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Traummänner & Traumziele: Mailand

Cathy Williams, Jane Waters, Melanie Milburne, Jennie Adams

Traummänner & Traumziele: Mailand

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1. KAPITEL

Mit dem Stadtplan, den sie seit ihrer Landung in Mailand wie einen Talisman umklammerte, fächelte Caroline sich Luft zu und sah sich um. Irgendwo hier zwischen diesen historischen Gebäuden an der großen Piazza lag ihr Ziel. Eigentlich hätte sie es direkt ansteuern und der Versuchung einer kalten Limonade und eines sündhaft süßen und kalorienreichen Stück Kuchens in einem der vielen Cafés widerstehen sollen, aber ihr war heiß, sie war erschöpft, und sie hatte Hunger.

„Es ist doch keine große Mühe“, hatte Alberto ihr zugeredet. „Ein kurzer Flug, ein Taxi … noch ein paar Schritte bis du seine Büros gefunden hast … Und denk doch nur, was du dir alles ansehen kannst – den berühmten Dom, die eleganten Palazzi, die schicken Läden. Es ist lange her, seit ich zuletzt in Mailand war, aber an die Galleria Vittorio kann ich mich noch gut erinnern.“

Caroline hatte den alten Mann skeptisch angesehen, und immerhin besaß er so viel Anstand, dass er zerknirscht lächelte. Dieser Trip nach Mailand fiel wohl kaum in die Kategorie „Vergnügen“. Zwei Tage standen ihr zur Verfügung, und wenn sie an die mit dem Auftrag verbundenen Erwartungen dachte, zog sich ihr Magen zusammen.

Sie sollte Giancarlo de Vito finden und ihn überzeugen, mit ihr zum Comer See zurückzukommen.

„Ich würde ja selbst fliegen, Liebes“, hatte Alberto gemurmelt, „doch meine Gesundheit erlaubt es mir nicht. Der Doktor sagt, ich muss mich schonen. Mein Herz … du verstehst …“

Noch immer fragte Caroline sich, wie sie sich zu dieser Mission hatte überreden lassen, doch jetzt war es zu spät. Sie war hier, an einem heißen Julitag, umringt von Menschenmassen. Es wäre vergeudete Zeit, jetzt noch die Nerven zu verlieren.

Schließlich war sie nur der Bote. Ob die Mission erfolgreich ausgehen würde oder nicht, interessierte sie nicht wirklich. Alberto natürlich schon, aber sie war nur die persönliche Assistentin, die einen etwas seltsamen Auftrag für ihn ausführte.

Sie schaute noch einmal auf den Stadtplan und steuerte die enge Gasse an, die sie mit Hellrot markiert hatte.

Auf jeden Fall war sie falsch angezogen für diese Reise. Am See war es wesentlich kühler gewesen, doch hier in der glühenden Hitze klebten ihr die helle Hose an den Beinen und die leuchtend gelbe Bluse am Rücken. Auch wünschte sie, sie hätte sich das Haar strenger zurückgebunden. Zwar hatte sie es zu einem Zopf geflochten, aber einige Strähnen hatten sich bereits gelöst und fielen ihr nun ins Gesicht.

Viel zu beschäftigt mit dem eigenen Unbehagen und dem Ärger über ihren Auftrag, hatte sie keinen Blick für die wunderschöne alte Kathedrale. Unwirsch zog sie ihren Rollkoffer hinter sich her wie ein ungezogenes Kind. Jeder mit einem weniger heiteren und gutmütigen Wesen hätte seinen älteren Arbeitgeber sicherlich in Gedanken verflucht. Doch Caroline, obwohl müde, verschwitzt und hungrig, war zuversichtlich, dass sie ihre Mission erfüllen würde. Sie glaubte unerschütterlich an das Gute im Menschen. Ganz im Gegensatz zu Alberto, der wohl der Welt größter Pessimist sein musste.

Noch einmal prüfte sie die Adresse, die sie fein säuberlich auf eine Karteikarte geschrieben hatte. Ja, sie war angekommen. Begeistert schaute sie an dem dreistöckigen Gebäude hoch – pinkfarbener Sandstein, wunderschön gealtert, zwei Säulen, die den Eingang flankierten. Ihre Laune hob sich. Wie schwierig konnte Giancarlo schon sein, wenn er in einem so großartigen Gebäude arbeitete?

„Viel kann ich dir nicht über ihn erzählen“, hatte Alberto geseufzt, als sie ihn nach Details fragte. „Es ist Jahre her, seit ich ihn gesehen habe. Die Fotos sind auch längst alle veraltet. Wenn ich einen Computer hätte … Aber warum sollte ein alter Mann wie ich noch lernen, mit einem solchen Ding umzugehen?“

Sie hatte angeboten, ihren Laptop zu holen, doch Alberto hatte nur abgewinkt.

„Lass nur, ich halte nichts von solchen Spielereien. Fernseher und Telefon, das sind die letzten technischen Neuerungen, die ich mitgemacht habe.“

Insgeheim stimmte Caroline ihm zu. Sie nutzte ihren Computer praktisch nur für E-Mails. Sich hier im Haus ins Internet einzuloggen, war so gut wie unmöglich. Und so hatte sie nur wenige Informationen, an die sie sich halten konnte. Sie vermutete allerdings, dass Giancarlo reich sein musste, schließlich hatte Alberto gesagt, dass der Junge „etwas aus sich gemacht hatte“.

Sie fand ihre Vermutung bestätigt, als sie das hypermoderne, klimatisierte Foyer betrat. Von außen mochte das Haus wie aus dem Mittelalter wirken, hier drinnen hatte eindeutig das einundzwanzigste Jahrhundert Einzug gehalten. Nur die antiken Marmorfliesen und die alten Meister an der Wand ließen Rückschlüsse auf das Alter des Gebäudes zu.

Natürlich wurde sie nicht erwartet. Alberto hatte betont, dass das Überraschungsmoment unerlässlich sei: „Sonst wird er dich nicht empfangen, dessen bin ich sicher.“

So dauerte es über eine halbe Stunde Überzeugungsarbeit, bevor die elegante Empfangssekretärin, die sich wie ein Wachhund hinter ihrem Schalter postierte, sie überhaupt anmeldete.

Und noch immer musste sie warten.

Drei Stockwerke höher saß Giancarlo gerade in einer Konferenz mit drei Finanziers, als seine Sekretärin an seine Seite trat und ihm etwas ins Ohr flüsterte, das seine dunklen Augen kalt und hart werden ließ.

„Und das ist kein Missverständnis?“, hakte er grimmig nach. Aber Elena Carli machte nur selten Fehler, deshalb arbeitete sie ja auch schon seit über fünf Jahren für ihn. Die Frau war geradezu atemberaubend effizient. Gab man ihr eine Anweisung, konnte man davon ausgehen, dass diese erledigt wurde.

Als Elena stumm den Kopf schüttelte, stand er auf und löste die Sitzung mit einer – nicht zu ehrerbietigen – Entschuldigung auf. Diese Finanzleute brauchten ihn mehr, als er sie brauchte. Sobald die Männer den Raum verlassen hatten, stellte er sich ans Fenster und sah auf den von einer Mauer umschlossenen Garten hinter dem Haus hinunter.

Die Vergangenheit, die er glaubte, ein für alle Mal hinter sich gelassen zu haben, holte ihn also wieder ein. Die Vernunft riet ihm, sich nicht darauf einzulassen. Doch seine Neugier war geweckt. In diesem Leben mit unermesslichem Reichtum und riesigem Einfluss war Neugier ein seltenes Phänomen geworden.

Giancarlo de Vito hatte sich mit glühendem Ehrgeiz und skrupellosem Einsatz zu der Position hochgearbeitet, an der er jetzt war. Ihm war gar keine andere Wahl geblieben. Seine Mutter hatte versorgt werden müssen, und nach einer Reihe von unglücklichen Beziehungen war er der Einzige, der ihr geblieben war. Er hatte das Studium als Bester seines Jahrgangs abgeschlossen und sich in die Welt der Hochfinanz gestürzt. Es hatte nicht allzu lange gedauert, bevor sich ihm alle Türen öffneten. Drei Jahre nach dem Examen konnte er sich seinen Arbeitgeber aussuchen. Nach fünf Jahren war er selbst zum Arbeitgeber geworden. Und inzwischen, mit knapp über dreißig, stand er als Self-Made-Milliardär mit immer breiter gestreuten Investitionen in dem Ruf, praktisch unantastbar zu sein.

Seine Mutter hatte nur den Anfang seines Erfolgsweges miterlebt, war sie doch vor sechs Jahren gestorben. Auf charakteristische Art, könnte man behaupten – zusammen mit ihrem jungen Lover in dessen Sportwagen. Giancarlos Ansicht nach war sie das Opfer eines komplett schiefgelaufenen Lebens. Des Öfteren sagte er sich, dass er als einziges Kind mehr Trauer empfinden sollte, doch seine Mutter war eine temperamentvolle, schwierige Frau und nicht leicht zufriedenzustellen gewesen. Sie hatte es geliebt, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Er hatte mit ansehen müssen, wie sie von Lover zu Lover gewandert war, und so geschmacklos er das auch fand, nie hatte er ein Wort der Kritik verlauten lassen. Schließlich hatte sie genug durchgemacht.

Giancarlo schüttelte sich leicht, voller Ungeduld über sich selbst. Es war mehr als ungewöhnlich für ihn, sich in Erinnerungen zu verlieren. Der Grund für seinen Verlust an Selbstkontrolle lag allein bei der Frau, die unten im Foyer darauf wartete, ihn sprechen zu können. Er rief seine Gedanken zur Ordnung und gab beim Empfang Bescheid, dass man sie hinaufschicken solle.

„Sie können jetzt nach oben gehen.“ Die Empfangsdame sah zu Caroline hin, die gut und gerne noch für Stunden in der kühlen Halle hätte sitzen können. „Signora Carli wird Sie am Lift in Empfang nehmen und Sie zu Signore de Vitos Büro geleiten. Wenn Sie möchten, können Sie Ihren … Koffer hier stehen lassen.“

Dem Zögern nach zu urteilen war es das Letzte, was die Frau wollte – dass der mitgenommen aussehende Rollkoffer die elegante Empfangshalle verschandelte. Und Caroline brauchte ihn auch.

Jetzt, da der große Augenblick gekommen war, empfand sie doch so etwas wie Nervosität. Sie wollte nicht ohne Erfolgsmeldung in die Villa am See zurückkehren. Alberto hatte vor einigen Wochen einen Herzinfarkt erlitten. Sein Zustand war alles anderes als gut, und der Arzt hatte vor jeder Art Stress gewarnt.

Den Kopf entschlossen erhoben, folgte sie der Assistentin schweigend an den Büros vorbei, in denen die Angestellten so konzentriert über ihrer Arbeit saßen, dass sie nicht einmal aufblickten.

Jeder hier schien sehr viel Wert auf ein makelloses Äußeres zu legen, vor allem die Frauen hatten alle die perfekte Figur, die in den augenscheinlich teuren Kleidern und Kostümen bestens zur Geltung kamen. Im Vergleich dazu kam sich Caroline klein, mollig und zerzaust vor.

Sie war nie wirklich schlank gewesen, nicht einmal als Kind. Manchmal, wenn sie vor dem Spiegel stand, redete sie sich ein, dass sie eine sehr weibliche Figur mit all den richtigen Kurven hatte, aber ein zweiter, genauerer Blick zerstörte dann diese Illusion. Ihr Haar ließ sich auch selten bändigen, die wilde Lockenmähne hing ihr weit bis über den Rücken und tat eigentlich nur im nassen Zustand das, was sie sollte. Die Hitze hatte jetzt für noch mehr Locken als normal gesorgt, und die Strähnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, musste Caroline sich ständig aus dem Gesicht pusten.

Irgendwann klopfte Elena Carli an eine Tür, schob sie auf und bedeutete Caroline, hineinzugehen. Für einen Moment war Caroline regelrecht überwältigt von ihrer Umgebung, sie merkte gar nicht, dass sie wie ein Paket abgeliefert worden war. Und sie bemerkte auch den Mann nicht, der beim Fenster stand und sich langsam zu ihr umdrehte. Sie hatte nur Augen für den wertvollen Perserteppich auf den Marmorfliesen, die Seidentapeten an den Wänden, die wunderschönen antiken Bücherregale, die klassischen Landschaftsgemälde.

„Wow“, hauchte sie ehrfürchtig, dann endlich fiel ihr Blick auf den Mann, der sie unverblümt musterte. In ihrem Kopf begann sich plötzlich alles zu drehen, als sie der erstaunlichen Perfektion seines Gesichts gewahr wurde. Seine Züge waren klassisch-schön und strahlten eine Sinnlichkeit aus, die ihr prompt das Blut in die Wangen trieb. Dunkle Augen starrten sie an, der exquisite Stoff der maßgeschneiderten Hose schmiegte sich um lange Beine, die Ärmel des weißen Hemdes waren aufgerollt und gaben den Blick frei auf muskulöse gebräunte Unterarme. Unwillkürlich dachte Caroline, dass sie dem bestaussehenden Mann gegenüberstand, dem sie je begegnet war. Allerdings wurde sie sich gleichzeitig auch bewusst, dass sie ihn ungeniert mit offenem Mund anstarrte. Hastig riss sie sich zusammen und räusperte sich.

Das lastende Schweigen dehnte sich, bis der Mann sich vorstellte und sie aufforderte, Platz zu nehmen. Seine Stimme passte genau zu seiner Erscheinung – tief, dunkel, samten. Allerdings auch klirrend kalt, und zum ersten Mal beschlichen Caroline Zweifel. Dieser Mann machte nicht den Eindruck, als würde er sich zu irgendetwas überreden lassen, das er nicht tun wollte.

„So …“ Giancarlo setzte sich auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch, streckte die langen Beine aus und richtete den Blick dann streng auf Caroline. „Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass Sie einfach unangemeldet in mein Büro hereinmarschieren können, Miss …?“

„Rossi. Caroline Rossi.“

„Ich saß mitten in einer Konferenz.“

„Das tut mir leid.“ Sie stolperte über ihre Entschuldigung. „Ich wollte Sie nicht unterbrechen, ich hätte auch noch länger unten gewartet, bis Ihre Konferenz beendet gewesen wäre.“ Ihr sonniges Gemüt stieg wieder an die Oberfläche. Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Es ist so wunderbar kühl in Ihrem Foyer, ich war froh, dass ich mich setzen konnte. Ich bin schon seit Ewigkeiten unterwegs, und da draußen ist es heiß wie in einem Backofen …“ Ihre Stimme erstarb allerdings, als er nicht die kleinste Regung zeigte. „Dieses Gebäude ist absolut fantastisch“, setzte sie noch hinzu.

