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Traumurlaub mit süßen Folgen

1. KAPITEL

Weiße Strände, faszinierende Korallenriffe, kristallklares Wasser. Üppige Blumenpracht unter Palmen, leise, melodische Musik. Eine warme Brise, die Blütenduft herantrug –so hatte sich Delia McCray immer das Paradies vorgestellt, und nun war sie hier.

Tahiti hatte wirklich alles, was man sich von einem Urlaub wünschen konnte – nur war es leider ihr letzter Abend hier.

Delia saß allein an einem Tisch, von dem aus sie die Tanzfläche sehen konnte. Ihr Halbbruder Kyle tanzte dort zu den langsamen Rhythmen einer polynesischen Band mit seiner Frau Janine, ihre Halbschwester Marta mit ihrem Mann Henry.

Versonnen lächelnd sah Delia ihnen zu. Den fünftägigen Aufenthalt auf der Trauminsel Tahiti hatte sie spendiert –eine willkommene Abwechslung nach jahrelanger harter Arbeit.

Sie selbst war vor zehn Jahren das letzte Mal im Urlaub gewesen, deshalb freute es sie besonders, dass sie hier gemeinsam eine so schöne Zeit verbracht hatten.

Es war ein großer Glücksfall, dass Delia sich mit ihren Halbgeschwistern so gut verstand. Allerdings waren sie auch alle zusammen bei ihrer Mutter aufgewachsen, sodass die Tatsache, dass sie unterschiedliche Väter hatten, kaum eine Rolle spielte.

Kyle, der Jüngste von ihnen, war jetzt achtundzwanzig, und es machte Delia ein wenig stolz, dass er sich als einziger Mann unter Frauen zu so einem fantastischen Typ entwickelt hatte. Zwar war er nicht gerade riesig, doch er war schlank, drahtig und stets gut gelaunt. Wie Delia hatte er weißblondes Haar, während seine hellbraunen Augen eher denen von Marta glichen.

Marta war mit zweiunddreißig die mittlere der Geschwister. Ihre schwarzen Locken trug sie kurz, ihre weibliche, füllige Figur mit Stolz. Unterschiedlicher als sie und Delia konnten Schwestern kaum sein. Marta hatte braungrüne Augen, einen von Natur aus leicht gebräunten Teint, volle Lippen und eine üppige Oberweite. Delias Augen waren blau, ihre Haut zart und blass wie bei den meisten natürlichen Blondinen, ihre Figur schlank und weniger kurvig als Martas. Dennoch waren die beiden Frauen ein Herz und eine Seele.

„Warum sind Sie nicht auf der Tanzfläche?“

Delia lächelte, als sie Andrews tiefe Stimme erkannte.

„Weil ich keinen Tanzpartner habe“, erwiderte sie kokett. Zu Hause in Chicago wäre es ihr nie eingefallen, so offen mit einem Mann zu flirten, aber immerhin hatte sie an diesem Abend ja auch schon ein paar Martinis getrunken.

Andrew umrundete ihren Stuhl und stellte ein Tablett mit weiteren Getränken auf den Tisch. Delia nutzte die Gelegenheit, um ihn ungeniert zu betrachten. Auch das schob sie auf den Alkohol – zu Hause hätte sie sich niemals so verhalten.

Zumal sie nichts von ihm wusste als seinen Vornamen. Sie hatten sich erst am Vortag kennengelernt und sich nicht mit Nachnamen vorgestellt. Er war mindestens eins neunzig groß, hatte breite Schultern und einen sehr ansehnlichen, durchtrainierten Körper. Das sonnengebleichte, braune Haar trug er ein wenig zu lang, was seine ausgeprägten Wangenknochen und sein markantes Kinn betonte. Seine Lippen waren eher schmal, seine Augen dunkelbraun.

Alles in allem hätte er sich mit diesem Aussehen die schönsten Frauen angeln können. Stattdessen hatte er sich ihr und ihrer Familie als Führer angeboten, als er mitbekommen hatte, dass sie für ihren letzten Urlaubstag einen guten Platz zum Schnorcheln suchten.

