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Traummänner & Traumziele: Bahamas

Tina Wainscott, Margaret Allison, Anne Mather, Brenda Jackson

Traummänner & Traumziele: Bahamas

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1. KAPITEL

Lucy Donovan blieb vor dem ausgeblichenen Schild stehen und setzte ihre Reisetasche ab. Sonny’s Ozeanpark - Besuchen Sie Randy, den Delfin! stand darauf. Sie holte tief Luft und starrte auf das erste Wort. Sonny war nicht mehr hier. Ihr Vater war gestorben und hatte seiner Tochter diesen Park, besser gesagt diesen Meereszoo in Nassau hinterlassen. Sie kam sich albern vor, als sie merkte, dass ihr Tränen in die Augen traten, weil sie den Verlust so schmerzlich empfand. Schließlich hatte sie Sonny kaum gekannt.

Ihre Mutter hatte ihren geschiedenen Mann für einen Nichtsnutz gehalten. In Lucys Augen war er eher ein Freigeist und Idealist gewesen. Obwohl ihr Leben die sittlichen Werte ihrer Mutter widerspiegelte, floss in Lucy das Blut dieses großen Abenteurers, als den sie ihn sich immer vorgestellt hatte.

Sie wischte sich über die Augen und ging weiter. An der Kasse, der ein Souvenirladen angeschlossen war, saß ein junger Mann. Er nickte ihr zu, als sie näher trat.

“Hallo, ich bin Lucy Donovan, Sonnys Tochter. Ich soll hier einen gewissen Bailey treffen.”

Er lächelte sie freudig und gleichzeitig erleichtert an. “Oh, wir sind heilfroh, Sie zu sehen, Lucy. Herzlich willkommen. Ich bin Bill. Bailey ist im Büro dort drüben.”

“Danke, Bill.”

Sie blieb am Eingang stehen und konnte noch immer nicht glauben, dass dieser Park direkt am Meer jetzt ihr gehörte. Zu ihrer Linken glitzerten mehrere Becken mit Meerestieren in der Sonne. Um einen davon scharte sich neugierig eine Gruppe von Touristen. Ein Schild wies zu den Aquarien, die in einem größeren Gebäude untergebracht waren.

Lucy ging zum Büro, in dem ein dünner Farbiger hinter einem Schreibtisch stand und lautstark telefonierte. Er nahm einen Brief in die Hand. “Aber das muss ein Fehler sein, Mann. Ja, ich seh die Unterschrift, aber … Also kann ich ihn nicht mal erschießen? Okay, okay. Nein, ich werd ihn nicht erschießen, ich versprech’s.” Seine Art zu reden ließ Lucy lächeln. Er knallte verärgert den Hörer auf die Gabel.

Sie kam näher und reichte ihm die Hand. “Sie müssen Bailey sein. Ich bin Lucy Donovan, Sonnys …”

Er ergriff ihre Hand und schüttelte sie. “Ah, Miss Lucy! Ja, man sieht, dass Sie Sonnys Tochter sind. Die gleichen braunen Augen und Haare, sogar die gleiche Haarlänge.” Automatisch berührte sie ihr schulterlanges Haar, doch er fuhr schon fort: “Ich bin so froh, dass Sie da sind. Wir haben ein Riesenproblem. Der Mann da draußen klaut uns den großen Fisch. Ein böser Mann ist das. Niemand wird mehr hier in den Park kommen, wenn es keinen großen Fisch mehr gibt. Und ohne Leute haben wir kein Geld, ohne Geld keinen Park, ohne Park keinen Job, ohne Job kein Essen. Ich muss fünf Kinder versorgen und drei Ziegen.” Er holte tief Luft. “Miss Lucy, Sie müssen den Mann rauswerfen.”

Sie war mit der Absicht hierhergekommen, die Wohnung ihres Vaters aufzulösen und zu entscheiden, was mit dem Park, der jetzt ihr gehörte, geschehen sollte. Einen bösen Mann zu vertreiben stand nicht auf ihrer Liste mit den zu erledigenden Dingen. “Sie sagten, der Mann stiehlt etwas?”

“Ja, unsere Hauptattraktion – Randy. Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen.” Schon kam er hinter dem Schreibtisch hervor und marschierte aus dem Büro.

“Warten Sie”, sagte sie, während sie ihm folgte, doch er ging einfach weiter. “Wie kann jemand einen Fisch stehlen?”

Sie folgte ihm durch die Ansammlung von Menschen. Über Fisch wusste sie nur, dass er frisch und gut durchgebraten sein musste. Dieses Wissen würde ihr wohl nicht viel helfen, aber sie wusste etwas über Firmenhierarchien.

Sie zog ihre Leinenjacke zurecht, stellte sich ihm in den Weg und kehrte die Chefin heraus. “Arbeitet sonst noch jemand hier?”

“Nein, nur ich, Bill und Big Sonny, Gott hab ihn selig.”

Die Touristen um sie herum brummten missmutig. “Hey, wir haben dafür bezahlt, eine Delfinshow zu sehen”, beschwerte sich ein Mann. “Dieser Typ da im Becken sagt, wir dürfen nicht näher an ihn herangehen. Was soll das?”

“Ja, ich will mein Geld zurück”, warf ein anderer ein.

“Ich auch! Ich wusste doch, dass man hier überall übers Ohr gehauen wird.”

“Nein! Hier doch nicht”, wandte sich Bailey beschwichtigend an die Menge. “Wir arbeiten an diesem Problem, ehrlich. Gehen Sie doch solange zu den Aquarien dort drüben, und wir bereiten die große Show vor. Nun gehen Sie schon”, fügte er hinzu und versuchte, mit hektischen Armbewegungen die aufgebrachten Menschen zu verscheuchen.

Sie zogen sich lediglich ein paar Schritte zurück. Anscheinend hofften sie auf eine noch größere Show. Der Gedanke, dass jemand die größte Attraktion des Parks stehlen wollte, machte Lucy wütend. Was fiel dem Mann ein? Sie schob sich die Ärmel hoch und trat an den niedrigen Zaun, der die verschiedenen Becken umgab.

Der Mann, der in brusthohem Wasser auf einer Plattform stand, kümmerte sich einzig um das große Tier, das den Pool durchschwamm. Er war ungefähr Anfang dreißig und hatte lockiges blondes Haar, das ihm bis zu den kräftigen gebräunten Schultern reichte. Er besaß den perfekten Körper eines Athleten, und Lucy verspürte ein prickelndes Gefühl. Dieser Mann war selbst eine Attraktion!

Bailey stieß sie an, und sie blinzelte. Verflixt, sie sollte den Mann hinauswerfen, statt ihn bewundernd anzustarren. “Entschuldigen Sie!”, rief sie und beugte sich über den Zaun. “Hallo, Sie dort im Pool.”

Der Mann holte einen Fisch aus einem Eimer. Das große Tier kam näher und hob den Kopf aus dem Wasser. Oh, es war ein Delfin wie Flipper! Er schnellte empor, schnappte sich den Fisch in der Luft und landete wieder anmutig im Wasser. Die Menge applaudierte, aber der Mann schaute nicht einmal hin.

“Entschuldigen Sie!”, rief sie, dieses Mal etwas lauter. “Bitte kommen Sie aus dem Pool, damit wir etwas besprechen können.”

Jetzt sah er zu ihr herüber und sein Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an. Doch im nächsten Moment hatte er sich wieder dem Delfin zugewandt.

Empört stieg sie über den Zaun. Niemand ignorierte Lucy Donovan. Als Chefin einer Werbeagentur hatte sie es gelernt, sich Autorität zu verschaffen. Und wenn sie sich von seinem guten Aussehen nicht ablenken ließ, würde sie schon dafür sorgen, dass er sie nicht länger wie Luft behandelte.

Sie stemmte die Hände in die Hüften und herrschte ihn an: “Raus aus dem Pool jetzt, Mister.”

“Lady, passen Sie auf, sonst landen Sie noch im Wasser. Einige der Fliesen sind lose.”

“Sparen Sie sich Ihren Hinweis. Wer sind Sie, und welches Recht haben Sie, in diesem Pool zu sein? Dies hier ist Privateigentum.” Jawohl, ihr Privateigentum.

Der Delfin hob den Kopf aus dem Wasser und schnappte sich noch einen Fisch. Wütend ging Lucy näher an den Pool heran. “Ich möchte sofort eine Antwort, sonst rufe ich die Polizei.”

“Ich habe ihm dort drüben bereits alles erklärt”, sagte der Mann und deutete vage in Baileys Richtung, ohne den Blick von dem Delfin zu wenden.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. “Da ich die Besitzerin bin, wäre es vielleicht gut, wenn Sie es mir erklären würden.”

Er musterte sie gleichgültig. “Sie sind die Besitzerin?”

“Ja. Und ich möchte wissen, warum Sie meinen Fisch belästigen.”

Jetzt hatte sie endlich seine Aufmerksamkeit erregt, denn er stieg von der Plattform und kam mit kräftigen Stößen zu ihr herübergeschwommen. Lucy machte sich bereits auf einen Streit gefasst. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung schwang er sich aus dem Pool, stellte sich vor sie hin und sah sie an. Besser gesagt, sah auf sie herab. Wassertropfen perlten über seine mit goldenen Härchen überzogene Brust. Er trug eine von diesen knappen, engen Badehosen, die nicht mehr viel der Fantasie überließen, und Lucy musste sich ermahnen, nicht allzu deutlich hinzuschauen. Um seinen Hals trug er eine Kette mit einem Haifischzahn. Sie sah ihm mutig in die Augen und weigerte sich, sich von seiner Größe oder seinem Blick einschüchtern zu lassen.

“Erstens ist das kein Fisch”, belehrte er sie. “Er ist ein Säuger wie Sie und ich, nur nicht so egoistisch, gierig und grausam wie die Menschen. Dieser Delfin hat in Chlorwasser gelebt, das seine Haut gebleicht und seine Augen entzündet hat. Delfine sind dazu geboren, dort draußen zu schwimmen.” Er deutete auf den offenen Ozean. “Nicht in solch einem kleinen Schwimmbecken. Seine Schnauze ist wund, weil er damit immer gegen die Seitenwände prallt. Dieses gesellige Wesen hat seit sechs Jahren allein gelebt. Seine einzige Gesellschaft war ein Typ, der ihn dazu brachte, Kunststücke für ein paar Leute zu absolvieren, die es toll finden, einen Delfin zu sehen, der für sein Essen aus dem Wasser hüpft. Essen, das bis heute aus gefrorenen Meeräschen bestand. Das ist so, als würden wir gefrorenes Hundefutter essen müssen.”

Er kam ihr näher, bedrohlich nahe. “Sie haben diesem Delfin alles genommen, was ihn zu einem Delfin macht. Seine Artgenossen und damit all die Hierarchien und sozialen Aktivitäten einer Herde, die Aufregung der Jagd, das Gefühl des offenen, endlosen Meeres, den Spaß am Leben und letztendlich auch seine Seele. Er wäre in diesem Pool verendet, und Sie wären dafür verantwortlich gewesen. Ich bin Chris Maddox, Gründer der Gesellschaft zur Befreiung von Delfinen, und ich bin von der Regierung ermächtigt worden, diesen Delfin wieder in seinen natürlichen Lebensraum zurückzuführen.”

Er tippte ihr auf die Schulter und löste damit einen kleinen Schauer bei ihr aus. “Ich werde nirgends ohne diesen Delfin hingehen. Verstanden?”

Unwillkürlich trat sie einen Schritt von ihm zurück. Im gleichen Moment gab die Fliese unter ihr nach und sie verlor das Gleichgewicht. Mit einem Aufschrei versuchte sie noch, sich an Chris festzuhalten, doch es war zu spät. Ihn mit sich ziehend, fielen sie beide in den Pool.

Keuchend kam sie an die Wasseroberfläche und klammerte sich an den Beckenrand. Chris tauchte eine Sekunde später neben ihr hoch. Und der Delfin schwamm direkt auf sie zu.

Voller Panik riss sie die Augen auf. “Machen Sie, dass er von mir weggeht!”, rief sie.

Doch Chris lachte nur. Auch die Zuschauer lachten und klatschten Beifall. Selbst der Delfin sah so aus, als grinste er.

“Das ist nicht lustig”, sagte sie wütend und strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. “Halten Sie den Fisch von mir fern.”

“Er ist kein Fisch, er ist ein Delfin”, korrigierte Chris sie, noch immer lachend.

“Meinetwegen, dann halten Sie den Delfin von mir fern, bis ich hier raus bin.”

Ihre nasse Leinenhose hing wie ein schweres Gewicht an ihr, als sie sich am Rand hochziehen wollte.

“Brauchen Sie Hilfe?”

“Nein, geht schon.”

Lucy streifte sich die teuren, aber leider ruinierten Pumps ab und warf sie auf die Fliesen. Dann stemmte sie sich hoch und versuchte erneut, aus dem Becken zu kommen.

“Ich helfe Ihnen”, sagte Chris hinter ihr.

“Ich schaffe das …”

Bevor sie den Satz beenden konnte, legte er ihr die Hände auf den Po und hob sie mühelos aus dem Wasser. Sie war so überrascht, dass sie fast vergaß, ihren Teil zu leisten, nämlich auf die Füße zu kommen und ihr Gleichgewicht zu halten.

“Soll ich mich jetzt für Ihre Hilfsbereitschaft bedanken oder beschweren, dass Sie mich betatscht haben?”, meinte sie leicht irritiert, weil sie noch immer den Abdruck seiner Hände auf ihrem Po spüren konnte.

Er lächelte amüsiert, während er hinter ihr problemlos aus dem Pool stieg. “Mir war es ein Vergnügen.”

Über so viel Frechheit verdrehte sie nur die Augen, und als sie zu den Touristen blickte, die den Vorfall mit Interesse beobachtet hatten, erkannte sie, dass sie zur Attraktion in ihrem eigenen Park geworden war. Schnell lief sie zu Bailey hinüber und raunte ihm zu: “Bitte sorgen Sie dafür, dass die Leute hier weggehen.”

“Ja, Miss Lucy, sofort. Aber lassen Sie den Kerl nicht mit dem Fisch entkommen. Denken Sie an meine sechs Kinder, die zu Hause verhungern.”

“Sagten Sie nicht fünf?”

Er verzog das Gesicht. “Hab ich das? Dann habe ich wohl die Ziege mitgezählt.”

“Sie sagten, Sie hätten drei Ziegen.”

Er schwieg eine Sekunde und lächelte dann entwaffnend. “Zwei sind nur zu Besuch.”