Giancarlo ließ sich Zeit. Sollte sie ruhig noch ein wenig mit ihrer Nervosität kämpfen. „Lassen wir die Schmeicheleien, Miss Rossi. Was wollen Sie?“

„Ihr Vater hat mich geschickt.“

„Das weiß ich inzwischen. Nur deshalb sitzen Sie überhaupt in meinem Büro. Meine Frage bezieht sich auf das Warum. Seit über fünfzehn Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Ich bin neugierig, warum er es plötzlich für nötig befindet, jemanden zu mir zu schicken.“

Caroline verspürte völlig untypischen Ärger in sich aufsteigen. Wie konnte der alte Mann, den sie in ihr Herz geschlossen hatte, einen so eiskalten Sprössling hervorgebracht haben? Nur war ihr auch klar, dass Ärger sie nicht weiterbringen würde.

„Und in welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm? Erzählen Sie mir jetzt nicht, der Alte hätte sich eine junge Ehefrau gesucht, die ihn ergeben bis ins hohe Alter pflegt.“ Er taxierte sie abschätzend. „Keine übertriebene Schönheit, natürlich“, murmelte er dann. „So etwas ist nie gut für einen alten Mann, nicht einmal für einen reichen alten Mann.“

„Wie können Sie es wagen?!“, fuhr Caroline auf.

Giancarlo lachte kalt. „Sie tauchen hier unangemeldet auf, um mir die Botschaft eines Vaters zu überbringen, der mich schon vor Jahren aus seinem Leben gestrichen hat. Da denke ich doch, dass ich das Recht habe, einige Fragen zu stellen.“

„Ich bin nicht mit Ihrem Vater verheiratet!“

„Na, die Alternative wäre noch geschmackloser. Dann kann es nur das Geld sein, weshalb Sie sich mit einem Mann einlassen, der mindestens dreimal so alt ist wie Sie. Großartiger Sex wird es wohl kaum sein.“

„Ich fasse es nicht, dass Sie so etwas sagen!“ Wie hatte sie sich nur so vom äußeren Schein überrumpeln lassen können?! Dieser Mann gehörte offensichtlich zu dem kalten, gefühllosen Menschenschlag, den sie von ganzem Herzen verabscheute. „Die Beziehung zwischen Ihrem Vater und mir ist rein geschäftlich, Signore.“

„So? Also, was tut eine junge Frau wie Sie dann in einer riesigen alten Villa am See?“

Caroline funkelte ihn an. Seinen abschätzigen Blick und das „keine übertriebene Schönheit“ hatte sie noch nicht verdaut. Dass man sich ihretwegen nicht umdrehte, wusste sie selbst, aber es so unverblümt ausgesprochen zu hören, noch dazu von einem komplett Fremden … „Es besteht kein Grund, ungehobelt zu sein, Signore. Ich entschuldige mich nochmals, dass ich Ihre Konferenz unterbrochen habe, aber schließlich bin ich nicht freiwillig hier.“

Giancarlo traute seinen Ohren nicht. Niemand warf ihm vor, ungehobelt zu sein. Zugegeben, vielleicht dachten einige es, doch niemand würde auf den Gedanken verfallen, es offen auszusprechen. Und dann auch noch eine Frau. Frauen taten normalerweise alles, um ihm zu gefallen. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er seinen uneingeladenen Gast. Eines von diesen spindeldürren Models, die die Hochglanzmagazine als Schönheitsideal bestimmten, war sie sicherlich nicht. Und so sehr sie sich auch bemühte, es zu kaschieren – von ihrer Miene war deutlich abzulesen, dass sie überall lieber wäre als hier in seinem Büro.

Schade.

„Mein Vater hat Sie also manipuliert, damit Sie tun, was er will. Sind Sie seine Haushälterin? Warum stellt er eine englische Haushälterin ein?“

„Ich bin seine persönliche Assistentin“, klärte Caroline ihn auf. „Bei seiner Gastprofessur in England lernte er meinen Vater kennen. Ihr Vater war der Mentor meines Vaters, und sie blieben in Kontakt, nachdem Alberto wieder nach Italien zurückkehrte. Mein Vater ist auch Italiener. Er bat Alberto um Hilfe, hier für mich für ein paar Monate eine Stelle zu finden, damit ich mein Italienisch aufpolieren kann. Und so helfe ich Ihrem Vater jetzt mit seinen Memoiren, der ganzen Korrespondenz und was sonst noch anfällt. Wollen Sie nicht wissen, wie es Ihrem Vater geht? Sie haben ihn doch schon so lange nicht mehr gesehen.“

„Meinen Sie nicht, wenn mich das interessierte, hätte ich mich längst mit ihm in Verbindung gesetzt?“

„Nun, der Stolz hält uns oft davon ab, etwas zu tun, was wir eigentlich tun wollen.“

„Falls Sie Amateur-Psychologin spielen wollen, können wir dieses Gespräch sofort beenden.“

„Das war nicht meine Absicht“, beharrte sie. „Ich glaube einfach nur, dass die Scheidung Ihrer Eltern alles andere als gütlich verlief. Alberto redet nicht viel darüber, aber ich weiß, dass Sie erst zwölf waren, als Ihre Mutter Ihren Vater verlassen und Sie mitgenommen hat.“

„Ich fasse es nicht!“ Giancarlo legte extrem großen Wert auf seine Privatsphäre. Dass jemand seine Vergangenheit aus dem Schrank zerrte, in den er sie sicher verschlossen hatte, entrüstete ihn. „Ich habe nicht die Angewohnheit, über meine Privatangelegenheiten zu diskutieren.“

Seine Empörung stimmte sie versöhnlicher. „Halten Sie es nicht für besser, über Dinge, die uns stören, zu reden? Denken Sie nie an Ihren Dad?“

Plötzlich von einer rastlosen Energie erfasst, stand Giancarlo auf und stellte sich ans Fenster. Kurz sah er hinaus, dann drehte er sich wieder zu der jungen Frau um. Sie sah so völlig unschuldig aus, in ihrem ausdrucksstarken Gesicht ließ sich lesen wie in einem offenen Buch. Offensichtlich empfand sie Mitleid für ihn. Wütend presste er die Lippen zusammen.

„Er hatte einen Herzinfarkt.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie mochte Alberto wirklich gern. „Einen schweren. Für eine Weile sah es aus, als würde er es nicht schaffen.“ Sie kramte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. „Entschuldigen Sie. Ich verstehe nur nicht, wie Sie da so reglos und völlig ungerührt stehen können.“

Große braune Augen sahen ihn anklagend an, und Giancarlo ärgerte sich über sich selbst. Weshalb sollte er sich schuldig fühlen? Er hatte keine Beziehung zu seinem Vater, und seine Erinnerungen an das Leben in dem großen Haus am See bestanden hauptsächlich aus den Streiten zwischen seinen Eltern. Mit Ende vierzig ein eingefleischter Junggeselle, hatte Alberto eine blonde Schönheit geheiratet, die fünfundzwanzig Jahre jünger war als er. Die Ehe war praktisch von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen und hatte der jungen Ehefrau enorm viel abverlangt.

Giancarlos Mutter hatte sich nicht zurückgehalten, ihrem Sohn all die Hässlichkeiten bis ins Detail zu schildern, sobald er alt genug war, um es zu verstehen. Alberto war ein eiskalter Egoist, der vermutlich auch keine Skrupel gehabt hätte, sich außerehelich zu amüsieren, wenn er auch nur den geringsten Charme besäße, wie Adriana immer behauptete. Und er hatte sie beide ohne einen Penny auf die Straße gesetzt. Wen wunderte es da, wenn Adriana manchmal Trost im Alkohol und in anderen Mittelchen gesucht hatte?

Es gab so viele Dinge, die Giancarlo seinem Vater nie vergeben konnte. Er hatte mit ansehen müssen, wie seine schöne Mutter sich mit einem Mann nach dem anderen einließ, immer auf der Suche nach dem einen, der vielleicht mehr in ihr sehen und länger bleiben würde. Bei ihrem Tod war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen.

„Sie haben nicht die geringste Ahnung, wie mein Leben war. Oder wie meine Mutter war“, sagte er klirrend kalt. „Vielleicht wird mein Vater nachgiebiger, jetzt, da seine Gesundheit angeschlagen ist. Ich habe jedoch kein Interesse daran, Brücken zu bauen. Hat er Sie deshalb hergeschickt? Weil er als alter Mann meine Vergebung sucht, bevor er das Zeitliche segnet?“ Er lachte zynisch auf. „Ich glaube nicht, dass das funktioniert.“

Noch immer zupfte sie an dem zerknüllten Taschentuch in ihren Fingern. Sein Vater hätte sich keinen besseren Boten aussuchen können. Wenn man sie so sah, würde jeder glauben, dass sie im Auftrag eines Heiligen unterwegs war – anstatt eines Mannes, der seiner Ehefrau das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Er besah sich sein Gegenüber genauer. Ihre Garderobe war eine Katastrophe. Die helle Hose und die gelbe Seidenbluse hätten zu einer Frau gepasst, die mindestens doppelt so alt war wie sie. Ihr Haar war lang, wirklich lang, nicht wie die schicken kurzen Bobs, an die er von seinen Begleiterinnen gewöhnt war. Lockige Strähnen lösten sich aus einem behelfsmäßig geflochtenen Zopf, und plötzlich fiel ihm auch auf, dass ihre Haut schimmerte wie Satin und sie unglaublich volle Lippen hatte. Lippen, die sich vor fassungsloser Enttäuschung leicht geteilt hatten und den Blick auf perfekte weiße Zähne freigaben.

„Es tut mir leid, dass Sie so verbittert sind“, murmelte sie. „Er möchte Sie einfach nur sehen. Es würde ihm so viel bedeuten. Kann ich Sie nicht irgendwie überzeugen, dass Sie … mit mir zurückkommen?“

„Selbst wenn ich von dem plötzlichen Bedürfnis gepackt würde, den verlorenen Sohn zu spielen … glauben Sie wirklich, ich könnte einfach alles stehen und liegen lassen und zum Comer See fahren? Ich bin ein viel beschäftigter Mann, Miss Rossi, ich habe ein Unternehmen zu führen. Ich habe Ihnen bereits einen angemessenen Teil meiner Zeit geopfert. Sie müssen verzeihen, wenn ich nicht in Begeisterungsstürme ausbreche, nur weil mein Vater entscheidet, dass er wieder Kontakt aufnehmen will. Einen Herzinfarkt wünsche ich niemandem, aber leider werden Sie mit leeren Händen zurückkehren müssen.“

Caroline gab sich geschlagen. Sie stand auf und nahm ihren Koffer.

„Wo sind Sie untergebracht?“, erkundigte er sich höflich, während er gleichzeitig beobachtete, wie sie die Schultern sacken ließ. Gott, glaubte der alte Mann wirklich, sein Benehmen gegenüber seiner Frau und seinem Sohn hätte keine Konsequenzen nach sich gezogen? Der Alte war unermesslich reich, und er hatte die besten Anwälte des Landes angeheuert, damit er seiner Familie die geringstmöglichen Alimente zahlen musste. Das hatte Adriana ihrem Sohn unter Tränen erzählt. Und oft hatte Giancarlo sich gefragt, ob seine Mutter auch dann so verzweifelt nach Liebe gesucht hätte, wenn zumindest ihr Lebensunterhalt ausreichend gesichert gewesen wäre.

Caroline beantwortete jetzt seine Frage, obwohl sie wusste, dass es ihn nicht interessierte. Sie hatte versagt. Alberto war zu stolz, er würde nur mit den Schultern zucken und sich nichts anmerken lassen, aber sie wusste, die Nachricht würde ihn zu Boden schmettern.

„Sie sollten sich das La Rinascente ansehen. Das Kaufhaus wird Ihnen bestimmt gefallen. Die Aussicht dort ist fantastisch. Und natürlich kann man auch großartig einkaufen.“

„Ich hasse Shopping.“ Vor der Tür blieb Caroline stehen, drehte sich noch einmal um – und stellte fest, dass er direkt hinter ihr war. Er überragte sie um gut zwanzig Zentimeter und wirkte sehr viel einschüchternder als von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch aus oder als er am Fenster gestanden hatte.

Die Sonne fiel hinter ihm durch die Scheiben und ließ Schatten auf seinem Gesicht entstehen, sodass es noch attraktiver wirkte. Er hatte unglaublich lange Wimpern, dicht und dunkel, um die ihn die meisten Frauen beneiden mussten.

Caroline verspürte ein Flattern im Bauch, und plötzlich wurde sie sich des Spannens ihrer Brüste bewusst. Ihr erster Impuls war es, sich mit der Hand an den Hals zu fassen und den Kragen ihrer Bluse zu schließen, doch dann wurde sie rot. Wie hatte sie es nur vergessen können? Sie war nicht mehr als das hässliche kleine Entlein.

„Und ich habe keine Lust auf höflichen Small Talk mit Ihnen“, murmelte sie mit rauer Stimme.

„Wie bitte?“

„Es tut mir leid, dass Ihre Eltern sich haben scheiden lassen, noch mehr tut es mir leid, dass es Sie so geprägt hat. Aber ich finde es schrecklich, dass Sie Ihrem Vater nicht noch eine Chance geben. Wissen Sie wirklich genau, was zwischen Ihren Eltern passiert ist? Sie waren damals noch ein Kind. Ihr Vater ist schwer krank. Sie jedoch halten es für wichtiger, nachtragend zu sein, anstatt die Zeit auszunutzen, die noch bleibt. Er könnte morgen schon sterben! Aber Sie sind ja so wichtig, Sie haben ein Unternehmen zu führen!“

Die erregte Rede hatte sie Mut gekostet. Normalerweise war sie nie so angriffslustig, aber dieser Mann ärgerte sie maßlos. Sie schob das Kinn vor und holte tief Luft. „Ich werde Sie nicht wiedersehen, also kann ich Sie auch meine ehrliche Meinung wissen lassen.“

Giancarlo stellte sich vor die Tür und musterte Caroline neugierig. Ihre Wangen waren hochrot, ihre Augen blitzten. Vor ihm stand eindeutig eine wütende Frau, nur hatte er auch das Gefühl, dass sie eine Frau war, die selten wütend wurde. Gott, dieser Tag entwickelte sich langsam zu einer Plage!

