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Traummann mit Hindernissen

Marie Ferrarella

Traummann mit Hindernissen

1. KAPITEL

„Du machst Witze!“

Als ihr Handy klingelte, hatte Kate Manetti kurz mit dem Gedanken gespielt, den Anruf auf die Mailbox weiterzuleiten. Sie saß in ihrem Büro, auf dessen Tür die silbernen Initialen K. Manetti zu lesen waren, und wusste vor lauter Arbeit kaum, wo ihr der Kopf stand.

Als sie jedoch feststellte, dass der Anruf von Nikki Connors kam, einer ihrer beiden ältesten und besten Freundinnen, gönnte sich Kate vor ihrem Gerichtstermin kurz entschlossen eine Pause. Gespräche mit Nikki – oder Jewel Parnell, ihrer anderen besten Freundin – erinnerten sie daran, dass es auch ein Leben außerhalb der renommierten Kanzlei für Familienrecht gab, in der sie den Großteil ihres Lebens zu verbringen schien.

„Fass dich bitte kurz.“ Kate zog einen kleinen Spiegel aus der Schreibtischschublade, um sich zu vergewissern, dass jedes einzelne mitternachtsschwarze Haar ihrer Hochsteckfrisur an Ort und Stelle saß. Das ersparte ihr nämlich den Abstecher zur Damentoilette. „Ich muss in weniger als fünf Minuten los.“

„Kate, ich habe zwar noch keinen Termin, aber du musst unbedingt meine erste Brautjungfer werden. Du und Jewel. Es macht dir doch nichts aus, mit Jewel zu teilen, oder? Ich kann mich nämlich einfach nicht zwischen euch beiden entscheiden.“

„Warte kurz. Wozu brauchst du eine Brautjungfer?“

Kate wusste die logische Antwort darauf, aber irgendwie konnte das nicht stimmen. Sie und ihre zwei Freundinnen waren beruflich eigentlich viel zu eingespannt, um sich mit Männern zu treffen, ganz zu schweigen davon, die Art Beziehung zu führen, die zu Treueschwüren vor dem Altar führte.

„Weil ich demnächst heiraten werde.“

Kate konnte sich nicht darin erinnern, dass sich Nikki je so glücklich angehört hatte, noch nicht einmal dann, als sie das Medizinstudium als eine der Jahrgangsbesten abgeschlossen hatte. „Du heiratest?“, wiederholte sie fassungslos. Die 29-jährige Anwältin kniff die hellblauen Augen zusammen, als sie versuchte, sich mit dem Gedanken anzufreunden. „Wie in Bis dass der Tod uns scheidet?

Nikki gab keine Antwort. Kate hatte den schwerwiegenden Verdacht, dass ihre Freundin einfach zu glücklich war, um zu reden. Wie sich das wohl anfühlt? fragte sie sich. Vor einigen Jahren war sie selbst einmal mit Matthew McBain verlobt gewesen. Aber die Verlobung war geplatzt, als sich herausstellte, dass der große dunkelhaarige und gut aussehende Strafanwalt eher damit beschäftigt war, sich den Hals nach anderen Frauen zu verrenken, als ihr treu zu sein.

Damals hatte sie erkannt, dass sie offensichtlich im Gegensatz zu dem alten Sprichwort lebte, viele Frösche küssen zu müssen, bis sie einen Prinz fand. Sie selbst hatte viele Prinzen geküsst, die sich dann später als Frösche entpuppten. Und Matthew war der größte Frosch von allen gewesen. Nach dieser Erkenntnis hatte sie beschlossen, sich voll und ganz auf ihre Karriere zu konzentrieren. Eine Karriere gab ihr wenigstens zurück, was sie hineininvestierte, und schlief nicht wild in der Gegend herum.

„Stimmt“, bestätigte Nikki. „Genau die Art.“

„Einen Mann?“

„Ja.“ Nikki lachte.

Dann fiel es Kate wieder ein. Bei ihrem letzten kurzen Treffen hatte Nikki erwähnt, dass sie mit jemandem zusammen war, aber ehrlich gesagt hatte Kate dem nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt.