Kopfschüttelnd drehte sie sich zu Chris um, der die Szene aufmerksam verfolgt hatte. “Können wir ins Büro gehen und das Ganze wie zwei vernünftige Geschäftsleute besprechen?”, fragte sie ihn und bemühte sich, nicht auf seine Beine zu starren, an denen noch immer das Wasser hinunterlief.

“Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten, Miss Lucy”, hier imitierte er Baileys Akzent, “ich bin kein Geschäftsmann, und die Sache ist nicht verhandelbar. Ich habe Ihrem Angestellten den Brief gegeben, der belegt, dass der Delfin jetzt mir gehört. Damit ist alles geklärt.” Mit einer geschmeidigen Bewegung glitt er wieder ins Wasser.

Vorsichtig trat sie an den Beckenrand, wobei sie diesmal auf die Fliesen achtete. “Was Sie über den Delfin gesagt haben, über das Chlor und seine Schnauze …”

“Was Sie diesem Delfin antun, ist grausam. Liberty – oder Randy, wie Sie ihn nennen – ist nicht auf dieser Welt, um uns zu unterhalten. Delfine sind wahrscheinlich klüger, als wir es sind. Wie würde es Ihnen gefallen, auf so beengtem Raum zu leben, mit billigem Fisch gefüttert zu werden und sich dazu erniedrigen zu lassen, Kunststücke zu vollführen, um überhaupt etwas zu essen zu bekommen? Und wenn Sie nur weiße Wände um sich herum hätten statt der endlosen Vielfalt, die der Ozean bietet?”

Liberty hob den Kopf aus dem Wasser, wie um Chris’ Worte zu unterstreichen. Doch wahrscheinlich war er mehr an dem Fisch interessiert, den dieser in der Hand hielt. Sie zuckte zusammen, als sie jetzt die wunden Stellen an Libertys Schnauze sah. Und Chris glaubte, sie wäre diejenige, die für die Missstände verantwortlich war.

“Ich habe diesem Delfin nichts getan.”

“Sie haben gesagt, Sie wären die Eigentümerin.”

“Ich habe den Park von meinem Vater geerbt, Sonny Boland. Ich wusste vorher gar nicht, dass er ihm gehörte. Die meiste Zeit meines Lebens wusste ich nicht einmal, wo Sonny sich aufhielt.” Warum erzählte sie ihm das alles? Bleib bei den Fakten, Lucy, ermahnte sie sich. “Ich bin gerade erst angekommen, und Bailey hat mir in seiner komischen Art berichtet, dass ein böser Mann versucht, einen großen Fisch zu stehlen.” Als er daraufhin genervt die Augen verdrehte, fügte sie schnell hinzu: “Ja, ich weiß, es ist ein Delfin.”

Chris streckte die Hand nach Liberty aus, doch der Delfin schreckte zurück. Ein weiterer Fisch lockte ihn wieder an, aber diesmal versuchte Chris erst nicht, ihn zu berühren. Er war ganz in seine Arbeit versunken und schien sie völlig vergessen zu haben. Ihr Stolz gebot ihr, jetzt wegzugehen, doch leider gewann ihre Neugier.

“Warum nennen Sie ihn Liberty?” Sie schaute auf ein Schild. “Er heißt Randy.”

“Wenn man Delfine menschliche Namen gibt, ermutigt das die Leute, sie zu humanisieren, also habe ich ihn auf Liberty umgetauft.”

“Was werden Sie mit ihm machen?” Sie hätte sich gern etwas Trockenes angezogen, aber sie wollte nicht eher gehen, bis sie es klargestellt hatte, dass sie kein Bösewicht war, der Delfine quälte. Allerdings wagte sie nicht zu ergründen, warum ihr dies so wichtig war.

“Ich muss ihn dahingehend umtrainieren, dass er lernt, selbst Fische zu fangen, und in der Lage ist, in Freiheit zu leben. Er ist abhängig von den Menschen geworden. Er muss wieder lernen, ein Delfin zu sein.”

Sie schaute Liberty dabei zu, wie er seine Kreise zog, und überlegte, was er wohl dort unten sah: weiße Wände, Chris’ Beine. “Gibt es irgendetwas, was ich tun kann, um Ihnen zu helfen?”

Die Sonne glitzerte in seinen feuchten Locken, als er heftig den Kopf schüttelte. “Lassen Sie mich und Liberty einfach in Ruhe, okay?”

Er hatte ihr nicht für ihr Angebot gedankt. Hatte nicht einmal zu ihr hingesehen. “Ist das Ihr Lebenserwerb? Sie sagten etwas von einer Gesellschaft zur Befreiung von Delfinen.”

“Ich bin die Gesellschaft. Ich reise umher und befreie die Delfine, die in so genannten Vergnügungsparks gefangen gehalten werden.”

“Glauben Sie, dass mein Vater grausam oder einfach nur gedankenlos war?” Überrascht stellte sie fest, dass er sie jetzt ansah. Und noch überraschter war sie über die Wirkung, die sein Blick auf sie hatte.

“Ich habe ihn nur einmal getroffen. Das war, als ich kam, um einer Beschwerde wegen Misshandlung nachzugehen. Er war wahrscheinlich ein wenig von beidem. Liberty braucht am Tag fünfzehn Pfund Fisch, also hat Sonny billige Ware gekauft. Statt frisches Meerwasser in den Pool zu filtern oder zumindest für Salzwasser zu sorgen, hat er einfaches Leitungswasser genommen und Chlor und Kupfersulfid hineingetan. Ihr Vater wollte die Profite maximieren, und Liberty hat dafür bezahlen müssen. Jetzt pumpe ich Meerwasser ein und hoffe, dass der Delfin seine Augen bald wieder ganz öffnen kann.”

“Beißt er? Ich meine, war ich in Gefahr, als ich reingefallen bin?”

Er verzog amüsiert den Mund, und sie nahm an, dass er ein umwerfendes Lächeln besaß, wenn er es je einsetzen sollte. Wahrscheinlich machte er sich jetzt über sie lustig.

“Das Einzige, was in Gefahr war, war Ihre Würde. Delfine sind ziemlich zahm in Gefangenschaft.” Er warf Liberty den letzten Fisch aus dem Eimer zu. “Würden Sie nicht auch den Mut verlieren, wenn man Sie gefangen hielte?”

Sie dachte über seine Frage nach, während sie Liberty beobachtete, der geduldig darauf wartete, noch mehr Fisch zu bekommen. “Vermutlich”, antwortete sie schließlich. “Delfine sind Ihr Leben, nicht wahr?”

“Ja.” Er stieg aus dem Pool und holte ein Handtuch aus seiner Tasche. “Wie lange wollen Sie bleiben?”

“Eine Woche. Mehr Zeit habe ich nicht.”

Er nickte zufrieden, und ihr wurde klar, dass er nur wissen wollte, wie lange er sich mit ihr abplagen musste. Während er sich abtrocknete, glitt sein Blick an ihren nassen, eng anliegenden Sachen hinab. Sie war sich nicht sicher, ob sie es sich einbildete, aber es schien so etwas wie Anerkennung darin zu liegen. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, reichte er ihr sein Handtuch.

Sie hob das nasse Frotteetuch mit den Fingerspitzen an. “Ihre Ritterlichkeit ehrt Sie, aber ich fürchte, das nützt jetzt auch nichts mehr.” Pikiert gab sie ihm das Frotteetuch zurück.

Er zuckte lediglich mit den Schultern, holte jetzt Shorts und ein T-Shirt aus seiner Tasche und stopfte das Handtuch wieder hinein. Nachdem er in die Shorts geschlüpft war, zog er sich das T-Shirt über den Kopf, wobei sich die Muskeln seiner Arme auf so faszinierende Weise bewegten, dass sie wie gebannt darauf starrte. Als sie wieder hochsah, begegnete sie seinem Blick, und plötzlich war da das Lächeln, das sie sich vorgestellt hatte. Ja, es war wirklich umwerfend. “Bis dann”, sagte er und ging.

Wie ein Dummkopf stand sie da und sah ihm nach. Er marschierte durch das Tor und bestieg ein Moped, ohne sich noch einmal nach ihr umzuschauen, während sie die Augen nicht von ihm lösen konnte.

Und warum ärgerte sie sich jetzt? Weil er ihr deutlich gemacht hatte, dass er sie nicht in seiner Nähe haben wollte. Oh ja, Lucy Donovan merkte es sofort, wenn sie unerwünscht war, deshalb hatte sie auch nicht an ihrer Ehe festgehalten. Und sie würde sich ganz sicher nicht Chris Maddox aufdrängen.

Irgendwie hatte sie jedoch das Gefühl, dass mehr hinter seinem unhöflichen Verhalten steckte. Chris Maddox wollte generell keine Menschen um sich haben. Die Frage war nur, warum.

2. KAPITEL

Fünfzehn Minuten später kam Chris bei der Caribe Plantation, dem Anwesen der Eastors an. Er war glücklich, dass die Familie nicht da war, und noch glücklicher, dass sie ihm ihr Grundstück mit der Privatlagune für seine Zwecke zur Verfügung gestellt hatten. Die üppige Vegetation beeindruckte ihn wenig; wichtig war allein die Lagune mit dem azurblauen Wasser, wo Liberty lernen würde, wieder wie ein richtiger Delfin zu leben. Auch die imposante Villa im Kolonialstil würdigte er keines Blickes, als er zu der kleinen Hütte ging, die auf Pfählen im Wasser stand und als Anlegestelle für Boote diente. Dort wohnte er momentan.

Während der Fahrt hierher hatte er ununterbrochen an Lucy Donovan denken müssen. Lucy mit ihrem braunen Haar, das in nassen Locken ihr apartes Gesicht umrahmt hatte. Beim Gedanken an ihre panische Angst, als sie in das Becken gefallen war, musste er lächeln. Doch dann wurde er wieder ernst. Lucy war aufrichtig betroffen gewesen, als er sie wegen der Nachlässigkeit ihres Vaters beschuldigt hatte. Er wusste, dass sie nichts mit Libertys Leiden zu tun hatte, doch er hatte sie nur ärgern und damit loswerden wollen.

Das Letzte, was er brauchte, war eine Frau in seiner Nähe. Frauen ließen es nicht zu, dass man sie ignorierte, schon gar nicht eine Frau wie Lucy Donovan. Sie war eine Lady, die Aufmerksamkeit beanspruchte. In ihrem eleganten Hosenanzug und mit dem dezenten Schmuck zeigte sie Klasse. Er hatte keinen Ring an ihrem Finger gesehen, und er würde sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, warum er überhaupt darauf geachtet hatte. Sie war keine Frau für eine kurze Affäre mit einem wie ihm. Außerdem war sie nicht sein Typ.

Warum konnte er dann an nichts anderes denken?

Sogar sein Körper reagierte entsprechend, als er hinter die Hütte ging und sich auszog. Von der Dusche unter freiem Himmel sah man direkt auf den Ozean, und während Chris Shampoo auf sein Haar verteilte, dachte er wieder an Lucy. Was sollte das? Sie war nicht einmal eine ausgesprochene Schönheit. Hübsch, ja, mit ihrem herzförmigen Gesicht, den fein geschwungenen Augenbrauen und den leicht aufgeworfenen Lippen. Volle Brüste waren unter der nassen Bluse zu erkennen gewesen. Und dann dieser Po. Weich und gut geformt, hatte er perfekt in seine Hände gepasst.

Vergiss die Frau und ihren Po, ermahnte er sich und ein bestimmtes Körperteil. Er dachte an die wenigen kurzen Affären, die er mit Frauen von der Insel gehabt hatte. Doch Lucy kam aus der Stadt, und Stadt und Insel passten nicht zueinander.

Eine Möwe zog kreischend über ihm ihre Kreise. Tiere waren seine einzigen Freunde. Er fand es einfacher, sie zu verstehen als die Menschen. Einfacher, mit ihnen zu leben. In seiner Welt war kein Platz für eine Frau. Er würde ohnehin niemals eine Frau finden, die seine Leidenschaft für Delfine teilte. Die ein sicheres Leben für diese Sache aufgeben würde. Eine Frau, die akzeptieren würde, dass sie erst an zweiter Stelle kam.

Es war einfacher, allein zu sein.

Nachdem er geduscht hatte, streckte er sich auf einem Liegestuhl aus. Gleich nach seiner Ankunft heute Morgen war er in den Park gefahren, um an der ersten Phase zu arbeiten: Libertys Vertrauen zu gewinnen. Eigentlich müsste er erschöpft sein und könnte sich eine Pause gönnen, doch genau zwei Minuten später war er wieder auf den Beinen.

Ruhelosigkeit plagte ihn, also ging er hinunter zum Strand und legte in der Lagune Netze aus, um einen Bereich abzutrennen, in dem Liberty später schwimmen konnte. Als es zu dunkel zum Arbeiten wurde, bestieg er sein Moped und fuhr an der Küste entlang zu Barney’s Happy Place, um ein Bier zu trinken. Vielleicht würde das Lucy und ihren reizenden Po aus seinen Gedanken vertreiben.

Lucy riss sich schließlich von Libertys Anblick los, zog sich im Waschraum trockene Sachen an und machte sich dann auf die Suche nach Bailey. Sie fand ihn, als er dabei war, die staubigen Wege mit einem Wasserschlauch abzuspritzen.

“Sie haben den bösen Mann nicht weggescheucht?”, fragte er.

“Nein, und ehrlich gesagt, ich werde es auch nicht.”

Bailey schüttelte den Kopf. “Ich hab gesehen, wie Sie ihn angehimmelt haben. Was für eine Schande! Unsere einzige Chance, und sie verfällt dem bösen Mann!”

“Wovon reden Sie?” Sie hatte höchstens ein oder zwei Mal zu ihm hingeschaut. Und hatte sich nur ein klein wenig von ihm verhexen lassen.

“Jetzt, wo Ihr Dad nicht mehr da ist, wird alles den Bach runtergehen.”

Sie bekam Schuldgefühle, als sie an seine sechs, nein fünf Kinder dachte. “Was hätte denn mein Dad getan?”

“Er hätte den bösen Mann rausgeworfen, der den großen Fisch stehlen will.”

“Es ist kein Fisch.”

“Da! Jetzt reden Sie sogar schon wie dieser Kerl.”

Sie seufzte. “Mein Vater wäre verhaftet worden, wenn er ihn rausgeworfen hätte. Außerdem hat Chris Maddox gesagt, dass er eine schriftliche Genehmigung von der Regierung hat. Stimmt das?”

“Er muss die da oben bestochen haben.”

Irgendwie bezweifelte sie das. “Wie wäre es, wenn Sie mir einmal die Bücher zeigten? Mal sehen, ob mein Vater ein guter Geschäftsmann war.”