Delia wusste nur, dass er erst am Vortag in der Ferienanlage eingetroffen war – die Insel kannte er aber offenbar mindestens so gut wie die Einheimischen.

Zum Dank für seine Mühe hatten sie Andrew zum Abendessen eingeladen, und nun ließen die McCrays den Urlaub in der Tanzbar der Ferienanlage ausklingen.

„Ich würde mich freuen, Ihr Tanzpartner zu sein“, sagte Andrew mit einem Lächeln, bei dem seine makellosen Zähne und ein faszinierendes Grübchen auf seiner linken Wange zu sehen waren.

„Oh, das ist nicht nötig“, wehrte Delia ab, die auf einmal Angst vor der eigenen Courage bekam.

„Ist es wohl“, beharrte er. „Ich habe nämlich meine Tanzschuhe an.“

Delia folgte seinem Blick. Zu Poloshirt und Khakihosen trug er Segelschuhe ohne Socken – nicht gerade das, was sie als Tanzschuhe bezeichnen würde. Dennoch spürte sie einen Hauch von Erregung, als sie den Streifen nackter, gebräunter Haut bemerkte, der zwischen Schuh und Hosensaum zu sehen war.

Zu Hause in Chicago hätte sie Schuhe ohne Socken unpassend gefunden. Allerdings hätte sie sich dort auch selbst nie in einem Stretchtop mit Spaghettiträgern sehen lassen, zu dem sie nur einen farbenfrohen Wickelrock und Sandalen trug.

Noch immer streckte Andrew ihr die Hand hin. „Kommen Sie“, sagte er schmeichelnd. Allein seine tiefe Stimme ließ Delia wohlig erschauern.

Warum nicht, sagte sie sich und nahm seine Hand. Als sie aufstand, lächelte er breit. „Braves Mädchen. Ich wusste doch, dass Sie sich trauen“, neckte er sie.

Er führte sie zur Tanzfläche und zog sie mit einer schwungvollen Drehung in seine Arme. Delia wurde es ein wenig schwindelig dabei, was wohl an den Martinis lag, aber es störte sie nicht. Gleichzeitig fühlte sie sich wunderbar, und die ganze Welt war einfach ein Traum.

Als ihr Blick auf Marta fiel, nickte die ihr aufmunternd zu, und Delia erwiderte das Lächeln. Andrew zog sie enger in seine Arme und bewies, dass er im Tanzen ebenso gut war wie in allem anderen, was sie heute unternommen hatten.

Delia schloss die Augen und genoss das Gefühl, mit ihrer Familie und diesem sympathischen Fremden im Paradies zu sein, keine Sorgen zu haben und sich entspannen zu können. Es war lange her, dass sie mit einem Mann getanzt hatte, und es war schön, sich ausnahmsweise einmal ganz der verzauberten Stimmung hinzugeben.

Und das tat sie dann auch. Sie tanzte mit Andrew, mit Henry und mit Kyle, trank noch mehr Martinis. Sie lachte, flirtete und amüsierte sich, bis die Tanzbar sich leerte und auch ihre Geschwister sich verabschiedeten.

Delia blieb allein mit Andrew auf der Tanzfläche zurück. Zu der sehr langsamen Musik tanzten sie fast auf der Stelle. Andrew hatte die Arme locker um ihre Hüften gelegt und die Hände hinter ihrem Rücken verschränkt. Ihre Stirn ruhte an seiner Brust, sein Kinn berührte ihren Scheitel.

„Es dauert so lange, bis man endlich mal Urlaub hat, und dann geht er so schnell vorbei“, murmelte Delia verträumt.

Andrew lachte leise. „Ich achte immer darauf, dass zwischen zwei Urlauben nicht zu viel Zeit vergeht“, bemerkte er. „Und wer sagt denn, dass er vorbei sein muss? Du könntest deine Pläne ändern. Bleib einfach noch.“ Irgendwann am Abend waren sie zum vertrauten Du übergegangen, und auch das war Delia völlig natürlich und richtig erschienen.