„Der Typ mit dem Kind?“

„Ja, der Typ mit dem Kind.“ Das Lächeln in Nikkis Stimme war nicht zu überhören. „Ich kriege zwei für den Preis von einem.“

Genau das war der Moment, an dem Kate mit ihrem „Du machst Witze!“ herausplatzte. Direkt danach fiel ihr wieder ein, wie Nikki diesen angeblichen Traumprinzen und seine Brut kennengelernt hatte. „Meinst du etwa den Typen, mit dem dich deine Mutter verkuppelt hat?“ In ihrer Stimme hallte das blanke Entsetzen wider.

„Genau genommen hat meine Mutter mich nicht mit ihm verkuppelt, Kate. Sie hat Lucas ein Haus verkauft, und da er neu in der Gegend war, hat er sie gefragt, ob sie einen guten Kinderarzt kennt. Sie hat ihm meinen Namen nur deshalb gegeben, weil er sie danach gefragt hat.“

Das sah Kate aber ganz anders.

„Das ist doch bloß Haarspalterei. Es war von Anfang an eingefädelt, Nik, und das weißt du genau. Ich weiß es auch. Und weißt du noch was?“

„Was denn, Kate?“

„Nach dem Erfolg deiner Mutter werden die anderen zwei jetzt bestimmt durchdrehen und sich erst recht in unser Leben einmischen – in meins und in das von Jewel“, erklärte sie. „Oh Gott! Nik, kannst du denn nicht einfach in wilder Ehe mit ihm leben? Tu es für Jewel und mich! Ansonsten sind wir dem Untergang geweiht!“

„Kate, so schlimm ist es doch gar nicht“, antwortete Nikki amüsiert.

„Hat das Glück, das ich in deiner Stimme höre, etwa Amnesie bei dir ausgelöst? Hast du denn schon vergessen, wie es war, als wir im College ständig all diesen Männern ausweichen mussten, die unsere Mütter uns vor die Füße warfen?“ Kate schauderte bei der Erinnerung. „Du weißt doch, wie Mütter sind! Ein winzig kleiner Vorgeschmack von Erfolg und sie sind monatelang nicht mehr aufzuhalten. Es würde mich nicht überraschen, heute Abend beim Nachhausekommen einen mit roter Schleife umwickelten Typen vor meiner Tür zu finden!“

„Bist du fertig?“

Kate seufzte. „Vorläufig schon.“

„Okay. Zurück zum Grund meines Anrufs. Kann ich auf dich zählen?“

Kate resignierte. „Ja, du kannst auf mich zählen. Aber beeile dich mit der Hochzeit, okay? Ich werde bis dahin wahrscheinlich die Stadt verlassen müssen, zumindest bis meine Mutter diese Nachricht verdaut hat. Das Zusammenleben mit ihr wird unerträglich werden.“

„Du lebst nicht mit deiner Mutter zusammen“, erklärte Nikki, „im Grunde genommen siehst du sie kaum.“

„Aus gutem Grund.“ Es war nicht so, dass Kate ihre Mutter nicht liebte, wirklich nicht. Sie liebte sie sogar sehr. Aber damit das so blieb, brauchten sie ihrer Meinung nach Abstand. Manchmal konnte es gar nicht genug Abstand sein. „Mom ist so schrecklich altmodisch. Sie glaubt, dass eine Frau ohne Mann unvollständig ist.“ In diesem Moment klopfte es an Kates Tür, und ihr Bruder Cullen steckte den Kopf herein. „Oder ein Mann ohne Frau“, fügte sie hinzu.

Cullen kam herein, nahm ihr Handgelenk und drehte es so, dass er sehen konnte, mit wem seine Schwester gerade telefonierte. Er erkannte Nikkis Nummer. „Ganz genau“, stimmte er zu, „und je mehr Frauen ein Mann hat, desto vollständiger ist er.“ Er grinste breit. Anders als seine Schwester hatte er nämlich ein ausgefülltes Privatleben. Zu ausgefüllt, wie ihre Mutter fand. Cullen blieb nie lange genug mit einer Frau zusammen, als dass es auch nur ansatzweise ernst werden konnte. „Komm schon, Kate, es ist spät. Wir müssen los“, drängte er.

