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Treffpunkt Parzelle 4

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Grüne Pumpe, Parzelle 4
  7. 2. Geheime Schriften & coole Shirts
  8. 3. Maulwürfe in Not
  9. 4. Menthol statt Rattengift
  10. 5. Ferien in Parzelle 4
  11. 6. Einbruch bei Buschschlüter
  12. 7. Garten in Gefahr
  13. 8. Rettung durch Cosimo?
  14. 9. Devin geht – Devin bleibt
  15. 10. Doppelkopf im Vierbettzimmer
  16. 11. Auf Jobsuche
  17. 12. Plattenrettung über die Zeit
  18. 13. Parzelle 4 auf Kundenfang
  19. 14. It’s Partytime
  20. 15. Eifersucht und Liebesfrust
  21. 16. Karo freut sich doch aufs Segeln

Über die Autorin

Brigitte Bücker wurde 1967 in Datteln, Westfalen, geboren. Sie studierte Illustration und Grafikdesign in Hamburg, arbeitete dort einige Jahre in Werbeagenturen und später als freie Grafikerin. Mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern lebt sie heute im Süden von Hamburg.

Treffpunkt Parzelle 4 ist ihr erstes Jugendbuch.

1

Zaun.tif

Grüne Pumpe, Parzelle 4

Eine Woche Segeln an der Ostsee. Eigentlich hörte sich das doch sehr verlockend an. Karo seufzte und packte ihre Schulhefte in den Rucksack. Sie spürte, wie ein riesiger Kloß sich in ihrem Hals festsetzte. Frau Krieger, ihre Klassenlehrerin, hatte ihnen gerade verkündet, dass die in diesem Jahr anstehende Klassenfahrt mit einem Segelkurs verbunden sein würde. Zweihundert Euro alles inklusive. Na klasse! Wie stellte sich die Krieger das bitte vor? Mama würde tot zusammenbrechen, wenn sie das erfuhr. Karo wusste, dass zweihundert Euro nicht wirklich viel Geld für eine Klassenfahrt waren. Aber seit es mit der Firma ihres Vaters so rapide bergab ging, kamen jegliche Anschaffungen außer der Reihe für ihre Familie einer Katastrophe gleich. Sei es nun, dass Karo neue Turnschuhe brauchte oder einen Schulatlas oder auch nur diese dämliche Englischlektüre, die in der vergangenen Woche angestanden hatte.

»Was machst du für ein Gesicht, Karo? Ist doch super, oder? Das mit dem Segeln, meine ich.«

Jo schlüpfte in ihre neue Collegejacke und klemmte sich ihre Tasche unter den Arm.

»Mhm«, brummte Karo nur und warf Jo böse Blicke zu.

Jo hatte gut reden. Ihr Vater war Redakteur bei so einer Frauenzeitschrift. Supertolles Haus und Kohle ohne Ende. Über Geld sprach man dort nicht. Man hatte es. Ihren Junior-Segelschein hatte Jo bereits mit acht gemacht in einem der vielen Segelurlaube, die ihre Familie so unternahm. An den einzigen Urlaub, den Karo mit ihren Eltern je erlebt hatte, konnte sie sich fast nicht mehr erinnern. So lange war das her.

»Kannst du dir doch denken, was Karo hat«, mischte Bruno sich jetzt ein. »Sie weiß nicht, wie sie‘s ihren Eltern beibringen soll. Mann, zweihundert Euro! Warum fliegen wir nicht gleich zum Tauchen auf die Balearen?«

»Oh Mist! Ich bin so ein unsensibler Trampel. Sorry, Karo! Da hab ich jetzt echt nicht dran gedacht.« Jo legte Karo tröstend den Arm um die Schultern.

»Schon gut!«, zischte Karo. Jos Mitleid war das Letzte, was sie jetzt brauchen konnte. Gleich würde sie sie vermutlich noch auf ein Eis oder eine Cola zu Giovanni einladen.

»Komm doch noch mit zu Giovanni. Ich lad dich zum Eis ein«, versuchte Jo sie aufzumuntern.

Karo rollte genervt mit den Augen, beherrschte sich dann aber.

»Das ist nett von dir, Jo. Aber ich muss schnell zu Bodo. Sonst kackt er mir noch die Bude voll.«

Jo sah sie fragend an.