„Vermutlich ist nur selten jemand ehrlich zu Ihnen, oder?“ Sie ließ den Blick vielsagend durch das noble Büro wandern. Wer sagte schon offen seine Meinung, wenn er einem Mann gegenüberstand, der ganz offensichtlich reich war und dann auch noch so gut aussah? Dieser Mann besaß die Arroganz eines Menschen, der immer genau das bekam, was er wollte!

„Von meinem Börsenmakler erwarte ich Ehrlichkeit, er sagt mir immer seine Meinung. Allerdings muss ich anmerken, dass ich meist mehr weiß als er. Eigentlich brauche ich seine Dienste nicht, aber wir kennen uns schon lange …“ Mit typisch italienischer Nonchalance zuckte er mit den Schultern und lächelte Caroline so entwaffnend an, dass es sie fast umwarf.

Es war, als würden plötzlich Sonnenstrahlen in einen dunklen Raum einfallen. Dennoch ließ sie sich davon nicht ablenken, nicht, wenn er sich weigerte, seinen Vater zu treffen, einen alten und möglicherweise sterbenden Mann. Im Gesamtbild zählte charmantes Lächeln nun mal nicht!

„Schön, dass Sie das alles für so amüsant halten und noch Witze reißen können“, fauchte sie. „Wissen Sie was? Sie tun mir leid! Sie mögen ja glauben, dass das alles hier“, mit dem ausgestreckten Arm schloss sie das ganze Zimmer ein, „so unglaublich wichtig ist, doch wenn es um Familie und Beziehungen geht, verliert das alles an Bedeutung. Und überhaupt halte ich Sie für arrogant und überheblich und kann Ihnen nur sagen, dass Sie einen Riesenfehler machen!“

Sie hatte ihr Pulver verschossen und riss die Tür auf. Eine offensichtlich überraschte Elena starrte sie an, bevor die Sekretärin dann fragend zu ihrem Chef schaute, der wiederum ungläubig auf die kleine Brünette sah, die energisch aus dem Büro marschierte. Der Mann, der nie die Selbstbeherrschung verlor, wirkte, als wäre er völlig überrumpelt.

„Hören Sie mit dem Starren auf.“ Giancarlo schüttelte den Kopf und lächelte seine Sekretärin zerknirscht an. „Wir alle verlieren irgendwann mal die Beherrschung.“

2. KAPITEL

Mailand war eine großartige Stadt. Museen, Galerien, Basiliken und Kirchen boten den vielen Touristen ausreichende Ausflugsziele. In der Galleria Vittorio reihte sich Café neben Café, Designer-Laden neben Designer-Laden. Caroline wusste dies, da sie alles über die Stadt las, die sie wahrscheinlich nicht wieder besuchen würde. Nach ihrem Zusammenstoß mit Giancarlo de Vito hatte die wunderschöne Stadt für sie einen faden Beigeschmack bekommen.

Je länger sie über diesen Mann nachdachte, desto unsympathischer wurde er ihr. Sie konnte nichts finden, was sich zu seinem Vorteil deuten lassen könnte. Alberto würde sicherlich Antworten von ihr erwarten, doch was konnte sie ihm schon erzählen? Dass sein Sohn sündhaft gut aussah, aber einen hässlichen Charakter hatte? Würde ein Vater, selbst ein entfremdeter, solche Informationen hören wollen?

Sie starrte in das Glas mit Limonade, in dem die Eiswürfel rasant schmolzen. Zwei Stunden war sie pflichtbewusst durch den Dom gewandert, hatte die Bleiglasfenster und Statuen bewundert, doch sie war nicht mit dem Herzen dabei gewesen. Und so saß sie also nun in einem der vielen überfüllten Cafés und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, als ein Schatten auf sie fiel und eine bekannte Stimme erklang.

„Sie haben mich angelogen.“

Die Augen mit der Hand gegen die Sonne beschattet, schaute Caroline auf. Im gleichen Moment landete ein Stapel Unterlagen vor ihr auf dem Tisch. Sie war so schockiert, Giancarlo düster wie einen Racheengel vor sich stehen zu sehen, dass sie fast die Limonade verschüttet hätte.

„Was tun Sie hier? Wie haben Sie mich gefunden?“ Sie zeigte auf die Papiere. „Und was ist das?“

„Wir müssen uns unterhalten. Aber nicht hier.“

Ein Hoffnungsfunke glomm auf. Vielleicht hatte er es sich ja noch einmal überlegt. Vielleicht hatte er den Ernst der Situation erkannt und war bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Caroline vergaß seine seltsame Einleitung völlig und lächelte. „Ja, gern.“ Sie räusperte sich, als sie kein Lächeln als Erwiderung erhielt. „Ich weiß immer noch nicht, wie Sie mich gefunden haben. Wohin gehen wir? Soll ich das hier mitnehmen?“

Scheinbar, denn er hatte ihr bereits den Rücken zugedreht und sah sich auf der Piazza nach einem passenden Ort um. Ob ihm die interessierten Blicke der Touristinnen auffielen? Oder war er gegen diese Art von Aufmerksamkeit immun?

Caroline nahm die Unterlagen auf und beeilte sich, ihm über die Piazza und durch enge Gassen zu folgen, immer weiter weg von den Touristenmassen.

Heute trug sie das einzige andere Kleidungsstück, das sie mitgebracht hatte – ein Sommerkleid mit dünnen Trägern und vorn einer Leiste winziger Knöpfe. Da sie sich allerdings schon immer ihres großen Busens übermäßig bewusst gewesen war, hatte sie sich eine dünne Strickjacke über die Schultern gelegt. Das war zwar nicht unbedingt praktisch, aber so fühlte sie sich wohler.

Giancarlo führte sie den Weg durch die geschäftigen Gassen mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines Einwohners, der seine Stadt genau kannte. Caroline trippelte nervös hinter ihm her. Schließlich betrat er ein kleines Café, das relativ leer und glücklicherweise klimatisiert war, sagte etwas in schnellem Italienisch zu dem rundlichen kleinen Mann, der wohl der Besitzer sein musste, und führte Caroline dann an einen Tisch. Hier blieb sie abwartend stehen.

„Setzen Sie sich“, meinte er nicht sehr freundlich.

Was sah sein Vater nur in dieser Frau? Er erinnerte sich nur vage an Alberto, aber eines wusste er noch: War seine Mutter nicht gerade eine umgängliche Person gewesen, so war Alberto mindestens doppelt so schwierig. Wie sehr musste Alberto sich verändert haben, wenn er eine so zaghafte, ja fast schüchterne Frau als Assistentin beschäftigte? Und erneut fiel ihm auf, dass ihr Aufzug besser zu einer viel älteren Frau gepasst hätte. Die Engländer hatten wirklich nicht den geringsten Modegeschmack!

Erstaunlicherweise ertappte er sich dabei, wie er ihre Figur ausführlich begutachtete und sein Blick schließlich an ihrem Busen hängen blieb. Die dünne Strickjacke verbarg nicht unbedingt viel, eher vielleicht noch das Gegenteil – sie zog die Aufmerksamkeit an.

„Sie haben noch immer nicht erzählt, wie Sie mich gefunden haben.“ Ein wenig atemlos setzte Caroline sich. Sie schüttelte das seltsame Gefühl ab, das sie jedes Mal überkam, wenn sie ihn ansah. Sein männlicher Sexappeal verstörte sie ganz erheblich. Solche Reaktionen war sie von sich überhaupt nicht gewohnt.

„Sie nannten mir den Namen Ihres Hotels. Ich ging hin und erfuhr an der Rezeption, dass Sie sich den Dom ansehen wollten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Sie eines der Cafés in der Nähe besuchen würden.“

„Und … haben Sie es sich noch einmal überlegt?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Sehen Sie sich die Papiere an“, forderte er sie auf.

Folgsam blätterte Caroline die Unterlagen mit den einschüchternden Tabellen und Zahlenreihen durch. „Was ist das?“, fragte sie dann. „Das sagt mir alles nichts.“ Heute hatte sie sich das Haar sorgsam zusammengebunden, dennoch stahlen sich einige vorwitzige Strähnen aus dem Band, die sie sich jetzt hinters Ohr schob. „Mit Zahlen war ich noch nie gut.“

„Nachdem Sie mein Büro verlassen hatten, beschloss ich, mir Albertos Firmenkonten genauer anzusehen. Das, was Sie da vor sich sehen, ist das Resultat.“

„Warum zeigen Sie mir das? Ich weiß nichts über Albertos Finanzen. Darüber redet er nicht mit mir.“

„Seltsam, ich hielt ihn nie für besonders zurückhaltend, wenn es um Geld geht.“

„Woher wollen Sie das wissen, wenn Sie ihn jahrelang nicht gesehen haben?“

Giancarlo dachte daran, wie Alberto seine Mutter geprellt hatte, und verzog zynisch die Lippen. „Lassen wir dieses strittige Thema und wenden wir uns den interessanten Dingen zu, die ich aufgedeckt habe.“ Er lehnte sich zurück, als die kalten Getränke und eine kleine Platte mit Gebäck und Naschereien serviert wurden. Für einen Moment war er abgelenkt, als Caroline sich eifrig mehrere Teilchen auf ihren Teller legte.

„Haben Sie vor, das alles zu essen?“ Gegen seinen Willen musste er eingestehen, dass er fasziniert war.

„Ich weiß, ich sollte eigentlich nicht. Aber ich komme um vor Hunger.“ Sie seufzte. Die Diät, die sie schon so lange plante, würde wohl noch ein wenig verschoben werden müssen. „Das ist doch in Ordnung, oder? Ich meine, die Platte ist nicht nur als Dekoration gedacht, oder?“

„Nein, natürlich nicht.“ Er sah ihr dabei zu, wie sie an einem Teilchen knabberte und sich dann genüsslich die Finger leckte. Ein seltener Anblick. Die Frauen, mit denen er ausging, wären vor Entsetzen zurückgeschreckt, hätte man ihnen etwas so Kalorienreiches wie Kuchen vorgesetzt.

Er sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren, aber irgendwie gelang es ihm nicht. Erst recht nicht, als sie ihn auch noch zerknirscht anlächelte.

„Eigentlich plane ich schon lange eine Diät. Diäten sind immer schrecklich. Ich weiß das, weil ich ein- oder zweimal tatsächlich damit angefangen habe. Haben Sie schon einmal eine Diät gemacht? Nein, sicher nicht. Den ganzen Tag nur Salat …? Dafür esse ich zu gern.“

„Das ist … ungewöhnlich für eine Frau. Die meisten Frauen, die ich kenne, meiden Essen, soweit es ihnen möglich ist.“

Natürlich. Ihn würde man nur in Begleitung überschlanker, langbeiniger Models sehen. Sie wünschte, sie hätte sich nicht hinreißen lassen. Obwohl … es war so oder so gleich. Er mochte ja umwerfend aussehen, aber mit einem Mann wie ihm würde sie sich nie einlassen. Deshalb war es auch egal, ob er sie für übergewichtig und naschhaft hielt.

„Sie erwähnten Albertos finanzielle Lage.“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Warum sollte sie sich von ihm die wenige wertvolle Zeit stehlen lassen? „Ich fliege morgen früh wieder zurück und möchte noch so viel wie möglich von der Stadt sehen.“

Giancarlo verschlug es die Sprache. Sie drängte ihn, weil ihre Zeit so wertvoll war?! „Ich denke, Ihre Pläne werden vorerst zurückstehen müssen, bis ich fertig bin.“

„Sie haben auch noch nicht gesagt, ob Sie mitkommen zum Comer See.“ Sie wusste nicht, warum sie überhaupt fragte. Es war offensichtlich, dass er das nicht vorhatte.

„Und Sie sind nur aus diesem Grund hier – um eine glückliche Wiedervereinigung in die Wege zu leiten?“

„Meine Idee war das nicht.“

„Unerheblich. Tatsache ist, dass Albertos Firma rote Zahlen schreibt.“

Caroline runzelte die Stirn. Wovon redete der Mann da?

