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Mittsommerherzen – Traumschiff vor Stockholm

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Wie eine kostbare Perle schimmerte die Midsommarsolen im klaren Sonnenschein. Seit fünf Tagen lag der riesige Luxusliner bereits im Hafen von Göteborg vor Anker. Er überragte alle anderen Schiffe – Privatjachten wie große Containerschiffe – um Längen und wirkte mit seinen hohen weißen Bordwänden und den zahllosen glitzernden Bullaugen und Fenstern so imposant, dass immer wieder Schaulustige am Kai stehen blieben und die Beladearbeiten behinderten. In etwas mehr als einer Stunde würde der Check-in abgeschlossen sein. Und am späten Nachmittag dann, wenn die Sonne tief über dem Meer stand, würde es endlich heißen: „Leinen los!“

Filippa Vinterdahl, die ganz oben auf dem Aussichtsdeck der Midsommarsolen stand, atmete tief durch und zupfte mit zittrigen Fingern das marineblaue Halstuch zurecht, das zu ihrer Hostessenuniform gehörte. Sie war nervös, und das aus gutem Grund. Dies war nicht nur ihre erste Fahrt an Bord des Kreuzfahrtschiffes, sondern auch so etwas wie eine familiäre Bewährungsprobe. Ihr Vater, der große Gunnar Vinterdahl-Norrholm, Direktor der Norrholm Kreuzfahrtflotte, hatte ihr keine verantwortungsvolle Anstellung im Familienunternehmen geben wollen, deshalb hatte Filippa sich kurzerhand bei der Konkurrenz als Chefhostess beworben – und den Zuschlag erhalten. Und dabei hatte sie es keineswegs nötig gehabt, ihren „Familienbonus“ auszuspielen! Ihr neuer Arbeitgeber hatte sie aufgrund ihrer Erfahrung eingestellt, nicht, weil sie die einzige Erbin der Reederei Norrholm war. Warum auch nicht? Immerhin konnte sie zahlreiche Einsätze als Stewardess und tadellose Referenzen vorweisen. Sie war gut in ihrem Job, und jeder Arbeitgeber konnte froh sein, eine Mitarbeiterin wie sie zu gewinnen.

Ihre Eltern jedoch begegneten ihrem Wunsch, auf eigenen Beinen stehen zu wollen, mit Unverständnis. Sie hätten es lieber gesehen, wenn sie sich endlich auf die Suche nach einem adäquaten Ehemann machte, der nach dem Abdanken von Gunnar Vinterdahl-Norrholm die Firma leiten konnte. Deshalb hatte ihr Vater auch jeden ihrer Versuche, sich in der Reederei ihrer Familie nach oben zu arbeiten, boykottiert und Filippa damit gezwungen, sich anderweitig umzusehen.

Ihre Eltern konnten oder wollten einfach nicht begreifen, dass sie nach der Enttäuschung mit Helge von Beziehungen erst einmal genug hatte. Einer Enttäuschung, an der ihr Vater übrigens durchaus eine Mitschuld trug, hatte er das Verhalten seines Traumschwiegersohns doch zumindest billigend in Kauf genommen. Aber hatte er auch nur eine Sekunde daran gedacht, welchen Schmerz er seiner Tochter damit zufügte?

Allein der Gedanke an Helge reichte aus, um wieder dieses leere, kalte Gefühl in ihrer Brust hervorzurufen. Sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden, und blinzelte heftig. Auf keinen Fall würde sie diesem Schuft auch nur eine weitere Träne hinterherweinen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Groll, den sie für ihren Vater empfand. Gunnar Vinterdahl-Norrholm war es von Anfang an ausschließlich darum gegangen, dass Helge genau der Vorstellung entsprach, die er von seinem Nachfolger als Chefdirektor der Reederei Norrholm hatte. Für ihn war Helge nach wie vor der perfekte Schwiegersohn.

Nun, überlegte Filippa, vielleicht war es sogar ganz gut so. Indem sie gezwungen war, ihren eigenen Weg zu finden, musste sie sich später wenigstens nicht fragen, ob sie es auch aus eigener Kraft geschafft hätte und …

„Filippa? Förlåt, aber haben Sie vielleicht einen Augenblick Zeit? Es gibt ein Problem mit der Band …“

Mit einem stummen Seufzen wandte sich Filippa von der Reling ab und Leif Hennarsson zu. Für den Junior-Steward war es ebenfalls die erste Saison an Bord der Midsommarsolen.

