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Treuesprünge

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagung
  8. Prolog
  9. Kapitel 1 - Das Penis-Embargo
  10. Kapitel 2 - Ich kann fühlen, wie sich die Erde bewegt
  11. Kapitel 3 - Bleib, wie du bist
  12. Kapitel 4 - Wenn du jetzt gehst
  13. Kapitel 5 - Wir sind doch eine Familie
  14. Kapitel 6 - Der Sexpalast
  15. Kapitel 7 - Willst du mir wirklich wehtun?
  16. Kapitel 8 - Diese Stiefel sind zum Gehen da
  17. Kapitel 9 - Doctor Feelgood –Der Mann, bei dem frau sich wohl fühlt
  18. Kapitel 10 - Über neue Brücken
  19. Kapitel 11 - Vom Winde verweht
  20. Kapitel 12 - Mann, ich komme mir vor wie eine Frau
  21. Kapitel 13 - Hab ich dir kürzlich schon gesagt …?
  22. Kapitel 14 - Mach’s mir noch einmal
  23. Kapitel 15 - Halt, im Namen der Liebe!
  24. Kapitel 16 - Immer hübsch langsam
  25. Kapitel 17 - Teenagerliebe
  26. Kapitel 18 - Ich hab schließlich dich, mein Schatz
  27. Kapitel 19 - Wenn du mich jetzt verlässt
  28. Kapitel 20 - Mach mein Herz wieder ganz
  29. Kapitel 21 - Unwiderruflich und für immer, ich gehöre dir

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Shari Low

Treuesprünge

Roman

Aus dem Englischen von
Sylvia Strasser

Der unvergleichlichen Betty Murphy –
ich werde nie aufhören, Dich zu vermissen.

Danksagung

Mein ganz großer Dank gilt wie immer dem großartigen Lübbe-Team: Gerke, Ursula, Margit, Sylvia und Melanie und allen anderen, die hervorragende Arbeit in meine Bücher investiert haben – ich bin euch dafür sehr dankbar!

Und ein ganz herzliches Willkommen unserem prächtigen Neuankömmling, Claire – ich hoffe, dass Du dieses Buch eines Tages lesen wirst … aber erst, nachdem ich alle unanständigen Wörter gestrichen habe!

Prolog

The Daily Globe, 22. Juni 2006

Der stellvertretende Premierminister John Prescott kündigte heute an, dass die Regierung in Übereinstimmung mit der europäischen Gesetzgebung beschlossen hat, das Betreiben von Bordellen innerhalb Großbritanniens zu erleichtern.

Die umstrittene Maßnahme sieht vor, dass es vom 1. Juli dieses Jahres an Aufgabe der Kommunen sein wird, Einrichtungen zu genehmigen und zu kontrollieren, die Sex gegen Geld (oder andere Zahlungsmittel) anbieten.

»Wir sind uns bereits seit einiger Zeit darüber im Klaren, dass die gegenwärtige Gesetzgebung hinsichtlich der Unterhaltungsindustrie für Erwachsene weder realistisch noch effektiv ist«, sagte Mr Prescott, als er die Änderung bekannt gab. »In den vergangenen Jahren hat einerseits die Zahl der Verhaftungen wegen Prostitution und andererseits der Zustrom von Menschen aus anderen EU-Ländern, die im Sexgewerbe tätig sind, drastisch zugenommen. Die Regierung ist daher zu dem Schluss gelangt, dass die rechtliche Anerkennung dieser Branche der einzig fortschrittliche, vernünftige Weg ist – nur so kann sie reguliert und kontrolliert werden. Ich versichere Ihnen, dass ich die erfolgreiche Umsetzung der neuen Richtlinien persönlich überwachen und mich in den nächsten Monaten für eine Weiterentwicklung geeigneter Maßnahmen in diesem Bereich einsetzen werde.«

Finanzminister Gordon Brown hat sich bislang nicht zur Sache geäußert, doch es wird davon ausgegangen, dass er der neuen Gesetzgebung zustimmt und das Finanzministerium angewiesen hat, die nötigen verwaltungstechnischen Maßnahmen einzuleiten, um eine vollständige finanzielle Transparenz zu gewährleisten.

Es ist noch nicht bekannt, wie Premierminister Tony Blair zu der Angelegenheit steht. Mr Blair befindet sich seit siebenundfünfzig Tagen in der Klinik The Priory; der Grund für seinen Aufenthalt dort ist nicht bekannt. Ehefrau Cherie Blair, die sich zurzeit auf einer äußerst lukrativen zweimonatigen Vortragsreise in den USA aufhält, erklärt, ihr Mann mache Fortschritte und hoffe, seine Aufgabe als Premierminister bald wieder wahrnehmen zu können.

1.

Das Penis-Embargo

Ginnys Zimmer, Farnham Hills in den tiefsten Cotswolds, Herbst 2007

»Du meinst, so was wie ein Penis-Embargo?«

»Genau das meine ich«, erwiderte Roxy. »Ich werde mich offiziell zur schniedelfreien Zone erklären. Ich mache eine Zwölf-Punkte-Penis-Entziehungskur. Erster Schritt: Fester Freund wird abgeschossen. Zweiter Schritt: Stelle wird gekündigt. Dritter Schritt: Beste Freundin wird rekrutiert, damit sie mir hilft, einen neuen Job zu finden. Äh … Ginny, damit bist du gemeint.«

Stille trat ein, eine Stille, die so bedeutungsschwanger war, dass sie beim Sozialamt Milchgutscheine und Kindergeld hätte beantragen können.

Roxy wartete auf eine Reaktion von Ginny, doch es kam keine. Das lief nicht so, wie Roxy es sich vorgestellt hatte. Normalerweise konnte sie sich darauf verlassen, dass Ginny so reagierte, wie sie es in dieser Situation immer tat, seit sie beide miteinander im Laufstall gespielt hatten, nämlich:

Erster Akt: Augen verdrehen.

Zweiter Akt: missbilligend mit der Zunge schnalzen.

Dritter Akt: ein Gesicht machen wie jemand, der gerade entdeckt hat, dass er auf einer Wespe herumkaut.

Vierter Akt: kapitulieren, Mitgefühl zeigen, Freundin aus schier aussichtsloser Lage heraushauen.

Aber dieses Mal – Fehlanzeige. Ginny starrte trübsinnig ins Leere, als wäre sie der Wirklichkeit entrückt – ein tranceartiger Zustand, wie man ihn gern in der Warteschlange vor dem Bankschalter einnimmt oder beim Arzt, während dieser einen Abstrich macht.

»Ginny?«, sagte Roxy behutsam, um die Aufmerksamkeit ihrer Freundin auf das zu lenken, was für sie das Wichtigste im Leben war – sie selbst.

»Was?«

»Hast du nicht gehört? Ich brauche Hilfe, Ginny! Ich bin ledig, auf Arbeitssuche, verzweifelt … ich bin ein seelisches Wrack!«

Ginny, die höchst unbequem auf einem schmuddeligen Sitzsack (um 1990) hockte, schaute zu ihrem ausgeklappten Einzelbett und der Frau, die daraufsaß, hinüber. Sie hatte selten eine Frau gesehen, die weniger einem Wrack ähnelte. Roxys pechschwarze, in der Mitte gescheitelten Haare hingen wie ein seidig glatter Vorhang bis zu ihren Schulterblättern herab. Sie trug Kleidergröße 38, und ihr perfekt geformter Körper steckte wie üblich in einer schwarzen Bootcut-Hose von Prada, einem schwarzen Kaschmirrollkragenpulli von Nicole Fahri und Louboutin-Stiefeln mit absolut tödlichen zehn Zentimeter hohen Stilettoabsätzen. Ihre Haut: makellos. Ihre Nägel: künstlich. Ihr Make-up: dezent. Ihre Brüste: straff. Und selbstverständlich waren ihre Beine absolut glatt, ihre Füße weich wie Samt und ihre Bikinizone auf brasilianische Art rasiert. Ginny wusste das alles, auch ohne dass sie nachschaute.

Kein Zweifel: Roxy Galloway wandelte in den Fußstapfen von Angelina Jolie.

Ginny Wallis hingegen machte eher den Eindruck, als versuchte sie, der Stadtstreicherin nachzueifern, die immer vor dem Drugstore auf einem alten Reifenschlauch hockte und Schmuck verhökerte, den sie aus weggeworfenen Rubbellosen und Schnüren selbst gebastelt hatte. Sie seufzte müde.