„Si“, bekräftigte er. „Seit über zehn Jahren erwirtschaftet er ein Minus, doch seit Kurzem blutet er regelrecht aus.“

Sie schnappte nach Luft. „Oh Gott … meinen Sie, das hat seinen Herzinfarkt verursacht? Ich meine, eigentlich hat er sich nie groß für die Firma interessiert, und seit ich bei ihm bin, lebt er praktisch wie ein Einsiedler.“

„Seit wann sind Sie bei ihm?“

„Schon mehrere Monate. Eigentlich sollte ich nur ein paar Wochen bleiben, doch wir kommen so gut miteinander zurecht, und er hat so viele Dinge zu erledigen, dass ich länger geblieben bin.“ Besorgt richtete sie die braunen Augen auf ihn, der die schreckliche Nachricht so mitleidlos überbrachte. „Sind Sie sicher, dass Sie sich bei den Zahlen nicht irren?“

„Ich irre mich nie. Gut möglich, dass Alberto von den Dividenden gelebt und gedacht hat, es ginge immer so weiter. Ohne dass er sich um etwas zu kümmern braucht.“

„Und wenn er es kürzlich selbst herausgefunden und deshalb den Herzinfarkt bekommen hat? Weil der Stress einfach zu viel für ihn war?“ Die Vorstellung erschütterte sie. „Der arme Alberto. Er hat nie ein Wort davon erwähnt.“

„Ja, der arme Alberto. Nun, während ich diese Zahlen ausgewertet habe, kam mir der Gedanke, dass Ihre Mission vielleicht ein anderes Ziel hat …“

„Der Arzt hat gesagt, dass Stress alle möglichen Risiken für die Gesundheit birgt.“

„Signorina, können Sie mir folgen?“

Caroline verstummte und starrte ihn an. Die Sonne fiel durch die Scheiben und ließ sein Haar glänzen. Ihr fiel auf, dass es sich leicht um den Hemdskragen kräuselte, was den Mann noch exotischer aussehen ließ. „Es gibt keinen Grund, mich so anzufahren.“

„Doch, den gibt es. Sie sind die zerstreuteste Person, die mir je begegnet ist.“

Caroline bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Und Sie sind der unhöflichste und gröbste Mensch, den ich kenne.“

Giancarlo konnte sich nicht erinnern, dass ihn jemals jemand offen heraus beleidigt hätte. Jedoch ließ er sich nicht davon ablenken. „Ich musste daran denken, dass, wenn ich Ihnen die Geschichte mit dem Herzinfarkt abnehmen soll, die Gesundheit meines Vaters vielleicht nicht der vorrangige Grund für Ihr Hiersein ist.“

„Wenn Sie mir die Geschichte abnehmen sollen?“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf. „Weshalb sollte ich etwas so Ernstes erfinden?“

„Lassen Sie mich die Frage mit einer Gegenfrage beantworten – warum sollte mein Vater ausgerechnet jetzt den Kontakt zu mir wieder aufnehmen wollen? Ich hätte da auch schon eine Theorie. Ihm ist klar geworden, dass sein Reichtum den sprichwörtlichen Bach hinuntergeht, und deshalb hat er Sie geschickt, um die Situation auszuloten. Zu sehen, ob ich bereit bin, mich mit ihm zu treffen. Vielleicht hat er Ihnen ja auch gesagt, dass Sie das Wort ‚Kredit‘ fallen lassen sollen, wenn ich die entsprechende Einstellung zeige.“

Caroline war zutiefst schockiert über Giancarlos Unterstellungen, es verschlug ihr glattweg die Sprache. Sie, die fast nie wütend wurde, hätte ihm am liebsten die Gebäckplatte an den Kopf geworfen. „Ich kann nicht glauben, dass Sie so etwas sagen! Sie verdächtigen den eigenen Vater, er wolle Geld aus Ihnen herausquetschen?!“

Unter ihrem entsetzten Blick wurde Giancarlo tatsächlich rot. „Geld hat die unliebsame Angewohnheit, die schlechten Seiten der Menschen herauszukehren. Wissen Sie eigentlich, dass in dem Moment, in dem jemand im Lotto gewinnt, plötzlich alle möglichen engen Freunde und lang verschollene Verwandte auftauchen?“

„Alberto hat mich auf keine Mission geschickt, um Ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen. Oder um einen Kredit zu erbetteln.“

„Wollen Sie mir weismachen, er wüsste nicht, wie reich ich bin?“

„Darum geht es doch gar nicht.“ Natürlich erinnerte sie sich an das „Der Junge hat etwas aus sich gemacht.“

„Nicht? Sie behaupten also, es gäbe keinerlei Zusammenhang zwischen dem Fast-Bankrott meines Vaters und seinem plötzlichen Wunsch, den reichen Sohn, den er vor fast zwei Jahrzehnten auf die Straße gesetzt hat, wiederzusehen?“

„Genau!“

„Nun, wenn Sie das wirklich glauben und nicht mit Alberto unter einer Decke stecken, dann müssen Sie unglaublich naiv sein.“

„Und Sie, Signor de Vito, können einem wirklich nur leidtun.“

„Nennen Sie mich ruhig Giancarlo. Ich habe das Gefühl, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Auf jeden Fall kann keiner mit Ihnen mithalten, was die Beleidigungen angeht. Da stehen Sie an einsamer Spitze.“

Caroline lief rot an. Das war überhaupt nicht ihre Art. Sie war von Natur aus friedliebend und gutmütig. Trotzdem würde sie sich nicht für ihre Meinung entschuldigen. „Sie selbst sind auch kein Unschuldsengel“, gab sie leise zurück. „Sie haben mich beschuldigt, eine Lügnerin zu sein. Vielleicht kann man in Ihrer Welt niemandem vertrauen, aber …“

„Vertrauen wird allgemein überschätzt. Ich besitze ein Vermögen und habe lernen müssen, es zu schützen. So einfach ist das.“ Er zuckte mit einer Schulter. Offensichtlich war für ihn das Thema damit erledigt.

Nicht jedoch für Caroline. So leicht würde sie ihn nicht davonkommen lassen. Er hatte Alberto und sie in einem Atemzug beschuldigt. „Da bin ich anderer Ansicht. Ich meinte es ernst, dass Sie einem leidtun können.“ Sie nahm alle Kraft zusammen, um seinem düsteren Blick standhalten zu können. „Ich finde es traurig, wenn man in einer Welt lebt, in der man nur das Schlechteste von anderen erwarten muss. Wie können Sie je glücklich sein, wenn Sie andere ständig verdächtigen, dass sie Sie nur ausnutzen wollen? Selbst die, die Ihnen nahe stehen?“

Fast hätte Giancarlo aufgelacht. Von welchem Planeten kam diese Frau? Sie lebten in einer Ellbogengesellschaft, in der jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht war. Man musste seine Freunde eng an seiner Seite halten und seine Feinde noch enger, wollte man nicht riskieren, ein Messer in den Rücken zu bekommen. „Halten Sie keine Predigten“, knurrte er und überraschte sich selbst mit der Äußerung: „Sie werden ja tatsächlich rot!“

„Vor Ärger!“ Sie legte die Hände an die Wangen. „Sie sind so … so überheblich. Ich frage mich, mit welchen Leuten Sie sich umgeben, wenn Sie gelernt haben, so zu denken. Ich wusste gar nichts von Ihnen, als ich hierher kam, ich wusste nicht einmal, dass Sie reich sind. Ich weiß nur, dass Alberto krank ist und er Frieden mit Ihnen schließen möchte.“

Es war seltsam, aber Giancarlo konnte fühlen, wie seine Gedanken plötzlich in eine ganz andere Richtung abdrifteten. Weil die Strähnen, die sich um ihr Gesicht ringelten, ihn ablenkten? Oder war es, weil der Ärger ihre mandelförmigen Augen wie die einer fauchenden Katze funkeln ließ? Oder lag es vielleicht an der Tatsache, dass sie sich vorbeugte und ihr Dekolleté seinen Blick wie ein Magnet anzog?

Eine bizarre Erfahrung, dieser unerwartete Verlust an Selbstbeherrschung. Das war ihm noch nie passiert, wenn er mit einer Frau zu tun hatte. Dabei hatte er ausreichend Erfahrung mit dem anderen Geschlecht. Ohne eitel sein zu wollen … aber er besaß Aussehen, Einfluss und Geld – eine Kombination, die für die meisten Frauen unwiderstehlich war. Gerade erst hatte er eine sechsmonatige Beziehung mit einem wirklich fantastisch aussehenden Model beendet. Sie hatte nämlich immer häufiger davon gesprochen, „den nächsten Schritt“ zu tun und plötzlich ein höchst ärgerliches Interesse an Verlobungsringen bei teuren Juwelieren gezeigt.

Giancarlo hatte keinesfalls vor, in die Ehefalle zu gehen. Von seinen Eltern hatte er zwei Lektionen fürs Leben gelernt. Erstens: Es gab kein „Glücklich bis ans Lebensende“. Zweitens: Eine Frau konnte sich jederzeit von einem süßen Engel in eine streitsüchtige Xanthippe verwandeln.

Er hatte es unzählige Male bei seiner Mutter beobachten können, wie sie von der idealen, anpassungsfähigen Partnerin ihres aktuellen Begleiters zu einer fordernden Klette geworden war. Und mit zunehmendem Alter war dieses Schauspiel immer trauriger anzusehen gewesen.

Er war ein Mann in der Blüte seiner Jahre und hatte natürlich Bedürfnisse, aber wenn es hart auf hart kam, bot Arbeit eine wesentlich lohnendere Ablenkung. Frauen wurden mit der Sekunde entbehrlich, in der sie auf die Idee kamen, ihn ändern zu wollen.

Keine Frau hatte er jemals zu nah an sich herangelassen, deshalb irritierte es ihn ja auch so, dass seine Gedanken tatsächlich vom Wesentlichen abschweiften.

Kaum war Caroline aus seinem Büro gestürmt, hatte er sich darangemacht, mehr über Albertos Situation herauszufinden, nur um seinen Verdacht bestätigt zu bekommen. Deshalb hatte er nach ihr gesucht – um Alberto über sie wissen zu lassen, dass er kein naiver Hohlkopf war, der sich über den Tisch ziehen ließ.

Doch anstatt das Ganze nun abzuschließen und zu seinen Sitzungen zurückzukehren, nachdem er seinen Warnschuss abgegeben hatte, hörte er sich sagen: „Sie müssen sich da draußen doch langweilen.“ Mit einer lässigen Handbewegung bestellte er zudem die nächste Runde kalter Getränke.

Caroline wusste wirklich nicht, was sie von diesem Stimmungswechsel halten sollte. Hätte sie ein angriffslustiges Krokodil vor sich gehabt, das sie plötzlich angelächelte, wäre sie genauso verblüfft gewesen. Argwöhnisch schaute sie ihn an. Bereitete er jetzt die nächste Attacke vor? „Was sollte Sie das interessieren?“

„Es passiert schließlich nicht jeden Tag, dass eine Fremde in mein Büro marschiert und eine solche Bombe platzen lässt. Selbst wenn der Schaden schnell einzudämmen ist. Und ehrlich gesagt … so, wie ich meinen Vater in Erinnerung habe, machen Sie mir nicht den Eindruck einer Person, die in der Lage ist, mit einem solchen Mann fertig zu werden.“

Fast gegen ihren Willen ließ sie sich in die Unterhaltung ziehen. „Wie haben Sie Ihren Vater denn in Erinnerung?“, fragte sie zögernd. Und mit einem weiteren kühlen Getränk vor sich stellten die restlichen Gebäckstückchen eine enorme Versuchung für sie dar.

Der Kampf, den sie mit sich focht, war deutlich auf ihrem Gesicht zu sehen. Schmunzelnd bestellte Giancarlo noch eine Platte. „Meine Erinnerung an meinen Vater?“, hob er dann an. „Ein sehr dominanter Mensch. Häufig übel gelaunt. Herrisch. Kurz gesagt, nicht der Einfachste.“

„Mit anderen Worten … Sie sind ihm ähnlich.“

Giancarlo presste die Lippen zusammen. So hatte er das noch nie gesehen, und er würde jetzt nicht damit anfangen.

„Tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen.“

„Nein, hätten Sie nicht. Aber ich gewöhne mich langsam daran, dass Sie immer genau das sagen, was Ihnen gerade durch den Kopf schießt. Ich würde annehmen, dass Alberto so etwas nicht akzeptiert.“

„Wissen Sie, ich mag Sie nicht sonderlich“, stieß Caroline hervor. „Und ich nehme zurück, was ich gesagt habe – Sie sind Alberto überhaupt nicht ähnlich.“

„Da bin ich aber froh. Dann klären Sie mich doch auf, wie er ist.“ Seine Neugier wuchs. Er stellte fest, dass er tatsächlich mehr über den Mann erfahren wollte, den die Exfrau immer als unnachgiebigen Tyrannen beschrieben hatte.

„Nun …“ Ein Lächeln erschien auf Carolines Lippen, und voller Erstaunen sah Giancarlo die Verwandlung, die dieses Lächeln auf ihr Gesicht zauberte. Sie war plötzlich schön, auf eine sehr erotische Art, noch betont durch die Unschuld, die sie generell ausstrahlte. Alle möglichen unsinnigen Gedanken stürzten auf ihn ein, die er jedoch mit jahrelang geschliffener Selbstbeherrschung unterdrückte.

„… er kann sicherlich brummig sein. Im Moment ist er sogar sehr missmutig, er hasst es nämlich, wenn man ihm sagt, was er essen darf und was nicht, wann er ruhen muss, wann er zu Bett gehen soll. Da er nicht will, dass ich mich um ihn kümmere, hat er eine Krankenschwester eingestellt, aber ich muss ihn ständig ermahnen, nicht so kritisch mit ihr zu sein. Als ich zuerst ankam, war er sehr höflich. Er wollte meinem Dad einen Gefallen tun, aber er wusste nicht wirklich, was er mit mir anfangen sollte. Er war es nicht gewohnt, jemanden um sich zu haben, und mied bewusst Augenkontakt. Aber das hielt sich nicht lange. Wir entdeckten nämlich viele Gemeinsamkeiten – Bücher, alte Filme, den Garten. Der Garten ist für seine Genesung von unschätzbarem Wert. Jeden Tag spazieren wir zum Teich hinunter, setzen uns in den Pavillon, lesen, plaudern … Er mag es, wenn ich ihm vorlese, auch wenn er mir ständig sagt, dass ich mehr Ausdruck in meine Stimme legen soll. Aber das wird ja dann wohl alles bald ein Ende haben …“

Seit Jahren hatte Giancarlo nicht mehr daran gedacht, was er zurückgelassen hatte, jetzt jedoch überfiel ihn die Erinnerung an den Pavillon mit Macht. Wie oft hatte er während der langen Sommermonate in den Ferien dort auf der gemütlichen Bank müßig die Zeit verstreichen lassen …

Unwirsch schüttelte er die Bilder ab, so als wären sie Spinnweben in einem Schrank, der lange nicht geöffnet worden war. „Was meinen Sie damit, dass es ein Ende haben wird?“

Es überraschte sie, dass jemand, der so intelligent war, ihr nicht folgen konnte. Nur wurde ihr auch klar, dass sie mit einer Erklärung wohl die nächste schneidende Bemerkung über Albertos Absichten von ihm herausfordern würde. „Nichts“, murmelte sie und senkte den Blick.

