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Traumtänzer

Kapitel 1

Der Tag war typisch für Hamburg im November: Es wehte ein unangenehmer, kalter Westwind, der den feinen Sprühregen vor sich hertrieb. Man konnte das trübe Wetter an den Mienen der Passanten ablesen, die eilig durch die nass glänzenden Straßen liefen, um so schnell wie möglich den Bus oder die U-Bahn zu erreichen.

Peter Feiler hatte den Kragen seiner Windjacke hochgeschlagen, die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen und die Hände in den Taschen vergraben. Die Colonnaden, Hamburgs bekannte Geschäftsstraße, war um diese späte Abendstunde fast menschenleer. Nur noch wenige Schritte, dann hatte er das neoklassizistische Portal eines großen Geschäfts- und Bürohauses erreicht, in dem im 1. Stock die Stanford-English-School residierte.

Nach dem Eintreten in das mit Historismen überladene, weitläufige Treppenhaus zögerte Feiler einen Moment. Wie war er eigentlich auf die Idee gekommen, hier einen Englisch-Kursus zu belegen? War sein Schulenglisch nicht gut genug, und hatte er nicht viel zuviele andere Dinge zu erledigen? Wäre nicht in diesem Moment ein ebenso regennasser Mann eingetreten, und hätte er nicht gefragt, ob er hier richtig bei der Stanford-English-School sei - Feiler wäre vermutlich wieder umgekehrt! So aber stapften die beiden Männer gemeinsam die breiten Marmorstufen hinauf und betraten durch die offene Eingangstür einen Büroraum mit sehr hoher Zimmerdecke, die mit Stuckelementen verziert war. An einem einfachen Schreibtisch, der wohl als Empfangstresen diente, saß eine etwa vierzigjährige hagere Frau. Sie trug einen Hosenanzug und eine männlich-kurzgeschnittene Haarfrisur. „Darf ich um Ihre Namen bitten?“, fragte sie die beiden Ankömmlinge mit unverkennbar englischem Akzent. „Peter Feiler“, stellte sich Feiler vor. „Und Sie?“ „Auch Peter, aber Behrens mit Nachnamen.“ „Na“, sagte die Empfangsdame, „dann haben Sie ja schon etwas Gemeinsames“, wobei ihr Lächeln eine Reihe gelblicher Zähne entblößte, die auf einen starken Zigarettenkonsum hindeuteten. „Gehen Sie schon in den Raum zur Rechten, und nehmen Sie dort bitte an einem der freien Tische Platz, ich komme dann gleich.“Peter Feiler und Peter Behrens setzten sich im Schulungsraum im hinteren Bereich an einen Zweiertisch und sahen sich um. Der Saal wirkte ziemlich leer, denn außer ihnen war nur noch ein knappes Duzend anderer Kursteilnehmer anwesend. Es roch nach altem Bohnerwachs, mit dem offensichtlich das knarzende Eichenparkett behandelt worden war. Vor ihnen lag ein Schreibblock mit Linien wie in einem Schulheft sowie ein Kugelschreiber mit dem Werbeschriftzug der Stanford-Schule. Feiler fühlte sich augenblicklich unangenehm an seine Schulzeit erinnert, und auch sein Nachbar machte kein glückliches Gesicht.

Die Dame vom Empfang erschien und ging zum vorderen Schreibtisch, wo sie sich auf die Tischplatte setzte, ein Bein auf dem Boden aufstützte und das andere lässig baumeln ließ.

„Einen guten Abend, liebe Kursteilnehmer, mein Name ist Susan Mc.Craine, ich bin die Leiterin der Hamburger Stanford-School und werde Sie heute und auch künftig unterrichten“, stellte sie sich vor. „Damit wir alle etwas lockerer miteinander umgehen können, schlage ich vor, dass wir uns duzen und mit unserem Vornamen anreden - wie wir es hier immer machen“, ergänzte sie. „Bitte verratet mir Eure Vornamen, fangen wir doch in der hinteren Reihe an!“ Feiler und Behrens sahen sich etwas irritiert an.

„Peter“, sagte Feiler, und Behrens echote: „ Auch Peter.“

„Auch Peter oder Nur Peter?“ fragte Susan und ließ ein wieherndes Lachen hören, wobei sie ihre gelben Zähne zeigte.

„Nur Peter“, ging Behrens auf das Spiel ein. „Also, dann haben wir auf der hinteren Bank Peter und Nur-Peter, das dürfte für die Unterscheidung ausreichen.

Susan Mc.Craine stand auf und setzte sich hinter ihren Schreibtisch, wo ein größeres Blatt mit einer eingezeichneten Tischanordnung lag. Sorgsam schrieb sie jeden Namen in das jeweilige Tischkästchen. Als sie damit fertig war sagte sie: „Ich möchte Euch bitten, bei den nächsten Kursusterminen wieder die gleichen Plätze einzunehmen, damit ich die Namen besser behalten kann.“ Dann hielt sie ein dünnes Buch in die Höhe:

„Dieses ist das Stanford-Übungsheft, das Sie für den Aufbau-Kursus benötigen. Es kostet zehn Mark, Sie können es in der Pause bei mir kaufen. Ich lasse es hier mal rumgehen, damit Sie es sich ansehen können.“ Susan Mc.Craine warf das Buch mit einer gekonnten Armbewegung auf den vordersten Schreibtisch, wo es klatschend landete und das junge Mädchen, welches dort saß, erschreckt zusammenzucken ließ.

„So“, sagte Susan, „bevor der Kursus richtig beginnen kann, möchte ich erst einmal wissen, wie es mit Euren Englisch-Grundkenntnissen bestellt ist. Das ist notwendig, weil in der Stanford-School jeder Kursusteilnehmer individuell gefördert wird. Ich werde jetzt mit Euch einen Test machen und ein einfaches englisches Kindermärchen vorlesen, und nach der Pause sollt ihr die Geschichte in Kurzform wiedergeben. Es ist also zweckmäßig, einige Stichworte aufzuschreiben!“

Bei dem Wort „Test“ sank Peter Feilers Interesse für den Kursus auf den Nullpunkt. Ohnehin passte ihm das ganze Gehabe der Lehrerin und das Ambiente der Räume nicht. Es war diese Mischung aus Bohnerwachsgeruch und Lehrerdiktat, die ihn fatal an seine Schulzeit erinnerte. Wie hatte er die wöchentlichen Tests gehasst, die unerbittlich das Wissen in den jeweiligen Fächern abforderten. Noch heute, mit seinen 28 Jahren, wachte er häufig nachts schweißgebadet auf, weil er geträumt hatte, das bis zu den Zeugnissen noch etliche Mathe-Tests geschrieben werden mussten und die letzte Arbeit nicht mal mit ausreichend benotet worden war. Auch Behrens machte jetzt ein saures Gesicht, wie Feiler mit einem schnellen Seitenblick feststellte.

Doch da fing Susan bereits mit der Vorlesung des Märchens an:

„Es war einmal eine Hasenfamilie, die lebte in einem Cottage in der einsamen Gegend von Dartmoor, nahe dem Dorf Moretonhampstead!“ Susan hielt einen Moment inne und lachte wieder ihr wieherndes Lachen, weil sie gemerkt hatte, dass die meisten Schüler bei Nennung des Ortsnamens irritiert von ihren Aufzeichnungen aufgesehen hatten. Peter und Nur-Peter hingegen hatten ihre Kugelschreiber nicht angerührt.

„Ich werde einen Teufel tun und diesen Quatsch aufschreiben“, raunte Feiler Behrens zu „Vielleicht sollte sie sich erstmal die Zähne putzen, bevor sie unterrichtet!“

Behrens grinste übers ganze Gesicht und schüttelte ungläubig den Kopf, was Susan sehr wohl bemerkt hatte. Doch dann fuhr sie unbeirrt fort das Märchen über die Hasenfamilie und die Schandtaten der Hasenkinder vorzulesen. Peter Feiler registrierte, dass Behrens seinen Kugelschreiber und den Schreibblock in seine Aktentasche packte und dann gelangweilt durch die hohen Fenster des alten Hauses in die Nacht blickte.Endlich hatte Susan Mc.Craine die Geschichte zu ende gelesen und verkündete eine Raucherpause von zehn Minuten.

„Ich brauche jetzt unbedingt was Erfrischendes“, sagte Behrens und machte Anstalten zu gehen.

„Hier gibt’s ganz in der Nähe ein gemütliches Lokal, die brauen ihr eigenes Bier, und es gibt leckere Flammkuchen. Wollen wir nicht zusammen hingehen?“ fragte Feiler

.„Gute Idee“, antwortet Behrens. „ Lass´ uns unauffällig verschwinden, ich geh´ dann auch schon mal.“

Eilig packte auch Feiler seine Unterlagen zusammen und holte die Windjacke aus der Garderobe, wobei er an einem Seitenbüro vorbei kam, dessen Tür angelehnt war. Der Spalt reichte aus, um einen letzten Blick auf Susan Mc.Craine werfen zu können, die den kleinen Raum mit Zigarettenqualm füllte. Im Eingangsportal wartete Behrens auf ihn.

„Susan wird sich wundern, wenn unsere Plätze leer bleiben“, sagte Feiler, „aber ich lass´ mich doch nicht wie ein Schuljunge behandeln, der einen Aufsatz über eine dusselige Hasenfamilie schreiben muss. Da habe ich Wichtigeres zu tun!“

Behrens nickte : „Diese Stanford-School ist ja eine Zumutung. Große Fassade und nichts dahinter!“ Die beiden Männer traten in den Regen hinaus und schlugen mit schnellem Schritt den Weg zum Brauhaus ein. Das Lokal war gut gefüllt. In gemütlicher Runde waren zahlreiche Tische um die beiden großen, kupfernen Braukessel angeordnet, von denen ein appetitanregender Geruch nach Hefe und Hopfen ausging. Die beiden Männer fanden einen freien Tisch am Rande der Braustube und bestellten jeweils einen halben Liter von dem hauseigenen Dunkel und einen Flammkuchen mit Schinken.

Als sie sich mit den vollen Krügen zugeprostet und einen ersten, kräftigen Schluck von dem wohlschmeckenden, frischen Bier genommen hatten, sagte Peter Feiler:

„ Dank Susan Mc.Craine waren wir ja schon beim Du angekommen, wollen wir es nicht dabei belassen?“

„Na klar“, antwortete Behrens, und beide Männer ließen erneut die deftigen Bierseidel aneinander prallen. Während sie bedächtig tranken hatte Feiler das erste Mal seit ihrem Zusammentreffen Gelegenheit, Behrens in Ruhe einschätzen zu können. Er mochte wohl fünf oder sechs Jahre älter sein, war schlank und gut einen Kopf größer. Eine randlose Brille mit goldenem Gestell gab seinem feingeschnittenen Gesicht ein aristokratisches Aussehen. Ein sorgfältig gestutzter Schnauzbart, aus dem bereits einzelne graue Haare hervorlugten, unterstrich diesen Ausdruck. Das mittelbraune Haar zeigte schon deutliche Ansätze zu Geheimratsecken. Was Feiler aber am meisten beeindruckte, war ein großer goldener Siegelring mit einem blauen Stein, in den ein Wappen eingraviert war. Am Ringfinger der Hand trug Behrens einen breiten goldenen Ehering, der rundherum mit kleinen Brillanten besetzt war. Auch wenn Behrens statt eines Anzuges zur sportlichen Cordhose nur einen einfachen Wollpullover trug, so war doch unverkennbar, dass der Mann nicht gerade arm war.Als die Flammkuchen kamen bestellten beide noch einen Krug Bier.

„Sag mal Peter, was hat Dich eigentlich in diesen Englisch-Kursus getrieben“ versuchte Feiler das Gespräch in Gang zu bringen.

„Vermutlich das Gleiche wie Dich“, antwortet Behrens, „ich wollte mein Schulenglisch aufpolieren, weil ich beruflich viel mit Engländern zu tun habe!“

„Was machst du denn beruflich?“ fragte Feiler rundheraus. Behrens stocherte mit der Gabel im Schinken und schnitt dann bedächtig ein großes Stück Flammkuchen ab. „Ich arbeite in einer internationalen Reederei“, sagte er schließlich.

„Was heißt arbeiten? Was machst du da ?“, hakte Feiler nach.

Eigentlich wollte Behrens nicht gleich sein ganzes Leben vor dem Fremden ausbreiten, aber dann schien das Bier doch seine Wirkung zu zeigen.

„Sagt Dir der Name CONTRANS was?“ fragte er zurück.

„Klar“, antwortete Feiler, „ist ja immerhin eine der größten Reedereien in der Container-Schifffahrt, hat ja zahlreiche Feeder-Schiffe im europäischen Raum laufen und arbeitet mit geleasten Großcarryern!“ Behrens hielt einen Moment mit dem Kauen inne :

„Chapeau, du weißt ja gut Bescheid!“ „Aber nun, was machst du in dem Laden wirklich“, insistierte Feiler weiter. Behrens fuhr mit dem Kauen fort, ehe er antwortete. Eigentlich war es ihm peinlich, seinen genauen Berufsstand preiszugeben, aber andererseits war er stolz auf das, was er erreicht hatte, und was ihm erst vor kurzem zuteil geworden war. „Ich bin letzten Monat zum Vorsitzenden der Reederei berufen worden“, antwortete er.

„Wow“ rief Feiler fast erschrocken aus, „ dann hast du ja richtig Kohle!“

Es war ihm so herausgerutscht, und er merkte, das es seinem Gegenüber unangenehm war. „Äh, ich meine, da verdienst du doch jetzt richtig gut“, versuchte Feiler sein Bonmot abzuschwächen.

„Naja,“ antwortete Behrens mit einem verschmitzten Grinsen, „es geht los. Aber nun du. Was machst du?“

„Ich mache in Antiquitäten“, antwortete Feiler, „genauer gesagt, ich handel mit nautischen Altertümern, also Nautiquitäten!“ Bei dieser Auskunft wurde Peter Behrens plötzlich hellwach.

„Heißt das, du kannst alte Seemannsarbeiten und historische Schiffsausrüstung besorgen?“„Na klar, alles was dein Herz begehrt“, antwortete Feiler mit einem leicht brüchigen Unterton in der Stimme.