Ginny war gegenüber den nicht enden wollenden Melodramen im Leben ihrer Freundin inzwischen so abgestumpft, dass sie sich eine kleine Auszeit zum Nachdenken nahm. Der Gegensatz zwischen ihrer glamourösen, trendigen, partygirlmäßigen Freundin und ihrem eigenen monotonen grauen Alltag brachte ihr noch eindringlicher zu Bewusstsein, dass sie siebenundzwanzig Jahre alt war und noch immer zu Hause in ihrem alten Kinderzimmer wohnte, das sich seit den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht verändert hatte. Die Bettwäsche war ein Tribut an die goldenen Zeiten, als Boygroups die Welt regierten. Wäre der Teppich imstande gewesen, in sein früheres Leben zurückzukehren, wäre er babyrosa und orange gewesen; doch nachdem man zehn Jahre auf ihm herumgetrampelt war und alles Mögliche auf ihm verschüttet hatte, hatte er den zarten Farbton eines mehrfach überrollten Tieres angenommen. Die Möbel waren so schäbig, dass sogar die Holzwürmer einen weiten Bogen um sie machten. Und die Vorhänge sahen aus, als hätte sich ihr Designer auf einem LSD-Trip befunden und ihr Käufer Crack geraucht; derjenige, der sie aufgehängt hatte, musste mindestens zwei Flaschen Apfelwein intus gehabt haben (Ginny erinnerte sich, dass sie eine Schachtel Lambert & Butler, die Roxy aus der Handtasche ihrer Mutter stibitzt hatte, dazu geraucht hatten. Die Aktion trug ihnen vier Wochen Hausarrest und die Konfiszierung ihrer Weihnachtsgutscheine von Top Shop ein).

Gott, es war so was von deprimierend! Ginny zupfte eine Fluse von ihrem Kapuzentop und schob sich ihre mausbraunen Locken aus der Stirn.

»Sag mal, Roxy, wann bin ich so alt geworden, dass ich dachte, Jogginghosen und Sweatshirts seien die perfekte Alltagskleidung?«

»Ach, Schätzchen! Bis zu meiner Kündigung heute Nachmittag arbeitete ich mit Leuten zusammen, die ein Dienstmädchenkostüm mit im Schritt offenem Höschen, Brustwarzenringe und Zwölfzentimeterstilettos für die perfekte Alltagskleidung halten.«

Roxys Unterlippe zitterte. »Sie fehlen mir ja so!«, jammerte sie. »Ob die Kündigung nicht ein Fehler war? Ich meine, ich hatte immerhin eine gehobene Position in der Unterhaltungsbranche.«

»Roxy, du hast in einem Puff gearbeitet«, wies Ginny sie zurecht, verdrehte dabei die Augen und schnalzte missbilligend mit der Zunge. Roxy fiel ein Stein vom Herzen. Endlich kehrten sie zur Normalität zurück. Jetzt fehlte bloß noch das Wespenessergesicht, und sie befänden sich auf dem besten Weg zur Zentrale für moralische Unterstützung.

»In einem renommierten, internationalen, vornehmen, äußerst exklusiven Unterhaltungsklub, wenn ich bitten darf«, berichtigte Roxy ihre Freundin.

Ginny schüttelte genervt den Kopf. Sie war weiß Gott nicht prüde, aber sie hatte nie verstanden, warum sich Roxy ausgerechnet für diesen Job entschieden hatte: Empfangsdame im Seismic Lounge – Wir sorgen dafür, dass sich die Erde unter Ihnen bewegt. Das Marketinggenie, das sich diesen Slogan ausgedacht hatte, startete vermutlich gerade eine neue Karriere als Hamburgerwender in einem Schnellimbiss. Oder als Rubbellosschmuckverkäufer gleich neben der Stadtstreicherin vor dem Drugstore.

Roxy war vor Freude schier ausgeflippt, als sie die Stelle bekommen hatte. Der Klub hatte einen Tag nach der Legalisierung von Bordellen eröffnet – offenbar war hier eine Insiderinformation im Spiel gewesen – und lag in einer der nobelsten Straßen von Mayfair. Vier Stunden Geschlechtsverkehr kosteten dort ungefähr so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen. Die meisten Mädchen sprachen ein so lupenreines Englisch, als hätten sie eigens Sprechunterricht genommen, und die Sexspielzeuge waren mit echtem Gold überzogen. Alles stank förmlich nach Geld; der Klub entschuldigte sich nicht mal dafür, dass er als Zielgruppe ausschließlich die Superreichen ansprach. Die Kunden wurden von eigens dafür angestellten Chauffeuren in Range Rovern mit getönten Scheiben abgeholt und durften in einer privaten Tiefgarage aussteigen, von wo sie ins Haus gelangten, ohne von irgendwelchen Paparazzi behelligt zu werden. Der Einzige, den die lauernde Reportermeute vor ihre Objektive bekam, war der aus B-Filmen bekannte Darsteller Stephen Knight, der normalerweise in seinem Aston Martin DB7 mit offenem Verdeck heranrollte und direkt vor dem Eingang des Klubs parkte. Anscheinend war Charlie Sheen sein großes Vorbild.

Roxy fand ihren Arbeitsplatz herrlich dekadent und glamourös. Wo sonst bekam man die Gelegenheit, tagtäglich auf Tuchfühlung mit den Reichen und/oder Berühmten zu gehen? Es sei denn, man war Beraterin für Sonnenduschen in einem Sonnenstudio oder hatte eine Vorliebe für das reihenweise Bumsen von Fußballstars entwickelt. Glitz und Glamour, Prominenz, Dekadenz und Kohle ohne Ende – von diesem Leben hatte Roxy immer geträumt. (Nicht vorhergesehen hatte sie allerdings den zarten Duft von Desinfektionsspray, der permanent in der Luft lag, sowie die Tatsache, dass sie hinter einem Schreibtisch sitzen würde, zum Zuschauen verurteilt.)

Roxy war immer der Ansicht gewesen, sie könne nur aufgrund eines folgenschweren Irrtums in Farnham Hills geboren worden sein. Schon als Kind war sie davon überzeugt, dass der Storch zu einer vierstöckigen, drei Millionen Pfund teuren Villa in Belgravia unterwegs gewesen war, als er von einem Banditen abgeknallt wurde (o ja, sie hatte schon als Kind eine sehr lebhafte Fantasie gehabt) und gezwungenermaßen sein kostbares Bündel in einer Umgebung fallen ließ, in das es eindeutig nicht gehörte. Als ihre Klassenkameraden ihr Taschengeld für Just Seventeen ausgaben, kaufte sie die Vogue. Als sie von zwei Wochen in Faliraki träumten, träumte sie von einem Wochenende in St. Tropez. Und als sie sich eine Zukunft mit Mann und Kindern in einem kleinen Einfamilienhäuschen im neuen Baugebiet am Ortsrand ausmalten, stellte Roxy sich vor, aus der dörflichen Idylle auszubrechen, sich einen obszön reichen Mann zu suchen und es den Rest ihres Lebens in der walnussverkleideten Kabine einer eigens für ihn gebauten Jacht mit ihm zu treiben.

Dieses Ziel hatte sie zwar noch nicht ganz erreicht, aber sie spürte instinktiv, dass die Stelle im Seismic ihr die Tür zu der Welt öffnete, in die sie gehörte.

Zudem hatte sie das Glück, dass sie als Empfangschefin lediglich dafür zuständig war, die Kunden zu begrüßen und die Kundenkartei auf Stand zu halten. Sie verdiente anständig, bekam großzügige Trinkgelder und brauchte im Gegensatz zu den anderen Mädchen keine Angst zu haben, dass eine Blasenentzündung sich katastrophal auf ihr Einkommen auswirken könnte.

Roxy liebte ihren Job – zumindest am Anfang. Doch im Lauf der letzten Monate hatte sich eine gewisse Eintönigkeit breitgemacht. Woche für Woche dieselben Gesichter, die endlose Flut von Mädchen (die allesamt ihren Job aufgaben, sobald sie genug Geld verdient hatten, um sich eine Wohnung kaufen oder ihr Studium beenden zu können, oder aber einen Heiratsantrag von einem blaublütigen, schwerreichen, in Eton erzogenen Waffenhändler bekamen) und die wachsenden Zweifel, nachdem sich noch ein Kunde im trauten Heim im Kreis seiner Lieben für Hello! hatte ablichten lassen.

Roxy erkannte, dass ihr Job erstens ihr Vertrauen in die Männer unterminierte und zweitens den liebevollen Geschlechtsakt in eine geschäftliche Transaktion umwandelte. Hatten Sie eine gute Ejakulation, Sir? Das freut mich zu hören. Möchten Sie mit Visa, Mastercard oder American Express bezahlen?

Roxy wollte so sein wie alle anderen (Pornostars und Spezialisten für Penisimplantate ausgenommen) und ein Leben führen, das nicht von den männlichen Geschlechtsorganen bestimmt oder beeinflusst wurde.

Wahrscheinlich hätte sie trotz allem noch ein paar Monate durchgehalten, wenn ihr privates Liebesleben nicht diese katastrophale Wendung genommen hätte. Roxy zuckte unwillkürlich zusammen. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass Felix nach zwei hingebungsvollen Jahren Geschichte war. Aus und vorbei. Vergangenheit. Drei Tage hatte sie geradezu hysterisch um ihn getrauert, dann hatte sie sich gesagt, dass kein Mann eine fünfundvierzigprozentige Faltensteigerungsrate infolge unaufhörlichen Schluchzens und Schniefens wert war. Nicht einmal dann, wenn er ihre erste und – sofern das Penis-Embargo nicht fiel – letzte Liebe war.

