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Traummänner & Traumziele: New York

Barbara Dunlop, Day Leclaire, Leandra Logan, Anne Marie Winston, Carole Mortimer

Traummänner & Traumziele: New York

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PROLOG

Sarah Mahoney war nicht allzu bewandert in Liebesdingen. Aber dass ein One-Night-Stand so heißt, weil dessen Rausch nach einer Nacht verflogen ist, das wusste auch sie.

Während sie in ihre flachen Schuhe schlüpfte und sich die Nadelstreifenjacke ihres Hosenanzugs überzog, lag Hunter Osland noch in seinem großen Bett. Seine Brust hob und senkte sich, während er regelmäßig ein-und ausatmete. Irgendwo in diesem großen Haus hörte Sarah eine Tür zuschlagen.

Als sie Hunter so friedlich in seinem Himmelbett schlafen sah, konnte Sarah sich gut vorstellen, dass ein One-Night-Stand für ihn nichts Außergewöhnliches war. Vom Schlafzimmer aus gelangte man in ein Bad, in dem weißer Marmor dominierte. Drei in Zellophan verpackte Zahnbürsten lagen bereit, dazu neben frischen Gästehandtüchern noch diverse unbenutzte Kosmetikartikel – kurz: alles, was ein unerwarteter weiblicher Besuch am Morgen brauchte, bevor er sich diskret davonschlich. Genau das hatte Sarah jetzt vor. Wie sie die Situation einschätzte, war ein tränenreicher Abschied hier nicht angebracht.

Trotzdem war es eine unvergleichlich schöne Nacht gewesen. Aber nun war sie vorüber – kein Grund, sentimental zu werden. Sarah band sich das rotbraune Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Noch einmal ließ sie den Blick durchs Zimmer mit seinen gediegenen Stilmöbeln und den beiden mächtigen Topfpalmen schweifen, die das Eckfenster einrahmten. Dann schaute sie zur Uhr. Kurz vor acht. Sarah hatte gerade noch Zeit, ihre Zwillingsschwester in dem weitläufigen Labyrinth dieses Hauses ausfindig zu machen, im Hauptsitz der Familie Osland. Sarah wollte sich noch schnell von Kristy verabschieden.

Sie musste sich beeilen, damit sie ihren Flug von Manchester, Vermont, nach New York erreichte.

Am Mittag musste sie an einem Planungsmeeting teilnehmen, gleich danach an der Telefonkonferenz mit dem Manager der Kosmetikabteilung des Kaufhauses Bergdorf an der Fifth Avenue. In Sarahs Aktenmappe steckten zwei umfangreiche Marketing-Berichte über die Produktlinie Luscious Lavender. Als PR-Managerin der Lush Beauty Products erwartete man von Sarah dazu eine Stellungnahme.

Nach den Weihnachtstagen und nach dieser Nacht mit Hunter hieß es für Sarah, wieder in ihr gewohntes Leben zurückzukehren. Sie straffte die Schultern, griff nach ihrer Handtasche und riskierte einen letzten Blick auf Hunter. Er hatte sich von der Bettdecke befreit, sodass Sarah ihn von den Hüften aufwärts bewundern konnte: die Brust, die breiten Schultern und die starken Arme, in denen sie vor Kurzem noch träumend gelegen hatte. Wieder verspürte sie dieses Kribbeln im Bauch, mit dem am vergangenen Abend alles begonnen hatte.

Sie war eins siebzig groß und hatte sich nie besonders klein gefühlt. Aber an der Seite von Hunter war das ganz anders. Überhaupt war es eine Nacht voller Überraschungen gewesen. Eine flüchtige Affäre, ein One-Night-Stand, das hatte Sarah vorher nie erlebt. Wenn Freundinnen oder Kolleginnen davon erzählten, hatte sie sich immer gefragt, was daran toll sein sollte, wenn jeder nur seine Bedürfnisse befriedigte.

Hunter hatte ihr dieses Gefühl überhaupt nicht gegeben. Er konnte einfühlsam und amüsant sein. Sein Intellekt hatte sie von Anfang an gefesselt, und sein Lächeln war einfach unwiderstehlich. Seine Berührungen, seine Zärtlichkeiten, die Küsse – nichts davon war ihr aufgesetzt oder gezwungen vorgekommen. Und als sie sich schließlich aufs Bett fallen ließen, hatte sie beinah gemeint, dass sie sich schon seit Jahren kannten und nicht erst seit Stunden.

Im Augenblick des Abschieds stiegen all die verwirrenden, berauschenden Gefühle in ihr wieder auf, die sie in dieser Nacht durchlebt hatte. Am liebsten hätte Sarah die Uhr zurückgestellt, wäre wieder zu Hunter ins Bett gekrochen, hätte seine Küsse genossen, seine Haut gespürt und seinen Duft eingeatmet.

Unschlüssig trat sie einen Schritt vor.

In diesem Augenblick drehte er sich seufzend um und streckte den Arm aus, als würde er im Schlaf nach ihr tasten. Sarah erschrak. Jede Sekunde konnte er die Augen aufschlagen. Wenn er wach wurde und sie noch immer hier stand – sie würde im Handumdrehen wieder bei ihm im Bett landen. Selbst wenn sie versuchte, standhaft zu bleiben, er kannte hundert Wege, wie er ihren Widerstand brechen konnte.

Sarah gab sich einen Ruck und öffnete leise die Tür. Jetzt wachte Hunter wirklich auf. Aber bevor er richtig zu sich kam, war Sarah bereits draußen auf dem Korridor und eilte zur Treppe.

Es war vorbei. Aus und vorbei. Das Beste, was ihr geschehen konnte, war, ihn nie wiederzusehen und diese Nacht möglichst schnell zu vergessen.

1. KAPITEL

Sechs Wochen waren vergangen, und plötzlich begegnete sie Hunter wieder. Sarah traute ihren Augen kaum, als sie ihn in den Konferenzraum gehen sah. So gelassen, als gehörte ihm das alles hier, kam Hunter zur Sitzung der Abteilungsleiter von Lush Beauty Products hereinspaziert.

Sarahs Boss, Firmendirektor Roger Rawlings, ergriff das Wort. „Ich habe Ihnen mitzuteilen, dass es eine freundliche Übernahme unseres Hauses gegeben hat“, sagte er nach einigen Begrüßungsworten. „Die Osland International hat einundfünfzig Prozent der Anteile an den Lush Beauty Products erworben.“

Sarah richtete sich mit einem Ruck kerzengerade auf. Es sah nicht nur so aus – Hunter Osland gehörte tatsächlich der ganze Laden. Wenn der humorlose Roger sich überhaupt einmal zu einer scherzhaften Bemerkung hinreißen ließ, darüber machte er ganz sicher keine Witze.

Hunter lächelte zufrieden, würdigte Sarah aber keines Blickes. Alle anderen Gesichter in der Runde wirkten angespannt und ernst.

„Wie wahrscheinlich einige von Ihnen wissen, hat Osland International neben vielen anderen wirtschaftlichen Aktivitäten vor einiger Zeit auch in unserer Branche Fuß gefasst. Zum Konzern gehört unter anderem das Modelabel Sierra Sanchez mit einer Kette von Outlets in ganz Nordamerika sowie Australien und Europa“, fuhr Roger fort.

Langsam ließ Hunter den Blick durch die Runde schweifen.

Wer ihn höflich erwiderte, dem nickte Hunter zu. So begrüßte er stumm Ethan von der Produktentwicklung, Colleen vom Marketing, Sandra aus der Buchhaltung und Mary-Anne, die den Vertrieb leitete.

Gleich kam sie an die Reihe. Sarah machte ein gefasstes Gesicht. Als PR-Managerin hatte sie gelernt, auch unter den schwierigsten Umständen die Fassung zu wahren. Vor den anderen wollte Sarah sich erst recht keine Blöße geben. Hauptsache war, dass er sich nichts anmerken ließ, dann konnte sie das auch. Allerdings hätte sie es fairer gefunden, wenn er sie vorgewarnt hätte.

Der Hunter, den sie in Manchester kennengelernt hatte, war ein wahrer Gentleman gewesen. Sarah hatte damit gerechnet, in den Tagen nach Weihnachten wenigstens eine kurze E-Mail von ihm zu bekommen, auch wenn es nur ein paar unverbindliche Worte waren. Sollte sie sich in ihm getäuscht haben? Oder war die Erklärung noch einfacher, und Hunter hatte die ganze Affäre schon am nächsten Tag vergessen?

Während Sarah grübelte, redete Roger unentwegt weiter. „Sierra Sanchez“, verkündete er gerade, „bietet uns, Lush Beauty Products, eine Kooperation in Form von hochwertigen Shop-in-Shops, durch die sich die Ausgangslage deutlich verbessert. Wir können uns mit unserer neuen Produktlinie Luscious Lavender besser auf dem Markt positionieren. Und ich bin davon überzeugt, dass die künftige Zusammenarbeit zwischen Osland International und Lush Beauty für beide Seiten gewinnbringend wird.“

In diesem Moment trafen sich die Blicke von Hunter und Sarah.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie eine Reaktion. An seiner Schläfe zuckte ein Muskel. Seine Nasenflügel bebten. Kaum merklich hob er die Augenbrauen. Sarah war felsenfest davon überzeugt, dass jeder am Tisch hören musste, wie es plötzlich vor Spannung knisterte.

Okay, dachte sie, vielleicht ist es gar nicht so verkehrt gewesen, dass er mich nicht gewarnt hat.

Es gab Tage, da hasste Hunter Osland seinen Großvater regelrecht für dessen seltsamen Humor. Und dies war wieder einer davon. In dem Augenblick, als Hunter Sarah am Konferenztisch erblickte, wurde ihm schlagartig klar, was ihm in den vergangenen sechs Wochen rätselhaft geblieben war.

Erst war Samuel Osland, im Kreise seiner Familie liebevoll Gramps genannt, nicht davon abzubringen gewesen, Lush Beauty Products zu übernehmen. Dann hatte er sich darauf versteift, dass Hunter dort den Chefsessel einnehmen sollte. Und schließlich hatte er Hunter befohlen, sich dem versammelten Führungsstab von Lush Beauty persönlich vorzustellen. Mit anderen Worten: Sein Großvater musste irgendwie Wind davon bekommen haben, dass Hunter mit Sarah geschlafen hatte. Und der alte Herr hatte herausgefunden, wo und in welcher Position Sarah arbeitete. Er liebte es, seinem Enkel zu demonstrieren, dass er ihm überlegen war.

„So heißen Sie bitte Mr. Osland bei Lush Beauty Products recht herzlich willkommen.“ Roger war endlich zum Schluss gekommen, und sein letzter Satz mündete in einen höflich zurückhaltenden Applaus rund um den Tisch. Jeder der Anwesenden fragte sich zweifellos, was ihm der Wechsel in der Leitung des Unternehmens persönlich bringen mochte.

Hunter, der auf diese Reaktion gefasst war, sah seine erste Aufgabe darin, die Bedenken zu zerstreuen. Eine andere Aufgabe, die ihm später bevorstand, war ungleich schwieriger: nämlich Sarah gegenüberzutreten und für sie die richtigen Worte zu finden.

Gelassen trat er neben Roger und begann in gewohnt ruhiger und routinierter Weise zu reden: „Vielen Dank, Roger. Zunächst möchte ich Sie alle hier bitten, mich einfach mit Hunter anzureden. Zweitens kann ich Ihnen versichern, dass Osland International nicht vorhat, in die Personalsituation oder die Führungsstruktur von Lush Beauty Products einzugreifen.“

Er machte eine kurze Pause, um sich das Nächste, was er sagen wollte, noch einmal zu vergegenwärtigen. Er wusste, dass es eine Lüge war. „Unsere Entscheidung, hier zu investieren, wurde getroffen, weil es meinem Großvater, dem Seniorchef von Osland, imponiert hat, wie Sie mit Ihrer neuen Produktlinie Luscious Lavender darangehen, neue Zielgruppen zu erschließen.“ Hunter war sich sicher, dass sein Großvater noch bis vor sechs Wochen weder etwas von Luscious Lavender noch von Lush Beauty Products gehört hatte.

„Wir glauben an die Möglichkeit, auch auf dem internationalen Markt bestehen zu können“, fuhr Hunter fort, „und erwarten Ihre Ideen. Während Roger weiterhin im täglichen Geschäft das Management leiten wird, kümmere ich mich um die strategischen Entscheidungen. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen: Jedem von Ihnen steht meine Tür offen. Mein Büro befindet sich oben in der zwanzigsten Etage.“

„Wir werden den Übergang so reibungslos wie möglich gestalten“, versicherte Roger und wandte sich dabei noch einmal an die Mitarbeiter. „Sollte jemand von Ihnen Fragen oder Anregungen haben, dann scheuen Sie sich nicht, mich als Ihr Sprachrohr zu benutzen. Ich habe Verständnis dafür, wenn der eine oder die andere von Ihnen für den Moment vielleicht etwas irritiert ist …“

Hunter unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Er hatte genug von diesen Floskeln. Außerdem schien Roger gerade unterbinden zu wollen, dass jemand direkt auf Hunter zuging. „Es besteht nicht der geringste Anlass, beunruhigt zu sein. Wenn Sie etwas auf dem Herzen haben, kommen Sie einfach zu mir.“

Sein Blick fiel auf Sarah. Vor allem sie könnte jederzeit zu ihm kommen.

Nur eine Stunde später stand Sarah an seiner Tür. Hunters großzügiges Büro hatte zwei Fensterfronten. Ein großer Schreibtisch dominierte den Raum. Auf einem Sideboard stapelten sich Bücher und Aktenordner. Etwas abseits stand ein Konferenztisch für acht Personen.

„Hier bin ich. Ich habe den Wink verstanden.“ Sarah sah ihn aufmerksam an. Dann schloss sie die Tür hinter sich und trat ein paar Schritte vor.

Hunter schob den Laptop beiseite, an dem er gerade gearbeitet hatte. Für einen winzigen Moment glaubte Sarah, eine Spur von Schuldbewusstsein in seinem Blick zu entdecken. Ein schlechtes Gewissen, weil er mich überrumpelt hat, dachte sie. Das kann nicht schaden.

„Es war Gramps“, erklärte er und hob entschuldigend die Hände. „Es war seine Idee, das Unternehmen zu kaufen und mir die Leitung zu übertragen.“

„Und du hattest vorher keine Ahnung, dass ich hier arbeite?“

„Ich wusste es wirklich nicht“, versicherte er ihr.

„Also stellst du mir nicht nach?“

Er schaltete den Computer aus. „Ich sage doch: Es war Gramps Idee, nicht meine. Ich vermute, er hat das mit uns herausbekommen und erlaubt sich nun einen kleinen Scherz.“

„Dann ist er nicht normal.“ Der Gedanke, dass jemand genug Geld und Macht besaß, dass er eine Firma mit vierhundert Mitarbeitern kaufen konnte, um sich „einen kleinen Scherz“ zu erlauben – beängstigend.

„Vielleicht ist es bereits der Altersstarrsinn“, meinte Hunter. Nach kurzer Überlegung fügte er jedoch hinzu: „Andererseits war er immer schon so.“

„Kristy schwärmt von ihm“, entgegnete Sarah. Sie hatte allerdings nicht vor, Samuel Osland vor Hunter in Schutz zu nehmen. Wenn es stimmte, was Hunter erzählt hatte, war der alte Herr wirklich mehr als sonderbar.

„Kein Wunder. An deiner Schwester hat er einen Narren gefressen.“

Das konnte sich Sarah gut vorstellen. Erst vor wenigen Wochen hatte Samuel ihrer Schwester eine stattliche Starthilfe für ihren Einstieg in die Modebranche gegeben. Seitdem ging ihre Karriere steil bergauf.

Sarah wollte auch erfolgreich sein. Und die Expansionspläne der Firma sowie die neue Produktlinie Luscious Lavender waren keine schlechten Voraussetzungen. Auf keinen Fall würde Sarah sich durch Hunter von ihren beruflichen Ambitionen ablenken lassen.

Entschlossen ignorierte sie das Kribbeln im Bauch und trat an seinen Schreibtisch. Sie musste lernen, Hunter unbefangener gegenüberzutreten – nicht nur weil ihre kurze Affäre ein für alle Mal der Vergangenheit angehörte. Denn jetzt war er ihr Chef. Selbst wenn er Vergangenes aufwärmen wollte, Sarah war dazu nicht bereit. Aber warum sollte er auf die Idee kommen, dass sie eine weitere heiße Nacht miteinander verbringen könnten?

Nachdem sie sich geräuspert hatte, setzte Sarah sich auf einen der Besuchersessel. „Und was nun?“, fragte sie möglichst gelassen.

Sein Lächeln wurde breiter.

Oder fällt es ihm doch ein, fragte Sarah sich prompt. „Nein“, sagte sie laut. „Was denn? Ich hab doch überhaupt nichts gesagt.“ „Aber gedacht. Und die Antwort ist Nein.“ „Wie herzlos.“ „Ich bin nicht herzlos, ich gehöre nur nicht zu den Frauen,

die durch die Betten nach oben kommen wollen.“

„Oben zu sein ist nicht das Schlechteste.“

„Das musst du ja wohl am besten wissen.“

Er lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. Dann lächelte Hunter sie herausfordernd an. „Ja, das muss ich wohl.“

Sarah hatte keine Lust, dieses Geplänkel fortzusetzen. Sie beugte sich vor, legte die Unterarme auf den Schreibtisch und erklärte: „Okay, sprechen wir lieber davon, wie wir das hier handhaben wollen.“

„Eine Möglichkeit haben wir ja vor ein paar Wochen bereits ausprobiert.“

Sie wünschte, er würde aufhören, mit ihr diese Spielchen zu spielen. Es war zu verlockend, sich darauf einzulassen. In jener Nacht in Manchester hatte es zwischen ihnen auch mit einem verbalen Schlagabtausch angefangen. Und das war ein aufregender Vorgeschmack dessen gewesen, was kurz darauf im Bett gefolgt war.