Das, was sie wenig später in den Büchern fand, war nicht sehr vielversprechend. Kein Wunder, dass Sonny nur zwei Angestellte hatte. Als sie sich frustriert zurücklehnte, sah sie ein kleines Bild auf einem Regal. Überrascht stellte sie fest, dass ihr eigenes kindliches Gesicht sie von dem Foto anlächelte. Sie schluckte. Sonny hatte sie also doch nicht ganz vergessen gehabt.

“Miss Lucy, ich könnte jetzt gehen. Soll ich Sie noch zu Sonnys Wohnung fahren?”, riss Bailey sie aus ihren Gedanken.

“Ja, gern.”

Kurz darauf setzte Bailey sie vor einem dreistöckigen Mietshaus ab und verabschiedete sich. Sonnys Wohnung in der obersten Etage bestand aus einem Zimmer, in dem es heiß und stickig war. Lucy schaltete die Klimaanlage ein und bedauerte schon, hier abgestiegen zu sein, auch wenn es praktisch war, da sie seine Sachen zusammenpacken wollte.

Als sie gegen halb neun den größten Teil geschafft hatte, ließ sie sich auf das alte verschlissene Sofa fallen und überlegte, was sie mit dem angebrochenen Abend machen sollte. Vielleicht ein wenig frische Luft schnappen? Sie schaute aus dem Fenster und beobachtete die Menschen, die am nahe gelegenen Strand entlangliefen. Bailey hatte ihr versichert, dass es sicher hier draußen war, also steckte sie Geld ein und verließ die Wohnung. Sie war so damit beschäftigt gewesen, mit Chris zu streiten und sich dann mit den Geschäftsbüchern zu befassen, dass sie die Insel noch gar nicht richtig erkundet hatte.

Sie spazierte auf der Strandseite der Straße in Richtung Süden. Bailey hatte ihr ein Lokal empfohlen, in dem es die besten Rippchen auf der Insel geben sollte. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie sich Barney’s Happy Place näherte und ihr der Duft von würzigen Speisen in die Nase stieg. Sie blieb vor dem einfachen, ausgeblichenen Holzhaus stehen und versuchte, die Kundschaft von außen zu beurteilen. Der Eingang war mit bunten Lampen geschmückt und laute Reggae-Musik erklang aus der geöffneten Tür. Ihre Eltern und ihr Exmann wären entsetzt gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass sie solch ein Lokal betreten wollte. Mit einem selbstzufriedenen Lächeln ging sie die paar Stufen hinauf.

Fast hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht, als sie die vielen Menschen sah. Die meisten schienen Einheimische zu sein mit ihrer bunten Kleidung und den Dreadlocks. Nur an einem Ecktisch saß ein Paar, das man an ihren verbrannten Nasen als Touristen erkennen konnte. Zum Strand hin war der Raum völlig offen.

Sie bahnte sich einen Weg zum Tresen und schwang sich auf einen Barhocker.

Der Barkeeper breitete eine rote Papierserviette vor ihr aus. “Was kann ich für Sie tun, Miss?”

Sie bestellte sich einen Cocktail und sah zu, wie er verschiedene Getränke mixte und das Ganze mit der Begeisterung eines Mannes anrichtete, der Spaß an seinem Job hatte.

“Wenn das nicht Miss Lucy höchstpersönlich ist, die den Einheimischen die Ehre erweist.”

Ihr Herz machte einen kleinen Sprung, als sie Chris’ Stimme neben sich vernahm, doch sie schrieb es der Überraschung zu. Sie wandte sich ihm zu und ließ langsam den Blick von seinem lockigen Haar hinunter zu dem Tank-Top und den Shorts wandern. Um von der Bewunderung, die vermutlich in ihren Augen lag, abzulenken, meinte sie: “So sehen Sie also aus, wenn Sie angezogen sind.”

Der Barkeeper wählte genau diesen Moment, um ihr den Drink zu bringen. “Sie kennen die Dame schon?”, fragte er und zwinkerte Chris zu.

Lucy errötete. “Nein, so habe ich das nicht gemeint. Er war im Pool.”

Der Barkeeper winkte ab. “Kein Problem, Lady. Die Insel bringt bei vielen Leuten das Animalische hervor.”

“Aber …” Er ging schon wieder fort, und sie drehte sich entrüstet zu Chris um, der leise lachte. “Überanstrengen Sie sich bloß nicht bei dem Versuch, meine Ehre zu retten.”

Er zuckte mit den Schultern. “Ich bin aus der Übung, wenn es darum geht, einer Lady zu Hilfe zu kommen.”

“Das kann ich mir vorstellen.”

“Was macht es schon, ob er glaubt, dass wir uns zu wildem, heißem Sex haben hinreißen lassen? Er ist ein Barkeeper in einem fremden Land.” Chris deutete auf die anderen Gäste. “Außereheliche Affären sind hier wahrscheinlich an der Tagesordnung.”

Wilder, heißer Sex … Allein bei dem Gedanken daran wurde ihr ganz warm. Sie würde sich aber ganz sicher nicht vorstellen, dass er ihr Partner dabei war. “Aber wir haben keine heiße Affäre, ich habe Sie nicht nackt gesehen, und ich will nicht, dass er das glaubt.”

Chris sah sie aufmerksam an. In seinen Augen lag ein eigenartiges Funkeln, das vermutlich von dem Bier kam, das er trank. “Möchten Sie es denn?”

“Was?”

“Mich nackt sehen.”

Ein wohliger Schauer rann ihr über den Rücken, doch sie verzog abfällig das Gesicht und wandte sich ihrem Cocktail zu. “Angesichts der knappen Badehose, die Sie anhatten, brauche ich Sie nicht mehr nackt zu sehen.” Oje, sie ritt sich ja immer weiter hinein.

Er grinste. “Ich hätte nicht gedacht, dass Sie auf so etwas achten würden.”

“Habe ich auch nicht.”

Seine funkelnden Augen machten sie wirklich nervös. Deshalb senkte sie den Blick auf seine langen Finger, die an der feuchten Bierflasche auf und ab glitten. Es waren kräftige Hände, wie sie bereits gemerkt hatte. Chris prostete ihr mit der Flasche zu und nahm noch einen Schluck. Er wirkte ganz anders als vorhin im Park. Entspannter und offener.

Er drehte sich auf seinem Hocker und lehnte sich gegen den Tresen, während ein Fuß zum Takt der Musik wippte.

“Wo wohnen Sie?”, fragte sie nach einer Weile und drehte sich ebenfalls mit dem Rücken zum Tresen.

“Auf der Caribe Plantation, einem Anwesen ein Stück die Straße rauf.”

Sie erinnerte sich, den vornehmen Eingang vorhin gesehen zu haben. Es schien so gar nicht sein Stil zu sein. “Klingt hübsch.”

“Das Haus hat schon was. Kolonialstil mit Säulen und so. Ich wohne in der Bootshütte.”

“Aha.” Das klang schon eher nach Chris. Als er daraufhin schwieg, sagte sie: “Ich wohne in der Mietwohnung meines Vaters hier in der Nähe.”

Er sah sie an, als wollte er ihre Gedanken lesen. “Und, Miss Lucy, wo sind Sie zu Hause?”

Obwohl ihr klar war, dass die Anrede sarkastisch gemeint war, glich die Art, wie er ihren Namen aussprach, der Musik, die wie Wellen über sie hinwegspülte. “In St. Paul in Minnesota. Ich habe dort eine Werbeagentur. Das heißt, mir gehört die Hälfte davon. Meinem Exmann gehört die andere Hälfte. Leider.”

Er hob die Augenbrauen, doch nicht auf bewundernde Art, wie die meisten Menschen es taten, wenn sie hörten, dass sie ihre eigene Agentur besaß. “Sie besitzen also eine Firma, die Gier und Materialismus propagiert sowie körperliche Perfektion, die die wenigsten von uns erreichen.”

Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie darauf antworten sollte. “Wir bemühen uns natürlich, die Produkte unserer Kunden so darzustellen, dass sie den Leuten gefallen. Und was den Leuten gefällt, ist …”

“Sex”, sagte er ernst. “Und Exzess.”

“Wenn der Kunde das so wünscht. Wir haben einige große Kunden, wie Krugel, den größten Produzenten von Papierprodukten in Amerika … Soaker Küchentücher, Cloud Soft Toilettenpapier.” Imponierte ihm das wenigstens?

“Also verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt damit, dass Sie den Leuten erzählen, sie wären sexy, wenn sie Cloud Soft Toilettenpapier benutzen.”

Das fand sie so absurd, dass sie fast gelacht hätte. Glücklicherweise beherrschte sie sich gerade noch. “Vergessen Sie das Toilettenpapier. Wir verkaufen die Firma, dann erst ihre Produkte. Meine Agentur …” Sie unterbrach sich. “Warum geben Sie mir das Gefühl, dass ich einen Beruf verteidigen muss, auf den ich stolz bin?”

“Vielleicht sind Sie tief in Ihrem Inneren gar nicht so stolz darauf.”

“Das sehe ich anders.” Ihre Schultern verspannten sich. “Ich bin stolz auf das, was wir machen. Ich habe mir meinen Erfolg hart erarbeitet.”

Er betrachtete sie, und sein Blick rief in ihr Empfindungen hervor, die fast ihre Entrüstung überdeckten. “Ich vermute, Sie halten sich für eine Art Held. Sie retten Delfine, während ich Toilettenpapier vermarkte.”

“Keinesfalls. Ich bringe die Delfine nur dahin, wo sie hingehören. Es ist meine Pflicht, sie zu befreien.”

“Was meinen Sie damit?” Trotz seiner Sturheit wollte sie mehr über ihn wissen.

“Es ist eine lange Geschichte.”

“Erzählen Sie sie mir trotzdem.”

“Ich habe neun Jahr lang in Florida im Freizeitpark Aquatic Wonders gearbeitet. Als Fischjunge habe ich angefangen und mich bis zum Delfin-Cheftrainer hochgearbeitet, aber zwischendurch bin ich auch rausgefahren und habe wilde Delfine für den Park eingefangen. Das war, bevor mir klar wurde, wie unglücklich sie in Gefangenschaft sind und wie falsch es ist, sie aus ihrer natürlichen Umgebung zu reißen. Jetzt versuche ich lediglich, meine Fehler wieder gutzumachen.” Chris zuckte mit den Schultern, als wäre das alles unwichtig, doch an seinem leidenschaftlichen Blick konnte sie erkennen, dass es das nicht war. Als er plötzlich nach ihrem Handgelenk griff, zuckte sie zusammen. “Ich hoffe, Ihre Uhr ist nicht ruiniert worden, als Sie in den Pool gefallen sind.”

Seine Finger fühlten sich kühl auf ihrer Haut an. Sie sah auf ihre Diamantuhr mit dem beschlagenen Ziffernblatt. “Ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht.” Die Uhr hatte sie sich gegönnt, als sie das erste Mal einhunderttausend Dollar im Jahr verdient hatte. Doch das würde sie ihm nicht erzählen. “Sie wird schon in Ordnung sein.”

“Oder Sie kaufen sich eine neue.”

“Ja, das könnte ich.”

“Was für ein Auto fahren Sie?”

Am liebsten hätte sie jetzt gelogen. “Einen BMW.”

“Ich wusste es.”

“Was, Sie Alleswisser?”

“Dass sie auf Statussymbole stehen.”

“Was meinen Sie damit?”

“Ein BMW, eine Diamantuhr und wahrscheinlich tragen Sie auch Designerklamotten. Vermutlich sogar Designerunterwäsche”, fügte er mit leiser Stimme hinzu.

Volltreffer, dachte Lucy. Diese Sachen hatte sie getragen, seit ihre Mutter ihren reichen Stiefvater geheiratet hatte. “Meine Unterwäsche geht Sie nichts an. Außerdem, was kümmert es Sie?”

Bedächtig schüttelte er den Kopf. “Es kümmert mich überhaupt nicht, Lucy. Sie können ja nichts dafür. Sie sind ein Opfer der großen Geldlüge.”

“Der was?” Wieso hatte sie das Gefühl, sie redeten in unterschiedlichen Sprachen?

“Es ist die Vorstellung, dass Geld glücklich macht und man umso glücklicher ist, je mehr man davon hat.”

“Ich bin glücklich.” Sie hätte es am liebsten laut herausgeschrien, um ihm zu zeigen, wie glücklich sie war. “Ich habe genau das erreicht, was ich im Leben erreichen wollte. Nicht viele Menschen können das von sich behaupten, wenn sie dreißig sind. Können Sie es?”

“Lassen Sie mich überlegen. Als ich dreißig war … da saß ich im Gefängnis.” Er trank den Rest seines Biers aus, stand auf und zog ein paar Scheine aus der Tasche. “Einen schönen Urlaub noch, Lucy.”

Sie sah ihm nach, wie er sich einen Weg durch das Lokal bahnte und hinausging, ohne sich noch einmal nach ihr umzuschauen und ihr zuzulächeln, um seinen Worten den Stachel zu nehmen. Sie wusste, was er bezweckte: Er wollte sie abschrecken, damit sie ihn nicht wieder in ein Gespräch verwickelte.

Nun, er brauchte sich deshalb keine Sorgen zu machen. Sie hatte kein Interesse an einem Mann, der solche Komplexe mit sich herumschleppte. Dann fiel ihr ein, dass sie hergekommen war, um etwas zu essen. Also bestellte sie Rippchen, beobachtete die Leute, während sie aß, und versuchte – leider vergeblich –, Chris Maddox aus ihren Gedanken zu vertreiben.

3. KAPITEL

Lucys hohe Absätze hallten laut auf den Betonfliesen wider, als sie den Weg zum Büro des Parks entlangging. Sie hatte sich vorgenommen, unter keinen Umständen zu Libertys Pool zu schauen, doch ihr Blick wurde geradezu magnetisch angezogen. Und sofort sah sie auch Chris. Das heißt, seinen Lockenkopf und die Schultern, die aus dem Wasser ragten und in der frühen Morgensonne glitzerten. Unwillkürlich fiel ihr seine herausfordernde Frage ein, ob sie ihn nackt sehen wolle. Als er sich nach dem Lärm, den sie mit ihren Schuhen verursachte, umdrehte, wandte sie sich daher hastig ab.

Die Luft im Büro war warm und stickig. Lediglich ein altmodischer Ventilator, dessen rotierende Flügel die Artikel, die an die Wände gepinnt waren, flattern ließen, brachte etwas Kühlung. Sie riss das Fenster auf, und wieder wanderte ihr Blick hinüber zu Libertys Becken.

“Guten Morgen, Miss Lucy!”, begrüßte Bailey sie mit lauter und fröhlicher Stimme.

Sie fuhr herum und versuchte, nicht verärgert oder, noch schlimmer, schuldbewusst auszusehen. “Himmel, Bailey, schleichen Sie sich doch nicht so an.”