»Und wer, bitte schön, ist Bodo?«

»Das ist der Hund ihrer Nachbarin«, antwortete Bruno für Karo.

»Weißt du, die alte Frau Erichsen, die unter uns wohnt«, erklärte Karo. »Sie musste vor ein paar Tagen plötzlich ins Krankenhaus. Und sie hat mich gefragt, ob ich mich solange um Bodo kümmern kann.«

»Hat deine Mutter nicht eine Tierhaar-Allergie?«, erinnerte sich Jo.

»Eben. Das ist ja das Dumme!«, rief Karo. »Deshalb ist Bodo jetzt in Frau Erichsens Schrebergartenhäuschen untergebracht. Und da ist er die meiste Zeit alleine. Ich hetze also zwei- bis dreimal am Tag zum Garten, um ihn zu füttern und mit ihm Gassi zu gehen.«

»Und Frau Erichsen? Muss sie denn lange im Krankenhaus bleiben?«, erkundigte sich Jo betroffen.

»Na ja, das ist noch nicht raus. Sie hat ziemlich dolle Schmerzen in der Hüfte, sodass sie kaum noch laufen kann.«

»Hey, Karo!« Jos Miene hellte sich plötzlich auf. »Wir könnten dir doch ein bisschen Gesellschaft leisten. Wollen wir uns nicht einfach nachher alle dort treffen?«

»Wer ist alle?« Karo runzelte die Stirn.

»Na, Wolle und Bruno und ich und du. Und jeder bringt was mit, Kekse oder so.«

Karo überlegte kurz. »Eigentlich keine schlechte Idee. Aber ich weiß nicht, ob wir das dürfen.«

»Ach, komm schon! Wir wollen das Häuschen schließlich nicht abfackeln, sondern nur gemütlich ein paar Kekse knabbern«, lenkte Bruno ein. »Dagegen hat die Erichsen bestimmt nichts. Die ist doch eigentlich ganz nett.«

»Okay«, seufzte Karo und merkte, wie der Kloß in ihrem Hals langsam wieder zu schrumpfen begann. »Also dann so gegen drei in der Schrebergartenkolonie. Grüne Pumpe, Parzelle 4. Ich muss mich jetzt wirklich sputen.« Sie nahm ihre Jacke vom Haken und flitzte los.

»Hoffentlich hab ich diese beknackten Matheaufgaben bis dahin fertig«, stöhnte Jo, »sonst lässt meine Ma mich bestimmt nicht weg.«

»Ach, zur Not behauptest du einfach, dass wir uns bei Karo treffen, um für den nächsten Test zu büffeln.« Bruno grinste sie verschwörerisch an und schwang sich auf sein Rad. »Bis später also.«

Karo bog in den schmalen Kiesweg ein, der zu Frau Erichsens Garten führte. Es war einer dieser ersten warmen Sommertage, an denen sich alles so leicht anfühlte. Die Mittagssonne hatte schon richtig Kraft und wärmte ihre noch blassen Beine. Heute hatte sie zum ersten Mal ihre Shorts aus dem Schrank geholt. Einige Hummeln umschwirrten geschäftig einen üppigen Hibiskus, der mit seinen prächtigen pinkfarbenen Blüten lockte. Und von einem nahezu perfekten Kletterbaum, der aber leider – von Gartenzwergen gut bewacht – im falschen Garten stand, schwadronierte ein Eichelhäher so laut und schrill, als wäre er hier der Chef vom Ganzen. Das Gras und die Hecken leuchteten in saftigem sattem Grün, sodass man am liebsten hineinbeißen wollte. Nein, das war wirklich kein Wetter, an dem man sich die Laune von irgendwelchen Geldsorgen vermiesen lassen sollte. Karo sog die Sommerluft tief in sich auf. Sollte doch Mama sich die Sorgen alleine machen. Und wenn sie eben nicht mitfuhr! Jetzt wollte sie erst mal diesen sonnigen Nachmittag mit ihren Freunden genießen.