„Natürlich, Leif.“ Sie schenkte dem nervösen jungen Mann ein aufmunterndes Lächeln und versuchte, sich ihre eigene Aufregung nicht anmerken zu lassen. Sie wusste, auch wenn man sich noch so sehr auf jede Eventualität vorbereitete, unliebsame Überraschungen ließen sich niemals ganz vermeiden. „Was ist denn passiert? Hat der Spediteur die Instrumente beim Transport beschädigt? Oder sind sie gleich ganz verloren gegangen?“

Nej – viel schlimmer!“, erklärte Leif, während sie nebeneinander die Treppe zum Oberdeck hinuntergingen, das direkt unter dem Aussichtsdeck lag. „Es geht um den Schlagzeuger der Band – er scheint spurlos verschwunden zu sein!“

Wie angewurzelt blieb Filippa stehen. „Verschwunden? Aber wie …“

„Er und seine Kollegen haben gestern Abend noch einen Streifzug durch die Göteborger Partyszene gemacht. Etwa gegen Mitternacht wurde Björn Västardal zum letzten Mal gesehen – danach waren die anderen Mitglieder der Band bereits zu betrunken, um sich noch an irgendetwas erinnern zu können.“

Filippa unterdrückte ein Aufstöhnen, als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. Es blieben nur noch etwas mehr als zwei Stunden, um das verloren gegangene Bandmitglied ausfindig zu machen oder einen geeigneten Ersatz zu beschaffen. Sie holte tief Luft. Du bist ein Profi, du wirst auch diese Situation in den Griff bekommen. Nur die Ruhe bewahren und nicht die Nerven verlieren!

„Was machen wir denn jetzt, Filippa?“, fragte Leif aufgeregt.

Ja – was machen wir? Jetzt ist guter Rat teuer …

Sie straffte die Schultern. „Zuallererst spreche ich mit den übrigen Musikern. Sie gehen bitte zu Majken und bitten sie, eine Liste von infrage kommenden Ersatzleuten zu erstellen. Sie hat mit dem Check-in zwar alle Hände voll zu tun, aber wenn Sie ihr erklären, worum es geht, wird sie den Ernst der Lage schon verstehen.“

Irgendwie schaffte sie es, eine Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen, die sie keineswegs empfand. Wenn sie für dieses Problem keine Lösung fand, dann würde man als Erstes sie, die Chefhostess der Midsommarsolen, dafür verantwortlich machen. Und das mit Recht, denn die Musiker fielen ganz eindeutig in ihren Verantwortungsbereich. Mit einem solchen Einstand wollte sie ihre neue Stelle auf keinen Fall beginnen. Wenn der vermisste Schlagzeuger also nicht bald von allein wieder auftauchte, würde sie improvisieren müssen – irgendwie …

Leif und sie durchquerten gerade die große Hauptlobby auf dem Weg zum Crewdeck, als eine tiefe, befehlsgewohnte Stimme ihren Namen rief.

„Filippa, bitte warten Sie einen Moment!“ Mit ausgreifenden Schritten eilte Jörgen Eklund, oberster Verantwortlicher für den Service auf der Midsommarsolen und damit Filippas direkter Vorgesetzter, auf sie zu. „Ich müsste kurz mit Ihnen sprechen.“

Sie nickte Leif knapp zu. „Ich komme gleich nach – trommeln Sie die übrigen Musiker bitte schon einmal im Proberaum zusammen und gehen Sie dann zu Majken.“ Dann wandte sie sich Eklund zu. „Ja?“

Filippa war angespannt. Hatte ihr Vorgesetzter etwa schon von dem vermissten Schlagzeuger erfahren? Aber woher? Und würde er sie gleich als unprofessionell abstempeln, weil sie sich nicht früher versichert hatte, dass alle Bandmitglieder an Bord waren? Oder gab er ihr eine Chance, sich in dieser Krise zu bewähren?

Die große Gangway war inzwischen freigegeben worden, und die ersten Gäste strömten an Bord der Midsommarsolen. Der Servicechef blickte sich suchend um, nickte schließlich kaum merklich und führte Filippa in eine ruhige Ecke der Lobby.

