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Traummann mit Vergangenheit

1. KAPITEL

„Denken Sie nicht mal dran, Dr. Remington“, warnte Rosie. „Mutigere Männer als Sie haben schon versucht, diese Herausforderung zu bewältigen, aber nur wenige haben es überlebt.“

Stephen Remington blickte zu seiner Arzthelferin hinüber und runzelte die Stirn. Rosie warf ihm einen wissenden Blick zu. „Das habe ich im übertragenen Sinne gemeint“, sagte sie mit der Geduld einer Frau, die seit Langem mit den Unzulänglichkeiten des männlichen Verstandes vertraut ist. „Ich habe gesehen, wie Sie aus dem Fenster geschaut haben. Es war kein Kunststück, herauszubekommen, was … oder wer … Ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.“

Stephen schaute in die Richtung, in die sie deutete. Rosie nahm offenbar an, er beobachtete die Nachbarn von gegenüber.

Die Arztpraxis von Lone Star Canyon teilte sich das Stadtzentrum mit ein paar Banken, drei Restaurants, einem Sportwarenladen, einigen Modegeschäften und dem Friseursalon Snip ’n Clip. Diese Einrichtung befand sich genau gegenüber von seiner Praxis. Normalerweise verhinderten die getönten Fensterscheiben neugierige Blicke ins Innere. Aber an diesem Nachmittag war es so dunkel und der Laden war so hell erleuchtet, dass man leicht hineinschauen konnte.

Er konnte zwei Personen ausmachen. Bei der einen handelte es sich um eine ältere Dame mit weißem Haar. Die andere Frau schwenkte formvollendet und großzügig die Sprühdose. Rosie dachte wohl, dass er gerade diese Frau bewundert hatte.

Stephen betrachtete die hochgewachsene Brünette. Sie trug enge Jeans, Stiefel und ein kurzes T-Shirt, das etwas Haut und einen schönen Bauchnabel enthüllte. Die sinnlichen Locken ihres dunklen Haares reichten ihr bis zur Taille. Sie bewegte sich mit der Anmut einer Frau, die jeden Mann haben konnte und keinen einzigen wollte.

„Die da?“, fragte er.

„Genau“, sagte Rose. „Nora Darby. Sie sieht vielleicht sanft und süß aus, aber in Wirklichkeit ist sie ungefähr so zugänglich wie ein angeschossener Grizzlybär. Nora kann Männer nicht leiden.“

„Verstehe.“

Wenn er Nora ansah, verstand er zumindest, warum es schon viele Männer bei ihr versucht hatten. Nora hatte das gewisse Etwas: einen großartigen Körper und ein schönes Gesicht. Falls sie sich auch noch intelligent unterhalten konnte, war sie perfekt. Natürlich nicht für ihn, aber vielleicht für andere.

„Ich gebe zu, dass sie sehr attraktiv ist“, meinte er, „aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin nicht zu haben – weder für angeschossene Grizzlybären noch für andere Damen. Außerdem habe ich eben gar nicht sie angesehen.“

Er deutete auf eine dunkle, graugrüne Wolke am Rande des Horizonts, die während des Gesprächs immer näher heranwirbelte. Es sah so aus, als würde ein Teil des Himmels herunter zur Erde gezogen …

Rosie stieß einen Schrei aus und griff nach seinem Arm. „Ein Tornado!“, rief sie und rannte zur Tür.

Stephen runzelte die Stirn. „Wovon reden Sie?“

„Wir müssen in den Schutzraum!“, schrie sie panisch.

Seine Arzthelferin, sonst durch nichts aus der Ruhe zu bringen, riss den Verbandskasten aus seiner Halterung an der Wand. Stephen nahm ihn ihr ab, dann packte sie seinen Arm und drängte ihn zur Tür.

Sein Blick glitt zur anderen Straßenseite. Nicht zu der überaus reizenden Ms. Nora Darby, sondern zu ihren betagten Kundinnen. Sie alle würden Schwierigkeiten haben, den Schutzraum rechtzeitig zu erreichen. Er wandte sich um und eilte zu Snip ’n Clip hinüber.