„Kannst du nicht ein Mal ernst bleiben? Also: Niemand in diesem Haus weiß von uns …“

„Stimmt nicht“, widersprach Hunter. „Ich weiß von uns.“

„Dann rate ich dir, es schleunigst zu vergessen.“

„Ich denke ja gar nicht daran.“

Sarah beugte sich noch weiter vor. „Hör zu, Hunter“, meinte sie mit finsterer Miene, „es wäre schon im Sinne unserer beruflichen Zusammenarbeit, wenn du es vergisst.“ „Du glaubst gar nicht, wie niedlich du aussiehst, wenn du wütend bist.“ „Meine Güte! Das ist die banalste Anmache, die ich kenne. Gerade habe ich dich darum gebeten, ernst zu bleiben.“ „Wer sagt dir, dass ich nicht ernst bin? Wirklich, Sarah, entspann dich. Was ist denn so dramatisch?“

Sie ließ sich auf dem Sessel zurückfallen. „Du meinst, ich nehme das alles viel zu ernst?“, fragte sie vorsichtig. „Und was heißt das praktisch?“

„Nun, von mir wird niemand etwas erfahren. Und ich nehme an, von dir auch nicht. Also was soll schon sein? Was auch immer Gramps bezweckt, ist seine Sache. Ich habe nun mal diesen Job, und deshalb werde ich Lush Beauty Products auch managen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe meinen Job, und du hast deinen.“

Sarah stand auf. So einfach war das also. Offensichtlich fiel es ihm leicht, zur Tagesordnung überzugehen. Kein Grund, enttäuscht zu sein, versuchte Sarah, sich Mut zu machen. Vielleicht war es das Beste so.

Sie nickte ihm kurz zu. „Gut, dann werde ich mich wieder meinem Job widmen. Wir sehen uns ja jetzt wohl häufiger.“

„Sicher“, meinte er leichthin.

Hunter war weit davon entfernt, die Wahnsinnsnacht zu vergessen. Nachdem Sarah die Tür hinter sich geschlossen hatte, fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Auch wenn es nur eine Nacht gewesen war, jene Stunden hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Als wäre es gestern gewesen, sah er Sarah vor sich, wie sie zusammengekauert in dem Ledersessel im Salon des Oslandhauses saß. Ein Stückchen hinter ihr stand der geschmückte Weihnachtsbaum, im Kamin vor ihnen prasselte ein Feuer. Gerade dieser Anblick hatte sich Hunter eingeprägt. Denn in jenem Moment war ihm aufgefallen, wie schön sie war. Ihr rotes Haar hatte es ihm angetan. Er hatte seit jeher eine Schwäche für Rothaarige. Vielleicht hing es damit zusammen, dass ihm eine Zigeunerin einst, als er sechzehn gewesen war, wahrgesagt hatte, dass er später einmal eine Frau mit roten Haaren heiraten werde.

So hatten sie am Weihnachtsabend dort gesessen. Sarahs Wangen waren durch die Wärme des Feuers leicht gerötet, und ihre herrlich blauen Augen strahlten. Das Haar fiel ihr in weichen Wellen auf die Schultern. Zu gern hätte Hunter die Hand ausgestreckt, um sie zu berühren.

Ungeduldig hatte er darauf gewartet, bis der Rest der Familie sich verabschiedete und zu Bett ging. Er hatte gehofft, dass Sarah noch ein wenig bei ihm blieb. Und sie war geblieben.

Als sie beide endlich allein waren, war es an ihm, den nächsten Schritt zu tun. Sarah gehörte seit Kurzem zur Familie. Hunters Cousin Jack hatte ihre Zwillingsschwester Kristy geheiratet. Ihre Wege würden sich also noch manches Mal kreuzen. Aber das kümmerte Hunter in diesem Augenblick nicht. Zwischen ihnen hatte es bereits den ganzen Abend geknistert.

Hunter stand auf und ging, ohne sie aus den Augen zu lassen, zu ihr hinüber. Ihre blauen Augen wurden um eine Nuance dunkler, während er sich ihr näherte. Vor ihrem Sessel blieb er stehen, beugte sich vor und stützte sich mit den Händen rechts und links von ihr auf die Armlehnen, sodass es kein Entrinnen für sie gab. Aber daran schien sie auch gar nicht zu denken. Sarah sah ihm offen ins Gesicht und schien gespannt zu sein, was als Nächstes geschehen würde.

Er liebte das. Er liebte diese herausfordernde Art.

„Na?“, sagte er in einem vieldeutigen Ton.

„Na?“, antwortete sie. Ihre Stimme klang ein wenig rau. Ihre Pupillen waren geweitet.

Er legte ihr den Zeigefinger unters Kinn. Sarah zuckte nicht zurück. Dann beugte er sich langsam über sie, um ihr Gelegenheit zu geben, ihm auszuweichen. Er nahm den Duft ihrer Haut wahr und spürte ihren warmen Atem. Es war zu verlockend. Seufzend streifte er ihren Mund mit den Lippen. Sie schmeckte süß, und Hunter spürte den brennenden Wunsch, mit der Zunge einzudringen und seiner Leidenschaft freien Lauf zu lassen. Aber er hielt sich zurück, er beließ es bei dem einen zarten Kuss.

„Aufhören?“, fragte er leise. Er brauchte eine Antwort von ihr. Sie war Gast im Haus, und er wollte sie nicht bedrängen.

„Weitermachen“, flüsterte sie.

Sein Puls erhöhte sich in dieser Sekunde. Hunter kniete sich vor den Sessel, zog Sarah zu sich heran und küsste sie.

Dieses Mal gab es jetzt keine Zurückhaltung mehr. Ihre Zungen fanden zueinander und begannen ein wildes Spiel. Sarah rückte näher an ihn und schmiegte sich an seine Brust. Ein unbändiges Verlangen überkam ihn. Er konnte nicht genug davon bekommen, ihre Haut und ihr Haar zu streicheln.

„Ich will dich“, flüsterte er.

„Ganz sicher?“, fragte sie und lachte leise.

„Du bist ganz schön keck“, entgegnete er, ohne die Lippen von ihren zu lösen. Ihre Küsse wurden ungestümer und zügelloser, bis er sich schließlich losmachte und hörbar nach Atem rang.

„Ist das ein Ja?“

„Ist das ein Angebot?“, konterte sie.

„Nimm es als Versprechen.“ Damit hob er sie hoch und stand auf.

Sie schlang ihm die Arme um den Nacken und legte den Kopf an seine Schulter. Plötzlich spürte Hunter, wie sie mit den Zähnen sanft an seinem Ohrläppchen zog. Es war, als ob sein heißes Verlangen in diesem Moment siedete. Noch nie war ihm der Weg in sein Schlafzimmer am anderen Ende des Hauses so endlos weit vorgekommen.

Ein Klopfen an seiner Bürotür riss Hunter aus den Erinnerungen.

„Ja!“, sagte er scharf.

Die Tür ging auf, und wieder trat Sarah ein. Forsch kam sie auf ihn zu, setzte sich auf den Besuchersessel und schlug die Beine übereinander. Wunderschöne Beine. Hunter, soeben aus den sinnlichen Tagträumen gezogen, überlegte unwillkürlich, wie es wäre, ihr nur mit dem Zeigefinger über das Knie zu streichen – bis zu ihrem Rocksaum und dann weiter … Sie trug ein schlichtes, beigefarbenes Kostüm und unter der Jacke ein blassrosa Top. Ihre festen Brüste zeichneten sich unter dem dünnen Stoff deutlich ab. Hunter versuchte verzweifelt, an etwas anderes zu denken.

„Da wir ja nun eine ganz normale Geschäftsbeziehung unterhalten“, begann sie, „hätte ich ein Anliegen.“

Ich hätte auch eines, dachte Hunter. Im Schein des Sonnenlichts, das durch die hohen Eckfenster fiel, schimmerte ihr Haar hellrot. „Nur heraus damit“, meinte er jovial, konnte seine Anspannung jedoch kaum verbergen.

„Ich habe da so eine Idee, aber Roger hält nichts davon. Es geht um den Ball.“

Hunter hatte bereits von der Aktion gehört. Lush Beauty Products plante, am Valentinstag Kundinnen zu einem Ball einzuladen. Das große Ereignis sollte den Auftakt zu einer umfassenden Luscious-Lavender-Kampagne bilden.

Sarah wartete auf eine Reaktion von Hunter. Da keine kam, sprach sie weiter: „Ich bin mit der Planung beauftragt. Und mir ist eingefallen, dass sich daraus vielleicht noch mehr machen ließe.“

„Ein noch größerer Ball?“, fragte er skeptisch. Die Firma hatte den großen Festsaal im „Roosevelt Hotel“ gebucht.

Größer ging es wohl kaum.

„Nein, kein größerer Ball, eine breitere Kampagne. Nur ein Ball, das reicht mir nicht.“

„Und was schwebt dir vor?“ Hunter war neugierig.

„Ich denke daran, die Sache mit einer Promotion in einem der exklusiven Wellness-Center zu verbinden. Wir wollen doch weiter nach oben, an die zahlungskräftigen Zielgruppen. Und wo lassen wohlhabende Frauen sich verwöhnen? Wo gehen sie zur Kosmetik, zum Friseur?“

„Im Wellness-Center?“ Hunter gab sich Mühe, sich bei dem Stichwort verwöhnen nichts zu denken.

„Genau dort.“

„Klingt nicht so übel.“ Hunter überlegte. Sarah hatte ihn nicht enttäuscht. Sie war wirklich brillant. Ihr Vorschlag war ausgezeichnet. In Kombination mit dem Ball konnten sich ganz neue Möglichkeiten ergeben. „Und was hat Roger dagegen?“

„Hat er mir nicht verraten. Er hat einfach abgelehnt.“

„Ach, wirklich?“ Hunter hielt nicht viel von Vorgesetzten, die glaubten, es nicht nötig zu haben, ihre Entscheidungen zu begründen. „Und was soll ich dabei tun?“ Ohne zu zögern, würde er ihr helfen. Nicht weil sie eine Affäre gehabt hatten, sondern weil die Idee wirklich gut war.

„Vielleicht mit Roger reden …?“ Sarah biss sich auf die Unterlippe.

„In Ordnung. Ich rede mit ihm.“

Sie sah ihn verdutzt an. „Damit hätte ich jetzt so schnell nicht gerechnet.“

„Ich bin nun mal entscheidungsfreudig.“

„Aber du machst das doch nicht, weil …“ Sie beendete den Satz nicht.

„Nein, mach ich nicht. Ich mache das, weil dein Vorschlag mich überzeugt.“

„Sicher?“

„Ganz sicher.“

„Ich hatte an ein bestimmtes Center gedacht.“ Sie erzählte ihm vom Body & Soul, einem piekfeinen Wellness-Tempel im Herzen von Manhattan.

„Könnte eine gute Wahl sein. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“

Sarah schüttelte den Kopf und stand auf, bevor sie sich verabschiedete. „Nein. Roger war mein einziges Problem.“

2. KAPITEL

„Wenn das so ist“, rief Roger mit seidenweicher Stimme, „gegen unseren neuen obersten Boss komme ich natürlich nicht an.“ Sein milder Tonfall klang unecht.

Sarah saß Roger in seinem Büro gegenüber. Ihre Gewissensbisse quälten sie immer noch. Immerhin hatte sie ihre besondere Beziehung zu Hunter genutzt, um sich durchzusetzen. Dass Hunter ihren Vorschlag tatsächlich für vielversprechend hielt, war wenigstens ein Trost. Außerdem benahm Roger sich schon seit einiger Zeit seltsam. Bisher hatte er so gut wie jede Idee oder Anregung von Sarah ohne ersichtlichen Grund abgeschmettert und regierte in unglaublich kleinlicher Weise in ihr PR-Ressort hinein. Zu Hunter zu gehen, das war ein letzter Ausweg gewesen.

Sarah verdrängte ihre Bedenken. Schließlich hatte Hunter alle Mitarbeiter – und damit auch sie – ausdrücklich ermutigt, sich direkt an ihn zu wenden.

„Machen Sie sich mit dem Body & Soul nur nicht allzu große Hoffnungen“, fügte Roger warnend hinzu.

„Warum nicht? Beide Seiten haben doch etwas von der Publicity.“

Roger stand hinter seinem Schreibtisch auf. „Ich möchte, dass Sie Chloe mitnehmen.“ Sarah sah ihn erstaunt an. „Ich lege Wert darauf, auch ihre Meinung zu hören“, erklärte Roger. „Sie hat ein gutes Urteilsvermögen.“

Sarah konnte sich keinen Reim darauf machen. Chloe Linus war Marketing Assistentin und erst seit zwei Jahren in der Firma. Ihre Aufgaben waren bisher eher organisatorischer Art gewesen. Sie prüfte die Platzierung der Werbeanzeigen oder gab Bestellungen für Warenproben auf, die gratis verteilt wurden.

Bevor Sarah nachfragen konnte, begleitete Roger sie zur Tür. Das Gespräch war offensichtlich beendet.

Sie überlegte, ob sie noch etwas dazu sagen sollte, hielt es aber für klüger, den Mund zu halten. Sie hatte Hunters Unterstützung. Und mit Chloe würde sie schon fertig werden.

Trotzdem fragte Sarah sich, was Roger im Schilde führte. Fast kam es ihr so vor, als wollte er Chloe in die Führungsetage der PR-Abteilung befördern. Sarah hatte häufiger den Wunsch geäußert, eine zusätzliche Kraft zu ihrer Unterstützung zu bekommen. Dabei hatte Sarah allerdings mehr an ihre Kollegin Amber gedacht, mit der sie bereits lange und sehr gut zusammenarbeitete.

„Dann halten Sie mich auf dem Laufenden“, meinte Roger zum Abschied.

„Mach ich.“ Um einen Termin mit dem Body & Soul zu vereinbaren, ging sie in ihr Büro und machte sich anschließend auf die Suche nach Chloe.

Drei Tage später war der Traum mit dem Body & Soul geplatzt. Der Direktor hatte persönlich nichts gegen die LushBeauty-Produkte. Doch leider hatte er einen festen Vertrag mit einem anderen Lieferanten, den er durch eine gemeinsame Werbeaktion mit der Konkurrenz nicht verärgern wollte.

Sarah hatte zwar von der Zusammenarbeit gewusst, aber im Stillen gehofft, ihren Gesprächspartner von einem Wechsel überzeugen zu können. Als sie gemerkt hatte, dass sie nicht weiterkam, hatte sie diese Möglichkeit in einem letzten, verzweifelten Versuch direkt angesprochen. Woraufhin der Manager des Body & Soul sie schlichtweg ausgelacht hatte.

In Chloes Anwesenheit diese Niederlage zu erleiden war umso schmerzhafter. Die jüngere Kollegin gab sich keine besondere Mühe, ihre Genugtuung über Sarahs Reinfall zu verbergen. Sarah war irritiert.

Zwölf Tage waren es noch bis zum Valentinstag und dem Ball im „Roosevelt Hotel“, ganze zwölf Tage Zeit, den Höhepunkt einer Kampagne vorzubereiten, an der Sarah seit Monaten arbeitete.

Im Bergdorf sollte eine Werbeaktion dafür stattfinden. Sarah hatte sich einen Bereich der Kosmetikabteilung des großen Modekaufhauses an der Fifth Avenue reservieren lassen und die besten Fachkräfte der Branche angeheuert. In den großen Magazinen von der Cosmopolitan bis zur Elle waren Anzeigen erschienen, die auf das Event hinwiesen. Sogar zu einem Spot auf einer der elektronischen Werbetafeln am Times Square hatte Sarah ihren direkten Vorgesetzten überreden können. Wenn schon aus dem Plan mit dem Wellness-Club nichts geworden war, dann sollte der Nachmittag bei Bergdorf das wenigstens zum Teil wieder wettmachen.

Dem Erfolg stand nichts im Wege – bis es Roger einfiel, Chloe bei dieser Aktion ins Spiel zu bringen und einer der Visagistinnen im Gegenzug abzusagen. Die Folgen waren katastrophal. Während Sarah Chloes Hilfe kaum spürte, wurden die Warteschlangen dadurch, dass ein Platz in der Kosmetikbehandlung fehlte, unnötig lang und die Kundinnen ungeduldig. Obendrein machte sich Sarah um Amber Sorgen. Amber hatte von dem Fiasko beim Body & Soul erfahren und natürlich auch davon, welche Rolle Chloe neuerdings spielte. Und jetzt war Amber beunruhigt. Sarah auch. Eine loyale Mitarbeiterin zu verlieren, das konnte sie überhaupt nicht gebrauchen, und am allerwenigsten jetzt.

Es wurde ein langer Tag bei Bergdorf, und Sarah verließen allmählich die Kräfte. Seit Stunden war sie auf den Beinen. Sie hatte dafür gesorgt, dass der Nachschub an Werbeartikeln nicht stockte. Amber füllte die Displays mit Proben auf. Sarah hatte die Caterer angewiesen, die Wartenden mit Champagner und Kanapees zu besänftigen. Über ihr Handy hielt sie Kontakt mit dem Manager von Bergdorf, um den Andrang an den Kassen zu steuern. Endlich war ein Ende abzusehen. Der Ladenschluss rückte näher.

„Wie läuft es denn so?“, hörte sie eine dunkle Stimme hinter sich.

Sie drehte sich um. Hunter. Obwohl Sarah erschöpft und gestresst war, musste sie lächeln. Sie hatte ihn in den letzten Tagen nicht gesehen. Ihn jetzt zu treffen wirkte wie ein Aufputschmittel.

„Kontrolliertes Chaos“, antwortete sie hinter vorgehaltener Hand.

„Wenigstens kontrolliert.“

„Was macht die Chefetage?“, erkundigte Sarah sich.

