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Traumprinz sucht Familienglück

Judy Christenberry

Traumprinz sucht Familienglück

1. KAPITEL

Nick Barry drückte mit der Hüfte die Eingangstür auf und schob seine beiden Koffer ins Treppenhaus. Endlich! Er war angekommen!

Das Vierfamilienhaus, sein neues Zuhause, befand sich in einem ruhigen Viertel von Dallas. Laubbäume säumten die Yellow Rose Lane, und es roch nach frisch gemähtem Gras.

Kein Wunder, dass seine Tante Grace sich hier so wohlgefühlt hatte! Aber weil sie nicht mehr allein zurechtkam, war sie in eine Einrichtung für betreutes Wohnen gezogen und hatte Nick ihr Apartment untervermietet. Was für ein Glück: Nun besaß er eine günstige Unterkunft in einer guten Gegend.

Bis in den Eingangsbereich hatte er es mit Aunt Grace’ Schlüsselbund schon mal geschafft. Jetzt musste er nur noch herausfinden, welcher der vielen Schlüssel in die Wohnungstür passte!

Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch. Er drehte sich um, sah aber niemanden, also widmete er sich wieder dem Schlüsselbund.

Auf einmal packte ihn etwas am Unterschenkel. „Das ist er!“, rief eine Kinderstimme. „Ich hab unseren Daddy gefunden!“

Er zuckte zusammen. Auf dem Boden saß ein kleines Mädchen und schlang seine dünnen Ärmchen fest um Nicks linkes Bein.

Huch?

Da erklang eine zweite Stimme, diesmal die einer Frau: „Missy? Wo bist du?“

Wenn die Frau auch nur annähernd so aussieht, wie ihre Stimme klingt, ist sie umwerfend, dachte er. Die Stimme kam aus der Nachbarwohnung.

„Ich glaube, sie ist hier im Hausflur“, rief er zurück. Dann wandte er sich an das strohblonde Kind zu seinen Füßen: „Du bist doch Missy, oder?“

Das Mädchen nickte eifrig.

„Missy?“ Die Tür zur Nachbarwohnung öffnete sich. Die Frau, die jetzt im Hausflur erschien, war mindestens so toll wie ihre Stimme. Sie hatte langes goldblondes Haar und … „Missy! Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht allein aus der Wohnung laufen. Komm bitte sofort wieder rein!“

„Ich hab ihn aber gefunden!“ Die Kleine umklammerte Nicks Bein noch fester.

„Wen hast du gefunden?“

Unwillkürlich musste Nick grinsen. In diesem Moment erschienen zwei weitere Mädchen im Türrahmen. „Also, ich …“, begann er.

„Missy, lass doch bitte den … den Herrn los.“ Zum ersten Mal sah ihn seine neue Nachbarin an.

„Hallo, ich bin Nick Barry“, stellte er sich vor.

„Missy, lass bitte Mr Barry los“, wiederholte sie. „Das ist nicht dein Daddy.“

„Na, dann ist ja gut“, scherzte Nick. „Ich dachte schon, ich hätte irgendetwas Wichtiges in meinem Leben verdrängt.“

Aber die junge Frau blieb völlig ernst. „Das ist überhaupt nicht lustig.“

Missy hatte ihn immer noch im Klammergriff. „Warum kann er denn nicht unser Daddy werden?“

„Weil ich den Mann noch nicht mal kenne.“

„Wir brauchen aber einen Daddy!“ Inzwischen klang das Mädchen fast schon empört.

Nick stellte seine beiden Koffer ab und zog die Kleine auf die Beine. „Hey, du Süße, ich weiß zwar nicht, wo euer Daddy jetzt ist, aber er kommt bestimmt bald. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass er drei so tolle Töchter einfach allein lässt.“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da schluchzte eines der beiden älteren Mädchen laut auf und lief weinend in die Wohnung.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, erkundigte sich Nick besorgt.