„Ich muss auch auflegen“, erklärte Nikki am anderen Ende der Leitung. „Grüß Cullen von mir“, fügte sie fröhlich hinzu.

„Mach ich. Wir telefonieren später ausführlicher, Nik.“ Kate unterbrach die Verbindung und steckte das Handy in ihre Tasche. Als sie aufstand, stellte sie fest, dass ihr Bruder sie fragend ansah. „Nikki heiratet“, erklärte sie.

Cullen fiel die Kinnlade herunter. „Du machst Witze!“

„Genauso habe ich auch reagiert“, antwortete Kate. „Aber nein, ich scherze nicht.“

Cullen hielt ihr die Tür auf. Er und seine Schwester wollten beide zum Gericht. Kate nahm Cullen mit, da sein Sportwagen sich wieder einmal in der Werkstatt befand.

Sie kam zuerst beim Fahrstuhl an und drückte auf den Knopf.

„Und? Wer ist der Glückliche?“, fragte Cullen.

Das wird eine Katastrophe, dachte Kate. Ich hab’s im Gefühl. Dabei hatte sie es so genossen, dass ihre Mutter ihr nicht mehr bei jeder Gelegenheit ihr mangelndes Liebesleben unter die Nase rieb.

„Irgendein Typ, mit dem ihre Mutter sie verkuppelt hat.“

Cullen sah sie überrascht an. „Ich dachte, Nikki lehnt so etwas ab.“

„Tut sie auch. Ihre Mutter hatte sie einfach nicht eingeweiht.“ Kate runzelte besorgt die Stirn. „Du weißt doch, was das bedeutet, oder?“

Cullen grinste. „Wir gehen einfach nicht mehr ans Telefon?“

„Das ist nicht witzig, Cullen! Letztes Jahr hatte Mom endlich die Waffen gestreckt, aber durch diese Hochzeit wird sie bestimmt wieder zu ihrer alten Form auflaufen!“

Als der Fahrstuhl kam, war er ausnahmsweise leer. Sie stiegen ein. „Das klingt ja, als würdest du Krieg erwarten“, sagte Cullen lachend.

Kate warf den Kopf mit dem von einer Armee Nadeln gebändigten Haar in den Nacken. Sie trug es vor Gericht grundsätzlich hochgesteckt. „Klar, das ist Krieg!“

Und das wussten sie beide auch ganz genau.

„Eins muss ich dir wirklich lassen, Maizie.“ Theresa Manettis Stimme zitterte geradezu vor Ehrfurcht. „Bei deinem Vorschlag, unsere beruflichen Kontakte dafür zu nutzen, Ehemänner für unsere Mädchen zu finden, hatte ich zuerst ernsthafte Zweifel.“

Bewundernd betrachtete sie die Frau, die sie schon seit der dritten Klasse kannte. Das wöchentliche Pokerspiel mit ihren zwei Freundinnen war plötzlich Nebensache, denn Maizie Connors hatte soeben verkündet, dass ihre Tochter Nikki sich verlobt hatte. Es war ihr also tatsächlich gelungen, den Plan, einen geeigneten Mann für ihre Tochter zu finden, in die Tat umzusetzen. Etwas, das sich im Übrigen alle drei Freundinnen vorgenommen hatten.