„Mensch, das trifft sich ja gut, ich bin nämlich leidenschaftlicher Nautiquitäten-Sammler. Alles, was mit der historischen Seefahrt zu tun hat ist für mich interessant. Meine Sammlung ist schon gut bestückt, du mußt sie dir mal ansehen. Hast du einen Laden?“

„Nee, keinen Laden“, antwortete Feiler, „nur ein kleines Magazin im Souterrain meines Reihenhauses in Jenfeld. Weißt du, ich bin eher so eine Art Makler, ich besorge meinen Kunden die Stücke, die sie suchen, und dieses ‚Gewußt-wo´ ist sozusagen mein Geschäftskapital.“ „Großartig“, sagte Behrens, „ da haben wir uns heute ja gut getroffen. Du mußt kommen und dir meine Sammlung ansehen. Vielleicht kannst du ja noch etwas beisteuern!“ Peter Feiler hatte das unbestimmte Gefühl das, das er heute Abend auf eine Goldader gestoßen war.

Noch bevor die beiden Männer in den Nieselregen hinaustraten, verabredeten sie sich für den kommenden Sonnabend zu einer Besichtigung der Behrendschen Sammlung. Behrens überreichte Feiler seine Visitenkarte, aus der hervorging, dass sein Anwesen in Hamburgs Nobel-Vorort Klein Flottbek lag.

Als Feiler am nächsten Wochenende mit seinem alten, klapprigen VW, der noch das winzige „Brezel“-Fenster im Heck der Karosserie trug, in Klein Flottbek eintraf, staunte er über die villenartigen Häuser, die am Rande eines großen Parks lagen. Gepflegte Rasenflächen, großzügige Blumenrabatten und alten Eichen bestimmten das Ambiente der langen Vorgärten. Behrens Haus war ein fast quadratischer, mit Rotklinkern verblendeter Bau, dessen schmale Fensterpartien in symmetrischer Anordnung klare Anklänge an den Bauhaus-Stil verrieten. Feiler diagnostizierte sofort, dass die Villa noch in der Vorkriegszeit gebaut worden war. Peter Behrens freute sich sichtlich, dass seine Zufallsbekanntschaft aus der Stanford-School gekommen war.

„Woll´n wir erst einen Drink nehmen, oder gleich nach unten gehen?“ fragte er.

„Ein Drink wäre nicht schlecht“, antwortete Feiler, worauf Behrens ihn in das großzügige Wohnzimmer führte und zwei Kristallgläser mit trockenem Sherry füllte.

„Wie bist du denn zum Sammeln von Nautiquitäten gekommen?“ fragte Feiler, während sie sich zuprosteten.

„ Eigentlich hat mein Vater schon damit angefangen, nachdem mein Großvater, der noch als Kapitän auf einem Flying-P-Liner, also einem Windjammer der Reederei Laeisz gefahren ist, einige Stücke von seinen Reisen mitgebracht hatte. Und irgendwann hat es mich dann gepackt: Ich bin zu Auktionen gefahren und habe alles ersteigert, was irgendwie mit der Christlichen Seefahrt zu tun hatte, ich habe Hamburger Flohmärkte abgeklappert, in Trödelläden gestöbert und Seeleute aus unserer Reederei gebeten, im Ausland ein Auge offen zu halten. Ja, da ist dann schon einiges zusammen gekommen.“

„Und wo hast du das alles untergebracht?“ fragte Feiler.

„Genau wie bei dir, im Souterrain, hier im Haus. Komm, wir geh´n mal runter!“

Sie stiegen eine mit Marmorstufen belegte Treppe hinab und betraten einen großen Raum, der an allen vier Wänden mit weiß lackierten Regalen ausgestattet war, die bis unter die Decke reichten. Sehr helle Strahlerlampen beleuchteten die Szenerie vorteilhaft. In der Mitte des Raumes standen Tische, Schränke und Vitrinen. Jeder Platz war mit maritimen Ausrüstungsgegenständen aller Art vollgestellt. Peter Feiler sah sich überrascht um: Eine derartige Ansammlung maritimer Artefakte hatte er noch nie bei einem Privatmann gesehen. Doch sein geschultes Auge sah auch sofort, das hier ein chaotisches Durcheinander herrschte. Nichts war geordnet, die Dinge waren offensichtlich so einsortiert worden, wie Behrens sie erstanden hatte. Und Peter bemerkte noch etwas: Viele Exponate waren billiger maritimer Kitsch, wie er in jedem Touristenladen am Hafen angeboten wurde: Repliken von Sextanten, Kompasshäusern, Messing-Steuerrädern und Kajütslampen. Sie kamen massenweise aus Fernost, vorzugsweise aus Indien. Peter hatte in seinem eigenen Lager die Regale voll mit derartigen Nachbildungen. Behrens hatte den erstaunten Blick seines Gastes mit Genugtuung bemerkt.

„Sieh dich nur um“ forderte er Feiler auf, was dieser auch sofort tat.

Im ersten Regal neben der Tür entdeckte er eine gut erhaltene Schlepplogge aus Messing, die auf Segelschiffen am Heck angebracht wurde, um die zurückgelegten Seemeilen zu zählen. Die Drehungen des Schlepp-Impellers, der am Ende einer langen, verwindungsfreien Schleppleine befestigt war, setzten den Meilenzähler in Gang. Feiler registrierte sofort, dass das Schlepplog antik war. In einer Vitrine sah er altes Schiffsgeschirr, wie es auf den frühen Musikdampfern verwendet wurde. Daneben lagen die passenden, fein gedruckten Speisekarten sowie silberne Bestecke. Auf einem Tisch entdeckte er ein Tableau aus holländischen Fliesen. Die blauen Fayencen zeigten eine Tjalk unter vollen Segeln, und ein Schild neben dem Tableau wies Alter und Herkunft aus: Harlingen, Friesland, 1775.

Peter schnalzte mit der Zunge. „Toll, ein sehr seltenes Stück“, sagte er, was Behrens sichtlich erfreute. Was Feiler indes am meisten interessierte, waren die zahlreichen Schiffsmodelle, die in der Mitte des Raumes ausgestellt waren. Er entdeckte sehr fein gebaute Kleinsegler – Ewer, Tjalken, Kuffs, Barkentinen, Schoner, aber auch große, voll aufgetakelte Rahsegler. Peter sah sofort, dass sie von einem Fachmann gebaut worden waren.

„Ich habe da einen pensionierten Modellbauer an der Hand, der hin und wieder seine Rente aufbessern muss. Wenn er ein Modell fertig hat, bietet er es mir an, und meistens kaufe ich es“, sagte Behrens. „Aber eigentlich interessieren mich derartige Modelle gar nicht, denn sie sind ja neu, nicht antik“, ergänzte er.

„Das hier ist meine neueste Errungenschaft, die ich durch Zufall bei einem Trödler auf St. Pauli gefunden habe- ein echter Glücksfall. Der Kerl wusste gar nicht, was er da für eine Rarität hatte. Es ist, wie mir ein Kapitän unserer Reederei versicherte, ein Fischer- oder Rettungsboot-Trockenkompass vom Anfang des 19. Jahrhunderts!“ Behutsam stellte Behrens den Kasten auf einen Tisch und zog den hölzernen Schiebedeckel auf. Im Inneren befand sich ein sehr einfach aus Messing gearbeitetes Kompassgehäuse, das zwischen zwei beweglichen Messingringen kardanisch aufgehängt war.

„Sieh dir nur die Kompassrose an: Ist sie nicht fabelhaft gestaltet?“, schwärmte Behrens.

Feiler sagte nichts und blickte neugierig auf die Rose. Sie bestand offensichtlich aus einem starken Karton, der im Rund mit schwarzen Pfeilen bemalt worden war. Die dicken Pfeile markierten die Haupt-Himmelsrichtungen, die dünnen die jeweils dazwischenliegenden Richtungen. Kleine Pfeile unterteilten diese markanten Einteilungen in jeweils acht Zwischenabstände. Das Zentrum der Rose wurde durch zwei feine Ringe gebildet, die einen rot und blau gestalteten achteckigen Stern umschlossen. Genau in der Mitte erkannte Feiler die Spitze des eingeklebten Kompass-Hütchens, mit dem die Rose auf der Kompass-Pinne schwebte. Feiler sagte immer noch nichts. Dann fragte er Behrens:

„Hast du mal einen kleinen Schraubenzieher?“

„Wieso? Du willst doch nicht etwa an diesem kostbaren Stück herumschrauben?“

„ Keine Angst, ich mach´schon nichts kaputt!“

Behrens brachte den gewünschten Schraubenzieher. Vorsichtig nahm Feiler das Kompassgehäuse aus der kardanischen Aufhängung und stelle es auf den Tisch. Dann löste er mit dem Schraubenzieher die kleinen Messingschrauben, mit denen ein zwei Zentimeter breiter Messingring auf dem Kompassgehäuse festgeschraubt war. Er fixierte die darunter liegende Glasscheibe, welche die Kompassrose schützte. Die Schrauben ließen sich sehr leicht herausdrehen - erstaunlich leicht für eine zweihundert Jahre alte Schraubverbindung, fand Feiler. Der Messingring saß ebenfalls nicht sehr fest, und Feiler hob ihn ebenso wie die Glasscheibe mit dem Schraubendreher ab. Die Kompassrose lag jetzt frei vor ihm. Behrens sah dem Treiben entsetzt zu. „Ich glaube, du solltest lieber die Finger davon lassen“, sagte er, „sonst geht wirklich noch etwas kaputt. Und würdest du mir bitte mal verraten, wozu das Ganze gut sein soll?“ „ Einen Moment noch, ich bin gleich fertig!“

Feiler drehte das Gehäuse um, so das die papierne Kompassrose sich aus dem Kessel löste und mit der Bemalung nach unten auf seine Hand fiel.

„Hab´ich es mir doch gedacht“, sagte Feiler zu Behrens, „sieh dir mal das Kompass-Hütchen an. Na, was siehst du?“

„ Ein spitzes Hütchen - vermutlich aus Messing.“

„Eben“, sagte Feiler. „Am Anfang des 19. Jahrhunderts verwendete man für Trockenkompasse bereits aufgebohrte Rubine als Kompass-Hütchen. Das hier ist primitiv aus Messingblech zusammengelötet.“

Und nach einer Weile sagte er: „Guck mal hier, die Kompass-Pinne, die hat bereits Rost angesetzt. Schon bei den frühen Trockenkompassen verwendete man aber nicht rostendes antimagnetisches Iridium für die Pinne - zumindest wurde ihre Spitze daraus hergestellt.“ Feiler machte eine Kunstpause.

„Tut mir leid, aber deine Rarität ist eine plumpe Fälschung - kommt vermutlich aus Indien!“

Behrens zuckte bei dem Urteil sichtlich zusammen.

„Donnerwetter, du hast das aber drauf“, sagte er entgeistert. „ Was ist denn nun der Kompass wert?“

„Praktisch nichts - vielleicht fünfzig Mark“, antwortete Feiler und ergänzte, um die heikle Situation zu entschärfen: „Du kannst den Kompass ja auf dem nächsten Flohmarkt für echt verkaufen!“ Behrens funkelte Feiler an, „Mit Fälschungen will ich nichts zu tun haben, und schon gar nicht damit handeln. Aber jetzt brauch´ ich auf den Schreck erst mal einen Cognac. Bau das Ding zusammen und lass´ uns nach oben gehen!“ Nach kurzer Zeit saßen sich die beiden Männer im Wohnzimmer gegenüber und prosteten sich zu.

Feilers Blick fiel auf ein Ölgemälde, das gegenüber dem Eingang hing. Es zeigte einen offenbar hölzernen Segelkutter mit Gaffeltakelung, der sich durch eine aufgewühlte See kämpfte. Am Heck wehte die englische Flagge, und am Bug stand der Schiffsname: Mary Ann.

„Ein dramatisches Bild“, sagte Peter Feiler, und Behrens folgte seinem Blick.

„Ja, das Boot gehört mir. Wir haben es in England gekauft und hierher auf die Elbe geholt. Kann `ne Menge Wind ab, ist sehr seetüchtig. Nur leider ist meine Frau nicht so fürs Segeln zu haben!“ Bei diesen Worten ging die Tür auf und eine schlanke, große Frau mit dunklen Haaren und einer Ponyfrisur trat ein. Sie hatte eine Zeitung unter dem rechten Arm stecken und trug mit der linken Hand eine Einkaufstasche.

„Hallo Schatz“, erhob sich Behrens, „zurück vom Einkaufen? Wie du siehst, haben wir Besuch. Darf ich dir Peter Feiler vorstellen? Wie ich dir schon erzählt habe, war er mein Leidensgenosse beim Englisch-Kursus.“ Peter erhob sich und streckte die Hand aus.

„ Katy, meine Frau“, sagte Behrens.

„ Peter hat mir von Ihnen erzählt, Sie sind Experte für nautische Antiquitäten“.

„ Und was für einer“, fiel Behrens ihr ins Wort. „ Er hat soeben ein wertvolles Stück aus meiner Sammlung als plumpe Fälschung entlarvt!“

„Na, dann lass´ ihn man nicht zu lange deine Stücke inspizieren, sonst musst du am Ende die eine oder andere Summe zurück fordern, die du für deine wertvollen Antiquitäten bezahlt hast!“ Katy lächelte ihren Mann süß-sauer an und sagte, bereits im Gehen begriffen, zu Peter:

„Freut mich, Sie kennengelernt zu haben. Ich muss mich jetzt leider um das Abendessen kümmern. Vielleicht beehren Sie uns mal wieder!“

„Sicher. Gern.“ sagte Peter und fing noch einen kurzen Blick von Katy auf, der aber eher Desinteresse verriet.

„Sie ist manchmal etwas schroff“, entschuldigte sich Behrens, „und sie zeigt leider wenig Verständnis für mein Hobby. Aber so ist das eben!“

Er schenkte einen weiteren Cognac ein und hob wieder sein Glas:

„Cheers, mein Lieber, ich habe das Gefühl, das wir noch gut zusammenarbeiten werden.“

„Das ist interessant. Würdest du dich darum kümmern und mir Bescheid sagen, sobald du Näheres weißt?“

Kapitel 2

Zuhause angekommen, holte Feiler eine Dose Chili con Carne aus dem Kühlschrank, schüttete den Inhalt in einen Topf und setzte ihn bei kleiner Flamme auf den Herd. Peter war Junggeselle, was bei seinem Aussehen und seinem sonnigen Gemüt ziemlich unverständlich war. Er hatte mittelblondes Haar, ein rundes Gesicht, blaue Augen und schmale Lippen, die in zwei Grübchen endeten und stets zu lächeln schienen. Er war der Typ Mann, dem jeder auf Anhieb Vertrauen schenkte und dem man keinerlei Schandtaten zutraute. Peter war ein echter Sunnyboy und fand schnell Kontakt zu seinen Mitmenschen. Diese Eigenschaften halfen ihm in seinem Gewerbe sehr, und er setzte seinen Charme und seinen Witz bei seinen Verhandlungen mit Kunden und Zulieferern gezielt ein. Frauen spielten in seinem Leben bislang nur eine Nebenrolle. Er hatte zwar diverse Freundinnen gehabt, aber immer, wenn es ernst und die Bindung zu eng wurde, erfand er Gründe, um die Verbindungen zu lösen. Seine ganze Liebe galt seinem Hobby, dem Segeln.

