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Traummänner & Traumziele: Argentinien

Jennifer Lewis, India Grey, Melissa Mcclone, Melanie Milburne

Traummänner & Traumziele: Argentinien

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1. KAPITEL

Wie soll ich einen völlig fremden Menschen dazu bringen, mir seine DNA-Probe zu geben?

Im Tank des Mietwagens war kaum noch Benzin. Susannah Clarke hatte zwar gewusst, dass die Hazienda Tierra de Oro ziemlich weit außerhalb des argentinischen Mendozas lag, und auch entsprechend vorgesorgt. Aber hier draußen war alles viel größer, als Susannah es sich vorgestellt hatte.

Auch ihre Ängstlichkeit.

Zu ihrer Rechten blitzen die Sonnenstrahlen zwischen den schneebedeckten Spitzen der Anden hervor, und um sie herum erstreckten sich die fruchtbaren Weiten, auf denen einige der besten Weinsorten der Welt gediehen.

Als Susannah den Highway verließ, bewegte sich der Zeiger der Tankanzeige gegen null. Komm schon, noch ein kleines Stück, flehte sie im Stillen. Sie wollte nicht den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen müssen, um dann an eine Tür zu klopfen und zu verkünden: „Hallo, ich glaube, Sie sind der uneheliche Sohn meines Chefs – hätten Sie vielleicht ein paar Liter Benzin für mich?“

Sie schluckte und nahm den Fuß vom Gaspedal, um Sprit zu sparen. Langsam fuhr sie die Auffahrt entlang, auf die die Schatten von großen Zypressen fielen. Als sie ein Schild sah und nach rechts blickte, entdeckte Susannah vor den malerischen Bergen ein Gebäude. Die Weinkellerei von Tierra de Oro.

Sie fuhr weiter auf das Wohnhaus zu. Zur Abwechslung war sie nicht hierhergereist, um mit dem Winzer darüber zu sprechen, welche Art von Wein in dieser Gegend besonders gut angebaut werden konnte oder wie viele Kisten Wein Hardcastle Enterprises für sein Fünfsternerestaurant benötigte.

Die Auffahrt mündete in einen großen, üppig bepflanzten Garten, der ein hübsches, älteres Haus mit rotem Dach und großen Rundbogenfenstern umgab.

Susannah schaltete den Motor aus und stieg mit klopfendem Herzen aus.

Da hörte sie das Bellen. Laut, bedrohlich. Mit jeder Sekunde schien es näher zu kommen. Und schon jagten zwei große weiße Hunde an der Hausseite hervor und rasten auf sie zu.

Himmel …

Susannah stolperte zurück und zog hektisch am Türgriff. Sie sah sich bereits mit Bisswunden übersät auf der Türschwelle von Amado Alvarez liegen.

Die Autotür ging nicht auf.

„Hilfe!“, rief sie schließlich, als das erste Tier auf sie zusprang, sodass sie auf die Wagentür fiel. Der andere Hund blieb ein paar Schritte weiter entfernt stehen und bellte. Ein heftiger Schmerz durchfuhr Susannahs Ellenbogen, als sie gegen das halb geöffnete Fenster stieß. „Hilfe!“

Die Haustür flog auf, im nächsten Moment kommandierte jemand etwas mit tiefer Stimme. Sofort zogen die Hunde sich zurück, setzten sich und hechelten unschuldig. Susannah rang nach Atem, sie drückte sich an den Wagen und wagte nicht, sich von der Stelle zu rühren.

Ein großer Mann kam die Eingangstreppe herunter. „Bitte entschuldigen Sie die stürmische Begrüßung meiner Hunde.“

Er sprach Spanisch. Natürlich. Er wusste ja nicht, wer sie war. Das dunkelbraune Haar fiel ihm in die Stirn. Er hatte breite Schultern, eine schmale Hüfte und lange, kräftige Beine.

Er sah verdammt gut aus. Susannah wusste, dass er ungefähr dreißig Jahre alt war – so alt wie Tarrant Hardcastles Sohn. Sekundenlang glaubte sie, dass ihr das Herz, das nach der bedrohlichen Situation mit den Hunden schneller schlug, jetzt stehen blieb.

Hastig stieß sie sich vom Wagen ab und streckte die Hand aus. „Zumindest brauchen Sie sich keine Sorge um Einbrecher zu machen.“

Er schenkte ihr ein Lächeln, und sie sah seine strahlend weißen Zähne, die sich von der gebräunten Haut abhoben. Augenblicklich verspürte Susannah ein Kribbeln, das nichts mehr mit Angst zu tun hatte. Sie erwiderte seinen festen Händedruck.

Bildete sie es sich nur ein, oder drückte er ihre Hand auf besondere Weise? Und glänzten seine Augen, weil er sich über sie amüsierte und sich ihr überlegen fühlte?

Für gewöhnlich konnte sie sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen. Susannah ahnte, dass dieser Mann es gewöhnt war, seinen Willen durchzusetzen. Seine Gesichtszüge wirkten aristokratisch und vornehm. Und er trat gelassen und selbstbewusst auf.

„Entschuldigt euch bei der Dame.“ Nachdem er mit den Fingern geschnippt hatte, streckten sich die beiden Hunde gehorsam vor Susannah aus.

