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Treffpunkt Altneu Synagoge

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© 2017 Walter Scheele

ISBN:

978-3-7345-7578-5 (Paperback)

978-3-7345-7579-2 (Hardcover)

978-3-7345-7580-8 (e-Book)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Der alte Liaz rumpelte und stieß. Micha war unwohl. Der Geräusche des alten Motors wegen. Aber auch der Ladung halben. Denn die war brisant. Micha atmete zum ersten Mal erleichtert durch, als die E 55 am Ortsrand von Teplice in die Schnellstraße zur Grenze nach Deutschland einmündete.

Dann mischte sich plötzlich ein verdächtiges Poltern in das Schnaufen der Maschine und das Stöhnen der überlasteten Federn. Der Anhänger begann zu rumpeln. Im Spiegel konnte Micha nicht erkennen, was dieses merkwürdige Verhalten hervorgerufen hatte.

„Verdammt“, fluchte Micha. „Was wird das nur wieder werden. Schon jetzt Stau. Hoffentlich hält die durch. Ist verdammt eng da drin.“

Als er auf der Schnellstraße die Eisenbahn überquerte, gerade als der Personenzug von Chomutov (Komotau) nach Decin (Tetschen) mit kreischenden Bremsen seine Fahrt für den Halt in Teplice verlangsamte, musste Micha kurz anhalten. Vor ihm stockte der Verkehr.

Deshalb gelang Ivanka die Flucht aus dem dunklen Verlies unter dem Anhänger, wo sonst Paletten verstaut waren. Dort hatte man sie, an Händen und Füßen gefesselt, eingepfercht. Hinter einer geschickt gemachten Attrappe, die aussah, als wäre der gesamte Stauraum mit Paletten vollgestopft.

Doch die Fesselung war ungenügend gewesen. Aus Sicht der Männer. Ivanka sah das ganz anders. Als sie auf der Brücke aus dem Kasten rollte, überkam sie das Glücksgefühl einer großen Gefahr entronnen zu sein.

Doch so weit war es noch nicht. Das wusste Ivanka. Sie duckte sich an den Fahrbahnrand. Weshalb Micha dem Irrtum erlag, ein Kollege habe auf dieser Brücke Ladung verloren. Aber das merkwürdige Geräusch blieb. Weshalb Micha kurz vor Dubi, dem früheren Eichwald, die Warnblinkanlage einschaltete und anhielt.

Als er bei seinem Rundgang um den betagten Lastzug zum Anhänger kam, fluchte der kräftige Mann laut. Die Klappe mit der Palettenattrappe war offen, schliff über die Straße. Vom Inhalt keine Spur. Zurückfahren und suchen? Mit dem Lkw? Ein Unding. Das wäre sofort aufgefallen. Und vor allem: Was sollte er verloren haben, wenn man ihn fragte? Also gab es nur eines: weiterfahren und telefonieren.

In Prag löste der Anruf Michas Verärgerung aus. Jedoch noch keine Aktivität. Man werde die Ausreißerin schon finden.

Der solchermaßen knapp beschiedene Trucker setzte seine Fahrt fort. Am Grenzübergang Cinovec war er erleichtert. Die Kolonne der wartenden Lkw staute sich bis in die Spitzkehre der Nationalstraße 8. Das bedeutete lange Wartezeit. Und dass die Grenzer genau kontrollierten, welche Fracht zwischen Tschechien und Deutschland unterwegs war. Sollten sie doch seinen Liaz filzen. Finden würden sie nichts.

Aber Micha fand etwas. Ein Mädel, blutjung. Es war bereit, ihm die Wartezeit zu verkürzen. Sogar nach allen Regeln der Kunst. Weil er mit harten Euro zahlte. Und nicht knauserig war.

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Ivanka verbrachte die Zeit weitaus ungemütlicher als der Trucker und sein Mädchen. Die 22-Jährige war im Stockdunklen über eine schmale, steile Treppe von der Straße hinunter zur Bahnlinie geklettert. Von dort aus hatte sie sich neben den Gleisen den Weg zum Bahnhof mit seinen trüben Lichtern gesucht.