Sie würde seinen Namen nie wieder erwähnen.

Nie wieder.

Höchstens im Zuge eines plumpen Versuchs, die Hilfe und Unterstützung ihrer gleichgültigen, gelangweilten besten Freundin zu gewinnen.

»Mein Gott, Ginny, du bist aber auch so was von selbstsüchtig! Weißt du eigentlich, was ich gerade durchmache? Seit Felix mich betrogen hat, bin ich gefühlsmäßig so am Boden zerstört, dass ich mir nicht mal mehr meinen Haaransatz habe färben lassen. Ich habe keine Lust mehr, unter die Leute zu gehen, und bin so verbittert, dass mein Karma echt am Arsch ist! Ich meine, wie würdest du dich fühlen, wenn du nicht nur arbeitslos wärst, sondern auch noch die Liebe deines Lebens in flagranti mit der Blumenhändlerin erwischt hättest?«, jammerte Roxy. »Und der Mistkerl besaß nicht mal den Anstand, mir wenigstens einen Riesenblumenstrauß zu schicken!«

Ginny nickte und hoffte, einigermaßen mitfühlend dabei auszusehen. Sie hielt diesen Gesichtsausdruck ungefähr drei Sekunden durch, dann brach die Wahrheit aus ihr hervor.

»Er war doch sowieso ein Arschloch.«

Roxy schnappte empört nach Luft und protestierte: »War er nicht!«

»War er doch.«

»War er nicht!«

Ginny seufzte. »Du weißt schon, dass wir siebenundzwanzig sind, oder? Eigentlich hätten wir diese Form der Unterhaltung mit Eintritt in die Pubertät aufgeben müssen. Wieso sind wir eigentlich Freundinnen, kannst du mir das sagen?«

Gute Frage. Sie waren seit fast dreißig Jahren befreundet, obwohl sie rein gar nichts gemeinsam hatten, sah man einmal davon ab, dass sie am selben Tag Geburtstag hatten und ihre Mütter entfernt miteinander verwandt waren.

»Hallo, Mädels! Wir sind wieder da-aaa!«, rief eine laute Stimme in singendem Tonfall. Eine Tür knallte, und der Geruch von Chow mein wehte herauf.

Die »Mädels« stöhnten. »Wie kannst du nur mit jemandem verwandt sein, der eine solche Stimme hat?«, ächzte Roxy. »Weißt du, Gin, du solltest dir endlich eine eigene Wohnung suchen. Ich finde es grauenvoll, dass du in deinem Alter noch bei deiner Mutter wohnst!«

»Ist mein süßer Schatz auch noch da?«, kreischte in diesem Moment eine andere Stimme, die der ersten zum Verwechseln ähnlich klang.

Roxy seufzte. »Und wie kann ich nur mit jemandem verwandt sein, der eine solche Stimme hat?«

Laut fügte sie hinzu: »Ja, Mum, ich komme gleich!«

»Ich hab dir dein Lieblingsessen vom Chinesen mitgebracht, mein Schatz – Krabbencracker und knuspriges Hühnchen«, ertönte es von unten. »Wir dachten, es wäre schön, wenn wir alle zusammen zu Abend essen würden!«

»Sag mal, Gin, glaubst du, unsere Mütter haben was miteinander? Die waren seit ungefähr 1974 doch nicht einen Tag getrennt, oder? O Gott, wenn ich mir den Kopf meiner Mutter zwischen den Schenkeln deiner Mutter vorstelle …« Sie schüttelte sich in gespieltem Entsetzen. »Ich glaube, mir ist der Appetit auf Krabbencracker vergangen. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass meine Mutter nur hier eingezogen ist, weil sie sich einsam gefühlt hat.«

Ginny kicherte. »Du bist eine sexbesessene Perverse, weißt du das? Unsere Mütter sind nicht lesbisch, sondern Cousinen.«

»Ja, ja, um mindestens vier Ecken! Da sind manche Leute, die sich zufällig in der Bahnhofstoilette begegnen, näher miteinander verwandt als die beiden. Überleg doch mal! Seit mein Dad den Löffel abgegeben und dein Dad es mit Mrs Fleming vom Fischgeschäft getrieben hat, hängen unsere Mütter aneinander. O Gott, noch so ein Bild, das mir glatt den Appetit verdirbt!«

»Vera und Violet sind Cousinen!«, kreischte Ginny lachend und schlug Roxy ein abgewetztes herzförmiges, pinkfarbenes Kissen an den Kopf, was deren tadellose Frisur jedoch in keiner Weise durcheinanderbrachte.

»Komm, lass uns runtergehen«, sagte Roxy. »Aber nach dem Essen musst du mir helfen, meinen Lebenslauf auf den neusten Stand zu bringen und einen Job zu suchen. Du weißt doch, dass ich mich in diesen Dingen nicht auskenne.«

»Bin ich Berufsberaterin?«, erwiderte Ginny entrüstet.

»Du arbeitest doch in einer Bücherei! Da muss es doch eine Menge Infomaterial über Jobs und Berufsausbildung und so geben.«

»Klar, es gibt auch mehrere Ausgaben des Kamasutra und ein ganzes Regal über die Wechseljahre, trotzdem hab ich weder vom einen noch vom anderen auch nur den blassesten Schimmer«, schmetterte Ginny den Einwand ab.

»Ginny, bitte, du musst mir helfen zu überlegen, was ich machen soll. Vielleicht sollte ich mir eine zwölfmonatige Auszeit nehmen und reisen. Oder wieder studieren. In einem Jahr wäre ich fertig gewesen, wenn ich nicht … na ja …«

»Wenn du nicht dabei erwischt worden wärst, wie du deinem Philosophieprofessor einen Blowjob verpasst hast«, beendete Ginny den Satz für ihre Freundin. »Unter einem Podest. Während einer Vorlesung.«

»Vielen Dank, dass du mich daran erinnert hast«, versetzte Roxy trocken.

»Wo bleibt ihr denn, Mädels?«, ertönte eine schrille Stimme aus dem unteren Stock.

Ginny stöhnte. »In einem Punkt muss ich dir recht geben, Roxy – ich muss unbedingt hier raus! Ich muss aufhören, Kleidungsstücke zu tragen, in denen die Silbe ›Sweat‹ vorkommt, und ich muss endlich den Rockzipfel meiner Mutter loslassen.«

Plötzlich sang ein Chor in voller Lautstärke You Can Leave Your Hat On.

»Also entweder hat dein Arsch singen gelernt, Roxy, oder das ist der dämlichste Klingelton, den ich je gehört habe.«

Baby, take off your dress, yes, yes, yes …

Roxy achtete nicht auf sie. Sie zog ihr Handy hervor und warf einen Blick auf das Display.

Raise your arms and …

»O Scheiße, Scheiße, Scheiße! Das ist Sam vom Seismic Lounge.«

Ooh, and now shake em …

»Was hat er eigentlich zu deiner Kündigung gesagt?«

You give me reason to live …

»Das weiß ich nicht so genau. Ich hab ihm nämlich nur einen Zettel hingelegt. Ich hab’s einfach nicht fertiggebracht, es ihm ins Gesicht zu sagen.«

You give me reason to live …

Ginny war nicht sonderlich überrascht. Das war Roxy, wie sie leibte und lebte. Roxy war noch nie imstande gewesen, sich den unangenehmen Seiten des Lebens zu stellen – nicht einmal dann, wenn ihre Fendi-Handtasche davon abhing. Hatte sie früher mit einem Jungen Schluss machen wollen, hatte sie Ginny zu ihm geschickt, damit sie ihm die schlechte Nachricht überbrachte. Roxy hatte nie ihre Hausaufgaben gemacht, sie schrieb sie einfach von Ginny ab. Roxy hatte nicht den Mut gehabt, ihrer Mutter zu sagen, dass sie fortging, deshalb hatte sie sich mitten in der Nacht aus dem Haus geschlichen; Ginny hatte ihr geholfen, ihr Gepäck zu tragen. Roxy, die verrückte, leichtsinnige, dramatische, impulsive, anstrengende Nervensäge.

Andererseits war das dieselbe Roxy, die in der Grundschule Kenny Drake eine Dose Limo über die Hose schüttete, weil er Ginny seinen Kaugummi in die Haare gepappt hatte. Von da an hatte er für die nächsten zehn Jahre nur noch »Hosenpinkler« geheißen. Vielleicht befand sich der arme Kerl deswegen heute noch in therapeutischer Behandlung.