Als sie sich Frau Erichsens Garten mit dem kleinen dunklen Holzhaus näherte, hörte sie aus dessen Inneren bereits aufgeregtes Bellen. Eilig schloss sie die dunkelgrüne Holztür auf, und schon kam Bodo herausgeschossen und sprang in freudiger Erwartung an ihr hoch. Bodo war ein kleiner rotbrauner Cockerspaniel, den Frau Erichsens erwachsene Söhne ihr vor einigen Jahren geschenkt hatten, als ihr Mann gestorben war. Bestimmt hatten sie das getan, damit sie nicht ein derart schlechtes Gewissen haben mussten, wenn sie ihre Mutter so selten besuchten, dachte Karo. Denn Frau Erichsen bekam nicht allzu häufig Besuch. Bodo kannte Karo gut, weil sie schon oft mit ihm spazieren gegangen war. Das tat sie zum einen, weil sie gern selbst einen Hund gehabt hätte. Zum anderen freute sich die Nachbarin, die nicht mehr so gut zu Fuß war, wenn Karo ihr das Gassigehen hin und wieder abnahm.

Als sie Bodo angeleint hatte und gerade mit ihm losziehen wollte, tauchte am Nachbarzaun ein speckiger grünbrauner Cordhut auf. Karo stöhnte. Sie wusste, was jetzt kam. Der Hut saß auf dem Kopf von Herrn Buschschlüter. Ihm gehörte das Nachbargrundstück, auf dem er penibelst schaltete und waltete. Kein Hälmchen Unkraut war vor ihm sicher, ihm, dem Schrecken aller Maulwürfe, Schnecken und Raupen. Ohne Karo zu begrüßen, wetterte er gleich los:

»So geht das aber nicht weiter! Der Köter kläfft von früh bis spät. Das ist ja nicht auszuhalten! Und denk bloß nicht, dass der hier unsere schönen Wege vollschittern kann. Das sind hier doch keine Hundekackwege. Dass das klar ist!«

Karo setzte ihr strahlendstes Nachbarlächeln auf und rief betont freundlich zu ihm rüber: »Guten Tag, Herr Buschschlüter! Schön, Sie zu sehen. Ist das nicht ein herrliches Wetter?«

»Unverschämte Göre! Denk bloß nicht, dass ich mir das bieten lasse.«

Was an dieser freundlichen Begrüßung ihrerseits unverschämt sein sollte, blieb Karo rätselhaft. Aber sie ließ ihn einfach stehen und beschloss, sich auch von ihm nicht ihre gute Sommerlaune vermiesen zu lassen.

Pünktlich um drei trudelten Bruno, Jo und Wolle ein. Die vier Freunde gingen alle in die sechste Klasse von Frau Krieger. Bruno und Karo kannten sich allerdings am längsten. Um genau zu sein, seit ihre Mütter mit ihnen auf der Entbindungsstation gelegen hatten. Bruno wohnte nur ein paar Straßen weiter allein mit seiner Mutter. Seinen Vater sah er nur sporadisch, weil er in einer anderen Stadt wohnte und geschäftlich viel unterwegs war. Karos Mutter war quasi so etwas wie eine Tagesmutter für Bruno gewesen, und so waren Karo und Bruno fast wie Geschwister aufgewachsen. Natürlich waren sie auch in denselben Kindergarten gegangen und in dieselbe Grundschule. Und wenn Brunos Mutter mal übers Wochenende wegmusste, blieb Bruno bei Karo und ihren Eltern. Bruno war fast noch besser als ein Bruder, fand Karo, die selbst auch keine Geschwister hatte. Denn die Brüder ihrer Freundinnen waren immer nur anstrengend und nervig.

Aber mit Bruno konnte man einfach Pferde stehlen oder auch ganz normal über alles reden – wie sonst nur mit einem Mädchen. Deshalb war er besser als ein Bruder. Ein Bruderfreund eben.