„Nicht uninteressant. Ethan hat mich durch die Produktion geführt.“ Hunter roch an seinem Handrücken. „Ich müsste eigentlich immer noch riechen wie ein ganzes Lavendelfeld.“

„Ach was. Lavendel ist doch ein wunderbarer Duft.“ Sarah atmete tief ein. Sie konnte keinen Lavendelduft an ihm wahrnehmen. Er roch wie immer – nach Hunter. „Hast du Angst um deine Männlichkeit?“

„Jedenfalls werde ich sicherheitshalber gleich noch ein paar Gewichte im Fitness-Center stemmen.“

„Machst du so etwas wie Bodybuilding?“

„Nur ein bisschen Hanteltraining. Und was tust du für deine Fitness?“

„Ich stehe mehr auf Yoga.“

„Auch nicht schlecht.“

„Das macht gelenkig.“

„Dazu werde ich mich jetzt nicht äußern.“

„Du bist unverbesserlich.“ Sarah musste lachen.

„In diesem Punkt“, meinte Hunter amüsiert, „würde dir mein verehrter Großvater vollkommen recht geben.“

Als sie sah, wie eine weitere Verkäuferin zur Kasse ging, atmete Sarah erleichtert auf. Die Warteschlangen wurden kürzer. Wieder war ein Problem gelöst.

In diesem Augenblick hörte sie durch das Stimmengewirr hindurch Chloes Lachen. Sarah blickte sich um und sah, wie die junge Kollegin mit ein paar Kundinnen scherzte. Sie musterte die junge blonde Frau von Kopf bis Fuß. Chloe trug ein pinkfarbenes Minikleid, dazu Stilettos mit fast zehn Zentimeter hohen Absätzen. Ihre geschminkten Lippen waren beim Lachen weit aufgerissen. Trotz Chloes übertriebener Aufmachung versetzte es Sarah einen Stich, wenn sie sich mit dieser Frau verglich. Chloe hatte etwas Glamouröses an sich, wie ein Filmstar. Sarah kam sich dagegen vor wie eine graue Maus.

„Was ist aus der Verhandlung mit dem Body & Soul geworden?“, wollte Hunter wissen.

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Leider gar nichts.“

„Woran hat es gelegen?“

„Sie sind vertraglich an ihren Zulieferer gebunden und wollen auch nicht wechseln.“ „Hast du …“ „Entschuldigung. Einen Moment. Ich bin gleich wieder da.“

Sarah hatte beobachtet, dass sich Unstimmigkeiten zwischen einer Kundin und der neuen Kassiererin anbahnten. Schnell eilte sie zu der Kasse und hatte den Konflikt mit einer kostenlosen Warenprobe geschickt aus der Welt geschafft.

Als sie sich umdrehte, um zu Hunter zurückzugehen, sah sie, dass Chloe bei ihm stand und auf ihn einredete. In ihrem Eifer hatte Chloe ihm die Hand auf den Arm gelegt. Sarah fiel auf, wie sich die langen, hellrot lackierten Fingernägel vom Stoff seines Jacketts abhoben.

Hunter schien sich um die scheinbar zufällige Berührung nicht zu kümmern. Sarah hingegen fühlte eine kalte Wut in sich aufsteigen. Nein, Eifersucht war es nicht. Sie ärgerte sich nur über Chloe, weil die sich lieber um die Kundschaft kümmern sollte, statt herumzustehen und dummes Zeug zu reden. Sarah straffte die Schultern, trat hinzu und musterte Chloe missbilligend.

„Ich habe Hunter gerade von unserem neuen Styling-Mousse erzählt“, flötete Chloe unbeeindruckt. Sie fuhr sich demonstrativ mit den Fingern durchs Haar. „Es wirkt wahre Wunder.“ An Sarah gerichtet, fügte sie hinzu: „Solltest du …“ Sie korrigierte sich schnell. „Hast du es auch schon mal ausprobiert?“

„Nein.“ Sarahs Arbeitstag begann morgens um halb acht.

Da blieb ihr kaum Zeit, um sich zurechtzumachen. Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf zwei Kundinnen, die etwas abseits standen. „Ich glaube, da braucht jemand Hilfe.“

„Oh“, piepste Chloe. Dann verabschiedete sie sich von Hunter und stöckelte davon.

„Niedlich“, meinte Hunter, als sie weg war.

„Das meinst du doch hoffentlich nicht im Ernst.“ Viele Männer waren von Chloe entzückt. Aber Sarah wäre von Hunter stark enttäuscht, wenn er auch zu dieser Kategorie gehörte.

„Natürlich nicht. Was dachtest du denn.“ Trotzdem schaute er Chloe lange hinterher.

Sarah stieß ihn unauffällig mit dem Ellbogen in die Seite. „Hey!“

„Was?“

„Ich weiß, was du gerade denkst.“

„Weißt du nicht.“

„Weiß ich doch.“

„Und was soll das sein?“

„Dass sie eine Superoberweite hat und endlos lange Beine.“

Hunter lachte, aber Sarah fühlte sich bestätigt. „Du spinnst total“, erwiderte er dann und schüttelte den Kopf.

„Sie schließen jetzt“, sagte Sarah leise, mehr zu sich als zu Hunter. Sie hatte beobachtet, wie Security-Männer die Eingangstüren verriegelten und Kundinnen abwiesen, die noch hereinwollten.

„Kann ich dich gleich noch sprechen? Nur ein paar Minuten.“

„Selbstverständlich. Meinetwegen jetzt. Ich bin fertig.“ Hunter war der Boss. Solange es ums Geschäftliche ging, brauchte er nicht zu fragen. Sarah deutete auf zwei Sessel, die etwas abseits standen.

Nachdem sie sich in den ruhigeren Teil der Kosmetikabteilung zurückgezogen hatten, legte Sarah ihr Klemmbrett auf den Glastisch und lehnte sich zurück.

„Wie geht es denn jetzt weiter?“, erkundigte sich Hunter.

Sarah blickte um sich. „Nun, hier ist gleich Schluss. In einer Stunde kommt das Reinigungspersonal. Amber kümmert sich um die übrig gebliebenen Proben. Und ich setze mich morgen früh hin und schreibe einen Bericht.“ An diesem Abend wollte Sarah noch in ihrer Wohnung arbeiten, die sie gerade erst bezogen hatte. Die Wände mussten dringend gestrichen werden. Aber das brauchte Hunter ja nicht zu erfahren.

Seine grauen Augen funkelten vergnügt. „Ich meinte, wie es mit den Wellness-Centern weitergeht.“

„Ach, das.“ Sarah winkte ab. „Das hat sich nach der Pleite mit dem Body & Soul wohl erledigt.“ Zufällig entdeckte sie in diesem Moment Chloe. Sarah merkte, dass die junge Frau sie beide beobachtete. Einem ersten Impuls folgend, rückte Sarah ein Stück dichter an Hunter.

Auch Hunter hatte Chloe gesehen. Er lächelte Sarah vielsagend an. „Und?“, fragte er und zog die Augenbrauen hoch.

„Ach, nichts. Sie gehört eben zu denen, die glauben, dass kurze Röcke wenig Verstand ausgleichen können. Und die meisten Männer reagieren auch entsprechend – wie der Pawlowsche Hund.“

„Schön und gut. Aber meinst du denn, dass das äußere Erscheinungsbild überhaupt nicht zählt?“

„Jedenfalls brauche ich weder Styling-Mousse noch die meisten anderen Sachen von Lush Beauty. Nichts gegen die Produkte der Firma, aber das ist nun einmal meine persönliche Entscheidung.“

„Okay.“

„Das war schon früher so. Das Glamourgirl von uns beiden ist immer Kristy gewesen. Ich war immer mehr das …“

„Jetzt sag bloß nicht Mauerblümchen.“

„Das nun nicht gerade, aber sagen wir mal das fleißige Lieschen.“

„Ach, Sarah, was soll das? Warum machst du dich so klein? Hast du das nötig?“

„Vergleichst du dich denn nicht manchmal mit deinem Cousin Jack?“

„Nein.“ Hunter lachte, als er Sarahs ungläubigen Gesichtsausdruck sah. „Ich nicht, aber Gramps.“

Das konnte sie sich gut vorstellen. „Und wer schneidet besser dabei ab?“

„Was glaubst du?“

„Keine Ahnung“, antwortete Sarah aufrichtig. Hunter und Jack waren großartige Typen, beide gut aussehend, intelligent, talentiert und ehrgeizig.

„Jack ist der Mister Zuverlässig von uns“, erklärte Hunter. „Er ist geduldig, geht methodisch vor und macht selten Fehler.“

Sarah rückte noch näher an ihn heran. Die letzten Kunden hatten den Verkaufsraum bereits verlassen. Irgendwo begann jemand damit, die Lichter auszuschalten. „Und was bist du?“, wollte sie wissen.

„Verantwortungslos und leichtsinnig, der Ruin der Familie.“

„Das sind doch bestimmt Samuels Worte und nicht deine.“

Er lachte leise vor sich hin. „Da hast du recht. Als ich klein war, gab es noch eine Kopfnuss dazu.“

Sie schwiegen eine Weile. Schade, dass sich die Sessel nicht noch enger zusammenrücken lassen, überlegte Sarah. „Aber ist das nicht traurig für dich?“

„So ist Gramps nun mal. Aber bitte sieh mich nicht so an.“

„Entschuldige. Wie habe ich dich denn angesehen?“

„So, dass es mir schwerfällt, dich nicht zu küssen.“

Sie schluckte. Wenn es nach ihr ginge, brauchte er sich keinen Zwang anzutun. Aber Sarah verdrängte diesen Gedanken gleich wieder. Zwar wirkte es im Gegensatz zum Trubel vorher nahezu verlassen in dem Kaufhaus, es waren jedoch noch immer einige Angestellte von Lush Beauty unterwegs. Auch Chloe lief noch irgendwo herum. Und sie mussten sowieso aufpassen, dass sie nicht zum Gesprächsthema der ganzen Firma wurden.

„Was machen wir denn da?“, fragte Sarah unschuldig.

Hunter stand auf. „Ich werde jetzt gehen. Chloe platzt sowieso gleich vor Neugier. Sie wundert sich schon die ganze Zeit, was wir wohl zu besprechen haben. Aber ich muss dich später noch sehen und mit dir reden.“

Sarah öffnete den Mund, um sofort zu widersprechen.

„Über die Kampagne, rein geschäftlich“, fügte er hinzu, bevor sie etwas sagen konnte. „Oder hast du irgendetwas anderes vor?“

„Ich muss meine Wohnung streichen.“

„Aha. Etwas ungewöhnlich für einen Samstagabend.“

Sarahs Mundwinkel zuckten. So ungewöhnlich war es eigentlich nicht. Sie hatte an den Wochenenden selten etwas vor. „Ich habe mir die Wohnung gerade erst gekauft. Ein kleines, aber feines Loft in Soho. Es braucht helle Farben, weil es sonst zu dunkel wirkt. Der Fußboden muss auch noch abgeschliffen werden. Aber Handwerker kann ich mir nicht leisten.“

„Brauchst du eine Gehaltserhöhung?“

„Ich bräuchte jemanden, der mit einer Farbrolle und einem Pinsel umgehen kann.“

„Okay, du hast einen.“

„Hunter …“

„Sag mir deine Adresse. Wir können ja über die Kampagne und die Sache mit den Wellness-Centern reden, während wir deine Wände streichen.“

Sie beide allein in ihrer Wohnung? „Ich glaube nicht …“, setzte Sarah noch einmal zum Protest an.

„Ich trage alte, zerlumpte Klamotten und habe eine Papiermütze auf dem Kopf. Du wirst schon nicht über mich herfallen.“

„Mit deinem Selbstbewusstsein hast du wohl noch nie Schwierigkeiten gehabt, oder?“

Hunter lachte. „Ich weiß doch, dass du mir unter normalen Umständen nicht widerstehen kannst.“

Vielleicht war die Idee gar nicht so schlecht. Jetzt, da Hunter Chef bei Lush Beauty war, liefen sie sich häufiger über den Weg. Je früher sich ihr Verhältnis normalisierte, desto besser für beide. Und zusammen Wände zu streichen war womöglich eine gute Sache.

„Okay. Mercy Street siebenundsiebzig, Apartment Nummer siebenhundertzwei“, sagte Sarah, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

„Ich werde da sein.“

Bevor sich Hunter auf den Weg zu Sarahs Loft machte, schaute er noch einmal in der Firma vorbei. Er war sich ziemlich sicher, Ethan Sloan dort anzutreffen. Ethan war Workaholic, aber gleichzeitig ein Genie. Er war Ende dreißig und seit fünfzehn Jahren bei Lush Beauty, also fast von Anfang an.

Ethan hatte bereits unzählige Produkte Lush Beauty entwickelt: Parfüms, Make-ups, Hautcremes. Er hatte ein untrügliches Gespür für kommende Trends und ahnte Änderungen des Publikumsgeschmacks. Sein Instinkt sagte ihm, dass es jetzt an der Zeit war, die Ansprüche an das Sortiment hochzuschrauben.

Hunter war sicher, dass Ethan nicht nur auf dem Gebiet der Produktentwicklung genial war, sondern auch den Betrieb besser kannte als jeder andere. Und genau dazu hatte Hunter ein paar Fragen.

Wie erwartet fand er Ethan an seinem Schreibtisch. Er telefonierte zwar gerade, winkte Hunter aber sofort herein, sobald er ihn sah.

„Bis Donnerstag dann“, beendete er das Gespräch und forderte seinen Besucher mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen.

Hunter machte es sich bequem.

Ethan war ein Mann nach Hunters Geschmack: loyal, gradlinig und zielstrebig.

„Wir haben einen neuen Lieferanten für unser Lavendel“, wandte er sich an Hunter. „In British Columbia.“

„Hat es denn Engpässe gegeben?“

„Man muss vorsichtig sein. Immerhin wird es jetzt einer unserer wichtigsten Rohstoffe.“ Ethan rieb sich die Hände. „Jedenfalls ist das jetzt unter Dach und Fach. Was kann ich für dich tun?“

Hunter lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Das ist ein bisschen heikel“, meinte er, „und muss auch ganz unter uns bleiben.“

Ethan lächelte. Dann stand er auf, ging durchs Büro und schloss die Tür. Nachdem er sich einen Stuhl geholt hatte, setzte Ethan sich neben Hunter. „Dann schieß mal los. Ich liebe Gespräche, die so anfangen.“

Hunter erwiderte das Lächeln. „Du musst mir sagen, ob ich vollkommen schiefliege.“

„Wobei?“

„Was hältst du von Chloe Linus?“

„Nicht überdurchschnittlich klug. Sieht aber klasse aus und wirkt, als ob sie nichts anbrennen lässt. Das hat Roger inzwischen auch schon gemerkt.“

„Sie hat bei der Bergdorf-Aktion heute die Chefin gespielt.“

„Ja? Davon steht aber nichts in ihrer Arbeitsplatzbeschreibung.“

„Ich frage mich die ganze Zeit“, erklärte Hunter offen, „was sie da überhaupt zu suchen hatte.“

„Vielleicht als so eine Art Blickfang?“

Daran hatte Hunter auch schon gedacht, es jedoch wieder verworfen. „Die Hauptzielgruppe waren Frauen.“

„Vielleicht hat Roger sie ja auch ganz, ganz lieb darum gebeten.“

Auch das hatte Hunter in Erwägung gezogen. Er wollte aber noch nicht so weit gehen, Roger zu unterstellen, dass er Chloe offen protegierte. Dafür gab es keine Beweise. Und Hunter zog noch eine andere Möglichkeit in Betracht. „Könnte Chloe so etwas sein wie das Idealbild für unsere Kunden?“

Ethan überlegte. „Zweifellos versteht sie es, etwas aus sich zu machen. Und jeder kann an ihr sehen, dass Kosmetik etwas bewirkt.“

„Für meinen Geschmack trägt sie ein wenig zu dick auf.“

Jetzt grinste Ethan. „Das ist genau die Kundschaft, die mir die liebste ist. Am besten pfundweise. Ich wünschte, sie hätten alle so einen hohen Verbrauch wie Chloe.“

Damit verstärkte er Hunters Sorgen. Chloe war tatsächlich ein wandelndes Verkaufsargument. Und es war gut möglich, dass Roger das genauso sah. Und er sah es nicht in Sarah. Sarah war alles Mögliche – sie hatte die wunderbarsten Qualitäten, die man sich wünschen konnte. Aber ein Aushängeschild für Lush Beauty Products, das war sie nicht.

Hunter nahm sich vor, in dieser Frage etwas zu unternehmen. Dann wechselte er das Thema. „Hat Sarah dir von ihrer Idee mit den Wellness-Centern erzählt?“

Ethan nickte. „Da steckt eine Menge Potenzial drin. Hab aber schon gehört, dass die Sache beim Body & Soul nicht geklappt hat.“

„Ich habe das noch nicht abgehakt“, erklärte Hunter. „Fällt dir etwas dazu ein?“

Ethan überlegte. Dann meinte er vorsichtig: „Wenn ich entscheiden könnte, würde ich an eine Kette gehen und nicht an ein einzelnes Center oder Clubs. Nehmen wir mal die Crystal Spas. Die haben Niederlassungen in Übersee. Wir würden vielleicht in Rom und Paris einen Fuß in die Tür bekommen. Wenn das zündet, ist es eine Rakete.“

„Ziemlicher Brocken.“

„Seit wann hat Osland International Angst vor großen Brocken?“

Ethan hatte recht. Vor welcher Herausforderung sollte Osland zurückschrecken? Hunter kannte solche Bedenken sowieso nicht. Im Gegenteil, die Sache begann, ihn zu reizen. Auch wenn er seinen Job an der Spitze von Lush Beauty Products nicht gerade mit Begeisterung übernommen hatte, entwickelte er allmählich den Ehrgeiz, aus Lush Beauty einen Riesenerfolg zu machen.

Und Sarah wollte er unbedingt dabeihaben. Er mochte die Art, wie sie Dinge anging und wie sie sich einsetzte. Sie war fantasievoll und kreativ und dachte nicht in Schubladen wie die meisten. Er mochte sie überhaupt. Und er konnte auch nichts Schlimmes dabei finden, einen Partner im Geschäft zu mögen. Sie musste ja nicht unbedingt gleich mit ihm schlafen.

Sarah drückte auf den Summer, um Hunter ins Haus zu lassen.