„Aber aber … Sie werden doch wohl nicht plötzlich schüchtern? Das passt überhaupt nicht zu Ihnen.“

Im Umkehrschluss hieß das wohl, dass sie zu dreist war. Caroline fühlte sich gekränkt und war überzeugt, dass sie nie wieder so viel Abscheu für einen Menschen empfinden würde. „Nun, sollte Alberto wirklich in finanziellen Schwierigkeiten stecken, wird er das Haus wohl nicht halten können, nicht wahr? Ich meine, die Villa ist riesig, ein Großteil wird überhaupt nicht genutzt. Er wird das Haus verkaufen müssen. Und behaupten Sie jetzt nicht wieder, hier ginge es nur darum, Ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. So ist das nämlich keineswegs.“ Sie seufzte resigniert. „Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das überhaupt sage, Sie glauben mir ja sowieso nicht.“ Liebend gern wäre sie jetzt sofort zu der Villa am See zurückgekehrt, auch wenn sie keine Ahnung hatte, was sie dann machen sollte. Alberto auf das Problem ansprechen? Und ihm noch mehr Stress bereiten? „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Ihr Vater davon weiß. Er hätte bestimmt etwas erwähnt.“

„Warum sollte er? Sie sind doch erst kurz bei ihm. Wenn er sich mit jemandem bespricht, dann mit seinem Rechnungsführer.“

„Vielleicht hat er sich ja Pater Rafferty anvertraut. Ich werde zur Kirche gehen und den Pater fragen. Er wird die Dinge sicher in die richtige Perspektive rücken können. Pater Rafferty ist immer so logisch und vernünftig … und gleichzeitig so herzlich.“

„Pater Rafferty?“

„Ja. Alberto geht regelmäßig jeden Sonntag in die Kirche. Er und Pater Rafferty sind gute Freunde. Alberto mag den irischen Humor – und vermutlich auch das eine oder andere Glas irischen Whiskey. Ich sollte jetzt gehen. All das hier ist …“

„Wahrscheinlich sehr aufwühlend und sicherlich nicht das, was Sie sich vorgestellt haben, als Sie nach Italien gekommen sind.“

„Oh, das macht mir nichts aus.“ Sie verkniff es sich, noch hinzuzufügen, dass sich ja irgendjemand um Alberto kümmern musste.

Giancarlo wurde klar, dass er sein erstes Urteil wohl zu schnell gefällt hatte. Diese Frau war entweder eine ganz großartige Schauspielerin, oder aber sie hatte von Anfang an die Wahrheit gesagt. Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Ich nehme an, diese Krankenschwester, die er eingestellt hat, bezahlt er privat?“

Caroline wurde bleich. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Wie viel mochte das wohl kosten? Bewies das nicht auch, dass Alberto nicht wusste, wie es um seine Finanzen bestellt war? Denn er würde doch niemanden einstellen, wenn er sich das gar nicht leisten konnte!

„Und Sie muss er ja auch bezahlen, nicht wahr? Wie viel?“

Er nannte eine Summe, die Caroline in helles Lachen ausbrechen ließ. Sie lachte, bis ihr die Tränen kamen. Irgendwie brauchte sie wohl ein Ventil für die Anspannung der letzten Tage, sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Auch wenn sie merkte, dass Giancarlo sie ansah, als hätte er eine Irre vor sich.

„Entschuldigung.“ Jetzt bekam sie auch noch Schluckauf. „Aber das können Sie nicht ernst meinen. Nehmen Sie ein Viertel der Summe, dann kommen Sie ungefähr hin.“

„Lachhaft. Davon kann niemand leben.“

„Ich bin auch nicht wegen des Geldes hier“, erklärte sie geduldig, „sondern um mein Italienisch aufzubessern. Alberto tut mir einen Gefallen, und Kost und Logis sind frei. Es wird mir von großem Nutzen sein, eine Fremdsprache fließend sprechen zu können, wenn ich wieder nach England zurückgehe und mich für eine Stelle bewerbe. Warum starren Sie mich so an?“

„Stört es Sie nicht, dass Sie sich mit diesem Gehalt praktisch nichts leisten können?“ Wieso überraschte es ihn nicht, dass der Alte ihr so wenig wie möglich zahlte? Eine ausgebildete Krankenschwester würde ihre Dienste nicht aus reiner Güte zur Verfügung stellen, aber ein junges, unerfahrenes Ding wie Caroline? Warum sollte man sie nicht ausnutzen, wenn sie es mit sich machen ließ, nicht wahr? Oh, der Alte wusste genau, wie es um seine Finanzen bestellt war! Auch wenn sie das Gegenteil behauptete.

„Geld war mir nie so wichtig.“

„Wissen Sie was?“ Er machte dem Kellner ein Zeichen, die Rechnung zu bringen.

Caroline schaute derweil auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass die Zeit wie im Flug vergangen war. Es war ihr nicht einmal aufgefallen, dabei hätte sie sich doch durch jede Minute quälen müssen, so, wie sie ihn verabscheute. „Was?“

„Erachten Sie Ihre Mission als erfolgreich abgeschlossen. Ich denke, es wird Zeit, dass ich wieder nach Hause zurückkehre …“

3. KAPITEL

In Giancarlos Erinnerung lebte das Bild, das ihm die Villa bei seinem letzten Blick aus dem Rückfenster des Autos geboten hatte, während seine Mutter schweigend vorn am Steuer gesessen und den Wagen immer weiter von seinem Zuhause fortgelenkt hatte. Ein altehrwürdiges Haus, direkt am Ufer des Sees gelegen, umgeben von blühenden Blumenbeeten und grünen Rasenflächen.

Es war aufreibend, nach so vielen Jahren wieder zurückzukehren, eine Woche, nachdem Caroline aus Mailand abgeflogen war. Sie war so aufgeregt gewesen, fest davon überzeugt, er hätte das Friedensangebot angenommen. Allerdings teilte Giancarlo ihren Optimismus keineswegs. Er machte sich keine Illusionen über die menschliche Natur. Der tatsächliche Schweregrad von Albertos Herzinfarkt stand noch zur Debatte, und eigentlich rechnete Giancarlo damit, dass er einem relativ robusten Mann gegenübertreten würde, der sich die Gutgläubigkeit der unerfahrenen Caroline zunutze machte. Giancarlos Erinnerungen an seinen Vater waren die an einen beeindruckenden großen Mann mit eiserner Disziplin und keiner Unze Milde im ganzen Körper. Es war einfach unvorstellbar, dass ein solcher Mann sich von Krankheit schwächen lassen sollte. Obwohl das zerrinnende Vermögen ihm vielleicht die Kraft geraubt haben mochte.

Der schnittige Sportwagen fraß Meile um Meile. Jetzt, da Giancarlo auf dem Weg zum Haus seines Vaters durch die pittoresken Städtchen fuhr, stiegen vage Erinnerungen an die Oberfläche seines Bewusstseins. Er hatte ganz vergessen, wie reizvoll die Gegend hier war. Der Lago di Como, der drittgrößte See Italiens, bot eine wunderschöne Postkartenszenerie, eine reiche, sattgrüne Gegend mit eleganten Villen, gepflegten Gärten, romantischen Städtchen mit Kopfsteinpflaster und weiten Piazzas vor alten Kirchen, exquisiten Hotels und lauschigen Restaurants.

Eine tiefe Befriedigung erfüllte ihn. Das war ein Nachhausekommen ganz nach seinem Geschmack. Genauere Nachforschungen über Albertos Firma hatten eine traurige Bilanz über die zerstörerischen Auswirkungen der allgemeinen Rezession, Missmanagement, fehlende Investitionen und die Weigerung, mit der Zeit zu gehen, hervorgebracht.

Giancarlo lächelte grimmig in sich hinein. Er hielt sich nicht für rachsüchtig, aber die Vorstellung, dass er die Firma seines Vaters übernehmen und somit der Gerechtigkeit Genüge tun könnte, gefiel ihm. Gab es überhaupt eine noch bitterere Pille für seinen Vater, als bei dem Sohn, dem er vor Jahren den Rücken gekehrt hatte, in der Schuld zu stehen?

Giancarlo hatte Caroline gegenüber nichts davon erwähnt, als sie sich verabschiedet hatten. Für einen Moment ließ er sich von den Gedanken an die kleine Brünette ablenken. Sie war mehr als kapriziös, unglaublich emotional und so unverblümt, dass es ihm die Sprache raubte. Allerdings musste er sich eingestehen, dass sie ihm unter die Haut gegangen war – etwas, das ihn zutiefst irritierte. Er hatte noch nie viel Zeit darauf verwandt, über Frauen nachzudenken. Nun, das musste wohl an der Art liegen, wie sie in seinem Leben aufgetaucht war.

Eine Lektion hatte er dadurch gelernt: Er würde nie wieder das Unerwartete ausschließen. Gerade, wenn man meinte, alles unter Kontrolle zu haben, sackte einem der Boden unter den Füßen weg.

Aber so schlimm war es gar nicht, im Gegenteil. Der Kreis hatte sich geschlossen. Sicher, er war gespannt darauf, wie die Beziehung zu Alberto sich entwickeln würde, doch über die Jahre hatte Giancarlo so viel über ihn gehört, dass er das Gefühl hatte, ihn genau zu kennen. Wenn jemand nervös sein sollte, dann der alte Mann. Seine Firma ging den Bach hinunter, und ob krank oder nicht, früher oder später würde das Thema Geld aufkommen, davon war Giancarlo überzeugt. Vielleicht würde sein Vater seinen Stolz schlucken und geradeheraus um einen Kredit anfragen. Oder vielleicht hatte Alberto sich ja irgendeinen Investitionsplan ausgedacht. Nun, Giancarlo konnte es sich leisten, großzügig zu sein, er konnte dem Alten die Zusage geben, dass das Geld fließen würde. Natürlich alles zu seinem Preis: Er würde die Firma seines Vaters komplett übernehmen. Albertos finanzielle Absicherung hing allein vom Großmut des verstoßenen Sohnes ab.

Er würde nur so lange in der Villa bleiben, bis diese Nachricht verstanden worden war. Zwei Tage maximal. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er irgendetwas mit dem alten Mann zu besprechen hätte. Was auch? Sie waren einander fremd und würden erleichtert sein, wieder getrennte Wege gehen zu können.

Giancarlo war so in seine Überlegungen vertieft, dass er fast die Abzweigung zur Villa verpasst hätte. Diese Seite des Sees war berühmt für die hochherrschaftlichen Gebäude, die zum Großteil noch aus dem achtzehnten Jahrhundert stammten, einige davon inzwischen zu exklusiven Hotels umgewandelt. Das Haus seines Vaters gehörte keineswegs zu den größten, dennoch bot der Bau einen beeindruckenden Anblick – einen Anblick, der ihm zudem erstaunlich vertraut war. Er konnte sich gut erinnern, wie er als Kind hier auf den weiten Rasenflächen gespielt hatte.

Er bremste den Wagen auf dem Hof ab, stieg aus und holte die kleine Reisetasche, seinen Laptop und den Aktenkoffer, in dem alle notwendigen Unterlagen für die Übernahme steckten, aus dem Wagen.

Vom Fenster ihres Zimmers verfolgte Caroline seine Ankunft mit. Ein Flattern meldete sich in ihrem Magen. Giancarlo war wirklich eine beeindruckende Erscheinung.

Während der letzten Woche hatte sie ihr Bestes getan, um sich davon zu überzeugen, dass er keineswegs so groß und selbstsicher war und auch nicht so gut aussah. Jetzt jedoch, während sie ihn beobachtete, wie er seine Tasche aus dem winzigen Kofferraum des Sportwagens hob, musste sie erkennen, dass er tatsächlich so überwältigend war, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Sie stürmte die Treppe hinunter und kam atemlos im Wohnraum auf der hinteren Seite der Villa an. „Er ist hier!“

Alberto saß in dem großen Sessel beim Bogenfenster, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf den Garten und den dahinterliegenden See mit seinen Booten hatte. „So beruhige dich doch, Kind. Man sollte meinen, der Papst kommt zu Besuch.“

„Du wirst doch nett sein, Alberto, oder?“

„Ich bin immer nett. Du machst immer zu viel Wirbel, regst dich über die kleinsten Nichtigkeiten auf – das ist ungesund. Und jetzt geh und lass den Jungen ins Haus, bevor er wieder in seinen Wagen steigt und wegfährt. Und unterwegs kannst du dieser zänkischen Krankenschwester gleich noch sagen, dass ich mir vor dem Dinner ein Glas Whiskey genehmigen werde, ob es ihr nun passt oder nicht.“

„Das werde ich nicht tun, Alberto de Vito. Wenn du die Anweisungen des Doktors missachten willst, dann kannst du das Tessa selbst mitteilen. Ich möchte zu gern erleben, wie sie darauf reagiert.“ Sie lächelte dem alten Mann vorwitzig zu. Jetzt, da sie Giancarlo getroffen hatte, konnte sie die erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn erkennen. Beide Männer hatten die gleichen aristokratischen Gesichtszüge, beide die gleiche große, schlanke Statur. In seiner Jugend musste Alberto genauso faszinierend ausgesehen haben wie Giancarlo heute.

„Hör endlich mit dem Gezeter auf und lauf zur Tür, Mädchen“, scheuchte er sie mit einer Handbewegung fort.

Caroline kam genau in dem Moment bei der Haustür an, in dem die Klingel ertönte. Ein letztes Mal strich sie sich nervös über den schwarzen Rock, zu dem sie ein lockeres Top und die obligatorische Strickjacke trug, dann zog sie die Tür auf – und bekam prompt einen trockenen Mund.

Giancarlo sah aus, als wäre er soeben einem Männermagazin entstiegen – helles Poloshirt, dunkle Hose, Loafers aus weichem Leder, jeder Zoll der modebewusste Italiener mit dem unfehlbaren Geschmack. Bis er eine Augenbraue in die Höhe zog und kühl fragte: „Haben Sie etwa beim Fenster gestanden und gewartet?“

Ja, aber das würde sie nicht zugeben. „Natürlich nicht. Ich hatte eher damit gerechnet, dass Sie nicht kommen.“ Sie trat beiseite und bat Giancarlo herein.

Und er stand wieder in dem Haus, in dem er die ersten zwölf Jahre seines Lebens verbracht hatte. Es hatte sich erstaunlich wenig verändert – die große Halle ganz in Marmor, die geschwungenen Treppen, die zu beiden Seiten nach oben führten, die breite Galerie dort oben. Hier unten führten Türen zu unzähligen Räumen, die sich wie ein Spinnennetz durch das ganze Haus woben. Er konnte die Aufteilung wieder genau vor sich sehen – die Salons, die Bibliothek, die Speisezimmer, die Schlafräume.

„Wieso hätte ich nicht kommen sollen?“, fragte er und musterte sie. Sie wirkte hier wie zu Hause, fühlte sich offensichtlich sicherer. Das Haar trug sie offen, es floss ihr über Schultern und Rücken, braune Locken mit von der Sonne gebleichten helleren Strähnen.