Es war mehr als ein sportlicher Zeitvertreib, es war seine Passion. Dem Segelsport ordnete er alles unter, auch die Frauen. Sie bringen an Bord nur Unglück, pflegte er zu antworten, wenn ihn jemand fragte, warum er es nicht mal mit einem weiblichen Vorschoter versuchte. Seine Mitgliedschaft in dem renommierten Norddeutschen Regatta-Verein in Hamburg verschaffte ihm nicht nur die Verbindung zu wohlhabenden Clubkameraden, die empfänglich für seine geschäftlichen Aktivitäten waren, sondern sie ermöglichte ihm auch die Betreuung eines vereinseigenen Segelbootes, eines Drachen, mit dem er jede Regatta mitsegelte, die für ihn erreichbar war, meistens mit gutem Erfolg. Wann immer es seine Freizeit erlaubte - und davon hatte er viel - zog es ihn aufs Wasser. Insgeheim träumte Peter von einem eigenen Boot, einer richtigen seetüchtigen Yacht, mit der er Seetörns segeln konnte, nach Dänemark und Schweden, vielleicht sogar um die Welt. Die dafür erforderlichen Führerscheine und Befähigungsnachweise hatte er allesamt gemacht. In einem Kursus an der Hamburger Seefahrtsschule hatte er sogar den Umgang mit dem Sextanten und die Berechnungen eines Standortes auf den Weiten der Ozeane nach den Längen- und Breitenkoordinaten erlernt. Leider ließ sich sein Traum nicht erfüllen - zumindest noch nicht, denn für eine seetüchtige Yacht fehlte ihm das Geld. Aber träumen, sagte er sich immer wieder, darf man wohl, und vielleicht machte er ja eines Tages doch den ganz großen Coup.

Nach dem Abendessen ging Feiler hinunter in sein „Magazin“, wie er es nannte. Auf Borden an den Wänden lagerten maritime Ausrüstungsgegenstände aller Art. In einer Ecke hingen alte Fischernetze, daneben standen ausgediente Aalreusen, und grüne Glaskugeln waren eingeknüpft in Fischernetze, die früher einmal zum Aufstellen des Fanggeschirrs gedient haben mochten. Eine Abteilung beherbergte ausgestopfte Baby-Haie, furchteinflößende Haigebisse, Kugelfische, getrocknete Seesterne, Korallenstücke und rotlackierte Hummer aus Kunststoff. Auf den gegenüberliegenden Regalen standen elektrifizierte Positionslampen und Schiffslaternen, darunter lagerten Steuerräder in verschiedenen Größen und Ausführungen. Das Prunkstück aber war eine aus Messing gefertigte Replik eines Maschinentelegraphen der Firma Chatburns, Liverpool. Das gute Stück hatte man zum Bierzapfhahn degradiert. Feiler machte mit diesen maritimen Accessoires ein gutes Geschäft, denn in den Siebziger Jahren gehörte es zum guten Ton, Gäste in die eigene Kellerbar einzuladen. Dutzende Reihenhaus- und Flachdach-Bungalowbesitzer zählten zu Feilers Kunden, die ihre Bars mit allem möglichen maritimen Kitsch ausstatteten, um ihnen ein entsprechendes Flair zu verleihen. Ohnehin konnte Peter die meisten der angesammelten Ausrüstungsgegenstände, die durch die Lagerung oder durch eine Behandlung mit Schwefelsäure eine mehr oder weniger ausgeprägte Patina angesetzt hatten, dem Laien ohne weiteres als echt antik verkaufen, zumal eingravierte Jahreszahlen und Schiffsnamen für die erforderliche Authentizität sorgten. Tatsächlich aber kamen fast alle Stücke, speziell die aus Messing und Bronze gefertigten, aus Indien und Thailand, wo sich zahlreiche Betriebe auf die Herstellung nachgemachter, historischer Schiffsausrüstung spezialisiert hatten. Die meiste Ware bezog Feiler von einem Bremer Importeur, der peinlich darauf achtete, dass keiner seiner Kunden einen Hinweis auf die ausländischen Hersteller erhielt. Gar zu gerne hätte Peter eine Adresse gehabt, die es ihm möglich machte, selbst Kontakt zu einem der Fabrikanten aufzunehmen.

Feiler stöberte in einer Ecke seines Magazins herum. Endlich fand er das Gesuchte: Unter einem Fischernetz holte er ein angestaubtes, dunkelblau lackiertes Brett hervor. Es maß einen Meter in der Länge und war etwa dreißig Zentimeter breit. Darauf war ein aus massivem Kiefernholz gebautes Halbmodell eines Segelschiffes montiert. In der unteren rechten Ecke stand in schwarzer Antiqua-Schrift die aufgemalte Jahreszahl 1861, und über dem Modellrumpf war in gleicher Schrift der Schiffsname „Obergine“ aufgemalt. Die rechte obere Hälfte der Grundplatte trug die Aufschrift: „ Redg. Hull“.

Der Rumpf des Halbmodells war mit Klarlack lackiert, so dass die einzelnen verleimten Holzschichten gut zu erkennen waren. Jeder durch einen Plankengang angedeutete Längsschnitt des Rumpfes trug zwei Buchstaben- Kürzel sowie eine Nummer, anhand derer sich die Bootsbauer auf dem gezeichneten Längs- und Spantenriss beim Bau des Schiffes orientieren konnten. Mit schwarzer Farbe waren Geschützpforten auf die Schanz gemalt, so dass es sich wohl um ein bewaffnetes Fregattschiff handeln musste. Unter der Schanz deutete eine dünne, aufgeklebte Scheuerleiste den Deckssprung an, und am Bug stilisierte ein runder, kurzer Holzpflock den Klüverbaum. Darunter hatte man ziemlich ungeschickt mit Goldbronze eine Bugverzierung aufgemalt. Selbst ein Laie konnte erkennen, dass es sich hier nicht um ein Modell aus dem 19. Jahrhundert handeln konnte. Der Lack glänzte wie neu, und es gab keinerlei Gebrauchsspuren. Es war eine – zugeben sehr schön gearbeitete – Replik eines alten Werftmodells. Peter klemmte sich das Modell unter den Arm und ging zu einer grauen Stahltür, die in die Rückwand des Magazins eingelassen war. Aus einem Karton, der auf einem Bord neben der Tür stand, fischte er einen Schlüssel heraus und öffnete damit sein „ Allerheiligstes“, wie er es nannte. Der Raum, den er nun betrat, war nicht sehr groß. Früher hatten hier die Heizöltanks gestanden, die entfernt worden waren, nachdem Peter die Heizung auf Gas umgestellt hatte. Der Raum wurde von Neonröhren, die auf der gesamten Deckenlänge angebracht waren, taghell erleuchtet. Auch hier waren ringsum an den Wänden Borde angebracht, auf denen zahlreiche Kartons und kleine Holzkästen standen. Sie enthielten zum großen Teil Farbpulver in allen Farbtönen. Darin steckten Plastiklöffel. Auf anderen Borden waren diverse Dosen und Flaschen aufgereiht, die mit unterschiedlichen Substanzen gefüllt waren. Den Raum beherrschte eine große Hobelbank, die gleichzeitig als Arbeitstisch diente und mit allerlei Utensilien vollgestellt war. An der Wand waren leere Marmeladengläser aufgereiht, daneben steckten Reagenzgläser in passenden Ständern. Am merkwürdigsten aber war eine Anzahl an Eierkartons, in denen rohe Hühnereier aufbewahrt wurden. Die übrige Einrichtung des Raumes bestand aus Schränken, in denen Werkzeuge aller Art, Schleifpapiere, Pinsel und andere Malutensilien lagerten. Vor den Regalen standen auf dem Fußboden diverse kleinere Schiffsmodelle, deren demolierte Takelagen repariert werden mussten, sowie Messing- Schiffslampen und andere nautische Geräte aus Messing und Bronze, aber auch kleine Mahagoni-Kommoden und Schränkchen, wie sie früher einmal in den Kapitäns- und Offizierskajüten der Frachtsegler eingebaut waren. Peter legte die Platte mit dem Modell auf die Hobelbank und schaltete die tiefhängende Neon-Arbeitsleuchte ein. Dann suchte er diverse Arbeitsgeräte sowie Schleifpapiere hervor und füllte im Waschbecken an der Wand eine kleine Plastikschale mit Wasser. Vorsichtig begann er nun, mit feinem Nassschliff-Papier zuerst die Modellplatte und danach das Modell abzuschleifen. Die Schrift mit der Jahreszahl sowie den Schiffsnamen bearbeitete er so lange, bis die Zahlen und Buchstaben gerade noch zu erkennen waren. Danach nahm er einen groben Meißel zur Hand und schlug ihn an mehreren Stellen kräftig in das weiche Kiefernholz des Rumpfes, so dass Kerben und Löcher zurückblieben. Mit dem Stechbeitel ramponierte er das Holz weiter, indem er die Verleimungen der Planken aufritzte, so dass sie wie aufgesprungen wirkten. Zum Schluss entfernte er die Goldbronze der Bugverzierung, nachdem er die Ornamente mit Bleistift auf ein Blatt Papier gezeichnet hatte.

Zufrieden betrachtete er sein Werk. Dann nahm er ein leeres Marmeladenglas und goss aus einer Flasche ein wenig Leinöl hinein, dem er ein paar Tropfen Sikkativ hinzufügte. Aus den Farbpulvern wählte er die Kartons mit Umbra grünlich und Hellbraun aus und rührte davon kleine Menge in das Leinöl ein. Daraufhin verrieb er mit einem weichen Lappenballen die Lasur auf dem Modellrumpf, wobei er darauf achtete, das möglichst viele Farbpigmente in den Kerben und Ritzen zurückblieben. Peter stellte das Modell hochkant an eine Schrankwand und widmete sich einer anderen Vorbereitung. Aus einem der Eierkartons fischte er zwei Hühnereier heraus, nahm ein neues Marmeladenglas und ging damit zum Waschbecken, wo er die Eier aufschlug und das Eiweiß ablaufen ließ, während er das Eigelb in das Glas schüttete. Dann verrührte er es kräftig und füllte damit genau die Hälfte eines Reagenzglases im Ständer. Ein zweites füllte er ebenfalls bis zur Hälfte mit Leinöl und ein drittes mit Leitungswasser. Nun goss er alle Substanzen zusammen in ein weiteres Glas und verrührte den Inhalt kräftig mit einem Löffel. In die so entstandene Emulsion rührte er nach und nach ein wenig Hellblau ein, dem er eine Messerspitze von Umbra-grünlich sowie sehr wenig schwarzes Pigment hinzufügte. Nachdem er das Modell zurück auf die Hobelbank gelegt hatte, trug er mit einem feinen Marderhaar–Pinsel die Tempera-Lasur auf die dunkelblau lackierte Modellplatte auf, ließ sie einige Zeit antrocknen und verwischte sie dann mit einem weichen Baumwolllappen, so dass die dunklere Grundfarbe hier und da durchschimmerte. Besonders bei der Beschriftung rieb er kräftiger, so dass sie gerade noch lesbar war. Schließlich stellte er das Modell in die Nähe der Heizung.

Am nächsten Morgen waren die Leinöl- und Tempera-Lasuren gut durchgetrocknet, so dass Peter mit einem feinen Schleifpapier einige Male vorsichtig darüber reiben konnte. So verstärkte er den optischen Eindruck der natürlichen Alterung. Die wahre künstlerische Arbeit aber stand noch an : Die goldene Ornamentik am Bug musste wieder angebracht werden. Peter wusste sehr wohl, dass man in der Mitte des 19. Jahrhunderts derartige Modellverzierungen nicht aus Malbronze, sondern ausschließlich aus echtem Blattgold herstellte, ebenso wie man keine Lacke, sondern meistens Temperafarben und Leinöl für die Bemalung der Modelle verwendete. Er setzte sich auf einen alten Klavierschemel, den er auf die richtige Arbeitshöhe geschraubt hatte, und begann, das Bugornament mit einem feinen Stahlgriffel in den dunklen Untergrund einzuritzen, goss etwas Mastix– Anlegeöl in einen Eierbecher und malte mit Hilfe eines feinen Pinsels die Ornamentik aus. Nachdem die Arbeit vollendet war, ließ er das Anlegeöl einige Zeit antrocknen, währenddessen er aus einer Schrankschublade ein Kuvert holte, aus dem er ein in dünnes Seidenpapier eingewickeltes Päckchen zog. Zwischen einzelnen Papierschichten lagerten Blattgold-Blätter, die so dünn waren, dass sie bereits beim Ausatmen verweht wurden.

Peter nahm einen flachen, etwa zwei Zentimeter breiten Marderhaar– Pinsel, rieb die Haare an seiner Jacke und näherte sich mit dem Pinsel vorsichtig einem Stück Blattgold.

Sofort wurde es von der elektrischen Aufladung angezogen, und Peter hob es mit dem Pinsel an und ließ es auf das Anlegeöl des Ornamentes fallen. Dort haftete das Gold sofort fest, während das überschüssige Material mit dem Pinsel abgewedelt werden konnte. Abschließend wischte er noch einige Male über die Ornamentik, wobei kleine Risse im Blattgold entstanden, was wie eine natürliche Alterung wirkte. Zum Schluss tupfte er noch etwas goldbraunes Leinöl-Firnis über sein Kunstwerk. Peter stellte das Halbmodell an die Wand auf den Arbeitstisch und betrachtete es eingehend, wobei sich ein zufriedenes Grinsen auf seinem runden Gesicht breit machte. Perfekt, dachte er, eindeutig ein Werftmodell aus dem frühen 19. Jahrhundert. Echt antik! Es sollte ein erster Test werden : Würde Behrens den Köder schlucken? Schließlich hatte er ja verlauten lassen, dass er besonders an historischen Werftmodellen interessiert sei. Und nun bekam er eins, und das sollte nicht mal übermäßig teuer sein, da er es selbst preiswert erstanden hatte. Zwei Tage später rief Feiler bei Behrens an:

„Ich habe was für dich, das wird dich interessieren – ein historisches Werft- Halbmodell von einem Fregattschiff. Was meinst du, soll ich mal damit vorbei kommen ?“

„Aber klar doch, wo hast du das denn aufgetrieben? Ich möchte es unbedingt sehen!“

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag gegen Abend, nachdem Behrens aus dem Büro gekommen war.