„Der Reederei hat einen Hinweis erhalten, dass wir auf unserem Trip nach Stockholm wahrscheinlich einen ganz besonderen Gast an Bord haben werden“, sagte Eklund leise, und Filippa war erleichtert. Es ging also nicht um die Band. Doch der geheimnisvolle Ton ihres Vorgesetzten ließ sie gebannt zuhören, als er weitersprach: „Es soll sich um einen einflussreichen Kritiker handeln, der unser Kreuzfahrtangebot einem Test unterziehen will. Bisher ist es nicht viel mehr als ein Gerücht, aber …“

Filippas Herz klopfte aufgeregt. Ein Kritiker? Ausgerechnet bei ihrem ersten Einsatz auf der Midsommarsolen?

Du hast schon ganz andere Herausforderungen gestemmt, da wird dich doch ein dahergelaufener Hotel- und Reisekritiker nicht ins Schleudern bringen!

Sie atmete tief durch. „Weiß man, wer es ist?“

Eklund schüttelte den Kopf. „Bedauerlicherweise nicht. Aber ob es sich nun um einen Zeitungskritiker oder um den Qualitätsprüfer einer Reisegesellschaft handelt, mit der wir zusammenarbeiten – auf jeden Fall ist es für uns von allergrößter Bedeutung, positiv abzuschneiden.“

„Natürlich“, entgegnete Filippa. „Das ist mir sehr wohl bewusst.“

„Die Marketingabteilung versucht, mehr in Erfahrung zu bringen, doch es wird wohl noch eine Weile dauern, ehe wir weitere Details erhalten. Bis dahin sind wir auf unser Gespür angewiesen.“ Der Servicechef bedachte Filippa mit einem eindringlichen Blick. „Ich weiß, dies ist das erste Mal, dass Sie für unsere Gesellschaft arbeiten, und ich hätte Ihnen wirklich einen ruhigeren Einstand gewünscht. Aber das können wir nun mal nicht ändern. Ich muss Sie bitten, die Augen offen zu halten. Es wird auf diesem Trip Ihre ganz spezielle Aufgabe sein, dafür Sorge zu tragen, dass es unserem Testpassagier an nichts fehlt. Ich denke, wir verstehen uns?“

Filippa nickte. „Selbstverständlich. Ich werde Sie gewiss nicht enttäuschen.“

Eklund nickte ihr noch einmal zu und ging dann weiter.

Na, das kann ja heiter werden … Filippa atmete tief durch. Sie hatte sich ihrem Vorgesetzten gegenüber zuversichtlich gezeigt, doch in Wahrheit war sie sich ihrer Sache alles andere als sicher. Wie stellte Eklund sich das überhaupt vor? Wie sollte sie eine Person mit besonderer Aufmerksamkeit bedenken, deren Identität sie nicht einmal kannte? Es könnte jeder sein, ein Mann, eine Frau, ja, sogar ein Pärchen!

Auf dem Weg zum Crewdeck maß sie die Kreuzfahrtgäste, die bereits eingecheckt hatten, mit einem forschenden Blick. Praktisch jeder von ihnen konnte der heimliche Reisekritiker sein. Im Grunde machte es für Filippa nicht einmal einen Unterschied. Aus Prinzip behandelte sie die Gäste aus den günstigsten Standardkabinen mit der gleichen ausgesuchten Höflichkeit wie diejenigen, die eine Deluxesuite auf dem Oberdeck bewohnten. Für sie gehörte es ganz einfach zum besonderen Service an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, dass die Crew alles in ihrer Macht Stehende tat, um jedem Gast eine traumhafte und unvergessliche Reise zu bereiten.

Doch ein Reisekritiker war nicht irgendein Gast. Er entschied mit seinem Urteil über unschätzbaren Prestigegewinn oder großen Imageschaden einer Kreuzfahrtgesellschaft. Und zwar nicht nur, wenn es sich um einen Zeitungskritiker handelte. Wenn es sich um den Prüfer einer Reisegesellschaft handelte, hing mindestens ebenso viel davon ab.