Jo hieß eigentlich Johanna und hatte besagte Nervbrüder. Gleich zwei davon, einer älter, einer jünger als sie. Und irgendwie war Johanna selbst ein bisschen wie ein Junge. Sie spielte Fußball im Verein, lief in Jungsklamotten herum und hasste Kleider oder Röcke. Und das lag bestimmt nicht daran, dass sie die Hosen ihres Bruders auftragen musste. Wie gesagt, ihre Familie war ziemlich gut gestellt. Jedes der drei Kinder hatte ein eigenes großes Zimmer mit eigenem Fernseher, Computer, Stereoanlage und Playstation. Das würden Karos Eltern nicht mal erlauben, wenn sie das Geld dafür hätten. Papa sagte immer, ein Fernseher oder ein Computer hätten nichts im Kinderzimmer zu suchen. Karo genoss es trotzdem, wenn sie sich alle bei Jo trafen, um Videos zu gucken oder Computermatches auszutragen. Und Jo war zwar großzügig, aber sie gab nie mit dem an, was sie hatte. Sie wusste halt nur nicht wirklich, was es bedeutete, wenn jemandem das Geld nicht so locker saß.

Wolle hieß richtig Theresa Wollenweber. Dieser Nachname und vielleicht auch die Tatsache, dass ihr Kopf umrahmt war von vielen dichten kleinen rotblonden Locken, hatten ihr diesen ungewöhnlichen Spitznamen eingetragen. Aber das ärgerte sie nicht. Denn niemand meinte es böse oder gar abfällig. Nur ihre Mutter war ein wenig unglücklich darüber, weil Theresa doch ein weitaus hübscherer Name war, wie sie fand.

»Ist ja ’n cooler Schuppen!«, rief Jo, als sie das Häuschen betrat und zwei Flaschen Sprite und eine Tüte Kartoffelchips auf den weißen Gartentisch mit der geblümten Wachstuchdecke knallte.

Die drei sahen sich in dem kleinen Häuschen um. In dem einzigen Raum gab es ein gemütliches altes Sofa und einen abgewetzten Sessel. Ein Kachelofen sorgte vermutlich im Winter für behagliche Wärme. Hinter einer Tür verbarg sich eine winzige Kochecke mit Herd. Eine schmale Treppe führte zu dem niedrigen Dachboden, auf dem ein Bett und ein paar Gartenliegen standen.

»Mann, das müsste unsere Bude sein«, meinte Wolle begeistert. »So ’n richtiges eigenes kleines Quartier, wo wir uns treffen und Pläne schmieden können.«

»Was denn für Pläne?«, fragte Karo verwundert.

»Na, Pläne eben. Ideen, Streiche, gute Aktionen.«

»Sag mal, wie krank ist deine Nachbarin denn?«, erkundigte sich Jo.

»Na hör mal! Ich wünsch ihr schon, dass sie bald wieder auf die Beine kommt«, empörte Karo sich. »Andererseits habt ihr wirklich recht. Ich bin hier total gerne. So ein eigenes kleines Haus – das wär’s doch.«

»Wir könnten eine eingeschworene Bande sein, mit Kennwort und Erkennungszeichen«, schwärmte jetzt auch Jo, »und wann immer wir Zeit haben, treffen wir uns hier.«

»Eine Bande?« Bruno runzelte die Stirn. »Eh, Mädels, sind wir dafür nicht etwas zu groß?«

»Na und! Dann werden wir eben wieder klein. Mensch, ich wollte immer schon eine Bande.«

»Und wie sollen wir heißen? Etwa die Schrebergärtner?« Wolle seufzte. »Ist doch uncool.«

»Wie wär’s mit unseren Initialen?«, schlug Jo vor. »KBWJ, zum Beispiel. Oder JKBW

»Warum nicht gleich JWD oder KGB?«, meinte Bruno ironisch. »Was sagst du denn dazu, Karo?«

Karo überlegte und starrte etwas abwesend aus dem Fenster.

»Ich müsste erst mal mit Frau Erichsen sprechen, ob es überhaupt geht, dass wir uns hier treffen …«, sinnierte sie vor sich hin. Dann sah sie die anderen an. »Aber wenn das klappt, ist doch völlig klar, wie wir heißen: Parzelle 4. Und dann wird das hier das ganz große Ding. Ob wir nun ’ne Bande sind oder ’ne Gang, ein Club oder einfach nur Freunde, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Hauptsache kein eingetragener Verein.«

2

Zaun.tif

Geheime Schriften & coole Shirts

Am nächsten Morgen musste Karo erst später zur Schule, weil Englisch ausfiel. Karo wollte die Zeit nutzen und nach ihrer obligatorischen Runde mit Bodo noch kurz bei Frau Erichsen im Krankenhaus vorbeischauen. Zu dumm, dass Hunde dort nicht erlaubt waren. Leider musste der Arme wieder einmal allein im Garten bleiben.