„Bleiben?“, fragte Delia kichernd. Ein für sie völlig untypisches Geräusch, aber ausnahmsweise machte es ihr nichts aus.

„Na ja, du könntest deine Geschwister nach Hause schicken und einfach noch hierbleiben.“

Offenbar meinte er es völlig ernst, und sie hob den Kopf, um ihn anzusehen. „Das geht doch nicht“, sagte sie. Es klang nicht sehr überzeugend.

„Warum nicht? Mit ein paar Telefonaten lässt sich doch alles regeln. Ich kenne den Besitzer der Anlage hier. Er wird es sicher einrichten können, dass du ein paar Tage dranhängst. Und ich werde natürlich auch hier sein …“

Das war die eigentliche Versuchung.

„Nein, nein, nein“, widersprach Delia lachend, aber nicht sehr energisch.

„Doch, doch, doch“, erwiderte er und beugte sich zu ihr hinunter, um einen Kuss auf ihre Schläfe zu hauchen.

Das überraschte sie, denn bis jetzt hatte er keine Annäherungsversuche unternommen. Allerdings störte sie der Kuss auch nicht. Im Gegenteil. Er war ein weiteres angenehmes Detail dieser paradiesischen Nacht. Und ein wenig verführerisch, so wie Andrew selbst.

„Nein, nein, nein“, wiederholte sie, noch immer nicht sehr überzeugend.

„Ach komm, was soll schon passieren, wenn du ein paar Tage dranhängst?“

Delia lachte. „Wenn ich zu viele Martinis hatte, beantworte ich keine schwierigen Fragen.“

Mit leisem Lachen zog Andrew sie näher an sich. „Ich werde dich vermissen, wenn du abreist.“

Es klang, als meine er es ernst, obwohl Delia das bezweifelte.

„Ich glaube, dass du die Schrecken Tahitis ganz gut ohne mich überleben wirst“, scherzte sie.

„Aber um welchen Preis?“, fragte er gespielt dramatisch und brachte sie damit schon wieder zum Lachen.

Bereits seit einiger Zeit bereitete sich der Barkeeper auf seinen Feierabend vor, und als die letzten Takte der Musik verklangen, trat er hinter der Bar hervor und nahm seine Schürze ab.

„Das war’s für heute“, erklärte der Ukulelespieler. Die Band packte ihre Instrumente ein.

Andrew beachtete sie gar nicht. Er wandte den Blick nicht von Delia ab und bewegte sich weiter langsam mit ihr auf der Tanzfläche, als höre er noch immer Musik.

„Ich glaube, wir sind die Letzten hier“, flüsterte Delia verschwörerisch und sah zu ihm auf.

Er lächelte nur zufrieden und neigte den Kopf, um sie wieder zu küssen. Diesmal direkt auf den Mund. Es war ein zarter Kuss, der kleine, angenehme Schauer durch Delias Körper rieseln ließ. Sie hörten auch nicht auf, als Andrew sich wieder von ihr löste.

„Heißt das, dass unser Abend nun zu Ende ist?“, fragte er leise.

Obwohl die Bar mit ihren leeren Tischen, dem verlassenen Tresen und den verwaisten Instrumenten nicht sehr einladend aussah, wurde Delia klar, dass sie sich durchaus wünschte, ihr Abend mit Andrew wäre noch nicht vorüber.

„Wir könnten einen Strandspaziergang machen“, schlug sie vor.

Wieder lächelte er. „Besser als nichts.“

Nachdem er den Tanz zur imaginären Musik langsam hatte ausklingen lassen, nahm er Delias Hand und führte sie in Richtung Strand.

Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber in keinem der Strandbungalows, die auf Stelzen standen und mit Palmwedeln gedeckt waren, brannte noch Licht. Auch der Strand war vollkommen leer. Es kam ihr so vor, als wären Andrew und sie die einzigen Menschen auf der ganzen Insel.

