte mich schon etwas stutzig. Als ich dann drinnen stand, war die Ähnlichkeit verblüffend, die gleiche Nase, ein ähnliches Kinn, die Augen, die Wangenknochen, nur die lockigen blonden Haare paßten nicht so recht ins Bild.

– Bitteschön, was kann ich für Sie tun? fragte der Mann.

– Äh, Schrippen, vier oder, nee, fünf und Croissants und Negerküsse, jeweils zwei und Kuchen, Kirschkuchen …

Ich sagte einfach irgend etwas, ich entschied mich wahllos, und während er die Sachen einpackte, fragte ich:

– Waren Sie früher DJ?

– DJ? fragte er. Wieso DJ, ich bin Konditor.

– Aber Sie haben früher Platten aufgelegt?

– Nein, nie. Wie kommen Sie denn darauf? fragte er sichtlich verwundert.

– Keine Ahnung, war nur so ne Idee. Aber Sie sind schon Herr Bellal, oder? Das ist Ihre Bäckerei.

– Ja, sagte er, die Bäckerei Bellal gehört mir.

– Sie haben nicht zufällig eine Tochter oder sonstwie Verwandte, die Dominique heißt, oder?

– Doch, sagte er, ich bin der Vater. Kennen Sie sich?

– Dominique Bellal.

– Meine Tochter.

Ich nickte.

Als ich die Tür aufschloß, stand sie in ihrem T-Shirt im Flur, sie schien auf mich gewartet zu haben. In ihrem Gesicht, in ihrer ganzen Haltung lag ein Vorwurf, eine Ablehnung, als würden sich meine Gefühle in ihrem Körper spiegeln.

– Du warst nicht da, sagte sie, du hattest es versprochen.

Ich legte die Tüte mit den Brötchen und den Schlüssel auf den Boden, sagte: Tut mir leid, und ging. Ich wäre gerne der Sohn eines Heiligen gewesen.

54/46

Ist es Materie? war meistens die erste Frage, nachdem wir das alte Wer-bin-ich-Spiel erweitert hatten. Personenraten war irgendwann zu vorhersehbar und langweilig geworden, also hatten wir uns entschieden, daß man sich alles mögliche ausdenken konnte, einen Gegenstand, ein Tier, einen Film, eine Geste, ein Geräusch, ein Gefühl, einen Song. Man mußte Fragen stellen, um das zu erratende Ding einzugrenzen, und durfte bei jeder positiven Antwort weiterfragen, bei einem Nein kam der andere dran.

Man konnte auf fast alles kommen, wenn man nur geschickt fragte. Die erste Gitarrensaite, die beim Iggy-PopKonzert gerissen war. Der Lichtschalter in dem Hotelzimmer gestern abend. Eine Tätowierung, die Globalisierung, ein Liebesbrief, Hunger, Hundefutter im Angebot, die Freude über eine bestandene Prüfung, Kommunismus, die letzte Fritte in der Tüte. Wir brauchten ein wenig Zeit, aber wir kamen drauf.

– Ist es Materie? fragte ich, und Tom sagte nein.

Ich mußte feststellen, daß es auch kein Gefühl, keine Idee, kein Zustand, keine Abstraktion war. Es hatte etwas mit Kommunikation zu tun, fand ich heraus, aber das half mir nicht weiter. Tom hatte längst rausbekommen, was ich mir ausgedacht hatte: Der silberne Glanz, der an den Fingern haftet, nachdem man an einem Becks-Etikett rumgepiddelt hat. Und ich biß mir seit einer halben Stunde die Zähne aus an dieser Sache, die keine Materie war, mit Kommunikation zu tun hatte, international bekannt war, die fast jeder hatte, geschlechtsunabhängig und in nahezu jedem Haushalt zu finden, zumindest die Gattung, zu der dieses eine bestimmte Nicht-Ding gehörte.

Das Buju-Banton-Tape lief, sonst wäre ich wahrscheinlich nie drauf gekommen, 54/46 is my number, dröhnte es aus den Boxen und ich sagte:

– Ist es eine Telefonnummer?

– Ja.