„Aber du hast es wirklich geschafft“, fuhr Theresa fort. „Du hast einen Mann für Nikki gefunden, und ihr sprecht trotzdem noch miteinander. Eine wahre Heldentat in meinen Augen. Kannst du mir auch so einen suchen?“ Cecilia Parnells verwirrter Gesichtsausdruck machte Theresa bewusst, dass sie sich anscheinend nicht klar genug ausgedrückt hatte. „Einen Mann für Kate, meine ich.“

Seufzend erklärte sie etwa zum hundertsten Mal, was sie alle schon lange wussten: „Seit dieser schreckliche Matthew ihr Herz durch den Fleischwolf gedreht hat, beharrt Kate steif und fest darauf, nie heiraten zu wollen. Ihre Karriere reicht ihr vollkommen.“

Maizie hörte voller Mitgefühl zu. „Sie braucht einfach nur einen guten Mann, dann wird sie ihre Meinung schon ändern.“ Zuversichtlich sah sie ihre Freundinnen an. „Wir drei werden schon jemanden auftreiben.“

„Wir drei?“, wiederholte Cecilia skeptisch.

„Na klar! Ich verkaufe Häuser, du hast eine Reinigungsfirma, die in einigen der besten Häuser von Orange County tätig ist, und du …“, Maizie richtete ihre scharfen blauen Augen auf Theresa, „… leitest ein Catering-Unternehmen. Wir haben mehr Kontakte zu anderen Menschen als die meisten anderen. Da dürfte es ja wohl kein Problem sein, zwei nette Männer aufzutreiben.“

Theresa wollte gern mitmachen, aber sie kannte ihre Schwächen genauso gut wie ihre Stärken. Ihre Stärken waren ihre liebevolle Art und ihre Kochkünste. Zu ihren Schwächen gehörte Small Talk. „Ihr seid in diesen Dingen viel besser als ich“, sagte sie.

„Verkauf dich nicht unter Wert, Theresa! Du bist der liebenswürdigste Mensch, den ich kenne.“ Maizie warf rasch einen Blick auf die Dritte im Bunde. „Nichts gegen dich, Cecilia.“

Cecilia schien das jedoch nichts weiter auszumachen. „Schon gut, wir wissen schließlich alle, was für ein gutes Herz Theresa hat.“

„Mach dir keine Sorgen, Theresa. Wir sind in drei verschiedenen Berufen aktiv und haben daher dreimal so viele Möglichkeiten. Halte einfach nur die Augen auf und – wer weiß?“ Sie zwinkerte ihren Freundinnen verschwörerisch zu. „Vielleicht kaufen wir nächstes Jahr um diese Zeit schon alle Babykleidung.“

„Dein Wunsch in Gottes Ohr“, murmelte Theresa.

„Ganz meine Meinung“, stimmte Maizie breit grinsend zu.

Theresa hatte Maizies Worte noch im Kopf, als sie sich am nächsten Tag auf den Weg in die Republic National Bank machte, um sich mit Jackson Wainwright zu treffen, einem potenziellen Kunden.

Bei seinem Anblick wurde ihr schlagartig bewusst: Vor ihr stand genau der Typ Mann, der ihrer Tochter unter Garantie gefallen würde.

Jackson Wainwright war groß gewachsen und so unglaublich attraktiv, dass Theresa bei seinem Anblick spontan der Begriff schneidig einfiel. Klar, das klang ziemlich altmodisch, aber weil sein Haar rabenschwarz und das Profil wie gemeißelt war, die Augen magnetisch blau und die Schultern breit waren, musste sie unwillkürlich an die Filmhelden denken, mit denen sie groß geworden war.

Der Mann telefonierte gerade – und wirkte alles andere als glücklich bei dem Gespräch. Er nickte Theresa zur Begrüßung stumm zu und forderte sie mit einer Handbewegung auf, es sich auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch bequem zu machen.

Obwohl er mit gedämpfter Stimme sprach, war nicht zu überhören, dass ihn die Person am anderen Ende der Leitung extrem irritierte.

„Ich habe jetzt keine Zeit, mich mir dir zu streiten, Jonah! Meine Antwort lautet Nein. Ich leihe dir kein Geld mehr. Wenn du Geld brauchst, dann komm vorbei, und ich sehe zu, wie ich dir einen Job besorgen kann.“

Mit zusammengepressten Lippen legte er den Hörer auf. Offensichtlich hatte sein Gesprächspartner das Telefonat beendet.