Die blonde junge Frau nahm Missy auf den Arm. „Was machen Sie eigentlich hier?“, wollte sie von Nick wissen. „Und wie sind Sie ins Haus gekommen?“

Aha, dachte er. Langsam kommen wir zur Sache. „Ich wohne seit heute hier“, erklärte er. „Als Untermieter.“

Verwundert sah die Frau ihn an. „Dann ziehen Sie bei Grace ein? Und wo ist sie jetzt? Vor Kurzem ging es ihr doch noch gut.“

„Sie lebt jetzt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Ich bin übrigens ihr Neffe.“

„Ach so, verstehe. Können wir uns nachher weiter unterhalten? Jetzt muss ich erst mal …“

„Jennifer, der Herd explodiert!“ Die Kinderstimme kam aus der Wohnung der blonden Frau.

„Was? Schnell raus aus der Küche, ich bin sofort da!“ Sie setzte Missy ab und stürzte in ihr Apartment.

Die Kleine grinste Nick an. „Kannst du nicht doch unser Daddy sein?“

„Nein, tut mir leid. Aber vielleicht kann ich deiner Mom trotzdem helfen. Komm mal mit.“ Mit dem Mädchen auf dem Arm lief er in die Nachbarswohnung. Seine neue Nachbarin kam gerade aus der Küche. „Was machen Sie hier drin?“

Er wies mit dem Kopf auf Missy. „Sie haben noch jemanden vergessen.“

„Setzen Sie sie bitte ab, ich muss mich jetzt um Steffi kümmern.“ Und schon war sie in einem anderen Zimmer verschwunden.

„Wer ist Steffi?“, erkundigte er sich bei Missy, sobald das Mädchen wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

„Meine große Schwester“, erwiderte die Kleine ernst. „Du hast gemacht, dass sie weint.“

„Wirklich? Wie das denn?“

Mit großen Augen blickte Missy ihn an. „Steffi kennt unseren echten Daddy noch. Er ist tot.“

„Das tut mir schrecklich leid.“

„Wo ist man eigentlich, wenn man tot ist?“

Nick runzelte die Stirn. „Ähm, das fragst du vielleicht am besten eure Mommy.“

„Mommy ist auch tot.“ Das Mädchen sah aus, als würde es ebenfalls jede Sekunde in Tränen ausbrechen. Nick zog sich das Herz zusammen. Schnell überlegte er, wie er sie am besten ablenken könnte.

„Was ist denn da gerade in der Küche explodiert?“

„Weiß nicht. Jennifer wollte uns Sketti kochen.“

„Was ist Sketti?“

„Na ja, so lange dünne Dinger. Die gibt es mit Tomatensauce, das ist mein Lieblingsessen.“

Spaghetti wahrscheinlich, schloss Nick. Er lugte in die Küche. Auf dem ausgeschalteten Herd stand ein großer Topf, in dem Jennifer wahrscheinlich die Nudeln hatte kochen wollen.

Mit Spaghetti kannte Nick sich gut aus, Pasta war eines seiner wichtigsten Grundnahrungsmittel. Er probierte eine lange Nudel und fand sie noch etwas hart. Auch die Tomatensauce in dem kleineren Topf daneben war schon wieder abgekühlt. Er setzte Missy auf einen Küchenstuhl und wies sie an, dort zu bleiben.

„Warum?“

„Weil ich nicht möchte, dass du dich verbrennst.“

„Ach so.“

Er drehte die Regler wieder hoch und rührte die Sauce um.

„Weißt du was?“, begann das Mädchen. „Jennifer sagt, dass wir gar keinen Daddy brauchen.“

„Wer ist Jennifer?“, erkundigte er sich. Hatte Missy etwa noch eine Schwester?

„Jennifer ist unsere neue Mommy“, erklärte die Kleine zufrieden. „Ab heute.“

„Wirklich? Dann wohnt ihr erst seit heute hier?“

„Genau. Sie hat uns gerettet, sagt Steffi.“

Das verstand Nick noch nicht so ganz. Diesmal wollte er sich aber lieber sorgfältig überlegen, was er sagte. Nicht, dass auch noch Missy in Tränen ausbrach – wie vorhin ihre Schwester.

