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Traummann auf Raten

1. KAPITEL

Die Luft im Arbeitszimmer war kalt und abgestanden. Außerdem war es düster, denn draußen ging ein nebliger Februartag zu Ende, und die halb zugezogenen Vorhänge vor den hohen Fenstern ließen nur wenig Licht herein. Trotzdem hatte die junge Frau im massigen Ledersessel neben dem Kamin weder eine der Lampen eingeschaltet noch die ordentlich geschichteten Scheite auf dem Rost angezündet.

Ihr einziger Schutz gegen die Kälte war ein alter Hausmantel aus Samt, den sie wie eine Decke über ihre Beine gebreitet hatte. Und jedes Mal, wenn sie darauf hinabsah und den ausgeblichenen Stoff berührte, stieg ihr ein schwacher Zigarrenduft in die Nase.

Unvorstellbar, dass Lionel den Mantel nie wieder tragen würde. Dass er nie wieder durch diese Tür kommen würde, groß, laut und unerschütterlich gütig. Dass er sich nie wieder die Hände reiben und über das Wetter beklagen würde, das Gesicht gerötet von einem Marsch mit den Hunden über die Hügel oder einem Ausritt auf seinem neuesten Jagdpferd.

Als der neue Fuchs am Vortag ohne ihn heimgekehrt war, hatte Sadie, die Pferdepflegerin, berichtet, sie habe Lionel gewarnt, dass das Tier noch zu fremd sei. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie noch vermutet, Lionel wäre abgeworfen worden und hätte sich schlimmstenfalls das Schlüsselbein gebrochen.

Stattdessen hatte er jedoch eine schwere Herzattacke erlitten und war aus dem Sattel gestürzt, wie Dr. Fraser ihnen später erklärte. Genau der Tod, den Lionel sich gewünscht hätte, hatte der Arzt hinzugefügt.

Joanna konnte damit umgehen. Lionel war stets rastlos und aktiv gewesen. Nachdem er vor fünf Jahren als Vorsitzender von Verne Investments zurückgetreten war, hatte er unablässig nach einer Beschäftigung gesucht, um die Langeweile zu vertreiben. Nach einem Leben voller Hektik hatte er nichts mehr gefürchtet, als chronisch krank zu sein oder gar bettlägerig.

Das änderte allerdings nichts am Schock für die Hinterbliebenen. Joanna wurde die Kehle eng. Ihre Gedanken drehten sich pausenlos um eine Frage: Was würde nun aus ihr werden?

Lionels Tod hatte alles geändert und alte Gewohnheiten über den Haufen geworfen.

Bis gestern war sie Joanna Verne gewesen, seine Schwiegertochter. Die Frau, die ihm den Haushalt führte und sich mit all den lästigen häuslichen Dingen befasste, mit denen er nicht behelligt werden wollte.

Vierundzwanzig Stunden später war sie zur unerwünschten Person geworden. Die entfremdete Frau von Lionels Sohn und Erben Gabriel Verne, der die letzten beiden Jahre damit verbracht hatte, um den Globus zu jetten und den Erfolg von Verne Investments zu mehren. Er hatte dafür gesorgt, dass sein Vater und er nicht nur reich, sondern superreich waren.

Gabriel würde jetzt nach Hause kommen, um Westroe Manor für sich zu beanspruchen und endlich die Frau loszuwerden, die er nie gewollt hatte. Und deren Stiefmutter, dachte sie bitter.

In der Ferne hörte sie die Türglocke läuten. Joanna schob den wärmenden Mantel beiseite und stand auf. Sie hatte Henry Fortescue, Lionels Anwalt, um einen Besuch gebeten und wollte nicht, dass er sie grübelnd in der Dunkelheit vorfand. Schließlich war sie es sich selbst – und Lionel – schuldig, dass sie sich tapfer den Tatsachen stellte.

Nachdem sie die Vorhänge vollends geschlossen hatte, schaltete sie den Kronleuchter ein und kniete sich vor den Kamin, um das Feuer zu entfachen. Als Mr. Fortescue von Mrs. Ashby hereingeführt wurde, loderten die Flammen über die Scheite, und das Arbeitszimmer wirkte wesentlich heimeliger.