Begleitet vom leisen Rauschen der Wellen gingen sie Hand in Hand weiter, fort von den Bungalows. Der Vollmond und ein Himmel voller Sterne spendeten ihnen genügend Licht.

Obwohl sie kein Wort sprachen, fühlte sich Delia vollkommen geborgen. Verwundert spürte sie der ungewohnten Empfindung nach, wie warm und stark Andrews Hand ihre umschloss und wie gut ihr das gefiel. Wie gut er ihr gefiel.

Sie hatten die Strandbungalows weit hinter sich gelassen, als er stehen blieb. Sie streiften die Schuhe ab und suchten sich ein Plätzchen im noch warmen Sand. Andrew setzte sich im Schneidersitz hinter Delia und schlang die Arme um sie, als hätte er das schon immer so gemacht.

„Vielleicht bleibst du ja, wenn ich dich nur gut genug festhalte“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Ich kann nicht“, erwiderte sie und legte den Kopf an seine Schulter.

Andrew küsste sie auf den Hals und seufzte. Sein Atem fühlte sich heiß an auf ihrer Haut.

„Dann sollten wir diese Nacht wohl zu etwas Besonderem machen“, sagte er.

Delia war sich nicht sicher, was er damit meinte, aber sie wusste, was ihr selbst durch den Kopf ging. Und sie konnte gar nicht glauben, was sie da dachte.

Spielte sie wirklich mit dem Gedanken, eine Urlaubsaffäre zu haben?

Sie hatte nie Affären, weder im Urlaub noch sonst.

Das Prinzip war ihr natürlich vertraut. Eine Freundin von ihr zum Beispiel sprach erst dann von einem gelungenen Urlaub, wenn sie jemanden kennengelernt hatte, der ihr Erinnerungen der ganz besonderen Art bescherte.

Keine Verpflichtungen, keine Erwartungen. Keine Zukunftspläne. Laut Delias Freundin war das der besondere Reiz an der Sache – das Gefühl, am Urlaubsort jeder Laune folgen zu können, ohne dass es Konsequenzen hatte. Weil es den Alltag überhaupt nicht betraf.

Bisher hatte Delia bei diesen Erzählungen immer gelacht. Jetzt dagegen kam ihr diese Aussicht sehr verlockend vor. Ein Urlaubsflirt …

Vergiss deine Bedenken, schien ihre Freundin ihr zuzurufen.

Andrew knabberte an ihrem Ohrläppchen und ließ seine Zungenspitze spielen. Die wohligen Schauer steigerten sich.

Aber ich kenne ihn doch gar nicht, wandte Delias innere Stimme ein. Und wir sind am Strand, in der Öffentlichkeit …

So was sah ihr nun ganz und gar nicht ähnlich. Andererseits befand sie sich ja auch nicht in Chicago, sondern im Paradies. Mit einem breitschultrigen, gebräunten, muskulösen Mann, der ihren Hals mit Küssen bedeckte und mit dem Unterarm leicht über ihre Brustspitzen strich, um ihr zu zeigen, dass er bemerkt hatte, wie hart sie geworden waren.

Er streckte die Beine rechts und links von ihr aus und zog sie noch näher an sich. Dabei wurde ihr klar, dass er dasselbe dachte wie sie. Er wollte sie, das konnte sie deutlich in ihrem Rücken spüren. Die Gewissheit weckte ein Verlangen in ihr, das sie so stark noch nie empfunden hatte. Auf einmal schien es ihr undenkbar, dass diese Sehnsucht nicht gestillt werden könnte.

Es musste daran liegen, dass sie zu viel getrunken hatte, aber sie wollte ihn auch. Sie hatte durchaus vor, diese Nacht zu etwas Besonderem zu machen. Sie würde eine Affäre haben.

Lächelnd drückte sie ihre Hüfte gegen seine offenkundige Erregung, und er erwiderte ihr Lächeln. Es zeigte ihr, dass er wusste, was in ihr vorging, und es verstand. Und es war unglaublich sexy.