Während er darüber nachdachte, wie er auf die rätselhafte Bemerkung des Mädchens reagieren könnte, rührte er die Tomatensauce um. Die Spaghetti hatten inzwischen ein paar Minuten weitergekocht und waren jetzt gar. Im Waschbecken stand schon ein Sieb bereit, also goss Nick die Nudeln ab. Dabei stieg ihm der Dampf ins Gesicht.

„Ist das Rauch?“, erkundigte sich Missy beiläufig. „Jennifer sagt, dass Rauch gefährlich ist.“

„Nein, das ist Dampf. Damit kann man sich aber auch wehtun, wenn man nicht gut aufpasst“, erklärte er.

In diesem Moment hörte er Schritte im Flur. Als er sich umdrehte, stand seine blonde Nachbarin im Türrahmen. Die junge Frau sah den drei ebenfalls blonden Mädchen ausgesprochen ähnlich, obwohl ihm Missy gerade erklärt hatte, dass sie nicht ihre leibliche Mutter war …

„Sie sind ja immer noch hier“, bemerkte sie. Das klang nicht besonders einladend, aber Nick schrieb es ihrer Anspannung zu.

„Ich wollte mich nur etwas nützlich machen. Immerhin bin ich nicht ganz unschuldig an der Aufregung. Wie geht es Steffi denn jetzt?“, erkundigte er sich und hoffte, seine Nachbarin würde ihn nicht gleich vor die Tür setzen. Aus irgendeinem Grund wollte er noch nicht so schnell wieder gehen.

„Gut.“ Das Mädchen lugte hinter den Beinen ihrer neuen Mommy hervor.

„Da bin ich aber froh. Ich wollte dich nämlich nicht traurig machen“, erklärte er der Kleinen.

Steffi nickte, dann verschwand sie wieder hinter der jungen Frau.

„Die Spaghetti sind jetzt übrigens fertig. Die Sauce ist auch heiß und riecht richtig lecker.“

„Haben Sie etwa das Essen fertig gekocht?“, erkundigte sich Jennifer. „Ich wollte Sie eben nicht … also, das ist wirklich nett von Ihnen. Möchten Sie vielleicht mit uns essen?“

Sofort meldete sich Missy wieder zu Wort: „Oh, ja! Wie ein richtiger Daddy!“

„Mr Barry ist nicht euer Daddy, er ist unser Nachbar“, verbesserte Jennifer das Mädchen schnell. „Wir laden ihn heute ein, um ihn hier im Haus zu begrüßen – und als Dankeschön dafür, dass er uns so lieb geholfen hat.“ Dann wandte sie sich wieder an Nick. „Natürlich nur, wenn Sie möchten.“

„Gern“, erwiderte er. „Aber von mir aus brauchen wir nicht so förmlich miteinander zu sein. Ich heiße Nick.“

Seine junge Nachbarin holte tief Luft. Er befürchtete schon, sie würde sein Angebot ausschlagen. Möglicherweise hatte er gerade eine Grenze überschritten …

„In Ordnung“, sagte sie aber schließlich. „Herzlich willkommen, Nick. Steffi und Annie, legt ihr schon mal für jeden Besteck hin?“

„Machen wir“, erwiderte das älteste Mädchen.

„Kann ich auch mithelfen?“, fragte Nick.

„Nein, danke, wir schaffen das schon. Du kannst dich aber in der Zwischenzeit gern ein bisschen um Missy kümmern.“

Er setzte sich zu der Kleinen an den Küchentisch und lächelte. „Dann machen wir’s uns mal gemütlich, während die anderen arbeiten, was?“

Missy nickte.

„Trinkst du auch einen Eistee?“, erkundigte sich seine Nachbarin.