Um die gleich bleibende Qualität ihres Angebots zu überprüfen, schickten Reiseunternehmen in regelmäßigen Abständen Testreisende auf den Weg. Diese bewerteten nicht nur Komfort und Ausstattung der Unterkünfte, sondern auch den Service sowie Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Personals. Schnitt ein Hotel oder eine Reederei bei einer solchen Prüfung schlecht ab, dann konnte das weit reichende Konsequenzen haben. Aufgrund einer negativen Bewertung kam es vor, dass langjährige Verträge plötzlich gekündigt wurden. Und so etwas ließ sich natürlich nicht geheim halten, sodass es zumeist auch mit einem Vertrauensverlust bei den verbleibenden Geschäftspartnern einherging.

Da jedes Unternehmen eine solche Katastrophe vermeiden wollte, war es nur allzu verständlich, dass ein Testgast nur mit Glacéhandschuhen angefasst wurde. Vor allem, da diese in der Regel ganz besonders hohe Ansprüche stellten und meist nicht unbedingt zu den angenehmsten Passagieren zählten.

Darüber kannst du dir später Gedanken machen. Jetzt ist erst einmal das Problem mit der Band an der Reihe.

Im Gegensatz zu den Passagierdecks war auf dem Crewdeck von Komfort und Luxus nichts zu sehen. Schmale, klinisch weiß gestrichene Gänge und Neonlicht wirkten nicht besonders anheimelnd. Doch Filippa, die als Hostess schon an zahlreichen Kreuzfahrten teilgenommen hatte, machte das nichts aus. Als Crewmitglied verbrachte man ohnehin nur die Nächte in der Kabine – die Arbeit auf einem Ozeandampfer war ein Fulltimejob.

Als sie den Proberaum erreichte, atmete sie noch einmal tief durch und reckte das Kinn, ehe sie ohne anzuklopfen eintrat. Die Mitglieder der Band, die es sich auf der ausgemusterten Clubgarnitur bequem gemacht hatten, blickten auf und musterten sie abschätzend. Filippa wusste, was den Männern gerade durch den Kopf ging: Vor ihnen stand eine ein Meter zweiundsechzig große Frau mit Sommersprossen, veilchenblauen Augen und hellblonden Locken, die sich nur mit Mühe zu einem einigermaßen ordentlichen Zopf bändigen ließen. Nicht gerade die Art von Person, von der sich junge Männer beeindrucken ließen – doch damit konnte Filippa umgehen.

„So“, sagte sie energisch, um gar nicht erst Zweifel an ihrer Kompetenz aufkommen zu lassen. „Da die Herren sicherlich kaum daran interessiert sind, eine saftige Entschädigung zu zahlen, überlegen wir jetzt einmal alle zusammen, wo das verlorene Bandmitglied stecken könnte …“

„Also, ich weiß ja nicht …“ Emilia Kjeldsson beschattete mit der linken Hand ihre Augen gegen die Sonne und blickte zu dem riesigen Kreuzfahrtschiff hinauf, das im strahlenden Sonnenschein funkelte. „Eindrucksvoller als die Star of Sweden sieht die Midsommarsolen auch nicht aus, oder, Carl-Erik?“

Carl-Erik Andersson, der Emilias riesige Hutschachtel trug, von der sie sich unter keinen Umständen hatte trennen wollen, unterdrückte ein Seufzen. „Zuallererst hör bitte endlich damit auf, mich Carl-Erik zu nennen. Nur meine Mutter hat mich immer so genannt. Für alle anderen bin ich Erik. Einfach nur Erik, okej? Und vergiss die kleine Geschichte nicht, die wir uns zurechtgelegt haben: Du bist meine jüngere Stiefschwester, und ich habe dich zu dieser Reise eingeladen, weil meine ursprüngliche Begleiterin kurzfristig abgesprungen ist. Mit einer guten Geschichte läuft man weniger Gefahr, enttarnt zu werden. Außerdem würde es nur neugierige Fragen aufwerfen, wenn du als meine Assistentin mit mir in einer Suite wohnst.“

Die Tochter seines ehemaligen Geschäftspartners, die nun schon seit ein paar Monaten für ihn arbeitete, winkte gelangweilt ab. „Ja, ja, schon gut.“ Sie fuhr mit der Hand über ihren perfekt frisierten rotblonden Bob. „Dein Wunsch ist mir Befehl. Du bist der Boss, ich nur die kleine Angestellte – als könnte ich das jemals vergessen, wo du es mir doch ständig unter die Nase reibst.“