„Ich liebe diesen Song“, meinte Mrs. Gelson, während sie ihr Spiegelbild bewunderte. „Wenn ich den höre, vermisse ich meinen Bill. Er hat ihn mir damals immer vorgesungen.“

Aber klar, dachte Nora und rang sich ein Lächeln ab. Das wäre dann derselbe Bill, der seine Frau und drei Kinder zwei Nächte in der Woche zu Hause hatte sitzen lassen, um zum Pokern zu gehen. Die Frage, ob sie das Geld brauchten, das er verspielte, hatte er sich nie gestellt. Und Mrs. Gelson hatte nie mit einem einzigen Wort protestiert. Wenigstens hat der Blödmann seine Lebensversicherung nicht belastet, überlegte Nora. Auch wenn seine Witwe jetzt nicht wohlhabend war, ging es ihr an ihrem Lebensabend weit besser als in all den Jahren mit ihm.

Aber Mrs. Gelson sah das anders. Jetzt, wo Bill nicht mehr lebte, war er ein Heiliger.

„Ja, Sie haben mir schon oft erzählt, wie romantisch Ihr Ehemann war“, sagte Nora warmherzig, denn ihre Kundin wollte diese Lüge hören. Außerdem schienen die meisten Frauen ein schlechtes Gedächtnis zu haben, was Männer anging. Nora allerdings nicht. Sie hatte ein ganz hervorragendes Erinnerungsvermögen und machte nie den gleichen Fehler zweimal.

Mrs. Gelson zahlte und wartete auf ihr Wechselgeld. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgestoßen. Ein großer, strohblonder Mann im weißen Kittel kam herein. Nora erkannte Stephen Remington, den neuen Arzt der Stadt. Erfolgreich, Single … und überhaupt. Die Leute sangen seit seiner Ankunft Loblieder auf ihn. Sie selbst war wenig beeindruckt und fuhr weiterhin an die hundert Kilometer in die Nachbarstadt zu einer Ärztin.

Als sie ihn jetzt ansah, stellte sie zufrieden fest, dass sie trotz seiner großen haselnussbraunen Augen und seiner schlanken, attraktiven Figur immun gegen seinen Charme war.

„Männer werden hier nicht bedient“, sagte sie mit zuckersüßer Stimme. „Da müssen Sie die Straße runter zum Herrenfriseur.“

„Was?“

Sie seufzte. „Ich habe gesagt …“

Er unterbrach sie mit einem kurzen Kopfschütteln. „Ist mir völlig egal. Es ist ein Tornado im Anzug. Alle müssen in den Schutzraum.“

Ehe Nora oder sonst jemand reagieren konnte, ging die Sirene los. Nora fluchte leise und warf einen Blick auf die drei Frisiersessel. Außer ihr und den anderen Stylistinnen war niemand jünger als fünfundsechzig. Und der Schutzraum war einen halben Block entfernt.

„Jill, geh du mit Mrs. McDirmity“, sagte Nora, während sie zu den Haartrocknern rannte und schnell die Hauben hochklappte. „Komm schon, wir müssen uns beeilen.“

Während sie sprach, schwoll draußen der Lärm an: ein lautes Getöse, durchbrochen von Klirren und Krachen und Klappern, als ob um sie herum die Welt aus den Fugen geriete. In weniger als zwei Minuten waren alle auf dem Weg zum Schutzraum. Der blonde Mann hatte seine Arme um zwei der Damen gelegt. Eine von ihnen hatte noch Lockenwickler im Haar, an denen der Wind jetzt zerrte. Zum Glück wurden sie bisher nur von ein paar kleinen Ästen getroffen.

Am Eingang zum Keller wartete Rosie. Sie drängte die Menschen so schnell wie möglich nach unten in Sicherheit.