„Ja, gern. Entschuldige, aber … du heißt Jennifer, nicht? Das hat mir Missy eben erzählt.“

„Oje, das tut mir leid, ich habe mich noch nicht richtig vorgestellt. Ja, ich heiße Jennifer Carpenter. Und das hier sind meine Töchter Steffi, Annie und Missy. Mit Missy hast du dich ja schon ausführlich unterhalten.“

„Allerdings.“ Er schaute in die Runde. „Hallo, ihr drei. Ihr seht eurer Mutter wirklich ähnlich.“ Dass Jennifer nicht die leibliche Mutter der Mädchen war, wusste er ja schon – aber insgeheim hoffte er, dass sie ihm Genaueres erzählen würde.

„Vielen Dank“, sagte Steffi. Sie wirkte schon wieder ganz ruhig.

„Wie alt bist du, Steffi?“, fragte Nick. „Acht?“ Als ehemaliger Lehrer konnte er das Alter von Kindern meist gut einschätzen.

„Nein, ich bin erst sechs.“

„Oh, du wirkst aber viel älter.“

Steffi lächelte geschmeichelt.

„Und du, Annie?“, erkundigte er sich sehr vorsichtig, weil das Mädchen besonders schüchtern wirkte.

Sie sah ihn bloß schweigend an.

Steffi antwortete für ihre Schwester: „Sie ist fünf, und Missy ist drei.“

Erneut blickte Nick zu seiner neuen Nachbarin. Dass die Mädchen nicht ihre leiblichen Töchter waren, wusste er ja schon. Er hätte sich auch nur schwer vorstellen können, dass diese gertenschlanke Frau schon drei Geburten hinter sich hatte. „Du hast wirklich wunderschöne Kinder“, sagte er.

Sie lächelte erst den Mädchen zu, anschließend erwiderte sie seinen Blick. „Vielen Dank.“

Dann trug sie eine große Schüssel Spaghetti mit Tomatensauce und Reibekäse auf den Tisch.

Sie aßen schweigend. Wenn nötig, sagte Jennifer etwas zu den Tischmanieren der Kinder, sie drückte sich dabei aber immer sehr behutsam aus. Nick fühlte sich rundum wohl – obwohl er es noch schöner gefunden hätte, wenn Jennifer mit ihm gesprochen hätte. Hin und wieder betrachtete er vorsichtig ihr goldblondes Haar und ihre ausdrucksstarken blauen Augen.

Kaum waren die Mädchen fertig, stand Jennifer auf. „Vielen Dank für den Besuch, hat mich sehr gefreut. Ich hoffe, dass du dich gut in deiner neuen Wohnung einlebst.“

Aha, ein höflicher Rausschmiss, dachte Nick. Er blieb einfach sitzen. „Bestimmt. Kennst du die Vermieter persönlich?“

„Ja“, erwiderte sie knapp, dann schwieg sie. Das machte ihn immer neugieriger. „Sollte ich vielleicht demnächst mal Kontakt aufnehmen? Meine Tante hat nichts weiter dazu gesagt.“

„Nein, in den Mietverträgen steht ganz klar, dass man die Wohnungen an Verwandte untervermieten darf. Also ist es völlig okay, dass du eingezogen bist.“ Hastig begann sie, den Tisch abzuräumen.

Er stand ebenfalls auf. „Warte mal, ich helfe dir.“

Abwehrend streckte sie die Hand aus – und zuckte sofort zurück, als sie seinen Arm berührte. „N-nein, danke. Ich erledige das später, jetzt bringe ich erst mal die Kinder ins Bett.“

„Ich kann doch hier aufräumen, während du dich um die Mädchen kümmerst.“

„Nein!“ Auf einmal schien ihr bewusst zu werden, wie unangemessen heftig sie gerade reagiert hatte. Sie räusperte sich. „Du bist heute unser Gast. Und ein Gast braucht nicht aufzuräumen.“

„Dann bedanke ich mich ganz herzlich für die Einladung.“ Widerwillig verließ er die Küche, Jennifer folgte ihm.

„Einen schönen Abend noch“, verabschiedete sie ihn.