„ Du kannst gerne bei uns essen“ sagte er noch, „ meine Frau kocht prima! “

Am nächsten Tag regnete es wieder, als Peter aus der Garage fuhr. Es wollte jetzt Ende November kaum noch richtig hell werden, besonders wenn der Tag so grau war wie heute. Die Straßenbeleuchtung war noch eingeschaltet, und der Schein der grellen Quecksilberdampf–Leuchten spiegelte sich in den Pfützen am Straßenrand. Der Wetterbericht hatte Frost und Schneeregen vorhergesagt. Peter fuhr von Jenfeld aus Richtung Innenstadt, bog in die Rodigallee ab und reihte sich auf der Wandsbeker Markt-Straße in den lebhaften Verkehr ein.

Als er den Wandsbeker Markt erreicht hatte, suchte er einen Parkplatz, den er wundersamerweise sofort fand, weil ein anderes Auto ausscherte. Dann stieg er aus, schlug den Jackenkragen hoch und ging mit schnellen Schritten durch den nun stärker fallenden Regen zu einem Imbiss, über dessen Schaufensterscheibe auf einem Schild „Vegan-Bistro“ stand, und darunter „Nina´s vegetarisches Kochstübchen“. Seit einiger Zeit hatte Peter Gefallen an vegetarischen Speisen gefunden, denn er glaubte, sie würden ihm besser bekommen. Außerdem machte er sich nicht viel aus Fleisch. Als Stammgast begrüßte ihn Nina über die Theke hinweg mit Handschlag, und es war unübersehbar, dass sie sich über den nun fast täglichen Besuch freute. Peters fröhliches Wesen, sein stetes Lächeln und seine lustigen Schnacks gefielen ihr. Außerdem sah der Mann gut aus und machte ihr Komplimente. Nina war seit einem Jahr geschieden und betrieb den Imbiss jetzt alleine, was nicht immer leicht war. Da wäre ein Mann wie Peter schon eine gute Ergänzung.

„Moin“ sagte er, „ ist das ein Sauwetter heute, ich brauche unbedingt was Warmes im Magen!“

„Wo willst du denn bei dem Schietwetter drauf los, da jagt man doch keinen Hund vor die Tür? “ fragte sie.

„Ich muss zum Hafen, nach St. Pauli.“

Ninas Augen verdunkelten sich:

„Bevor du in den Puff gehst, solltest du überlegen, ob es nicht eine preiswertere und bessere Alternative gibt!“ Sie lächelte ihn verführerisch an.

„Keine Sorge, ich will zu Harrys Hafenbazar und etwas Spezielles kaufen.“

„Na dann – und heute wie immer?“

„Klar“, antwortete Peter.Sie machte sich an der Friteuse zu schaffen, legte eine große Gemüsefrikadelle ein und goss gleichzeitig einen heißen Apfelpunsch in ein hohes Glas.

„Lass es dir schmecken“, sagte sie, nachdem sie beides über die Theke gereicht hatte. Ein älterer Mann und eine wesentlich jüngere Frau betraten den Imbiss und bestellten ebenfalls Gemüsefrikadellen, für deren Zubereitung Nina ein selbstausgeklügeltes Geheimrezept hatte. Gemüsefrikadellen waren der Renner! Peter aß schweigend an einem Stehtisch, blickte kurz in die dort ausliegende Bild-Zeitung, legte das Geld auf die Glasplatte des Tresens und verließ dann sehr schnell, nicht ohne Nina mit einem Augenzwinkern zu beglücken, das Bistro. Sein Weg nach St. Pauli führte ihn durch die Innenstadt, und er musste sich mühsam durch das Verkehrschaos kämpfen. Schließlich erreichte er die Reeperbahn. Er parkte den Brezelfenster-VW in der Tiefgarage am Spielbudenplatz und fluchte über die exorbitanten Einstellpreise. Man hatte sie schon wieder erhöht. Als er die Tiefgarage verließ, hatte der Regen aufgehört, die Straßen und Gehsteige glänzten immer noch vor Nässe. Bereits jetzt am Mittag waren die meisten Neon-Reklamen an den Restaurants, Bars, den Spielhallen, Theatern, Dessous-Geschäften, Nachtclubs und Bierschwemmen in voller Aktion. Es flimmerte und funkelte die Reeperbahn hinunter bis zu dem in der Ferne liegenden Nobistor. Sexkinos und Sexshops warben mit eindeutigen Bemalungen ihrer Fassaden für Männerfreuden, und Türsteher versuchten mit aufdringlichen Manövern ahnungslose Touristen, die schon zu dieser Mittagsstunde unterwegs waren, in ihre Etablissements zu lotsen. Peter kümmerte sich nicht um diese Verlockungen, sondern ging eilig den Spielbudenplatz hinunter, vorbei an der weltweit bekannten David-Polizeiwache, und bog in die Davidstraße ein, bis sich an der rechten Seite eine Straßeneinbuchtung auftat, die von überlappenden grauen Eisentoren von jeder Einsicht abgeschirmt war. Aus den beiden Durchgängen kamen Männer jeden Alters heraus, andere gingen hinein.Vor den Toren stand eine Gruppe bayerischer Touristen, Frauen und Männer, die sich um den Reiseleiter wie Küken um eine Glucke scharten.

„Das hier“, verkündete er, „ist die weltberühmte Herbertstraße, Hamburg´s bekanntestes Bordell. Sie können gern einmal hineingehen und einen Blick auf die Schönheiten in den Schaufenstern werfen – aber nur die Herren, bitteschön! Die Damen müssen leider draußen bleiben.“ Die Männer knufften sich feixend in die Rippen, anzügliche Bemerkungen flogen hin und her, während die Frauen sich nur ein gequältes Lachen abrangen. Dann verschwand die ganze Männertruppe mit ihren grünen Gamsbart-Hüten hinter den Tordurchgängen. Peter ging eilig die Davidstraße weiter in Richtung Hafen hinunter, bis er rechts in die Bernhard-Nocht-Straße einbog. Nach wenigen Metern stand er vor einem eher unscheinbaren Geschäftseingang, zu dem es einige Stufen hinab ging. Dass es sich hier indes um einen besonderen Laden handelte, verkündeten merkwürdige Dekorationen hinter einer fast blinden Schaufensterscheibe. Da lag ein ausgestopftes Krokodil und schien mit seinem aufgerissenen Maul dem Betrachter zu drohen. Im Hintergrund hingen furchterweckende Masken, die offensichtlich aus afrikanischen Ländern stammten. Zwei alte Schifferklaviere standen neben ausgestopften bunten Vögeln, eine weiße Cobra schlängelte sich von der Decke, karibische Voodoo-Puppen, schon grau angestaubt, blickten wie Wesen aus einer anderen Welt aus einem als Gefäß umfunktionierten Elefantenfuß. Vor der Eingangstür stand ein wohl eineinhalb Meter hoher, geschnitzter und bunt bemalter Totempfahl, an dem ein mit einer Heftzwecke angepinntes Pappschild hing: „Bitte treten Sie ein.“ Peter tat dies und ging dann auf einen älteren Mann zu, den das Klingeln der Ladenglocke herbeigerufen hatte. Er mochte um die siebzig Jahre alt sein. Ein weißgrauer, zotteliger Vollbart rahmte sein Gesicht fast vollständig ein. Um die Halbglatze ringelte sich ein ebenfalls weißgrauer, gelockter Haarkranz. Zwei blaue Augen blickten den Ankömmling durch eine randlose Brille neugierig an.

„Hallo Harry, bin mal wieder da“, begrüßte Peter den Verkäufer und schlug ihm lachend auf die Schulter.

Harry machte ein verkniffenes Gesicht: „Willst wohl wieder was abstauben und selbst teuer verscheuern“, sagte er. „Worauf bist du denn heute scharf?“

„Weiß ich noch nicht! Aber es muss was Besonderes sein. Ich muss da ein Türchen – ach, was sage ich – ein Tor öffnen bei jemandem, der vielleicht mal mein bester Kunde wird. Hast du in letzter Zeit so was wie `ne Rarität reinbekommen?“

„Das hier sind alles Raritäten“, antwortete Harry, „aber ich glaube, ich hab´da was! Dann komm´ mal mit!“

Harry Rosenberg ging voraus. Hinter dem Verkaufsraum tat sich ein wahres Labyrinth von katakombenartigen Kellerräumen auf, die durch schmale Gänge miteinander verbunden waren. Jeder Raum war bis unter die Decke vollgestellt mit Souvenirs aus aller Herren Länder. Ursprünglich hatte der Seemann Rosenberg hier einen Münz- und Briefmarkenladen betrieben, während die Masken, Schilde, Speere, Trommeln und ausgestopften Tiere nur als Dekoration gedacht waren. Doch dann kamen Seeleute auf Landurlaub vorbei, sahen die Souvenirs und boten Harry die eigenen Mitbringsel an. Und Harry kaufte und verkaufte die Kuriositäten mit gutem Gewinn. Das sprach sich herum, und bald steuerten die Seeleute mit ihren exotischen Errungenschaften und eigenen Seemannsarbeiten gezielt den unscheinbaren Laden in der Bernhard-Nocht-Straße an, um ihre Heuer aufzubessern – die dann praktischerweise gleich nebenan in St. Pauli´s Kneipen versoffen wurde. Bald füllten die Räume weit über eintausend Artefakte aller Art, und es gab keinen Reiseführer über Hamburg, in dem nicht Harrys Hafenbazar erwähnt wurde. Und die Touristen kamen in Scharen, so viele, dass Harry Eintritt nehmen musste, der bei einem Kauf verrechnet wurde. Harry wuselte so schnell durch die Gänge, dass Peter kaum folgen konnte. Dann standen sie vor einer metallenen Kellertür, die Harry aufschloss. In dem kleinen Raum dahinter bewahrte er seine Kostbarkeiten auf, die nicht für oberflächliche Besucher und schon gar nicht für Langfinger, die ihn auch hin und wieder heimsuchten, zugänglich sein sollten. Hier hatte Peter sich noch nie umsehen dürfen. Und dann fiel sein Blick auf eine Vitrine, in der in halbes Dutzend menschlicher mumifizierter Köpfe lagerten.

Harry ging zu einer Kommode, aus deren Schublade er ein offensichtlich altes, rotbraunes Mahagoni-Kästchen holte. „Hier, das wird dich interessieren – habe ich gerade reinbekommen – eine echte Rarität!“ Harry öffnete den Deckel des Kastens, der mit dunkelrotem Samt ausgeschlagen war. Darin lag ein wohl zwanzig Zentimeter langer Walzahn. Harry hob ihn vorsichtig heraus und reichte ihn Peter. Die Oberfläche war poliert, und eine leicht gelbliche Verfärbung deutete auf ein hohes Alter des Zahnes hin. Peter wollte seinen Augen nicht trauen: Der Zahn war mit einer außergewöhnlichen Zeichnung versehen. Ein ganzes Geschwader historischer Segelschiffe schien in einen Kampf verwickelt zu sein. Einige Schiffe brannten, andere trieben entmastet auf der See. Einige Matrosen hatten sich in Boote gerettet und versuchten, aus dem Zentrum der Schlacht wegzurudern. Noch nie hatte Peter eine so reichhaltige Ritzzeichnung auf einem Pottwal-Zahn gesehen. Alle Details waren in haarfeinen Schraffuren ausgeführt, und selbst die Takelagen der Kriegsschiffe hatte der Künstler vollständig dargestellt.

„Tja, da staunst du, was?“, fragte Harry Rosenberg.

„Und ob“, antwortete Peter, „das ist ein tolles Stück.“

„Willst du es haben? Der Zahn mit diesen Scrimshaw-Zeichnungen kann dreihundert Jahre alt sein. Das kann man aufgrund der Patina und der abgebildeten Schiffstypen schätzen.“

„Möchte ich schon, aber es kommt drauf an, was du dafür haben willst. Es wäre genau das, was ich suche.“

„Da ich weiß, dass du sowieso hinterher mindestens das Doppelte aufschlägst, lass´ ich dir den Zahn für fünftausend Mark!“

„Quatsch“, entsetzte sich Peter, „das glaubst du doch wohl selbst nicht, dass du den Zahn für diese Summe los wirst!“

„Was willst du denn ausgeben?“

„Zweitausend“, sagte Peter. Sie einigten sich auf dreitausend Mark. Peter stellte einen Scheck aus, von dem Harry aus Erfahrung wusste, dass er auch gedeckt war, und ließ sich den wertvollen Kasten in grobes, braunes Packpapier einwickeln. Zum Abschied fragte Peter: „Du hast nicht zufällig noch einen unpolierten Pottwal-Zahn auf Lager?“ Harry zwirbelte einen Augenblick seinen Bart und dachte nach. Dann eilte er durch einen Gang und kam gleich darauf mit einem Walzahn zurück, dessen Oberfläche noch so beschaffen war, wie ihn der Walfänger aus dem Kiefer gebrochen hatte: geriffelt, mit Schrunden und von gelblichweißer Farbe.

„Hier, den schenke ich dir als Zugabe“, verkündete Rosenberg, „damit du mich bald wieder beehrst!“

Gut gelaunt fuhr Feiler nach Hause. Der Besuch von Harrys Hafenbazar hatte sich wieder mal gelohnt. Heute Abend sollte es sich zeigen, ob Behrens den Köder schluckte und sich das auf antik getrimmte Werft-Halbmodell andrehen ließ. Bevor Peter in Jenfeld ankam, hielt er noch kurz vor einem Blumenladen an und kaufte für Katy einen großen Strauß gelber Teerosen. Auf seinem Anrufbeantworter hatte Behrens die Nachricht hinterlassen, dass sie ihn um 19 Uhr zum Abendessen erwarteten, und dass noch ein weiterer Gast anwesend sein würde. Da Peter nicht viel für Anzüge und Krawatten übrig hatte, zog er einen dünnen weißen Wollpulli zur dunkelblauen Hose an, was ihm das Aussehen eines besser besoldeten Seemannes auf Landgang verlieh. Pünktlich um 19 Uhr parkte er den Brezelfenster-VW vor der Behrens’schen Villa in Klein-Flottbek. Schwer bepackt mit einem großen und einem kleineren Paket, geheimnisvoll in einfachem Papier eingeschlagen, sowie einem Rosenstrauß in durchsichtiger Folie ging Peter zur Haustür und klingelt. Behrens öffnete und umarmte ihn zur Begrüßung freundschaftlich. Katy tauchte hinter ihm auf, so dass Peter den Rosenstrauß überreichen konnte.

„Oh“, sagte sie und lächelte, „woher wussten Sie, dass das meine Lieblingsblumen sind?“

„Intuition“ antwortete Peter ebenfalls lächelnd, wobei ihm Katy heute wesentlich sympathischer erschien, zumal sie zum kurzen Rock eine leuchtend blaue, seidene Bluse mit weißen Tupfen trug, die ihre Figur vorteilhaft zur Geltung brachte. Behrens nahm Peter die Pakete ab.