„Kommen Sie, Mrs. Gelson“, sagte Nora, während sie ihre Kundin stützte. Die Witwe stieg vorsichtig in den unterirdischen Schutzraum hinunter.

Nora war die Letzte auf der Straße. Sie sah sich kurz nach Nachzüglern um, aber entdeckte niemanden. Ihr Blick verweilte auf den vertrauten Gebäuden. Würden sie den Sturm überstehen?

Sie sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Sturm keine Todesopfer fordern würde. Als sie nach der Tür griff, konnte sie nicht anders, als innezuhalten und zurückzublicken.

Hoch aufgetürmt, schraubte sich die dunkle Wolkenfront in den Himmel. Der Lärm war ohrenbetäubend. Der Boden zitterte, der Himmel stöhnte. Nie zuvor hatte sie diese rohe Naturgewalt miterlebt. Es war überwältigend. Es war …

„Was zum Teufel machen Sie da?“, fragte eine Männerstimme. Dann schlang jemand die Arme um ihre Taille und zerrte sie ins Halbdunkel des Kellers hinunter.

Nora ließ instinktiv die Tür los, die krachend ins Schloss fiel. Sie konnte spüren, aber nicht sehen, wie jemand nach oben fasste und den Riegel vorlegte. Der Mann, der sie festhielt, fesselte ihre Aufmerksamkeit umso mehr.

Seine Arme ruhten unterhalb ihrer Brüste. Als er seine Hand bewegte, strichen seine Finger über die nackte Haut ihres Bauches. Sie zitterte. Nicht vor Kälte oder aus Angst vor dem Sturm, sondern wegen … wegen …

Nora presste die Lippen zusammen und stieß seine Arme weg. Sie wusste nicht, warum sie zitterte, und es war ihr auch egal. Sie trat einen Schritt weg von dem Mann, der sie so gründlich überrumpelt hatte. Dann drehte sie sich um.

Stephen Remington, der neue Arzt. Natürlich. Niemand sonst hätte es gewagt, sie so anzufassen.

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Arzt es nötig hat, Frauen zu begrabschen“, sagte sie beiläufig und erwartete, dass er gegen diesen Angriff auf seinen guten Ruf ärgerlich protestieren würde.

Stattdessen ließ Dr. Remington genüsslich den Blick über sie gleiten, von ihren Schuhen zu den Brüsten und schließlich zu ihrem entblößten Bauch. „Und ich hätte nicht gedacht, dass eine Frau Ihres Alters es nötig hat, sich wie ein Teenager zu stylen, nur um Aufmerksamkeit zu erregen.“

„Sie missverstehen mich“, sagte sie kühl. „Ich habe kein Interesse an Aufmerksamkeit. Wenigstens nicht an Ihrer.“

Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass sie interessierte Zuhörer hatten. Und zwar jede Menge. In dem kleinen Sturmkeller bekam jeder Anwesende jedes einzelne Wort mit. Nora wünschte sich, sie hätte den Mund gehalten.

Da sie nicht wusste, wie sie die Unterhaltung sonst beenden sollte, kehrte sie dem Arzt einfach den Rücken zu und sah sich nach ihren betagten Kundinnen um. Alle Leute aus dem Snip ’n Clip hatten den Schutzraum sicher erreicht. Ihre Mitarbeiterinnen kümmerten sich um die Frauen – mit Umarmungen und tröstenden Worten.

Draußen nahm der Lärm zu, als der Sturm über sie hinwegfegte. Lautes Krachen und das Klirren von brechendem Glas wetteiferten mit dem Heulen des Windes.

In der Ecke fing Mrs. Arnold an zu keuchen. Sie griff nach ihrer Handtasche, bekam aber nicht genug Luft, um das Schnappschloss zu öffnen und ihr Inhaliergerät herauszuholen.

„Asthma“, sagte Nora, als der Arzt zu der Frau eilte.