Jetzt saß sie frierend und dem Verdursten nahe auf einer harten Holzbank vor dem tristen Gebäude. Das wenige Kleingeld, das ihre Entführer übersehen hatten, reichte gerade um ihren Bruder Gregor in Roudnice anzurufen. Nicht aber um sich eine Cola oder gar einen Schnaps in der Bahnhofsgaststätte zu besorgen. Gregor hatte nicht gefragt, was passiert sei, aber eines versprochen: Er wollte sofort losfahren. Und auch eine Flasche Sliwowitz mitbringen. Er fragte nie, wenn seine Schwester ihn um Hilfe bat. Der ehemalige Fallschirmjäger war sich sicher. Wenn seine Schwester sprechen wollte, würde sie das von sich aus tun.

So war es schon immer bei den Geschwistern gewesen. Sie hatten sich immer aufeinander verlassen können. Auch nachdem Gregor geheiratet hatte. Und auch jetzt, nach der politischen Veränderung, als der durchtrainierte 24-jährige zur Polizei gegangen war. Was er dort tat, wussten weder seine Frau Helena noch seine Schwester.

Ivanka brach in Tränen aus, als der Wagen ihres Bruders stoppte. Behutsam fasste Gregor seine Schwester an den Schultern. Führte sie in seinen betagten Skoda. Die 22-Jährige trank dankbar fast eine ganze Flasche Wasser und einen großen Schluck des scharfen Schnaps. Dann hatte sie sich so weit gefasst, dass sie erzählen konnte.

Gregor erfuhr, dass seine Schwester bei einem Fest in Drahunky einen Mann kennengelernt hatte. Man fand sich gegenseitig sympathisch. Weshalb sie und ihre Freundin Wanja einer Spritztour nach Prag nicht abgeneigt gewesen waren.

Die Erinnerung an diese Fahrt ließ Ivanka erneut in lautes Schluchzen ausbrechen. Gregor wusste nur zu gut, wovon sie sprach. So war es in den meisten Dörfern und Kleinstädten seiner Heimat. Vor der Öffnung der Grenzen wie danach. Geändert hatten sich nur die Möglichkeiten für bestimmte „Geschäftsleute“. Die kleinen Handwerker und Bauern hatten, ebenso wie die Arbeiter, nichts profitiert. Oder bitter wenig.

Ivanka berichtete von dem Abend in Drahunky. Und was seine Schwester nicht wusste, konnte er sich zusammenreimen. So war es immer und auch hier.

Die Tristesse ist mit Händen zu greifen. Lethargie liegt schwer über den Dächern. Die Dorfstraße ist ebenso lang wie öde und grau. Die Häuser eingeschossig, mit tief herabgezogenen Dächern. Der Putz bröckelt. Die Zäune hängen ausgebrochen an den morschen Pfählen. Bürgersteige gibt es nicht. Windschiefe Masten tragen teilweise zerrissene Freileitungen, deren Enden im Wind baumeln.

Aus den Schornsteinen steigen dünne Rauchfahnen. Sonst liegt alles leblos, dunkel da.

Nur aus einem Haus an der Komenského nám dringt Licht. Außerdem die Musik einer Kapelle aus Akkordeon, Geige und Bass. Flackernde Lichtgirlanden beleuchten einen bescheidenen Rummelplatz mit Kettenkarussell, Los- und Schießbude, einem Podium mit der Kapelle. Über den Musikern mit den grauen Gesichtern und verschlissenen Anzügen spannt sich eine alte Armeeplane von einem Ast zum anderen, dann herunter bis fast auf die Erde. Neben ihnen steht ein Bierfass auf einem Holzbock. Daneben soll ein gefüllter Wassereimer einige Schnapsflaschen kühlen.

Die zwei jungen Mädchen bummeln über den Platz. Wan-ja fordert ihre Freundin auf: „Lass uns tanzen.“ Ivanka zuckt mit den Schultern. Was die Knöpfe an ihrer knallengen Bluse fast abspringen lässt.

Ivanka sieht sich um. Dann widerspricht sie: „Lieber schießen. Oder losen. Oder noch besser gleich heimgehen. Mit wem will ‘ste denn hier tanzen?“ Die Mädchen schlendern zum Ausschank. Nehmen sich jede einen Krug Bier, trinken in langen Zügen.

Während die Mädchen über den Platz schlurfen, fährt ein Siebener BMW am Garten vor. Stoppt mit quietschenden Reifen. Zwei westlich modern gekleidete junge Männer steigen aus. Typ Bodybuilder. Sie gehen langsam, sich umsehend durch die Kneipe und den Garten.