„Vorsichtig hinstellen“, sagte Peter „extrem empfindlich!“

Behrens Neugier war bereits geweckt. Im Esszimmer standen auf einem Beistelltisch drei Sherry-Gläser und eine Flasche Dry Pale bereit. Behrens schenkte ein und überreichte dem Gast ein Glas, während Katy sich entschuldigte, weil sie in der Küche nach dem Essen sehen musste. Es duftete bereits verführerisch. Gerade als die beiden Männer sich zugeprostet hatten, klingelte es erneut. Peter Feiler warf einen schnellen Blick durch das Wohnzimmerfenster und sah, dass ein eleganter, silberfarbener Mercedes hinter seinem Brezelfenster-VW geparkt worden war. Behrens führte einen großen, schlanken und sportlich wirkenden Mann herein, der etwa fünfundvierzig Jahre alt sein mochte. Er hatte ein schmales Gesicht mit einer auffallend langen, hakenförmig gebogenen Nase und strohblonde Haare. Er trug einen blauen Blazer mit vergoldeten Anker-Knöpfen zur grauen Flanellhose und schwarze Halbschuhe. Sein blau-weiß gestreiftes Hemd schmückte eine dunkelblaue Seidenkrawatte, die mit kleinen stilisierten Segelschiffen bestickt war. Echt hanseatisch, dachte Peter. Behrens stellte seinen neuen Gast vor:

„Darf ich dich mit Matthias Janßen bekanntmachen? In Hamburg besser bekannt als Barkassen-Janßen“, fügte er lachend hinzu.

Auch Janßen rang sich ein verkniffenes Lächeln ab, wobei man seinen Gesichtsausdruck nicht richtig einschätzen konnte, weil er trotz des trüben November-Wetters eine dunkle Sonnenbrille trug und diese auch im Haus nicht absetzte.

„Und das ist mein Freund Peter Feiler“, sagte Behrens, „ein großer Experte in Sachen Nautiquitäten!“

Die beiden Männer gaben sich die Hand.

„Freut mich“, sagte Feiler, „sind Sie auch ein Freund nautischer Antiquitäten?“

„Wie man´s nimmt“, antwortete Janßen, und fügte mit einem schiefen Seitenblick auf Behrens hinzu: „sofern sie echt sind!“

Behrens stupste Janßen freundschaftlich in die Rippen, worauf sich die drei Männer zum Sherry-Tischchen begaben und die Gläser erhoben. Sie waren kaum geleert, als Katy ins Wohnzimmer trat und die Herren zu Tisch bat. Sie trug eine Meerrettichschaum-Suppe mit Flusskrebsen auf, der geschmorte Entenbrust in Orangensoße mit Brokkoli folgte. Die Nachspeise unterstrich die hanseatische Bodenständigkeit: Es gab duftende, herbstliche Bratäpfel, gefüllt mit Walnüssen und Kirschkonfitüre, abgerundet durch einen Schuss Rum, zu denen Vanillesoße gereicht wurde. Die Herren waren des Lobes voll über Katy´s Kochkünste, und während Behrens Havanna-Zigarren anbot, entwickelte sich eine lebhafte Unterhaltung:

„Ist das Ihre Barkassen-Firma?“ fragte Feiler und deutete auf eine kleine blau-gelbe Emailleflagge mit den Initialen BJ, die Janßen an seinem Revers trug.

„Ja, da haben Sie Recht, mein Unternehmen ist schon fast achtzig Jahre alt, mein Großvater hat die Firma gegründet, damals, als die Hafenarbeiter täglich mit Barkassen zu den Schiffen und Kais gebracht und nach der Schicht wieder abgeholt werden mussten. Da waren unsere Schiffe so was wie Hafentaxis, aber die Zeiten sind ja längst vorbei!“

„Und wofür braucht man heute noch Barkassen?“, wollte Peter wissen.

„Tja, man muss sich der Zeit anpassen. Ich prophezeie Ihnen mal was: Der Hamburger Hafen wird immer mehr zu einem Touristen-Magneten werden. In dreißig, vierzig Jahren haben wir hier vielleicht zehn Millionen Touristen pro Jahr in Hamburg, und da heißt es investieren, in moderne Passagier-Barkassen für Hafenrundfahrten, Betriebsausflüge, Hochzeiten und so weiter, mit Catering, modernem Entertainment und guter Heizung – schließlich wollen wir ganzjährig fahren!“ Peter war beeindruckt, und Behrens lächelte still in sich hinein.

„Was investieren Sie denn so in eine Barkasse?“ fragte Feiler.

„Das kommt drauf an, für wie viele Passagiere sie ausgelegt werden. Ich habe fünf Schiffe laufen, die so um die hundert Personen mitnehmen können, und die zwei Neuen, die ich gerade in Auftrag gegeben habe, fassen glatt das Doppelte. Aber für einen solchen Luxusdampfer muss ich auch schon um die zwanzig Milliönchen hinlegen.“ Matthias Janßens Gesicht bekam einen selbstzufriedenen Ausdruck, als er sah, wie beeindruckt Feiler war. Peter hoffte indessen, dass sich das Gespräch nicht noch mehr in die Länge ziehen würde, denn in seinen Magen hatte sich trotz des guten Essens ein gewisses Unbehagen geschlichen. Die beiden Pakete lagen noch im Flur, und Peter wünschte sich, dass sie nun möglichst bald ausgepackt würden, damit er endlich Gewissheit bekam, ob sein Coup gelang. Seine „Nautiquität“ war professionell gemacht, da war er sich sicher, aber zugleich hatte er das Gefühl, dass Janßen nicht auf den Kopf gefallen war, was nautische Exponate betraf. Hatte Behrens den Barkassen-Reeder vielleicht nur deshalb mit eingeladen, um als Experte ein Gutachten abzugeben?

Endlich sagte Behrens: “So, jetzt bin ich aber richtig neugierig, was Peter mitgebracht hat. Gehen wir doch nach unten!“

Feiler und Behrens nahmen jeweils ein Paket, wobei Behrens voran ging. Unten angekommen, schaltete er die gesamte Beleuchtung ein, so dass der Raum lichtdurchflutet war. Die beiden Pakete wurden auf einen Tisch gelegt.

„Du zuerst“, sagte Feiler, „pack’ dein Paket mal sehr vorsichtig aus!“

„Das ist ja wie ´ne Bescherung zu Weihnachten“, sagte Behrens, während Janßen ihm neugierig über die Schulter blickte. Ungeduldig riss Behrens das Packpapier auf und hob den kleinen Mahagonikasten heraus. Sehr langsam, fast andächtig öffnete er den Deckel der Schatulle. Der rote Samt umschmeichelte den elfenbeinfarbenen, polierten Pottwal-Zahn, und das helle Licht ließ die feine Scrimshaw-Zeichnung deutlich hervortreten. Behrens sagte keinen Ton. Ungläubig blickte er auf die Kostbarkeit, die hier vor ihm lag. Vorsichtig nahm er den Zahn heraus und hielt ihn andächtig mit den Daumen und Zeigefingern fest.

„Donnerwetter“, entfuhr es ihm, „so was habe ich noch nie gesehen!“

Feiler hatte sich diskret etwas zurückgezogen, damit auch Janßen einen Blick auf den Zahn werfen konnte.

„Darf ich mal?“ fragte er und nahm Behrens den Zahn aus den Händen.

Plötzlich zog er eine kleine Uhrmacher-Lupe aus der Jackentasche, klemmte sie ins rechte Auge und begutachtete die Scrimshaw-Zeichnung genauestes aus der Nähe. Dann blickte er in die Zahnwurzel, inspizierte die gekrümmte Zahnspitze, sowie die polierte Unterseite. Also doch - schoss es Feiler durch den Kopf. Der Mann ist ein Experte!

„Wo haben Sie denn den her?“, wollte Janßen wissen.

„Ich hab´ da so meine Quellen“, antwortete Feiler vielsagend. „Aber woher? Geschäftsgeheimnis!“

Zu Behrens gewandt, indem er ihm den Zahn zurück gab, ohne die Zeichnung zu berühren, sagte Janßen:

„Der ist zweifellos echt! Ein ganz seltenes Stück, kann mehrere hundert Jahre alt sein. Die Scrimshaw-Zeichnungen sind eventuell sogar auf einem Walfänger gemacht worden. Die Mannschaften hatten damals auf den Reisen zu den Fanggründen ja viel Zeit. Da haben sie dann die Zähne beschnitzt und die Ritzzeichnungen angefertigt. Die Motive deuten jedenfalls darauf hin!“ Behrens konnte noch immer nicht fassen, was ihm da angeboten wurde. Seine Augen leuchteten.

„Und den willst du tatsächlich verkaufen?“ fragte er Peter.

„Klar, sonst hätte ich ihn nicht mitgebracht!“

„Und was soll er kosten?“

„Betrachte es mal als mein Einstands-Geschäft mit dir. Da ich den Zahn auch recht günstig einem alten Seemann abkaufen konnte, lass´ ich dir das schöne Stück für sechstausend Mark!“ Behrens ließ keine Regung erkennen. Aus den Augenwinkeln sah Feiler, dass Janßen unmerklich mit dem Kopf nickte.

„Okay. Das ist okay. Das ist sogar ganz okay“, sagte Behrens, „und weißt du was: Dieser Zahn soll der Beginn einer ganzen Scrimshaw-Sammlung für mich werden. Du musst unbedingt weitere Arbeiten für mich auftreiben. Sie faszinieren mich enorm!“ Feiler lächelte vielsagend.

„Nun pack´ das andere Paket aus“, sagte er.

Wieder zerriss Behrens ungeduldig das Papier. Das Halbmodell der „Obergine“ schälte sich heraus. Wieder verschlug es Behrens die Sprache. Nach einer Weile ungläubigen Staunens sagte er:

„Mein Gott, ich fasse es nicht. Das scheint wirklich ein altes Werftmodell zu sein. Und hier – kann man gerade noch lesen – steht ja auch die Jahreszahl: 1861! Wunderbar. Davon habe ich immer geträumt!“ Und wieder näherte sich Janßen dem Modell mit seiner Lupe. Feiler beschlich ein ungutes Gefühl. Die Farbe war noch frisch. Sein Herz klopfte fürchterlich, kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„Sie trauen mir wohl nicht?“ fragte Feiler Janßen in einem beleidigten Ton.

„Also, du musst nun nicht unbedingt den Experten hervorkehren“, wandte sich jetzt auch Behrens an Janßen. Der sagte nichts, sondern fuhr unbeirrt mit seiner Lupe über die Grundplatte und den Rumpf. Besonders gründlich untersuchte er die vergoldete Bugverzierung. Schließlich wischte er vorsichtig mit zwei Fingern darüber. Weder klebte die Patina, noch hörte man einen quietschenden Ton. Gott sei dank, dachte Peter, der Firnis ist gut durchgetrocknet. Janßen richtete sich auf:

„Tja, mein Lieber, da machst du ja heute einen wirklich guten Fang!“, sagte er, an Behrens gewandt. „Auch dieses Modell ist zweifellos echt – allerdings auch nicht sehr selten. Früher wurden solche Rumpfmodelle oft in größerer Anzahl angefertigt, damit Reeder, Kapitäne, Kunden und sonstige Leute sie sich ins Büro oder Wohnzimmer hängen konnten. Aber immerhin – es ist doch was wert!“

Man konnte es förmlich hören, wie Peter Feiler aufatmete. Die Hürde war genommen. Aber seine Hände waren schweißnass.

„Ich kann dir garantieren, dass dies ein echtes Schnäppchen ist. Ich habe das Modell jahrelang in meinem Magazin stehen gehabt und hatte es schon fast vergessen. Darum kann ich es dir auch für fünftausend Mark überlassen“, sagte Feiler.

Janßen blickte Behrens an und zuckte leicht mit einer Augenbraue. Feiler bemerkte es dennoch.

„Okay“, sagte Behrens, „abgemacht! Ich kaufe es!“

Sie gaben sich lachend die Hand – ein Kaufvertrag, wie er noch unter hanseatischen Kaufleuten üblich war.

„Gib mir noch dein Konto bekannt, dann überweise ich dir morgen das Geld“, sagte Behrens, während sie sich nach oben ins Wohnzimmer begaben, wo Katy in einem Sessel saß, ein Buch las und sich nicht im geringsten dafür zu interessieren schien, dass ihr Mann soeben für Nautiquitäten elftausend Mark ausgegeben hatte. Die Männer waren jetzt in gehobener Stimmung und genehmigten sich eine weitere Havanna. Dazu stellte Behrens eine Flasche mit sehr altem Cognac und große Cognacschwenker auf den Tisch.

„Na, dann Prost“, sagte Behrens, „und auf eine weitere gute Zusammenarbeit!“

Während sie rauchten und tranken, fixierte Feiler wieder das Ölgemälde über dem Sofa mit Behrens Kutter „Mary Ann“. Das Schiff ist mein Traum, dachte Feiler, genau das Richtige für eine Weltumsegelung. Behrens fing seinen Blick auf. „Die ´Mary Ann´ hat´s dir wohl angetan“, sagte Behrens lächelnd.

„Und ob“, antwortete Feiler, „Willst du sie nicht verkaufen?“

„Da müssen wir aber noch tüchtig ins Geschäft kommen“, scherzte Behrens.

„Was nicht ist, kann ja noch werden“, gab Feiler zurück. Nach dem dritten Cognac erhob sich Janßen.

„Ich muss morgen früh raus, und daher möchte ich mich jetzt gerne verabschieden.“ Auch Katy erhob sich.

„Vielen Dank für das großartige Abendessen“, sagte Feiler zur Hausherrin, während Janßen ihr einen galanten Handkuss gab.

„Hoffentlich beehren Sie uns bald wieder“, sagte sie und schenkte den Männern ein strahlendes Lächeln.

„Das wird sicher der Fall sein“, sagte Peter Behrens, während er vor die Haustür trat und die Männer zu ihren Wagen begleitete. Endlich hatte der Regen aufgehört, aber es war nasskalt, und es wehte ein unangenehmer Wind. Behrens verabschiedete sich und ging schnell ins warme Haus zurück. Janßen reichte Feiler die Hand.

„Hier ist meine Visitenkarte“, sagte er, „ich möchte gern etwas mit Ihnen persönlich besprechen. Könnten Sie wohl in meine Zentrale am Kajen kommen – sagen wir gleich morgen?“

Peter hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl. Bahnte sich hier ein Fiasko an? Was wollte Janßen so schnell von ihm? Hatte er seine Machenschaften etwa doch durchschaut?