“Tut mir leid, Ma’am. Ich wollt nur wissen, ob Sie meine Hilfe brauchen. Bei den Zahlen oder der Entscheidung, ob Sie den Park weiter offen lassen wollen.”

“Nein, aber danke. Lassen Sie mich einfach allein.” Sie schaute noch einmal aus dem Fenster. “Wie ich sehe, ist der böse Mann wieder da.”

“Ja, schon ganz früh heute Morgen. Ich glaube, der Mann ist selbst ein halber Fisch.”

“Das würde so einiges erklären.”

“Wie?”

“Nichts. Okay, ich muss arbeiten.”

Es war einfach, den Park ihres Vaters auf Zahlen zu reduzieren. Das war schließlich ihr Beruf, selbst wenn die kreative Seite ihr mehr lag. Aus dem Park ein lohnendes Geschäft zu machen bedeutete, ihn nicht als etwas anzusehen, was ihr verstorbener Vater besessen und vielleicht geliebt hatte, sondern sich auf die Fakten zu konzentrieren.

Dennoch ertappte sie sich immer wieder dabei, wie ihr Blick nach draußen wanderte, wo sie Chris sehen konnte, der mit Liberty arbeitete. In mancher Hinsicht erinnerte er sie an Sonny oder zumindest an das Bild, das sie sich immer von ihrem Vater gemacht hatte: ein ruheloser, dem Meer verbundener Einzelgänger. Sie fragte sich, ob er wohl jemals einsam gewesen war, ihr Vater, und was er wohl gefühlt hatte, und dann merkte sie, dass sie an Chris und nicht an ihren Vater dachte, und widmete sich hastig wieder den Zahlen.

“Hallo”, sagte Bailey gegen Mittag leise und klopfte an, ehe er das Büro betrat. “Diesmal habe ich Sie aber nicht erschreckt, oder?”

“Nein, nicht sehr.”

Er setzte sich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch und schaute sie hoffnungsvoll an.

Sie warf noch einmal einen Blick auf ihre Notizen voller Zahlen und Kalkulationen. “Es sieht nicht gut aus. Ich weiß nicht, wie lange mein Vater den Park noch hätte halten können. Und ohne die Hauptattraktion sehe ich kaum noch eine Chance.”

“Wir könnten einen neuen Delfin kaufen.”

“Nein, ich fürchte, wir können uns keinen leisten, egal, was sie kosten. Und wenn wir nicht bessere Bedingungen schaffen, würde Mr Maddox auch einen neuen Delfin wegholen.”

Bailey hob eine Augenbraue. “Sie könnten ihn doch bitten, oder? Ein wenig mit den Wimpern klimpern und ihn anflehen, ob wir den Delfin behalten dürfen.”

“Ich bin nicht die Art von Frau, die einen Mann dazu bringen kann, etwas zu tun, was er nicht tun will.”

“Sicher können Sie das. Sie sind doch hübsch.”

“Vielen Dank, aber hübsch zu sein reicht nicht. Vergessen Sie das Ganze. Ich werde ihn nicht fragen, ob er Liberty hierlässt, weil ich weiß, dass er es nicht tun wird.”

“Da haben Sie Recht”, sagte eine andere Stimme von der Tür her. “Sie könnten die wiedergeborene Marilyn Monroe sein, und Sie würden mich nicht dazu bringen, Ihnen Liberty zu überlassen.”

Lucy errötete heftig, als sie Chris’ Blick begegnete. “Wie lange stehen Sie schon da?”

“Seit der Sache mit dem Anflehen.”

Sie machte ein Geräusch, das ihre Verlegenheit und ihren Ärger ausdrückte und nicht im Mindesten damenhaft war. “Was wollen Sie?”

Bailey suchte das Weite, indem er vorgab, irgendwelche Fische füttern zu müssen. Chris trug wieder diese Badehose, die eigentlich an solch einem Körper verboten sein müsste. Er trat an den Schreibtisch und stützte sich mit den Händen darauf ab. An seinem Handgelenk trug er ein buntes Freundschaftsband, das von der Sonne und dem Wasser schon ein wenig ausgebleicht war.

“Ich wollte wissen, ob Sonny eine Akte über Liberty angelegt hat, mit medizinischen Daten, Training und so weiter.”

“Ich werde nachsehen.” Sie stand auf.

Er besah sich die Papiere, die auf dem Tisch verstreut waren. “Wenn Sie beschäftigt sind, kann ich auch selbst danach suchen.”

“Ich brauche sowieso eine Pause.” Sie ging an den Aktenschrank, und plötzlich merkte sie, dass er sich direkt hinter sie gestellt hatte. So dicht, dass sie die feuchte Wärme, die er ausstrahlte, spüren konnte.

Während sie die Hängeakten durchsah, auf denen in Sonnys kleiner Schrift Sachen standen wie ‘Moray-Aale’, ‘Schildkröten’ und ‘Clownfisch’, erkannte sie auf einmal, dass sie nicht nur Zahlen geerbt hatte, sondern Lebewesen, die darauf angewiesen waren, dass sie von Menschen gefüttert und umsorgt wurden. Für die sie jetzt also die Verantwortung trug.

“Was ist los?”, fragte Chris, der ihr plötzliches Zögern bemerkte.

“Es gibt hier so viele Tiere.”

“Haben Sie sie noch gar nicht alle gesehen?”

“Nur flüchtig. Ich wollte mir erst die Zahlen ansehen.”

“Klar doch. Und? Haben Sie eine Goldgrube oder ein Fass ohne Boden geerbt?”

Sie drehte sich langsam zu ihm um. Immer noch stand er viel zu dicht bei ihr. “Der finanzielle Aspekt ist mir gleichgültig. Ich muss mich nur entscheiden, was ich mit dem Park machen soll.”

“Sicherlich werden Sie nicht hierherziehen und ihn selbst leiten wollen. Das ist doch nichts für eine Werbeprinzessin.”

Sie kniff ärgerlich die Augen zusammen. “Ich bin keine Werbeprinzessin.”

Er betrachtete ihre gestylte Frisur, die goldenen Ohrringe mit der passenden Kette und ließ dann seinen Blick ganz langsam an ihrem Kostüm hinabwandern. “Sieht mir aber ganz so aus.” Trotz seiner ironischen Worte las sie in seinen Augen erneut Anerkennung.

Der Mann ist unmöglich, dachte Lucy und straffte entschlossen die Schultern. “Gibt es einen Grund, warum Sie ständig auf mir herumhacken? Werfen Sie mir vielleicht noch immer Libertys Misshandlungen durch meinen Vater vor?”

“Nein.”

“Okay. Könnte es dann sein, dass Sie sich einbilden, ich hätte ein Auge auf Sie geworfen, und wollen mich deshalb abschrecken?”

Er lachte leise und schüttelte den Kopf. “Vielleicht gefällt es mir einfach nur, Sie ein wenig zu ärgern.” Er schnappte sich einen Ordner mit der Aufschrift ‘Randy’ und ging zur Tür. “Ich bringe ihn zurück, wenn ich ihn durchgesehen habe.”

“Behalten Sie ihn!”, rief sie ihm wütend hinterher.

Verflixt, er war wirklich ein böser Mann.

Am Nachmittag nahm Lucy sich ein Taxi und fuhr in die Innenstadt zum Einkaufen. Sie kam sich fehl am Platz vor in ihren maßgeschneiderten Sachen inmitten all der Menschen, die gekleidet waren, um Spaß zu haben. Leider war sie aus der Übung im Spaßhaben.

Hatte sie das eben tatsächlich gedacht?

Dann würde sie schleunigst anfangen, wieder Spaß zu haben. Sie kaufte sich verschiedene Outfits und zog sich die weißen Shorts und ein blumiges T-Shirt sofort im Geschäft an, bevor sie in den Park zurückfuhr.

Überrascht stellte sie fest, dass Chris nicht in Libertys Pool war, und noch überraschter war sie über ihre Enttäuschung. In ihren Turnschuhen machte sie dieses Mal keine Geräusche, als sie hinüber zu Liberty ging, der unter der Wasseroberfläche seine Kreise zog. Sie hockte sich hin, beobachtete ihn und war erfreut, als er den Kopf aus dem Wasser hob, um sie direkt anzusehen.

“Hallo!”, begrüßte sie ihn und sah sich vergeblich nach dem Eimer mit den Fischen um. “Tut mir leid, aber es ist kein Fisch da. Ich bin sicher, dass das Scheusal dir bald welchen bringt.”

Entsetzt schloss sie die Augen, als sie hörte, wie genau dieses Scheusal jetzt hinter ihr herankam. Sie hatten ihre Beziehung schon auf dem falschen Fuß begonnen, und irgendwie wurde es immer schlimmer. Aber er verhielt sich ganz wie ein Gentleman. Es kam keine bösartige Bemerkung über ihre taktlose Titulierung.

Er warf ihr lediglich einen toten Fisch in den Schoß.

Sie schrie auf, packte das glitschige Ding und warf es im hohen Bogen von sich. Der Fisch landete im Wasser, wo Liberty ihn sich sofort schnappte. Empört sprang sie auf die Füße.

“Sie, Sie …”

“Scheusal?”, meinte er mit hochgezogener Augenbraue.

“Ja!” Sie wischte über ihre neuen Sachen und hoffte, dass sie jetzt nicht nach Fisch rochen. Kein anderer Mann, nicht einmal ihr Ex, hatte sie je so aufgebracht wie Chris.

Er zuckte mit den Schultern. “Ich dachte, Sie wollten ihn füttern, also habe ich Ihnen den Gefallen getan. Die meisten Frauen mögen es nämlich, wenn man höflich zu ihnen ist.”

Sie schnaufte verächtlich. “Höflich? Mich überrascht, dass Sie das Wort überhaupt in Ihrem Wortschatz haben. Wie viele Frauen kennen Sie denn, die es mögen, wenn man sie mit Fischen bewirft?” Ohne auf seine Antwort zu warten, wandte sie sich wieder dem Delfin zu.

Chris setzte sich an den Beckenrand, und Liberty schien zu wissen, dass Essenszeit war. Er hob den Kopf und gab pfeifende, klickende Geräusche von sich. Chris streckte die Hand aus, und Liberty stieß mit seiner Schnauze dagegen. Ein merkwürdiges Gefühl durchströmte Lucy angesichts dieser einfachen Geste des Vertrauens.

“Ich würde Sie ja fragen, ob Sie ihn noch immer füttern wollen, aber ich schätze, eine Werbeprinzessin mag keine Fische anfassen.”

Sie funkelte ihn böse an. “Geben Sie mir schon den blöden Fisch.” Warum war es ihr so wichtig, ihn eines Besseren belehren zu wollen? “Aber diesmal bitte in die Hand.”

Er reichte ihr eine Makrele und versuchte, nicht zu lachen, als sie den Fisch mit spitzen Fingern anfasste.

“Halten Sie ihn unter Wasser”, forderte er sie auf. “Ich bin dabei, ihm anzugewöhnen, von jetzt an unter Wasser zu essen, so wie freie Delfine es tun.”

Sie ließ den Fisch am Schwanz baumeln, und Liberty hob den Kopf. “Nein, du bekommst ihn unter Wasser”, sagte sie ernst, tauchte den Fisch ein, und Liberty schnappte ihn sich. Lucys Begeisterung darüber wunderte Chris. Es lag ein Ausdruck kindlichen Staunens auf ihrem Gesicht, das zwar nicht so hübsch war wie das von Marilyn Monroe, aber hübsch genug.

Liberty kam aus dem Wasser und drehte den Fisch, um ihn in die richtige Position zu bringen, bevor er ihn schluckte. Lucy lachte. “Darf ich ihn noch mal füttern?”

Nein, dachte Chris. Er musste arbeiten, und er wollte, dass Liberty so wenig menschlichen Kontakt hatte wie möglich. Doch statt es ihr zu sagen, reichte er ihr schon die nächste Makrele.

“Warum lassen Sie ihn nicht jetzt schon frei?”

“Weil er noch nicht für sich selbst sorgen kann.” Er warf einen weiteren Fisch ans andere Ende des Pools. “Er ist vermenschlicht worden. Ein Delfin bezieht seine Identität aus seiner Rangordnung innerhalb der Herde, die bei Delfinen Schule heißt. Liberty wäre ein Niemand. Wahrscheinlich weiß er schon gar nicht mehr, dass er ein Delfin ist.”

Sie betrachtete jetzt Liberty so mitfühlend, dass Chris einen Moment lang tatsächlich gerührt war. Dann erinnerte er sich daran, wer sie war und was sie repräsentierte. “Ich muss ihm beibringen, wieder ein Delfin zu sein, lebende Fische zu fangen und in gerader Linie zu schwimmen. Ich will nicht nur seine Wunden heilen, sondern auch seine Seele.”

“Ich finde das … faszinierend.”

Er sah zur Seite, weil ihm ihr bewundernder Blick unangenehm war. “Es ist mein Job.”

“Werden Sie dafür bezahlt?”

Er lachte, weil das wieder nach der Werbeprinzessin klang. “Delfine zu befreien ist nicht unbedingt ein Beruf, den eine Frau sich für einen zukünftigen Ehemann wünschen würde. Mit anderen Worten”, fügte er hinzu, bevor Lucy sich wieder aufregen konnte, “ich werde nicht bezahlt. Meist werde ich von jemandem kontaktiert, der von einem Delfin in Not weiß. Ich bitte dann darum, dass man Sponsoren findet, damit ich kommen und den Fall untersuchen kann. Sobald ich Beweise habe, gehe ich zu den Behörden und beantrage, den Delfin befreien zu dürfen. Leute schicken Spenden, und wenn ich zu Hause bin, nehme ich Gelegenheitsjobs an, um mich über Wasser zu halten.”

“Also reisen Sie durchs ganze Land?”

“Ja.”

“Warum?”

Er stand auf. Genau wie ihre bewundernden Blicke waren ihm auch ihre Fragen unangenehm. “Wie ich sagte, es ist mein Job.”

Sie stand ebenfalls auf und stemmte die Hände in die Hüften. “Sie sollten eine Agentur beauftragen, die Ihr Anliegen publik macht, damit Sie finanziell unterstützt werden.”

Lachend schüttelte er den Kopf. “Ich kann mir keine Agentur leisten, und ich will nicht, dass das, was ich mache, Amerika zu Tränen rührt. Ab und zu gebe ich Interviews im Radio oder im Fernsehen, weil es ganz gut für die Publicity ist, aber damit hat es sich dann auch.”

“Wie Sie meinen”, gab sie pikiert zurück.