„Sie hätten es sich ja anders überlegen können.“ Caroline verhaspelte sich leicht, denn sein durchdringender Blick stellte schon wieder die seltsamsten Dinge mit ihr an. „Zuerst klangen Sie entschlossen, dass Sie Ihren Vater auf keinen Fall treffen wollten, dann haben Sie urplötzlich Ihre Meinung geändert. Das ergab keinen Sinn. Deshalb dachte ich, Sie könnten sich genauso schnell wieder umentscheiden.“

„Wo ist das Personal?“

„Ich sagte Ihnen doch bereits, dass der größte Teil des Hauses nicht mehr genutzt wird. Wir haben nur Tessa, die Krankenschwester, die hier wohnt. Und zwei junge Mädchen aus dem Dorf kommen zum Putzen. Ich bin auf jeden Fall froh, dass Sie hier sind. Sollen wir dann zu Ihrem Vater gehen? Sie wollen sicher allein mit ihm reden.“

„Damit wir die wunderbaren alten Erinnerungen auffrischen können?“

Caroline sah ihn vorwurfsvoll an. Er machte sich nicht einmal die Mühe, den Zynismus zurückzuhalten. Alberto erzählte nur wenig von der Vergangenheit, und seine Memoiren waren erst bis zu seiner Studienzeit und den Reisen gediehen, die er als junger Mann unternommen hatte. Zwar konnte Caroline sich vorstellen, dass Alberto als Vater nicht einfach zufriedenzustellen gewesen war, doch hatte sie naiverweise angenommen, dass Giancarlo mit seiner Zusage gleichzeitig auch beschlossen hatte, die Vergangenheit ruhen zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Wenn sie ihn allerdings jetzt betrachtete, musste sie zugeben, dass sie da wohl vorschnelle Schlüsse gezogen hatte.

„Oder weil Sie beide sich erst einmal einigen wollen, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen?“, schlug sie vor.

Giancarlo seufzte. Sollte er sie in seine Pläne einweihen? „Warum führen Sie mich nicht erst durchs Haus, bevor Sie mich zu meinem Vater bringen? Ich würde gern ein Gefühl für mein altes Zuhause bekommen. Außerdem möchte ich etwas mit Ihnen besprechen.“

„Besprechen? Was?“

„Wenn Sie keine Lust haben, mir eine komplette Führung zu geben, können Sie mich auch einfach zu meinem Zimmer begleiten. Was ich zu sagen habe, wird nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.“

„Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer“, erwiderte sie steif. „Aber vorher sage ich Alberto Bescheid. Schließlich wartet er auf Sie.“

„Haben Sie mich in meinem früheren Zimmer untergebracht?“, fragte er. „Linker Flügel, nach hinten zum Garten hinaus?“

„Der linke Flügel wird nicht mehr bewohnt.“ Sie warf einen Blick auf sein spärliches Gepäck und traf eine Entscheidung. „Ich bringe Sie nach oben. Ihr Vater wird wohl nicht zu ungeduldig werden.“ Sie steuerte bereits auf die Treppe zu. „Auf dem Weg können Sie mir sagen, was Sie zu sagen haben.“

Ihr Herz schlug heftig, während sie vor ihm die Stufen hinaufstieg und dann den breiten Korridor entlangging. Hier standen eine Chaiselongue und mehrere Tischchen. Seit ihrer Ankunft in der Villa achtete Caroline darauf, dass immer frische Blumen die Vasen füllten, und Alberto hatte sich dieser Gewohnheit gefügt – nicht ohne jedes Mal brummelnd anzumerken, dass frische Blumen reine Verschwendung waren, verwelkten sie doch innerhalb weniger Tage.

„Ah, das grüne Zimmer.“ Giancarlo sah sich um. Das Ganze machte einen müden Eindruck, noch immer elegant, aber verblichen. Er erinnerte sich nur vage, war das grüne Zimmer doch eines der Gästezimmer gewesen, in dem er als Kind nichts zu suchen gehabt hatte. Aber man konnte deutlich erkennen, dass hier seit zwei Jahrzehnten nichts mehr verändert worden war. Er stellte seine Tasche auf dem Bett ab und ging zum Fenster, um in den Garten hinauszusehen. Dann drehte er sich zu Caroline um.

„Ich sollte Sie wissen lassen, dass ich nicht aus rein menschenfreundlichen Motiven hergekommen bin“, eröffnete er ihr geradeheraus. „Falls Sie glauben, mir ginge es nur um die familiäre Wiedervereinigung, werden Sie enttäuscht sein. Albertos finanzielle Schieflage bietet mir die Möglichkeit, Ungerechtigkeiten endlich zu begleichen.“

„Welche Ungerechtigkeiten?“

„Nichts, was Sie kümmern müsste. Auf jeden Fall wird Alberto sich keine Sorgen machen müssen, dass die Bank die Zwangsversteigerung ansetzt.“

„Das Haus soll zwangsversteigert werden?“

Giancarlo zuckte nur mit den Schultern. „Früher oder später. So läuft das eben. Schulden häufen sich an, die Aktionäre werden nervös, Entlassungen folgen. Dann beginnen die Gläubiger wie Geier zu kreisen und alles, was noch Wert hat, muss liquide gemacht werden.“

Entsetzt riss Caroline die Augen auf. „Das würde Alberto niederschmettern.“ Sie ließ sich auf die Bettkante sinken. „Sind Sie sicher, dass es so schlimm steht? Ach, vergessen Sie einfach meine Frage. Sie machen ja keine Fehler.“

Giancarlo musterte die zusammengesunkene Gestalt auf dem Bett und schnalzte mit der Zunge. „Ist es etwa nicht gut, dass ihm das alles erspart bleibt? Kein Gerichtsvollzieher wird an die Tür klopfen, die Bank wird das Haus nicht für einen Bruchteil des Werts an den Meistbietenden verschleudern, die kostbaren Gemälde werden nicht versteigert …“

„Ja, sicher.“ Zweifelnd schaute sie zu ihm hin.

„Dann setzen Sie gefälligst keine so betrübte Miene auf!“

„Sie werden also … was? Was genau haben Sie vor? Wollen Sie ihm Geld geben? Das wäre aber eine Menge, oder nicht? Sind Sie so reich?“

„Ich habe mein Auskommen.“ Ihre Frage amüsierte ihn. „Auf jeden Fall habe ich genug, um sicherzustellen, dass Albertos Firma und sein Haus nicht von den Geiern zerfetzt werden. Natürlich gibt es nichts umsonst.“

„Was meinen Sie?“

„Ich meine …“ Er stieß sich von der Fensterbank ab, lief im Zimmer umher, besah sich die Zeichen der Vernachlässigung genauer. Das Haus war uralt, wahrscheinlich von Feuchtigkeit und Termiten zerfressen. Da er in einem jahrhundertealten Haus aufgewachsen war, hatte Giancarlo darauf geachtet, dass seine Wohnung hypermodern war. „… dass der Besitz meines Vaters nun mir gehören wird. Ich werde seiner Firma und dieser Villa wieder zu ehemaligem Glanz verhelfen.“

„Nur tun Sie das nicht, weil Ihnen etwas an Alberto liegt“, sprach Caroline ihre Überlegungen laut aus. Giancarlo beobachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. Wieder einmal stellte er fest, dass jeder Gedanke deutlich von ihrem Gesicht abzulesen war. „Sie haben keinerlei Interesse daran, sich mit Ihrem Vater zu versöhnen, nicht wahr?“

Da Giancarlo nicht vorhatte, sich auf eine Diskussion mit ihr über das einzulassen, was sie als richtig oder falsch ansah, schwieg er. Allerdings gelang es ihr mit ihrem maßlos enttäuschten Ton tatsächlich, seine eiserne Selbstkontrolle zu unterwandern – und das wurmte ihn.

Irritiert runzelte er die Stirn. „Man kann sich nicht mit jemandem versöhnen, an den man sich kaum erinnert“, erwiderte er tonlos.

„Aber Sie erinnern sich noch gut genug an ihn, dass Sie ihn verletzen wollen für das, was er Ihnen angeblich angetan hat.“

„Eine lächerliche Unterstellung!“

„Ist es das? Sie haben selbst gesagt, dass Sie die Möglichkeit wahrnehmen wollen, Ungerechtigkeiten zu begleichen.“

Giancarlo schätzte seine Privatsphäre. Er sprach nie über seine Vergangenheit, mit niemandem, auch wenn vor allem Frauen es immer wieder versuchten. Sie glaubten, ihn dann besser kennenzulernen, hofften darauf, dass er sich öffnen und ihnen sein Herz ausschütten würde. Das war eigentlich immer der Todesstreich.

„Bei der Scheidung hat Alberto sämtliche legalen Schlupflöcher genutzt, sodass meine Mutter nur das Nötigste hatte, praktisch gerade genug, um zu überleben. Nach dem hier“, mit seiner Geste schloss er das Zimmer und das gesamte Anwesen ein, „musste sie sich in einer kleinen Wohnung am Stadtrand von Mailand einrichten. Sicher ist es verständlich, wenn ich da eine gewisse Verbitterung gegenüber meinem Vater verspüre. Wäre ich jedoch ein rachsüchtiger Mensch, wäre ich nicht hier, und ich würde garantiert auch keinen Aufkauf in Betracht ziehen. Für Alberto ist das ein lukratives Angebot, von meiner Warte aus gesehen weniger. Um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, wird eine ansehnliche Summe vonnöten sein. Ich hätte die Sache nach Prüfung der Bücher auch schlichtweg vergessen und darauf warten können, bis ich die Insolvenznachricht in der Zeitung lese. Glauben Sie mir, ich habe mit dem Gedanken gespielt, aber … sagen wir einfach, dass ich mich für die persönliche Lösung entschieden habe. Das ist sehr viel befriedigender.“

Caroline war es unmöglich, das Bild, das Giancarlo von Alberto zeichnete, mit dem in Einklang zu bringen, das sie selbst von dem alten Mann hatte. Ja, Alberto mochte schwierig sein und war als jüngerer Mann vermutlich noch schwieriger gewesen, aber er war weder geizig noch nachtragend. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er seine Exfrau und seinen Sohn ohne Auskommen gelassen hatte.

Eines war jedoch klar geworden: Giancarlo würde seinen Vater aus der finanziellen Misere retten, aber nur um dessen verletzlichste Seite anzugreifen – seinen Stolz.

Das konnte sie nicht erlauben! Sie stand auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, aber was Sie da vorhaben, ist abscheulich!“

„Abscheulich? Weil ich ihn auslöse und rette?“ Mit einem grimmigen Kopfschütteln kam er auf sie zu. Die Hände hatte er in die Hosentasche geschoben, er bewegte sich langsam und geschmeidig, trotzdem lag in jedem seiner Schritte eine Drohung. Caroline musste an sich halten, um nicht zurückzuweichen. Und sie konnte den Blick nicht von ihm wenden. Er erinnerte sie an ein gefährliches, aber auch wunderschönes Raubtier.

Vor ihr blieb er stehen, ließ die Augen über ihre erhitzten Wangen und zu ihrer Brust wandern, die sich mit jedem erregten Atemzug hob und senkte.

„Sie sind ein kleiner Heißsporn, was?“, murmelte er träge.

Was Caroline noch mehr aufregte. Sie war es nicht gewohnt, mit Männern wie ihm umzugehen. Ihre Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht beliefen sich auf die zwei Männer, mit denen sie bisher ausgegangen war – beides sanfte Seelen, mit denen sie auch heute noch eine Freundschaft verband – sowie Schulfreunde und Arbeitskollegen. „Nein, bin ich nicht. Ich streite mich nie. Ich mag weder Streit noch Diskussionen.“

„Also, mich hätten Sie da glatt täuschen können.“

„Das ist alles nur Ihre Schuld, Sie tun mir das an …“ Sie brach ab, als ihr bewusst wurde, wie sich das anhörte.

„Ich rege Sie so auf?“

„Ja! Nein …“

„Was denn nun? Ja oder nein?“

„Machen Sie sich nicht lustig über mich! Das ist nicht nett.“ Resolut zog sie die Strickjacke fester um sich. Eine Geste, die ihm nicht entging.

„Für eine junge Frau kleiden Sie sich recht altmodisch“, bemerkte er. „Strickjacken sind eher etwas für Frauen über vierzig.“

„Ich sehe nicht, was meine Garderobe mit irgendetwas zu tun haben soll.“ Sie verhaspelte sich prompt. Wollte er sie absichtlich durcheinanderbringen? Nun, das war ihm auf jeden Fall gelungen! Jetzt gesellte sich zu dem Ärger nämlich auch noch die Verlegenheit.

„Schämen Sie sich etwa für Ihre Figur?“ Das war die Art Frage, die Giancarlo normalerweise keiner Frau stellte. Er war kein Fan tiefschürfender weiblicher Herzensbelange, hielt die Gespräche generell unbeschwert und leicht. Doch er war unerwartet neugierig auf diese Kratzbürste, die behauptete, keine Kratzbürste zu sein. Nur eben in seiner Gegenwart.

Caroline bebte innerlich, allerdings sah sie keinen Sinn darin, dieses Gespräch weiterzuführen. Sie ging zur Tür, blieb im Rahmen stehen und drehte sich noch einmal um. „Wann hatten Sie vor, Alberto Ihren Plan zu eröffnen?“

„Ich rechne damit, dass er das Thema aufbringt.“ Fast tat es ihm leid, dass sie wieder so nüchtern geworden war. „Sie scheinen vom Guten im Menschen überzeugt zu sein. Nehmen Sie einen Rat von mir an – verlassen Sie sich nicht darauf.“

„Ich wünsche nicht, dass Sie ihn aufregen. Der Arzt hat jede Art von Stress verboten.“

„Also gut, ich werde seine kriselnde Firma nicht als Eröffnung nutzen.“

„Sie denken wirklich nur an sich selbst, nicht wahr?“ Sie war ehrlich fassungslos.

„Und Sie sagen mit absoluter Treffsicherheit immer genau das Falsche zu mir“, murmelte er.

„Weil ich das sage, was Sie nicht hören wollen.“ Sie trat auf den Korridor hinaus. „Wir sollten nach unten gehen, Alberto wird sich fragen, wo wir bleiben. Dieser Tage ermüdet er schnell. Wir essen also früh zu Abend.“

„Und wer kocht? Auch die beiden Mädchen aus dem Dorf?“ Er gesellte sich an ihre Seite. Seinen ersten Eindruck von ihr, dass sie zaghaft und behäbig war, würde er revidieren müssen. Ihre freimütige Art kaschierte ein leidenschaftliches Wesen, das nicht einzuschüchtern war. Sie bot ihm die Stirn, wie es nur wenige wagten.