„Morgen passt es mir leider nicht, aber übermorgen“, antwortete er. „Gut, dann erwarte ich Sie um 18 Uhr!“ Nachdenklich stieg Peter Feiler in seinen Käfer. Er musste auf der Hut sein.

Kapitel 3

Am nächsten Tag war Feiler früh auf den Beinen. Endlich hatte sich die Sonne hinter den grauen Wolken hervorgewagt und tauchte die Häuser und Straßen mit ihren vielen blattlosen Bäumen in ein freundliches Licht. Peters erster Weg führte ihn zum Hamburger Schlachthof in die Marktstraße. Irritiert von den zahlreichen Viehtransportern, Schlachterei-Lieferwagen und Gabelstaplern, die ein- und ausfuhren, irrte er über das Gelände mit seinen Schlachthallen. Endlich fand er einen Pförtner, den er fragte, wo er wohl Rinderknochen kaufen könne. Der Pförtner beschrieb ihm den Weg zu einer Halle, die er alsbald betrat. Ein erstickender Geruch von Blut, Innereien, Urin und Kochdämpfen schlug ihm entgegen. Männer mit weißen Anzügen liefen in Gummistiefeln geschäftig durch die Gänge. Alle hatten eine schwarze Gummischürze umgebunden und trugen eine weiße Stoffmütze. Mancher grüßte mürrisch.An der linken Hallenseite fand er den beschriebenen Glaskasten, eine Art durchsichtiges Büro inmitten des Schlacht-Chaos. Feiler trat ein und ging auf einen hageren Mann zu, der hinter einem stark ramponierten Schreibtisch saß. Ein Aschenbecher war randvoll mit Zigarettenkippen gefüllt. Überall lagen Papiere herum. Auf der Schreibunterlage stand eine uralte grüne Olivetti-Schreibmaschine.

„Sie wünschen?“ fragte der hagere Mann ohne aufzublicken.

„Ich möchte Rinderknochen kaufen, möglichst lange, und, ach ja, abgekocht müssen sie sein“, antwortete Peter.

„Reichen zehn Kilo?“

„Für´s erste wohl“, antwortete Peter, „es müssen aber Beinknochen sein, lang und nicht zersägt!“

Der Sachbearbeiter nahm ein Formular, legte ein Blatt Kohlepapier zwischen Original und Kopie und zog die Bögen in die Maschine ein. Dann tippte er andächtig mit zwei Fingern die Bestellung, reichte Peter das Original und sagte: „Du kannst dir die Gebeine in Halle 3b abholen.“Dort angekommen musste Peter eine gute halbe Stunde mit etlichen Selbstabholern warten, bis er aufgerufen und ihm eine großes, längliches und ziemlich schweres Paket voller Rinderknochen ausgehändigt wurde, nachdem er zehn Mark an der Kasse bezahlt hatte. Vom Schlachthof aus fuhr er bald darauf in Richtung Eidelstedt, um sich dort bei einem Farbengroßhändler in der Methfessel-Straße, der noch Farbpigmente in Pulverform verkaufte, mit einem besonderen Färbemittel einzudecken: Lange hatte Peter darüber gegrübelt, womit die alten Scrimshaw-Künstler wohl ihre Ritzzeichnungen in Elfen- und Walbein, in Tierknochen und eben auch in Pottwal-Zähnen sichtbar gemacht hatten. Die feinen Gravuren mussten mit irgendeinem dunklen Farbstoff eingerieben werden, der sich über die Jahrhunderte in den Vertiefungen hielt und nicht abgewetzt oder abgerieben werden konnte und sich nicht veränderte. Welcher schwarze Farbstoff stand den alten Walfängern auf ihren Fangschiffen zur Verfügung? Peters Beschäftigung mit alten Petroleumlampen, die er restaurierte, brachte die Erleuchtung: Ruß, Lampenruß! Man brauchte nur den Lampenzylinder auszukratzen und das Rußpulver mit irgendeinem Bindemittel zu vermischen.

Welche Möglichkeiten hatte man an Bord? Auf den Schiffen wurde Holzteer zur Konservierung von Tauwerk verwendet, und man gewann Walrat, das auch als Lampenöl benutzt wurde. Außerdem gab es Leinöl, mit dem die hölzernen Aufbauten behandelt wurden. Peter wollte ausprobieren, welche der drei Substanzen sich am besten als Bindemittel eignete.In der Methfessel-Straße war er ein bekannter Kunde, obwohl er stets nur kleine Mengen einkaufte. Ein älterer Verkäufer begrüßte ihn mit Handschlag.

„Na Feiler, wieder mal Pülverchen einkaufen? Wie viel Gramm dürfen es denn heute sein?“

„Ich brauche nur ein bestimmtes Schwarz“, antwortete Peter, „aber kein gebranntes Knochenpulver, sondern echtes Rußschwarz.“

Der Verkäufer betrachtete ihn belustigt durch seine dicke Hornbrille.

„Was hast du vor? Willst du zum Karneval fahren oder eine Bank überfallen?“

„Unsinn, ich möchte Experimente mit Scrimshaw-Zeichnungen machen.“

„Schrimkram oder was?“, fragte irritiert der Verkäufer.

„Ach, ist auch egal. Ich wiege dir mal ein Tütchen ab!“

Peter bezahlte zwei Mark und verabschiedete sich eilig. Zu Hause in Jenfeld angekommen, ging er sofort in seine Werkstatt und entnahm dem Knochenpaket einen der langen Rinder-Beinknochen. Obwohl er abgekocht war, hingen doch noch einige Fleisch- und Knorpelreste daran. Peter schabte sie mit einem Messer ab, sägte ein etwa zwanzig Zentimeter langes, weitgehend gerades Stück heraus und legte es in den Anschlag seiner Tischkreissäge. Als er den Knochen vorsichtig mit einem Holzstück an das Sägeblatt heran führte, bildete sich sofort ein übelriechender Rauch, der Peter ätzend in die Nase stieg. Aber es gelang ihm, einzelne dünne Abschnitte sauber abzutrennen, die er dann an den Kanten nochmals mit der Säge begradigte. Am Ende hatte er ein halbes Dutzend rechtwinklig geschnittene, etwa fünf Millimeter starke Knochenstäbe auf dem Tisch liegen. Zufrieden betrachte er seine Versuchsstücke. Die künstlerische Arbeit konnte beginnen. Doch der Geruch war immer noch unangenehm. Peter beschloss, die Knochen noch einmal kräftig auszukochen und sie dann trocknen zu lassen, was er in seiner Küche umgehend tat. Am Abend machte er sich in seiner Werkstatt erneut an die Arbeit. Er legte einen der inzwischen abgekühlten Knochenstücke auf die Werkbank, nahm einen Drehbleistift mit feiner Mine und begann, geschwungene Linien, Kreise und Kreuze auf die Knochenoberfläche zu zeichnen – was erstaunlich gut funktionierte. Dann nahm er einen kleinen Metalldorn mit kugelförmigem Holzgriff, dessen Spitze er vorher noch zusätzlich angeschliffen hatte, zur Hand und begann, die aufgezeichneten Linien einzuritzen.

Peter hatte eine ruhige Hand, doch es gelang ihm nicht, den Dorn so zu führen, dass die Einkerbungen den Ornamenten folgten. Immer wieder rutschte der Stahl ab, ritzte den Knochen neben den Bleistiftstrichen auf, wanderte dorthin, wo er nicht gravieren sollte.

Feiler fluchte leise vor sich hin, seine Hand verkrampfte sich und begann zu schmerzen. Schließlich hatte er alle Zeichnungen mehr schlecht als recht graviert. Er war jetzt aufgeregt. Würde seine Tinktur, die er aus einem Schuss Holzteer, dem Farbpulver und einigen Tropfen Terpentin zu einer Paste zusammengerührt hatte, die feinen Einkerbungen ausfüllen und darin haften bleiben? Mit einem weichen Lappen verrieb er die Paste über die Gravuren, wobei er feststellte, dass sich auch der Knochen schwarz einfärbte. Als er versuchte, mit dem Lappen die überschüssige Farbpaste abzuwischen, verschwand diese ebenfalls aus den eingeritzten Linien. Peter war ratlos. Vielleicht waren die Gravuren nicht tief genug ausgeführt?

Welche Gravur-Werkzeuge hatten denn die Matrosen auf den alten Walfängern zur Verfügung, überlegte er? Bestimmt keinen professionellen Gravur-Stichel. Aber sie hatten Segelnadeln und Messer, die konnte man spitz zu schleifen!

Er nahm ein neues Knochenstück und machte es auf einer Seite mit Nassschliffpapier, Schleifpaste und Politur spiegelblank. Anschließend spitzte er den Dorn mit seiner Messerschleifmaschine nochmals hauchfein an. Dann ritzte er wieder Linien und Ornamente ein und teile die Knochenfläche in vier Abschnitte auf. Den ersten Abschnitt färbte er erneut mit der Holzteer-Paste ein. Auf den zweiten trug er eine andere Farbpaste auf, für die er Leinöl, Sikkativ als Trocknungsmittel und Terpentin zur Verdünnung verwendet hatte. Für den dritten Abschnitt wählte er aus einem Kasten mit Künstler-Ölfarben die Tube mit schwarzer Farbe aus, und für das vierte Feld nahm er gewöhnliche schwarze Schuhcreme. Dann legte er das Werkstück in die Nähe der Heizung, um die Färbemittel trocknen zu lassen. Am nächsten Morgen ging er, ohne zu frühstücken, in seinen Werkraum und nahm sich das präparierte Knochenstück vor. Vorsichtig wischte er jede Sektion mit einem Baumwolllappen ab, auf den er einige Tropfen Terpentin gegeben hatte. Die Überraschung war groß. Am deutlichsten traten die Gravuren auf dem Abschnitt zu Tage, den er mit Künstler-Ölfarbe eingefärbt hatte. Auch die Schuhcreme machte kein schlechtes Bild, während dies eher bei seinen klassischen Tinkturen der Fall war.

Peter war zufrieden. Künstler-Ölfarben in Tuben konnte man überall kaufen, sie hielten sich lange frisch und trockneten schnell. Er ging nach oben, machte sich Kaffee und frühstückte. Bis zu seinem Besuch bei Barkassen-Janßen hatte er noch Zeit. Bald war er wieder in seiner Werkstatt und begann emsig zu arbeiten. Der Walzahn, den ihm Harry Rosenberg vom Hafenbazar geschenkt hatte, ließ sich leicht mit elektrischen Werkzeugen abschleifen und polieren. Es war einer der vorderen Reißzähne des Pottwals, etwa fünfzehn Zentimeter lang und mit hakenförmig gekrümmter Spitze, ein wunderschönes Exemplar. Er spannte es fest zwischen die Klemmbacken seiner Hobelbank. Peter hatte sich aus einem Buch über historischen Walfang bereits ein Motiv ausgesucht: Ein Pottwal wurde von einem geruderten, offenen Walfang-Boot, in dem etliche Männer saßen, auf offener See gejagt und mit Harpunen angegriffen. Das Tier war gerade aufgetaucht und stieß eine gewaltige Fontäne von Wasser und Luft aus. Genau diese Szene wollte Peter auf der polierten Breitseite des Zahns eingravieren. Da er ein Künstler war, fiel es ihm nicht schwer, das Motiv mit seinem feinen Drehbleistift auf der matt schimmernden Oberfläche nachzuzeichnen. Dann begann er mit der Gravur, für die er sich viel Zeit nahm, weil er bei seinen Übungsarbeiten festgestellt hatte, dass der Griffel mit sehr ruhiger Hand geführt werden musste. Er merkte nicht, wie die Zeit verging, und als er auf die Uhr blickte, wunderte er sich, dass es schon Nachmittag war. Aber er hatte es geschafft. Das Jagdmotiv war vollständig graviert, und zum Schluss ritzte er am unteren Ende des Zahns noch die Jahreszahl 1763 ein. Danach zog er sich um, setzte sich in seinen Käfer und fuhr zum „Vegan“-Bistro, wo ihn Nina freudig begrüßte.

„Du bist aber heute spät dran!“ sagte sie, „hast´ gestern Abend wohl wieder gesumpft?“

„Was du immer denkst! Als wenn alle alleinstehenden Männer sich abends die Hucke vollsaufen. Nee, ich habe gearbeitet, bin gerade vorhin fertig geworden und muss gleich weiter zum Hafen!“ Und Peter erzählte der neugierigen Nina von seinem Zusammentreffen mit Barkassen-Janßen, und dass er ihn heute Abend in sein Büro am Kajen eingeladen hatte.

„Weiß´ selbst nicht, was er will, vielleicht sucht er irgendeine bestimmte Antiquität“, überlegte er laut.

Feiler bestellte zwei Tofu-Würstchen mit Paprika-Reis und gemischten Salat und dazu einen Chai-Tee, verzehrte alles in ziemlicher Hektik und war schon wieder draußen, bevor Nina ihn mit weiteren Fragen löchern konnte. Es dämmerte bereits, als Peter die Straße Kajen am Hafen erreichte. Vor den Kajen lag der Oberhafen-Kanal, in dem an einer langgestreckten Ponton-Anlage zahlreiche Barkassen lagen. Die meisten hatten am Signalmast die blaugelbe Flagge der Reederei von Barkassen-Janßen wehen.

Diese war auch über dem Eingang des Bürogebäudes angebracht, in das Peter nun eintrat. Das langgezogene Foyer war schmucklos, fast steril. Im hinteren Teil saß an einem Empfangstresen eine ältere Dame, die Peter ohne großes Interesse musterte.

„Sie wünschen?“

„Ich bin mit Herrn Janßen verabredet“, sagte Peter.

„Wen darf ich melden?“

„Peter Feiler, Antiquitätenhändler!“

Die Dame griff zum Telefon und nannte Feilers Namen.

„Herr Janßen kommt gleich, nehmen Sie doch einen Moment Platz“, sagte sie, wobei sie auf eine Sitzgarnitur mit Stahlmöbeln wies.

Peter setzte sich nicht, sondern ging zu einigen Schiffsmodellen, die in Glaskästen vor der Fensterfront ausgestellt waren. Er sah sofort, dass es Präzisionsmodelle der ältesten deutschen Modellbaufirma, Chr. Stührmann aus Hamburg, waren. Die Barkassen-Modelle, die Matthias Janßen – oder bereits sein Vater – in Auftrag gegeben hatte, mussten ein Vermögen gekostet haben, denn Stührmann-Modelle waren nicht nur die besten, sondern auch die teuersten. Matthias Janßen kam aus der Fahrstuhltür und begrüßte Feiler freundschaftlich:

„Schön, dass Sie gekommen sind, mein Lieber, gehen wir doch nach oben in mein Büro!“ Janßen residierte im obersten Stockwerk. Von hier oben hatte man eine fantastische Aussicht auf den Hafen und den Kehrwieder-Kai.