Ginny gestand sich widerstrebend ein, dass Roxy bei all ihren Fehlern weit mehr als eine Freundin oder ein allgemeines Ärgernis war: Sie war wie eine Schwester für sie. Eine Schwester, die furchtbar zickig war und ihr gehörig auf die Nerven ging, die sie aber zum Lachen bringen konnte wie niemand sonst auf der Welt. Und wenn sie ganz ehrlich war, beneidete sie Roxy manchmal um ihre Abenteuerlust und ihren Unternehmungsgeist. Roxy hatte wenigstens etwas riskiert im Leben, sie hatte aufregende Dinge erlebt und Spaß gehabt – auch wenn sie vielleicht eine Spur zu weit gegangen war, als sie einer Busladung amerikanischer Touristen ihre Titten zeigte. Dafür hatte sie eine polizeiliche Verwarnung kassiert.

Aber wenigstens ist sie nie langweilig, dachte Ginny bedrückt. Kein Mensch käme je auf die Idee, mich impulsiv zu nennen. Ihr Lebenslauf ließ sich im Grunde in einem Satz zusammenfassen: Sie hatte denselben Arbeitsplatz, seit sie zehn Jahre zuvor von der Schule abgegangen war, war seit zwölf Jahren mit demselben Mann befreundet, lebte im selben Dorf, in dem sie geboren und aufgewachsen war, im Haus ihrer Mutter und hatte ihr Zimmer das letzte Mal irgendwann vor der Jahrtausendwende neu eingerichtet. Ginny tat nie etwas Unüberlegtes. Sie dachte so gründlich über alles nach, dass sie zwei Wochen brauchte, bis sie sich zu einer Bestellung aus einem Versandhaus durchrang, und selbst das tat sie nur, wenn sie ein garantiertes Rückgaberecht hatte.

Langweilig? Definitiv ja. Sicherheitsorientiert? Definitiv ja. Tot? So gut wie …

Ginny zupfte an einem Faden am Ärmelbündchen ihres Sweatshirts und dröselte das halbe Bündchen auf. Na toll. Hastig schlug sie den Ärmel um und schob ihn bis zum Ellenbogen hinauf, damit Roxy das jähe Dahinscheiden ihres Sweatshirts, das ihr so viele Jahre treue Dienste geleistet hatte, nicht bemerkte.

Sie warf ihrer Freundin einen flüchtigen Blick zu. Roxy sah aus wie ein Model aus einer Hochglanzzeitschrift. Sie besaß vermutlich kein einziges Kleidungsstück, das älter als sechs Monate war. Ginny seufzte innerlich. Manchmal kam sie sich schon wie die unscheinbare arme Verwandte vor, die ihre Garderobe aus der Altkleidersammlung zusammenstellte. Aber schließlich hatte sie es so gewollt. Sie war glücklich mit ihrem Leben. Zufrieden mit ihrem Schicksal. Verurteilt zu einem Dasein in Mittelmäßigkeit und Monotonie.

Ginny stutzte. Wo war das denn hergekommen? Na ja, manchmal … manchmal würde sie eben auch gern Designerklamotten tragen und Dessous und nicht irgendeinen Slip und irgendeinen BH in verschiedenen Grautönen und schlammfarbene Schnürschuhe. Und sie würde gern einmal einen einzigen Tag verbringen, dessen Ablauf sie nicht bis zur letzten Sekunde in allen Einzelheiten vorhersagen konnte.

Ginny verscheuchte ihre trübsinnigen Gedanken. Bedauern hin oder her – sie hatte sich für ihren Weg entschieden. Sie hatte die Segel gesetzt und war losgesegelt, allerdings nicht sehr weit gekommen, weil ihr Boot ein Leck bekommen hatte, gekentert und auf den Grund des heimatlichen Teichs gesunken war. Aber wer sagte, dass ihr Leben anders glücklicher verlaufen wäre? Sie hatte ihre Mutter, ihren langjährigen festen Freund, ihre Arbeit, sie lebte in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen war, und begegnete praktisch denselben Menschen, denen sie von klein auf begegnet war. So war es nun einmal. Und es war gut so. Oder etwa nicht?

Roxy, die auf dem Bett saß, hatte inzwischen das Gespräch angenommen und stammelte in ihr Mobiltelefon: »Aber ich kenne niemanden, der für mich einspringen könnte! … Okay … Okay, ich verstehe … Okay … Ich melde mich wieder … Tut mir leid, Sam.«

Roxy klappte ihr Handy zu. »Scheiße!«

Ginny stieß sich vom Grund des Teichs ab und schwamm an die Oberfläche. »Probleme?«

»Er sagt, ich kann nicht so ohne weiteres von heute auf morgen kündigen, ich hätte eine einmonatige Kündigungsfrist und blablabla. Er war ganz schön sauer. Sascha fällt anscheinend wegen Herpes aus, und Tilly ist von News of the World mit Beschlag belegt worden und wird in einem Hotelzimmer festgehalten, weil sie intime Einzelheiten über irgendeinen Parlamentarier preisgeben will. Das heißt, Sam hat keinen Ersatz für mich. Er sagt, entweder ich erscheine morgen wieder im Klub oder das Urlaubsgeld wird gestrichen und mein Gehalt gekürzt. Tja, so viel zum Thema Beginn eines neuen Abschnitts.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Gerade mal acht Stunden hat mein neues Leben unter dem Peniseinfuhrstopp gedauert …«

»Ich mach’s.«

»Und jetzt weiß Felix genau, wo er mich findet, und dann wird er wieder ankommen und betteln, dass ich ihm verzeihen soll.«

»Ich mach’s.«

»Aber eins kann ich dir sagen: Wenn er mit einem Topf Petunien aufkreuzt, werde ich sie ihm in den … was?«

»Ich mach’s.«

»Du machst was?«

»Dich im Seismic Lounge vertreten. Sam ist doch der Typ, den ich auf deiner Geburtstagsparty kennen gelernt habe, oder? Der, der mir beim Füllen der Pasteten geholfen hat?«

Roxy kniff die Augen zu und stöhnte auf. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass du Blätterteigpasteten zu meiner Party mitgebracht hast. Du kannst von Glück sagen, dass Gordon Ramsay absagen musste, sonst hättest du den armen Mann auf dem Gewissen. Todesursache: Gehirnschlag.«

Ginny schnitt eine Grimasse. »Könnten wir uns vielleicht auf Sam konzentrieren? Ich fand ihn ganz nett. Eigentlich ist er doch genau dein Typ. Wieso hast du dich nicht an ihn herangemacht statt an diesen Trottel Felix?«

Roxy zog einen Flunsch. »Daran gedacht hab ich schon. Er erfüllt alle Kriterien, aber der Mann führt ein Bordell! Ich meine, stell dir bloß mal den Smalltalk auf einer Party vor. ›Hi, ich bin Jeremy, ich mache in Hedgefonds, und Sie?‹ ›Angenehm, Sam, ich mache in Vaginen.‹«

Ginny kreischte vor Lachen, aber Roxy schien das gar nicht komisch zu finden. »Wo waren wir? Richtig – Sam, Party … und weiter?«

»Na ja, wie gesagt, ich fand ihn ganz nett. Er meinte, falls ich je vorhätte, in die Stadt zu ziehen, solle ich mich bei ihm melden, vielleicht hätte er ja einen Job für mich. An jenem Abend trug ich natürlich Sachen, Schuhe und Schmuck von dir, deshalb hielt er mich wahrscheinlich für die ländliche Ausgabe von Miss Cosmopolitan. Aber ich denke, für einen Monat würde er mich bestimmt nehmen, meinst du nicht?«

»Selbst wenn – was ist mit deiner Arbeit? Wo willst du wohnen? Du kannst nicht hin- und herpendeln, die Arbeitszeiten sind viel zu unregelmäßig.«

»Ich werde solange bei dir wohnen.«

»Und ich?«

»Du ziehst hierher.«

Roxy starrte ihre Freundin entgeistert an. »Du willst mich verarschen, hab ich recht?«

Ginnys Gedanken überschlugen sich. Plötzlich fand sie, das sei die beste Idee, die sie je gehabt hatte. Impulsiv? Und ob sie impulsiv sein konnte! Sie sprudelte förmlich über vor Begeisterung. Impulsiv war ihr zweiter Vorname. Na ja, eigentlich hieß sie Violet mit zweitem Vornamen, nach ihrer Mutter, aber das war ja jetzt egal.