Stephen Remington nickte ihr zu. „Ich weiß. Sie ist meine Patientin.“

Nora biss die Zähne zusammen. „Entschuldigen Sie, dass ich versucht habe zu helfen“, schimpfte sie leise. Hoffentlich war der Sturm bald vorbei! Wenn sie noch viel länger mit diesem grässlichen Mann eingesperrt blieb, flogen bald die Fetzen.

Später war Nora eine der Letzten, die in die sich lichtende Dunkelheit hinaustrat. Die Hauptstraße war verschont geblieben. Daher stand auch ihr Laden noch. Aber die beiden Nebenstraßen sahen aus, als seien sie von Riesen zermalmt worden: Überall lag Schutt verstreut. Die ersten Regentropfen fielen. Der Sturm zog in nordöstlicher Richtung ab. Das bedeutete, dass er die Ranch schon erwischt hatte. Sie musste unbedingt gleich anrufen und sich vergewissern, dass es ihrer Familie gut ging.

Als sie und die letzten Nachzügler den Salon erreichten, legte Jill gerade den Telefonhörer auf.

„Funktioniert nicht“, sagte die Stylistin. „Was nicht weiter überraschend ist. Wir haben auch keinen Strom.“

Nora grinste. „Das eine Problem kann ich lösen.“ Sie zog ihr Handy aus der Handtasche. Gerade wollte sie noch etwas hinzufügen, als sie bemerkte, wie Rosie quer über die Straße zur Praxis rannte.

Nora ging nach draußen.

A„Gibt es Verletzte?“, rief sie.

Rosie hielt an, um nach Luft zu schnappen. „Ein Dutzend oder mehr. Orchard Park ist praktisch ausradiert. In den Häusern waren kleine Kinder mit ihren Müttern … und draußen die Bauarbeiter auf den Baustellen. Dr. Remington macht sich gerade ein Bild von den Verletzungen. Wir rufen einen Hubschrauber für die schlimmsten Fälle. Ich muss Verbandszeug holen.“

Orchard Park war ein neues Wohnviertel in Lone Star Canyon. Es war etwa halb fertig und bestand bisher aus Dutzenden von Häusern in verschiedenen Baustadien.

„Braucht ihr Hilfe?“, fragte Nora. „Hier geht’s allen gut. Ich habe keine Ahnung von Erster Hilfe, aber ich kann tun, was man mir sagt.“

Rosie lächelte dankbar. „Auf jeden Fall. Komm und hilf mir, die Sachen zurückzutragen. Dann finde ich schon Arbeit für dich.“

Der Hubschrauber hob mit einem Knattern ab, das Stephen an den Tornado von vorhin erinnerte. Als der Pilot nach Westen in Richtung County Hospital abdrehte, schaltete Stephen gedanklich um und konzentrierte sich auf die wenigen Patienten, die er noch zu versorgen hatte. Rosie, seine Arzthelferin, hatte ihn wie immer tatkräftig unterstützt. Sie hatte Vorräte geholt, Familienmitglieder kontaktiert und sich insgesamt so professionell verhalten, wie er es von ihr kannte. Überrascht hatte ihn dafür ihre Assistentin.

Nachdem Rosie zur Praxis gerannt war, um noch mehr Materialien zu holen, war sie voll beladen mit allem Nötigen und in Begleitung von Nora Darby zurückgekommen. Die schöne Brünette hatte zwar keine Ahnung von Krankenpflege, aber sie sprang ein, wann immer Rosie es ihr sagte. Sie packte zu, reinigte Schnittwunden, hielt Händchen, tröstete. Ein paar Mal war sie blass geworden. Aber insgesamt hatte sie sich tapfer gehalten.

Er ging zu der notdürftigen Erste-Hilfe-Station, die Rosie und er auf dem Parkplatz des Kroger-Supermarkts aufgebaut hatten. Stephen überprüfte die Stiche im Zeigefinger eines heulenden Vierjährigen, dann entfernte er Glas aus dem Auge eines jungen Mannes.