„Manchmal. Aber jetzt, da Alberto Diät halten muss, bereitet Tessa seine Mahlzeiten zu, und ich koche dann für Tessa und mich. Es ist ein täglicher Kampf, Alberto dazu zu überreden, die faden Gerichte auch zu essen. Er sagt immer, ohne Salz ist das Leben nicht lebenswert.“

Giancarlo musste sich das Grinsen verkneifen. Trotz all seiner Sünden hatte sein Vater auf jeden Fall eine loyale Begleiterin gefunden. Und zum ersten Mal fragte er sich, wie Alberto wohl als Vater gewesen wäre. Hätten Vater und Sohn eine Beziehung zueinander aufgebaut? Über die Jahre schien der Alte wohl nachgiebiger geworden zu sein. Ob ihn der stete Kleinkrieg mit seiner Exfrau mürbe gemacht hatte? Giancarlo war auf jeden Fall von seiner Mutter dazu konditioniert worden, den alten Mann zu verachten, den Mann, den seine Mutter immer für ihr Unglück verantwortlich gemacht hatte.

Wenn er Caroline jedoch so liebevoll über Alberto reden hörte, begannen sich erste Zweifel zu melden. Wie unangenehm konnte der Mann in Wirklichkeit sein, wenn sie ihm so zugetan war?

Vor der Tür zum Wohnraum blieb Caroline stehen und legte die schmale Hand auf Giancarlos Arm. „Versprechen Sie, ihn nicht aufzuregen?“

„Ich halte nichts von Versprechen. Ich habe bereits zugesichert, dass ich die prekäre Lage seiner Firma nicht als Aufhänger benutzen werde. Darüber hinaus sage ich nichts zu.“

„Versuchen Sie einfach, ihn besser kennenzulernen.“ Bittend richtete sie die großen braunen Augen auf ihn. „Ich glaube einfach nicht, dass Sie das richtige Bild von Alberto haben.“

Mit schmalen Lippen sah Giancarlo vielsagend auf ihre Finger hinunter, und sie zog ihre Hand hastig zurück, so als hätte sie sich verbrannt. „Erzählen Sie mir nicht, was ich zu tun habe“, sagte er klirrend kalt. „Ich kam mit einem Ziel her, und ob es Ihnen gefällt oder nicht … ich habe vor, alles zu klären, bevor ich wieder abreise.“

„Wie lange bleiben Sie eigentlich? Schließt man von Ihrem Gepäck, haben Sie keinen langen Aufenthalt geplant.“

„Sagen wir einfach, meinetwegen brauchen Sie die Vorratskammer nicht aufzustocken. Ich hatte zwei Tage eingeplant, auf keinen Fall mehr als drei.“

Carolines Herz sank noch mehr. Das hier war als Geschäftsreise geplant. Zwei Tage, in denen Giancarlo seinen Vater für alle alten Sünden – was immer diese sein mochten – bezahlen lassen würde, einschließlich Zinsen. Rache war also sein einziges Motiv, nur deshalb er zur Villa gekommen war, wie immer anders er es auch nennen wollte.

„Haben Sie sonst noch Fragen?“

Sie schüttelte nur stumm den Kopf, traute sie doch ihrer Stimme nicht. Und erneut fühlte Giancarlo unwillkommene Zweifel in sich aufsteigen.

„Ihnen scheint wirklich viel an ihm zu liegen. Das wundert mich“, hörte er sich sagen und ärgerte sich über sich selbst. Würde ihre Erklärung etwas an seinem Vorhaben ändern? Nein.

Mit offenem Blick sah sie ihn an. „Ich kam ohne jedes Vorurteil her und fand einen einsamen alten Mann vor, der ein weites Herz hat und wunderbar großzügig ist. Sicher, manchmal kann er brummig sein, aber es sind die inneren Werte, die zählen. Zumindest für mich.“

Er hätte wissen müssen, dass ihre Antwort ihn nur verärgern würde, und gar nicht erst fragen sollen. „Nun, ich bin froh, dass er jemanden wie Sie um sich hat“, erwiderte er in neutralem Ton.

Caroline schäumte über seine gönnerhafte Bemerkung. „Nein, sind Sie nicht. Sie sind noch immer wütend auf ihn und sähen es viel lieber, wenn er allein in diesem riesigen Haus säße und niemanden zum Reden hätte. Und falls er jemanden um sich haben muss, dann ganz bestimmt niemanden wie mich, denn Sie mögen mich nicht!“

„Wie kommen Sie darauf?“

Sie ging nicht auf die Frage ein. Ein eiserner Ring legte sich um ihre Brust, wenn sie daran dachte, was jetzt bevorstand. „Aber ich mag Sie auch nicht“, behauptete sie wild. „Hoffentlich ersticken Sie an Ihren Plänen, Albertos Leben zu ruinieren.“ Sie wandte sich abrupt ab, damit er die Tränen nicht sehen sollte, die ihr in den Augen standen. „Er erwartet Sie“, zischte Caroline. „Gehen Sie rein und bringen Sie es hinter sich.“

4. KAPITEL

Giancarlo betrat den vertrauten Raum. Der kleine Salon auf der Rückseite des Hauses war immer der am wenigsten aufwendige gewesen und daher der gemütlichste. Aus dem Nichts stürzte ein Bild auf ihn ein – wie er früher hier in diesem Zimmer über den Schulheften gesessen und Hausaufgaben gemacht hatte, wenn er doch viel lieber nach draußen gerannt wäre und am Seeufer gespielt hätte.

Alberto saß bei den breiten Flügeltüren in einem Sessel, eine Decke über die Beine gebreitet, obwohl es warm im Zimmer war.

„So, mein Sohn, du bist also gekommen.“

Giancarlo sah mit undurchdringlichem Blick zu seinem Vater hin und fragte sich, ob seine Erinnerung ihm einen Streich spielte. Alberto sah so … so alt und eingefallen aus. Dann wurde ihm bewusst, dass immer noch der Mann in seiner Erinnerung lebte, der sein Vater vor zwanzig Jahren gewesen war. „Vater.“

„Caroline, anstatt dazustehen und zu starren, biete unserem Gast etwas zu trinken an. Und wenn du schon dabei bist … ich nehme einen Whiskey.“

„Oh nein, nichts dergleichen.“ Caroline riss sich aus der Starre. Jetzt, da sie sich wieder auf vertrautem Gebiet befand, nahm sie sofort die Beschützerhaltung gegenüber ihrem Arbeitgeber ein und stellte sich neben seinen Sessel, auch wenn Alberto sie mit einem schwachen Wink der Hand wegscheuchen wollte. Giancarlo erkannte aber auch, dass es ein Spiel war, das beiden vertraut war und beide gerne spielten.

Für einen Moment fühlte Giancarlo sich wie ein Eindringling. Dann änderte sich das Bild, als Caroline zu einem holzverkleideten Kühlschrank ging, und das Gefühl verschwand. Caroline plapperte nervös etwas von „praktisch“ und „kein Personal“ und dass Alberto zu schwach sei, um für jedes Glas Saft bis in die Küche zu laufen.

„Natürlich achten wir darauf, was wir hineinstellen“, erzählte sie hektisch weiter, um die Spannung, die fühlbar im Raum hing, zu überspielen. „Whiskey werden Sie hier nicht finden, schließlich kennen Tessa und ich Albertos Schwäche dafür. Aber ich habe vorhin Wein kalt gestellt. Ist das genehm?“ Sie vermied es, Vater und Sohn anzusehen, doch konnte sie sich bestens vorstellen, wie die beiden einander taxierten.

Hätte sie die Wahl, wäre sie längst in ihr Zimmer geflohen, doch der Beschützerinstinkt gegenüber Alberto hielt sie hier fest. Und als sie sich dann zu den beiden umdrehte, ein Tablett mit vollen Weingläsern und Schalen mit Knabberzeug in den Händen, saß Giancarlo lässig in einem Sessel seinem Vater gegenüber. Sollte er sich unwohl fühlen, war es ihm nicht anzumerken.

„Man hat mir berichtet, dass du einen Herzinfarkt hattest, Vater …“

„Wie war die Fahrt, Giancarlo? Gibt es immer noch so viel Verkehr in den Dörfern?“

Beide hoben sie gleichzeitig zu sprechen an. Caroline reichte das Tablett herum und setzte sich dann ebenfalls. Sie trank ihren Wein viel zu schnell, hoffte so, ihre Nerven ein wenig beruhigen zu können, und verfolgte schweigend die höfliche Konversation mit. Sie fragte sich, ob den beiden überhaupt klar war, dass sie die gleichen Gesten und die gleiche Körpersprache hatten. Das Band zwischen Vater und Sohn hätte sich eigentlich sofort bilden müssen, stattdessen wirkte dieses steife Frage-und-Antwort-Spiel wie eine Tür, die lautstark ins Schloss schlug.

Giancarlo war gekommen. Er war hier. Er redete. Aber er kommunizierte nicht. Immerhin hielt er sich an seine Zusage und erwähnte kein Wort von Finanzen.

Das Dinner bestand aus einer klaren Suppe und einem Fischgericht. Die beiden Mädchen aus dem Dorf waren gerufen worden, um aufzutragen, und so aßen sie nicht wie sonst in der Küche, sondern im Speisezimmer – was sich als großer Fehler erwies. Die formelle Umgebung trug keineswegs dazu bei, die Atmosphäre zu entspannen. Tessa hatte sich bereit erklärt, dieses Mal nicht um Alberto herumzuflattern und ihn zu beaufsichtigen, sondern ihr Essen allein einzunehmen, und Caroline wünschte sich von Herzen, sie könnte sich zu der Krankenschwester gesellen. Die Anspannung hing förmlich greifbar in der Luft.

Als der Hauptgang serviert wurde, reichte es Caroline endgültig. Wenn keiner der beiden irgendeines der angesprochenen Themen länger als zwei Sätze halten konnte, dann würde sie eben einspringen müssen, um die Stimmung zu entspannen. Also begann sie zu erzählen – von ihrer Kindheit in Devon, wie es war, bei Eltern aufzuwachsen, die beide Lehrer und überzeugte Öko-Anhänger waren. Sie erzählte von freilaufenden Hühnern, die so viele Eier legten, dass ihre Mutter ständig backte, nur um sie zu verarbeiten. Die Kuchen spendete sie dann der kleinen Kirchengemeinde und hatte dafür sogar eine Urkunde erhalten. Sie schilderte lustige Anekdoten über die Austauschstudenten, die regelmäßig bei ihnen unterkamen, und beschrieb die Küchenexperimente ihrer Mutter mit selbst gezogenem Gemüse, bis ihr Vater und sie schließlich genug davon hatten und rebellierten. Und die ganze Zeit über schmunzelte Alberto vergnügt und lachte leise, aber wirklich wohl und entspannt fühlte er sich nicht, das konnte Caroline sehen.

Während sie redete und redete, war sie sich bewusst, dass Giancarlos dunkler Blick auf ihr lag. Nur konnte sie sich nicht dazu überwinden, ihn anzusehen. Etwas an seiner Art ließ sie sich unwohl in der eigenen Haut fühlen. Seine tiefe Stimme jagte ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken, und sie brannte vor Verlegenheit.

Bis sie in den kleinen Salon zurückkehrten, um den Kaffee dort zu nehmen, war Caroline regelrecht erschöpft. Auch konnte sie sehen, dass Albertos Kraft rapide nachließ. Giancarlo dagegen wirkte noch immer so kühl wie bei seiner Ankunft.

„Wie lange bleibst du, mein Junge? Du solltest auf den See hinausfahren, das Wetter bietet sich dafür an. Du bist doch immer gern gesegelt. Obwohl … das Segelboot ist natürlich nicht mehr da. Weshalb hätte ich es auch behalten sollen, nicht wahr, nachdem …“ Abrupt brach Alberto ab.

„Nachdem was, Vater?“

„Ich denke, es ist Zeit für dich, zu Bett zu gehen, Alberto“, mischte Caroline sich ein. Sie spürte, dass das Gespräch in eine gefährliche Richtung schwenkte. „Der Arzt hat gesagt, dass du dich nicht überanstrengen darfst. Ich sage Tessa Bescheid, damit sie dich holt.“

„Nachdem du und deine Mutter gegangen waren.“

„Ah, du erkennst also an, dass du einmal eine Ehefrau gehabt hast. Man hätte meinen können, du hättest sie komplett aus deiner Erinnerung gestrichen.“ Bisher war Adriana mit keinem Wort erwähnt worden. Beide Männer hatten die Vergangenheit vorsichtig umrundet, so als hätte sie nie existiert, und Alberto hatte sich von seiner besten Seite gezeigt. Jetzt wartete Giancarlo darauf, dass seine wahre Natur zum Vorschein kommen würde – der eiskalte, unnachgiebige Mann, der nie vor einem Streit zurückgescheut war.

„So etwas habe ich nie getan, mein Sohn.“

Albertos leise Erwiderung überraschte Giancarlo, und Caroline mischte sich hastig wieder ein.

„Zeit, zu Bett zu gehen, Alberto.“ Sie stand auf und sah Giancarlo vorwurfsvoll an. „Ich lasse nicht zu, dass Sie Ihren Vater aufregen.“ Es stimmte, Alberto war die Erschöpfung anzusehen. „Er war sehr krank, und dieses Gespräch führt zu nichts.“

„Übertreib nicht, Caroline.“ Doch Alberto tupfte sich immer wieder mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Sie …“, sie richtete einen drohenden Zeigefinger auf Giancarlo, „… bleiben genau da sitzen, während ich Tessa hole. Und danach habe ich Ihnen einiges zu sagen.“

„Der Junge will über seine Vergangenheit reden, Caroline. Deshalb ist er hier.“

Caroline schnaubte verächtlich, ohne Giancarlo aus den Augen zu lassen. Wenn Alberto wüsste!

„Ich gehe jetzt Tessa Bescheid sagen“, wandte sie sich an ihren Arbeitgeber, „und morgen wird deine Routine wieder strikt eingehalten. Dein Sohn bleibt einige Tage hier, ihr habt also genug Zeit, um in Erinnerungen zu schwelgen.“

„Einige Tage?“

Beide Männer stießen die Worte gleichzeitig aus, Giancarlo entrüstet, Alberto mit vorsichtiger Hoffnung. Caroline entschied sich, Giancarlo das bestätigende Nicken zukommen zu lassen.