Sie hatte noch Zweifel, ob es wirklich eine gute Idee war, seine Hilfe anzunehmen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Sarah trug eine verwaschene Jeans und ein ausgeleiertes T-Shirt mit der Aufschrift „Gestohlen beim Police Departement NYC“. Ihr Haar hatte sie straff im Nacken zusammengebunden, und auf dem Kopf trug sie eine Malermütze. Insofern konnte sie beruhigt sein. Das war nicht gerade die perfekte Aufmachung, um einen Mann zu verführen.

Das Geräusch der Türklingel hallte durch den hohen, leeren Raum. Sarahs Möbel standen noch für eine weitere Woche in einem Lager. Lediglich ihr kleines Schlafzimmer war bereits fertig eingerichtet.

Sie öffnete die Tür, die laut knarrte, und ließ Hunter herein.

Er ging bis zur Mitte des Lofts, drehte sich langsam um die eigene Achse und besah sich die Baustelle. Der Küchentresen war mit Wachstuch abgedeckt, auf dem Boden waren Plastikplanen ausgelegt, lange Klebebandstreifen schmückten die Fensterrahmen. „Nett hier“, bemerkte er.

„Das wird noch“, antwortete sie müde und schloss die schwere Tür. Sarah fühlte sich verpflichtet, ihr neues Domizil zu verteidigen, in das sie sich gleich bei der ersten Besichtigung verliebt hatte.

„Das war nicht ironisch gemeint, ehrlich“, stellte Hunter klar. Er hielt eine Flasche Wein hoch und lächelte. „Hier. Zur Einweihung.“

„Dazu ist es noch ein bisschen früh.“

Er sah sich um. „Wo soll ich sie hinstellen?“

„Da hinten, neben den Kühlschrank.“ Sarah zeigte in Richtung Küche.

Nachdem Hunter die Flasche weggestellt hatte, zog er sich die Jacke aus. Er trug eine kakifarbene Hose und ein blütenweißes nagelneues T-Shirt.

Sarah unterdrückte ein Lächeln, während sie ihn musterte. „Du hast noch nicht sehr oft renoviert, stimmt’s?“ Auch wenn er seine Hilfe angeboten hat, muss er ein wenig Spott vertragen können, fand sie.

„Ich weiß, wie es geht. Hab ich im Fernsehen gesehen.“

„Da sieht das ein wenig einfacher aus, als es ist.“

„Na, so schlimm kann es auch nicht sein. Man taucht die Rolle in die Farbe und schmiert das Zeug an die Wand, oder? Das wird einem Mann mit Harvard-Abschluss wohl noch gelingen.“

„Stand Wohnungsrenovierung bei euch auch auf dem Stundenplan?“

„Ganz schön kess. Nein, stand es nicht. Nur BWL und Volkswirtschaft. Aber du könntest mir ruhig eine Chance geben. Immerhin habe ich mich freiwillig gemeldet.“ Es klang fast etwas beleidigt.

Sarah schluckte. Ganz schön kess – das hatte er schon einmal gesagt, damals in Manchester. Sie schenkte ihm ein versöhnliches Lächeln. „Dann los“, sagte sie und zeigte auf den Farbeimer und die Wand, an der es weitergehen sollte.

Hunter öffnete den Deckel und wollte gerade die Rolle eintauchen, als Sarah ihn zurückhielt.

„Du musst erst umrühren.“

Er hielt inne und seufzte. „Dir macht das richtig Spaß, was?“

„Ich muss zugeben, einen waschechten Multimillionär mal auf den Boden der Tatsachen zu bringen – das hat was.“

„Das ist doch nur ein Klischee. Ich bin immer auf dem Boden der Tatsachen.“

„Das sehe ich. Immer schön rühren, Mister Volkswirtschaft“, neckte Sarah ihn weiter, während Hunter über den Eimer gebückt stand und mit einem langen Pinsel die weiße Wandfarbe umrührte.

„Was hast du denn für einen Abschluss?“, fragte er.

Sie zögerte. „Ich bin Betriebswirtin. Yale.“

„Schau an, dieselbe Fakultät. Prädikat?“

„Magna cum laude.“

Sie wunderte sich, dass er dazu nichts sagte. Dann fiel es ihr ein. „Du hast bestimmt summa cum laude, oder?“

Er lächelte lediglich und trug den Eimer an die Stelle, wo gestrichen werden sollte.

Schweigend machten sie sich ans Werk. Sarah widmete sich den Ecken und Kanten, während Hunter mit der Farbrolle die Wand bearbeitete.

„Was hältst du eigentlich von den Crystal Spas?“, fragte er plötzlich.

„Ich war noch nie in einem“, antwortete sie, während sie auf der Leiter stand und mit einem präzisen Strich den Abschluss zur Decke markierte. Weil die Lampen so dicht waren, wurde ihr heiß. Sarah nahm ihre Mütze ab und warf sie auf den Boden. Einige Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. Sie riskierte zwar, Farbkleckse auf den Kopf zu bekommen, aber das war ihr jetzt egal.

„Willst du es nicht mal ausprobieren?“

Sie setzte den Pinsel ab und schaute herunter. Wovon redete Hunter? „Was ausprobieren?“

„Ich denke, wir sollten uns durch die Absage vom Body & Soul nicht entmutigen lassen. Es gibt noch mehr Wellness-Tempel.“

Sarah wunderte sich, warum sie nicht selbst darauf gekommen war. Wenn Hunter das ernst meinte, war ihre Idee also noch nicht gestorben. Zum Beispiel die Crystal Spas, sie waren sogar noch ein paar Nummern größer. Und dieses Mal würde Sarah besser vorbereitet in die Verhandlungen einsteigen.

„Könnte ich einen Besuch denn als Spesen absetzen?“

„Natürlich.“

Sie tauchte den Pinsel in die Farbe. „Als ob Roger sich jemals darauf einlassen würde.“

„Vergiss doch Roger.“ Hunter setzte die Rolle ab und nahm seine Brieftasche aus der Hosentasche. Er zog eine Kreditkarte heraus, zeigte sie Sarah und legte sie auf den Küchentresen. „Betrachte das als dein Spesenkonto.“

Ihr stockte der Atem. „Aber du kannst doch nicht …“

„Wie du siehst, kann ich.“

„Aber …“

„Was willst du denn?“ Hunter strich weiter die Wände. „Die Idee mit den Wellness-Clubs ist großartig. Warum sollten wir sie nicht weiterverfolgen? Die Kreditkarte läuft über das Konto von Osland International. Wenn du damit hingehst, sind das ganz normale, steuerlich absetzbare Geschäftskosten. Außerdem kann ich mir ja schlecht die Wimpern tuschen oder die Beine enthaaren lassen.“

„Soll ich mir etwa die Beine enthaaren lassen? Hab ich das nötig?“

„War ja nur ein Beispiel. Gegen deine Beine ist überhaupt nichts einzuwenden. Ich finde sie fantastisch.“

Sarah stöhnte auf. Sie ging ein paar Sprossen hinunter und hielt die Hand vor Hunters Nase. Mit Zeigefinger und Daumen zeigte sie einen Abstand von einem Zentimeter. „Wir waren so nahe dran, eine sachliche Diskussion zu führen. Und jetzt fängst du schon wieder an.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin eben nur ein schwacher Mann.“

„Du bist unmöglich.“

„Meinetwegen. Trotzdem ist dein Vorschlag zu gut, um ihn jetzt schon fallen zu lassen. Du kannst ja dort mit dir machen lassen, was du willst.“

Sie warf einen verstohlenen Blick zum Küchentresen, wo seine Kreditkarte lag. „Na ja, vielleicht eine Gesichtsmaske. Wäre nicht schlecht. Aber was ist, wenn sie auch schon vertraglich gebunden sind wie das Body & Soul?“

„Jeder Job ist anders. Warten wir es doch erst mal ab. Gehst du morgen hin?“

Sarah nickte. Es waren nur noch zwölf Tage bis zum Valentinstag. Sie hatten keine Zeit zu verlieren.

3. KAPITEL

Einen Tag später lag Sarah ausgestreckt auf einer Liege im Crystal Spa in Manhattan. Sie trug nichts als einen leichten Seidenmorgenrock und ließ eine Gesichtsmaske einwirken. Nach der Massage fühlte Sarah sich angenehm entspannt. Feuchte Wattepads lagen auf ihren geschlossenen Lidern.

Sarah dämmerte vor sich hin und war kurz vorm Einschlafen, als sie ihren Namen hörte. Jetzt träume ich schon von Hunters Stimme, dachte sie noch, aber dann hörte sie es noch einmal.

„Sarah?“

Das durfte nicht wahr sein. Was machte er hier? Plötzlich spürte sie seine warme Hand auf der Schulter.

„Wie kommst du denn hierher?“, fragte sie in einem Anflug von Panik.

„Kein Grund zur Aufregung. Ich wollte dich nur bitten, deine Termine für heute abzusagen. Wir müssen nach Los Angeles.“

Sarah versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach. „Das träume ich doch nur. Du bist doch nicht wirklich hier, oder?“

Hunter lachte leise. „Darf ich das so verstehen, dass du gelegentlich von mir träumst?“

„Nur in ganz schlimmen Albträumen, glaub mir.“

„Ich kann dich beruhigen. Das ist schlimmer als ein Albtraum. Ich bin es wirklich. Die Sache ist, dass ich keinen anderen Termin mit dem Generaldirektor von Crystal bekommen

konnte. Wir sind für drei Uhr in seinem Hauptquartier in L.A. angemeldet.“

Sarah hob vorsichtig ein Wattepad an und blinzelte Hunter an. „Was wollen wir von dem Generaldirektor?“

„Wenn wir die Kampagne machen, ziehen wir sie gleich mit der ganzen Kette durch, das stelle ich mir so vor.“

Sarah konnte es kaum glauben. Das wäre der ganz große Coup. „Im Ernst?“

„Im Ernst.“

„Ich könnte dich küssen.“

„Normalerweise jederzeit. Aber im Moment bist du mir etwas zu … ölig.“ Sie nahm auch das andere Wattepad ab und richtete sich halb auf. „Wie ist es? Kannst du deine Termine verlegen? Wir müssten uns dann gleich auf den Weg machen.“

Sarah stimmte begeistert zu, aber Hunter warnte sie: „Noch ist der Deal nicht gelaufen.“

Davon ließ Sarah sich nicht entmutigen. Sie rief Amber an und bat sie, alle Verabredungen für diesen Tag abzusagen.

Stunden später tat es Hunter aufrichtig leid, dass er so große Erwartungen in Sarah geweckt hatte. Die Besprechung mit dem Vorstand von Crystal war unglücklich verlaufen. Und Sarah war sichtlich enttäuscht, als sie wieder in den Privatjet zurück nach New York stiegen.

„Na ja, es war ja auch ein ziemlich hochgestecktes Ziel“, meinte sie tapfer, während sie auf dem Sitz ihm gegenüber Platz nahm und sich anschnallte.

Hunter war genauso frustriert wie sie. „Ich frage mich immer, wie Leute in Führungspositionen kommen, die nicht fähig sind, rasch eine Entscheidung zu treffen, zumal wenn sich ihnen eine solche Chance bietet – bei den Spitzenprodukten, die wir vertreten.“

„Du sagst es.“ Sarah seufzte.

Dann sahen sie sich an und mussten lachen. Sie dachten beide dasselbe.

„Klingt doch überzeugend, oder nicht? Dafür, dass wir die Sachen noch nie ausprobiert haben“, meinte Hunter, nachdem er sich beruhigt hatte. „Vielleicht sollten wir es wirklich einmal tun.“

„Du kannst dir ja die Beine epilieren lassen. Ich jedenfalls mache das nicht.“

„Ich lasse mir meine Brusthaare entfernen, wenn ich dich dafür von Kopf bis Fuß eincremen darf.“

Sarah schüttelte lachend den Kopf. „Nein, wir wissen ja, wo das endet. Außerdem wäre es schade um deine Brusthaare, finde ich.“

Hunter freute sich, dass er sie aufheitern konnte. Aber es dauerte nicht lange, und ihr Lächeln war wieder verschwunden. Er nahm ihre Hand. Sie fühlte sich weich und zart an. Der Jet setzte sich in Bewegung und rollte zur Startbahn.

Hunter überlegte einen Moment, woran ihn die Szene erinnerte. Da fiel es ihm ein. Genau so hatte Jack Kristys Hand gehalten, um sie zu beruhigen, als sie in Las Vegas hatten notlanden müssen. Das war auch in diesem Flugzeug gewesen.

„Wollen wir Kristy besuchen?“, fragte er unvermittelt.

Sarah sah ihn erstaunt an. „Wie soll das gehen?“

„Kristy ist in Manchester. Es liegt fast auf dem Weg. Ich brauche nur im Cockpit Bescheid zu sagen.“

„Nein, lass nur. Wir haben kaum noch Zeit bis zum Valentinstag.“ Ihre Miene hellte sich ein bisschen auf. „Trotzdem ist es lieb von dir, dass du das vorgeschlagen hast.“

Hunter tat es leid, dass er nicht mehr für sie tun konnte. Es war so schön, sie lächeln zu sehen. Sarahs glücklich strahlende Augen bedeuteten ihm mehr als jeder Geschäftsabschluss. Ihm würde schon etwas einfallen, um sie aufzumuntern.

„Zerbrich dir meinetwegen nicht den Kopf“, erwiderte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Ich bin ein großes Mädchen und werde darüber hinwegkommen.“

Sanft führte er ihre Hand an seine Lippen und küsste sie. Dann herrschte eine Weile Schweigen in der Kabine. Nur die Turbinen waren zu hören, während sich die Maschine auf die Startposition zubewegte.

„Ich muss bloß an all die anderen denken, die auch so hart für dieses Projekt gearbeitet haben. Colleen vom Marketing hat mir neulich den Fernsehspot gezeigt, den sie gedreht haben. Er ist absolut fantastisch. Ich will da nicht zurückstehen, verstehst du?“

„Du stehst auch nicht zurück. Da ist doch immer noch dein Ball. Ich bin überzeugt, es wird der beste Valentinsball, den die Stadt je erlebt hat.“ Aufmunternd drückte er ihre Hand.

„Hunter, lass es. Ich mag es nicht, wenn man mir zuredet.“ Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Natürlich wird der Ball gut. Die Vorbereitungen sind so gut wie abgeschlossen. Aber ich wollte noch ein Sahnehäubchen draufsetzen. Vielleicht ist es ja auch nur für meine Eitelkeit“, fügte sie seufzend hinzu.

„Wieso? Gute Arbeit abzuliefern hat doch nichts mit Eitelkeit zu tun.“

„Aber um Anerkennung für seine Arbeit zu buhlen ist eitel.“

„Anerkennung für gute Arbeit finden zu wollen ist nicht eitel, sondern einfach nur menschlich.“

Hunter betrachtete sie eine Zeit lang, ohne etwas zu sagen. Nicht zum ersten Mal fiel ihm auf, dass Sarah sich mehr zutrauen könnte. Sie hatte die Fähigkeiten dazu und leistete großartige Arbeit. Vielleicht war Sarah allerdings ein bisschen zu empfindsam. Oder?

In der Abgeschiedenheit der Flugzeugkabine wagte er sich mit einer Frage vor, die ihn schon lange beschäftigte: „Sarah, warum hast du mit mir geschlafen?“

Erschrocken zog sie die Hand zurück. „Warum hast du mit mir geschlafen?“, stellte sie die Gegenfrage.

Ohne zu zögern, entgegnete er: „Weil ich an diesem Abend von dir hingerissen war, von deiner Schlagfertigkeit, deinem Intellekt – und von deiner Schönheit.“

„Und davon, dass ich keinen Widerstand geleistet habe?“

Er überhörte die kleine Spitze. „Es war einfach nur schön, dich in den Armen zu halten. Aber du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Nun“, begann sie zögernd, „alles war so überwältigend. Es war Weihnachten. Kristy und Jack hatten gerade geheiratet. Dazu euer Haus, in dem ich mir vorkam wie in einer anderen Welt. Und dann warst du natürlich da: gut aussehend, charmant, attraktiv.“

Hunter war nicht davon überzeugt, dass das die ganze Wahrheit war. In dem großen Haus, unter all den Menschen, die ihr noch fremd waren, das junge Glück ihrer Schwester vor Augen … Sarah war sich bestimmt auch verloren vorgekommen und hatte jemanden gebraucht, an dem sie sich hatte festhalten können. Und das war zufällig er gewesen.

Er stand auf und setzte sich auf den Platz neben Sarah. Die Turbinen heulten auf, die Maschine beschleunigte. Hunter nahm ihre Hand. Wenn Sarah jemanden zum Festhalten brauchte, war er gern derjenige, der ihr beistand.

Am nächsten Morgen kam Sarah zum allerersten Mal nicht pünktlich zur Arbeit.

Amber begrüßte sie sorgenvoll. „Ist irgendetwas passiert?“, erkundigte sie sich.

„Nein, nichts. Gestern ist es nur spät geworden, bis ich wieder zu Hause war.“

„Roger war hier und hat nach deinen Unterlagen für den Valentinsball gefragt.“

Mit energischen Schritten ging Sarah in ihr Büro, legte ihre Aktenmappe und Handtasche auf dem Sideboard ab und griff nach der Post. „Und wozu?“, fragte sie Amber, die ihr gefolgt war.

„Damit Chloe sie durchsieht.“

„Wie bitte?“ Sie sah Amber entgeistert an. „Was soll das denn?“

„Keine Ahnung. Vielleicht ist sie die Gesalbte des Herrn – was weiß ich? Sag mal, was geht in der Abteilung eigentlich vor? Irgendetwas, worüber ich mir Sorgen machen müsste?“

„Nein, Amber. Du brauchst dir bestimmt keine Sorgen zu machen.“ Sarah legte den Stapel Post auf ihren Schreibtisch. „Ich nehme an, du hast ihm die Unterlagen gegeben?“

„Was sollte ich machen?“

„Ist schon gut. Warte hier auf mich.“

Sie konnte Amber keinen Vorwurf machen. Roger war noch immer Chef bei Lush Beauty, und sie mussten tun, was er sagte. Ob Sarah die Ordner, in denen ihre ganze Arbeit an der Vorbereitung des Balls steckte, jemals wiedersehen würde, stand jedoch in den Sternen. Allmählich wurde Roger absolut unberechenbar. Mit seinem Segen durfte Chloe in der PR-Abteilung offenbar schalten und walten, wie sie wollte. Sarah atmete tief durch, während sie auf den Lift wartete.