Von da aus war es nicht mehr weit, es dauerte keine zwei Minuten, und ich hatte raus, daß es die Nummer von Sylvie aus Hamburg war. Sylvie war eine kleine Frau Anfang Zwanzig, ein wenig schrill und laut, immer irgendwie auf der Suche nach dem richtigen Mann, voller überbordender Leidenschaft, eine Person, die immer ein wenig gehetzt wirkte, weil ihr die Tage zu kurz waren, um so viel Leben reinzupacken, wie sie wollte. Ich beschloß, sie heute noch anzurufen.

Manchmal wurde Telefonieren zu einer abendfüllenden Beschäftigung für mich, obwohl es mir unnatürlich vorkam, drei Stunden lang mit einem Plastikhörer in der Hand dazusitzen oder zu liegen und einen Haufen Geld dafür zu bezahlen. Kein persönlicher Kontakt, sondern nur ein Ersatz. Wenn ich ausgegangen wäre und etwas getrunken hätte, wäre es genauso teuer geworden, tröstete ich mich und betrank mich oft genug noch nebenbei.

Immer wieder dachte ich an diese Stelle in dem Band mit Bukowskis Briefen Screams from the balcony, wo er schreibt, daß betrunkene R-Gespräche quer durch die Staaten, an die er sich hinterher nicht mehr erinnern kann, zu seinen Spezialitäten gehören. Ich konnte das verstehen, irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo vier Wände und achtzehn Drinks nicht mehr ausreichen, es kommt der Zeitpunkt, an dem man eine menschliche Stimme braucht und eine gewisse Entfernung, damit man die Illusion aufrechterhalten kann, daß der andere einen versteht.

Ich brauchte mich nicht zu beschweren, ich war in der glücklichen Lage, daß Leute aus den seltsamsten Gründen bei mir anriefen. Eine Buchhändlerin wollte mich wissen lassen, daß sie nicht kontaktscheu sei, weil ich so etwas mal in einer Geschichte geschrieben hatte und weil sie sich gleich persönlich angesprochen fühlte von dem Vorurteil, das mir anscheinend nicht geholfen hatte zu erklären, worauf ich eigentlich hinauswollte, aber immerhin hilfreich gewesen war, um einen Abend lang zu telefonieren.

Vielleicht sollte ich öfter ganze Berufsgruppen verunglimpfen. Friseurinnen sind schrecklich geschwätzig, Schauspielerinnen eingebildet, Erzieherinnen im normalen Leben nicht durchsetzungsfähig, Krankengymnastinnen stets geschmacklos gekleidet, Bibliothekarinnen werden im Schnitt mit 35 entjungfert, Fleischereifachverkäuferinnen haben dicke Hintern, ökologisch angehauchte Emanzen stehen auf Fesselspiele. Also, ruft mich an, wenn ihr da irgend etwas klarstellen wollt. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, lesen die alle keine Bücher, oder?

Nein, ich brauchte mich nicht zu beschweren, es gab Menschen, die gaben in ihrem Frust noch viel mehr Geld fürs Telefonieren aus und das ohne persönlichen Kontakt.

Als ich einundzwanzig war und unbedingt Schreiber werden wollte, aber keine genaue Vorstellung davon hatte, wie man das am besten anfängt, nahm ich so ungefähr jeden Deppenjob an, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Meine Manuskripte wurden von den Verlagen mit Formbriefen zurückgeschickt, und ich brauchte Geld für Briefmarken, fürs Kopieren, für die Miete und für Tabak und Bier und Fast food. Ich wollte schreiben und dafür bezahlt werden, aber ich schuftete in Fabriken, stapelte Paletten, tütete Briefe ein, schleppte Säcke voller Sand für eine BMX-Veranstaltung in eine Halle und hinterher wieder raus, bewachte nachts Messestände und verteilte Prospekte. Ich war ständig auf der Suche nach einem besseren Job, irgendwo im Warmen, wo man nicht körperlich arbeiten mußte, also saß ich jedes Wochenende mit der Ausgabe der Lokalzeitung da und studierte die Rubrik Arbeitsangebote. 80 000,– DM pro Jahr ohne Vorkenntnisse, das hörte sich gut an, aber ich sparte mir das Geld für ein Ortsgespräch, das konnte kaum seriös sein. Reinigungspersonal, Haushaltshilfe, Hundesitter, Kurierfahrer, Glasreiniger, Automatenfüller, Abonnentenwerber, Tankstellennachtkassierer, Inventurhelfer, Propagandist für Wurstdelikatessen, die Auswahl war riesig, aber da war nichts, das ich wirklich gerne getan hätte.