„Vielleicht sogar eine ganze Woche“, zischelte sie ihm zu. Wenn sie schon Ärger provozierte, dann sollte es sich wenigstens lohnen. „Hatten Sie das nicht gesagt?“ Sie konnte selbst kaum fassen, was sie hier von sich gab. Sie hasste Konfrontationen! „Alberto, du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen, wie du deinen Sohn unterhalten musst, denn morgen fahren wir beide zusammen auf den See hinaus.“

„Wir beide gehen segeln?!“

„Richtig, wir beide zusammen. Und wir plaudern ein wenig.“ Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass Giancarlo jetzt nicht zu lautstarkem Protest gegen die Tageseinteilung, die sie so resolut bestimmte, anheben würde. Einen Streit würde Alberto nach diesem grässlichen Abend nicht mehr verkraften.

„Hast du nicht immer gesagt, dass du nicht segeln kannst, Caroline?“, wandte Alberto murmelnd ein.

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe von knapp einem Meter fünfundsechzig auf. „Ich freue mich schon darauf, es zu lernen.“

„Du hast auch gesagt, dass du auf dem offenen Wasser Angst bekommst.“

„Ängste überwindet man, indem man sich ihnen stellt“, behauptete sie großspurig und floh aus dem Zimmer, bevor Alberto sie noch weiter in Bedrängnis bringen konnte.

Auf dem Weg zu Tessa stellte sie sich das drückende Schweigen vor, das nun in dem Salon herrschen musste – im besten Falle. Allerdings war es auch möglich, dass die beiden alte Erinnerungen aufwühlten, was nur in einem hitzigen Streitgespräch enden konnte. Und das würde Alberto in seinem geschwächten Zustand nicht guttun. Der Gedanke ließ sie losspurten, um so schnell wie möglich zu Tessa zu gelangen.

Zehn Minuten später kehrte sie atemlos in den Salon zurück, nur um festzustellen, dass Giancarlo verschwunden war.

„Der Junge hat noch zu arbeiten“, eröffnete Alberto ihr.

„Um diese Zeit?“

„Als junger Mann habe ich auch zu jeder Tages- und Nachtzeit gearbeitet. Das hat der Junge von mir, wobei sich darüber streiten lässt, ob das unbedingt so gut ist. Man muss wissen, wann man aufhören soll. Der Junge sieht gut aus, findest du nicht?“

„Sicher, wenn man diesen Typ mag“, antwortete sie vage. Sie war erleichtert über die Unterbrechung, als Tessa ins Zimmer kam. Alberto nahm grundsätzlich kein Blatt vor den Mund, und sie hatte nicht vor, mit ihm zu besprechen, was sie über seinen Sohn dachte.

„Und clever ist er.“

Sie fragte sich, wie er jemanden so übertrieben loben konnte, der sich nicht bemühte, ihm auch nur einen Schritt entgegenzukommen. Also gab sie nur einen unverständlichen Laut von sich und hielt das Stirnrunzeln zurück.

„Er hat gesagt, dass ihr euch morgen früh um neun bei seinem Wagen trefft“, fuhr Alberto fort, um dann Tessa anzumurren, dass sie ihn gefälligst nicht wie ein Kind behandeln solle. „Ich glaube, das Segeln wird ihm guttun. Er wirkt ziemlich angespannt. Aber unter den Umständen ist das auch verständlich. Also mach dir um mich keine Gedanken, Liebes, ich werde morgen erst einmal so richtig ausschlafen, und dann kann der Drachen“, damit meinte er Tessa, „den Gesundheitsspaziergang mit mir machen.“

Hinter Albertos Rücken blinzelte die Krankenschwester Caroline fröhlich zu und half dem alten Mann beim Aufstehen. „Wenn man ihn so hört, glaubt man kaum, was für ein lieber Kerl er eigentlich ist.“

Nun, nachdem Caroline den „Plausch“ mit Giancarlo angeordnet hatte, wurde ihr klar, dass das wirklich das Letzte war, was sie tun wollte. Ihre Courage schrumpfte rapide. Ihr grauste schon jetzt davor, den morgigen Vormittag mit ihm zu verbringen. Würde er sie überhaupt anhören? Noch hatte er Alberto den wahren Grund für sein Kommen nicht genannt, aber das würde er morgen sicherlich tun. So wie er auch verkünden würde, dass sein Besuch nicht länger als achtundvierzig Stunden dauerte.

Giancarlo würde sich zu nichts überreden lassen, und die letzten Stunden hatten deutlich gezeigt, dass Frieden schließen nicht auf seiner Agenda stand.

Caroline verbrachte eine unruhige Nacht. Als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug, dauerte es einige Sekunden, bevor ihr klar wurde, dass die Routine dahin war. Nein, sie würde nicht gemütlich mit Alberto frühstücken und dann mit ihm spazieren gehen. Sie würde auch nicht nach einem leichten Lunch die Sammlung der Erstausgaben in seiner Bücherei katalogisieren, damit er dann später entscheiden konnte, welche der wertvollen Bücher und Manuskripte er behalten und welche er der hiesigen Bibliothek überlassen wollte.

Schnell machte sie sich fertig, schlüpfte in Hose, T-Shirt und Turnschuhe. Natürlich gehörte auch die obligatorische Strickjacke zu ihrer Ausstattung. Und sie flocht sich das Haar zu einem praktischen Zopf.

Für Frühstück blieb keine Zeit mehr, also ging sie direkt nach draußen. Die Morgensonne strahlte von einem wolkenlos blauen Himmel herab und kündigte einen weiteren herrlichen Tag an. Giancarlo wartete bereits bei seinem Wagen, er trug eine Sonnenbrille und telefonierte auf seinem Handy. Sekundenlang stand Caroline einfach da und starrte ihn an, ihr Herz klopfte heftig. Er sah wirklich sündhaft gut aus.

Er erblickte sie und beendete sein Telefonat, lehnte sich dann lässig an den Wagen und sah ihr entgegen.

„So“, meinte er, als sie bei ihm ankam, „da mache ich also eine ganze Woche Urlaub hier?“ Er nahm die Sonnenbrille ab und taxierte Caroline, die bis in die Haarspitzen errötete.

„Nun … äh …“

„Vielleicht könnten Sie mich ja wissen lassen, wie der Plan aussieht, den Sie für mich aufgestellt haben.“

„Und Sie könnten wenigstens grüßen, bevor Sie sich auf mich stürzen.“

Er hielt die Tür für sie auf, damit sie einsteigen konnte. „Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich zwei Tage für meinen Aufenthalt angesetzt. Erklären Sie mir doch, wie Sie von zwei Tagen zu einer Woche kommen.“ Er schlug die Tür zu und lehnte sich zum offenen Fenster hinein.

Er war ihr viel zu nah. Caroline hatte plötzlich Mühe zu atmen. „Ich weiß“, hauchte sie. Er machte keinerlei Anstalten, sich zurückzuziehen und ihr mehr Platz zu lassen. „Aber Sie haben mich wütend gemacht.“

„Ich habe Sie wütend gemacht?“, wiederholte er ungläubig.

Caroline nickte stumm und starrte trotzig geradeaus, auch wenn sie sich bewusst war, dass sein Blick sich in ihr Profil bohrte. Als er dann endlich um den Wagen herumging und auf den Fahrersitz glitt, ließ sie erleichtert die Schultern sacken.

„Wie, glauben Sie, fühle ich mich, dass Sie mich mit dem Rücken so gegen die Wand gedrückt haben?“, fragte er.

„Das hatten Sie verdient!“

„Sie haben wirklich Nerven.“ Kies spritzte auf, als er mit durchdrehenden Reifen anfuhr. „Ich bin nicht hier, um Urlaub zu machen.“

„Das ist mir klar. Das haben Sie gestern Abend sehr deutlich werden lassen.“

„Ich hatte Ihnen mein Wort gegeben, dass ich am ersten Tag nicht von Geld spreche. Ich habe mein Wort gehalten.“

„Nur haben Sie sich auch nicht die geringste Mühe gegeben, um einen Draht zu Alberto zu finden. Sie haben einfach nur dagesessen und abfällig den Mund verzogen. Na schön, vielleicht war meine Andeutung, dass Sie länger bleiben als geplant, unnötig …“

„Sie sind eine Meisterin der Untertreibung.“

„… aber als Sie Ihre Mutter erwähnten, sah ich schon den Streit, der sich anbahnte. Ich wollte ablenken und habe das Erste gesagt, was mir in den Kopf schoss. Hören Sie, es tut mir leid, Sie können sich wahrscheinlich gar keine Woche freinehmen. Ich werde Alberto sagen, dass ich das falsch verstanden habe. Aber ich musste einfach etwas tun, um die Atmosphäre zu entspannen.“

„Sie hätten erst nachdenken sollen, bevor Sie den Mund so weit aufreißen. Ich nehme an, dass das ‚Plaudern‘ damit erledigt ist?“

„Es war ein bizarrer Abend. Alberto hat sich wirklich bemüht. Er hat sogar verstanden, dass Sie noch arbeiten mussten. So als hätte er nichts dagegen, dass sein Sohn nach Jahren zum ersten Mal wieder zu Besuch kommt, kaum etwas zum Gespräch beiträgt und dann auch noch verschwindet, um zu arbeiten.“

Giancarlos Gewissen meldete sich. Der Abend war ganz anders verlaufen, als er sich vorgestellt hatte. Inzwischen war er nicht einmal mehr sicher, was genau er erwartet hatte. Er wusste nur, dass der Mann, den er gestern Abend nach Jahren wiedergesehen hatte, nicht mit dem Bild zu vereinbaren war, das dank Adrianas bitterer Klagen in seinem Kopf lebte. Mit dem Bild, das es ihm so leicht gemacht hatte, den Mann zu verachten.

Zum einen stand fest, dass es um Albertos Gesundheit tatsächlich so schlimm bestellt war, wie Caroline behauptet hatte. Zum anderen hatte es ihn überrascht, dass in dem steifen Gespräch nichts von der Boshaftigkeit und Verbitterung über die Vergangenheit und eine miserable Ehe zu spüren gewesen war, wie er es jahrelang von seiner Mutter gewohnt gewesen war. Zwar hatte er sich zurückgezogen, um zu arbeiten, doch dazu war er gar nicht gekommen. Stattdessen hatte er versucht, die gänzlich unterschiedlichen Informationen irgendwie zu ordnen.

Und mit jeder Minute, die verging, schien ihm die Gegend hier immer vertrauter. „Vielleicht …“, er betrachtete die vorbeiziehende Landschaft, „… sind ein paar Tage mal etwas anderes als Mailand gar keine so schlechte Idee.“ Und sobald er es aussprach, wusste er, dass es die richtige Entscheidung war.

„Wie bitte?“

„Ich würde es nicht unbedingt Urlaub nennen, aber ein Tapetenwechsel kann nicht schaden.“ Er sah zu Caroline. Der Fahrtwind hatte ihren Zopf schon jetzt auseinandergezupft. Wenn sie sich die Strähnen immer wieder zurückstrich, so kämpfte sie einen aussichtslosen Kampf.

„Vermutlich machen Sie nie Urlaub, oder?“ Vielleicht würden ein paar Tage mit Alberto in der Villa seine Sichtweise ja ändern, vielleicht sah er dann nicht mehr alles nur schwarz oder weiß.

„Zeit ist Geld.“

„Mag sein, aber zum Leben gehört mehr als Geld.“

„Stimmt. Leider braucht man häufig Geld, um sich diese anderen Dinge leisten zu können.“

„Wieso haben Sie sich plötzlich doch entschieden zu bleiben? Noch vor Minuten waren Sie wütend auf mich, weil ich Sie in eine unmögliche Situation gebracht habe.“

„Das haben Sie allerdings. Nur bin ich ein Mann, der sich einer Situation schnell anpassen kann. Dann bleibe ich eben ein paar Tage länger als geplant. Das wird sich als Vorteil für meinen Plan erweisen. Ich muss zugeben, mein Vater ist nicht der Mann, den ich zu treffen erwartet hatte. Ich hatte angenommen, das mit seiner angeschlagenen Gesundheit wäre übertrieben gewesen. Doch jetzt konnte ich mich mit eigenen Augen davon überzeugen. Es liegt wohl an seiner Gebrechlichkeit, dass er so friedlich ist. Und ich bin kein Monster. Ich wollte ihn offen auf seine finanzielle Lage ansprechen, doch wie es aussieht, werde ich das Thema wohl behutsamer angehen.“

Die Landschaft raste vorbei, die Sonne schien, vor ihnen lag der schimmernde blaue See, und zum ersten Mal seit Jahren empfand Giancarlo ein berauschendes Gefühl von Freiheit. „Außerdem war ich schon lange nicht mehr in diesem Teil der Welt.“

Er bog von der Hauptstraße ab und folgte den Schildern zur Anlegestelle des Bootsverleihs. Das glitzernde Wasser kam immer näher, und Caroline vergaß all ihre Bedenken über Giancarlos Vorhaben, vergaß, dass Alberto seinem Sohn ausgeliefert war, der nur auf Rache sann.

„Ich glaube, ich kann das nicht“, murmelte sie, als der Wagen abbremste.

Giancarlo stellte den Motor ab und drehte sich im Sitz zu ihr hin. „War dieser Segeltörn nicht Ihre Idee?“

„Es sollte Ihr Segeltörn werden.“ Touristen flanierten über den Kai, auf dem Wasser wiegten sich die vor Anker liegenden Boote sacht auf den Wellen. Draußen auf dem See drehten bereits einige größere Boote ihre Segel in den Wind. Die konnten jeden Moment sinken, und was würde dann aus den glücklich lachenden Menschen werden …? Caroline fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen.

„Sie sind ja weiß wie ein Laken. Haben Sie etwa wirklich Angst vor Wasser?“

„Vor dem offenen Wasser. Da kann alles Mögliche passieren, vor allem mit einer so winzigen Nussschale.“

„Es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Die Fahrt auf der Straße hierher war wahrscheinlich riskanter als die Fahrt da draußen auf dem Wasser.“ Giancarlo stieg aus und kam um den Wagen herum, um die Beifahrertür aufzuziehen.

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