Henry Fortescues Miene war angespannt und traurig. Er und Lionel waren seit ihrer Kindheit befreundet gewesen. Mitfühlend erhob Joanna sich und wischte sich die staubigen Hände an den Jeans ab.

Er kam zu ihr und nahm ihre Hand. „Joanna, meine Liebe. Es tut mir so Leid … Ich kann es noch immer kaum fassen.“

„Ich auch nicht.“ Sie tätschelte seinen Arm. „Ich werde mir einen Whisky gönnen. Leisten Sie mir dabei Gesellschaft?“ Angesichts seines Erstaunens musste sie lächeln. „Ich bin alt genug, und ich finde, wir könnten beide einen vertragen.“

„Da haben Sie sicher Recht.“ Zögernd erwiderte er ihr Lächeln. „Aber bitte nur einen ganz kleinen. Ich muss noch fahren.“

„Quellwasser?“ fragte Joanna, während sie den Barschrank öffnete.

„O ja. Ich würde es nie wagen, Lionels Andenken zu beleidigen, indem ich seinen besten Maltwhisky mit Soda mische.“ Er hob das Glas, das sie ihm gereicht hatte. „Worauf wollen wir trinken?“

„Wie wärs mit ‚Auf abwesende Freunde‘?“

Nachdem sie den Toast ausgebracht hatten, nahmen sie rechts und links vom Kamin Platz.

„Und wie geht es Mrs. Elcott?“ erkundigte er sich nach einer Pause.

Joanna biss sich auf die Lippe. „Sie ist auf ihrem Zimmer – am Boden zerstört.“

„Davon bin ich überzeugt“, versicherte Henry Fortescue trocken. „Es muss immens frustrierend für sie sein, dass ihre Hoffnungen sich nun nicht mehr erfüllen werden.“

Sie zog die Brauen hoch. „Das, mein lieber Mr. Fortescue, könnte man fast als indiskret bezeichnen“, tadelte sie ihn ironisch.

„So war es auch gemeint. Ich wusste genau, worauf sie aus war, und es hat mir absolut nicht gefallen – weder als Lionels Freund noch als sein Anwalt.“

Joanna seufzte. „Lionel war zu gut für diese Welt. Allein wenn man bedenkt, was er für mich getan hat …“

„Sie wollen doch hoffentlich nicht Ihre Situation mit der Ihrer Stiefmutter vergleichen“, sagte er stirnrunzelnd. „Für Lionel war es ganz selbstverständlich, Ihnen nach dem Tod Ihres Vaters ein Heim zu bieten. Ihre Mutter war schließlich seine Lieblingscousine. Cynthia hatte allerdings keinen Anspruch auf seine Großzügigkeit. Jeremy und sie waren erst wenige Monate verheiratet, als der Unfall geschah. Für Lionel war sie eine völlig Fremde.“ Er schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Sie war eine junge, gesunde Frau und ist es immer noch. Nichts hätte sie daran gehindert, wieder als Sekretärin zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Stattdessen hat sie sich an Ihren Rockzipfel gehängt und ist hier eingezogen.“ Der alte Anwalt stieß einen verächtlichen Laut aus. „Eigentlich hätte sie den Haushalt führen müssen, das war nämlich Lionels Absicht.“

„Mich hat es nicht gestört.“ Sie trank einen Schluck. „Außerdem war Hauswirtschaft nie Cynthias Stärke.“

„Was dann?“

„Nun ja, sie kann recht dekorativ sein.“

Im Gegensatz zu mir, dachte sie wehmütig. Sie erinnerte sich noch genau, wie sie als ungelenker Teenager aufgeregt darauf gewartet hatte, der neuen Frau ihres Vaters vorgestellt zu werden, und lediglich einen geringschätzigen Blick und die spöttische Bemerkung: „Meine Güte, was für ein unscheinbares Ding!“ erntete.

„Egal, es ist ja nicht mehr für lange“, fuhr Joanna fort. „Ich hoffe nur, sie hat nichts von ihrem Beruf verlernt, denn ich glaube nicht, dass Gabriel ihr gestatten wird, auf seine Kosten zu leben. Mir auch nicht“, setzte sie hinzu.