Eines Samstags stieß ich auf die Anzeige: Kurzgeschichtenschreiber gesucht. Tel. 544654. Bingo, dachte ich, das ist es, ich hab es doch immer gesagt, es herrscht in diesem Land ein Mangel an guten Schreibern, die sind jetzt schon so weit, daß sie per Zeitungsannonce suchen müssen. Das ist mein Job. Zu Hause an der Schreibmaschine sitzen und Geld verdienen, zunächst nicht mit eigenen Sachen, sondern mit Auftragsarbeiten, aber was solls?

Sofort rief ich die Nummer an und hatte ein Band am anderen Ende der Leitung, das mir eine weitere Nummer nannte, die ich anrufen sollte, falls ich wirklich an diesem Job interessiert wäre. Ich notierte die Nummer, rief an und hatte wieder ein Band am anderen Ende, wo mir eine Männerstimme eine weitere Nummer nannte, die ich wählen sollte, wenn ich ein genuines Interesse an dieser Tätigkeit hätte. Fröhlich wählte ich auch diese Nummer, wenn mir etwas wichtig ist, kann man mich nicht so leicht abschrecken. Endlich hatte ich eine lebende Person dran, einen Mann, der mir erklärte:

– Sehen Sie, ich habe eine Telekommunikationsfirma, und wir bauen uns gerade ein zweites Standbein auf, für das wir noch engagierte Mitarbeiter suchen. Unsere Tätigkeit wird sich auf den Bereich der gebührenpflichtigen Nummern beschränken, wenn Sie verstehen, was ich meine …

– Nicht so ganz.

– Nun, Sie haben doch bestimmt schon mal von diesen gebührenpflichtigen Nummern gehört, bei denen man anrufen kann. Die werden hauptsächlich von Männern frequentiert.

– Telefonsex?

– Nennen Sie es, wie Sie wollen. Sie verstehen, wonach wir suchen?

– Nicht direkt.

– Also, das Prinzip ist einfach, jemand wählt die Nummer, und am anderen Ende geht ein Band an, ähnlich wie bei einem Anrufbeantworter, und auf diesem Band ist dann eine Frauenstimme zu hören.

Ja, aber was hatte ich damit zu tun?

– Sehen Sie, und die Damen, die die Texte auf Band sprechen, sind leider nicht besonders phantasiebegabt, deshalb brauchen wir jemanden, der diese, äh, Kurzgeschichte schreibt. Trauen Sie sich das zu?

– Ja, natürlich, das ist überhaupt kein Problem.

Ich wollte Schreiber werden, und dies schien mir ein Einstieg, wie fragwürdig auch immer. Es war doch ein Handwerk, und wenn man es beherrschen wollte, mußte man alles schon mal gemacht haben.

Der Mann erklärte mir, daß die Texte ungefähr vierhundert Worte lang sein mußten, man keine Ausdrücke verwenden durfte, sondern das Gebiet der Pornographie mit möglichst anschaulichen Metaphern umschiffen sollte. Innerhalb der ersten drei Sätze sollte der Hinweis auftauchen, daß der Anrufer bitte auflegen solle, wenn er noch nicht volljährig sei. Am Ende kam die Frau mit lautem Geschrei und Gestöhne, und als Schlußsatz sollte immer drunter stehen: Dieser Text ist weder jugendgefährdend noch in strafrechtlicher Hinsicht anfechtbar. Als würde allein die Behauptung reichen, aber er erzählte mir irgend etwas von Anwalt und Bestimmungen, und ich nickte einfach ab.