Wainwright schenkte Theresa ein Lächeln, das sofort den ganzen Raum erhellte. „Entschuldigen Sie bitte.“

„Keine Ursache, Mr. Wainwright. Schließlich bin ich hier einfach so hereingeplatzt.“ Sie wusste, dass sie es eigentlich dabei bewenden lassen sollte, aber sie konnte sich die nächste Frage einfach nicht verkneifen: „Familienprobleme?“

Jackson Wainwright war etwas geschockt wegen der – noch dazu voll ins Schwarze treffenden – Frage. „Woher wissen Sie das?“

Theresa zeigte auf seine rechte Hand. „Ihre Knöchel waren eben ganz weiß.“ Sie lächelte verständnisvoll. „Familienmitglieder können einen ganz schön fertigmachen. Ich liebe meine beiden Kinder mehr als mich selbst, aber manchmal könnte ich sie erwürgen.“

Jackson war von Natur aus nicht besonders verschlossen, aber normalerweise vertraute er sich auch nicht der erstbesten Fremden an. Aber diese Frau, die ihm gegenübersaß, hatte etwas so Warmes und Verständnisvolles – und er war wegen Jonah gerade mit den Nerven am Ende.

Jackson war extra von San Francisco in seine alte Heimatstadt zurückgekehrt, um seinen älteren Bruder besser im Auge behalten zu können. Dessen Selbstzerstörungstrip war in der letzten Zeit nämlich noch extremer geworden, als er es ohnehin schon war. Doch nach kaum einer Woche hatten sie sich schon total zerstritten, und Jackson war inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem er einfach mit jemandem darüber reden musste, wenn er nicht explodieren wollte.

Also begann er zu erzählen.

„Das können Sie laut sagen“, sagte er. „Mein Bruder Jonah benimmt sich wie ein kleines Kind. Er will einfach nicht erwachsen werden.“

„Ihr jüngerer Bruder?“, riet Theresa.

„Nein, älter“, antwortete Jackson kopfschüttelnd. „Das ist ja das Komische. Eigentlich müsste Jonah der Klügere von uns beiden sein.“

„Nicht unbedingt“, antwortete Theresa. „Nicht die Reihenfolge der Geburt, sondern das persönliche Temperament entscheidet darüber, wie jemand mit Verantwortung umgeht.“

Jackson zögerte. „Ich muss mich nochmals bei Ihnen entschuldigen. Eigentlich habe ich Sie nicht hergebeten, damit Sie sich meine Probleme anhören.“

Theresa lächelte. „Das ist bei mir im Preis inbegriffen. Ich bin übrigens Theresa Manetti.“ Sie beugte sich vor und hielt ihm ihre Hand hin.

Jackson fühlte sich spontan zu dieser warmherzigen Frau hingezogen. „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Theresa.“

Er hat einen angenehm kräftigen Händedruck, dachte Theresa. Ihr Vater hatte immer gesagt, dass ein Händedruck viel über einen Mann verriet. Demnach war Jackson ein Mensch, der Verantwortung nicht scheute und zu seinen Überzeugungen stand – sehr vielversprechend.

„Passen Sie schon lange auf Ihren Bruder auf?“, fragte sie mit aufrichtigem Interesse.

Jackson musste unwillkürlich lachen. So hatte er das noch nie gesehen, aber in ihrer sanften Stimme hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen.

„Eigentlich seit dem Tod meiner Eltern“, antwortete er. Eine gefühlte Ewigkeit also.

Aber sein Bruder war nicht das einzige Problem, mit dem er sich derzeit herumschlug. Morton Bloom, Jacksons Anwalt für Familienrecht, war nämlich letzten Montag überraschend verstorben. Der 62-Jährige war einfach nicht mehr aufgewacht und dummerweise hatte er keinen Partner. Es gab also niemanden, der in seine Fußstapfen treten konnte.

Sein Tod kam zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Jackson hatte sich nämlich gerade dazu durchgerungen, den Vertrag zu Jonahs Treuhandfonds ändern zu lassen. „Sie kennen nicht zufällig einen guten Anwalt?“, fragte Jackson halb im Scherz.