Er musterte sie schweigend. Sie trug jetzt Kleidung, die besser hierher passte, aber er würde keinen Kommentar darüber abgeben, auch nicht darüber, wie gut ihre langen, schlanken Beine in diesen Shorts zur Geltung kamen. Oder wie die roten Hibiskusblüten auf dem T-Shirt sich an ihre vollen Brüste schmiegten, wenn der Wind auffrischte. Er wollte nicht, dass die Werbeprinzessin auf falsche Gedanken kam. Sie lebte eindeutig in einer anderen Welt.

“Also, Miss Lucy, was haben Sie denn nun mit dem Park vor?”, fragte er unvermittelt.

“Interessiert es Sie wirklich noch, jetzt, wo Sie Ihren Delfin haben?”

Er zuckte mit den Schultern. “Ich frage nur wegen all der anderen Tiere hier. Wenn Sie den Park an so jemanden wie Ihren Vater verkaufen, was wird dann aus ihnen?”

“Sie glauben doch nicht, dass mein Vater Liberty falsch behandelt hat, weil er … ein schlechter Mensch war, oder?”

“Nein”, versicherte er ihr. “Er wusste es wahrscheinlich einfach nicht besser. Die meisten Leute glauben, dass Tiere da sind, um uns Freude zu bereiten. Ihr Vater war auch einer von ihnen.” Er wandte sich wieder dem Pool zu, denn es war einfacher, mit dem Delfin zu arbeiten, als mit Lucy zu reden, die alles sofort hinterfragte. “So, Miss Lucy, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern meine Arbeit fortsetzen.” Er nickte ihr zu und glitt ins Wasser.

Er wartete einige Minuten, bevor er sich umsah, und stellte aufatmend fest, dass sie in Richtung Aquarium ging. Sie gehörte in eine andere Welt, und er wäre froh, wenn sie schleunigst dahin zurückkehrte. Sie wurde ziemlich schnell zu einer Ablenkung, die er nicht gebrauchen konnte.

4. KAPITEL

Lucy überlegte, ob Chris als Scheusal geboren worden war oder sich erst dazu entwickelt hatte. Wie kam es, dass er Menschen so verachtete? Doch was sie wirklich wissen wollte, war, warum sie sich überhaupt dafür interessierte. Mit diesen Gedanken betrat sie das höhlenartige Aquariumgebäude.

Chris mochte über sie spotten. Doch einen wunderbaren Job zu haben, ihr eigener Chef zu sein, eine nette Wohnung zu besitzen und in der Lage zu sein, sich so gut wie alles kaufen zu können, machte ein gutes Leben aus, ein Leben, um das die meisten Menschen sie beneideten. Und dann kam jemand daher, der selbst nichts hatte, und brachte sie dazu, ihr Leben verteidigen zu müssen, indem er es … Wie nannte er es gleich? Die große Geldlüge. So ein Quatsch. Ihr Leben war perfekt. Okay, vielleicht fehlte ein Partner darin. Aber sie konnte sich ja einen Hund anschaffen.

Bailey war im Aquarium und erläuterte einer Gruppe von Touristen die Paarungsgewohnheiten der Kraken. Er war ein netter Kerl, aber sie konnte den Park nicht für ihn und Bill offen halten, oder? Nein, bestimmt nicht. Aber sie konnte ihnen eine vernünftige Abfindung zahlen und gute Zeugnisse ausstellen.

Sie ging an den Aquarien entlang, begeistert von all dem Getier, das normalerweise im Meer lebte: Fische in allen Formen und Farben, Krebse und Muscheln. Was für ein Leben führten sie normalerweise im offenen Ozean? Sie dachte an Chris’ Frage, was sie mit dem Park vorhabe. Sie fühlte sich verantwortlich für all diese Lebewesen hier. Einige von ihnen taten das, was Liberty tat – sie schwammen in endlosen Kreisen durch ihre kleine, langweilige Welt. Alles zur Unterhaltung der Touristen.

Sie seufzte. Trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, ihr Leben mit der Rettung irgendeiner dieser Spezies zu verbringen. Das war für Menschen, die andere Wertmaßstäbe hatten und auf andere Art lebten. Menschen wie Chris.

“Na, Miss Lucy, konnten sie den bösen Mann überreden, den Delfin hierzulassen?”, fragte Bailey und kam zu ihr.

Sie schüttelte den Kopf. “Ich möchte auch, dass der Delfin freikommt, Bailey. Es ist völlig richtig.”

“Gütiger Himmel, ich glaube, Sie haben sich in den Delfindieb verknallt.”

Im ersten Moment war sie sprachlos. “Bailey! Wie kommen Sie auf die absurde Idee, dass ich dieses Scheusal mögen könnte?”

“So wie Sie ihn immer anstarren und sich auf seine Seite schlagen …”

“Habe ich nicht, ich stelle mich nur auf die Seite des Delfins.”

Er sah nicht überzeugt aus.

“Und da wir gerade von Scheusalen sprechen”, sagte sie, “ich muss jetzt meinen Exmann anrufen und mich erkundigen, wie es in der Agentur läuft.”

Ungehalten verließ sie das Gebäude. In ihn verknallt! So ein Unsinn. Sie war genauso verknallt in Chris wie in diesen schleimigen grünen Aal, den sie in einem der Aquarien gesehen hatte. Chris und der Aal besaßen ungefähr gleich viel Charme.

Im Büro angekommen, wählte sie die Nummer ihrer Agentur und sprach erst mit ihrer Sekretärin, bevor sie sich zu Tom durchstellen ließ.

“Hey, wieso checkst du deine E-Mails nicht?”, polterte er sofort los.

“Mir geht es gut, danke, und selbst?”

“Du erwartest von mir, dass ich jetzt Höflichkeiten austausche, wenn ich seit Tagen versuche, dich zu erreichen?”

“Ich bin erst anderthalb Tage weg, und die Tatsache, dass du auf Höflichkeiten verzichtest hast, war der Grund für unsere Scheidung. Daran solltest du vielleicht denken, wenn du mit deinem neuen Schatz, mit dem ich dich neulich gesehen habe, ausgehst.”

“Ach, du bist ja nur eifersüchtig.”

Darüber konnte sie nur lachen. Also tat sie es auch. “Würde ich dir gute Tipps geben, wenn ich eifersüchtig wäre?”

“Wohl nicht. Aber du hättest jetzt auch nicht lachen müssen.”

“Tut mir leid, ich konnte nicht anders.”

“Wie auch immer, warum hast du deine E-Mails nicht überprüft?”

“Weil ich meinen Laptop nicht mithabe. Ich habe dir doch gesagt, dass dies auch eine Art Urlaub ist.”

“Das sage ich auch, wenn ich verreise, aber trotzdem vergesse ich niemals meinen Job.”

“Willst du mir etwa damit vorwerfen, ich würde nicht genug arbeiten?” Es war nicht das erste Mal, dass sie ihm diese Frage stellte, denn Tom war zu feige, offen zu sagen, was er dachte. “Falls das so ist, können wir gern darüber sprechen, die Firma aufzuteilen. Ich bin deine ewigen Anspielungen leid.”

“Nein, Darling, ich bin nur … Okay, manchmal habe ich schon den Eindruck, dass du deinen Job vernachlässigst, aber ich möchte die Besitzverhältnisse so lassen, wie sie sind. Nur als wir noch verheiratet waren, haben wir beide alles für die Agentur getan. Ich tue das immer noch, du aber nicht.”

“Deshalb sind wir auch nicht mehr verheiratet, Tom. Unsere Ehe war die Firma. Mehr nicht. Ich stehe voll hinter der Agentur, aber ich brauche auch mal ein wenig Abstand dazu. Und nenn mich nicht Darling. Die Zeiten sind vorbei. Also, was ist das für ein Notfall? Weshalb wolltest du mich so dringend sprechen?”

“Kein Notfall, Lucy. Ich wollte nur sichergehen, dass du erreichbar bist, falls einer auftritt.”

Sie stöhnte. “Ich bin hier nicht erreichbar, merk dir das. Ich habe hier genug zu tun und möchte alles geklärt haben, bevor ich zurückfahre.”

“Okay, okay. Und? Wie ist dieser Park, den du geerbt hast? Eine primitive kleine Anlage?”

Seit Tom von ihrem Erbe gehört hatte, machte er sich darüber lustig. “Nein, es ist wunderbar hier, riesig, mit Delfin-Shows und Hunderten von Aquarien mit den exotischsten Meereslebewesen. Du solltest die Menschenmassen sehen. Die Anlage liegt direkt am Meer und ist eine richtige Goldgrube.”

Als sie sich in diesem Moment umdrehte, sah sie Chris mit dem Aktenordner in der Hand dastehen.

“Das hört sich gut an. Hey, meine andere Leitung blinkt, und in zwanzig Minuten habe ich eine Besprechung mit einem potenziellen Kunden. Rufst du wenigstens einmal am Tag an?”

“Nein. Vielleicht in einigen Tagen, aber das kann ich nicht versprechen. Bis dann.”

Sie legte den Hörer auf und lachte nervös. “Ich kann diese kleine … Übertreibung erklären.”

Chris schüttelte den Kopf. “Nicht nötig. Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, Menschen verstehen zu wollen.”

“Das hier ist anders.”

Er legte die Akte in den Schrank zurück.

“Sehen Sie, das war mein Ex, der, mit dem ich die Agentur zusammen betreibe, und manchmal macht er mich mit seinem Gehabe so verrückt, dass ich nicht einmal weiß, warum ich ihn jetzt angelogen habe.”

Chris griff nach ihren Händen, mit denen sie heftig gestikulierte, und hielt sie fest. “Sie brauchen sich nicht vor mir zu rechtfertigen. Das alles gehört zu der großen Geldlüge, und das ist nicht mehr meine Welt.”

Sie schauten beide auf ihre verschränkten Hände, und sie überlegte, ob er den Kontakt wohl genauso genoss wie sie. Als wollte er ihr eine Antwort darauf geben, drückte er sie kurz, bevor er sie losließ und nach draußen verschwand.

Beschämt stand sie da. Verflixt, was war sie doch nur für eine Närrin! Jetzt ärgerte sie sich darüber, wozu sie sich manchmal durch Tom hinreißen ließ. Aber es war nicht nur Tom allein, es kam so vieles zusammen.

Lucy telefonierte hin und her und hatte gegen Abend schließlich einen Makler ausfindig gemacht, der ihr versprach, vorbeizukommen und die gesamte Anlage für einen eventuellen Verkauf einzuschätzen. Danach machte sie sich auf die Suche nach Bailey, um ihm zu sagen, dass sie gehen wollte, kam jedoch wieder nur bis zu Libertys Pool.

Chris lag rücklings auf einer Gummimatratze und ließ Arme und Beine ins Wasser baumeln. Er trug noch immer die Badehose, die kaum etwas verhüllte, und sie ertappte sich dabei, wie sie ihn ungeniert anstarrte. Verwundert über sich selbst, schüttelte sie den Kopf. Es war sonst gar nicht ihre Art, jemanden so anzuschmachten, es sei denn, es waren unerreichbare Berühmtheiten. Chris war eindeutig erreichbar, zumindest im körperlichen Sinne.

“Sie wollen mich doch nicht schon wieder mit irgendwelchen Fragen löchern, oder?”, rief er ihr unfreundlich zu.

“Keineswegs.”

“Was wollen Sie dann? Ich bin beschäftigt.”

Sie versuchte, seine Unhöflichkeit zu ignorieren. “Sie sehen aber nicht sehr beschäftigt aus.”

“Ich arbeite mit Liberty. Er soll sich daran gewöhnen, dass ich hier bin, ohne dass er glaubt, auf mich reagieren zu müssen. Er soll mich nicht als Mensch, sondern als etwas zur Umgebung Gehörendes betrachten.”

“Eine Art Alge?” Sie konnte ein Lachen nicht unterdrücken, als er irritiert eine Augenbraue hob. Was würde er wohl erst von dem Vergleich mit dem Aal halten? Er hielt ihren Blick fest, bis sie sich räuspern musste und wegsah. “Dabei sollte man annehmen, dass er die Menschen nicht mag.”

“Delfine sind nicht nachtragend.” Er rollte sich jetzt auf die Seite. “Sie mögen die Menschen, auch wenn ich nicht weiß, warum.”

Wieder fragte Lucy sich, aus welchem Grund Chris Menschen so verachtete. “Ja, wirklich eigenartig, denn sogar Sie scheint er zu mögen”, gab sie zurück, worauf er sie mit Wasser bespritzte. Obwohl sie sich blitzschnell duckte, wurde sie nass. “Ach so, Sie können austeilen, aber nichts einstecken, was?”

“Kommen Sie doch her, und ich zeige Ihnen, was ich einstecken kann.”

“Lieber nicht. Ich habe schon einen Fisch abbekommen und jetzt eine Salzwasserdusche, das reicht.” Sie winkte ihm zu und ging weiter, doch ihr Herz klopfte verräterisch schnell. Himmel, ermahnte sie sich, er wollte dich doch nur ärgern. Reiß dich zusammen!

Lucy packte all die Sachen des Mannes ein, der sie gezeugt hatte. Ihre Mutter hielt sie für verrückt, dass sie überhaupt hierhergefahren war, doch Lucy war froh darüber. Auf diese Art konnte sie Abschied nehmen von dem Vater, den sie kaum gekannt hatte.

Ihre Mutter nannte Sonny einen Rumtreiber, einen Verlierer. Und solch einen Einfluss hatte sie nicht in der Nähe ihrer Tochter haben wollen. Lucy wusste, dass ihre Mutter es Sonny nicht leicht gemacht hatte, mit ihr in Kontakt zu bleiben, trotzdem wünschte sie, er hätte es getan.

Als sie den Rest von Sonnys Habseligkeiten in Kisten und Kartons verstaut hatte, entschied sie, dass es Zeit war, ihre Freundin Vicki anzurufen.

“Hallo!”, meldete sich Vicki außer Atem.

“Hallo, ich bin’s.”

“Lucy! Das wird ja auch mal Zeit! Warte, ich bin gerade nach Hause gekommen.” Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: “Ich sehe in einer Zeitschrift gerade ein Foto von den Bahamas, mit schneeweißen Stränden und grünblauem, kristallklarem Wasser. Ist dort unten wirklich alles so schön?”

Lucy biss sich auf die Unterlippe, als das Bild von Chris vor ihren Augen auftauchte. “Ehrlich gesagt, hatte ich noch gar nicht richtig Gelegenheit, mir den Strand anzusehen.” Und dabei lag das Meer direkt hinter dem Park.

“Oh, Lucy, das ist so typisch für dich! Das sollte doch dein Urlaub sein!”

“Ja und nein. Aber es ist etwas komplizierter. Ich muss entscheiden, was mit dem Park geschehen soll. Und dann ist da noch der Typ, der den Delfin befreien will.”