Wir vereinbarten, daß ich eine Arbeitsprobe erstellen sollte, wie er es nannte, zunächst unentgeltlich, als Bewerbung sozusagen, aber wenn ich genommen würde, würde diese Kurzgeschichte, wie alle weiteren auch, mit 17 DM pro Stück honoriert werden.

Ich erstellte eine Arbeitsprobe, sie wurde für gut befunden, ich war genommen, ich war Sexgeschichtenschreiber. Endlich wurde ich bezahlt für Worte, die ich auf Papier brachte, und die Bezahlung war eine Revolution für mich, 17 Schleifen pro Geschichte, nachdem ich den Bogen raushatte, brauchte ich kaum länger als eine Viertelstunde, um so eine Geschichte in die Maschine zu tippen. 17 Tacken in fünfzehn Minuten, das war ein Haufen Geld für jemanden, der bisher immer nur auf Stundenlohnbasis gearbeitet hatte, mal zwölf, mal fünfzehn, vielleicht sogar zwanzig Mark, wenn es hochkam, aber siebzehn mal vier, das waren 68 Mark, wen scherte es da, daß der Mann gerade mal zehn Geschichten in der Woche brauchte und ich immer noch nebenbei arbeiten mußte. Ich wurde fürs Schreiben bezahlt und das nicht mal schlecht, ich wähnte mich dem Glück sehr nah.

Zumindest einige Wochen lang, dann gingen mir langsam, aber sicher die Ideen aus, ich hatte alle Haarfarben, Brustgrößen, Schamhaarlängen und Orte durch, das Thema erwies sich als nicht sonderlich ergiebig. Ich hatte die vertracktesten Metaphern gefunden, was meinen Arbeitgeber begeisterte. Ich ließ sie Springerstiefel tragen, und so konnte ich Soldat statt Schwanz sagen, und der mußte natürlich in die Kaserne, ich ließ es auf einem Rockkonzert passieren, er hatte eine überlange Zugabe in der Hose, die den ganzen Saal beben ließ, im Wald steckte man einen Ast ins Unterholz, ein Wagenheber zum Aufbocken, diesen schlechten Vergleichen waren keine Grenzen gesetzt, aber meiner Phantasie schon. So fing ich nach einiger Zeit an, einfach die Namen und Haarfarben der Damen zu ändern und dem Mann alte Geschichten erneut anzudrehen. Was auch bestens funktionierte, keiner merkte etwas, es war eine hohle, stupide Art, Geld zu verdienen, aber ich hätte wohl noch sehr lange so weitergemacht, wenn ich nicht zufällig festgestellt hätte, daß in diesem Geschäft, wie wahrscheinlich überall in der Sexindustrie, sehr viel mehr Geld steckte, als ich geahnt hatte, daß mein Stück vom Kuchen einfach viel zu klein war. Die Frauen, die die Texte auf Band sprachen, bekamen 35 Mark die Stunde, und eine Stunde war schnell rum, wenn man bedachte, wie langsam sie sprachen und wie oft sie tief Luft holen mußten, um hinterher lange zu stöhnen. Doch das meiste Geld ging für die Werbung drauf, wie ich herausfand, und niemand würde so viel Werbung machen, wenn es sich nicht rentierte. Ich verlangte eine Lohnerhöhung, ich wollte 25 DM pro Text, mein Chef weigerte sich, und ich hörte auf, Sexgeschichten zu schreiben, und verschickte wieder Manuskripte an Verlage.