Mr. Fortescue rutschte unbehaglich in seinem Sessel hin und her. „Joanna … Mrs. Verne, Sie werden natürlich gewisse Anrechte haben …“

„Unterhalt oder so.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ich will nichts. Und bitte, nennen Sie mich nicht Mrs. Verne. Ab jetzt werde ich wieder meinen Mädchennamen tragen.“

„Ist das wirklich nötig?“ Er klang besorgt.

„Ja.“ Joanna nickte. „Ich habe Sie heute Abend hauptsächlich herkommen lassen, weil ich Sie um einen Gefallen bitten will. Ich möchte, dass Sie Gabriel einen Brief von mir aushändigen. Sie haben offenbar Kontakt zu ihm und ich nicht.“ Sie zögerte. „Als Lionel noch lebte, wollte er nichts von Scheidung hören. Sie kannten seine Ansichten über dieses Thema. Aber nun ist alles anders.“

„Ich weiß, dass er stets auf eine Versöhnung zwischen Ihnen und Gabriel gehofft hat. Er hat die Schuld am Scheitern Ihrer Beziehung zum Teil bei sich selbst gesucht, weil er glaubte, Sie beide zur Ehe gedrängt zu haben, bevor Sie bereit dazu waren.“

Sie stand auf, ging zum Tisch und nahm einen versiegelten Umschlag auf. „Ich biete ihm einen schnelle, saubere Scheidung ohne irgendwelche Vorwürfe.“ Ein kühles Lächeln umspielte ihre Lippen. „Eingedenk seiner unzähligen Schlagzeilen in der Klatschpresse finde ich das recht großzügig.“

„Als Anwalt halte ich es für verrückt“, entgegnete er.

„Vergessen Sie nicht, Sie sind jetzt Gabriels Anwalt, nicht meiner.“ Sie reichte ihm das Kuvert. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es an ihn weiterleiten würden. Es gibt keinen Grund mehr, die Sache länger hinauszuzögern.“

Er betrachtete den Umschlag zweifelnd. „Sie können ihm den Brief doch selbst geben, wenn er zur Beerdigung kommt.“

Joanna spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. „Nach dem schrecklichen Streit vor seiner Abreise dachte ich, er würde der Beisetzung fernbleiben“, flüsterte sie. „Wie dumm von mir.“

„Trotz der bitteren Worte von damals würde Gabriel bei einem solchen Anlass niemals fehlen. Lionel wurde von den Leuten in der Umgebung respektiert und geliebt, und jedes Anzeichen von Missachtung – insbesondere seitens seines Erben – würde unweigerlich Abneigung hervorrufen.“

„Ja, natürlich.“ Sie lachte bitter. „Ich wusste nicht, dass er so viel Wert auf Konventionen legt.“

„Gabriel ist jetzt der Besitzer von Westroe Manor. Er kennt seine Pflichten.“

„Diesen Begriff würde ich nicht unbedingt mit meinem ehemaligen Mann in Verbindung bringen.“ Sie bemerkte die missbilligende Miene des Anwalts und setzte sich wieder. „Entschuldigung. Ich bin ein bisschen durcheinander, das ist alles. Eigentlich hatte ich gedacht, dass mir vor seiner Rückkehr mehr Zeit bleiben würde, um über meine Pläne zu entscheiden.“

„Was schwebt Ihnen denn vor?“

„Ich weiß es selbst nicht.“ Joanna seufzte. „Ich versuche ständig, mir über meine Zukunft klar zu werden, aber meine Gedanken drehen sich im Kreis.“

„Es ist noch sehr früh dafür.“

„O nein. Sie haben mir gerade bewiesen, dass es später ist, als ich dachte. Ich muss mich auf dieses Problem konzentrieren.“ Sie atmete tief durch. „Haben Sie gehört, wann Gabriel eintreffen wird?“

„Ich glaube, er will übermorgen kommen“, erklärte Henry Fortescue. „Er hat darum gebeten, mit der Testamentseröffnung bis nach der Beerdigung zu warten.“

„Wie traditionsbewusst.“ Sie faltete die zitternden Hände im Schoß. „Er beabsichtigt also tatsächlich, den Herrn des Hauses zu spielen.“

„Daran bestand meiner Meinung nach nie der geringste Zweifel.“ Er trank seinen Whisky aus und stellte das Glas beiseite. „Soll ich Ihren Brief immer noch weiterleiten?“