Gerade wollte sie die Tür schließen, da räusperte er sich noch einmal: „Moment. Ich … hätte da noch eine Frage.“

„Ja?“

Eigentlich wollte er bloß noch nicht so schnell gehen. Jetzt musste aber schnell irgendeine unverfängliche Frage her! „Wie … ähm … sind die anderen Mieter denn so?“ Na toll, dachte Nick. Da habe ich mich mal wieder besonders geschickt angestellt.

„Sehr nett“, erwiderte Jennifer. „Im ersten Stock wohnen sechs Flugbegleiterinnen, die freuen sich bestimmt alle, dass du eingezogen bist.“

Langsam ließ er den Blick über ihr Gesicht gleiten. Was für eine wunderschöne Frau! Das goldblonde Haar umspielte ihre Züge in sanften Wellen, ihr Teint war makellos. Er konnte sich kaum vorstellen, dass irgendeine der Frauen aus dem ersten Stock hätte mithalten können.

Aber ihre Botschaft war eindeutig: Jennifer hatte kein Interesse, ihn näher kennenzulernen.

Schluss jetzt, ermahnte sich Jennifer. Ich muss sofort aufhören, an diesen Nick Barry von nebenan zu denken!

Schließlich hatte sie Wichtigeres zu tun: Im Moment steckte sie bis zu den Ellbogen in Seifenwasser, und in der Badewanne saßen drei kleine Mädchen, die ihre Aufmerksamkeit brauchten.

Aber es fiel ihr schwer, in Gedanken ganz bei Steffi, Annie und Missy zu bleiben. Immer wieder kam ihr dabei ihr neuer Nachbar in die Quere. Keine Frage, der Mann war sympathisch und dazu noch unheimlich attraktiv. Außerdem war er sehr lieb auf die Mädchen eingegangen …

Okay, das reicht, dachte sie. Ich habe doch jetzt alles, was ich mir so lange gewünscht habe: ein schönes Zuhause und drei tolle Kinder. Und ansonsten meine Ruhe. Ich brauche wirklich keinen Mann in meinem Leben.

Nacheinander hob sie Steffi, Annie und Missy aus der Wanne und rubbelte sie gründlich mit Frotteehandtüchern trocken. „Ich habe euch hier eure Schlafsachen rausgelegt.“

Vor drei Tagen hatte sie die Genehmigung erhalten, die Mädchen als Pflegemutter zu sich zu nehmen, ihr Adoptionsantrag musste noch bewilligt werden. Für die ersten Tage hatte sie schon mal Unterwäsche, Kleidung und Nachthemden besorgt. Demnächst wollte sie mit den dreien noch mal richtig einkaufen fahren.

Missy hielt ein kleines Nachthemd hoch. „Das ist ja schön! Ist das für mich?“

„Ja, natürlich.“

„Darf ich das auch wirklich behalten?“

„Klar. Das Nachthemd ziehst nur du an, niemand sonst.“

„Toll!“

In den letzten Tagen hatte Jennifer eine Menge darüber erfahren, wie es den Mädchen in ihren bisherigen Pflegefamilien gegangen war. Einige Geschichten hätten ihr fast das Herz gebrochen. Missy und Steffi hatten viel darüber geredet, Annie war meistens still geblieben. Das Mädchen war der Auslöser für Jennifers Entschluss gewesen, die drei Schwestern so schnell wie möglich zu sich zu nehmen. Und wahrscheinlich war ihr Antrag Annies wegen so schnell bewilligt worden. Auch die Tatsache, dass Jennifers Onkel Jugendrichter in Dallas war, hatte den Prozess beschleunigt.

„So, jetzt bringe ich euch schnell ins Bett, damit ihr genug Schlaf bekommt“, sagte Jennifer, nachdem die Mädchen ihre Schlafsachen angezogen hatten. „Den braucht ihr, um groß zu werden.“

Sofort stellte sich Missy auf die Zehenspitzen und reckte die Arme in Richtung Decke. „Ich werde noch so groß!“

„Jetzt übertreib mal nicht“, warf Steffi ein.