Auf einer Bank unter dem schiefen Fenster mit der abblätternden Farbe auf dem Rahmen sitzen alte Männer. Vom Aussehen alt – ihre Gespräche sind nicht zu verstehen.

Hinter dem Tresen stehen zwei Frauen. Sie tragen über den zeitlos unmodernen Kleidern ebensolche Kattunschürzen. Die altmodischen Frisuren machen ihre Gesichter noch älter, als die Frauen an Jahren sind.

Kosmas und Petar sind enttäuscht: „Das sieht nicht vielversprechend aus“, meint Kosmas. Petar späht gelangweilt durch die Tür in den Garten. Sieht die knackigen Pos der beiden jungen Frauen. Er pfeift durch die Zähne.

Anerkennend tuschelt er seinem Begleiter zu: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend ...“ Der Mann zieht Kosmas an der Theke vorbei zur Gartentür. Beide stellen sich an der Schießbude neben die Mädchen.

Kosmas beginnt die Anmache: „Wie habt Ihr Euch denn hierher verirrt?“; will er von den Mädchen wissen. Die reagieren nicht. Sehen sich die Männer verstohlen von oben bis unten an.

Wanja antwortet endlich, so schnippisch sie kann: „Wie es so geht, wenn man hier lebt und sonst nichts los ist.“ Ivanka ergänzt: „Und man vor allem kein Auto hat.“ Die Mädchen drehen sich scheinbar gelangweilt weg. Nicht ohne dabei ihre Reize gekonnt zur Schau zu stellen.

Kosmas wendet sich Ivanka zu: „Wir wollen schießen. Für jede Rose die ich treffe einen Kuss von Dir.“ Ivanka schaut den Fremden voll an. „Da musst Du verdammt gut schießen. Unter Dreien für einen tut sich nichts!“

Sechs Schuss aus dem Luftgewehr fallen. Nach jedem Schuss muss nachgeladen werden. Mit jedem Schuss fällt eine der scheußlich grellen Plastikrosen. Wanja tut entrüstet. Beschimpft ihre Freundin: „Das hast Du jetzt davon. Jetzt wirst Du ...“ Im gleichen Moment fasst Petar Ivanka um die Hüften, zieht sie an sich und küsst sie auf den Mund. Das Mädchen gibt seinen Widerstand schnell auf.

Kosmas zieht Ivanka zur holprigen Tanzfläche unter der Kastanie. „Lass uns tanzen. Dann hole ich mir meine ganze Belohnung.“ Die Paare stolpern auf dem holprigen Boden mehr, als dass sie tanzen. Die Musik tut ein Übriges. Beide Paare brechen den Tanz ab und gehen sich Bier holen. Dazu Schnaps aus der Flasche in dem Eimer daneben. Die Paare trinken sich zu, lassen sich die Schnapsgläser mehrfach neu füllen.

Kosmas macht schließlich den Vorschlag: „Wollt ihr Mal in einem richtig flotten Wagen ... Wir könnten nach Prag in die Disco fahren. Petars Freund hat da einen ganz heißen Schuppen?“

Die jungen Frauen sind begeistert. Petar zahlt und das Quartett geht beschwingten Schrittes zum BMW. Wobei die Männer ihre Hände nicht bei sich behalten können.

Sie steigen in den Wagen. Die beiden Männer lassen ihre Chancen nicht aus, mit geübten Griffen den üppigen Rundungen der Mädchen nachzufahren. Worüber diese nicht unglücklich zu sein scheinen. Sie lassen es sich ohne Widerrede gefallen.

Während der Fahrt sitzen Wanja und Petar hinten. Beide beschäftigen sich intensiv miteinander. Kosmas streichelt beim Fahren Ivanka - die sich nicht ziert. Laute Rockmusik dröhnt durch den mit Leder eingerichteten Wagen. Die Fahrt vergeht wie im Flug.

Der BMW stoppt unter dem Neonlicht einer Diskothek. Die beiden Paare steigen aus. Sie gehen eng umschlungen auf den Eingang zu. Unter dem Torbogen küssen sich Ivanka und Kosmas. Ivanka hat Bedenken, in diesen noblen Schuppen zu gehen. „Wie wir aussehen! Das ist doch außerdem viel zu teuer …“ sträubt sie sich, bevor sie sich von ihrem neuen Galan weiter in Richtung Eingang ziehen lässt.