„Unter diesen Umständen ist es vermutlich einfacher, wenn ich es selbst erledige. Es tut mir Leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe.“

„Das tun Sie doch nie, Joanna.“ Während er ihr die Hand schüttelte, betrachtete er ernst ihr blasses Gesicht. „Zu guter Letzt ein Rat von mir. Legen Sie den Namen Ihres Ehemannes nicht zu überstürzt ab, gedulden Sie sich wenigstens bis nach der Beisetzung. Vergessen Sie nicht die Meinung der Einheimischen. Die nächsten Tage werden für Sie schwer genug sein, auch ohne zusätzliche Schwierigkeiten, wie Kritik heraufzubeschwören.“

„Ja“, flüsterte sie. „Da haben Sie sicher Recht. Danke.“

„Ich finde allein den Weg hinaus.“ Nach einer kurzen Verbeugung verließ der Anwalt das Zimmer. Kurz darauf hörte sie ihn mit Mrs. Ashby sprechen, und dann fiel die Vordertür ins Schloss.

Joanna lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Inzwischen zitterten nicht mehr nur ihre Hände, sondern ihr ganzer Körper. Der Schock über Lionels plötzlichen Tod hatte sie für die unausweichlichen Konsequenzen blind gemacht.

Da Gabriel seit über zwei Jahren nicht mehr auf Westroe Manor gewesen war und den Bruch zwischen ihnen mehr oder minder offiziell vollzogen hatte, war sie zu dem Schluss gelangt, dass er sich mit der Rückkehr Zeit lassen würde. Dass er viel zu sehr damit beschäftigt sei, tagsüber den Superman der Finanzwelt und nachts den Playboy zu spielen, um sich mit seinem alten Heim zu befassen, zumal dort seine ungeliebte und verstoßene Ehefrau lebte.

Weiß er überhaupt, dass ich noch immer hier wohne? Überlegte sie. Oder dass ich für seinen Vater den Haushalt geführt und das Personal beaufsichtigt habe?

Natürlich weiß er es, sagte sie sich resigniert. Gabriels Lebensinhalt ist es, über alles und jeden informiert zu sein.

Unvermittelt erschien sein Bild vor ihrem geistigen Auge: ein schmales, sonnengebräuntes Gesicht mit goldbraunen Augen und sinnlichen Lippen … Rasch verdrängte sie die Erinnerung. Sie wollte jetzt nicht an Gabriels Mund denken oder an seine Hände oder gar an seinen schlanken, durchtrainierten Körper, mit dem er sie besessen hatte.

Die Ereignisse der wenigen gemeinsamen Nächte mit ihm hatten sich ihr unauslöschlich eingeprägt, egal, wie sehr sie sich auch bemühte, sie zu vergessen. Genauso wie die verächtlichen Worte, mit denen er ihre Ehe beendet hatte.

„Ich werde uns beiden einen Gefallen tun und mir eine andere Form der Unterhaltung suchen.“ Sein eisiger Tonfall hatte ihre aufgewühlten Sinne wie ein Peitschenhieb getroffen.

Und er hat Wort gehalten, dachte sie bitter. Er hatte kein Geheimnis aus seinen Seitensprüngen gemacht und war für immer längere Zeiträume fortgeblieben, bis selbst Lionel die Abwesenheit seines Sohnes nicht mehr mit Arbeit hatte entschuldigen können.

Doch eines Tages war Gabriel zurückgekehrt – allerdings nur, um seine restlichen Sachen abzuholen. Er werde ausziehen, hatte er verkündet, dieses Mal für immer.

Daraufhin war es zu einer lautstarken Auseinandersetzung gekommen, einem wütenden, schrecklichen Streit. Vater und Sohn hatten einander wie Feinde gegenübergestanden. Auf beiden Seiten waren harte, unverzeihliche Worte gefallen, während Joanna die Hände auf die Ohren gepresst und die Streithähne angefleht hatte, endlich aufzuhören.