“Ein Typ?” Sie konnte direkt sehen, wie Vickis Augenbrauen interessiert nach oben schossen.

“Ja, ein Typ. Egal, ich war beschäftigt …”

“Was ist das für ein Mann?”

“Er ist nicht diese Art von Mann.”

“Was ist er dann?”

“Es ist nicht so, wie du denkst. Fang bloß nicht an, irgendwelche romantischen Fantasien zu entwickeln, bitte.” Lucy lachte über die Vorstellung. “Er und ich kommen kaum miteinander aus.”

“Sieht er wenigstens gut aus?”

“Hm, ja, kann man so sagen. Groß, blondes, lockiges Haar, schlank, aber muskulös, und diese grünen Augen erst, die … Er ist schon okay.”

“Lucy”, sagte Vicki gedehnt. “Du verheimlichst mir was.”

Lucy sah sich um, als fürchtete sie, belauscht zu werden. “Das hört sich vielleicht an wie in einem Liebesroman, aber wenn ich in seine Augen schaue, habe ich das Gefühl, darin zu ertrinken. Zugegeben, er ist attraktiv, aber das ist auch alles. Er hat sein Leben den Delfinen gewidmet. Ich meine, das ist sein Job. Sozusagen, denn er wird nicht dafür bezahlt. Aber er sagt, er sei kein Held, und ich glaube, dass er sich auch nicht so vorkommt.”

“Sprich weiter.”

“Er und ich sind auf dem falschen Fuß gestartet und kabbeln uns ständig. Er mag keine Menschen, und er nennt mich Werbeprinzessin.” Sie lächelte.

Vicki am anderen Ende der Leitung stöhnte, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. Als sie sich wieder beruhigt hatte, sagte sie: “Himmel, er hört sich fantastisch an! Und ich weiß, dass er es ist, denn deine Stimme klingt, als würdest du lächeln.”

“Das tue ich nicht”, widersprach Lucy.

“Doch”, neckte Vicki sie. “Na gut, er ist also nicht dein Typ, der meiner Meinung nach langweilig ist, wenn man Tom als Maßstab nimmt. Und einen anderen Maßstab habe ich nicht, denn ich glaube, du warst in letzter Zeit nur ein oder zwei Mal verabredet. Also ist dieser blonde Adonis vielleicht genau das, was du brauchst. Hast du dir das schon einmal überlegt?”

Lucy versuchte, diese Aussage zu verdauen. “Du findest, dass ich auf langweilige Männer stehe?”

“Ja. Komm schon, Lucy, du fährst auf die Geschäftsleute in ihren maßgeschneiderten Anzügen, den dicken Autos und den sicheren, respektablen Jobs ab. Vielleicht wäre es mal ganz gut für dich, wenn du eine kleine Affäre mit diesem Typ hättest.”

“Eine Affäre?”

“Ja. Du musst mal ein wenig entspannen. Und was gibt es für eine bessere Möglichkeit, als es mit diesem Delfin-Typ zu tun, der so tolle blonde Locken und grüne Augen hat? Oh, ich liebe blonde Locken!”

“Sie sind eher irgendwie golden. Ehrlich gesagt …” Lucy hielt abrupt inne. “Vergiss es, Vicki. Du weißt, dass ich zu vernünftig bin, um mich auf eine Affäre einzulassen.”

“Das ist dein Problem. Du bist zu vernünftig, zu gut, zu schlau. Lass das zur Abwechslung doch alles mal beiseite.”

“Du hast einen schlechten Einfluss auf mich, weißt du das? Aber es wird nicht funktionieren. Er kann mich nämlich nicht ausstehen. Er hält mich für materialistisch, ehrgeizig und zu sehr auf Erfolg erpicht.”

“Das bist du doch auch.”

“Was ist falsch daran? Sieh dir doch an, was ich erreicht habe, und das nur, weil ich so bin.”

“Okay, aber das Leben bietet mehr als Designerklamotten und schicke Autos.”

“Stimmt nicht. Außerdem könnte ich nie wieder in den Spiegel schauen, wenn ich mit diesem Mann schlafen und ihn dann nie wiedersehen würde.”

Vicki lachte. “Das passiert doch ständig. Du kannst ihn ja auch mit hierher bringen.”

Jetzt musste Lucy lachen. “Sagt dir der Ausdruck ‘wie ein Fisch auf dem Trockenen’ etwas? Dieser Mann ist ein Fisch. Oder vielleicht ein halber Delfin. Ich kann ihn mir in meiner Welt nicht vorstellen.” Sie versuchte sich auszumalen, wie er in seiner knappen Badehose und der Haifischzahnkette auf einer Cocktailparty auftauchen würde. Lachend meinte sie: “Nein, das würde niemals funktionieren. Außerdem habe ich dir doch gesagt, dass er mich nicht mag. Er hat heute mit einem Fisch nach mir geworfen.”

“So, so.”

“Aber dann durfte ich den Delfin füttern.” Sie räusperte sich, um diesen lächerlichen, gerührten Ton in ihrer Stimme zu vertreiben, und wechselte das Thema. “Also, was soll ich dir Schönes von hier mitbringen?”

“Ich will ein Bild von diesem Typ. Und ich will, dass du mit einem Blick zurückkommst, der besagt, dass du eine heißblütige Nacht mit diesem Mann verbracht hast.”

“Ciao, Vicki.”

“Bis dann, Lucy. Und denk an meine Worte.”

Kopfschüttelnd legte Lucy den Hörer auf. Vicki hielt sie immer für diejenige, die alles im Griff hatte. Aber Lucy hatte ihr auch noch nie von der Leere in ihrem Herzen erzählt, denn die hatte sie sich ja selbst noch nie eingestanden.

5. KAPITEL

Als Lucy am nächsten Morgen den Park betrat, achtete sie dieses Mal auf die Farbe des Meeres. Doch der Himmel war bewölkt, und weiße Schaumkronen tanzten auf dem grauen Wasser. In der Ferne ertönte dumpfes Donnergrollen.

Ein anderes Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit – die leise, lockende Stimme von Chris.

“So ist es gut. Oh ja. Perfekt.”

Diese Worte sandten einen Wonneschauer durch ihren Körper, den sie weder erklären konnte noch wollte. Und als ihr Vickis Ratschlag bezüglich einer Affäre mit Chris einfiel, beschloss sie, noch standhafter zu sein und Chris ab jetzt zu ignorieren.

Doch Liberty mit seinem fröhlichen Klappern zog ihre Blicke unweigerlich auf sich. Sein Kopf wippte auf und ab, und zu Lucys Überraschung sah er direkt zu ihr herüber. Sie fühlte sich eigenartig berührt.

“Na, ist das nicht typisch?”, meinte Chris. “Eine hübsche Frau wirft ihm einen Fisch zu, und schon ist er vernarrt in sie.”

Das Kompliment – zumindest glaubte sie, dass es eins war – ließ sie ihre guten Vorsätze vergessen. Sie ging zum Becken hinüber und hockte sich an den Rand. Liberty schwamm von ihr fort, und sie überlegte, ob sie sich ihm vielleicht zu schnell genähert hatte, doch schon kam er zu ihr zurück und balancierte einen Wasserball auf seiner wunden Schnauze. Er warf ihn ihr zu, und einen Moment lang wusste sie nicht recht, wie sie reagieren sollte.

“Er möchte, dass Sie den Ball zurückwerfen”, erklärte Chris und stieg auf der gegenüberliegenden Seite aus dem Pool.

Das Wasser rann an seinem Körper hinab, und sie musste sich zwingen, den Blick davon abzuwenden und in seine Augen zu schauen. Als sie keine Missbilligung darin entdeckte, warf sie den Ball, und Liberty stieß ihn zu ihr zurück. Lucy hätte sich niemals vorstellen können, dass das Spiel mit einem Tier so aufregend sein könnte. Wieder wanderte ihr Blick fragend zu Chris.

“Möchten Sie ihn füttern?”

“Ja.” Sie lächelte, und Schüchternheit überkam sie. Schüchternheit? Du meine Güte, wann hatte sie sich das letzte Mal so gefühlt?

Chris warf eine Makrele in ihre Richtung, doch Liberty war schneller. Er sprang hoch und schnappte sie sich aus der Luft. Nachdem er wieder ins Wasser geklatscht war, hob er den Kopf und bewegte ihn auf und ab.

“Lass es dir schmecken”, sagte Lucy lachend und wischte sich ein paar Wassertropfen aus dem Gesicht. “Sie haben schon beachtliche Fortschritte seit gestern mit ihm gemacht.”

Er sah sie mit einem rätselhaften Ausdruck in seinen Augen an. “Er ist einsam.”

Sie verlor sich in seinem Blick. “Das ist er wohl.”

“Einsam genug, um sogar die Gesellschaft von Menschen zu suchen”, fügte Chris hinzu und brach den Bann mit dem harten Unterton in seiner Stimme.

Am liebsten hätte sie ihn gefragt, ob es ihm ebenso erging, doch bevor sie eine Närrin aus sich machen konnte, wurde er glücklicherweise durch etwas abgelenkt.

“Sieht so aus, als bekämen Sie Besuch”, bemerkte er und schaute zum Büro hinüber.

Bailey trat gerade mit einem Mann heraus, der ein geblümtes Seidenhemd trug und eine weite helle Hose, die sich im Wind bauschte. Unentwegt strich er sich mit den Fingern durch sein glattes, dünnes Haar, das vom Wind zerzaust war. Mit einem dynamischen Lächeln kam er direkt auf sie.

“Guten Tag, Miss Donovan”, begrüßte er sie schon von Weitem. “Ich bin Crandall Morton von der Caribbean Real Estate Group. Freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Vielen Dank, dass Sie sich an uns gewandt haben.”

“Guten Tag”, erwiderte Lucy. Dieser Mann war wenigstens ein Gentleman. Daran sollte Chris sich mal ein Beispiel nehmen. “Und das ist …” Sie sah sich nach ihm um, um ihn vorzustellen, doch er war schon wieder abgetaucht.

“Der Delfindieb?”, sagte Crandall und schaute zu Bailey, um anzudeuten, woher er diesen Ausdruck hatte.

“Nicht so wichtig. Lassen Sie uns ins Büro gehen.”

Die nächste Stunde fand sie es erfrischend, mit einem zivilisierten Mann über Zahlen und Geschäfte zu reden. Warum schlug sie dann beim Abschied seine Einladung zum Essen aus und brachte als Entschuldigung vor, dass sie die Sachen ihres Vaters einpacken müsse, obwohl sie das bereits getan hatte?

“Vielleicht dann ein anderes Mal, bevor Sie wieder abreisen?”, fragte er mit einem liebenswürdigen Lächeln auf seinen dünnen Lippen.

“Vielleicht”, antwortete sie ausweichend und brachte ihn zum Ausgang.

Wenn sie sich schon auf ein Abenteuer einlassen wollte – was allerdings nicht der Fall war –, dann wäre dieser Mann eher nach ihrem Geschmack. Erfolgreiche Männer waren ihr Stil. Nicht tropfnasse, den Himmel beobachtende, nur mit einer knappe Badehose bekleidete Typen wie Chris.

Und warum lenkte sie dann automatisch ihre Schritte wieder in seine Richtung? Glücklicherweise wurde sie von Bailey aufgehalten.

“Sie wollen den Park doch wohl nicht an diesen Kerl verkaufen, oder?”

“Warum nicht? Er vertritt einen Investor, der ein kleines Hotel auf diesem Grundstück bauen würde.”

Bailey runzelte die Stirn. “Sonny hasste den Typ. Er kam ständig her, um ihn zu überreden, den Park zu verkaufen. Aber Ihr Vater hat diesen Park geliebt.”

Sie war sich nicht sicher, ob Bailey eine vertrauenswürdige Quelle für irgendetwas war, denn sie hatte mehrfach erlebt, was für haarsträubende Geschichten er den Touristen erzählte.

Bailey schaute zum Himmel. “Ich glaube nicht, dass wir heute viele Besucher haben werden. Es wird ein heftiges Gewitter geben, und die Kreuzfahrtschiffe schicken bei solchem Wetter keine Boote an die Küste.”

Lucy sah zum Meer, wo sich eine drohende Wolkenbank aufgebaut hatte. Ein Blitz zuckte in der Ferne, gefolgt von dumpfem Donnergrollen. Ihr Blick wanderte zu Chris, der gerade aus dem Wasser stieg und sich ein weißes Hemd und rote Shorts anzog.

Sie zwang ihren Blick zurück zu Bailey. “Was hätte Sonny jetzt gemacht?”

“Wenn das Wetter den ganzen Tag so schlecht war, hat er den Park einfach geschlossen. Alle Tiere sind gefüttert, mit Ausnahme derjenigen, die während der Führung etwas bekommen.”

“Okay, dann schließen wir heute.”

“Prima!”, rief Bailey erfreut. “Es geht doch nichts über ein gemütliches Beisammensein mit seiner Liebsten bei solch einem Wetter. Ich füttere die restlichen Tiere und verschwinde dann.”

“Ihre Liebste ist hoffentlich die Mutter Ihrer sechs Kinder!”, rief sie ihm hinterher, doch er war schon im Aquariumgebäude verschwunden.

“Er hat sechs Kinder?”, fragte Chris ungläubig und kam zu ihr.

“Das kommt darauf an, wann man ihn fragt. Es ist eine Mischung aus Kindern und Ziegen.”

Er grinste. “Sie wollen schließen?”

Sie nickte. “Es macht heute keinen Sinn, den Park offen zu lassen.”

“Es sei denn, Sie wollen vom Blitz getroffen werden. Ich verschwinde zu Barney’s. Bis dann.”

Er marschierte zum Ausgang, und sie schlug die entgegengesetzte Richtung zum Büro ein. Plötzlich lag ein ganzer Tag vor ihr, und sie hatte nichts zu tun. Die Büroarbeit behagte ihr nicht, und auch die Aussicht, den Tag in der Wohnung ihres Vaters zu verbringen, war nicht sonderlich verlockend. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Chris stehen geblieben war.

“Ich vermute, Sie haben keine Lust, das Gewitter mit mir bei Barney’s abzuwarten?”, rief er ihr zu.

Und ob sie Lust hatte. “Soll das eine Einladung sein?”

“Ja, das könnte man so nennen.”

“Nun, dann nehme ich das Angebot an.”

Er wies auf sein Moped, das draußen vor dem Eingang stand. “Dann sollten wir uns auf den Weg machen, bevor es anfängt zu regnen.”

“Oh nein, ich setze mich nicht auf eins dieser Dinger.”

Seine Augen funkelten amüsiert. “Miss Lucy, ich wette, dass Sie noch nie in Ihrem Leben etwas Mutiges getan haben, oder?”