„Sie müssen morgen früh wiederkommen“, wies er den Schreiner an. „Aber soweit ich sehen kann, wird das alles ordentlich verheilen.“

„Danke, Doc.“

Rosie kam herüber und lächelte den Patienten an. Dann wandte sie sich an Stephen. „Wir sind hier fast fertig“, sagte sie. „Wollen Sie zurück zur Praxis? Ich kann hierbleiben und mich um die Geräte kümmern.“

„Ich helfe Ihnen“, erbot sich einer der Bauarbeiter, der seinen Kollegen hergebracht hatte. „Wir können alles in meinen Truck laden.“

Stephen nahm an, dass diese Großzügigkeit weniger mit seinem hilfsbereiten Wesen als mit Rosies weiblichen Formen, ihrer schlanken Figur und ihren warmen, braunen Augen zu tun hatte. Er überließ sie dem Arbeiter mit den treuen Hundeaugen und machte sich allein auf den Rückweg. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Nora auf ihn zukam. Dann zögerte sie, als ob sie den Gedanken nicht ertragen könnte, noch mehr Zeit mit ihm zu verbringen.

„Ich beiße nicht“, versprach er und winkte sie zu sich. Zum ersten Mal seit Langem war er versucht, eine Herausforderung anzunehmen: herauszufinden, wer Nora Darby war und warum sie jeden Mann auf Anhieb hasste.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe“, sagte er.

„Kein Problem.“ Sie warf ihr Haar über die Schulter zurück. „Wir haben Glück gehabt. In der Stadt ist nicht viel passiert. Aber ich habe keine Ahnung, wie es anderswo verlaufen ist. Sie könnten noch einige Verletzte aus der Umgebung reinbekommen.“

Daran hatte er nicht gedacht. „Dann ist es ja gut, dass wir jetzt zur Praxis zurückgehen“, sagte er. „Da suchen die Leute bestimmt schon nach mir.“

Sie öffnete den Mund, um zu antworten. Aber ehe sie auch nur einen Ton herausbrachte, raste ein Transporter mit mindestens 80 Sachen um die Ecke. Der Fahrer bemerkte sie und fing an zu hupen, dann kam er mitten auf der Straße zum Stehen.

„Doc, Doc, Sie müssen uns helfen!“ Ein alter Mann sprang aus dem Wagen und rannte zur Ladefläche. „Mein Junge! Er hat eine schlimme Schnittwunde.“

Stephen sprintete schon zum Heck. Er kletterte hinauf und merkte, dass Nora ihm gefolgt war.

Ein Mann Ende zwanzig lag auf mehreren Decken ausgestreckt. Seine Haut war blau-weiß, er hatte die Augen geschlossen, und überall war Blut.

Stephen hörte ein leises Stöhnen neben sich, aber er hatte keine Zeit, darauf zu achten. „Wo ist er verletzt?“, fragte er.

„Am Oberarm, an der Schulter“, sagte der alte Mann. „Ich hab versucht, es zuzudrücken. Aber es hat immer weiter geblutet.“

Stephen sah sich den Klumpen Verbandsmaterial an und löste ihn. Blut sprudelte heraus. Er schob die Tücher wieder zurück. Es war unmöglich zu sagen, wie viel Blut der Mann verloren hatte. Auf jeden Fall zu viel. Er befand sich schon im Schockzustand.

Stephen blickte den Vater an. „Fahren Sie“, befahl er. „Wir müssen ihn in die Praxis schaffen. Sofort!“

Er gehorchte und setzte sich schnellstens hinters Steuer. Stephen öffnete den Erste-Hilfe-Kasten und nahm einige dicke Bandagen heraus. Er ersetzte die blutdurchtränkten Verbände mit frischen und wies Nora an, fest auf die offene Wunde zu drücken.

Der Truck holperte durchs Stadtzentrum und kam mit quietschenden Bremsen vor der Praxis zum Stehen.

„Nicht bewegen“, befahl Stephen. Dann sprang er vom Wagen und rannte in die Praxis.

Kaum eine Minute später kehrte er mit zwei Infusionsbeuteln zurück. Nachdem er alles vorbereitet hatte, tauschte er den Platz mit Nora.