Kosmas tut ihre Argumente ab: „Quatsch. Ihr seht super aus. Da passt Ihr genau rein“, zerstreut er ihre Bedenken, die eher ein Zieren denn ernsthaft gemeint sind.

Die Männer schieben die zögernden Mädchen ins Haus. Eine Treppe hinunter in einen mit farbigen Strahlern erleuchteten riesigen Raum. Den Hintergrund beherrscht eine mit Nischen ausgestattete pompöse Bar. Die beiden Paare schieben sich durchs Gedränge der Tanzenden an die Theke. Kosmas ordert Schampus.

Die Mädchen sind wie gebannt von dem Glanz des sichtlich teuer und westlich aufgemachten Etablissements. Sie merken nicht, wie sich Kosmas und Petar mit einem Mann an der rechten Seite der Bar durch Blicke verständigen.

Petar prostet den jungen Frauen zu. Beide Männer animieren die Mädchen, immer schneller zu trinken, und tanzen mit ihnen. Kosmas behält unauffällig im Blick, was an der Bar passiert.

Der Komplize der beiden Männer schiebt sich an die Gläser der Mädchen heran. In der rechten Hand hat er eine kleine, geöffnete Flasche verborgen. Aus ihr lässt er unauffällig einige Tropfen einer glasklaren Flüssigkeit in die Gläser der Mädchen fallen.

Die Paare kommen erhitzt von der Tanzfläche. Die jungen Frauen trinken schnell. Beide bekommen Blitz auf Schlag „weiche Knie“. Geschickt werden sie von Petar und Kosmas umarmt, zu einer Tür neben der Bar dirigiert. Die Paare verschwinden. Von den übrigen Tanzenden unbeachtet.

Petar stöhnt, als sie die Mädchen in dem Nebenraum nachlässig auf eine Couch gleiten lassen: „Mein Gott, sind die schwer. An den beiden ist wirklich was dran. Das wird Gregorius freuen. Der steht nicht auf Mageres. Hätten wir die nur erst mal drüben ...“

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Seit dem Besuch in der Prager Disco wusste Ivanka plötzlich von nichts mehr, erzählte sie. Ihre Freundin Wanja habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Sie selbst war mehrere Male von den nun gar nicht mehr freundlichen Männern vergewaltigt worden. Es seien außer Kosmas und Petar mehrere gewesen. Alle rochen nach Schnaps, hatten harte Hände. Sie habe alles nur wie hinter einer Milchglasscheibe mitbekommen.

Richtig zu sich gekommen war sie erst in dem dunklen Kasten unter dem Lkw. Weil es dort so nach Schmieröl stank. Ein Geruch, den sie seit Kindertagen hasste, als sie ihrem Vater in der kleinen Autowerkstatt helfen musste. Mit übermenschlicher Kraft hatte sie sich von ihren Fesseln befreit.

Ihr Bruder knirschte mit den Zähnen. Sagte kein Wort. Griff nur erneut nach der halb vollen Flasche mit dem Sliwowitz. Ivanka trank dankbar. „Ich bringe Dich zu mir“, bestimmte Gregor. „Meine Frau wird sich um Dich kümmern!“

Ivanka sah ihren Bruder von der Seite an: „Du – was ist mit Dir?“ Er müsse noch mal weg. In den Dienst. Gregor war wortkarg. Bis sie vor seinem Haus in Roudnice stoppten. Gregor wollte gleich weiterfahren. Deshalb holte seine Frau Helena die Erschöpfte ins Wohnzimmer.

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Gregor war sofort zu seiner Dienststelle gefahren. Irgendwo zwischen Prag und der deutschen Grenze. Ihre Lage war so geheim wie der Auftrag der Männer. Selbst die Frauen und Mütter wussten nichts. Und sogar in Prag tappten die Polizeibeamten unterhalb der obersten Führungsebene im Dunkeln. Wenn es um die Männer von „Pan Tau“ ging. Die Fernsehzuschauer kennen ihn als den freundlichen Mann mit der Melone aus einer beliebten Kinderserie.