Ich habe es mir damals nicht nehmen lassen, auch mal diese Nummer anzurufen, vielleicht gewannen meine Geschichten ja durch den gelungenen Vortrag. Aber eher das Gegenteil war der Fall. Ich wollte es nicht glauben, daß es tatsächlich Männer gab, die regelmäßig dort anriefen und mehr befriedigten als nur ihre Neugier. Wenn jeder nur einmal aus Jux anrief, dann wäre das Geschäft ja irgendwann mal erledigt gewesen wie Tamagotchis, aber nein, es mußte auch verzweifelte Typen geben, die mit offener Hose, den Hörer in der Hand, dasaßen und dieser Frau lauschten, die sich zwischen zwei Worten anhörte, als würde ein Blasebalg quietschen. Doch ich konnte sie nicht verachten, im Grunde wollten sie wahrscheinlich dasselbe wie ich: der Einsamkeit entkommen und mit einer Frau telefonieren. Was konnte ich dafür, daß ich schon immer das Glück hatte, Frauen zu kennen, mit denen ich Telefonbekanntschaften pflegte? Was konnte ich dafür, daß dieser Job der erste Schritt gewesen war, um öfter angerufen zu werden? Diese Männer trösteten sich wahrscheinlich ähnlich wie ich. Eine Nutte wäre teurer gekommen, oder der Aufriß mit den vielen Getränken oder eine ständige Beziehung mit den kleinen Aufmerksamkeiten und Geschenken. Ihren Wunsch, einer Stimme zuzuhören, konnte ich verstehen. Mir war nicht richtig begreiflich, wie man diese Geschichten erregend finden konnte. Ich zweifelte manchmal daran, ob das überhaupt der Fall war, aber als Witz waren diese Nummern dann doch zu teuer. Und wenn diese Männer sich wirklich mit dem Hörer in der Hand befriedigten, dann, ging mir auf, dann war ich einer der wenigen heterosexuellen Männer, die in ihrem Leben mehr Männern als Frauen zum Orgasmus verholfen hatten. Eine fragwürdige Ehre, und die paarmal, die ich mit Sylvie Telefonsex hatte, reißen es nun echt nicht raus.

Wechselgeld

sei ein blatt

an einem baum

und laß den wind

an dich ran

altes keuschheitsgebet

der tibetaner

Das klingt jetzt vielleicht ein bißchen seltsam, aber ich kann vorhersagen, wann es regnen wird. Wirklich. Ich fühl mich sehr sonderbar in letzter Zeit. Ich verhalte mich auch sehr sonderbar, ich rede mit mir selbst und grinse und lache ohne jeden Grund. Irgend etwas geht da vor, mein Leben scheint sich zusammenzufügen, eine Richtung zu nehmen.

Heute morgen habe ich meinen CD-Spieler auf Shuffle gestellt und mir Track 12 gewünscht. Er kam, Track 12, und ich habe aufgedreht und getanzt in meinem Zimmer.

Beim Yoga sind mir, während ich auf dem Kopf stand, Bilder ins Hirn gepurzelt, aus einem Leben, das mir noch geschenkt werden würde. Ich habe den Mann angerufen, der die beiden Bücher geschrieben hat, die beiden, die mich in dem letzten halben Jahr begeistert haben. Er ist vier Jahre älter als ich und hat noch vierzehn weitere Romanmanuskripte in der Schublade. Zehn Jahre hat er zu Hause gesessen und geschrieben. Jetzt kann er aus dem vollen schöpfen und alle paar Monate ein Buch veröffentlichen und vielleicht noch öfter lachen als ich.

Es wundert mich, wie oft ich lache. Manchmal sitze ich auf der Toilette und versuche mir alles gleichzeitig anzuschauen, um den Plan zu verstehen, und dann muß ich lachen.

Vierzehn Manuskripte, wenn die so gut sind, wie die beiden Bücher, dann habe ich erst mal ausgesorgt. Dann muß ich nicht mehr verzweifelt suchen, dann habe ich wieder etwas, bei dem ich auf jeder zweiten Seite staune. Da geht einiges, bei diesem Mann, der für uns zehn Jahre zu Hause gesessen hat und die Tasten auf seinem Rechner neu belegt, damit das Schreiben schneller geht.

Ich kann vorhersagen, wann die Sonne scheinen wird, das ist nicht leicht im Mai in Deutschland. Ich fühle mich sehr seltsam, in meinem Kopf geht es drunter und drüber, mal wird es bunter, dann wieder trüber. Doch meistens ist es sehr farbig, und die Bilder ändern sich so schnell, daß ich sie nicht festhalten kann. Ich kann vorhersagen, wann ich grinsen werde, aber ich wußte nicht, daß ich heute meine erste Freundin auf der Straße treffen würde. Wir hatten uns zehn Jahre lang nicht gesehen, obwohl wir in derselben Stadt wohnen, aber ich hatte in letzter Zeit oft an sie gedacht und sogar ihre Nummer aus dem Buch gesucht.