Mit einer Hand umfasste er ihre Brust, und obwohl nur dünner Stretchstoff zwischen ihr und seiner Handfläche war, wünschte sie sich, sie könne sie auf ihrer Haut spüren.

Er beugte sich vor und küsste sie, tiefer diesmal, leidenschaftlich, und er drehte Delia zu sich herum, ohne den Kuss zu unterbrechen.

Dass ihr Wickelrock sich dabei löste, störte sie nicht. Sie schlang die Arme um Andrew und schmiegte sich an ihn. Ein einziges Mal wollte sie alle Bedenken hinter sich lassen und sich erlauben, wonach ihr Körper so drängend verlangte.

Sie wollte den ganzen Weg gehen, hier und jetzt, am Strand von Tahiti. Ganz gleich, wie sie morgen darüber dachte, heute Nacht würde etwas Besonderes sein.

2. KAPITEL

Montagmorgen bist du hier, oder wir sperren dir die Konten. Letzte Warnung.

Was blieb ihm anderes übrig? Pünktlich, aber widerwillig fand sich Andrew Hanson an diesem Montagmorgen im Büro seines älteren Bruders Jack ein, dem Leiter der Hanson Media Gruppe in Chicago. Ohne die Drohung, ihn in Zukunft nicht mehr an den Gewinnen zu beteiligen, die die Firma abwarf, wäre Andrew allerdings nicht aufgetaucht. Denn er bestritt von diesem Geld seinen Lebensunterhalt.

Erst seit ein paar Stunden war er aus Tahiti zurück. Er hatte es geschafft, noch kurz zu duschen, nicht aber, sich zu rasieren, trug Jeans und T-Shirt und hatte zu wenig geschlafen. Vor allem aber wünschte er sich an den herrlichen Strand der Insel zurück, auf der er die letzten drei Monate verbracht hatte. Oder an irgendeinen anderen Strand.

Sich einfach aus dem Staub zu machen war typisch für ihn, besonders, wenn die Dinge kompliziert oder anstrengend wurden. Leider war die Situation bei der Hanson Media Gruppe seit dem Tod seines Vaters vor drei Monaten beides, also hatte sich Andrew direkt nach der Beerdigung verdrückt. Es war nicht das erste Mal und würde auch nicht das letzte Mal sein. Diesmal hatte er sich Tahiti ausgesucht, und eigentlich hatte er dort viel länger bleiben wollen.

Die vorigen Einschreibebriefe und E-Mails seines Bruders Jack und seines Onkel David hatte er geflissentlich ignoriert, aber ohne Geld lief eben gar nichts. Wieso die beiden dachten, ausgerechnet er könne helfen, die Hanson Media Gruppe zu retten, war ihm allerdings ein Rätsel.

Eine ihm unbekannte Sekretärin hatte ihn nach seiner Ankunft in ein Besprechungszimmer geführt und ihn wissen lassen, dass Jack und David gleich bei ihm sein würden. Gleich war allerdings ein dehnbarer Begriff, und Andrew musste dringend Schlaf nachholen. Also setzte er sich auf einen der Stühle am großen Konferenztisch, rutschte bis zur Kante vor und legte die Füße auf den Stuhl daneben. Dann ließ er den Kopf nach hinten auf die Lehne sinken und schloss die Augen.

Normalerweise konnte er immer und überall schlafen, aber diesmal klappte es nicht, so übermüdet er wegen der Zeitverschiebung auch war.

Es machte ihm Sorgen, was Jack und David eigentlich von ihm erwarteten. Die Firma steckte in Schwierigkeiten, so viel wusste er. Offenbar war sein Vater, der verstorbene George Hanson, als Geschäftsmann nicht so talentiert gewesen, wie alle Welt glaubte.

Er hatte die Firma, die von Andrews Großvater gegründet worden war, an den Rand des Bankrotts geführt. Eigentlich konnte Andrew das egal sein, denn er interessierte sich nicht fürs Geschäft. Dummerweise war aber die Firma die einzige Einkommensquelle, über die er durch die Gewinnbeteiligung verfügte.