Er ging auf ihre Sticheleien gar nicht ein. So war Emilia nun mal. Jede andere Assistentin hätte er für die Dreistigkeiten, die sie sich herausnahm, schon längst vor die Tür gesetzt. Doch in Emilias Fall lagen die Dinge ein wenig anders. So anders, dass er sie seit nunmehr sechs Monaten bei sich in seinem Penthouse in Södermalm wohnen ließ und all ihre kostspieligen kleinen Exzesse finanzierte.

„Vielleicht sollten wir erst einmal an Bord gehen – dann können wir immer noch entscheiden, wie uns die Midsommarsolen gefällt.“ Ohne Emilias Antwort abzuwarten, schulterte er seine Laptoptasche. Das übrige Gepäck war bereits von einem Angestellten des Kreuzfahrtunternehmens in Empfang genommen und auf ihre Suite gebracht worden. Ein Service, der auch auf Kreuzfahrtschiffen längst nicht alltäglich war, wie Erik in Gedanken notierte. Er musste es wissen, schließlich hatte er bereits Überfahrten auf mehr als einem Dutzend Ozeanriesen mitgemacht. Er kannte die schönsten Plätze der Erde, hatte in den exklusivsten Luxushotels und Ferienanlagen gewohnt – jedoch nicht zu seiner eigenen Erholung. Nein, diese Dinge waren ein fester Bestandteil seiner Arbeit.

Er seufzte. Wie oft musste er sich anhören, dass andere ihn um seinen Job beneideten. In den Augen seiner Bekannten bestand sein Leben nur aus einer endlosen Aneinanderreihung von Urlaubsreisen. Dass er jeden Ort, den er besuchte, mit Argusaugen unter die Lupe nahm und praktisch immerzu nach dem sprichwörtlichen Haar in der Suppe suchen musste, das sahen diese Leute nicht. Manchmal konnte Erik sich gar nicht mehr vorstellen, wie es wohl war, als echter Urlauber unterwegs zu sein. Es musste wunderbar sein, all die Schönheiten der Natur – traumhafte blütenweiße Sandstrände, endlose grüne Wiesen und Wälder, reißende Wasserfälle und murmelnde Bäche – einfach nur genießen zu dürfen. Doch selbstverständlich hatte er keinen Grund, sich zu beklagen. Die meisten Menschen konnten nur davon träumen, so viel von der Welt zu sehen wie er. Und er verdiente damit sogar seinen Lebensunterhalt.

Die Ansprüche der Verbraucher hatten sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. War früher für den Kauf einer Ware oder Dienstleistung vor allem der Preis relevant gewesen, erwartete man heute ein möglichst umfassendes Gesamtpaket aus höchster Qualität und perfektem Service.

Deswegen hatte er vor etwas mehr als zwölf Jahren zusammen mit Emilias Vater Henk Kjeldsson, eine Agentur gegründet, die unabhängige Qualitätsprüfungen aller Art anbot. Die Palette reichte von kleineren Aufträgen wie Probeeinkäufen in Supermärkten und Testanrufen bei telefonischen Kundenbetreuungen bis hin zu wirklich großen Aufträgen, zu denen auch Luxusreisen jeglicher Art gehörten.

Absolute Unbestechlichkeit war in ihrer Branche das A und O. Deshalb beschäftigte Erik bei K & A Kvalitet och service besiktningar auch nur Angestellte, deren Integrität er zuvor einer strengen Prüfung unterzogen hatte. Für die Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit jedes seiner Mitarbeiter würde Erik ohne zu zögern die Hand ins Feuer legen. Das wussten auch seine Auftraggeber und buchten daher die Dienstleistung von K & A gern, auch wenn sie dafür etwas tiefer in die Tasche greifen mussten.

Zumindest war dies mehr als elf Jahre lang der Fall gewesen. Doch dann hatte sich alles geändert. Und dafür trug kein Außenstehender die Verantwortung, sondern eine Person aus dem innersten Kreis des Unternehmens.

Bitterkeit stieg in Erik auf, als er an das letzte Gespräch mit Henk dachte. Bitterkeit und ein vollkommen irrationales Schuldgefühl, das objektiv betrachtet jeder Grundlage entbehrte.