Doch die Aufgabe von „Pan Tau“ hatte nichts mit Freundlichkeit zu tun. Im Gegenteil. Jeder, der mit dieser Spezialeinheit in Berührung gekommen war, hatte das bitter bereut. Und nicht jeder hatte viel Zeit dazu gehabt. Denn kaum einer war langjährigen Haftstrafen entgangen. Oder war in den Auseinandersetzungen von dem 16-köpfigen Team eliminiert worden. Ausgelöscht. Erschossen. Erdrosselt.

„Pan Tau“ war eine Gründung der Prager Polizeiführung und des Innenministeriums. Eine Mischung aus westlichem Mobilen Einsatzkommando und Bundeskriminalamt. Mit weitgehenden Befugnissen. Niemandem Rechenschaft schuldig. Außer dem zuständigen Minister. Die Aufgabe der 16 Männer: Bekämpfung der organisierten westöstlichen Kriminalität; des Mädchen- und des Drogenhandels. Nur selten machten sie bei verdeckten Einsätzen Gefangene. So viel hatte sich herumgeschwiegen.

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Der Vorgesetzte Gregors war ein älterer Polizeioffizier. Aber nicht alt genug, um die Zeichen der neuen Zeit falsch zu deuten. Schweigend hörte Jan Cosmas seinem Kollegen zu. Er kam ohne Notizen aus. Wie die übrigen zuhörenden und schweigenden Mitglieder des Teams auch.

Kaum dass Gregor seinen Bericht beendet hatte, fiel eine Entscheidung. „Deine Schwester muss angehört werden. Eingehend. Wir brauchen ihre detaillierten Aussagen. Vor allem soll sie die Männer beschreiben, die sich Kosmas und Petar nennen.“ Ivanka sollte jedoch erst einmal Zeit haben, sich einigermaßen zu erholen.

„Sie darf auf keinen Fall Dein Haus verlassen“, forderte der Chef Gregor auf. „Ich gehe davon aus, dass die Bande nach ihr suchen wird. Kann sein, dass wir schiefliegen, aber diese Sache könnte mit einer ganzen Reihe verschwundener Mädchen aus dem grenznahen Raum zu tun haben.“ Dann setzte er sich an den klapprigen Fernschreiber, der im Westen längst von Computern abgelöst und im Technikmuseum gelandet wäre. Er hoffte, dass die Kollegen in Frankfurt am Main mit seinem Wissen etwas anfangen könnten. Bisher war da auf frühere Anfragen in dieser Sache noch nichts Brauchbares gekommen.

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In Frankfurt sah Petra Stein gerade das Gesicht des Mannes in einer Wolke aus seiner Pfeife verschwinden, der ihr Tag für Tag näher war als jeder andere Mensch. Und doch fremder. Der nie anders sprach als in leicht scherzendem Ton. Dessen gleichbleibend freundliches Gesicht auch für sie nur eine Maske war. Hinter der sich verbarg, was für sie noch immer ein Geheimnis blieb. Wie für die anderen Kollegen ebenso wie die Kriminellen, die die glasharte Seite des Beamten erlebt hatten.

Nach weit mehr als drei Jahren gemeinsamer Arbeit war es der attraktiven Frau noch immer nicht gelungen, hinter die Fassade dieses Mannes zu blicken. Enger Zusammenarbeit, aber auch vieler privater Treffen. Zu Theater, Kino, Kneipenbummel. Und kochen daheim bei ihm. Wo er sich als der perfekte Hausmann herausstellte. Der immer wieder mit geringen Mitteln fantastisch Menüs zu zaubern verstand.

Gerade jetzt musste Petra Stein daran denken. Wie ihr Kollege an seiner kurzen Pfeife zog. Die Rauchschwaden schwebten wie Nebel durch das Büro. Klaus Wolf schien hinter einem Vorhang zu verschwinden. Seine Stimme scherzte, doch das Gesicht blieb unbewegt. „Da scheint sich was anzubahnen. Wieweit das uns hier berühren wird, vermag ich noch nicht zu sehen.“

Die attraktive Beamtin drehte sich nach dem Kollegen um. Er schien in einer fernen Welt zu schweben. Mit dem Pfeifenstiel tippte er auf einen Aktendeckel. „Teplice“, murmelte er fast mehr, als er sprach. „Fast noch Kinder und alle spurlos verschwunden. Einige vom Fernfahrerstrich, andere von Volksfesten oder aus Discos. Die tschechischen Kollegen von Pan Tau haben da einen konkreten Ermittlungsansatz.“ Wolf malte unter den Ortsnamen auf seinem Aktendeckel vier Worte: „Rosen aus dem Osten“. Und etwas kleiner darunter „Rose der Nacht“.