„Mehrere sogar, Mr. Wainwright“, antwortete Theresa zu seiner Überraschung. „Was für eine Art Anwalt suchen Sie denn genau?“

„Einen geduldigen.“ Sein Lächeln würde Kate sofort dahinschmelzen lassen, dachte Theresa. „Tut mir leid“, entschuldigte sich Jackson zum inzwischen dritten Mal innerhalb von fünf Minuten. „Das war etwas flapsig, auch wenn es leider stimmt. Ein Teil des Jobs bestünde nämlich darin, sich mit meinem Bruder herumzuschlagen. Ich brauche einen Anwalt für Familienrecht“, fügte er hinzu und seufzte tief. „Ich habe ein paar harte Tage hinter mir, Mrs. Manetti. Aber jetzt zur Party und zum Catering …“

Normalerweise unterbrach Theresa grundsätzlich nie einen Kunden. Aber sie konnte sich diese einmalige Chance nicht entgehen lassen und sagte: „Zufällig kenne ich zwei ausgezeichnete Anwälte für Familienrecht.“

Jackson verstummte überrascht. Aber was hatte er schon zu verlieren? „Warum geben Sie mir nicht einfach die Namen, wenn wir fertig sind?“

Doch Theresa hatte eine bessere Idee. „Warum nicht gleich jetzt? Dann haben wir das hinter uns“, antwortete sie. „Danach können wir uns ungestört auf die Einzelheiten der Party konzentrieren.“

„Okay“, stimmte Jackson zu.

Theresa schrieb die Namen ihrer Kinder auf, wobei sie sich ausnahmsweise nur auf Kates Initialen beschränkte.

Jackson warf einen Blick auf den Zettel: K. C. Manetti und Cullen Manetti.

„Manetti?“, fragte er belustigt. „Verwandte von Ihnen?“

Theresa erwiderte sein Lächeln. „Ich habe doch vorhin erwähnt, dass ich meine Kinder manchmal erwürgen könnte“, antwortete sie. „Das sind sie. Zufällig beide ausgezeichnete Anwälte“, fügte sie stolz hinzu. „Darin kommen sie ganz nach ihrem verstorbenen Vater.“

„Ich werde in der Kanzlei anrufen“, sagte Jackson und steckte den Zettel ein.

Theresa holte tief Luft und drückte innerlich die Daumen. Was sie anging, so hatte sie alles Menschenmögliche getan – vorerst. „Und jetzt erzählen Sie mir mal, was Sie für Pläne haben.“

Jackson blinzelte verwirrt. „Wie bitte?“

„Für die Party“, half Theresa ihm auf die Sprünge.

„Stimmt. Sorry.“ Was war denn das? Seine vierte Entschuldigung gegenüber dieser Frau? Doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihn verstand. „Ich bin anscheinend ein bisschen überarbeitet.“

„Vielleicht sollten wir das Gespräch verschieben?“, fragte Theresa.

Sie hätte kein Problem damit. Schließlich hatte sie schon viel mehr erreicht, als sie je für möglich gehalten hätte. Und je eher sie ging, desto schneller konnte sie in die St.-Anne-Kirche fahren und ein paar Kerzen anzünden. Etwas Unterstützung von oben konnte schließlich nicht schaden.

„Ich fürchte, einen passenderen Termin finden wir nicht“, entschuldigte sich Jackson und setzte sich wieder an den Schreibtisch. „Okay, zur Party also …“

Cullen steckte den Kopf in Kates Büro. „Hey Kate, du musst mir unbedingt einen Gefallen tun.“

Kate blickte flüchtig hoch.

„Auf keinen Fall werde ich schon wieder einen deiner Five-Night-Stands anrufen, um ihr zu sagen, dass du beruflich dringend die Stadt verlassen musstest. Du bist schon ein großer Junge. Wenn du mit jemandem Schluss machen willst, mach es gefälligst selbst.“

„Erstens ist Allison kein Five-Night-Stand, wir kennen uns nämlich schon seit zwei Wochen …“

„Du solltest die Medien informieren“, sagte Kate ungerührt.