Jennifer lachte leise. „Wahrscheinlich hat Missy sogar recht“, sagte sie. „Aber von heute auf morgen geht das natürlich nicht.“ Sie drehte den Wasserhahn auf. „So, putzt euch bitte die Zähne.“

Anschließend brachte sie die Kinder in ihr gemeinsames Zimmer. Anfangs hatte sie darüber nachgedacht, Steffi ein Extrazimmer zu geben, weil sie immerhin schon sechs Jahre alt war. Aber die Mädchen hatten sich so darüber gefreut, wieder zusammen sein zu können, nachdem sie lange bei unterschiedlichen Pflegefamilien gewohnt hatten. Also hatte Jennifer nur ein einziges Kinderzimmer eingerichtet.

„Die roten Betten sind toll!“, sagte Steffi, als Jennifer sie liebevoll zudeckte.

„Das freut mich. Rot ist nämlich meine Lieblingsfarbe.“

„Meine auch. Ich finde es super, dass wir jetzt alle bei dir wohnen dürfen.“

Jennifer küsste das Mädchen auf die Wange. „Und ich erst. Ich glaube, das wird richtig schön mit uns vieren.“

„Oh, ja!“, rief Missy. „Kommt unser neuer Daddy morgen wieder?“

Jennifer seufzte. Gerade war es ihr gelungen, Nick einigermaßen aus ihren Gedanken zu verdrängen, da musste das Mädchen sie schon wieder an ihn erinnern! „Süße, Nick ist nicht euer neuer Daddy. Er ist unser Nachbar. Wir vier Mädels sind hier unter uns, und das bleibt auch so.“

„Genau“, stimmte Annie ihr leise zu.

Als Nächstes gab Jennifer Missy einen Gutenachtkuss, dann war Annie dran. „Gute Nacht, Annie. Schlaf schön.“

Mit großen braunen Augen starrte das Mädchen sie an. Sie wirkte viel älter und reifer als fünf Jahre. Jennifer lächelte sie an, dann ging sie zur Tür und knipste das Licht aus. „Guckt mal, ich habe euch ein Nachtlicht angelassen, dann ist es nicht so dunkel im Zimmer. Meint ihr, ihr könnt so schlafen?“

„Ja!“, erwiderten Missy und Steffi. Annie schwieg.

„Gute Nacht!“, rief Jennifer ein letztes Mal und ging dann in die Küche, um das Geschirr vom Abendessen wegzuräumen. Mit einer Tasse koffeinfreiem Kaffee setzte sie sich dann an den Tisch. Seit sie die Mädchen heute um zehn Uhr morgens aus dem Heim abgeholt hatte, war ihr Leben völlig umgekrempelt.

Aber eigentlich war der Stein schon vor drei Wochen ins Rollen geraten: Da hatte Jennifer, von Beruf Fotografin, sich für ein Projekt namens „Heart Gallery“ zu Verfügung gestellt. Dabei ging es darum, die oft etwas trostlos wirkenden Fotos der Pflegekinder in den Vermittlungsakten durch professionelle, liebevoll gemachte Aufnahmen zu ersetzen. Eine sinnvolle Sache, fand Jennifer.

Die drei Schwestern hatten es ihr von Anfang an angetan. Also beschloss sie, ihnen und sich eine Freude zu machen und einen möglichst schönen Tag mit ihnen zu verbringen. Einen Tag, an den sich die Mädchen später gern erinnern würden, und sie sich selbst auch. Ihrer eigenen Mutter war sie nie besonders nah gewesen.