»Nein, ich mein’s ernst. Überleg doch mal, Roxy! Das ist doch die Idee! Dadurch hast du einen Monat Zeit, dir Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll. Du kannst hier wohnen und meinen Platz in der Bücherei einnehmen. Du hast doch selbst gesagt, das sei der ideale Ort, um Nachforschungen hinsichtlich möglicher beruflicher Alternativen zu betreiben.«

»Das funktioniert doch nie! Damit wären die niemals einverstanden!«

»Wieso denn nicht? Warte mal, ich frag schnell die Leiterin.« Ginny öffnete die Zimmertür. »Muuuum! Bist du damit einverstanden, wenn Roxy mich für ein paar Tage in der Bücherei vertritt?«

»Aber natürlich, Liebes«, kam die Antwort von unten. »Und jetzt kommt endlich zum Essen, sonst muss ich deine Hoisin-Soße in der Mikrowelle warm machen.«

Ginny sah Roxy triumphierend an. »Siehst du? Das wär geklärt. Sei doch nicht so ein Frosch, du hast doch schon einmal als meine Urlaubsvertretung gearbeitet.«

»Ja, 1998! Das ist zig Jahre her!«

»Seitdem hat sich nichts verändert, glaub mir. Von wann bis wann musst du morgen arbeiten?«

»Äh … zwölf Uhr mittags bis abends um acht«, erwiderte Roxy zögernd. Sie hatte das dumpfe Gefühl, zum ersten Mal in ihrem Leben ausmanövriert worden zu sein. Die Bücherei! Einen Monat lang! O Gott, sie konnte die Langeweile förmlich riechen.

Andererseits fühlte sie sich dem Leben in London im Augenblick nicht gewachsen. Sie brauchte dringend eine Auszeit. Sie musste weg von allem, was sie an Felix erinnerte, weg vom Seismic Lounge, weg von den Männern, die Frauen, die halb so alt waren wie ihre Kunden, dafür bezahlten, dass sie ihnen Elektroden an die Hoden klemmten.

Roxy holte tief Luft. »Okay, ich mach’s. Unter einer Bedingung!«

»Und die wäre?«

»Ich krieg andere Bettwäsche. Wenn ich mit den Jungs von Westlife schlafen muss, sollten ihre Pimmel schon echt sein!«

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Bildende Künste und Leibeserziehung:

Ginny zeigt wenig oder kein Interesse am Sport, an der Schauspielklasse, an Kunst und an Musik. Ihre ausschließliche große Leidenschaft gilt der Literatur, wobei sie sich für sämtliche Genres begeistert. Diese Vorliebe spiegelt sich auch in dem zweiten Preis wider, den sie im landesweiten Shortstory-Wettbewerb für ihre großartige Kurzgeschichte Der Tag, an dem meine Cousine mein Fahrrad klaute bekam. Ginny sollte ermutigt werden, ihre Interessensgebiete in diesem Bereich auszudehnen.

Stärken und Schwächen:

Ginnys Verhalten und Benehmen in diesem Schuljahr war wie üblich mustergültig. Sie hat keine einzige Unterrichtsstunde versäumt und ist nicht ein einziges Mal zu spät gekommen.

Sie ist wortgewandt, freundlich, gewissenhaft und immer hilfsbereit.

Selbstständiges Arbeiten fällt ihr ebenso leicht wie das Befolgen von Anweisungen.

Sie hat einen scharfen, analytischen Verstand und verfügt über eine außergewöhnliche Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten.

Seit kurzem arbeitet sie in der Schulbücherei, wo sie für die Verwaltung der Registratur und des Bestandsverzeichnisses zuständig ist. Sie bewältigt ihre Aufgabe mit großem Können und viel Begeisterung.

Empfehlungen:

Ginny mangelt es an Selbstvertrauen. Es fällt ihr schwer, sich durchzusetzen, insbesondere gegenüber Autoritätspersonen oder selbstbewussteren Personen. Daher lässt sie sich auch gelegentlich zu Dummheiten verleiten, wie der Vorfall zu Beginn des Jahres, als sie beim Rauchen erwischt wurde, beweist.

Ein weiteres Problem ist nach wie vor ihre Schüchternheit, die sie oft daran hindert, sich an Diskussionen oder Projekten zu beteiligen.

Es bleibt zu hoffen, dass Ginny mit zunehmendem Alter mehr Selbstvertrauen entwickeln wird, damit ihre Fähigkeiten im Umgang mit ihren Mitmenschen ein ähnlich hohes Niveau erreichen werden wie ihre intellektuellen Fähigkeiten.

Unterzeichnet: Mrs Farquar, Beratungslehrerin der Klasse S2

2.

Ich kann fühlen, wie sich die Erde bewegt

Ginny – 1. Tag: Sonntagabend

Es war schwer zu sagen, was lauter dröhnte – das Rattern des Zugs oder Ginnys Herz. Ihre Zehen kribbelten vom vielen Adrenalin, das durch ihren Körper pulste. Vielleicht kam das Kribbeln aber auch daher, dass sie Roxys Louboutin-Stiefel anhatte und diese ihr eineinhalb Nummern zu klein waren. Und wenn schon – Ginny hatte es satt, immer auf Nummer sicher zu gehen, vernünftig zu sein und jedes Risiko zu scheuen. Wer wagt, gewinnt – das sollte von nun an ihr Motto sein, egal, ob es sich um ihr Leben oder ihr Schuhwerk handelte. Sie hoffte nur, dass die Blasen an ihren Füßen sich nicht infizierten und sie umbrachten, bevor sie Zeit hatte, nach ihrer neuen Devise zu leben.

Aber hätte sie etwa in einem Paar Hush Puppies vom Sonderangebotsständer bei Shoerite in die aufregenden, glamourösen vier Wochen starten sollen, die ihr in London bevorstanden?

Ihr gegenüber saß eine ältere Frau in einem beigen wattierten Regenmantel, die ihren Trolley aus Leopardenfellimitat skeptisch beäugte. Kein Zweifel, er war protzig, prollig und bestens geeignet, Jackie Collins vor Verlangen in die Knie gehen zu lassen. Ginny hatte ihn Roxy praktisch mit Gewalt entrissen; Finger für Finger hatte sie ihre Hand vom Griff lösen müssen. Von ihrem Job, ihrer Wohnung und ihrem Leben trennte sich Roxy offenbar ohne weiteres, aber mit ihrem Koffer schien sie durch eine unsichtbare Nabelschnur verbunden, die erst durchtrennt worden war, nachdem Ginny zwei Stunden mit Engelszungen auf ihre Freundin eingeredet, sich vor ihr in den Staub geworfen und ihr eine großzügige Blutspende versprochen hatte, sollte Roxy jemals darauf angewiesen sein.

Ginny streichelte das Gepäckstück verstohlen mit einer zärtlich lustvollen Geste – allerdings nicht so zärtlich lustvoll, dass ihr eine Anzeige wegen ungebührlichen Verhaltens in der Öffentlichkeit gedroht hätte. Sie fand, die neue Ginny und der Leopardenfelltrolley hatten etwas gemeinsam: Beide waren schrill und schräg und bereit, sich mit Leben vollzupacken. Ginnys Magen schlug einen Salto vor Aufregung. Noch vor wenigen Stunden hätte sie es nicht für möglich gehalten, zu so einer Empfindung überhaupt fähig zu sein. Man müsste einen Hinweis am Ortsschild des 3453 Einwohner zählenden Nests zehn Meilen von Chippenham anbringen:

ACHTUNG! Der dauerhafte Aufenthalt in diesem Ort kann extreme Lethargie, Langeweile und in seltenen Fällen eine plötzliche und unumkehrbare Verschmelzung der Hinterbacken mit dem nächsten Sofa hervorrufen!

Ginny kicherte laut bei diesem Gedanken. Sie fühlte sich so herrlich frei, so kühn, so unternehmungslustig. Im Stillen beglückwünschte sie sich zu ihrem neuen Ich.

Die Frau ihr gegenüber musterte sie argwöhnisch. Ihr kam es nicht geheuer vor, dass Ginny scheinbar grundlos vor sich hin lachte, und sie beschloss, so zu tun, als wollte sie im nächsten Bahnhof aussteigen, um sich dann ein anderes Abteil zu suchen. Sie hatte in der Daily Mail über Menschen wie dieses junge Ding gelesen. Die Integration psychisch Kranker in die Gemeinden hatte nicht nur Vorteile, wie die Regierung den Leuten weismachen wollte.

Ginny bemerkte den befremdeten Gesichtsausdruck ihres Gegenübers nicht. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie tatsächlich den Sprung ins kalte Wasser gewagt hatte. Zum Teufel mit den Konventionen und einem sicherheitsorientierten Lebensstil! Aufregende Abenteuer warteten auf sie – gleich nachdem sie sich bequemere Schuhe gekauft hätte. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie so leichtsinnig gehandelt, und sie war fest entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen. Ginny Wallis würde endlich anfangen zu leben!

»Entschuldigen Sie, aber ist das zufällig Ihr Telefon?«

Die Frau ihr gegenüber hatte sich so weit vorgebeugt, dass ihre Stützstrümpfe ächzten.