»Bodo, Bodo, ich hör immer nur Bodo!«, hatte ihre Mutter zum Abschied gemault. »Du bist ja mehr im Garten als zu Hause.«

Der Garten ist mein Zuhause, dachte Karo im Stillen und grinste verschwörerisch. Vielleicht sollte sie ihr von der Idee mit dem Bandenquartier lieber noch nichts erzählen. Eltern hatten manchmal etwas komische Ansichten. Außerdem musste sie auch nicht alles wissen. Laut rief sie im Hinausgehen:

»Ich schick dir bei Gelegenheit eine SMS! Als Lebenszeichen! Bye, Ma! Hab dich lieb!«

Als sie das Krankenhaus betrat, wurde ihr natürlich wieder flau im Magen. Es roch unerträglich nach Medikamenten, viel zu scharfem Putzmittel und kranken Leuten. Dazu die bleichen herumschlurfenden Patienten in ihren gestreiften Frotteebademänteln und elenden Gesichtern und als Kontrast die geschäftig herumrennenden Pfleger und Ärzte, die sich ihrer Sache immer so sicher schienen. Bloß nicht krank werden, dachte Karo jedes Mal. Obwohl sie noch nie selbst ins Krankenhaus gemusst hatte. Vielleicht war es ja in Wirklichkeit gar nicht so schlimm?

Frau Erichsen lag im dritten Stock in einem Dreibettzimmer. Sie freute sich riesig, als sie Karo sah, und eigentlich schien es ihr auch gar nicht so schlecht zu gehen.

»Karo, das ist aber eine Überraschung! Ist heute denn keine Schule?«

»Doch, aber ich muss erst später hin.«

Sie packte das Obst, das Mama ihr mitgegeben hatte auf den Nachttisch.

»Ich wollte nur sehen, ob es Ihnen schon etwas besser geht, und Bescheid sagen, dass mit Bodo alles in Ordnung ist.«

»Na, da bin ich ja beruhigt. Ich bin so froh, dass du dich um ihn kümmerst. Dich kennt er schließlich. Ich geb dir noch Geld für Bodos Futter mit und auch etwas für dich, für deine Mühen.«

Frau Erichsen zückte ihr Portemonnaie.

»Danke. Ich wollte aber noch etwas anderes fragen«, begann Karo zögernd. »Es ist so … ähm … ich würde gern meine Freunde in den Garten mitnehmen. Vielleicht könnten wir …«

»Natürlich, Kindchen!«, unterbrach sie Frau Erichsen. »Das ist kein Problem. Den Bruno kenne ich ja schon lange. Und ich weiß doch, dass es alleine so langweilig ist. Wenn du dich schon so gut um Bodo kümmerst, sollst du wenigstens auch ein bisschen Gesellschaft haben. Vielleicht könntet ihr auch ab und zu den Pflanzen etwas Wasser geben oder mal den Rasen mähen?«

Frau Erichsen gab Karo noch den einen oder anderen Tipp, was sie unbedingt beachten musste und was wo im Häuschen zu finden war, und Karo versprach, sich um alles zu kümmern. Schließlich schrieb sie ihr für alle Fälle noch die Handynummer ihres Sohnes und die Nummer von Herrn Buschschlüter auf.

»Aber die wirklich nur für den Notfall. Der alte Griesgram! Lass dich bloß nicht von ihm einschüchtern. Hunde, die bellen, beißen nicht.«

»Apropos bellen«, fiel Karo ein. »Er hat sich über Bodos Krach beschwert.«

»Ach, den stört die Fliege an der Wand. Bodo bellt nur, wenn er deine Schritte auf dem Kies hört oder wenn ein anderer Hund vorbeikommt. So, und jetzt ab mit dir zur Schule! Sonst bin ich noch schuld, dass du zu spät kommst. Ich werd jetzt erst mal mit Frau Hasenkötter eine Runde Skat spielen.«

Sie wies aufs Nachbarbett, aus dem eine kleine runzlige Frau mit schütterem weißem Haar Karo zahnlos, aber fröhlich anlächelte. »So vertreiben wir uns hier etwas die Zeit, bis der Zimmerservice unser Dreigängemenü serviert. Nicht wahr, Frau Hasenkötter?«

Frau Hasenkötter nickte nur stumm und lächelte wieder. Karo verabschiedete sich schnell und verließ das Zimmer. In der Tür stieß sie um ein Haar mit einer etwas rundlichen älteren Dame im buntgeblümten Nachthemd zusammen. Darunter guckten stark angeschwollene weißliche Beine hervor, die von lilablauen Krampfadern durchzogen waren und in braunen Cordpantoffeln steckten.