Petra Stein schien zusammenzuzucken, als sie sich jäh zu ihrem Kollegen umdrehte. „Meinst Du das im Ernst?“ Ihre Stimme drückte Skepsis aus. Wenigstens schien es so. Doch Klaus Wolf spürte die Spannung, die unter ihrer glatten Oberfläche vibrierte, als sie meinte, Wolf habe ja sogar eine lyrische Ader, wenn er der Akte so einen Namen gebe.

Wolf nickte. „Wir hatten das ja schon mal. Immer laufen die Fäden letzten Endes bei uns in Frankfurt zusammen. Da braut sich was im Dresdener Raum zusammen. Übergreifend von Prag. Die Burschen haben eine perfekte Logistik aufgezogen. Da hängen keine kleinen Fische im Netz.“

„Dann kommen wir vielleicht mal dazu, in Pilzen ein echtes Pils zu trinken“, gewann Petra Stein der Sache eine gute Seite ab. „Das wäre doch was für Dich.“ Ihr Kollege nickte bedächtig. „So weit sind wir noch nicht. Erst einmal werden wir uns mit Wiesbaden in Verbindung setzten müssen. Die beim BKA sollen sehen, ob das was für OK wird.“

Hinter OK steckte mehr als das amerikanische „o.k.“ Für „alles klar“. OK war inzwischen in Verbrecherkreisen nicht nur im Rhein-Main-Gebiet berüchtigt. Das Team wurde schon lange von Kollegen im gesamten Bundesgebiet um Hilfe angegangen. Besonders in den neuen Bundesländern. „Organisiertes Verbrechen“ – für dessen Bekämpfung steht bei der Polizei das Kürzel OK.

„OK“ war eine ursprünglich Frankfurter Gründung. Doch dann hatten die Innenminister der Länder bei einer streng geheimen Zusammenkunft im Bundeskriminalamt in Wiesbaden entschieden. Es für taktisch klug gehalten, aus der Frankfurter OK eine länderübergreifende Ermittlungseinheit zu machen. Mit weitgehenden Befugnissen. Bei der alle Informationen zusammenliefen. Und die zur Tarnung auch mit Alltagskriminalität in Frankfurt und der gesamten Region beschäftigt war.

Schnell hatte sich daraus eine enge internationale Zusammenarbeit mit anderen Polizeien ergeben. Was der Bekämpfung von Kleinkriminalität als Deckung nicht besonders förderlich war.

Inzwischen arbeitete die gesamte Mannschaft von „OK“ mit relativ geringen bürokratischen Hürden europaweit gegen das den Kontinent umspannende, hochmodern ausgerüstete Verbrechen. Zu spät, fanden viele Beamte, komme diese Einsicht. Denn die Organisierte Kriminalität verfüge über fast unbeschränkte Mittel. Ebenso wie technische Ausrüstung. Wovon die Polizei nur träumen konnte.

Die europaweite Zusammenarbeit hatte zunächst zu Reibungsverlusten geführt. Zu verschiedenartig waren die Charaktere der Beamten und die Strukturen ihrer Polizeibehörden gewesen. Zu groß die Unterschiede auch in der Auffassung von moderner Polizeiarbeit. Doch jetzt war man auch auf dieser Ebene ein eingespieltes Team. Die Ermittler respektierten einander, bei allen Unterschieden in den Ansichten und in den Methoden.

Wichtig war von Anfang an gewesen, die alten Kontakte in die neue Arbeit zu integrieren. Wolf und die Stein hatten da ein persönliches Problem: „Rhoddlyn der Ami“. Diese schillernde Figur aus der Frankfurter Drogenszene war für OK Hilfe und Hemmnis zugleich. Keiner wusste genau, wer und was er war. Er gammelte seit „ewigen Zeiten“ in der Scene. Gab der Frankfurter Polizei häufig wertvolle Tipps. Aber nur über Klaus Wolf. Der Fahnder aus dem Drogenkommissariat war in den Polizeikreisen der Mainmetropole der Einzige, der die Hintergründe dieses stets verschlossen wirkenden Mannes kannte.