„Ich muss ihn hier oben nähen“, sagte er und warf ihr zum ersten Mal, seit er auf die Ladefläche geklettert war, einen Blick zu. Sie war fast so bleich wie der Patient. „Können Sie mir helfen?“

Sie nickte. Dann schluckte sie. „Ich brauche vorher 30 Sekunden.“

Wofür?, fragte er sich. Aber noch ehe er die Frage laut aussprechen konnte, kletterte Nora vom Truck, rannte zum nächsten Mülleimer und erbrach sich. Wie versprochen, war sie nach einer halben Minute wieder an seiner Seite.

„Alles okay?“, erkundigte er sich.

„Nein, aber das macht nichts.“

Sie zog die Handschuhe an, die er ihr reichte, und hörte zu, als er den Eingriff erklärte. Zwischendurch brauchte sie eine Pause, um sich noch mal zu übergeben. Abgesehen davon war sie so ruhig und tüchtig wie seine Arzthelferin.

Es war dunkel, als der Krankenwagen abfuhr. Nora lehnte sich an die Wand in der Praxis. Sie fühlte sich zwar schwach, war aber gleichzeitig stolz auf sich. Obwohl ihr ganzes medizinisches Wissen gerade mal dafür ausreichte, ein Pflaster auf eine Wunde zu kleben, hatte sie sich heute nützlich machen können. Sie hatte Menschen in der Not geholfen.

„Wie geht es Ihnen?“

Sie schaute auf und bemerkte Stephen Remington, der auf sie zukam. Ehe sie antworten konnte, fühlte er ihre Stirn, fasste nach ihrem Handgelenk und nahm ihren Puls. Noch viel mehr als seine Berührung ärgerte sie ihre Reaktion darauf: ihr Herzschlag, der sich sofort beschleunigte.

„Mir geht’s gut“, sagte sie. Sie entzog sich seinem Zugriff und schaffte es, ihn anzufunkeln. „Bedanken Sie sich einfach, und dann verschwinden Sie.“

„Danke schön“, sagte er. „Aber ich werde nicht verschwinden. Sie haben den ganzen Tag nichts gegessen. Und was Sie heute zum Frühstück hatten, ist längst weg.“

„In mehrfacher Hinsicht“, sagte Nora und musste gegen ihren Willen lächeln.

„Genau. Also erlauben Sie mir, Ihnen meine Dankbarkeit auf eine ganz pragmatische Art und Weise zu zeigen. Gestatten Sie mir, Sie zum Abendessen einzuladen.“ Er zeigte auf das Schnellrestaurant am Ende der Straße: einen klassischen amerikanischen Diner. „Ich habe schon fast die ganze Karte durchprobiert. Ist gar nicht mal schlecht.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Danke für den Tipp. Aber ist Ihnen klar, dass ich in dieser Stadt geboren bin? Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in diesem Diner öfter gegessen habe als Sie, ist ziemlich hoch.“

„Warum sind Sie denn so schlecht gelaunt? Das muss am niedrigen Blutzucker liegen. Sie brauchen etwas zu essen.“ Er legte ihr die Hand auf den Rücken und drängte sie vorwärts. Überraschenderweise ließ sie das zu.

2. KAPITEL

Da habe ich mich aber überrumpeln lassen, überlegte Nora entnervt, als sie und Stephen Remington zu einem Tisch im Lone Star Café geführt wurden. Normalerweise war der Diner abends relativ leer. Aber da die halbe Stadt immer noch keinen Strom hatte, versammelten sich die Familien hier, um frisch zubereitetes Essen zu genießen und über den Tornado zu reden. Daher waren viele Leute da, die interessiert beobachteten, wie Nora sich dem Arzt gegenüber niederließ. Sie setzte sich mit dem Rücken zur Menge, damit sie die neugierigen Blicke nicht sehen musste. Dann seufzte sie.

„Warum der Seufzer?“, fragte Stephen. Anstatt die Speisekarte zu studieren, betrachtete er Nora.