Während sie in den zwanzigsten Stock hinauffuhr, bekam sie allmählich Kopfschmerzen. Wollte Roger ihre Arbeit absichtlich sabotieren? Zugegeben, mit den Wellness-Centern hatte Sarah Schiffbruch erlitten. Aber das Projekt mit dem Ball stand noch bevor. Es war ihr Werk und das ihrer Abteilung. Dass Roger zehn Tage vorher dazwischenfunkte und Chloe erlaubte, ihr da hineinzupfuschen … Das konnte Sarah nicht zulassen. Sie würde für ihren Valentinsball kämpfen.

Die Türen glitten in der Chefetage auf. Rogers Sekretärin Myra hob erstaunt den Kopf, als sie Sarah vor ihrem Schreibtisch stehen sah. „Haben Sie einen Termin bei Mr. Rawlings?“

„Ich brauche nur zwei Minuten.“

Myra blickte auf die Bürotür und meinte bekümmert zu Sarah: „Ich fürchte, im Augenblick …“

In diesem Moment schwang die Tür auf, und heraus trat Chloe in kurzem Lederrock und goldener Glitzerbluse. Sie warf Sarah einen hochmütigen Blick zu und stolzierte, einen dicken Packen Ordner unter dem Arm, an ihr vorbei.

„Sieht so aus, als ob er jetzt frei ist“, meinte Sarah kühl.

Myra griff nach dem Telefonhörer. „Moment. Ich will …“

„Zwei Minuten.“ Damit stand Sarah bereits in Rogers Büro.

Auf seiner Stirn hatte sich eine steile Falte gebildet. Die Lippen fest aufeinandergepresst, musterte Roger die unerwartete Besucherin. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir einen Termin hätten.“

„Ich suche meine Unterlagen für den Valentinsball. Und ich dachte mir, dass sie vielleicht hier sind.“

„Chloe hat sie gerade mitgenommen.“

„Wozu, wenn ich fragen darf?“ Sarah bemühte sich, ruhig zu bleiben.

„Ich habe Chloe gebeten, sie durchzusehen und mir zu sagen, was sie davon hält.“

„Wovon?“ Sarah konnte es nicht fassen.

„Vom Stand der Vorbereitungen. Ich möchte, dass Chloe in die Kampagne für Luscious Lavender einbezogen wird. Sie hat wirklich Talent.“

Sarah für ihren Teil hatte bisher keine herausragenden Talente an Chloe entdecken können. Und die Vorbereitungen waren so weit gediehen, dass es nur noch darum ging, die Dinge am Laufen zu halten.

Roger entging Sarahs Unwillen offenbar nicht, denn er änderte seine Taktik. „Ich weiß, wie hart Sie gearbeitet haben“, meinte er honigsüß. „Ich dachte, es kann nichts schaden, wenn Ihnen jemand etwas abnimmt.“

„Ist gar nicht nötig …“

Er ließ sie nicht aussprechen. „In zwei Tagen haben Sie alles zurück. Versprochen. Nett, dass Sie vorbeigekommen sind.“

Fassungslos trat Sarah den Rückzug an. Was sollte Chloe ihr abnehmen? Dieses Küken hatte nicht den leisesten Schimmer, worum es ging. Allein der Chefkoch vom Roosevelt war schon eine tickende Zeitbombe. Ein falsches Wort im falschen Moment konnte eine Lawine von Katastrophen auslösen. Dem Leiter des Orchesters musste man bis zum Schluss auf den Füßen stehen, damit er das Programm nicht durcheinander

brachte. Die Möglichkeiten, heilloses Chaos anzurichten, waren schier unerschöpflich.

Aber Roger war ihr Chef. Wenn er es so haben wollte, war nicht daran zu rütteln.

In der Aufzugskabine beruhigte Sarah sich allmählich. Roger wollte, dass Chloe jetzt die Regie übernahm? Dann sollte sie. Sarah konnte ihr gelassen den Vortritt überlassen. Die Chancen standen tausend zu eins, dass Chloe keine vierundzwanzig Stunden brauchte, um das Ganze zu vermasseln. Sollten sie doch sehen, wie sie allein zurechtkamen.

Sarahs Entschluss stand fest. Er mochte selbstmörderisch sein, aber den Spaß war ihr das wert. Wenn Roger so freundlich war, sie zu entlasten, konnte sie auch nach Hause fahren und weiter ihre Wohnung renovieren.

Ohne länger darüber nachzudenken, marschierte Sarah in ihr Büro. Sie erklärte der völlig verdutzten Amber, dass sie sich jetzt freinehmen würde. Die Unterlagen für den Ball kämen übermorgen zurück.

Vier Stunden später war Sarah immer noch dabei, die Längsseite ihres Lofts mit kräftigen Bewegungen anzustreichen, die nach Hunters mehr abstrakter Wandmalerei einen zweiten Anstrich brauchte. Im Hintergrund dröhnte Musik von U2 aus voll aufgedrehten Lautsprechern. Sie stand gerade oben auf der Leiter, als sie hörte, wie jemand gegen die Tür hämmerte.

Seufzend stieg Sarah herunter. „Ich komme ja schon“, rief sie, als das laute Klopfen kein Ende nahm.

Vor der Tür zu ihrem Loft stand Hunter. Er hielt eine große Einkaufstüte in der Hand.

Als Erstes ging er zur Anlage und drehte die Musik leiser. „Meine Güte, seit zehn Minuten klingele ich unten. Hätte die freundliche Nachbarin aus der ersten Etage nicht gerade ihren Hund ausgeführt, dann würde ich da jetzt noch stehen.“

„Tut mir leid. Ich habe nichts gehört.“

Hunter stellte die Tüte ab. „Kannst du mir erklären, was hier vorgeht?“

„Ich habe mir einen freien Nachmittag genommen.“

„Ich weiß. Ich habe mit Amber gesprochen.“

Sarah zuckte mit den Schultern und ging zur Leiter zurück.

„Amber hat mir auch verraten, dass es das erste Mal in acht Jahren ist.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Also bitte, was ist passiert?“

Sarah rührte im Farbeimer. „Nichts Besonderes.“ Während sie schneller rührte, schwappte die Farbe über.

„Kannst du endlich damit aufhören und mir eine Erklärung geben?“

Aufgebracht seufzte sie. „Willst du es wirklich hören?“

„Allerdings.“

„Roger hat alle Unterlagen für den Ball von meinem Schreibtisch geholt und sie Chloe gegeben. Sie soll sich ein Urteil bilden, weil sie ein so kluges Kind ist.“

„Das hat er gesagt?“

„Sinngemäß, ja. Er scheint ganz versessen darauf zu sein, dass sie sich in jede Kleinigkeit einmischt, an der ich arbeite. Vielleicht wird sie unsere neue PR-Assistentin – ach, was sage ich: PR-Abteilungsleiterin.“

Hunter schwieg. Sarah sah ihm an, dass er ihr etwas erklären wollte. „Was ist?“, fragte sie ungeduldig.

Er machte eine ausweichende Handbewegung. „Ich habe da so eine Theorie. Aber es ist nur eine Theorie.“

„Und die wäre?“

„Wir wissen beide, was wir von Chloe zu halten haben. Natürlich kann sie dir, was deine Arbeit angeht, nicht das Wasser reichen. Nur in einem einzigen Punkt hat Roger ein Argument. Chloe ist tatsächlich so etwas wie das wandelnde Aushängeschild von Luscious Lavender.“

Sarah wurde plötzlich flau im Magen. Nahm Hunter tatsächlich Roger in Schutz? Oder noch schlimmer, stellte er sich vor Chloe? Anscheinend waren doch alle Männer gleich, ob sie nun Roger oder Hunter hießen. Sobald es um Frauen ging, zählte nur, wie tief der Ausschnitt und wie hoch die Absätze waren. Wütend stemmte Sarah die Hände in die Hüfte.

Hunter zeigte ihr den Inhalt der großen Plastiktüte. Er hatte die gesamte Produktpalette von Luscious Lavender mitgebracht. „Willst du das nicht doch mal ausprobieren?“

„Du meinst, ich brauche nur das richtige Shampoo zu benutzen und alles regelt sich wie von selbst?“

Hunter lächelte ein wenig verlegen und warf einen Blick in die Tüte. „Da ist noch mehr: Make-up, Lippenstift, Nagellack …“

„Pass gut auf, was du jetzt sagst“, unterbrach Sarah ihn warnend.

„Willst du mich denn nicht verstehen?“

„Nein!“, rief sie. Ohne zu überlegen, tauchte sie den Pinsel ein, den sie immer noch in der Hand hielt, und spritzte eine volle Ladung weißer Wandfarbe von oben bis unten über Hunters Anzug. Eine Sekunde später begriff sie, was sie getan hatte. Sie schlug die Hand vor den Mund und stammelte: „Mein Gott, … es … es tut mir leid.“

„Vergiss es.“

„Aber ich habe deinen Anzug ruiniert.“ Sie zweifelte nicht daran, dass der mehr kostete, als sie in zwei Monaten verdiente.

„Ich sagte, vergiss es.“ Sarahs Attacke schien Hunter nicht zu erschüttern. „Wenn du mir jetzt bitte zuhören würdest. Ich finde Chloe nicht toll. Davor bewahre mich der Himmel. Es geht ganz einfach um die Frage der Außendarstellung. Kunden und auch unsere Verhandlungspartner gehen nach Äußerlichkeiten – ob uns das nun passt oder nicht. Sie erkennen in jemandem wie Chloe unsere Produkte wieder. Chloe regt die Fantasie der Frauen an, die sich vorstellen, wie sie aussehen könnten. Und es geht auch um Glaubwürdigkeit. Überleg doch mal: Die Repräsentantin einer Kosmetikfirma, die offensichtlich persönlich nichts von Kosmetika hält, ist nicht besonders überzeugend, findest du nicht?“

Sarah ging zurück zur Leiter. „Willst du damit sagen, dass mein Styling wichtiger ist als mein Studium und meine Berufserfahrung?“

„Nicht wichtiger, aber auch nicht unwichtig.“

Sie blieb wie angewurzelt stehen. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte.

„Aber“, fuhr Hunter mit Nachdruck fort, „ich bin auch davon überzeugt, dass du Chloe locker mit ihren eigenen Waffen schlagen kannst.“

„Du siehst in ihr also ernsthaft eine Rivalin für mich?“

Roger sieht das so. Und dazu brauchst du es doch gar nicht kommen zu lassen. Nimm die Herausforderung an, dann hast du beides, Überlegenheit in Style und Qualifikation. Dann hat Chloe das Nachsehen.“

Sarah war verwirrt. Sie hatte immer einen guten Job gemacht und sich nichts vorzuwerfen. Sie war pünktlich, zuverlässig und vor allem erfolgreich, hatte Reden und Pressemitteilungen geschrieben, Präsentationsmappen zusammengestellt, mit Geschäftspartnern verhandelt und Events organisiert. Sie hatte eine perfekt funktionierende Abteilung, die bei sämtlichen internen Auswertungen immer an der Spitze lag.

„Habe ich es denn überhaupt nötig, mich auf diese Ebene zu begeben?“ Im selben Moment wurde ihr bewusst, dass es ihre letzte, verzweifelte Gegenwehr war.

„Wenn du diese Frage stellst, hast du schon verloren. Zu schade. Ist es wirklich das, was du willst?“

„Das ist doch lächerlich.“ Sarahs Einwand klang sogar in ihren Ohren schwach.

„Lächerlich? Das sind die Tatsachen des PR-Geschäfts, deines PR-Geschäfts. Und Tatsache ist auch, dass Chloe dir auf den Fersen ist.“

Einen Moment lang herrschte Stille. Dann fragte Sarah: „Warum kümmerst du dich eigentlich so um mich?“ Sie blieb bei der Leiter stehen und drehte sich zu ihm.

„Was glaubst du denn?“, entgegnete Hunter und kam auf sie zu.

Sarah wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie wartete nur mit angehaltenem Atem darauf, was Hunter als Nächstes sagen würde.

„Weil ich dich mag? Weil wir miteinander geschlafen haben? Weil deine Arbeit wertvoll für die Firma ist? Weil du zur Familie gehörst? Du kannst es dir aussuchen, Sarah. Aber weiter kann ich dir auch nicht helfen. Und wenn du dir nicht helfen lassen willst – dann bitte. Dann kann ich auch gehen.“

Während er auf sie einredete, stieg Sarah ein paar Sprossen höher und pinselte blind drauflos. Sie fühlte sich ausgebrannt und leer. Seine letzten Worte klangen ihr in den Ohren. Schweigend wartete sie darauf, die Tür zuschlagen zu hören. Ihr taten die Augen weh.

Sie hatte diesen Streit mit Hunter nicht gewollt. Er konnte nichts dafür, dass Chloe sich aufführte, als wäre sie Madonna persönlich. Auch nichts dafür, dass Roger auf ihr Getue hereinfiel. Und was habe ich von Hunter erwartet, überlegte sie. Dass er zu Roger läuft und ihn zusammenstaucht, weil mir Unrecht geschehen ist?

Nein. Sie musste für sich selbst einstehen.

Sarah versuchte, sich darauf zu konzentrieren, den Winkel zwischen Wand und Decke auszupinseln, und war sich weiterhin sicher, gleich das Quietschen der Tür zu hören. Wenn Hunter ging und sie zurückließ und – für immer verließ.

Aber nichts geschah. Dann hörte sie ihn plötzlich sagen: „Entschuldige bitte, Sarah. Ich habe es nicht klug angefangen. Ich hätte es dir anders sagen sollen.“

Wie erstarrt hielt sie inne. Nachdem sie einmal tief eingeatmet hatte, legte sie den Pinsel aus der Hand. Trotzdem drehte Sarah sich nicht zu Hunter um. „Nein“, antwortete sie endlich, „ich muss mich bei dir entschuldigen.“

Wieder herrschte für einen Augenblick Stille.

„Kannst du nicht mal kurz von der Leiter kommen?“

Sie nickte und stieg herunter, ohne sich umzudrehen. Sie wagte nicht, ihm in die Augen zu sehen. Denn sie wusste, dass er recht hatte. „Vielleicht stimmt es, was du sagst“, meinte sie schließlich kleinlaut. „Bestimmt bringt es mich nicht um, diese Sachen wenigstens einmal auszuprobieren.“

„Das war es, was ich hören wollte“, erwiderte Hunter erfreut.

„Ich wollte immer sachlich überzeugen und nie durch Aussehen oder Auftreten blenden“, erklärte sie zu ihrer Rechtfertigung.

„Du brauchst doch niemanden zu blenden. Du bist schön, Sarah. Und das hat mit irgendwelchen Cremes oder Wässerchen nichts zu tun. Du bist einfach schön. Es geht nur um ein paar Spielregeln in diesem Job.“ Lächelnd zog er sein mit Farbe vollgespritztes Jackett aus.

Sarah hielt den Atem an und fragte sich, was jetzt kommen würde.

„Also, an die Arbeit“, meinte er entschlossen und krempelte die Ärmel hoch.

„Was hast du vor?“

„Jetzt streichen wir deine Wohnung.“

Es war später Nachmittag. Sarah schmerzten Arme und Schultern so sehr, dass sie sich kaum noch bewegen konnte. Trotzdem kämpfte sie gegen die Erschöpfung an. Gerade stieg Sarah von der Leiter und wollte den nächsten Eimer Farbe holen, da stellte Hunter sich ihr in den Weg.

„Hör auf, Sarah. Du siehst erschöpft aus.“

„Wir sind noch nicht fertig. Die Wand da hinten muss auch noch gemacht werden.“

Er zeigte auf die Einkaufstüte, die er mitgebracht hatte. „Dort sind auch Schaumbad und Body Lotion drin. Wie wäre es, wenn du jetzt in dein Badezimmer gehst und dir ein schönes, heißes Bad einlaufen lässt? Oder besser …“ Er legte die Farbrolle aus der Hand. „Ich mache das für dich.“

Er nahm die Tüte und verschwand damit im Bad. Einen Augenblick später hörte Sarah, wie das Wasser in die Wanne lief. Sie hatte nicht einmal den Versuch unternommen, ihn aufzuhalten oder ihm zu widersprechen. Sie war zu müde dazu.

Nach ein paar Minuten kam Hunter ins Wohnzimmer zurück. Wortlos nahm er den CD-Player, suchte eine CD von Norah Jones heraus und trug das Gerät samt Lautsprechern ebenfalls ins Badezimmer.

Sarah war neugierig geworden und folgte ihm. Sie fand ein dampfendes Schaumbad in ihrer schönen, alten Wanne mit den Löwenfüßen vor. Ringsherum flackerten Duftkerzen. Sarah hatte sie zu Weihnachten von Kolleginnen geschenkt bekommen, aber nie benutzt.

„Ich bade eigentlich nie“, gestand sie.

„Warum nicht?“

„Duschen ist praktischer.“

„Aber so ein Bad entspannt.“

„Nun ja“, meinte sie und blickte sich um, „einladend sieht es ja aus.“

„Worauf wartest du dann noch.“ Er schaltete das Licht aus, sodass nur noch die Kerzen den Raum beleuchteten. Sarah wollte sich gerade das T-Shirt über den Kopf ziehen, als er ihr die Hände auf die Schultern legte. „Lass mich erst gehen.“

„Du gehst?“

„Ich wollte dich nicht verführen. Das war nicht der Sinn der Sache.“

Fast bedauerte sie es. „Gehst du nach Hause?“

„Nein, ich streiche noch eine Runde, damit wir irgendwann mal fertig werden.“

„Das brauchst du nicht. Ich kann später weitermachen.“

Zärtlich legte er ihr einen Finger auf die Lippen. „Du wirst dich jetzt schön ausruhen, und nichts anderes.“

Zum Abschied winkte er ihr zu.