“Aber sicher doch. Ich habe direkt nach dem Studium meine eigene Firma gegründet. Das war mutig. Außerdem bin ich ganz allein den weiten Weg hierher gekommen.”

“Na ja, wenn Sie meinen. Kommen Sie schon. Bis ein Taxi hier ist, wird es in Strömen gießen.” Er lief bereits los, während sie noch zögernd dastand.

Als sie schließlich bei ihm ankam, hatte er den Motor bereits angelassen. Sein offenes Hemd flatterte im Wind. Lucy wusste, was sie vorhatte, war gefährlich und verrückt. Sie schaute wieder hinter sich auf das Gewitter, das langsam heranzog.

Dann straffte sie die Schultern und versuchte sich zu erinnern, wie andere Frauen auf Motorrädern saßen. Chris rutschte auf dem kleinen Sitz nach vorn, und sie schwang ein Bein über das Hinterrad und bemühte sich, ihm beim Hinsetzen nicht zu nahe zu kommen.

“Fertig?”, rief er.

Sie holte tief Luft. “Fertig.”

“Sie sollten sich lieber an mir festhalten, damit Sie nicht herunterfallen.”

Sie starrte auf seinen breiten Rücken. “Und wo?”

“Warten Sie, ich zeig’s Ihnen.” Und dann gab er Gas.

Mit einem Aufschrei packte sie seine Schultern und rutschte auf dem Sitz nach vorn, bis sie enger aneinander gepresst waren, als ihr lieb war. “Sie … Sie …”

“Ich glaube, ‘Scheusal’ war Ihre Wortwahl.”

“Ja! Das ist noch das Netteste, was mir einfällt.”

“Es hat doch gewirkt, oder nicht? Man folgt seinen Instinkten.”

Er legte sich in eine Kurve, und sie glitt mit den Händen an ihm hinab bis zu seiner Taille, die schmaler und deshalb besser zu greifen war. Als sie ein Schlagloch erwischten, schlang sie automatisch die Arme um ihn. Jetzt war ihr Oberkörper gegen seinen Rücken gepresst, und sie konnte seine Wärme und das Spiel seiner Muskeln spüren. Himmel, so körperlich nah war sie einem Mann seit … Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte gar nicht genau wissen, wie lange es schon her war.

“Alles klar bei Ihnen da hinten?”, rief er.

“Alles klar!”, rief sie zurück und schmiegte auch noch ihre Wange an seinen Rücken. Der Anblick der vorbeirauschenden Straße und der Autos machte sie ganz schwindelig. Bei jedem Loch oder Buckel in der Fahrbahn drängte sie sich näher an Chris heran. Das Vibrieren der Maschine durchzog ihren ganzen Körper. Genüsslich schloss sie die Augen und schob auch ihren Unterleib näher an Chris heran. Als ein sinnlicher Wonneschauer sie erzittern ließ, stieß sie einen leisen Seufzer aus. Doch dann riss sie sich zusammen, nahm schnell die Arme von ihm und setzte sich wieder gerade hin.

“Oh nein!”, stöhnte sie.

“Was ist los?”, fragte er.

“Äh … ich vergaß, dass hier auf der linken Seite gefahren wird. Das hat mich irgendwie erschreckt.” Sie biss sich auf die Lippe. Hatte sie lange so dagesessen? Wie peinlich.

Er wandte sich zu ihr um. “Und warum sind Sie jetzt ganz rot geworden?”

“Das liegt am Fahrtwind. Und würden Sie bitte nach vorn schauen. Wir sind hier mitten auf der Straße, wo jeder uns sehen … Ich meine, wo jeder mit uns zusammenstoßen kann.” Verflixt, was hatte sie sich dabei gedacht, sich in aller Öffentlichkeit an einen fremden Mann zu schmiegen? Er drehte sich schon wieder zu ihr um. “Gucken Sie nach vorn!”

Als sie notgedrungen erneut die Arme um ihn schlang, fühlte sie dieses Mal seine nackte Haut unter dem flatternden Hemd. Weil sie nicht prüde wirken wollte, entschloss sie sich, die Hände dort zu lassen. Seine Haut war warm und weich, doch darunter verbargen sich kräftige Muskeln. Sie ermahnte sich, nicht wieder in diesen sinnlichen Taumel zu verfallen. Sie würde nicht …

Als sie nach rechts sah, bemerkte sie, dass sie gerade am Barney’s vorbeigefahren waren.

“Da war das Barney’s!”, rief sie.

“Festhalten.”

Chris drosselte das Tempo, und sie presste ihren Körper an seinen, als er scharf wendete.

“Sie waren wohl auch von der Landschaft abgelenkt, was?”, meinte sie und versuchte zu lachen.

“Zweifellos.”

In dem Moment, in dem er das Moped abstellte, ging ein Wolkenbruch nieder, und sie waren beide völlig durchnässt, als sie atemlos das Lokal betraten.

“Kommen Sie rein!”, rief der Barkeeper. “Wir haben einen speziellen Drink zum Aufwärmen. Ich garantiere Ihnen, der wird Ihr Blut in Wallung bringen.”

Das hat die Fahrt schon bewirkt, dachte Lucy und bestellte nur ein Mineralwasser.

“Ein Bier für mich!”, rief Chris und ging auf einen Tisch am Fenster zu.

Lucy folgte ihm, blieb jedoch abrupt stehen, als er ganz ungeniert sein Hemd auszog, es aus dem Fenster hielt und auswrang. Sie zog an ihrem T-Shirt, doch es blieb an ihrer Haut kleben.

“Es ist unfair, dass Männer das machen können”, sagte sie und setzte sich.

Chris schüttelte das Hemd aus und hängte es über eine Stuhllehne. “Tun Sie sich keinen Zwang an.”

Sie verzog das Gesicht.

Als er zur Bar ging, um ihre Getränke abzuholen, sah sie ihm hinterher. Er hatte den lockeren Gang eines Mannes, der selbstbewusst und mit sich im Reinen war. Er kam zurück, stellte das Wasser vor sie hin und strich ihr über die Wange. Es war eine beiläufige Geste, doch Lucy erstarrte.

“Ihnen klebte eine kleine Haarsträhne an der Wange”, erklärte er, bevor er sich setzte. Dann schwieg er.

“Erzählen Sie mir von sich”, bat Lucy nach einer Weile.

“Wir sollten uns duzen.”

“Was? Oh, okay. Du musst doch ein aufregendes Leben führen.”

“Mein Leben ist wunderbar. Perfekt. Ich reise durchs Land, meist an schöne, sonnige Orte wie diesen hier.” Er deutete zum Fenster, und sie mussten beide lachen. “Und mir gefällt, was ich tue.”

“Aber du verdienst nicht viel Geld damit. Und du bist nirgendwo zu Hause.”

“Ich habe ein kleines Haus in Florida. Aber es hält mich nie lange an einem Ort. Und das Geld ist mir egal.”

Sie setzte sich gerader hin. “Wie kann dir Geld egal sein? Ich meine, man braucht es, um zu leben und zu überleben. Es macht das Leben einfacher. Man kann damit Dinge kaufen, die einen glücklich machen.”

“Macht dich dein BMW und all das andere Zeugs glücklich?”

“Natürlich. Sehr. Ich steige gern in mein Auto und genieße den Luxus, die weiche Polsterung, den Geruch nach Leder. Und ich mag gern schnell fahren. Es gefällt mir, dass ich mir so etwas leisten kann. Außerdem habe ich gern einen geregelten Tagesablauf und finde es gut, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass ich einen Job zu erledigen habe.” Von der Leere in ihrem Inneren würde sie ihm natürlich nicht erzählen.

Er lehnte sich beinahe gelangweilt zurück. “Okay.”

“Okay?”

“Wenn du es sagst.”

“Es ist so. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich tun würde, wenn ich nicht meine Ziele hätte.”

“Solange du glücklich bist.”

“Oh ja, das bin ich.”

“Warum hast du dann deinen Mann wegen des Parks angelogen?”

“Möchtest du es wirklich wissen?” Er zuckte nur mit den Schultern, schien aber auf eine Antwort zu warten. “Es ist albern, ich weiß. Es ist diese Konkurrenz zwischen meinem Ex und mir. So war es schon immer, selbst als wir noch verheiratet waren. Und vor Tom waren es meine beiden Stiefschwestern, mit denen ich konkurriert habe, was von meinen Eltern auch gefördert wurde. Sie wollten das Beste aus uns herausholen und wollten, dass wir besser als die anderen waren.”

“Ich schätze, dass du sie sehr stolz gemacht hast.”

Sie war sich nicht sicher, ob er das herablassend gemeint hatte oder nicht. Er war nicht so einfach zu durchschauen wie ihr Exmann. “Ja”, sagte sie nur. Sie wollte nicht mehr über sich reden. “Und du? Bist du glücklich?”

“Ja.”

“Wie kommt es, dass du Delfine mehr magst als Menschen? Warum bleibst du nicht gern lange an einem Ort?”

“Weil ich die Einsamkeit liebe und es nicht mag, wenn andere Leute mir zu viele Fragen stellen.”

“Aber warum …” Sie brach ab, als ihr klar wurde, was er ihr damit hatte sagen wollen. Doch sie brannte darauf, alles von ihm zu erfahren. Natürlich nur aus Neugier. “Kannst du mir dann wenigstens verraten, warum du im Gefängnis warst?”

Er hob eine Augenbraue und lächelte. “Du gibst nicht so schnell auf, was?”

“Ich möchte nur wissen, ob du ein Massenmörder oder so was Ähnliches bist.” Sie zuckte mit den Schultern. “Rein zur Information.”

Er stand auf und ging mit seiner leeren Flasche hinüber zur Bar. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, doch der Himmel war noch immer wolkenverhangen. Was war das überhaupt für ein Urlaub? Da verbrachte sie die Zeit in einem stickigen Büro und sollte über das Schicksal von mehreren Hundert Meereslebewesen und zwei Angestellten entscheiden, und in ihrer Freizeit hing sie mit einem Mann herum, der sie entweder ignorierte oder ärgerte. Sie sollte lieber die Schönheit der Insel würdigen.

Dann merkte sie, dass sie Chris anstarrte, dessen feuchte Locken auf die breiten, gebräunten Schultern fielen. Sie spürte, wie sich ein Kribbeln von ihrer Brust bis hinunter in die Zehenspitzen ausbreitete. Statt sich darüber zu ärgern, genoss sie dieses Gefühl einfach. Sie würdigte ja doch die Schönheiten der Insel. Vickis Ratschlag, sich auf eine Affäre einzulassen, schoss ihr durch den Kopf und verstärkte den verführerischen Effekt.

Chris kam wieder zu ihr an den Tisch, in der einen Hand eine Flasche Bier, in der anderen ein Mineralwasser. “Lass uns ein wenig spazieren gehen.” Ohne auf sie zu warten, marschierte er durch die Hintertür zum Strand.

Einen Moment lang saß sie da, obwohl alles in ihr darauf brannte, aufzuspringen und ihm zu folgen. Aber Lucy Donovan ließ sich nicht herumkommandieren. Auch nicht von einem gut aussehenden Mann. Nur wenn sie es selbst wollte, würde sie aufstehen und durch dieselbe Tür dort hinausgehen. Zufällig wollte sie das jetzt. Vielleicht würde sie sich ihm auch anschließen, wenn er die gleiche Richtung einschlüge, in die sie auch wollte. Sie blickte aus dem Fenster, entschied, dass die Richtung, die er gewählt hatte, okay war, und stand auf.

Ein paar Minuten später hatte sie ihn eingeholt. “Du wolltest mir erzählen, warum du im Gefängnis warst.”

Er warf ihr einen Seitenblick zu. “Wollte ich das?”

“Ja.”

Chris steuerte auf einen langen Bootssteg zu. Offensichtlich wurde er wie ein Fisch vom Wasser angezogen. Er betrat den Steg und ging ihr voraus. Sein Haar war noch immer feucht und zerzaust, sein Oberkörper nackt. Er wirkte wild, ungezähmt und unbekümmert, und es fiel Lucy schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie ihn so verflixt attraktiv fand.

Am äußersten Ende angekommen, hockte er sich hin, und sie setzte sich neben ihn. Versehentlich – zumindest redete sie es sich ein – stieß sie dabei mit dem Bein gegen seins. Er reichte ihr die Wasserflasche, und schweigend saßen sie eine Zeitlang so da.

“Du redest nicht gern, oder?”, fragte sie, als sie die Stille nicht länger ertrug.

“Schweigen ist besser. Es ist schön, einfach die Umgebung in sich aufzunehmen.”

“Aber es ist merkwürdig, wenn zwei Menschen nicht miteinander reden.”

Er neigte den Kopf. “Warum?”

“Ich weiß nicht, aber es ist so. Wenn man mit jemandem zusammensitzt, dann fühlt man sich doch irgendwie verpflichtet, Konversation zu betreiben.”

“Ich habe mich schon vor langer Zeit von diesen ganzen gesellschaftlichen Konventionen freigemacht. Genau genommen hatte ich meine besten Beziehungen mit Frauen, die kein Englisch verstanden. Wir haben schweigend dagesessen und die Gegenwart des anderen genossen.”

Sie konnte sich gut vorstellen, wie er die Gegenwart einer exotischen Schönheit genoss. Doch die Vorstellung gefiel ihr ganz und gar nicht, und das machte ihr am meisten zu schaffen. “Ich vermute, diese Beziehungen hielten nie sehr lange.”

“Nein.”

“Das scheint dich nicht zu stören.”

“Nein.” Er starrte auf das Wasser. “Warst du schon mal schnorcheln?”

“Noch nie.”

Er nahm sie beim Arm und zog sie etwas nach vorn, sodass sie hinunter ins Wasser schauen konnte. Seine Berührung überraschte sie, weil sie so plötzlich kam.

“Bist du nicht neugierig, was dort unten alles ist?”

“Ich habe mir im Park die Aquarien angesehen.”

Er schüttelte den Kopf. “Aber es ist etwas völlig anderes, die Lebewesen in ihrer eigenen Welt zu beobachten.”

“Es gibt ja so viele Dinge da unten”, sagte sie erstaunt und versuchte, etwas unter der Wasseroberfläche zu erkennen. Steine, Korallen, Gebilde, die aussahen wie Finger und im Wasser trieben, und zwei kleine schwarze Fische, die sich entweder paaren wollten oder miteinander kämpften. Aus irgendeinem Grund erinnerten sie diese an sich und Chris.

“Und all diese Dinge”, sagte er und warf ihr lächelnd einen Seitenblick zu, “sind glücklich in ihrer Welt so wie du in deiner. Nur weil wir sie in Aquarien halten können, heißt das nicht, dass wir es tun sollten. Deshalb bin ich im Gefängnis gewesen.”