„Du bleibst hier, verdammt noch mal“, hatte Lionel gedonnert, „und erfüllst deine Pflicht deiner Frau gegenüber – sofern sie überhaupt bereit ist, dir zu vergeben. Oder du betrittst nie wieder dieses Haus.“

Sie hatte Gabriel angeschaut und stumm das Wort „bitte“ mit den Lippen geformt, wobei sie selbst nicht wusste, ob sie ihn bitten wollte zu gehen oder zu bleiben. Ein flammender Blick aus goldbraunen Augen hatte sie getroffen.

„Tut mir Leid“, hatte Gabriel verächtlich erklärt, „aber es gibt Opfer, die sollte man von keinem Mann verlangen.“

Und dann war er gegangen.

Verzweifelt über den Aufruhr, den das Scheitern ihrer Ehe verursacht hatte, und von Erinnerungen gequält, hatte sie ebenfalls ausziehen wollen, doch Lionel hatte es ihr verboten.

„Du bist meine Schwiegertochter und Herrin dieses Hauses.“ Sein Ton hatte keinen Widerspruch geduldet. „Dein Heim ist hier.“

Vielleicht hätte sie sich dagegen auflehnen sollen. Auf ihrer Abreise beharren. Ihre Abschlussnoten von der Schule waren gut genug gewesen, um ihr ein Stipendium an der Universität zu sichern – trotzdem hatte sie die Gelegenheit nicht ergriffen. Hätte sie es getan, würde sie jetzt am Anfang ihrer beruflichen Karriere stehen. Hätte ein eigenes Leben. Aber sie war geblieben, weil sie das Gefühl gehabt hatte, Lionel mehr als nur Loyalität schuldig zu sein, weil er sich ihretwegen mit seinem Sohn überworfen hatte.

Dabei war das Scheitern ihrer Ehe gar nicht der strittige Punkt gewesen. Lionel und Gabriel hatten schon immer ein gespanntes Verhältnis gehabt. Abgesehen von einem ausgeprägten Geschäftssinn hatte Vater und Sohn nur wenig verbunden.

Sie hatten einander nicht einmal ähnlich gesehen. Lionel war untersetzt und blond gewesen, mit einem stets geröteten Gesicht. Gabriel hingegen war groß, schlank und muskulös. Sein attraktives Äußeres und den dunklen Teint hatte er eindeutig von seiner italienischen Mutter geerbt.

Auch vom Temperament her lagen zwischen den beiden Männern Welten. Lionel war freimütig und sentimental. Ein Mann, der das Leben aus vollen Zügen genossen und stets ein freundliches Wort für seine Nachbarn übrig gehabt hatte.

Während Gabriel …

Joanna überlegte. Was war Gabriel? Hatte sie ihn je wirklich gekannt?

Da waren natürlich die oberflächlichen Merkmale. Die ruhige, ein wenig herablassend klingende Stimme, das charmante Lächeln, die sportliche Figur, der Wagemut, den er auf dem Polofeld zeigte, die Kaltblütigkeit bei Geschäftsabschlüssen. Aber nichts von alledem verriet auch nur ansatzweise, was sich in seinem Inneren abspielte.

Er schien die Welt mit spöttischer Distanz zu betrachten. Ihm war stets eine gewisse Reserviertheit, Beherrschtheit eigen, sogar wenn er mit ihr geschlafen hatte – zumindest nach dem ersten Mal, wie sie sich bekümmert erinnerte. Seine Haltung hatte sie gezwungen, sich weiterhin in Schüchternheit und nervöse Anspannung zu flüchten.

Widerstrebend musste Joanna einräumen, dass sie ihn dafür nicht verantwortlich machen konnte. Er war in diese Situation hineinmanövriert worden.

Lionel hatte sich gerade als Aufsichtsratsvorsitzender von Verne Investments zur Ruhe gesetzt und Gabriel unbedingt als seinen Nachfolger etablieren wollen – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.

Joanna hatte um die ständigen Reibereien um Gabriels angeblich verwerflichen Lebensstil gewusst: Partys am laufenden Band, exklusive, gefährliche Sportarten, pausenlos wechselnde Freundinnen. Das Oberhaupt von Verne Investments brauche ein seriöseres, gefestigteres Image, hatte Lionel nachdrücklich erklärt. Eine Heirat wäre der erste Schritt in die richtige Richtung.