Jennifer wurde ein bisschen wehmütig, als sie miterlebte, wie nah sich die Schwestern waren. Sie selbst war als Einzelkind aufgewachsen. Sie hatte zwar noch einen Halbbruder, den sie aber erst einmal kurz gesehen hatte. Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte Jennifers Vater den Kontakt zu ihr und ihrer Mutter völlig abgebrochen. Seit seinem Tod dachte Jennifer immer wieder darüber nach, ob sie sich vielleicht einmal bei ihrem Halbbruder melden sollte … aber bisher …

Die Aufnahmen mit den drei kleinen Mädchen hatten sie tief berührt: Während Steffi und Missy nach einer Weile fröhlich und unbefangen in die Kamera gestrahlt hatten, war die Mittlere, Annie, zurückhaltend geblieben. Jennifer hatte alles Mögliche versucht, sie aufzuheitern. Vergeblich. Und als sie die Fünfjährige in den Arm nehmen wollte, war Annie erschrocken zurückgewichen. Als fürchtete sie, Jennifer könnte ihr wehtun. Da erst war Jennifer aufgefallen, dass die Kleine am ganzen Arm blaue Flecken hatte.

Jennifer war entsetzt. Auf ihre Fragen hin hatte Annie geschwiegen, aber Steffi erzählte schließlich, der „böse Mann“ in Annies Pflegefamilie würde sie schlagen, wenn sie nicht schnell genug gehorchte.

Sofort benachrichtigte Jennifer das Jugendamt und bestand darauf, dass sofort jemand vorbeikam. Es dauerte ganze sechs Stunden, bis eine völlig überarbeitete Sozialarbeiterin vor der Tür stand. Jennifer zeigte ihr Annies blaue Flecken und forderte, das Mädchen sofort aus ihrer derzeitigen Pflegefamilie zu nehmen. Als die Frau vom Jugendamt sagte, dass sie nicht wisse, wo sie das Kind sonst unterbringen sollte, erklärte Jennifer sich spontan bereit, Annie vorübergehend bei sich Unterschlupf zu gewähren.

Die Frau vom Jugendamt hatte zunächst gezögert: Dafür müsste Jennifer erst einen Antrag stellen, und bis zur Genehmigung würde es noch mehrere Wochen dauern. Jennifer schaltete ihren Onkel ein, der in Dallas als Jugendrichter arbeitete. Dank seiner Unterstützung hatte Jennifer schnell die Erlaubnis, alle drei Mädchen erst mal über Nacht zu behalten. Am nächsten Morgen hatte sie dann die Genehmigung bekommen, Annie als Pflegekind zu sich zu nehmen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ihr allerdings klar gewesen, dass die drei zusammengehörten. Und obwohl sich dadurch alles völlig verändern würde, hatte Jennifer sofort einen Antrag gestellt, alle drei zu sich zu nehmen.

Ihr neues Leben hatte heute begonnen. Allerdings nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte. Eigentlich hatte sie dafür sorgen wollen, dass die Mädchen eine neue Mommy bekamen, aber jetzt hatte Missy ihnen auch noch einen Daddy ausgesucht …

2. KAPITEL

Nick fühlte sich in seiner neuen Wohnung sofort zu Hause. Die beiden Koffer hatte er in Rekordzeit ausgepackt und in den leeren Schränken verstaut. Und es war nicht schwer, sich hier einzuleben.

Wenn er an seine Tante dachte, wurde er ein bisschen traurig. Aunt Grace hatte sich hier in der Yellow Rose Lane immer sehr wohlgefühlt und war nur ungern ausgezogen. Aber die Einrichtung für betreutes Wohnen, wo sie jetzt untergekommen war, befand sich zum Glück gleich in der Nähe, sodass Nick sie oft würde besuchen können.

Dass er die leer stehende Wohnung hatte übernehmen dürfen, war ein echtes Geschenk: Da Grace bereits zehn Jahre hier gelebt hatte, war die Miete entsprechend niedrig geblieben. Dadurch zahlte er für seine neue, größere Unterkunft viel weniger als für das kleine Apartment, in dem er vorher gewohnt hatte. Mit dem Eigentümer des Vierfamilienhauses hatte er nie gesprochen. Laut Aunt Grace reichte es völlig, wenn er sich mit Fragen einfach an seine direkte Nachbarin wandte.

Und das war Jennifer.

Am liebsten hätte er schon wieder unter irgendeinem Vorwand bei ihr geklingelt. Allerdings befürchtete er, dass er gestern keinen großen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte. Außerdem musste er sowieso noch ein paar andere Dinge erledigen.

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