Ginny schreckte aus ihren Gedanken. »Wie? O ja, danke.« Sie ließ sich auf die Knie hinunter und angelte ihr Handy unter dem Sitz der Frau hervor. Ginny hatte gar nicht gemerkt, dass es ihr aus der Tasche gerutscht war. Sie warf einen Blick auf das Display. Andrew. So viel zum Thema neue Unabhängigkeit. Sie war höchstens drei Meilen von zu Hause entfernt, und schon hätte sie um ein Haar ihr Handy verloren. Dass sie es wiedergefunden hatte, hatte sie nur dem Anruf ihres langjährigen Freundes und der Aufmerksamkeit einer fremden Frau zu verdanken. Vielleicht hatte Roxy Recht – vielleicht sollte sie nach jahrelangem Kleinstadtleben ihr Zuhause nur noch in Begleitung eines Erwachsenen verlassen.

Sie nahm das Gespräch an.

»Hi, Schätzchen, ich bin’s. Ich bin gerade auf dem Weg zu dir. Ich wollte ein Video mitbringen. Worauf hättest du Lust – Scarface oder Armageddon

Ginny dachte kurz nach. Massaker in der Unterwelt oder drohende Zerstörung des Erdballs? Irgendwo tief in ihrem Inneren griff sich ihr neues, leichtsinniges Ich ans Herz und schrie nach dem Notarzt.

Sie bekam keine Luft mehr, was nicht allein an Roxys Wonderbra in grellem Pink lag, der ihre Brüste einschnürte und sie so hoch hinaufdrückte, dass sie ihr Kinn daraufstützen konnte. Wem wollte sie denn mit diesem ganzen Unsinn von wegen neuer, abenteuerlustiger Ginny etwas vormachen? Ginny war nicht abenteuerlustig, sie war vernünftig. Und konservativ und vorsichtig. Sie würde im Dunkeln niemals ohne Handy, Verbandskasten und Pfefferspray ausgehen.

Plötzlich kam ihr zu Bewusstsein, wie lächerlich diese ganze Geschichte war. Sie war doch keine wankelmütige Achtzehnjährige mehr, sondern eine erwachsene Frau. Am liebsten wäre sie ausgestiegen und nach Hause zurückgefahren, um einen ganz normalen Abend in vertrauter Gesellschaft, mit vertrauten Zärtlichkeiten und vertrauten gewalttätigen Filmen zu verbringen. Ginny hätte ihren kleinen Ausflug am liebsten unter »vermindertem Verantwortungsbewusstsein infolge alter Freundschaft« abgehakt. Alle würden es verstehen – schließlich hatte Roxy die Leute jahrelang wahnsinnig gemacht mit ihren verrückten Streichen. Andererseits hatte sie sich doch ein bisschen Aufregung, ein kleines Abenteuer gewünscht. Wollte sie jetzt tatsächlich kneifen? Ginny griff nach hinten und hakte unauffällig Roxys BH auf. Gott, was für eine Erlösung! Endlich wieder atmen, dachte sie.

Sie holte tief Luft.

»Weißt du, Andrew, ich kann heute nicht. Es ist was dazwischengekommen. Ganz plötzlich.«

Eine ohrenbetäubende Stille entstand, als Andrew diese Information zu verarbeiten versuchte. Dazwischengekommen? In Ginnys Leben kam nie etwas ganz plötzlich dazwischen. Das war so absurd wie der Gedanke, die Welt sei eine Scheibe oder Nicole Ritchie sei tortensüchtig.

»Na ja, dann … dann verschieben wir es eben auf morgen«, stotterte Andrew.

»Geht nicht.«

»Dienstag?«

Ginny kniff die Augen fest zusammen, wie ein Bungeespringer unmittelbar vor dem Sprung in die Tiefe. Sie musste es ihm sagen. Sie war verdammt noch mal eine erwachsene Frau. Und Andrew keine Rechenschaft schuldig. Na los, sag’s ihm. Du kannst das!, machte sie sich Mut.

»Ich … äh … weißt du, muss … äh … arbeiten. Morgen. Bei der Arbeit. Muss ich arbeiten. Die nächsten Tage. Ich meine, darum kann ich nicht. Ach, Scheiße!«

Vielleicht konnte sie es ihm doch nicht sagen?

»Was? Ginny, ich versteh kein Wort!«

Abermals holte sie tief Luft. »Okay, aber versprich mir, dass du nicht sauer sein wirst. Ich wollte Roxy einen Gefallen tun, weißt du, und …«

»Sag mal, bist du in einem Zug?«, fiel er ihr ins Wort.

»Sie hat nämlich ein Penis-Embargo über sich verhängt …«

Die Daily-Mail-Leserin hatte genug gehört und verließ das Abteil fluchtartig mitsamt ihrem Koffer, nachdem sie Ginny einen eigenartigen Blick zugeworfen hatte.

»… und deshalb werde ich sie für vier Wochen in ihrem Klub vertreten. Nur für vier Wochen. Das ist ja keine Ewigkeit. Und ich bin ja auch nicht aus der Welt. Es sind ja bloß ein paar Stunden bis London. Und wir können uns sehen, wenn ich frei habe. Und …«

In diesem Moment donnerte der 10:30-Uhr-Eilzug nach Bath vorbei. »Hallo?«, schrie Ginny ins Telefon. Stille. Die Leitung war tot.

Sie war sich nicht sicher, ob Andrew aufgelegt hatte oder der Empfang gestört war. Langsam ließ sie die Hand sinken. Übelkeit stieg in ihr auf, und das, obwohl sie den Speisewagen gar nicht aufgesucht hatte. War sie verrückt geworden? Wieso setzte sie das Einzige aufs Spiel, das ihr wirklich etwas bedeutete – ihre Beziehung zu Andrew?

Andrew und Ginny. Ginny und Andrew.

Das klang so wundervoll; ein Paar, das perfekt zusammenpasste. Wie eines jener Duos, die beim Europäischen Schlagerwettbewerb in einheitlichen Kostümen auftreten und null Punkte bekommen.

Ginny kannte Andrew seit der Highschool. Sie waren zwei pubertierende Teenager gewesen, die neben einer angeborenen Biederkeit auch die Liebe zu Biologie, Physik und unauffälligem, tadellosem Benehmen gemein hatten.

Inzwischen waren sie seit zwölf Jahren zusammen und immer noch glücklich. Sah man einmal davon ab, dass Ginny im Begriff war, aus der kleinstädtischen Langeweile nach London zu flüchten.

Andrew würde ihr fehlen. Er war ein anständiger Kerl, er hatte sie nie betrogen, hintergangen, im Stich gelassen oder ihr gesagt, ihr Hintern sei zu dick. Letzteres würde er erst gar nicht so weit kommen lassen, schließlich hatte er einen Abschluss in Anatomie und verdiente sein Geld als privater Fitnesstrainer der reichen, gelangweilten Hausfrauen von Farnham Hills.

Kein Zweifel, Andrew war ein netter Junge. Und sein Waschbrettbauch war auch nicht zu verachten. Doch nett und Waschbrettbauch allein genügten Ginny in letzter Zeit nicht mehr. Andrew war so sehr damit beschäftigt, die innere Oberschenkelmuskulatur der weiblichen Bevölkerung von Farnham Hills zu trainieren, dass sich in seiner Beziehung zu Ginny eine gewisse einschläfernde Monotonie eingeschlichen hatte. Jeder Tag lief nach dem gleichen Schema ab: Andrew arbeitete von früh bis spät, kam jeden zweiten Abend gegen neun Uhr bei ihr vorbei, schaute mit ihr fern, schlief auf dem Sofa ein und ging nach Hause, wenn er aufwachte. An den Wochenenden machten sie richtig einen drauf – jedenfalls für ihre Verhältnisse: Sie bestellten sich etwas zu essen oder gingen auf einen Sprung in die Kneipe um die Ecke, wo sie sich ein paar Drinks genehmigten. Wirklich nur ein paar, damit die Hochzeitskasse, in die sie wöchentlich einzahlten, nicht übermäßig belastet wurde.

Die Hochzeit. Der ganze Lebensinhalt von Ginnys Mutter. Sie sprachen bereits so lange von ihrer Hochzeit, dass mindestens ein Dutzend der ursprünglich geladenen Gäste nur noch mithilfe eines Privatdetektivs, der sie aufspürte, würde teilnehmen können.

Ginny wünschte sich nichts sehnlicher, als Andrew Jenkins zu heiraten – sah man einmal von jenem kleinen Teil ihres Ichs ab, das mit Begeisterung Sex and the City sah, das sich darüber im Klaren war, dass sie noch so gut wie gar nichts von der Welt gesehen hatte, und das beim bloßen Gedanken daran, für den Rest ihres Lebens mit ein und demselben Mann Sex zu haben, die Krise kriegte. Was war sie denn – ein Überbleibsel aus den Fünfzigerjahren? Wie viele Frauen gab es heutzutage noch, die ihr Leben lang mit nur einem einzigen Penis intim waren? Das war hirnrissig. Prähistorisch. Jämmerlich. Sie sah im Geist schon die Inschrift auf ihrem Grabstein: HIER RUHT GINNY WALLISSIE BESASS MORAL, ANSTAND UND DIE BIEDERSTE VAGINA DER WELT.