Und ich war gerade da, dachte sie traurig. Ohne es zu ahnen, wurde ich auf meine große Rolle vorbereitet. In meiner Einfalt habe ich meine Schulmädchenschwärmerei für Gabriel mit echter Liebe verwechselt. Für Lionel wurden dadurch gleich zwei Probleme mit einem Schlag gelöst – Gabriel bekam eine passende Ehefrau, und meine Zukunft war gesichert.

Kein Wunder, dass er uns mühelos überreden konnte … Joanna seufzte. Obwohl seine Motive wie immer absolut ehrenhaft gewesen waren, hatte er sanften Druck auf sie ausgeübt. Gabriels Ehrgeiz und ihre grenzenlose Naivität hatten die Katastrophe endgültig besiegelt.

Sie war achtzehn gewesen, er zehn Jahre älter. Seit sie als Vierzehnjährige nach Westroe Manor gekommen war, hatte sie ihn vergöttert. Er hatte sie Reiten gelehrt, mit ihr Tennis gespielt und ihre Technik verbessert, den ersten Champagner mit ihr getrunken, war mit ihr nach London gefahren, um ihr glattes braunes Haar modisch schneiden zu lassen, hatte ihr geholfen, einen eigenen Stil in Garderobenfragen zu finden, und sie ungerührt bei ihrem ersten Kater gepflegt.

Und er hatte sie vor Cynthias gelegentlichen boshaften oder geringschätzigen Seitenhieben bewahrt, indem er mit ähnlicher Schärfe konterte.

Rückblickend fand Joanna, dass dies eher auf seine Abneigung gegen Cynthia als auf irgendwelche Beschützerinstinkte zurückzuführen war. Damals jedoch hatte sie den weißen Ritter in ihm gesehen, der zu ihrer Rettung herbeieilte.

Sie war viel zu verzückt gewesen, um zu erkennen, dass er sie wie die kleine Schwester behandelte, die er nie gehabt hatte.

Stattdessen hielt ich mich für Aschenputtel, dachte sie selbstironisch, und Gabriel für einen Märchenprinzen. Und Lionel war für mich ein gütiger Zauberer, der diesen nüchternen Handel in eine Liebesbeziehung verwandeln würde, damit wir bis an unser Lebensende glücklich sein könnten.

Die Flitterwochen in der auf Mauritius gemieteten Villa hatten jedoch alle Illusionen gründlich zerstört. Angefangen hatte es in der Hochzeitsnacht, die keine gewesen war. Fröstelnd schloss Joanna die Arme um den Körper.

Damals hatte sie geglaubt, Gabriel sei so rücksichtsvoll, weil er bemerkt habe, dass sie von der Hochzeit und dem langen Flug erschöpft war. Er hatte ihr geraten, ins Bett zu gehen und zu schlafen, während er sich das angrenzende Zimmer herrichten wollte. Und sie war ihm auch noch dankbar gewesen!

Den folgenden Tag verbrachten sie auf dem Grundstück und entspannten sich unter den Sonnenschirmen am Pool. Aber je näher der Abend rückte, desto aufgeregter wurde sie. Insgeheim schalt sie sich eine Närrin. Theoretisch wusste sie natürlich über die Abläufe beim Sex Bescheid, allerdings hatte sie nicht die leiseste Ahnung, welche Gefühle damit verbunden waren.

Sie nahmen erst sehr spät das Dinner auf der Veranda ein. Joanna lehnte dankend den Brandy ab, den Gabriel ihr zum Kaffee anbot, und bereute es sofort. Vielleicht hätte der Alkohol die Schmetterlingsschar vertrieben, die sich in ihrem Magen eingenistet hatte.

Gabriel war während der Mahlzeit recht schweigsam gewesen und blickte nun in die Dunkelheit hinaus. Das Glas hielt er mit beiden Händen umschlossen.

Einen Moment lang fragte sie sich, ob er wohl ebenso nervös sei wie sie, verwarf die Idee jedoch gleich wieder. Gabriel war in solchen Dingen schließlich nicht unerfahren.

Nach einer Weile schob sie ihren Stuhl zurück. „Ich gehe jetzt ins Bett“, verkündete sie.

„Fein.“ Sein Lächeln wirkte so abwesend, als wäre er mit seinen Gedanken meilenweit weg.