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, hielt Sarah einen Moment inne. Es war merkwürdig. Über ein halbes Jahr hatte sie sich mit all diesen Kosmetika intensiv befasst, die jetzt hier standen. Sie hatte an allen in irgendeiner Form mitgewirkt, vom Design der Flakons über die Gestaltung der Anzeigen bis zur Verteilung der Werbegeschenke. Eigenartig, dass sie nie auf die Idee gekommen war, etwas davon selbst auszuprobieren.

Sie zog sich aus und stieg vorsichtig in das heiße Wasser.

Als sie sich zurückgelehnt und an die Temperatur gewöhnt hatte, dachte Sarah daran, dass sie sich hier nackt im Wasser ausstreckte, während nur eine Tür sie von Hunter trennte. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, dass er hereinkam, nackt, ein umwerfendes Lächeln auf den Lippen und in jeder Hand ein Glas Wein. Sie sah ihn regelrecht vor sich. Hunter beugte sich zu ihr, half ihr auf und begann, ihren ganzen Körper mit Schaum einzureiben. Sie spürte seine Hände auf ihrem Bauch, auf den Brüsten, ihrem Po. Dann zog er sie an sich …

Nebenan ertönte ein Poltern, gefolgt von einigen deftigen Flüchen.

Nein, Hunter war nicht dabei, eine Weinflasche zu entkorken und sich auszuziehen. Er war fleißig damit beschäftigt, die Wände zu streichen.

Sarah atmete tief ein und tauchte mit dem Kopf unter.

4. KAPITEL

Als Sarah aus dem Badezimmer kam, hatte Hunter bereits aufgeräumt und Pizza bestellt. Gerade öffnete er die Weinflasche, die er zur Wohnungseinweihung mitgebracht hatte.

Sarah trug ihren Frotteebademantel. Das nasse Haar hatte sie zurückgekämmt, und ihr Gesicht sah frisch und rosig aus.

Sie ging zu den Pizzakartons hob den Deckel und atmete genüsslich ein. „Salami mit Champignons, großartig. Woher weißt du, dass das mein Lieblingsbelag ist?“

„Das war eine Eingebung.“ Er stellte ihr einen von den hohen Stühlen hin, nahm gegenüber Platz und schob ihr ihre Pizza zu. „Wie war’s im Bad?“

Sarah achtete darauf, dass der Bademantel nicht verrutschte. „Prächtig. Ich fühle mich wie neu.“

„Hoffentlich nicht. Die alte Sarah gefiel mir nämlich ganz gut.“ Hunters Blicke ruhten auf ihr, er konnte einfach nicht anders.

Er schenkte Wein ein und betrachtete sie. So, wie sie vor ihm saß mit ihrem ungeschminkten Gesicht und dem glatt zurückgekämmten Haar, gefiel sie ihm am besten. Trotzdem fragte er: „Wie willst du das mit deinem Make-up denn machen? Wir könnten eine der Damen von Bergdorf kommen lassen.“

Sie winkte ab. „Nicht nötig. Ich kann das. Ich wollte es bisher nur nicht.“

Während sie aßen, fragte Hunter: „Und was ist mit neuen Kleidern?“, fragte er.

„Ich rufe Kristy an und lasse mir von ihr ein paar Tipps geben.“

„Gute Idee.“ Wenn man eine Schwester hatte, die Modeexpertin war, bot sich das natürlich an.

Sarah hob das Weinglas, um ihm zuzuprosten. Aber plötzlich hielt sie inne und verzog das Gesicht. Hunter stand auf und trat hinter sie. „Was ist?“, fragte sie. Sie wollte sich zu ihm umdrehen, aber die Schmerzen in ihrem Nacken ließen es offenbar nicht zu.

„Lass dich nicht stören.“ Er zog den Bademantel ein Stück herunter und begann, ihre verspannten Schultern zu massieren. „Du hättest nicht so lange über Kopf arbeiten sollen.“

„Ich muss fertig werden.“

„… und morgen kannst du dich nicht mehr rühren.“ Er ertastete die richtigen Stellen und begann, ihre Muskeln sanft zu lockern. „Gut so?“

„Wunderbar.“

Er hatte sich fest vorgenommen, Sarah nicht zu nahe zu kommen. Aber das war leichter gesagt als getan. Seine Hormone kümmerten sich nicht um seine guten Vorsätze und reagierten, wie sie wollten, auf ihre vom Bad noch warme, weiche Haut und auf ihren Duft … Hunter zog sich einen Barhocker heran, setzte sich dicht hinter Sarah und fuhr mit der Massage fort.

Um sich von ihrer schönen Nackenlinie abzulenken, sah er sich um. Sarahs neue Wohnung war nicht besonders groß, allerdings hatte sie Charme. Auch wenn sie erst halb fertig war, konnte Hunter sich vorstellen, dass der hohe Raum und die großen Fenster einmal ein sehr einladendes Ganzes ergaben.

So zu wohnen, das war etwas ganz anderes als in seinem Elternhaus in Manchester mit den riesigen Zimmern und langen Fluren. Obwohl er sich immer gern dort aufhielt, war es ihm manches Mal zu groß und unübersichtlich vorgekommen. Vor allem wenn er dort nur mit ein paar Leuten vom Personal allein war, beschlich ein Gefühl von Leere Hunter. Die eigenen Schritte durchs Haus hallen zu hören war ihm unangenehm.

Wie es wohl wäre, mit Sarah in Manchester zu wohnen?

„Hast du immer schon in New York gelebt?“

Sarah nickte. „Kristy und ich sind in Brooklyn zur Schule gegangen. Und du?“

„Ich bin überwiegend in Kalifornien aufgewachsen.“

„… und bestimmt auf eine Privatschule gegangen.“

„Richtig.“

„Mit Schuluniform und allem Drum und Dran?“

„Ja.“

Sie sah ihn über die Schulter an. Dank seiner Massage konnte sie sich schon viel besser bewegen. „Du hast bestimmt süß ausgesehen – in kurzen Hosen und Schlips und Blazer. Aua!“ Hunter hatte etwas zu fest zugedrückt. „War das dafür, dass ich ‚süß‘ gesagt habe?“

„Nein. Das war, damit es dir morgen besser geht.“

Der Schmerz ließ nach. Sarah konnte schon wieder die Schultern heben. „Hast du auf der Highschool Football gespielt?“, wollte sie wissen.

„Soccer und Basketball. Und du?“

„Ich war Chefredakteurin unserer Schülerzeitung.“

„Streberin.“

„Sag das nicht. Einmal haben wir sogar einen Mord aufgedeckt.“

Er hörte einen Moment lang auf, sie zu massieren. „Einen Mord? An eurer Highschool?“

„Der Goldfisch unserer Biologielehrerin, Mrs. Mitchell. Eines Mittags lag sein lebloser Körper auf dem Tisch neben dem Aquarium. Ganz sicher kein Unfall, denn jemand hatte die Abdeckung verschoben.“

Hunter schmunzelte, als er sich die kleine Sarah vorstellte, wie sie mit großer Ernsthaftigkeit dem Verbrecher auf der Spur war. „Und hattet ihr jemanden in Verdacht?“

„Den Hausmeister. Aber man konnte ihm nichts nachweisen. Trotzdem war es der beste Aufmacher, den die Zeitung je hatte. Wir mussten die Ausgabe sogar nachdrucken, so groß war die Nachfrage.“

„Ich wette, du hast auch für die Schülervertretung kandidiert.“

„Ja, aber nur bis zur neunten Klasse. Dann habe ich gegen Billy Jones verloren und bin danach nicht mehr angetreten. Der Schuft hat die Wähler bestochen – mit Marshmallows. Er hatte fünf Kartons davon, die er bei seiner Rede verteilen ließ.“

„Lecker! Marshmallows.“

Spielerisch stieß sie ihm mit dem Ellbogen in die Seite. „Verräter.“

„Ich hätte die Marshmallows genommen und trotzdem für dich gestimmt.“

„Das sieht dir ähnlich.“

Er lachte leise vor sich hin. Ihre Schultern fühlten sich jetzt deutlich entspannter an. Er beendete seine Massage und schlang von hinten die Arme um Sarah. Zufrieden seufzend lehnte sie sich an ihn, legte den Kopf in den Nacken und sah ihn an. Hunter wagte nicht, sich zu rühren. Wenn er sie jetzt küsste, war es so gut wie sicher. Sie würden innerhalb von Minuten in ihrem Schlafzimmer landen.

„Hunter?“ Sie sah so süß und verführerisch aus. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, ihre Augen glänzten verheißungsvoll.

Hunter bot seine ganze Selbstbeherrschung auf und kämpfte gegen die Versuchung an. Gleichzeitig spürte er, dass etwas Neues zwischen ihnen aufkam, ein Gefühl von Verbundenheit, Freundschaft. Er wollte diesem Gefühl Zeit geben zu wachsen – und es nicht gefährden, indem sie jetzt miteinander schliefen. „Ich möchte nicht in diese Kategorie gehören.“

„Kategorie? In welche Kategorie?“

„In die Kategorie Männer, die zu solchen Mitteln greifen – Schaumbad, Wein und Kerzenschein und anschließend eine Entspannungsmassage.“

„Ich fand das alles bisher sehr angenehm.“

„Das ist auch okay. Trotzdem möchte ich nicht, dass du denkst, ich hätte das aus dem Buch ‚Wie verführe ich eine Frau? – Ratgeber für Anfänger‘. Wenn wir jetzt miteinander schlafen, käme es mir irgendwie unfair vor.“

„Meinst du nicht, dass ich da noch ein Wörtchen mitzureden habe?“

Er hielt es für ratsamer, nicht darauf einzugehen. „Du hast schwer gearbeitet heute und bist bestimmt müde. Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“ Er beugte sich über sie und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. „Wir sehen uns morgen im Büro.“

Hunter zwang sich dazu, sie loszulassen, so schwer es ihm auch fiel. Eine Minute später war er fort.

Am nächsten Morgen um sieben Uhr war Sarah bereits an ihrem Arbeitsplatz.

Nachdem Hunter gegangen war, hatte sie noch lange wach gelegen und an den Klang seiner dunklen, sanften Stimme gedacht, an seine kräftigen Hände und an die Geschichten von früher, die sie sich erzählt hatten. Sie hätte gestern Abend nicht gezögert, mit ihm zu schlafen. Aber vielleicht hatte er recht. Es war schwer genug gewesen, über das hinwegzukommen, was vor sechs Wochen in Manchester gewesen war.

Auch darüber, was Hunter über sie und Chloe gesagt hatte, hatte Sarah noch einmal nachgedacht. Es stimmte. Sarah musste die Herausforderung annehmen und durfte Chloe nicht das Feld überlassen. Sie hatte es nicht nötig, klein beizugeben. Dass sie qualifizierter war als Chloe, stand außer Frage. Und was die Äußerlichkeiten anging, lag es in ihrer Hand, etwas daran zu ändern.

Genau das hatte Sarah nun vor. Sie hatte sich einen Plan zurechtgelegt, bevor sie ins Büro gefahren war. Sobald sie sich an ihren Schreibtisch gesetzt hatte, füllte sie als Erstes ein Urlaubsformular aus. Dann schrieb sie Amber eine Mail mit einigen Anweisungen und der Bitte, ihre noch anstehenden Termine abzusagen. Schließlich aktivierte sie in ihrem E-Mail-Postfach die Abwesenheitsnotiz.

Sarah war gerade dabei, die letzten Mails zu löschen, als Roger das Büro betrat.

„Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?“, fragte er und hielt ihr das ausgedruckte Urlaubsformular unter die Nase.

„Natürlich. Ich gehe in Urlaub“, antwortete sie seelenruhig, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen.

„Wieso das?“

„Weil ich seit acht Jahren keinen Urlaub genommen habe und er mir genauso zusteht wie jedem anderen auch. Und weil ich für den Valentinsball hier auch nicht mehr gebraucht werde.“

Natürlich werden Sie gebraucht.“

„Wozu?“

Roger wedelte etwas hilflos mit den Armen. „Um die Abläufe auszuarbeiten, die Bestellungen aufzugeben …“

„Die Abläufe sind ausgearbeitet, und die Bestellungen sind aufgegeben.“ Sarah stand auf. „Alles ist geregelt, Roger. Und zur Not haben Sie ja Chloe, die sich um den Rest kümmern kann.“

„Das geht nicht. Wohin fahren Sie überhaupt in den Urlaub?“

„Die Frage muss ich Ihnen nicht beantworten. Außerdem sind die Terminwünsche eines Angestellten zu berücksichtigen. Urlaub muss gewährt werden, solange dem keine betrieblichen Belange entgegenstehen. So ist es arbeitsrechtlich vorgesehen. Schauen Sie in Ihr Handbuch. Da in meinem Aufgabenbereich alles Notwendige geregelt ist, kann ich jetzt Urlaub machen.“

„Da hat sie recht“, sagte jemand. Hunter stand an der Tür.

Roger drehte sich zu ihm um. „Hast du das gewusst?“

„Ich hatte keine Ahnung.“ Dann wandte er sich an Sarah. „Soll es gleich losgehen?“

„Ja“, antwortete sie freudestrahlend.

„Fein. Ausgeruhte Mitarbeiter sind die produktivsten.“

„Ich habe für Amber einige Hinweise hinterlassen“, erklärte Sarah, während sie die Sachen auf ihrem Schreibtisch ordnete. „Sie weiß über alles Bescheid. Mit dem Orchester, das spielen soll, gibt es noch ein kleines Problem. Aber das kriegt Chloe

bestimmt in den Griff. Sonst soll sie Amber fragen.“ Sie schaltete den Computer aus. „Ich denke, das war’s dann.“

„Ich muss sagen, das kommt alles ziemlich überraschend“, meinte Roger sichtlich verärgert. „Ich möchte noch kurz, unter vier Augen“, warf Hunter ein.

„Wir können in mein Büro gehen“, schlug Roger vor.

„Nein, dich meinte ich nicht. Ich meinte Sarah.“

Roger sah ihn einen Augenblick lang verdutzt an. Dann ging er an Hunter vorbei, der wiederum die Tür hinter ihm schloss. „Karrieretechnisch – und damit meine ich meine Karriere – bin ich mir nicht sicher, ob das klug war.“

„Auf jeden Fall finde ich es klug, dass du dir jetzt für dein Styling eine Auszeit nimmst“, meinte Hunter ungerührt. „Das hast du doch vor, oder?“

Sarah schob Papiere auf ihrem Schreibtisch hin und her. „Ich mache es. Gestern habe ich dir ja bereits gesagt, dass du recht hast. Außerdem“, fügte sie augenzwinkernd hinzu, „brauchen Roger und Chloe bestimmt ein paar Tage für sich allein. Dem will ich nicht im Wege stehen.“

Hunter erriet Sarahs Gedanken offenbar und musste lächeln.

„Du kannst mir vertrauen, Hunter. Ich weiß jetzt, wo es langgeht. Gib mir eine Woche.“

„Wäre ein Ausflug nach Paris eventuell hilfreich?“

Sie hatte keine Ahnung, was er damit meinte.

„Ich habe da so eine Idee.“ Er zögerte einen Moment, bevor er weitersprach. Ihn reizte es, Sarah ein bisschen auf die Folter zu spannen. „Es gibt eine Kette von Wellness-Centern mit Hauptsitz in Paris, Castlebay Spa. Sehr exklusiv. Sie haben Niederlassungen in einigen europäischen Metropolen, und zu den Centern gehört jeweils auch eine Boutique.“

Ein Hoffnungsschimmer kehrte zurück. „Du hast den Plan also noch nicht aufgegeben?“

„Wir Oslands geben niemals auf.“

„Wir Mahoneys auch nicht.“

„Freut mich zu hören. Und vergiss nicht, die Kreditkarte einzustecken, die ich dir gegeben habe. Sie wird auch in Paris akzeptiert.“

Erst jetzt dämmerte ihr, worauf sein Vorschlag hinauslief. Sie schüttelte energisch den Kopf. „Das ist doch nicht dein Ernst. Du kannst mich doch nicht mitnehmen. Außerdem“, fügte sie schnell hinzu, „muss ich hier in New York noch einiges erledigen.“

Hunter nahm ihre Hand und sah Sarah in die Augen. „Ich möchte dich dabeihaben“, sagte er eindringlich. „Auf jeden Fall. Und abgesehen davon gibt es auf der ganzen Welt keinen besseren Platz als Paris, um sich ein neues Outfit zuzulegen.“

Ihr erschien es vollkommen unangemessen, für eine neue Frisur und ein paar neue Kleider über den Atlantik zu fliegen. Obendrein wären sie den ganzen Tag zusammen, wohnten im selben Hotel, vielleicht sogar Tür an Tür. Sie würden miteinander schlafen. Viel zu gefährlich. Gestern hatten sie sich beide bewusst dagegen entschieden. Und jetzt wollte Hunter mit ihr auf eine Europareise gehen.

„Ich brauche dich wirklich in Paris“, wiederholte er. „Als Sachverständige.“

„Dass ich nicht lache. Meine Bilanz im Kapitel Wellness-Center ist nun wirklich alles andere als überragend.“

„Du kennst das Sortiment von Lush Beauty wie kaum eine andere. Wer sonst soll unsere Geschäftspartner von den Produkten überzeugen? Ich kann das bestimmt nicht so wie du.“

„Trotzdem finde ich das Ganze ziemlich abenteuerlich“, meinte sie. Im Grunde wusste sie bereits, dass Hunter gewonnen hatte. Sie kam gegen ihn einfach nicht an.

„Abenteuerlich ist, dass ich dich jetzt küssen möchte“, antwortete er und trat näher. Sein Blick ruhte auf ihren Lippen.