»Hat etwas länger gedauert«, entschuldigte sie sich. »Habt ihr schon gemischt?«

Karo musste lächeln. Die drei hier schienen jedenfalls aus ihrem Krankenhausaufenthalt das Beste zu machen und ließen sich von ihren Gebrechen und den Leiden des Alters nicht unterkriegen.

Auf dem Flur jauchzte sie leise auf und konnte einen kleinen Luftsprung nicht unterdrücken. Sie beeilte sich, diesen ihr unangenehmen Ort zu verlassen, und radelte zur Schule. Unterwegs fuhr sie übermütig Schlangenlinien und rief:

»Grüne Pumpe, wir kommen!«, und: »Parzelle 4 – das sind wir!«

Als ein Taxifahrer wild hupte und ihr im Vorbeifahren einen Vogel zeigte, mäßigte sie ihren Fahrstil gezwungenermaßen, trat aber dafür noch etwas schneller in die Pedale.

Der Unterricht hatte bereits begonnen, als sie in die Klasse kam. Sie war leider doch etwas zu spät losgefahren.

»Ich will deine Ausrede gar nicht erst hören, Karoline!«, zischte Frau Krieger, als Karo gerade etwas sagen wollte. »Du kannst gleich hierbleiben und an die Tafel kommen. Wir starten mit einer kleinen Textaufgabe: Wenn ein Gärtner im Frühling fünfundachtzig Kartoffeln in die Erde steckt und im Schnitt sieben Kartoffeln aus jeder …« Karo musste unwillkürlich lächeln. Ein bisschen theoretische Nachhilfe in Sachen Gartenpflege konnte jetzt vielleicht ganz hilfreich sein.

»Ich weiß zwar nicht, was an dieser Aufgabe so amüsant ist, aber vielleicht könntest du jetzt ja mal versuchen, sie zu lösen.«

Zum Glück war Karos Ergebnis das richtige. Sie durfte sich auf ihren Platz setzen, und Anna musste an die Tafel. Karo fing natürlich gleich an, unauffällig einen kleinen Brief zu schreiben. Denn bis zur Pause konnte sie es nun wirklich nicht aushalten, den anderen von ihrem Krankenbesuch zu berichten. Sie schrieb: »j + w na retiew – 4 ellezrap rhu ierd etueh – epmup enürg rüf thcil senürg«, faltete den Zettel und schickte ihn an Bruno. Dabei musste er einmal über den Gang gereicht werden. Maxi, der Depp, kippelte dabei etwas zu laut mit seinem Stuhl, und schon hatte Adlerauge, wie Frau Krieger von ihren Schülern auch gern genannt wurde, ihre Greifer ausgestreckt und den Brief abgefangen. »Na, was haben wir denn dieses Mal so Wichtiges? Aha, für Bruno.« Sie faltete den Miniaturbrief auseinander, stutzte einen Moment und las dann laut vor: »Grünes Licht für Grüne Pumpe – Heute drei Uhr Parzelle 4. Weiter an W + J. Also wirklich, Karoline, ein bisschen mehr Mühe könntest du dir schon geben beim Kreieren von Geheimschriften. Wo bleibt denn da der sportliche Ehrgeiz? Ich schlage vor, du suchst bis morgen im Internet für uns alle mindestens drei verschlüsselte Schriftensysteme heraus und stellst sie mir und der Klasse vor. Ob du das allerdings bis drei Uhr schaffst, neben deinen sonstigen Hausarbeiten, ist dabei fraglich. Also Bruno und – ich nehme an, Theresa und Johanna: Ich schlage daher vor, ihr trefft euch lieber erst so gegen sechzehn Uhr. Und jetzt, meine Lieben, wollen wir uns wieder der Mathematik zuwenden.«

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