Es hatte eine lautstarke Auseinandersetzung mit seinem Partner Henk gegeben, die trotz verschlossener Türen keinem der anwesenden Mitarbeiter entgangen war. Erik erinnerte sich noch genau an die erschrockene Miene von Henks Sekretärin, als ihr Chef schimpfend und fluchend durch das Vorzimmer und aus dem Firmengebäude gestürmt war.

Seit diesem Tag waren die früheren Freunde und Geschäftspartner geschiedene Leute gewesen. Alle weiteren Gespräche und Verhandlungen führten sie ausschließlich über ihre Anwälte. Erik sah Henk einige Monate später noch einmal ganz zufällig in einer Bar, wo er volltrunken den Barkeeper anpöbelte, der sich weigerte, ihm einen weiteren Drink einzuschenken.

Damals hatte er sich, angewidert vom Verhalten seines ehemaligen Partners, abgewandt. Hätte er geahnt, dass Henk zu diesem Zeitpunkt schon längst keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich das Leben zu nehmen …

Rasch verdrängte er den Gedanken. Doch er wusste auch, dass er der Erinnerung nicht auf Dauer entfliehen konnte. Er brauchte bloß Emilia anzublicken und den stummen Vorwurf in ihren Augen zu lesen, und alles kehrte mit einem Schlag zurück. Sie war ein lebendes, atmendes Mahnmal seiner Schuld.

Wie von selbst drehte er sich, ehe er auf die lange Gangway trat, noch einmal nach ihr um. Er unterdrückte ein Seufzen, als er ihre mürrische Miene bemerkte. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sie auf diese Reise mitzunehmen. Schon zu Hause kamen sie nicht besonders gut miteinander aus. Doch in dem geräumigen, zweigeschossigen Penthouse in Stockholm konnten Emilia und er einander zumindest aus dem Weg gehen – an Bord eines Kreuzfahrtschiffes war dies selbst in den großen Luxussuiten nicht immer möglich.

Er ließ Emilia nicht für sich arbeiten und bei sich wohnen, weil er sie besonders ins Herz geschlossen hätte. Sie waren zwei grundverschiedene Charaktere, die naturgemäß immer wieder aneinandergerieten, und offen gestanden mochte er sie nicht einmal sonderlich. Er gab sich nur deswegen mit ihr ab, um zumindest einen kleinen Teil der Schuld abzutragen, die er auf sich geladen hatte. Mit Leichtigkeit hätte er sie in Stockholm zurücklassen oder zumindest eine eigene Einzelkabine für sie buchen können, aber er betrachtete es als eine Art Buße, genau dies nicht zu tun. Außerdem …

„Da sind Sie ja endlich!“

Erik blinzelte irritiert. Er war gerade von der Gangway getreten, als sich ein Mädchen mit hellblonden Locken vor ihm aufbaute und ihn ärgerlich anfunkelte. Nein, kein Mädchen, korrigierte er sich sogleich, eine junge Frau in Crewuniform. Das Namensschild am Revers wies sie als Filippa Vinterdahl, Chefhostess, aus. Und sie war ganz eindeutig wütend auf ihn – aber warum?

Er war viel zu überrumpelt, um irgendetwas zu sagen, als sie ihn am Ärmel seiner Lederjacke packte und mit sich zog. Etwas abseits der Rezeption blieb sie stehen und bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Wissen Sie eigentlich, was Sie beinahe angerichtet hätten? Um Himmels willen, wir legen in weniger als zwei Stunden ab, ist Ihnen das überhaupt klar?“

Eine Verwechslung. Anders konnte Erik es sich nicht erklären. Sie hielt ihn offenbar für jemand anderen. Er wusste, eigentlich wäre es seine Pflicht als Gentleman gewesen, die Sache aufzuklären, doch er konnte es einfach nicht. Dazu war sie in ihrer Wut einfach zu hinreißend. Und so beschloss er, das Spielchen noch eine Weile mitzuspielen.

So unauffällig wie möglich musterte er sie einen Moment lang. Ihre Augen, die von einem ungewöhnlichen Veilchenblau waren, blitzten, und ihre geröteten Wangen ...

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