Cullen überhörte sie absichtlich. „Und zweitens geht es um etwas ganz anderes. Ich hatte ganz vergessen, dass ich in einer halben Stunde in Tustin sein muss, und Sheila hat aus Versehen einen Termin mit einem neuen Mandanten für halb eins vereinbart. Tu mir bitte den Gefallen und übernimm ihn für mich.“

Kate hörte auf zu tippen, lehnte sich im Stuhl zurück und sah ihren Bruder an. „Und wo ist der Haken dabei?“

Cullen breitete die Arme aus und warf ihr seinen überzeugendsten Unschuldsblick zu. „Es gibt keinen Haken. Jackson Wainwright ist einfach nur ein neuer Mandant. Sein Anwalt ist überraschend verstorben, und er braucht dringend jemanden wegen irgendeines Vermögensfonds.“ Cullen legte den Kopf schief. „Du kriegst das doch hin, oder?“ Er wusste genau, dass seine Schwester auf nichts schneller ansprang als auf Zweifel hinsichtlich ihrer Kompetenz. „Wir haben schließlich denselben Nachnamen. Er wird glauben, du seiest ich.“

„Nur wenn er blind und taub ist“, antwortete Kate. Sie warf einen Blick auf ihren Terminkalender. „Ich habe genau eine halbe Stunde für diesen Wainwright, mehr nicht. Danach muss ich zum Gericht und Mrs. Greenfields Namensänderung beantragen.“

Cullen warf einen Blick auf die Uhr. „Ich muss los.“

„Dafür bist du mir noch etwas schuldig!“, konnte Kate ihm gerade noch hinterherrufen.

Kate war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie das Klopfen an ihrer Tür erst beim zweiten Mal hörte. Genervt seufzte sie auf. Was ist denn jetzt schon wieder?

Sie unterteilte ihre Arbeit grundsätzlich in 15-Minuten-Abschnitte. Jetzt war es 20 nach 12. Noch zehn Minuten, bis Cullens neuer Mandant kam.

„Kommen Sie rein, Sheila“, rief sie, ohne hochzusehen. Da sie den Faden nicht verlieren wollte, tippte sie weiter. „Eine Minute noch. Ich muss das hier nur erst fertig schreiben, bevor der abgelegte Mandant meines Bruders auftaucht.“ Kate hörte, wie sich die Tür öffnete und wieder schloss. „Legen Sie einfach auf den Tisch, was Sie haben.“ Sie tippte die Schlusszeile. „So, geschafft!“, rief sie triumphierend.

Als sie aufblickte, entdeckte sie zu ihrem Schrecken einen unglaublich gut aussehenden Mann im maßgeschneiderten Anzug. Er saß vor ihr auf der Schreibtischkante und lächelte sie an. Wie – und wann – war das denn passiert?

„Oh! Hallo!“, sagte sie verunsichert.

„Hi.“

Da er seiner Begrüßung nichts mehr hinzuzufügen schien, fragte sie: „Und Sie sind?“

Sein Lächeln verbreiterte sich. „Der abgelegte Mandant Ihres Bruders, vermute ich.“

Oh Gott! Warum hatte sie nicht gleich hochgesehen? Außerdem, was fiel Sheila überhaupt ein, einen Mandanten einfach so hereinkommen zu lassen?

„Jackson Wainwright?“

Der Mann nickte. „Genau der.“

Schadensbegrenzung! Kate räusperte sich verlegen. „Natürlich meinte ich abgelegt im besten Sinne des Wortes.“

Seine Augen funkelten belustigt. „Ich wusste gar nicht, dass es überhaupt eine positive Bedeutung für das Wort gibt.“

„Es tut mir ja so leid, ich …“ Kate spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Ihr Vater hatte sie immer davor gewarnt zu erröten, wenn sie als Anwältin ...

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