„Das gibt bestimmt jede Menge Gerede“, sagte sie kurz angebunden.

„Was, der Tornado?“

„Nein“, erwiderte sie und wünschte sich, Trixie würde endlich ihre Bestellung aufnehmen. „Ich meine: dass ich mit Ihnen hier bin.“

„Oh.“

„Ja, oh. Ich will nicht, dass die ganze Stadt Vermutungen über mein Privatleben anstellt.“

„Weil …?“ Er sprach nicht weiter.

Sie beugte sich vor und senkte die Stimme. „Weil die Leute denken könnten, dass wir ein Date haben.“

„Ich habe schon gehört, dass Sie nicht oft ausgehen“, gab er zu. „Um genau zu sein, sagte man mir, dass schon mutigere Männer als ich an dieser Herausforderung gescheitert sind. Also, wo liegt das Problem?“

„Miss Nora hasst die Männer“, verkündete eine heitere Stimme.

Nora unterdrückte ein Stöhnen. Ihr Wunsch nach Trixie war in Erfüllung gegangen.

„Danke auch, Trixie“, sagte Nora trocken.

„Ich will doch nur helfen“, erklärte die Kellnerin mit einem breiten Grinsen. „Der Hackbraten ist heute Abend wie immer ganz ausgezeichnet. Und das Brathähnchen auch.“

Stephen deutete auf die Karte. „Ich glaube, wir brauchen noch etwas Zeit zum Überlegen. Aber wir können ja schon mal etwas zu trinken bestellen. Was nehmen Sie, Nora?“

„Kaffee“, erwiderte sie. Im Augenblick wünschte sie sich, sie könnte einfach abhauen. Auf Nimmerwiedersehen.

„Dann nehme ich auch einen Kaffee“, sagte er.

Als Trixie verschwand, schwiegen sie beide. Nora suchte verzweifelt nach einem Gesprächsthema. Unglücklicherweise fiel ihr nichts ein.

„Ich habe gehört, dass der Sturm auf einigen nahe gelegenen Ranchs ganz schöne Schäden angerichtet hat“, sagte Stephen beiläufig. „Sie meinten vorhin, dass Sie schon mit Ihrer Familie gesprochen hätten. Ist bei Ihnen zu Hause alles in Ordnung?“

Sie war so dankbar für diese Frage, dass sie ihn beinahe sympathisch fand. Aber auch nur beinahe. „Ja. Meine Mom hat gesagt, abgesehen vom Haus meines Bruders gab es nur wenig Schäden. Die Arbeiter sind alle in Sicherheit. Sie erzählte, dass unsere Nachbarn, die Fitzgeralds, deutlich mehr abbekommen hätten.“

Stephen lehnte sich vor. Eine Locke seines strohblonden Haares fiel ihm in die Stirn. Dadurch wirkte er unschuldig und verschmitzt – wie ein kleiner Junge, der gerade Unfug ausheckt.

„Ich verstehe. Sie sind eine Darby, stimmt’s? Eine Kämpferin in der berüchtigten Familienfehde zwischen den Darbys und den Fitzgeralds.“

Trixie erschien mit dem Kaffee. Nora bestellte den Hackbraten, während Stephen das Brathähnchen wählte.

„Also, dann erzählen Sie mir mal von der Fehde. Wie hat sie angefangen und wann?“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Sie wollen, dass ich 140 Jahre Geschichte in eine fünfminütige Zusammenfassung quetsche?“

„So ungefähr.“

Während sie am Kaffee nippte, spürte sie, wie die Hitze sich in ihrem Magen ausbreitete. Plötzlich war Nora sehr hungrig. „Also, vor ungefähr 140 Jahren kamen zwei Freunde nach Texas, um dort ihr Glück zu versuchen. Joshua Fitzgerald und Michael Darby waren jung und furchtlos. Im Lone Star Canyon ließen sie sich nieder, auf zwei benachbarten Richerranchs.

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