„Bleibst du noch hier?“ Ihre Stimme bebte ein wenig.

Langsam wandte er sich zu ihr um und sah sie stirnrunzelnd an. Ein angestrengter Zug lag um seinen Mund. „Ja, ein bisschen.“

Plötzlich war ihr die Kehle wie zugeschnürt. Unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen, rang Joanna sich ein Lächeln ab und floh in ihr Zimmer.

Nachdem sie geduscht hatte, zog sie ein Nachthemd an, das sie eigens für diese denkwürdige Gelegenheit gekauft hatte – raschelnde Seide mit zarter Stickerei. Dann schlüpfte sie unter das dünne Laken und wartete auf Gabriel.

Die Minuten verstrichen, eine halbe Stunde, eine Stunde. Joanna spürte, wie ihre Lider immer schwerer wurden und sie allmählich tiefer in die Kissen sank.

Nein, sagte sie sich energisch und richtete sich wieder auf, ich werde nicht schlafen.

Sie geduldete sich weitere fünfzehn Minuten, bevor sie aus dem Bett kletterte und zur Tür ging. Der Flur lag in völliger Dunkelheit, doch unter der Tür des Nachbarzimmers war ein schmaler Lichtstreif zu sehen.

Joanna atmete tief durch, drehte den Knauf und trat ein.

Gabriel war im Bett. Er las, an einen Berg Kissen gelehnt, das Laken über die Hüften gezogen. Seine sonnengebräunte Haut bildete einen starken Kontrast zu dem weißen Leinen.

Sein Anblick berührte eine Saite in Joanna, weckte etwas Fremdes, Gefährliches, Aufregendes. Der Ring an ihrer Hand bewies, dass sie seine Frau war. Doch Gabriel schien es nicht eilig zu haben, ihr Mann zu werden.

Verwundert, fast ein bisschen gereizt, sah er sie an. „Was ist, Jo?“

„Ich habe mich gefragt, wo du bist.“

„Nicht weit weg, wie du siehst.“

„Ja.“ Ihr Herz klopfte, als wollte es zerspringen. „Aber warum hier?“

„Es ist spät“, erwiderte er sanft. „Lass uns morgen darüber reden.“

Sie kam näher, bis sie neben dem Bett stand. Den Blick auf ihn gerichtet, als sähe sie ihn zum allerersten Mal, betrachtete sie seinen Körper und das Spiel seiner Muskeln. Der dichte Haarflaum auf seiner Brust verjüngte sich zum Nabel hin … Erst jetzt merkte sie, dass er versuchte, mit dem Buch seine Erregung zu verbergen.

„Geh ins Bett, Jo.“ Ein rauer Unterton schwang in seinen Worten mit.

Sie streckte die Hand aus und berührte seine nackte Schulter. „Willst du mir zuvor keinen Gutenachtkuss geben?“ flüsterte sie und beugte sich vor, um seinen Mund zart mit ihren Lippen zu streifen.

Einen Moment lang war Gabriel wie erstarrt, dann legte er aufstöhnend die Arme um sie und zog sie leidenschaftlich an sich. Seine Lippen teilten ihre ohne die Sanftheit, die er ihr sonst gegenüber zeigte. Sie fühlte seine Zunge zwischen ihre Zähne gleiten. Vorfreude und eine vage Ahnung des nun Kommenden kämpften in ihr miteinander.

Gabriel schlug das Laken zurück, legte Joanna aufs Bett und kniete sich über sie. Er schob ihr Nachthemd hoch und streifte es ihr über den Kopf, um es achtlos beiseite zu werfen.

Da sie es nicht gewohnt war, sich vor jemandem zu entblößen, war sie vor Scheu wie gelähmt. Sie wünschte sich, Gabriel würde sie halten. Sie küssen und besänftigen. Ihr sagen, dass er sie liebe.

Aber er tat nichts dergleichen. Stattdessen begann er, sie zu berühren. Mit bebenden Händen umfasste er ihre Brüste, strich ihr über den flachen Bauch hinab zu den Schenkeln.

Verwundert bemerkte sie, wie ein süßes Sehnen in ihr erwachte. Sie sah auf und blickte in das Gesicht eines Fremden, angespannt und sonderbar entrückt, mit Augen, die ...

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