„Bitte nehmen Sie doch Platz“, sagte Janßen und bot seinem Gast einen Sessel vor seinem großen Mahagoni-Schreibtisch an. Er selbst setzte sich an seinen gewohnten Arbeitsplatz und fixierte Feiler eine Weile durch die dunklen Gläser seiner Sonnenbrille. Janßen schien Peters irritierten Blick zu bemerken, und sagte:

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich meine Brille nicht absetze, ich habe eine Lichtallergie und muss sie selbst bei Lampenlicht tragen, sonst geht’s mir dreckig.“

Er sagte dies ohne ein Lächeln, während er Feiler unverwandt ansah.

Peter fühlte sich unbehaglich. Was wollte Janßen von ihm? Hatte er seine Manipulation des Werftmodells erkannt und Behrens nur nichts gesagt, um einen Eklat zu vermeiden? Noch immer wusste er nicht, warum Janßen ihn hergebeten hatte. Endlich sagte er:

„Ich habe mich in Hamburg ein wenig umgehört. Sie gelten ja als Experte für nautische Antiquitäten, und man sagt, Sie können so ziemlich alles besorgen, was im maritimen Bereich selten und teuer ist.“ Zum ersten Mal huschte der Ansatz eines Lächelns über Janßens Gesicht.

„Es kommt drauf an, was gewünscht wird“, antwortete Peter, sichtbar erleichtert.

„Eben. Und darum geht es. Sie haben sicher bemerkt, dass das Foyer meiner Firma nicht sehr ansprechend ist. Ich möchte es gerne etwas attraktiver machen und habe schon den ersten Schritt getan. Kennen Sie den Kunstmaler Jan Bogensiep?“ Peter hatte auf der Art Maritim während der Hamburger Bootsausstellung schon einige Bilder von dem jungen Künstler gesehen und war überzeugt, dass er eine große Karriere vor sich hatte.

„Auf der Messe hatte er einige Bilder ausgestellt, ich war sehr beeindruckt“, antwortete Peter.

„Sehen Sie“, sagte Janßen, „ich bin ganz Ihrer Meinung, und deswegen habe ich zwei großformatige Ölgemälde von meinen neuen Barkassen bei ihm bestellt. Sie sollen an der Längswand des Foyers angebracht werden. Aber nun kommen Sie, mein lieber Freund, ins Spiel. Sie sollen sozusagen das I-Tüpfelchen beisteuern. Ich habe mir vorgestellt, dass eine lebensgroße, historische Galionsfigur zum maritimen Ambiente entscheidend beitragen könnte. Ist es Ihnen möglich eine solche Figur aufzutreiben?“ Peter stand auf und ging langsam zum Fenster. Nach einer Weile drehte er sich um und sagte:

„Das ist aber kein Tüpfelchen, und wenn, dann ist es ein sehr teures!“

„Wie viel müsste man Ihrer Meinung nach für eine echte Galionsfigur ausgeben?“, fragte Janßen.

„Schwer zu sagen“, antwortete Feiler. „Es kommt darauf an, wie alt und in welchem Zustand sie ist. Aber ich habe einmal eine Galionsfigur an das Altonaer Museum vermittelt, und da betrug der Preis, wenn ich das recht erinnere, so um die achtzigtausend Mark.“

„Kein Problem“, sagte Janßen, „besorgen Sie mir ein schönes Exemplar!“

„Und genau da liegt das Problem. Auf dem Kunstmarkt werden so gut wie keine historischen Galionsfiguren angeboten, und wenn, dann gehen sie über Auktionen meistens direkt an die Museen.“

Und nach einer Weile fügte er hinzu:

„Aber vielleicht kann ich auf dem nordamerikanischen Kunstmarkt etwas auftreiben. Ich habe da in New York einen Geschäftspartner, der mir schon öfter ausgefallene Sachen besorgt hat. Ich kann mich mal bei ihm erkundigen.“

„Tun Sie das“, sagte Janßen knapp, „und halten Sie mich bitte auf dem Laufenden!“

In gehobener Stimmung verließ Feiler das Büro. Im Geiste malte er sich bereits ein großes Geschäft aus. Vielleicht ließ sich da etwas einfädeln.

Am nächsten Tag färbte er den fertig gravierten Pottwal-Zahn ein und ließ die

Farbe antrocknen, bevor er sie von der polierten Oberfläche entfernte. Zufrieden betrachtete er die Scrimshaw-Arbeit. Die eingravierte Zeichnung trat sehr deutlich zu Tage, was wohl auch daher kam, dass einige Schraffuren noch etwas grob ausgefallen waren. Aber die Matrosen auf den alten Walfangschiffen waren auch nicht gleich zu Scrimshaw-Künstlern geboren worden, sagte er sich, und vielleicht machte gerade die etwas naive Gravur die Authentizität des Alters aus. Er musste Behrens anrufen und einen weiteren Test starten. Der Postbote brachte einen Brief, der auf Horta, dem Hauptort der Azoreninsel Faial, abgestempelt worden war. Neugierig öffnete Peter ihn und las, dass Julian und Irene, ein mit ihm befreundetes Langfahrtsegler-Paar, auf Faial angekommen waren. Sie hatten in drei Jahren mit ihrem Boot die Welt umrundet und befanden sich nun auf dem Weg ins Mittelmeer. In Sevilla wollten sie ihr Boot überwintern lassen und von dort aus nach Hamburg zurückkehren.

Begierig las Peter ihre Erlebnisse, und plötzlich kam ihm ein Gedanke: Auf den Azoren, hatte er gelesen, wurde immer noch Walfang auf die traditionelle Art mit kleinen, offenen Booten betrieben, obwohl die internationale Walfang-Konvention die Jagd auf die großen Meeressäuger generell geächtet hatte. Erlaubt war jedoch auf den Azoren der Fang „für den Eigenbedarf“ - was auch immer man darunter verstand. Wo Pottwale angelandet und ausgeschlachtet werden, fallen auch Walzähne an, dachte Peter. Noch am selben Tag sandte er ein Telegramm an das „Café Sport“ in Horta, jener Kultkneipe, deren Besuch für jeden Blauwasser-Segler, der Faial anlief, zum Pflichtprogramm gehörte. Man musste den Inhaber Peter Azevedas aufsuchen, schon um die dort lagernde Post in Empfang zu nehmen, denn das Café Sport fungierte gleichzeitig als Postamt für die Langfahrtsegler. Feiler hatte außerdem gehört, dass Azevedas eine beachtliche Sammlung von Scrimshaw-Arbeiten besaß. In seinem kleinen, privaten Museum sollte er über hundert meisterlich gravierte Walzähne angesammelt haben. Peter telegrafierte an Julian und Irene von der „Luna II“:

„Glückwunsch zur erfolgreichen Weltumsegelung. Bitte versucht, auf Faial Pottwal-Zähne zu kaufen – so viele wie möglich, und bringt sie mir mit nach Hamburg. Viele Grüße - Peter!“

Am Nachmittag rief Feiler Peter Behrens in seinem Büro an. Er war in einer Sitzung. Seine Sekretärin versprach, dass er zurückrufen würde. So ging er wieder hinunter in seine Werkstatt und holte ein kleines Vollmodell aus dem Magazin, das er vor längerer Zeit auf einer Auktion gekauft hatte. Es handelte sich um einen voll aufgetakelten ToppsegelSchoner, der sehr fein gearbeitet war. Offensichtlich hatte ihn ein versierter Modellbauer vor vielen Jahren gefertigt, aber der Zahn der Zeit hatte an dem filigranen Rigg genagt. Etliche Taue und Blöcke waren abgerissen und mussten erneuert oder neu befestigt werden. Außerdem war das Modell total verstaubt und verdreckt, denn es war niemals durch einen Glaskasten geschützt gewesen. Peter machte sich an die Arbeit, säuberte das Modell mit Q-Tipps, die er in Seifenlauge getaucht hatte, und blies mit einer kleinen Luftdruck-Flasche den Staub von Rigg und Rumpf. Dann nahm er einen der abgekochten und getrockneten Rinderknochen, sägte zwei Mittelstücke heraus und spannte sie in seine kleine Drehbank. Mit großem Geschick verwandelte er die Knochenstücke in zwei zierliche Säulen, die er anschließend unter dem Modellrumpf befestigte. Dann setzte er das Schiff mit den Säulen auf ein vorbereitetes Mahagonibrett, das aus einer abgewrackten Kommode stammte. Endlich sägte und feilte er aus einem Knochenstab eine kleine, ovale Scheibe heraus und gravierte den fiktiven Schiffsnamen „Thetis von Altona“ hinein. Darunter setzte er die Jahreszahl 1857. Die Instandsetzung des Riggs würde er morgen in Angriff nehmen. Am Abend rief Behrens an. Peter erzählte ihm von dem Auftrag, den er von Janßen erhalten hatte.

„Gratuliere“, sagte Behrens, „dann lass´mal deine Kontakte spielen!“

„Leichter gesagt als getan“, antwortete Peter und berichtete ihm, wie schwierig es wäre, eine echte alte Galionsfigur zu beschaffen. Dann sagte er: „Ich habe wieder etwas für dich. Wann bist du ansprechbar?“ Sie verabredeten sich für das kommende Wochenende in Behrens’ Villa.

Zu später Stunde versuchte er seinen Geschäftsfreund Mark Fenner in New York anzurufen, der ihm schon einige Male historische nautische Instrumente, vor allem aber Walfänger-Ausrüstung aus der alten Walfänger-Hochburg Martha´s Vineyard verkauft hatte, die Peter umgehend mit gutem Gewinn an Museen in Europa weiterverkaufen konnte. Nach etlichen Versuchen meldete sich Fenner. Peter schilderte ihm seinen Auftrag.

„Du hast doch dort drüben die besten Kontakte. Bei dem riesigen Schiffspotential in den Staaten muss es doch irgendwo eine Galionsfigur geben, die zum Verkauf angeboten wird.“

„Hast du eine Ahnung“, antwortete Fenner, „hier eine authentische Galionsfigur aufzutreiben ist so schwierig, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu suchen!“

„Keine Chance?“

„Keine Chance! “ Sie tauschten noch einige Neuigkeiten aus und verabschiedeten sich. Als Peter den Hörer auflegen wollte, hörte er Mark Fenner ins Telefon brüllen:

„Warte mal, leg´ nicht auf!“

„Was ist noch?“, fragte Peter.

„Ich habe da kürzlich was in der Zeitung gelesen. In Newport soll der Zoll drei Galionsfiguren aus Südafrika beschlagnahmt haben, die für das Mystic-Seaport-Museum bestimmt waren. Offensichtlich will man die aber nicht abnehmen, weil der Zoll eine exorbitante Summe verlangt. Die Mysticer aber sagen, dass es nur Kopien von historischen Figuren sind, die folglich viel billiger sind und dementsprechend auch weniger Zoll kosten müssten. Nun hat man die Dinger unter Zollverschluss gelegt, und die Behörden wissen nicht, was sie damit anfangen sollen!“ Peter überlegte eine Sekunde.

„Versuch doch mal, mehr darüber raus zu kriegen. Der Zoll wird doch wohl froh sein, wenn er die Figuren los ist, und die Südafrikaner sind doch auch an einem Verkauf interessiert. Ich würde eine Galionsfigur abnehmen, vorausgesetzt der Preis ist okay.“

„Und wenn es Fälschungen sind?“

„Spielt keine Rolle, ich habe auch dafür Abnehmer.“

Fenner versprach, sich um die Sache zu kümmern. „Sobald ich mehr weiß, rufe ich zurück.“

Nach einem kargen Abendessen und einer lustlosen Stunde vor dem Fernseher verzog sich Peter früh ins Schlafzimmer. Er war kein depressiver Mensch, aber hin und wieder fragte er sich, ob das bereits alles war in seinem Leben, der Handel mit gefälschten Antiquitäten, die ständige Angst, dass der Schwindel auffliegt, die ewige Jagd nach dem Geld und das Leben als notorischer Junggeselle, der bereits anfing, zum Einsiedler zu mutieren. Er träumte von fernen Ländern, von einer Reise ohne bestimmtes Ziel, von Freiheit auf dem Wasser und von einem Boot, mit dem er alle Wünsche realisieren konnte. Am folgenden Sonnabend fuhr Peter am Nachmittag nach Klein-Flottbek. Im Gepäck hatte er das Modell des Toppsegel-Schoners sowie den selbst gravierten Pottwal-Zahn. Behrens begrüßte Peter freudig und führte ihn sofort in seinen Ausstellungsraum im Souterrain. Peter hatte das Modell im Auto gelassen und nur den Zahn mitgenommen, den er nun dem neugierig blickenden Hausherrn präsentierte.

„Das ist ja unglaublich“, rief Behrens aus, als er den Zahn mit der Scrimshaw-Zeichnung in Händen hielt. „ Wo hast du denn schon wieder diese feine Arbeit aufgetrieben? Der Zahn ist ja richtig alt!“

Neugierig studierte Behrens die Zeichnung.

„Hier unten kann man die Jahreszahl erkennen. 1763. Also stammt die Scrimshaw-Gravur vermutlich noch aus der großen Zeit der segelnden Walfänger. Toll!“

Behrens freute sich wirklich und fragte noch mal nach:

„Wo hast du den Zahn aufgetrieben?“

„Ein Händler aus Bremen hat ihn mir angeboten, und ich habe ihn sofort für dich gekauft. Ich lasse ihn dir für einen Freundschaftspreis von fünftausend Mark. Und dann habe ich noch etwas entdeckt: ein altes Modell von einem Toppsegel-Schoner. Warte kurz, ich hole es aus dem Auto!“

Feiler eilte zum Wagen und kam kurz darauf mit dem Modell zurück, das er in einen großen Karton gestellt hatte. Im Ausstellungsraum zog er es vorsichtig heraus und stellte es auf den Tisch.