Dank Jacks Mails war Andrew auch über die anderen schlechten Neuigkeiten informiert. Nach Georges Tod hatte Jack zeitweise die Firmenleitung übernommen und dabei entdeckt, dass ihr Vater die Bilanzen gefälscht hatte. Gleichzeitig war die Hanson Gruppe durch einen Internetskandal in Verruf geraten, bei dem ein Saboteur den neuen Webauftritt für Kinder mit einer Pornoseite verlinkt hatte.

Dass es für die Firma nicht gut aussah, obwohl Jack und David ihr Bestes gaben, war Andrew also klar. Nur hatte er nicht den leisesten Schimmer, warum die beiden glaubten, er müsse auch noch in die Sache hineingezogen werden.

Als er die Stimme seines Bruders auf dem Flur hörte, öffnete Andrew die Augen, ließ die Füße aber oben. Sekunden später öffnete sich die Tür, und Jack und David traten ein. Sie trugen beide Anzüge und wirkten – im Gegensatz zu ihm selbst – sehr geschäftsmäßig.

Andrew merkte, dass den beiden dieser Umstand auffiel, doch sie sagten nichts dazu.

„Endlich“, bemerkte Jack lediglich. Er wirkte ungeduldig und ärgerlich.

„Hi, Leute“, erwiderte Andrew.

Kopfschüttelnd setzte sich Jack ihm gegenüber an den Tisch. David schenkte ihm ein dünnes Lächeln. „Schön, dich wiederzusehen, Andrew. Wir freuen uns, dass du gekommen bist.“

„Ich freue mich auch, euch zu sehen. Ich weiß nur nicht, was ich hier eigentlich soll.“

Wenn er gleich zum Punkt kam, war dieses Treffen vielleicht schnell vorüber, und er konnte in seine Wohnung zurückkehren und sich ausschlafen.

Steif, als hätte er einen Stock verschluckt, saß Jack ihm gegenüber. Andrews großer Bruder hatte nicht nur Wirtschaft, sondern auch Jura studiert. Bevor er die Firmenleitung übernommen hatte, war Jack Juniorpartner in einer Anwaltskanzlei gewesen – mit Aussicht auf ein Richteramt.

Als Richter spielte er sich offenbar bereits jetzt gerne auf. Jedenfalls hatte er einen Stapel Akten mitgebracht, die er mit Schwung quer über den glatten Tisch auf Andrew zuschlittern ließ.

Da Andrew keine Anstalten machte, sie aufzufangen, wären sie zu Boden gefallen, wenn sie nicht kurz vor der Tischkante von selbst zum Halten gekommen wären.

„Du bist zum Arbeiten hier“, erklärte Jack rundheraus.

Normalerweise machte Jack keine Witze, aber diesen hier fand Andrew richtig komisch. „Arbeiten?“, fragte er.

„Arbeiten“, wiederholte Jack.

David, der seine Neffen gegen den allzu strengen George stets in Schutz genommen hatte, schlug einen freundlicheren Tonfall an, während er sich am Kopfende des Tisches niederließ.

„Wir brauchen deine Hilfe“, erklärte er. „Der Internetskandal hat uns fast in den Ruin getrieben, und wir sind immer noch dabei, uns davon zu erholen. Es ist nicht einfach, der Öffentlichkeit beizubringen, dass es ein Hacker und Saboteur war, der unsere Webseiten mit den Pornoseiten verlinkt hat, und dass wir mit Pornografie nichts zu schaffen haben. Wir haben wegen dieser Sache Anzeigenkunden verloren, und Anzeigenkunden bedeuten Einnahmen. Also mussten wir Personal entlassen, damit die Firma zahlungsfähig bleibt. Jetzt fehlen uns Leute …“

„Und wenn du weiterhin von den Firmeneinkünften leben willst, musst du eben ab sofort dafür arbeiten“, unterbrach ihn Jack. Er klang ganz wie ein großer Bruder, der auf einem sehr hohen Ross saß.