Der 10:45-Uhr-Zug nach Bristol donnerte vorbei und riss sie aus ihren trüben Gedanken.

Ginny blies sich ihre Haare aus der Stirn und rief sich zur Ordnung. Sie liebte Andrew. Sie würde ihn heiraten. Dieses kleine Abenteuer war kein – ich wiederhole: KEIN – fadenscheiniger Vorwand für Seitensprünge und das lustvolle Sammeln sexueller Erfahrungen.

Sie machte das nur Roxy zuliebe. Und damit endlich wieder ein bisschen Schwung in ihr Leben kam und die geisttötende Langeweile, in die sie verfallen war, vertrieb. Einen abwechslungsreichen Monat lang neue Gesichter, neue Eindrücke, neue Erfahrungen – das war genau das, was sie jetzt brauchte.

Der Zug fuhr in Paddington Station ein. Erneut jagte Adrenalin durch Ginnys Adern. Sie zog den Griff ihres Leopardenfelltrolleys heraus, warf sich ihren Schal um und trug ein wenig Lipgloss auf. Roxys Lipgloss. Sie hatte es in der Tasche des Zara-Swingers gefunden, den sie Roxy ebenfalls abgeknöpft hatte.

Ginny Wallis, zur Wiederherstellung ihrer psychischen Gesundheit für vier Wochen in London eingetroffen, trug Lipgloss.

Als sie aus dem Zug stieg, fiel ihr Blick auf eine seltsam vertraute Gestalt. Merkwürdig, sie hatte gedacht, die Frau im beigen Regenmantel sei schon einige Zeit zuvor ausgestiegen. Neugierig verrenkte sich Ginny den Hals. Doch, das war sie, ganz bestimmt. Auf einmal trat sie ins Leere, dann ging es steil abwärts, und die Welt stand Kopf. Na großartig. Sie war seit ungefähr dreißig Sekunden in London und scheiterte bereits an der ersten Hürde: dem Ausstieg aus dem Zugwagon. Sie war mit dem Absatz hängen geblieben und auf den Bahnsteig geknallt. Mühsam rappelte sie sich hoch, um sich den Schaden zu besehen. Ihr selbst fehlte zum Glück nichts, aber die Stiefel waren hinüber. Mist! Roxy würde sie umbringen.

Dann kam ihr ein Gedanke, von dem sie nie geglaubt hätte, dass er ihr einmal durch den Kopf gehen würde. Wie viele Stunden musste man wohl in einem Puff arbeiten, um ein neues Paar Louboutin-Stiefel kaufen zu können?

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Bildende Künste und Leibeserziehung:

Roxanne nimmt mit großer Begeisterung an allen musischen Fächern und am Sport teil. Sie ist Mitglied im Korbball-, im Hockey- und im Leichtathletikteam und engagiert sich stark im gemischten Volleyball- und im gemischten Schwimmteam der Klassen 7 bis 9. Bedauerlicherweise wurde ihr nach einem Verstoß gegen die Schulordnung, über den wir Sie vergangenen Monat unterrichteten, der Ausschluss aus den beiden letztgenannten Teams angedroht. Ein entsprechender Eintrag findet sich auch in ihrer Schulakte. Künftig wird der Aufsicht führende Lehrer Roxanne bei Fahrten zu auswärtigen Sportveranstaltungen, an denen auch männliche Aktive teilnehmen, genauestens im Auge behalten.

In der Schauspielklasse zeigt Roxanne nach wie vor herausragende Leistungen; sie wird in der Aufführung von Jesus Christ Superstar, die derzeit vorbereitet wird, die Rolle der Maria Magdalena spielen.

Stärken und Schwächen:

Roxannes Disziplin, ihre soziale Kompetenz und ihr Gehorsam gegenüber Autoritätspersonen lassen weiterhin zu wünschen übrig. Dieses Jahr betrug ihre Anwesenheitsquote 72 %; nach unseren Gesprächen mit den Inhabern der Spielearkade und des Dorfcafés erwarten wir jedoch, dass sich das bessern wird, da sie in Zukunft während der Unterrichtsstunden beide Etablissements nicht mehr betreten darf.

Roxanne lässt sich nicht gern etwas sagen, und wenn sie die Eigeninitiative ergreifen soll, lässt sie sich nur allzu leicht von ihrer Aufgabe ablenken. Sie neigt dazu, über die Stränge zu schlagen, ihre Mitschüler zu manipulieren und sich über die Schulordnung hinwegzusetzen.

Wie ihre überdurchschnittlichen Noten zeigen, ist Roxanne jedoch sehr wohl zu einer guten Leistung imstande, insbesondere in den Fächern, die ihr Spaß machen. Dass sie sich dafür nicht anstrengen muss, ist vielleicht nicht unbedingt ein Vorteil. Wäre sie fleißiger, könnte sie eine hervorragende Schülerin sein, darin ist sich das Lehrerkollegium einig.

Empfehlungen:

Wir haben bei unseren häufigen Gesprächen in diesem Schuljahr bereits darauf hingewiesen, dass Roxannes Benehmen sich unbedingt bessern muss und sie ihr Engagement im schulischen Bereich verstärken sollte. Sie zeigt weiterhin keinerlei Respekt vor Autoritätspersonen und stiftet ihre Mitschüler oft zu verbotenen Handlungen an, wie der Zwischenfall zu Beginn dieses Schuljahrs, als sie mit einigen anderen beim Rauchen erwischt wurde, zeigt. Falls sie an der Farnham Hills Highschool bleiben will, wird sie ihr Verhalten überdenken und sich drastisch bessern müssen.

Unterzeichnet: Mrs Farquar, Beratungslehrerin der Klasse S2

3.

Bleib, wie du bist

Roxy – 1. Tag: Sonntagabend

Tick, tack, tick, tack …

Roxy starrte an die Decke, während die Zeiger von Ginnys Wecker unerbittlich weiterrückten. Mit jedem Ticken wuchs das beklemmende Gefühl, das sie beschlichen hatte. So etwas Idiotisches! Wer besaß heutzutage noch eine Uhr, die tickte? Hatte Ginny noch nicht gemerkt, dass Europa der größte Abnehmer für allen möglichen LCD-Schrott aus China war? Na ja, jetzt wusste sie wenigstens, was sie ihrer Freundin zu Weihnachten schenken konnte.

Tick, tack, tick, tack …

O Gott! Roxy schob ihren Kopf unter das Kissen und hielt es mit beiden Händen fest. Nach ein paar Sekunden stellte sie allerdings fest, dass ihr jetzt die lebensnotwendige Sauerstoffzufuhr abgeschnitten war. Sie zog den Kopf wieder hervor und stopfte stattdessen den Wecker unter das Kissen. Endlich Ruhe! Plötzlich knarrte draußen im Flur eine Diele. Roxy riss die Augen auf. Hatte sie es doch gewusst! Ihre Mutter schlich sich zum Bettgeflüster in Tante Violets Zimmer! Es war ihr gleich merkwürdig vorgekommen, dass ihre Mutter zu den Weightwatchers ging. Wieso war der Gedanke, die eigenen Eltern könnten Sex haben, bloß so unangenehm? Na ja, andererseits musste sie vermutlich dankbar sein. Mit der Vorstellung, ihre Mutter machte mit Tante Vi rum, konnte sie leben, während allein die Vorstellung, ihre Mutter poppte mit einem kräftigen haarigen Affen auf dem Sofa, ihr einen Schock fürs Leben versetzte.

Roxy lauschte angestrengt, ob sie die weichen Hausschuhe von Marks & Spencer über den Axminsterteppich schlurfen hörte.

Nach ein paar Sekunden schüttelte sie energisch den Kopf. Manchmal war es definitiv besser, taub oder zumindest schwerhörig zu sein. Sie riss den Wecker wieder unter dem Kissen hervor. Sein Ticken schien ihr das kleinere Übel.

Tick, tack, tick, tack …

Das war die reinste Hölle! Okay, vielleicht nicht in der Größenordnung wie ein Bürgerkrieg, eine Hungersnot oder eine Seuche, aber für diese Katastrophen gab es zumindest staatliche Hilfe. Und wer kam ihr zu Hilfe? Keine Menschenseele. Die einzige Person, auf die sie immer zählen konnte, ihr rettender Anker, saß im Zug nach London.

Roxy hätte hemmungslos geweint, wäre da nicht die Angst vor verquollenen Augen gewesen, die alles nur noch verschlimmerten.

Sie vermisste Felix. Sie hatte ihm die besten zwei Jahre ihres Lebens geschenkt, und was war der Dank dafür? Betrogen hatte er sie! Dieser verlogene Mistkerl! Dieses hinterhältige, arrogante, kalte, überhebliche, niederträchtige Schwein! O Gott, er fehlte ihr ja so sehr.