Sarah wurde nervös. „Wie lange würden wir in Paris bleiben?“

„Ein paar Tage.“

„Getrennte Zimmer?“

„Selbstverständlich.“

„Und nur zusammen, wenn andere Leute dabei sind.“

„Du bist ein Angsthase.“

„Ich versuche nur, dich vor dir selbst zu bewahren.“

„Sehr nobel.“

Jetzt musste sie lächeln. „Wenn wir fliegen …“

„Der Jet wartet bereits auf dem Flughafen auf uns.“

„Habe ich etwas verpasst? Hatte ich schon Ja gesagt?“

Wieder nahm er ihre Hand. „Ich bin dir eben manchmal einen Schritt voraus.“

Sarah schüttelte nur den Kopf. Dann griff sie nach ihrer Handtasche. Hunter war ihr wohl immer einen Schritt voraus. Er schien zu wissen, was sie als Nächstes tat, sagte oder dachte. Und er kannte anscheinend sogar ihre geheimsten Wünsche.

5. KAPITEL

Bis zum Valentinstag und zum Ball blieb genau noch eine Woche. Während des Flugs gönnten sich Sarah und Hunter ein paar Stunden Schlaf. Vom Pariser Flughafen wurden sie von einer Limousine abgeholt. Hunter bestand darauf, dass sie sich unverzüglich auf den Weg machten, um die erste Runde von Sarahs neuem Styling in Angriff zu nehmen.

So standen sie, noch ehe Sarah richtig wusste, wie ihr geschah, vor dem marmornen Eingangsportal von La petite fleur, einem der bekanntesten Modesalons von Paris.

Ein livrierter Portier tippte an den Schirmrand seiner Mütze, als er ihnen die große, gläserne Flügeltür aufhielt. „Monsieur Osland.“

Sarah warf Hunter einen spöttischen Seitenblick zu. „Du scheinst hier ja ein und aus zu gehen.“ Sie durchschritten die Eingangshalle. „Wenn die dich so gut kennen, dann darf man fragen, für wen du hier regelmäßig einkaufst? Jetzt sag bloß nicht, für Kristy.“

„Ich werde mich hüten. Jack würde mich umbringen. Aber es ist nicht so, wie du denkst. Ich habe vorhin angerufen und darum gebeten, das Geschäft für uns etwas länger geöffnet zu halten.“

Erst jetzt fiel Sarah auf, dass sie offenbar die einzigen Kunden waren. Eines der ersten Häuser der Modemetropole richtete seine Öffnungszeiten nach Hunter Osland – und nach ihr. Sarah beschlichen Zweifel, ob die Sache, auf die sie sich eingelassen hatte, nicht eine Nummer zu groß für sie war.

Eine mit dezentem Schick gekleidete Dame mittleren Alters kam aus einem Seitengang auf sie zu. „Monsieur Osland, Mademoiselle“, begrüßte sie sie. „Bienvenue.“Bon soir. Vielen Dank, dass Sie so freundlich waren, so lange auf uns zu warten“, erwiderte Hunter formvollendet.

Die Dame winkte freundlich ab. „Sie sind uns doch jederzeit willkommen, Monsieur. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind.“

„Darf ich Sie mit Mademoiselle Sarah Mahoney bekannt machen?“, sagte Hunter. Sein Französisch klang perfekt und akzentfrei. Sarah kam sich vor wie Alice im Wunderland.

„Ich bin Jeanette“, stellte sich die elegante Frau vor.

„Freut mich sehr“, antwortete Sarah artig.

„Möchten Sie sich ein wenig umsehen, oder darf ich Ihnen etwas zeigen?“

„Wir suchen etwas für den Abend. Es müsste schon etwas Ausgefallenes sein, und ein bisschen Glamour und Raffinesse könnten auch nicht schaden“, meinte Hunter.

„Dann folgen Sie mir bitte.“ Jeanette ging vor und wies den Weg. Sie durchquerten ein Atrium, dessen Galerien sechs Stockwerke hoch reichten. Daran grenzte ein großer, leicht erhöhter Raum, der im Halbkreis von Umkleidekabinen umgeben war.

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, fragte Jeanette. „Vielleicht Champagner?“

Hunter nahm das Angebot dankend an, und Jeanette verschwand, um die Getränke zu holen.

Sarah ließ sich in einem der Sessel nieder, die in der Mitte standen und deren Bezüge in dezentem Pfirsichorange gehalten waren. „Das ist ja der reinste Wahnsinn“, sagte sie, während sie sich staunend umsah. „Du hättest mich warnen sollen. Das hier ist nicht mehr meine Liga.“

Auch Hunter setzte sich. „Das ist genau deine Liga. Und wovor hätte ich dich warnen sollen? Du weißt doch, dass wir ein paar Kleider und Schmuck kaufen wollen.“

„Aber ich wusste nicht, dass ich dich damit in den Ruin treiben würde.“

Hunter lachte. „Du kannst mich nicht in den Ruin treiben, selbst wenn du es versuchen würdest.“

„Das werde ich sicher nicht tun.“

„Oh, versuch es doch einmal, bitte! Das könnte ein echter Spaß werden.“

Jeanette kam zurück, gefolgt von einem halben Dutzend Assistentinnen, jede mit einigen Kleidern über dem Arm.

Sarah beugte sich zu Hunter. „Siehst du das?“, flüsterte sie ihm zu, als sich die Prozession näherte. „Pink! Ich glaube es nicht. Und was für Fummel!“ Sie sah ihre geplante Runderneuerung bereits in einem riesigen Lacherfolg enden.

Derweil waren Jeanette und ihr Gefolge bei ihnen. Jeanette hängte zwei der Kleider in eine Umkleidekabine.

Hunter deutete mit dem Kinn in ihre Richtung. „Jetzt wird es ernst für dich. Ans Werk“, meinte er zu Sarah.

„Pink!“, raunte sie noch einmal im Gehen und verdrehte die Augen. Hunter lächelte nur.

Die Umkleidekabinen waren eigentlich keine Kabinen, sondern richtige Ankleidezimmer. Der durch einen Vorhang abgeschirmte, hell beleuchtete Raum war mit einem Polsterstuhl, einer kleinen mit Samt bezogenen Bank und einem hohen, dreigeteilten Spiegel ausgestattet.

Sarah zog sich aus und musste dabei feststellen, dass ihre Unterwäsche in dieser Umgebung schon ein bisschen schäbig aussah.

Sie schlüpfte in das erste Kleid,– ein hautenges, schlauchartiges Ding in Zartrosa, das ihr bis an die Knöchel reichte, dabei aber mehr offenbarte als verhüllte. An beiden Seiten verlief von den Fledermausärmeln bis hinunter zum Saum eine verschlungene, mit Perlen bestickte Borte, und zu allem Überfluss hatte es auch noch einen voluminösen aufgestellten Kragen aus durchbrochener Spitze. Sarah kam sich in dieser Aufmachung vor wie eine Klingonenbraut.

Sie hörte ein leises Klopfen und gleich darauf Jeanettes Stimme, die fragte: „Kann ich etwas für Sie tun, Mademoiselle?“

„Hätten Sie wohl ein Telefon für mich?“, bat sie. Noch lieber hätte sie nach dem Hinterausgang gefragt, um schnellstens von hier zu verschwinden.

„Ja, natürlich. Einen kleinen Moment, bitte.“

Sarah betrachtete ihr Spiegelbild. Möglicherweise gab es Frauen, die so etwas tragen konnten, große, superschlanke Models. Aber zu denen gehörte sie sicher nicht. Jedenfalls war Sarah fest entschlossen, dass Hunter sie so nicht sehen durfte.

Wieder klopfte es. Jeanette kam mit einem schnurlosen Telefon und reichte es herein. Sarah bedankte sich und wählte die Handynummer ihrer Schwester. Nach dreimaligem Klingeln meldete Kristy sich. Im Hintergrund hörte Sarah Musik und Stimmengewirr.

„Hi, wie geht’s?“, fragte Kristy. „Alles in Ordnung?“

„Ja – nein, nicht alles. Ich habe ein paar Schwierigkeiten auf der Arbeit.“

„Auf der Arbeit? Das ist man von dir aber nicht gewohnt. Was ist passiert?“

„Das ist eine lange, komplizierte Geschichte. Die erzähle ich dir besser ein anderes Mal. Augenblicklich sind wir in Paris. Wir versuchen hier, mir ein neues Outfit zu verpassen.“

„Einen Augenblick“, unterbrach Kristy, „es ist so laut hier.“ Nach einer kurzen Pause meldete sie sich wieder und war jetzt besser zu verstehen. „Ich bin gerade auf einer Benefizveranstaltung des Manchester Hospital.“

„Ja. Und was dieses neue Outfit angeht, brauche ich deinen Rat. Ich bin gerade dabei, Kleider anzuprobieren. Aber die sind hier alle verrückt geworden.“

„Was machen denn die Franzosen mit dir?“ Kristy kicherte leise.

„Sie versuchen mich auszustaffieren wie eine Außerirdische.“

„Einen Moment mal. Hast du nicht gerade eben gesagt, wir sind in Paris?“

„Ja, Hunter und ich.“

„Hunter?“ Für ein paar Sekunden herrschte Schweigen in der Leitung. „Aber du schläfst doch nicht mit ihm?“

„Nein.“

„Sicher?“

„Na klar. Das müsste ich ja wohl wissen.“

„Na ja, es gibt ein paar Dinge, die du noch nicht von ihm weißt.“

„Nein, Kristy, wir haben hier keinen Sex. Wir sind shoppen. Das finde ich ja auch so weit ganz in Ordnung. Bloß diese Kleider nicht.“ Sarah blickte in den Spiegel. Ein schauderhafter Anblick.

„Und wo seid ihr?“

La petite fleur.“

„Erstklassiger Laden. Lässt du dich beraten?“

„Ja, von einer reizenden Dame namens Jeanette. Nur mit ihrem Geschmack scheint etwas nicht in Ordnung zu sein.“

„Hol sie mir mal ans Telefon.“

Sarah zog den Vorhang etwas auseinander und gab Jeanette ein Zeichen. „Meine Schwester würde gern mit Ihnen sprechen“, sagte Sarah, als Jeanette herbeigeeilt war.

Jeanette schien nicht einmal überrascht zu sein und nahm lächelnd den Hörer entgegen.

Sarah zog sich schnell wieder zurück. Sie wollte Hunter gar nicht erst auf die Idee bringen, sie zu bitten herauszukommen. Nachdenklich stand sie da, dann zog sie das Klingonenkleid wieder aus und versuchte es mit einem anderen, dieses Mal in Schwarz. Das Kleid hatte einen Federbesatz an der Brust und den Hüften, sodass die Blößen wenigstens halbwegs bedeckt blieben. Ansonsten war es durchsichtig. Sarah schüttelte den Kopf.

Wieder klopfte es. Dieses Mal war es Hunter. „Willst du nicht einmal herauskommen und etwas vorführen?“, ließ er sich vernehmen.

„Kommt nicht infrage“, erwiderte Sarah entschieden.

„Warum denn nicht?“

Sie blickte in den Spiegel. Es war hoffnungslos. Sie war offenbar für die Haute Couture nicht geschaffen. Andere Frauen wie Kristy konnten tragen, was sie wollten, und sahen immer gut aus. „Ich will das nicht weiter erläutern“, sagte sie schließlich.

„Ach, komm. Sei nicht so zimperlich. So schlimm wird es nicht sein.“

„Es ist so schlimm.“

„Wollen wir es mal mit einer anderen Kollektion versuchen?“ Der Vorschlag kam von Jeanette.

„Ist meine Schwester noch am Telefon?“, fragte Sarah.

„Sie ruft zurück. Aber sie hat ein paar sehr interessante Vorschläge gemacht.“

Sarah zog den Vorhang einen Spalt auseinander. „Du darfst nicht gucken“, warnte sie Hunter. Zu Erleichterung hörte sie im selben Moment sein Handy klingeln. Er war also die nächsten Minuten beschäftigt. Und das war gut so.

Jeanette reichte ihr zwei Kleider herein. Sarah warf einen Blick darauf und schöpfte Hoffnung. Diese machten nicht den Eindruck, als würde sie darin aussehen wie die Drag Queen aus einer Travestieshow. Der Eindruck bestätigte sich, als sie das erste anprobierte. Auch dieses Kleid war eng, aber nicht so provozierend wie das pinkfarbene. Der Rock war ein wenig ausgestellt, sodass sich eine weiche, fließende Silhouette ergab. Sarah drehte sich vor dem Spiegel. Auch hinten passte es perfekt. Sie war begeistert.

Wieder klopfte es. Sie öffnete den Vorhang ein Stückchen, und Jeanette schaute herein.

„Nicht schlecht“, meinte sie, als sie Sarah sah. „Dazu fehlen jetzt noch ein Paar schicke Schuhe. Und ein wenig Unterstützung für das Dekolleté täte auch gut.“

Selbst diese letzte Bemerkung störte Sarah nicht mehr. Sie begann an ihrem neuen Image Gefallen zu finden. Jeanette verschwand und kam kurze Zeit später mit einem neuen BH, einem Paar Strümpfen und gefährlich aussehenden, mit Strass besetzten High Heels zurück.

Als Sarah aus dem Umkleideraum trat, verschlug es Hunter die Sprache. Sarah besaß von sich aus schon so viel Klasse, dass es nur einiger Korrekturen bedurfte, um ihren Glanz richtig zum Strahlen zu bringen.

„Kannst du bitte einen Moment dranbleiben“, sagte Hunter, der gerade mit dem Justiziar von Osland International telefonierte. Dann deckte er mit der Hand das Handy ab und sagte zu Sarah: „Das ist perfekt.“

Sarah antwortete mit einem Lächeln, das ihn noch mehr entzückte. Sogleich begann es in seinem Kopf zu arbeiten, und er überlegte, wohin er Sarah ausführen und was von Paris er ihr zeigen konnte, damit dieses Lächeln nicht mehr von ihrem Gesicht verschwand und ihre Augen nicht aufhörten, so wie jetzt zu leuchten.

Er wandte sich an Jeanette. „Haben Sie noch mehr in dieser Art? So etwa drei, vier Kleider. Dann brauchen wir noch zwei richtige Ballkleider und etwas für den Tag.“

„Aber selbstverständlich“, meinte die Angesprochene beflissen.

„Du siehst umwerfend aus“, machte er Sarah Mut und reckte den Daumen in die Höhe. „Macht es dir nicht doch ein bisschen Spaß?“

„So allmählich schon“, antwortete sie.

Ihm selbst machte es jetzt schon Spaß. Morgen wollte er mit ihr zum Juwelier gehen. Was konnte man mit seinem Geld Besseres anfangen, als es für eine schöne Frau auszugeben?

Jeanette war zurückgekehrt, und die beiden Frauen verschwanden im Umkleideraum.

Hunter widmete sich wieder seinem Telefonat. „Entschuldige, dass ich dich warten ließ, Richard.“

„Hast du schon einen Ansprechpartner bei Castlebay?“, fragte Richard Franklin, der Rechtsberater der Oslands.

„Ja, Seth Vanderkemp. Ist augenblicklich einer unserer Anwälte frei, den du mir rüberschicken könntest?“

„Sicher. Morgen hast du ihn. Lass mich wissen, wenn die Sache konkret wird.“ Sie verabschiedeten sich.

Hunter wollte das Handy gerade wegstecken, da klingelte es erneut. Dieses Mal war es sein Cousin Jack. „Was zum Teufel …“, begann der, ohne sich lange mit einer Begrüßung aufzuhalten.

„Was ist denn in dich gefahren?“, unterbrach Hunter ihn.

„Erstens: Du verschleppst Sarah nach Paris. Zweitens: Wieso hat sie neuerdings Schwierigkeiten in ihrem Job? Drittens: Du zwingst sie, auszusehen wie ein außerirdisches Monster. Viertens: Wahrscheinlich schläfst du auch noch mit ihr. Du kannst dir aussuchen, womit du anfangen willst.“

„Ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz, was du von mir willst.“

„Dass du zum Beispiel die Finger von meiner Schwägerin lässt.“

„Tue ich ja.“ Hunter hätte ihm sagen können, er solle sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, aber er wusste natürlich auch, dass Kristy hinter diesem Anruf steckte, und sie wollte er nicht verletzen.

„Großartig. Versuch, das beizubehalten. Du kennst dich ja selbst am besten. Also, mach sie nicht unglücklich.“

Hunter stieß ungeduldig die Luft durch die Nase. Er wusste, was Jack über ihn dachte, aber sein Ruf als Frauenheld war nicht gerechtfertigt. Sicherlich hatte er eine Zeit lang in rascher Folge etliche flüchtige Affären gehabt. Aber welcher Mann hatte nicht irgendwann eine solche Phase? Jack behandelte ihn so, als wäre er Blaubart persönlich.

„Ich nehme an, dass Kristy dich gebeten hat anzurufen. Ich möchte mal wissen, was du ihr von mir so erzählst.“

„Alles – auch das, was Weihnachten passiert ist.“

„Na, fein. Dann sag bitte Kristy, dass ich kein Interesse daran habe, Sarah das Herz zu brechen. Außerdem kannst du ihr bestellen, dass alle Sorgen um ihren Job unbegründet sind. Und Sarah nicht außerirdisch aussieht, sondern höchstens überirdisch.“

„Schon gut. Aber pass trotzdem auf dich auf“, mahnte Jack schon etwas versöhnlicher und fügte spöttisch hinzu: „Immer hin hat sie rote Haare.“

Hunter fand den Witz nicht gut. Er verabschiedete sich knapp und unterbrach die Verbindung.

Jacks Bemerkung mit den roten Haaren ging auf eine Geschichte aus Hunters Jugend zurück. Durch seine Unvorsichtigkeit war das Zelt einer alten Zigeunerin abgebrannt. Die Frau, die sich als Wahrsagerin ihren Unterhalt verdiente, prophezeite dem damals sechzehnjährigen Hunter daraufhin, er werde eine Rothaarige heiraten und von ihr Zwillinge bekommen. Weiter stieß die Alte die etwas rätselhafte Drohung aus, der Unglücksrabe werde einen Golfplatz kaufen und das Familienvermögen verspielen.

Wieder ging der Vorhang auf, und Sarah erschien auf der Bildfläche. Sie trug ein halblanges, schulterfreies Abendkleid aus blauem Satin. Sie hatte ihr Haar zu einem Knoten hochgesteckt, und ihre Lippen leuchteten in einem tiefen Rot. Allein das Dekolleté war eine Sünde wert. Der Stoff raschelte verführerisch, als sie langsam auf Hunter zukam.