Sie blinzelte. “Ich glaube, ich habe irgendetwas verpasst.”

“Während der neun Jahre, die ich im Aquatic Wonders gearbeitet habe, dachte ich anfangs, die Delfine wären glücklich. Die meisten Menschen tun das, weil sie es glauben wollen.”

“Sogar Liberty sieht glücklich aus. Ich meine, er hat dieses Lächeln.”

“Das ist nur eine angeborene Eigenschaft, eine Illusion. Delfine können unglücklich sein und trotzdem glücklich aussehen. Leider. Ich bin auf einem Charterboot aufgewachsen und habe fast täglich Delfine beobachten können, deshalb hörte sich der Job im Aquatic Wonders so gut an. Ich dachte, ich wüsste eine Menge über diese Tiere. Ich betrachtete mich als ihr Freund und Verbündeter. Dann wechselte der Park seinen Besitzer, und für die Delfine begann eine schlimme Zeit. Die Qualität der Fische, die wir verfütterten, wurde immer schlechter, die Stunden, in denen wir mit den Delfinen arbeiteten, wurden gekürzt, und man trennte sie, statt sie zusammen zu lassen.”

“Oh, aber es sind doch gesellige Tiere”, sagte sie betroffen, weil sie sich daran erinnerte, dass Chris das einmal erwähnt hatte.

Bei ihren gefühlvollen Worten wurde sein Gesichtsausdruck weicher. Er wandte sich abrupt ab und fuhr fort: “Ich habe vergeblich versucht, dem Besitzer das klarzumachen. Ich habe dann jede freie Minute mit den Delfinen verbracht, damit sie nicht so einsam waren. Eines Tages war ich nahe der Küste tauchen, als eine Herde an mir vorbeizog. Ich beobachtete sie, wie sie spielten und schwammen und miteinander agierten, und da wurde mir klar, wie anders sie waren als die Delfine, mit denen ich arbeitete. Sie empfanden anders. Sie waren glücklich.” Er schaute sie wieder an. “Wirklich glücklich.”

“Glücklich”, wiederholte sie leise, fasziniert von der Leidenschaft, die in seinem Blick lag.

“Diese Erkenntnis hat alles verändert. Ich wollte die fünf Delfine, die wir in Gefangenschaft hielten, freilassen. Ich sprach mit dem Manager, dem neuen Besitzer, aber niemand wollte mir zuhören. Ein Reporter bekam Wind von der Sache und interviewte mich, und sobald der Artikel erschien, wurde ich gefeuert. Doch ich konnte den Gedanken, diese Delfine ihrem Schicksal zu überlassen, nicht ertragen. Also zerschnitt ich die Netze, die das Delfingehege vom Meer abteilten, um sie zu befreien. Ich versuchte, sie hinauszubefördern, doch sie kamen zurück. Da habe ich begriffen, dass man sie nicht einfach freilassen kann. Wie sollten sie auch überleben, wenn sie so lange nur toten Fisch zu essen bekamen?

“Der neue Besitzer ließ mich wegen Vandalismus verhaften, also prangerte ich in der Öffentlichkeit die hohe Sterberate von Delfinen in solchen Parks an. Ich verbrachte ein paar Tage im Gefängnis, bevor wir uns einigten. Er wollte keine Anklage erheben, und ich sollte die Delfine in Ruhe lassen. Es folgten ein paar Zeitungsartikel und Fernsehauftritte, und so wurde ich zum Retter der Delfine. Ich gründete die Gesellschaft zur Befreiung von Delfinen, fand ein paar Geldgeber und setzte meinen Kampf fort.”

Seine Geschichte hatte sie tief berührt, obwohl er, wie er immer betonte, kein Mitleid wollte.

“Schau mich nicht so an, Lucy”, sagte er leise und benutzte zum ersten Mal ihren Namen ohne das Miss davor. “Es ist einfach mein Job.”

“Ich weiß, ich weiß, du bist kein Held.”

“Nein, ich habe nur einige Delfine dorthin zurückgebracht, wo sie hingehören.”

Sie atmete tief durch, verwirrt von den Gefühlen, die Chris in ihr auslöste. Er war ihr ein Rätsel. Er glaubte auch an die Arbeit, die er tat, aber auf eine ganz andere Art und Weise als sie.

Plötzlich beugte er sich vor, und sein Blick heftete sich verlangend auf ihren Mund. Sie wusste, dass sich dieses Verlangen auf ihrem Gesicht widerspiegelte, während sie ihn wie gebannt ansah.

Der Kuss überraschte sie, obwohl sie sich mit jeder Faser ihres Körpers danach gesehnt hatte. Es war ein leichter Kuss, doch er verhieß heiße karibische Nächte und nackte Körper, die sich lustvoll unter dem Vollmond wanden. Sanft strich er mit den Lippen über ihre und zog den Kuss in die Länge. Ehe sie vor Wonne noch dahinschmolz, löste sie sich von ihm.

Sie versuchte, sich zu beherrschen, doch ihre Stimme klang belegt, als sie beinahe vorwurfsvoll sagte: “Du hast mich geküsst.”

“Und du hast den Kuss erwidert.” Er stand auf und zog sie mit sich hoch.

“Aber du hast damit angefangen.”

Er verzog den Mund zu einem leichten Lächeln. “Ja, und da wir das jetzt erledigt haben, können wir wieder dazu übergehen, uns nicht zu mögen.” Er schaute zum Himmel, an dem sich die Wolken langsam auflösten. “Lass uns zurück zum Park fahren. Das Gewitter scheint vorbei zu sein, und ich habe noch viel Arbeit mit Liberty vor mir.”

Ihn nicht mögen? Nach dem Kuss? “Okay. Ich muss sowieso noch einmal über Crandalls Angebot nachdenken.” Und über diesen Kuss.

“Du willst den Park doch wohl nicht an diesen Kerl verkaufen, oder?”

“Warum nicht?”

“Er sieht schmierig aus.”

“Soll ich ihm vielleicht sagen: ‘Sie sehen schmierig aus, ich werde nicht mit Ihnen verhandeln?’“

“Warum nicht?”

“Tut mir leid, das ist nicht mein Stil.”

“Nein, vermutlich nicht. Was habe ich mir nur dabei gedacht?”

Sie schaute ihn prüfend an. “Du willst mich doch bloß schon wieder ärgern. Und ich dachte, wir hätten so eine Art Waffenstillstand geschlossen. Schließlich hast du mich geküsst. Also musst du mich wenigstens ein bisschen mögen.”

Er strich ihr sanft über die Wange. “Du weißt so gut wie ich, dass zwei Menschen, die sich nicht mögen, sich nicht küssen. Und wenn es schon mit dem Küssen so gut klappt, überleg nur mal, wobei wir sonst noch harmonieren könnten. Aber das würde einen Mann wie mich, der sich um einen Delfin kümmern muss, ziemlich ablenken. Und auch eine Frau wie dich, die sich um einen Freizeitpark kümmern muss. Daher sollten wir diesen Kuss vergessen und so tun, als wäre nichts geschehen.”

Wir sollen so tun, als wäre nichts geschehen? dachte sie. So wie er jetzt auf meinen Mund starrt, wird das bestimmt nicht funktionieren.

6. KAPITEL

“Frauen”, murmelte Chris und lockte Liberty mit einem Fisch an. Nicht alle Frauen hinterließen bei ihm solch eine Wirkung. Selbst eine Stunde, nachdem er mit Lucy in den Park zurückgekehrt war, hatte er sich noch immer nicht beruhigt. “Frauen”, murmelte er wieder, und Liberty hob den Kopf aus dem Wasser und nickte zustimmend. Dafür bekam er einen Fisch.

Chris hatte nichts gegen gelegentliche Gesellschaft von Frauen, aber Lucy gehörte nicht zu dieser Art Frauen. Sie kam aus einer anderen Welt, und er sollte sich nicht von ihr ablenken lassen.

Aber genau das tat er.

Und es gefiel ihm kein bisschen.

Warum hatte er sie dann überhaupt geküsst? Er hatte weder darüber nachgedacht, noch war er sich der Auswirkungen bewusst gewesen. Es war einfach aus einem Impuls heraus geschehen.

Aus dem Augenwinkel sah er jetzt, wie sie das Büro verließ und zu ihm herüberkam.

“Hallo!”, sagte sie, stellte sich ans Becken und steckte die Hände in die Taschen ihrer Shorts.

“Hallo!”, erwiderte er, wobei er sich bemühte, nicht zu ihr hinzusehen. Er nahm einen Fisch aus dem Eimer und tauchte, um ihn Liberty unter Wasser zu geben.

Als Chris nach Luft schnappend wieder hochkam, hoffte er, dass Lucy gegangen wäre, doch stattdessen saß sie jetzt am Beckenrand. Sie ist schon ein harter Brocken, dachte er verärgert. Leute, die seine Arbeit behinderten, vertrieb er, indem er sie ignorierte oder unhöflich behandelte. Und da man Lucy kaum ignorieren konnte, musste er es wohl mit Unhöflichkeit versuchen.

“Gibt es keinen anderen, um den du dich kümmern kannst?”, rief er ihr zu. “Schmierige Makler zum Beispiel?”

“Warum? Störe ich?”

“Ja.” Als sie beleidigt aufstand, fügte er versöhnlich hinzu: “Es ist nichts Persönliches. Übrigens bekommst du einen Sonnenbrand. Du solltest Sonnencreme auftragen.” Verflixt, das sollte unhöflich sein? Er klang ja eher wie eine besorgte Mutter!

Sie neigte den Kopf und schenkte ihm ein Lächeln. “Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast.”

“Keine Ursache”, brummte er und widmete sich wieder Liberty.

In diesem Moment ertönte eine dünne Stimme hinter der Umzäunung. “Huhu, Lucy!” Crandall stand vor dem geschlossenen Eingangstor.

Lucy winkte ihn herein. “Es ist offen.”

Der Typ sieht untadelig aus, trotz der feuchten, schwülen Luft, konnte Chris nicht umhin festzustellen. “So, so, der schmierige Makler ist wieder da, um sich an dich heranzumachen”, bemerkte er bissig, als der Mann mit einem strahlenden Lächeln durch das Tor trat und näher kam. “Soll ich ihn wegschicken?”

Sie warf Chris einen vernichtenden Blick zu. “Danke, aber ich kann auf mich selbst aufpassen.” Damit drehte sie sich um und lächelte Crandall so freundlich an, wie sie nur konnte. “Hallo, Mr Morton.” Sie reichte ihm die Hand.

Er ergriff sie und hielt sie länger, als es für eine normale Begrüßung nötig gewesen wäre. “Es tut mir leid, dass wir Ihnen heute kein besseres Wetter bieten können.”

“Sind Sie etwa der Wettergott hier?”, mischte Chris sich unfreundlich ein.

Crandall musterte ihn abschätzig. “Natürlich nicht. Nur ein Sprecher für unsere Insel. Wir sind uns, glaube ich, noch nicht begegnet.”

“Nein.”

Lucy verdrehte die Augen. “Das ist Chris Maddox …”

Crandall nickte. “Der Delfindieb, nehme ich an.”

Chris öffnete schon den Mund, um das Missverständnis aufzuklären, doch Lucy griff schlichtend ein. “Chris hat die behördliche Genehmigung, Liberty freizulassen. Wie auch immer, ich fürchte, ich hatte noch keine Gelegenheit, über Ihr Angebot nachzudenken. Ich habe mir … äh … ich habe mir hier die Gegend ein wenig angesehen.” Chris hätte schwören können, dass sie rot geworden war.”

“Aber ich bitte Sie, das hat doch keine Eile. Eigentlich bin ich nur gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie vielleicht Ihre Meinung nicht doch noch geändert hätten und meine Einladung zum Essen annehmen.”

Verflixt, der Typ machte sich wirklich an sie heran. Chris hätte am liebsten eingegriffen und gesagt, dass sie beide bereits Pläne für heute Abend hätten. Aber er war kein Held, und er war nicht an Lucy interessiert. Zumindest redete er sich das ein. Außerdem, hatte sie ihm nicht gerade gesagt, dass sie auf sich selbst aufpassen könne? Er bemerkte, dass sie ihn fragend ansah, bevor sie sagte: “Gern. Schließlich habe ich heute Abend noch nichts vor.”

“Wunderbar”, erwiderte Crandall, nahm ihren Arm und zog sie mit sich. “Ich dachte an Weißwein und Hummer bei einem hoffentlich spektakulären Sonnenuntergang, wenn es aufklart.”

Lucy schaute sich noch einmal nach Chris um, und er glaubte, so etwas wie Angst in ihrem Blick zu sehen. Flüchtig hatte er den Impuls, sie zurückzuhalten. Er unterdrückte ihn und wandte sich ab. “Frauen …”, brummte er wieder und gab Liberty einen Fisch.

Lucy fühlte sich ein wenig gekränkt, als Chris sich von ihr abwandte. Aber was hatte sie auch anderes von ihm erwartet?

Crandall klemmte sich ihren Arm unter seinen und fuhr fort, ihr das Wetter der Bahamas zu erläutern. Sie entzog sich ihm, um das Tor zu öffnen, was man eigentlich auch mit einer Hand hätte tun können. Nachdem sie es wieder geschlossen hatte, hielt sie einen sicheren Abstand zu ihm.

Sie wunderte sich über sich selbst. Was war denn plötzlich mit ihr los? Sie hatte sich vor Kurzem noch auf dem Moped an Chris geschmiegt und es genossen, wie sie zugeben musste. Und dieser Mann, der wenigstens anständige Kleidung trug, wollte nur ihre Hand halten. Was wäre erst, wenn er versuchen würde, sie zu küssen? Sie lächelte in einem Anflug von Sarkasmus. Na ja, zumindest würde er ihr nicht hinterher sagen, sie solle es vergessen.

Er öffnete ihr die Tür zu seinem schnittigen Sportwagen und erzählte ihr dabei von dem Restaurant, das zum Teil ihm gehörte und in das er sie ausführen wollte.

Er fuhr genauso verrückt wie die Einheimischen, entschuldigte sich aber jedes Mal, wenn sie sich am Armaturenbett festklammern musste. Während der Fahrt sprach er ausschließlich von sich.

Sie dachte wieder an die Unterschiede zwischen Chris und Crandall und konzentrierte sich auf die positiven Aspekte bei Letzterem. “Wissen Sie, es ist erfrischend, einen Mann von sich reden zu hören, im Gegensatz zu Chris, der nur etwas von sich erzählt, wenn man ihn quasi dazu zwingt.”

“Ich habe von ihm gehört.

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