„Auch das hier ist eine kleine Kostbarkeit. Das Modell stand schon längere Zeit in meinem Magazin, und es war ziemlich verdreckt, und das Rigg war beschädigt. Ich habe es für dich aufgearbeitet, weil ich der Meinung bin, dass es sich um ein sehr altes und sehr fein gearbeitetes Kapitänsmodell handelt. Ob es allerdings wirklich so alt ist wie die Jahreszahl 1857 verspricht, glaube ich nicht, aber als Nautiquität würde ich es schon einstufen. Gefällt es dir?“

„Und ob“, sagte Peter Behrens, „ich werde es auf jeden Fall für meine Sammlung kaufen. Was soll das Modell kosten?“

„Solche alten Modelle erzielen auf Auktionen leicht zwanzigtausend Mark“, antwortete Feiler. „Aber da wir ja inzwischen gute Geschäftsfreunde sind und ich das Modell auch günstig kaufen konnte, mache ich dir ein spezielles Angebot: zehntausend Mark.“

„Perfekt“, entfuhr es Behrens, „was für ein Glücksfall, dass ich dich getroffen habe! “

Er betrachtete eine Weile schweigend das schöne Modell von allen Seiten. Dann sagte er zu Feiler:

„Unsere bisherige erfolgreiche Zusammenarbeit macht mir Mut, dich um etwas ganz Spezielles zu bitten. Aber dafür sollten wir nach oben gehen und einen Port trinken.“

Behrens und Feiler setzten sich im Wohnzimmer an das englische Butler-Tischchen aus Mahagoni, auf dem zwei Portweingläser und eine schwarze Flasche mit altem Tawny stand. Nachdem Behrens eingeschenkt und sie sich zugeprostet hatten, sagte er zögerlich:

„Ich weiß nicht recht, wo und wie ich anfangen soll!“

Er machte eine Pause.

„Am besten, ich sag´s gleich rund heraus: Mein größter und sehnlichster Wunsch ist, für meine Sammlung ein echtes, altes Knochenschiff zu erwerben!“

Der Schluck Port, den Feiler gerade genommen hatte, gelangte in die Luftröhre. Er hatte sich vor Schreck verschluckt und hustete kräftig.

„Ein Knochenschiff? Mein lieber Freund, ich glaube, du weißt nicht, was du da verlangst. Knochenschiffe sind so rar wie Fabergé-Eier. Soweit ich weiß, gibt es weltweit nur wenige hundert Stück, und die befinden sich fast alle im Besitz irgendwelcher Museen!“

„Das weiß ich“, antwortete Behrens, „ich habe mich schlau gemacht. Das Altonaer Museum besitzt einige dieser Modelle. Ich weiß auch, dass sie von französischen Soldaten gebaut wurden, die während der Napoleonischen Kriege zwischen 1795 und 1812 in britische Gefangenschaft gerieten und dort im Kampf gegen die Langeweile aus getrockneten und gebleichten Rinderknochen von Essensresten die berühmten ‚Prisoner of war-Models‘ bastelten. Sie sind wunderschön und teilweise unglaublich filigran gearbeitet.“

„Mit anderen Worten: Du möchtest, dass ich ins Altonaer Museum einbreche und dir ein Knochenschiff klaue!“

„Natürlich nicht“, antwortete Behrens lächelnd, „aber du hast so viele Kontakte, auch in Amerika. Es muss doch auch einen Privatmann geben, der ein solches Knochenschiff besitzt. Ich würde jeden Preis zahlen! Vielleicht braucht ein Sammler irgendwo auf der Welt Geld. Ich bitte dich: Versuch alles, um mir ein solches Modell zu beschaffen. Vielleicht kannst du doch das Unmögliche möglich machen?“ Peter Feiler sagte nichts, sondern nippte gedankenverloren an seinem Portwein.

Dabei streifte sein Blick wieder das Gemälde von der „Mary Ann“ an der Wand. Eine perfide Idee kam ihm plötzlich mit solcher Deutlichkeit, dass er unwillkürlich lächeln musste.

„Wunder dauern etwas länger“, sagte er nun zu Behrens. „Dir ist hoffentlich klar, dass eine solche Rarität eine viertel Million kosten kann, oder mehr, wenn sie auf einer Auktion versteigert wird?“

„Damit habe ich gerechnet. Siehst du denn eine Chance?“

„Vielleicht“, antwortete Feiler vielsagend. „Gib mir einen Monat Zeit, dann weiß ich mehr! “

Als er sich von Behrens verabschiedet hatte und in seinen VW stieg, fielen einzelne Schneeflocken auf die Windschutzscheibe. Die Temperatur war auf den Nullpunkt gesunken, und der Wetterbericht hatte Glatteis vorhergesagt. Feiler fuhr auf dem schnellsten Weg nach Hause. Als er dort eintraf, blinkte auf dem Flurschränkchen der Anrufbeantworter. Er aktivierte die Wiedergabe.

„Hallo Peter, Mark Fenner hier. Ruf so schnell als möglich zurück. Ich glaub, ich hab’ da was für dich.“

Ohne seine Jacke auszuziehen, wählte Feiler die Rufnummer seines New Yorker Geschäftsfreundes. Er meldete sich sofort und hielt sich nicht lange mit einer Vorrede auf: „Bei unserem letzten Telefonat hatte ich dir von drei Galionsfiguren erzählt, die in Newport vom Zoll beschlagnahmt worden waren. Ich habe mit den Leuten Kontakt aufgenommen und angedeutet, dass wir an einer Figur Interesse hätten. Der Zoll hat daraufhin bei dem südafrikanischen Eigentümer angefragt, ob er eine Figur verkaufen würde, sofern wir die Zollabwicklung und den Versand nach Deutschland übernehmen. Und was soll ich dir sagen: sie waren sofort einverstanden. Dahinter steckt eine gewisse Firma Smiets & Co in Kapstadt, die unter anderem mit nautischen Accessoires handelt. Und nun halt dich mal fest: Die Figur, die sie abgeben wollen - ein Triton von einem ehemaligen Sklaven-Segler soll nur achttausend-fünfhundert Dollar kosten. Das kann nur eine Kopie sein, verstehst du ? Aber du sagtest ja, das wäre dir egal, wenn sie nur authentisch und alt aussieht. Soll ich hinfahren und sie mir mal ansehen?“

„Unbedingt“, antwortete Feiler aufgeregt, „und wenn du der Meinung bist, dass sich der Ankauf lohnt, mach die Sache perfekt und regle das mit dem Zoll. Eigentlich müssten wir in Amerika gar keinen Zoll bezahlen, weil die Galionsfigur offiziell ja noch gar nicht eingeführt worden ist. Lass den Triton nach Hamburg verschiffen, ich übernehme alle Kosten, und du bekommst eine gute Provision. Und halte mich auf dem Laufenden.“

„Also abgemacht“, schloss Fenner das Gespräch, „ich fahre gleich morgen nach Newport.“

Feiler war in Hochstimmung. Das wäre ja ein Glücksfall, wenn er so zügig an eine große Galionsfigur käme. Sie musste echt sein oder zumindest so wirken, sonst hätten Smiets & Co sie kaum dem Mystic Seaport-Museum angeboten, das seine Exponate, wie Feiler wusste, sehr genau zu prüfen pflegte.

Voller Vorfreude auf die kommenden Ereignisse holte Peter eine gute Flasche Rotwein aus dem Keller, nahm den Globus vom Schreibtisch, schaltete die Beleuchtung ein und machte es sich auf dem Sofa bequem, nachdem er sein Glas gefüllt hatte. Wieder fuhr sein Zeigefinger über den Atlantik, bewegte sich aber nicht weiter auf den Panama-Kanal zu, sondern verharrte in der Karibik. Barbados, das erste Ziel, ging es ihm durch den Kopf. Und dann weiter nach Martinique. Natürlich, er musste erstmal die Karibik rauf und runter segeln, bevor es weiter zum Pazifik ging. Bloß keine Eile. Er wollte ja auf dem Schiff leben, und leben hieß, sich Zeit lassen. Bestimmt etliche Jahre. Und vielleicht sogar für immer?

Peter sah jetzt einen Weg, um seinen Plan zu realisieren, und dafür würde er viel riskieren.

Am nächsten Morgen war er früh auf den Beinen. Der Schneefall hatte aufgehört, aber es war lausig kalt geworden. Ein scharfer Ostwind hatte sich eingestellt und die Wolken vertrieben. In einem Reisebüro in Wandsbek war er ein bekannter Kunde. Die Beraterin begrüßte ihn mit Handschlag.

„Ich möchte einen Flug buchen, und zwar noch diesen Monat.“

„Wo soll´s denn hingehen“, fragte die Beraterin.

„Nach Mauritius.“

„Oh, da kommen Sie ja in den Sommer. Ja, man soll in dieser Jahreszeit das kalte Wetter hier hinter sich lassen. Wollen Sie einen Badeurlaub buchen?“

„Leider nein“, antwortete Peter, „ich muss geschäftlich verreisen und habe auf Mauritius auch nur zwei Tage Zeit. Ich wohne dort bei einem Freund.“

„Schade eigentlich“, sagte die Dame und blickte Peter gedankenverloren an:

„Es muss sehr schön dort sein. Soll ich Nachtflüge für Sie buchen?“

„Auf jeden Fall. Dann kann ich endlich mal ausschlafen.“

Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Ich schlafe nämlich im Flugzeug wie ein Murmeltier!“

„Da sind Sie aber die Ausnahme“, sagte die Beraterin lächelnd, blätterte in ihren Unterlagen und nannte Peter die Kosten für die LufthansaFlüge. Sie einigten sich auf das Datum.

„Ich sende Ihnen die Flugtickets zu, sobald sie hier eingetroffen sind, und wünsche Ihnen schon jetzt eine angenehme Reise.“

Peter bedankte sich und fuhr anschließend zu Nina´s „Vegan“-Bistro, das nicht weit entfernt war.

Wie immer freute Nina sich sehr, Peter zu sehen.

„Du siehst so beschwingt aus“, begrüßte sie ihn. „Hast du ein gutes Geschäft gemacht?“

„Ganz im Gegenteil“, antwortete Peter, „ich habe eben die teuersten Flüge meines Lebens gebucht!“

„Ach ja? Und wo soll´s hingehen?“

„Nach Mauritius!“

„Ist nicht dein Ernst!“ Ihr Gesicht verdunkelte sich. „Wie immer: Frikadelle und Apfelpunsch? Und wer fliegt mit dir?“

„Niemand“, antwortete Peter. Ninas Gesicht hellte sich wieder auf.

„Dann könnte ich doch mitkommen. Ich muss hier sowieso mal für ´ne Weile raus. Und außerdem kann ich den Flug selbst bezahlen.“

„Das lohnt nicht!“

„Wie, lohnt nicht? Bin ich so unattraktiv für dich?“

„Du bist kein bisschen unattraktiv für mich. Aber ich bleibe nur zwei Tage.“

„Und dafür gibst du so viel Geld aus?“

„Nun ja, es ist halt nur eine kurze Geschäftsreise, und mehr Zeit habe ich im Augenblick nicht.“

„Da bist du aber arm dran. So ein schönes Ziel, und du kannst es nicht mal genießen!“

„Ja, so ist das eben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Vielleicht machen wir beide doch noch eine Reise in den Süden.“

„Ach, ich kenn dich, du alter Gauner, sind doch alles nur leere Versprechungen!“

„Wir werden´s ja sehen. Wenn ich erstmal reich bin, hole ich dich mit meinem Porsche ab!“

„Ja ja“, sagte Nina wehmütig lächelnd, „deine Luftschlösser! Du bist schon immer so ein Traumtänzer gewesen!“

Bei dieser Einschätzung erstarb die Unterhaltung. Peter aß schweigend, verabschiedete sich dann bei Nina mit einem Kuss auf die Wange und machte sich auf den Heimweg. Dort angekommen, begab er sich sofort in seine Werkstatt und begann die Rinderknochen, die noch in ausreichender Menge vorhanden waren, an der Kreissäge in viele kleine Planken aufzuschneiden. Dann nahm er jede einzelne und bearbeitete sie mit seiner elektrischen Schleif- und Poliermaschine. Am Abend hatte er rund hundert Knochenabschnitte gefertigt, die er in einem Leinenbeutel verschnürte.

Kapitel 4

Mauritius, Dezember 1975

Als der Jet auf dem Airport „Sir Seewosagur Ramgoolan“ in der Nähe der Kleinstadt Mahe´bourg im Südosten der Insel zur Landung ansetzte, war die Sonne gerade aus dem Meer aufgestiegen und tauchte die spitzen Bergkegel „Creole Mountain Range“ und das dahinter liegende „Pic Grand Fond“ in orangefarbenes Licht. Peter verließ nach dem zwölfstündigen Flug benommen das Flugzeug, denn wirklich geschlafen hatte er nicht. Auf dem Airport-Gelände empfing ihn eine feuchtwarme Luft, die würzig und süßlich nach exotischen Früchten und Zuckerrohr roch. Er wollte gerade die Ankunftshalle verlassen, als ein uniformierter Mann an ihn herantrat und ihn auf englisch ansprach:

„Guten Morgen. Zollkontrolle. Woher kommen Sie gerade?“

„Aus Deutschland“, antwortete Peter wahrheitsgemäß.

„Dann kommen Sie bitte mit ins Zollbüro. Wir möchten Ihr Gepäck begutachten. Haben Sie zollpflichtige Waren dabei?“

„Nein, natürlich nicht“, antwortete Peter verunsichert.

„Nun, so natürlich ist das nicht! Wir werden sehen.“

Der Beamte führte Peter in einen Seitentrakt, wo sich das Zollbüro befand. Dort trat ein weiterer Beamter hinzu, der offensichtlich einen höheren Dienstgrad hatte, wie Peter aufgrund seiner Uniform mutmaßte, und verlangte Pass und Reiseunterlagen.

„Sie sind Herr Peter Feiler?“, fragte er und blätterte in den Papieren.

„Der bin ich. Warum werde ich hier untersucht?“

„Nun, wir sehen aufgrund Ihrer Reiseunterlagen, dass Sie nur zwei Tage als Tourist auf Mauritius verweilen wollen. Das ist sehr ungewöhnlich. Was führt Sie hierher?“

„Ich möchte meinen Freund besuchen und geschäftliche Dinge mit ihm besprechen!“

„Also sind Sie kein Tourist? Das haben Sie aber bei Ihrem Visumsantrag nicht angegeben!“

„Ich dachte – ich wusste nicht..“, stammelte Peter.

„Würden Sie bitte Ihren Koffer öffnen?“

Feiler hob den Rollkoffer auf einen größeren Tisch und öffnete ihn. Der Beamte packte einige Kleidungsstücke aus und entdeckte dann einen zugeschnürten Leinenbeutel.

„Was ist da drin?“

„Nichts! Das heißt, nichts, was verzollt werden muss. Es ist ein Geschenk für meinen Freund.“

„Öffnen Sie bitte den Beutel!“

Peter hatte plötzlich Schweißperlen auf der Stirn. Sein Puls raste, die Hände zitterten. War es die schwüle Luft, der lange Flug oder die Nacht, die er durchwacht hatte?

Er schnürte den Beutel auf und reichte ihn dem Beamten. Der griff hinein und holte eine Handvoll polierter Knochenstücke heraus, die er mit lautem Scheppern auf den Tisch fallen ließ.

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