„Und was soll ich da wohl machen?“, fragte Andrew. „Ich habe doch keine Ahnung, was hier läuft.“

„Nein, du kassierst nur ab“, erwiderte Jack verächtlich.

„Wir versuchen auch, Evan zu finden“, warf David ein, als wäre es ein Trost, dass Andrew nicht der Einzige war, der zur Arbeit verdonnert wurde. „Aber Evan ist noch schlimmer als du, er hat bis jetzt auf nichts reagiert.“

Evan war der mittlere der drei Brüder, fünf Jahre jünger als Jack, zwei Jahre älter als Andrew. Wie Andrew reiste er gerne in der Weltgeschichte herum und nahm das Leben lockerer als ihr fleißiger, konservativer Bruder. Dennoch war Andrew überrascht, dass er nicht zuerst nachgegeben hatte.

Laut sagte er das allerdings nicht. Noch immer machte er keine Anstalten, nach den Aktendeckeln zu greifen, und er warf Jack einen kühlen Blick zu, um ihm zu zeigen, dass er sich von ihm nicht herumkommandieren ließ.

Wieder war es David, der sprach. „Wir möchten dich in der Anzeigenabteilung einsetzen. Dort fehlen uns wirklich gute Leute und …“

„Und es geht hauptsächlich darum, bestehende Kunden zum Essen auszuführen und neue Kunden zu gewinnen, wofür dein Talent als Sonnyboy nützlich sein könnte“, unterbrach Jack ihren Onkel zum zweiten Mal.

„Tja, ich kenne vielleicht die besten Restaurants, aber von Anzeigen habe ich keine Ahnung“, beharrte Andrew, der sich immer noch fragte, ob das alles ein Witz sein sollte.

David räusperte sich. „Schau, Andy, wir brauchen dich wirklich“, sagte er. „Du hast keine Wahl, verstehst du? Uns fehlen Leute, und wir können niemanden mit durchschleppen, der nicht für die Firma von Nutzen ist.“

„Oder, um es anders auszudrücken: Dein schönes Leben ist vorbei“, fügte Jack etwas bissig hinzu. „Du kannst für Hanson arbeiten oder dir anderswo einen Job suchen, aber du musst dir in Zukunft deinen Lebensunterhalt selbst verdienen.“

So bequem Andrew auch war, dumm war er nicht. Die Ausbildung am College hatte er abgebrochen, demnach sah es für ihn auf dem Stellenmarkt nicht rosig aus. Andererseits mussten doch auch David und Jack wissen, dass er für den Job, den sie ihm anboten, überhaupt nicht qualifiziert war, oder?

„Ich verstehe ja, dass die Firma in Schwierigkeiten steckt“, lenkte er ein. „Und ich bin durchaus bereit, eine Weile mit weniger Geld auszukommen oder irgendeinen anderen Beitrag zu leisten. Aber ich bin doch kein hochkarätiger Anzeigenverkäufer.“

„Das lernst du schon“, erklärte David gelassen. „Jack und ich werden dich unterstützen, bis du den Bogen raus hast. Du bist sympathisch, kannst gut mit Menschen umgehen. Du gewinnst leicht Freunde und hast bei Frauen schnell einen Stein im Brett, selbst wenn du es gar nicht darauf anlegst. Du kannst gut reden und schaffst eine angenehme Atmosphäre dabei, sodass die Leute auf deine Ideen und Vorschläge gerne eingehen. Diese Fähigkeiten sind beim Anzeigenverkauf eine gute Grundlage, und deshalb sind wir sicher, dass du Erfolg haben wirst.“

„Freut mich, das zu hören“, murmelte Andrew.

„Ich glaube auch, dass du geeignet bist“, warf Jack etwas versöhnlicher ein. „Der Job liegt dir, du musst dich nur ein bisschen anstrengen.“

„Und mit anstrengen meinst du, einen Anzug zu tragen und jeden Tag von neun bis fünf hinterm Schreibtisch zu sitzen? An Besprechungen teilzunehmen?

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