Dann haben wir uns getroffen, bei Sonnenschein, den ich vorhergesagt hatte. In ihren blauen Augen waren kleine rote Punkte, als wäre sie ein Kaninchen oder unecht wie ein Foto. Ich habe diese kleinen roten Punkte neben ihren Pupillen nicht verstanden. Lichtreflexe von ihren aufgehellten Haaren oder von meinem roten T-Shirt oder von den Erdbeeren, die sie gekauft hatte.

Wir haben lange geredet, über die anderen in den alten Zeiten und ein bißchen darüber, was wir jetzt so treiben und daß wir keine Kinder haben. Wir haben lange geredet, sie wohnt seit einem halben Jahr schräg gegenüber, doch wir sind uns erst heute begegnet. Denn ich fühle mich erst in letzter Zeit so sonderbar. Wir haben uns unterhalten, und später habe ich gemerkt, daß ich angegeben habe. Und zuviel erzählt. Aber dann habe ich wieder gegrinst. Es ist rund, zehn Jahre später ist es rund, unsere Wege haben sich bei Sonnenschein gekreuzt, sie hatte diese roten Punkte in den Augen, ich Schweißflecken unter den Armen, es ist jetzt abgeschlossen, die letzten zehn Jahre sind rund, wie ein aufblasbarer Plastikball, mit dem man am Strand spielt.

Ich kann auch den Wind vorhersagen, und der treibt den Ball aufs Meer. Mein Leben nimmt eine Richtung, ich kann es fühlen, die Zeiten ändern sich, ich kann es fühlen, und es ist nicht wie früher auf Trip, als dieses Gefühl verschwand, sobald ich nüchtern wurde. Die Zeiten ändern sich gerade, ich kann es in meinen Knochen fühlen, ich werde eine Frau treffen, leben, lieben und arbeiten, ich werde eine Frau finden, alles fügt sich zusammen. Ich werde lachen, fett grinsen und wiehern, ich werde voll werden und überlaufen und ihre Fingerspitzen küssen. Alles fügt sich zusammen, morgen wird die Sonne scheinen, ich fühle mich sehr sonderbar in letzter Zeit, ich werde eine Frau treffen, leben, lieben und arbeiten.

Die Musik hören

Am ersten Tag, als sie uns die Uniformen gegeben hatten und wir in den ungewohnten, schlecht sitzenden, tarnfarbenen Hosen und Jacken auf die Beendigung der Formalitäten warteten, sah man den meisten von uns an, daß sie sich unwohl fühlten, verängstigt, eingeschüchtert. Der erste Tag in der Kaserne, fast zwei Monate würden wir hierbleiben, für den Rest der regulären achtzehn Monate Wehrdienst hatten wir uns freikaufen können, aufgrund einer Regelung, die Devisen ins Land bringen sollte.

Einer saß auf der vorderen Kante eines Stuhls, vorgebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Hände verschränkt. Er wirkte wie ein ausgebildeter Einzelkämpfer, der gelassen auf seinen Einsatzbefehl in der Gefahrenzone wartet. Er hieß Sinan, doch später nannten ihn alle nur Rambo, ein 1,90 großer Kerl mit gewaltigen Schultern, bestimmt hundert Kilo schwer, mit Trapezmuskeln dick wie Schiffstaue und erstaunlich zartgliedrigen Händen. Es hätten die Hände eines Pianisten sein können oder eines Uhrmachers. Die Adern auf seinen Handrücken sahen aus wie blaues Nähgarn.

Rambo hatte in Deutschland zweieinhalb Jahre im Knast gesessen, wegen Erpressung, wie er sagte.

– Ich mein, die haben gesagt, es sei Erpressung, aber die Kohle gehörte uns, verstehste? fügte er hinzu, und ich fragte nicht nach den Einzelheiten.

– Zweieinhalb Jahre, Alter, weißt du, was das für ein Gefühl war, nach zweieinhalb Jahren zum ersten Mal wieder zu ficken? Ich dachte, ich sei Jungfrau. Das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Konnte ich tatsächlich nicht.

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