Roxy biss die Zähne aufeinander, um die Tränen zurückzuhalten. Wenn sie jetzt anfing, Rotz und Wasser zu heulen, würde sie sich Papiertaschentücher aus dem Bad holen müssen, und dieses Risiko wollte sie lieber nicht eingehen. Wer wusste schon, welcher Anblick sich ihr da draußen bot …

Leises Grauen überkam sie. Hatte ihre Mutter ihr nicht erzählt, dass sie letzten Monat eine Ann-Summers-Party im Gemeindehaus besucht hatte? Das Bild zweier nicht mehr junger Frauen, die sich, nur durch eine dünne Wand von ihr getrennt, in Latex-Bondage-Ausstattung miteinander vergnügten, drängte sich ihr auf. Stöhnend presste Roxy den Wecker an ihr Ohr, um mögliche Nebengeräusche auszublenden. Falls sie ein Summen oder Ähnliches aus dem Zimmer nebenan hörte, würde sie den Rest ihres Lebens arbeiten müssen, nur um die Rechnungen ihres Therapeuten zu bezahlen.

Das durfte einfach nicht wahr sein! Wieso musste das ausgerechnet ihr passieren? Dabei hatte sie ihr Leben so schön geplant. Nach London gehen. Sich in einen reichen Mann verlieben. In einem großen Schloss heiraten, und Mariah Carey würde das Ave Maria dazu singen.

Natürlich war das unrealistisch, das wusste sie selbst. Mariah Carey trat nicht auf privaten Festen auf. Na gut, dann würde sie sich eben mit der Charlotte Church begnügen müssen.

Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass sie Felix tatsächlich geliebt hatte. Nachdem sie die Männer jahrelang direkt proportional zu ihrem Reichtum, ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Macht und ihrer Großzügigkeit mit ihrer Zuneigung bedacht hatte (wäre ihr jemals Bill Gates über den Weg gelaufen, hätte er die Zeit seines Lebens gehabt), waren bei Felix ganz unverhofft echte Gefühle ins Spiel gekommen. Sie hatten sich bei der Unterwäsche in der Herrenabteilung von Harvey Nichols kennen gelernt. Felix ergänzte seinen Vorrat an Slips von Prada, und Roxy suchte nach modischen Boxershorts für ihre letzte Eroberung, einen Fünfundfünfzigjährigen mit schlaffem Hintern und einer Vorliebe für Tangas. Ein Anblick, bei dem ihr jedes Mal schlecht wurde und den sie nur dank der Tatsache verkraftete, dass ihm halb Buckinghamshire gehörte (das war ihr offen gestanden das Liebste an ihm).

Obwohl Roxy der Brieftasche ihres Liebhabers treu war, musterte sie Felix mit bewundernden Blicken. Er war über eins achtzig groß (sie vergewisserte sich, dass er keine Absätze trug), hatte breite Schultern und schmale Hüften. Zu cremefarbenen Chinos trug er Mokassins und ein zeitlos elegantes Hemd. Er sah aus wie jemand aus einem alten Schwarz-Weiß-Film über die Kennedys, wie sie am Strand von Martha’s Vineyard Touchfootball spielten.

Als ihre Blicke sich trafen und er ihr über das Regal mit den Schlüpfern für den älteren Herrn hinweg zulächelte, stellte Roxy zu ihrer grenzenlosen Verblüffung fest, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick offenbar doch nicht nur in den romantischen Schmökern gab, die Ginny so gern las. Hätte sie ein Korsett getragen, hätte sie es sich vom Leib gerissen wie eine dieser Romanheldinnen, sich vor Felix hingekniet und an Ort und Stelle seine pulsierenden Lenden umschlungen.

Stattdessen begnügte sie sich damit, sein Lächeln zu erwidern. Zehn Minuten später tranken sie einen Kaffee zusammen, zwei Stunden später schliefen sie miteinander, und binnen eines Monats redeten sie von einer gemeinsamen Zukunft – einer Stadtwohnung und einem Haus auf dem Land, vier Kindern (alle auf dem Internat) und einem jährlichen Urlaub auf Barbados. Roxy war wahnsinnig verliebt in Felix. Ihr wurden die Knie weich, sooft er ins Zimmer kam. Ihr Magen machte einen kleinen Hüpfer, wenn er lächelte und etwas zu ihr sagte. Na ja, manchmal konnte er ziemlich arrogant sein. Und schroff, egoistisch und skrupellos. Aber waren das nicht alle erfolgreichen Männer? Sie liebte sein Selbstvertrauen, seine Stärke, seine Entschlossenheit. Und nach jenem ersten Orgasmus auf der Toilette im fünften Stock von Harvey Nicks hatte sie mit absoluter Sicherheit gewusst, dass Felix ihr Seelenverwandter war und sie den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen wollte – in guten wie in schlechten Tagen, bis der Tod (oder sein untreuer Schwanz) sie scheiden würde.

Roxy biss sich auf die Lippe und unterdrückte ein Aufschluchzen, als ihr plötzlich etwas klar wurde: Sie hätte Felix auch geliebt, wenn er arm gewesen wäre.

Sie überließ sich diesem noblen Gedanken einen Augenblick, griff dann nach einem imaginären Baseballschläger und knüppelte ihn nieder. Wem wollte sie denn etwas vormachen? Ihr Name war Roxy, nicht Mutter Teresa.

Dennoch hatte sie Felix eine Zeit lang tatsächlich für den Richtigen gehalten. Er war zwar nicht so betucht wie Donald Trump, aber er arbeitete in London und hatte beruflich irgendetwas mit flüssigen Anlagen zu tun. Damit verdiente er eine sechsstellige Summe im Jahr. Das sollte für ein sorgloses Leben reichen. Dummerweise hatte diese Tussi aus dem Blumenladen wohl das Gleiche gedacht. Für sie waren ein gebrauchter Kleinwagen und eine günstige Wohnung in einem von Felix’ Anlageobjekten herausgesprungen. Daisy hieß die Kleine. Roxy fragte sich, wo er sie wohl kennen gelernt hatte. Moment mal, hatte er ihr nicht alle vierzehn Tage Blumen von einem kleinen Laden in Kensington aus schicken lassen? Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt in ferner Vergangenheit, als er das Internet entdeckte und seine Blumengrüße von da an online bestellte.

Ein Gedanke durchzuckte sie. Es war doch nicht möglich, dass er so lange eine Affäre gehabt und sie die Anzeichen nicht bemerkt hatte?

Es sei denn … Roxys Herz krampfte sich unwillkürlich zusammen. War das vielleicht nicht sein erster Seitensprung gewesen? Hatte er sie schon des Öfteren betrogen? War sein streunender Schwanz der Grund dafür, dass er ihren Vorschlag, zusammenzuziehen, immer abgeblockt hatte? Hatte er sie von Anfang an hintergangen und hinter ihrem Rücken alles gevögelt, was sich bewegte?

Wie konnte er nur? Ihr war nie auch nur im Entferntesten der Gedanke gekommen, ihn zu betrügen. Na ja, bis auf das eine Mal, als die ganze Familie an Weihnachten zusammengekommen war und sie mit seinem Bruder im Kleiderschrank geknutscht hatte. Ach so, ja, und einmal hatte sie sich von einem seiner Freunde im Fond eines Taxis zum Orgasmus streicheln lassen. Aber das zählte nicht, weil sie in beiden Fällen erstens ziemlich beschwipst gewesen und es zweitens nicht zum Austausch von Körperflüssigkeiten gekommen war. Roxy hatte schließlich ihre Prinzipien.

Aber dieser Freund von Felix war wirklich süß gewesen. Wie hieß er doch gleich? Sein Name wollte ihr partout nicht mehr einfallen. Egal. Der Punkt war doch, dass sie Felix’ Vertrauen nie missbraucht hatte, selbst wenn die Versuchung noch so groß gewesen war. Sie dachte an Sam vom Seismic Lounge. Sie war vom allerersten Moment an in ihn verknallt, aber hatte sie sich deswegen an ihn herangemacht? Nein, natürlich nicht. Was zu einem kleinen Teil auch daran lag, dass er a) sich nicht im Mindesten für sie interessierte und b) ein Bordell führte. Bordellbesitzer! Das war nicht gerade der Beruf, den man auf einem Reisepassantragsformular gern angab.

Ein Summen ertönte und riss sie aus ihren Grübeleien. O nein! Lieber Gott, bitte nicht!, dachte Roxy, kniff die Augen fest zusammen und suchte in ihrem Hirn fieberhaft nach der Nummer der Telefonseelsorge.

Wieder ein unüberhörbares Bssssssssssss.

Neeeein! Sie sah ihre Zukunft deutlich vor sich: mit einem psychischen Knacks in der Embryonalstellung, vor und zurück schaukelnd und beim bloßen Gedanken an eine sexuelle Beziehung von Entsetzen gepackt.

Bsssssssssssssss.

Plötzlich dämmerte ihr, dass das Summen nicht von nebenan kam, sondern sich sehr viel näher bei ihrem Einzelbett und Mark, Kian, Shane, Nicky und Brian befand (sie hatte sich ...

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