Petra Stein hatte noch immer fast sofort Krach mit dem Machotyp. Der sie „flotter Käfer“ oder „Herzchen“ titulierte – nachdem er raushatte, dass und wie sehr sie sich darüber ärgerte. Inzwischen hatte sie gelernt, Rhoddlyn besser einzuschätzen. Ihr kam sogar, andeutungsweise, einiges über die Hintergründe des Amerikaners zu Ohren.

Rhoddlyn, in Wirklichkeit Undercoveragent der amerikanischen DEA, war in die Frankfurter Scene als „Schläfer“ eingeschleust worden. Um dort international operierende Verbrecherorganisationen zu beobachten. Der Langzeitagent der Drug Enforcement Agency hatte besondere Vollmachten. Wie besonders, wussten nur der US-Generalkonsul in Frankfurt und die Spitzen seiner Sicherheit.

Für Klaus Wolf war und blieb Rhoddlyn ein bedeutender Helfer. Ob es um Drogen oder um Menschenhandel ging. So war es auch selbstverständlich, sich an Rhoddlyn zu wenden, als die Sache aus Teplice hochkochte.

Was dann kam, war typisch für Rhoddlyn. Er handelte. Informierte sich gründlich. Aus Quellen, die er nie preisgab. Und gab dann wie selbstverständlich sein Wissen an Klaus Wolf weiter. Was folgte, war routinierte Zusammenarbeit. Die sich auszahlte. Nicht zuletzt für die Kollegen von „Pan Tau“.

Denn die Verbindungen der Amerikaner in der DEA reichten inzwischen von der Drogenkriminalität bis hin zum organisierten Menschenhandel. Leidvolle Erfahrungen mit einer UN-Kommission hatten sie gelehrt, dass ihre Soldaten auf dem Balkan nicht nur ihre Friedensmission erst nahmen, sondern sich auch fantastisch aufs Geld verdienen verstanden. Letzteres sogar in manchen Einheiten in den Vordergrund gerückt war.

„Warum“, hatte man sich schon früh in der DEA gefragt, „sollen unsere heimischen Kriminellen nicht längst das Militär für ihre Aktivitäten entdeckt haben?“ Sie hatten. Tiefer greifend, als man es in der militärischen Führung der unterschiedlichen Einheiten wahrhaben wollte. Längst saßen an den Schaltstellen der Versorgungseinheiten Männer – aber auch Frauen – die in den mafiosen Strukturen der amerikanischen Metropolen das Einmaleins der Korruption gelernt hatten.

Für Polizei und Geheimdienste in ganz Europa ging das alles viel zu schnell. Die Vorgänge auf dem Balkan und in den GUS-Staaten ließen Verbrecherorganisationen aus den USA wie Osteuropa schneller zusammenkommen, als die Sicherheitsbehörden mit ihrer verkrusteten Bürokratie an so etwas dachten.

Um das neue Europa unter sich aufzuteilen, scheuten die Gangster weder Kosten noch Mühe noch Leichen. Denn sehr schnell hatten die unterschiedlichen Gangs herausgefunden, dass im neuen Europa Geld zu holen sein würde. Sehr viel Geld.

So hatte schon in den ersten sechs Monaten 1992 die Mafia in den neuen Bundesländern mehr als 250 Milliarden Euro gewaschen. Das sagte der damalige Leiter des Wiesbadener Bundeskriminalamtes, Zachert. Unwidersprochen in einer öffentlichen Erklärung vor der Presse.

Diesen Markt wollten sich weder die Amerikaner noch die traditionell in Europa operierenden Banden entgehen lassen. Ebenso wenig die russischen Gangs. Die es offiziell vor dem Zerbrechen der UdSSR nicht gab. In Wirklichkeit waren/sind sie jedoch an Brutalität und Wirksamkeit sogar den amerikanischen Mafiafamilien, der Cosa Nostra oder der neapolitanischen Camorra, um Lichtjahre voraus. Nicht zuletzt, weil ihre Spitzenmänner zum größten Teil aus den militärischen Führungskadern kamen.

Amerikaner aus Kalifornien (Drogenmafia), Russen (Waffen/Mädchenhandel) taten sich sehr schnell mit deutschen White-Collar-Kriminellen zusammen. Sie wollten vor allem im Drogen- und dem Mädchenhandel ihre Geschäfte gemeinsam machen.

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