Er war überwältigt. Mehr als das. Er merkte, wie sein Körper sofort auf sie reagierte, und hatte Mühe, es zu unterdrücken. Kristy konnte unbesorgt sein. Wenn hier jemandem das Herz gebrochen wurde, dann war das seins.

Sarah war nervös. Eine weitere Niederlage würde nicht nur für sie verheerende Folgen haben. Auch Hunters Ruf stand auf dem Spiel, nicht zu vergessen der Erfolg der ganzen Kampagne für Luscious Lavender.

Hunter und sie stiegen die Stufen zu dem Bürogebäude hinauf, in dem die Gesellschaft der Castlebay Wellness-Center ihren Hauptsitz hatte. Sarah trug ein Tweedkostüm mit einem kniefreien Rock, schwarze blickdichte Strümpfe und hochhackige Stiefeletten. Sie hatte ihr Haar wieder hochgesteckt, wie Jeanette es ihr gezeigt hatte, und trug ein bisschen mehr Make-up, als sie es früher gewohnt war.

„Wie soll ich anfangen?“, fragte sie Hunter, während sie im Kopf noch einmal ihren Part durchging.

„Konzentrier dich darauf, etwas zu unseren Produkten zu sagen. Alles, was die Finanzen angeht, kannst du ruhig mir überlassen. Aber das Wichtigste ist, dass du ganz du selbst bist und entspannt und sicher auftrittst. Du musst daran glauben, dass es klappt.“

Sarah holte tief Luft. „In Ordnung.“

Im Fahrstuhl schwiegen sie beide gedankenverloren. In der Empfangshalle angekommen, konzentrierte sich Sarah darauf, auf dem polierten Marmorfußboden mit ihren Absätzen nicht auszurutschen. Während Hunter mit der Angestellten am Empfang sprach, merkte Sarah, dass sie kritisch gemustert wurde, und freute sich, dass sie offensichtlich Gnade vor dem Urteil dieser modebewussten Pariserin fand. Ja, sie glaubte sogar, eine Spur von Bewunderung in den Blicken der Sekretärin entdecken zu können. Nicht schlecht für den Anfang, dachte Sarah.

„Mr. Vanderkemp erwartet Sie bereits“, sagte die Frau. Sie kam hinter ihrem Tresen hervor und ging voraus. Der Konferenzraum, in den sie geführt wurden, war groß und gediegen eingerichtet. Die großen Fenster boten einen wunderbaren Blick auf die Seine und einen Teil der Stadt. Die Sekretärin verschwand, aber es dauerte nicht lange, bis sich die Tür wieder öffnete.

„Guten Morgen, Mr. Osland. Tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen.“

„Nicht der Rede wert“, antwortete Hunter. Er deutete auf Sarah. „Das ist Sarah Mahoney, unsere PR-Managerin. Und bitte, nennen Sie mich doch einfach Hunter.“

„Seth“, sagte der andere und streckte die Hand aus.

Sie nahmen an dem runden Konferenztisch Platz, und Hunter kam ohne Umschweife zur Sache. „Wir sind für einige Tage in Paris, weil wir einen Partner für unsere vielversprechende Produktlinie Luscious Lavender der Lush Beauty Products suchen. Ich muss hinzufügen, dass Osland International Lush Beauty kürzlich erworben hat.“

„Ich habe davon gehört. Lush Beauty ist mir durchaus ein Begriff“, meinte Seth Vanderkemp.

Sarah horchte auf. Das schien ein guter Einstieg zu sein. Sie legte sich bereits die Worte zurecht, mit denen sie einige Artikel von Luscious Lavender vorstellen wollte.

„Mit Osland International im Hintergrund ist Lush Beauty heute in der Lage, nicht nur in den Staaten, sondern auch in Europa auf den Markt zu kommen. Und wir stellen uns vor, dass die Partnerschaft mit einer Kette von Wellness-Centern geradezu ideal wäre. Speziell die Klientel Ihrer Castlebay Spas deckt sich, denke ich, genau mit unserer Zielgruppe.“

Seth hörte Hunter aufmerksam zu und nickte zustimmend. Sarah schöpfte Hoffnung. „Ich gebe Ihnen vollkommen recht. Einen Vertrieb Ihrer Art von Produkten in unseren Centern sähe ich auch als ideale Ergänzung. Leider gibt es da ein kleines Problem.“

Nicht schon wieder, dachte Sarah verzweifelt. Hunter hingegen wartete seelenruhig ab, was kommen würde.

„Die Castlebay-Kette steht vor dem Verkauf. Die Kette als Ganzes. Ein Angebot liegt bereits auf dem Tisch.“

„Was ist das für ein Angebot?“, fragte Hunter.

„Sie werden verstehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht über die Einzelheiten sprechen kann.“

Hunter lehnte sich bequem zurück. „Natürlich. Ich will die Frage anders formulieren. Was würde es kosten, das Ihnen vorliegende Angebot zu überbieten?“

Seth sah ihn verblüfft an. „Sie meinen …“

„Ich meine, ich könnte Ihnen ein besseres Angebot machen.“

„Haben Sie dazu die nötigen Vollmachten?“

„Die habe ich in der Tat.“

Seth erhob sich und ging zum Telefon. Er nahm ab und fragte Hunter: „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich unsere Rechtsabteilung dazuhole?“

„Nein, keineswegs.“ Sarah wurde fast schwindelig. Sie hatte Mühe, dem Tempo dieser Entwicklung zu folgen. „Sie haben sicherlich Prospektmaterial und Bilanzen, die ich einsehen könnte?“, erkundigte sich Hunter.

„Selbstverständlich. Alles da. Wir können auch aktuelle Berichte von unabhängigen Wirtschaftsgutachtern vorlegen.“

„Wunderbar.“ Dann wandte sich Hunter an Sarah. „Sind Sie bitte so gut, Richard Franklin für mich anzurufen? Wir treffen uns dann wieder hier.“ Er zog eine Visitenkarte aus der Jacketttasche, schrieb etwas darauf und gab sie Sarah.

Sarah stand auf und ging hinaus. Auf dem Weg durch die Empfangshalle merkte sie, wie ihr Herz klopfte. Ihr schwirrte der Kopf. Sie drehte die Karte um und las, was Hunter geschrieben hatte. Auf der Rückseite standen Name und Telefonnummer von Richard Franklin und dazu die Bemerkung: „Kein Wort darüber! Zu niemandem außer Richard!“

6. KAPITEL

Als Hunter von der Besprechung mit Vanderkemp und dessen Juristen kam und das Gebäude verlassen wollte, entdeckte er Sarah auf einer Bank neben dem Eingang.

Sie sprang auf, als sie ihn sah, und kam auf ihn zu. „Tut mir leid, aber ich konnte es nicht abwarten. Wäre jemand bei dir gewesen, dann hätte ich mich schnell versteckt.“

Hunter musste über ihren Eifer schmunzeln.

„Und? Wie sieht es aus?“

„Sieht so aus, als hätten wir uns eben einen kleinen Wellness-Konzern zugelegt.“

Richard Franklin musste zwar noch die Einzelheiten des Vertrags durchgehen, aber im Großen und Ganzen war man sich über alles, auch über den Preis, einig. Dass die Verbindung von Lush Beauty und Castlebay hervorragend funktionieren würde, davon war Hunter überzeugt. Das musste einschlagen wie eine Bombe. Sein Großvater hatte ihn zur Leitung von Lush Beauty abkommandiert? Na schön, das konnte er haben. Die Herausforderung fing an, Hunter Spaß zu machen. Gramps sollte sich noch wundern.

Sarah sah ihn immer noch ungläubig an. „Wie? Einfach so?“ Sie schnippte mit dem Finger.

„Einfach so.“

„Ich fasse es nicht. Bedeutet das, wir können Luscious Lavender in den Centern anwenden und dort verkaufen, wie wir möchten?“

„Das ist der Sinn des Ganzen.“

„Und wie viel …“ Aber Sarah hielt inne. „Geht mich ja auch nichts an.“

„Eine ziemliche Menge“, antwortete er trotzdem. Und das war noch milde ausgedrückt.

„Wie viele Spas sind es überhaupt?“

„Zwölf.“ Sie verließen das Gebäude und gingen die Stufen zur Straße hinunter. „Ich kann dir eine Liste zeigen, wenn du möchtest.“

Sarah strahlte übers ganze Gesicht. „Na klar, möchte ich. Und was machen wir jetzt?“

„Hast du Richard angerufen? Wen schickt er uns?“

„Einen Miles Harrington.“

„Schön. Wir hinterlegen ihm die Papiere, damit er sie durchsehen kann. Dann können wir ja mit deinem neuen Outfit weitermachen.“

„Wollen wir den Erfolg nicht feiern?“

„Wenn alles unter Dach und Fach ist, vor allem die Finanzierung.“ Die war in der Tat das Problem, denn der Umfang dieses Geschäfts war doch größer, als Hunter es vorausgesehen hatte. Die erforderlichen Mittel für den Ankauf von Castlebay konnte der Investitionsfonds der Osland International allein nicht decken. Eine der Firmen der Osland International musste als Sicherheit herhalten. „Und wenn die Unterschriften unter den Verträgen stehen.“ Sarah stimmte ihm zu. „Und eines noch“, bat Hunter, „kein Sterbenswörtchen darüber – zu niemandem.“

Sie sah ihn von der Seite an. „Zu niemandem, heißt?“

„Zu keinem Menschen. Auch nicht zu Kristy oder Jack.“

„Warum denn …?“

„Das ist nun mal so“, wiegelte er ab. „Was sollen wir die Pferde scheu machen, solange die Sache noch nicht abgeschlossen ist.“

Hunter hatte allen Grund zur Diskretion. Normalerweise hätte er eine Transaktion dieser Größenordnung nicht im Alleingang vorgenommen. Nun musste er sich erst gut überlegen, wie er Jack und seinem Großvater das beibringen wollte. Er hörte sie schon: „Du wirst uns mit deinem verantwortungslosen Leichtsinn noch alle ruinieren.“ Aber er hatte keine Lust, darauf zu warten, bis sein Großvater sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte. Das konnte Wochen dauern. Dabei war Hunter von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt. Er war sich sicher, dass der Castlebay-Deal sich binnen kurzer Zeit als eine blendende Investition herausstellen würde.

Er schüttelte diese Gedanken ab. Dazu hatte er später noch Zeit. „Wie ist es? Wollen wir uns nach einem Juwelier umsehen?“

Sarah lachte und griff nach seiner Hand. „Du hast heute wohl deine Spendierhosen an?“

Hunter, der von ihrem plötzlichen Überschwang überrascht war, drückte ihr einen Kuss auf die Hand.

Sie brauchten nicht lange zu suchen, bis sie ein Geschäft gefunden hatten, das ihm zusagte. Es war ein schmales, altes Gebäude mit fünf Stockwerken. Die Dekoration war ganz auf den Valentinstag abgestimmt. Überall sah man goldene Herzen, rote Schleifen und Bouquets mit roten Rosen. An den Ausgängen standen Angestellte, die den Kundinnen kleine, herzförmige Schachteln mit Konfekt überreichten.

Hunter sah sich die Auslagen an. Noch immer hielt er Sarahs Hand. „Wollen wir?“, fragte er.

Sie nickte.

Er gab ihr mit dem Zeigefinger einen leichten Stups auf die Nase. „Dass mir aber dann keine Klagen kommen.“

„Ich werde mich nicht beklagen“, versicherte sie.

„Auch nicht, wenn das etwas teurer wird, was wir jetzt kaufen?“

„Das ist ja deine Sache. Du wirst den Schmuck nach dem Ball doch wieder zurücknehmen, oder nicht?“

Er stutzte und runzelte die Stirn. „Ich soll ihn zurücknehmen? Und was soll ich damit?“

„Du bewahrst die Schachteln auf und schenkst ihn später einmal deiner Freundin.“

„Na klar“, meinte er ironisch und schüttelte den Kopf. Was für ein Unsinn. Er hatte keine Lust, sich jetzt mit Sarah darüber zu streiten.

Sarah nahm es als Bestätigung und machte sich deshalb unbekümmert auf die Suche. Ihre Wahl fiel schließlich auf ein Collier aus Saphiren und Diamanten, ein Paar goldene Ohrringe mit einem größeren, tropfenförmig geschliffenen Diamanten und kleinen Smaragden sowie das Gegenstück dazu mit einem Rubin anstelle des Diamanten. Schließlich entdeckte Sarah noch ein Armband mit einem Goldfischanhänger, in den auf der einen Seite ein Brillant und auf der anderen ein Rubin eingefasst war.

Noch im Geschäft legte Hunter Sarah das Armband an. Sarah war sofort davon angetan.

Nach den Einkäufen gingen sie in ein kleines Restaurant. Der Kellner brachte den Wein und frisches, noch warmes Brot.

Sarah hielt die Hand ein wenig in die Höhe und betrachtete verzückt den Goldfischanhänger. „Du warst erstaunlich geschickt, als du es mir angelegt hast.“

„Ich habe eine Mutter und eine Schwester.“

„Sehr hübsche Antwort“, entgegnete sie und griff nach ihrem Weinglas. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass du nie Schmuck für deine Freundinnen gekauft hast.“

„Warum willst du mich immer mit solchen Fragen aufziehen?“

„Ich weiß, dass du schon viele Freundinnen gehabt hast.“

„Ich habe bloß keine Lust, von ihnen zu sprechen.“

„Warum denn nicht? Hast du Angst, dass ich mich über sie lustig mache?“

„Du kannst es nicht lassen, oder?“

„Nein.“

„Wie würdest du es denn finden, wenn ich dich so aushorche?“ Wie waren sie bloß in diese Diskussion geraten?, fragte sich Hunter. Ganz sicher wollte er nichts von ihren Verflossenen hören.

„Nun gut, du hast es so gewollt“, sagte er dann. „Fangen wir bei Melissa an. Mit ihr war ich zusammen – ich glaube, es waren drei Monate. Sie hat in Los Angeles beim Fernsehen gearbeitet und den Wetterbericht moderiert. Wir haben miteinander Squash gespielt und waren ein gutes Beach-Volleyball-Team. Sie war strikte Vegetarierin und politisch sehr engagiert. Ich durfte nichts kaufen, was aus einem Land kam, das auf ihrer langen schwarzen Liste stand.“ Hunter beobachtete genau Sarahs Reaktionen. Aber bisher verzog sie keine Miene.

Er brach sich ein Stückchen Brot ab. „Dann hätten wir Sandra. Die arbeitete in einem Fitness-Studio. Mit ihr ging ich zwei Monate. Auch sehr sportlich. Von Deanne habe ich Parasailing und Freeclimbing gelernt. Das war spannend. Wir sind viel schwimmen gewesen, und jeden Abend wollte sie in die Disco. Aber als ich sie mit einem Typen vom Film bekannt gemacht habe, ist sie mit dem auf und davon.“

Während Sarah seiner Aufzählung bis hierher fast teilnahmslos gefolgt war, zog sie an dieser Stelle kurz die Stirn in Falten. „Warst du unglücklich?“

Hunter lachte kurz auf. „Nein. Bevor man die Sechs-Monats-Marke erreicht, hält sich das Unglück meist in Grenzen. Also, wer kommt als Nächste? Ach ja, Jacqueline …“

„Geht das jetzt das ganze Essen so weiter?“

„Du wolltest es so haben.“

„Also ich hatte nur zwei Männer.“

Ich habe nicht danach gefragt“, bemerkte Hunter mit Nachdruck.

„Roberto war der eine“, fuhr Sarah unbeirrt fort. „Es stellte sich aber bald heraus, dass es für ihn nur eine Frau im Leben gab und immer geben würde, und das war seine Mama. Der andere war Zeke. Aber der hat sich irgendwann auf seine Harley gesetzt und ist nie wieder aufgetaucht.“

Sarah zu verlassen! Was muss das für ein Idiot gewesen sein. „Und warst du unglücklich?“

„Anfangs habe ich das geglaubt. Aber“, fügte sie mit einem Zwinkern hinzu, „keiner von ihnen ist auf die Idee gekommen, mich nach Paris einzuladen. Ich glaube, das ist ab jetzt der Maßstab.“

„Plus vielleicht noch etwas Schmuck und ein paar Diamanten.“

„Wäre zu überlegen.“

„Plus Privatjet?“

„Wie sonst sollte man nach Paris kommen?“

„Sehr richtig. Mit ein wenig Umsicht kann es eine Frau wie du weit bringen.“ Hunter lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und winkte dem Kellner. Er war nicht im Geringsten eifersüchtig weder auf einen Roberto noch einen Zeke. Sie waren ganz offensichtlich Schwachköpfe. Hunter war entschlossen, den Rest des Tages zu genießen.

Sarah erwachte mit einem Lächeln am nächsten Morgen in ihrem Zimmer im Hotel Ciel d’or. Sie streckte sich und vergegenwärtigte sich noch einmal, was in den letzten achtundvierzig Stunden geschehen war. Der Schrank hing voll der schönsten Kleider. Auf der Frisierkommode stand die Tüte aus dem Juweliergeschäft. An ihrem Handgelenk spürte sie das neue Armband mit dem Goldfischanhänger. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, es vor dem Schlafengehen abzunehmen.

An der Tür klopfte es. Sarah schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in einen flauschigen weißen Frotteebademantel, den sie im Badezimmer vorgefunden hatte.

Durch das Guckloch in der Tür sah sie einen jungen Mann vom Zimmerservice mit einem Frühstückstablett. Sie ließ ihn ein. Der Page stellte den Kaffee und einen Korb mit Croissants auf den Tisch. Sie bedauerte, dass sie keine Euros für ein Trinkgeld hatte, aber er beruhigte sie. Dafür sei bereits gesorgt.

Den Kaffee konnte Sarah gut gebrauchen. Gerade als sie sich eine Tasse einschenken wollte, klingelte das Telefon. Es war Hunter.

„Na? Schon wach?“, erkundigte er sich.

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