„Ich bin beeindruckt.“

„Cástor und Pólux benehmen sich sonst sehr gut. Ich weiß nicht, warum sie so aufgeregt sind …“ Er hielt inne und ließ den Blick anmaßend über ihre blaue Jacke bis hinunter zu dem weich fließenden Baumwollrock schweifen. „Vielleicht weiß ich es aber doch.“ Seine Augen schimmerten dunkel. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Sind Sie Amado Alvarez?“

„Zu Ihren Diensten.“ Er deutete eine Verbeugung an, was auf Susannah spöttisch wirkte. „Und wer sind Sie?“

„Susannah Clarke.“ Sie atmete tief ein. „Ich … ich würde gern etwas Privates mit Ihnen besprechen.“

Er zog die wohlgeformten Augenbrauen leicht hoch. „Wie interessant. Kommen Sie herein.“

Schweigend führte er sie die breite Treppe hinauf und geleitete Susannah in ein großes Wohnzimmer. Um einen beeindruckenden Kamin standen gemütlich aussehende Sofas.

„Etwas Privates, sagten Sie?“, fragte er und bedeutete ihr, auf einem der Ledersofas Platz zu nehmen. Er setzte sich höflich neben sie, während Susannah beobachtete, wie die Hunde, die ihnen gefolgt waren, sich nun auf den Teppich vor dem Kamin legten.

„Ja.“ Susannah faltete die Hände im Schoß, um sich die Nervosität nicht anmerken zu lassen. „Haben Sie jemals von Tarrant Hardcastle gehört?“

„Nein, sollte ich?“

„Na ja …“ Susannah fühlte sich alles andere als wohl. Wenn sie diese Sache vermasselte, war sie vermutlich ihren Job los. „Ich weiß nicht so recht, wie ich es sagen soll, aber er glaubt, dass er Ihr Vater ist. Und er würde Sie gern treffen.“

Amado kniff die Augen zusammen und lächelte. „Soll das ein Witz sein? Wer hat Sie dazu angestiftet? Tomás?“

Sie atmete tief durch und erklärte ernst: „Ich fürchte, es ist kein Witz. Tarrant glaubt, dass er mit Ihrer Mutter in Manhattan eine Affäre hatte, in den späten Siebzigern …“

Jetzt lachte Amado auf. „Manhattan? In New York?“

„Ja. Sie hat dort Kunst studiert. Jedenfalls glaubt Tarrant, sich daran zu erinnern.“

Er sah sie entgeistert an. „Meine Mutter … soll in New York Kunst studiert haben?“ Er brach in schallendes Gelächter aus. Dann wandte er den Kopf und rief: „Mamá!“

Seine Stimme hallte durch das Haus, und Susannah zuckte zusammen. Gleich wurde eine Frau, die jetzt vermutlich um die fünfzig war und ein ehrbares Leben führte, mit einer Jugendsünde konfrontiert. Wie unangenehm.

„Was ist, Schatz?“, antwortete eine sanfte Stimme.

Susannah stand auf, als Amados Mutter den Raum betrat. Die kleine, rundliche Frau hatte graues Haar, trug eine Brille und offenbar bequeme Schuhe. Bei dem Anblick blinzelte Susannah überrascht. Mrs. Alvarez war das absolute Gegenteil zu Tarrants jetziger Ehefrau, einer ehemaligen Schönheitskönigin.

Amado erhob sich ebenfalls und gab ihr einen Kuss. „Mamá, das wird dir gefallen. Aber lass mich dich erst vorstellen. Susannah Clarke, das ist meine Mutter, Clara Alvarez.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Clara freundlich und schüttelte Susannahs Hand. Ihre Haut war genauso weich wie ihre Stimme. „Sind Sie weit gereist?“

Sie schluckte. „Ich komme aus New York.“

„Mamá, bist du jemals in New York gewesen?“

Susannah hätte schwören können, dass die ältere Frau sich plötzlich veränderte. Sie verspannte sich, und ihre Miene verhärtete sich. „Nein, nie.“

„Miss Clarke scheint zu glauben, dass du dort in den Siebzigern Kunst studiert hast.“

Clara Alvarez lachte. Es war jedoch kein natürliches Lachen, sondern klang hart und gequält. „Was für ein Unsinn! Ich bin nie weiter als bis nach Buenos Aires gekommen. Wie kommt sie auf so etwas Verrücktes?“

Als sie über den Rand der Brille schaute, las Susannah Misstrauen und Tadel in den blassblauen Augen. Sie zögerte. Es kam ihr unvorstellbar vor, dass Tarrant ein Verhältnis mit dieser … kleinen Frau gehabt haben sollte. Vor dreißig Jahren war sie schon nicht mehr blutjung gewesen. Und Tarrants Ehefrau Samantha war halb so alt wie er, wenn überhaupt.

„Entschuldigen Sie mich, ich muss mich ums Essen kümmern.“ Clara nickte zum Abschied und ging.

„Wissen Sie, was ich meine?“ Amado zog eine Augenbraue hoch. „Es tut mir leid, es zu sagen, aber ich glaube, Sie sind beim falschen Amado Alvarez gelandet.“

Susannah runzelte die Stirn. Alvarez war tatsächlich ein häufig vorkommender Nachname in Andalusien … Konnte es sein, dass die Detektive sich geirrt hatten?

In Tierra de Oro war sie auf jeden Fall richtig. Und sie hatte den Auftrag bekommen, nicht ohne eine DNA-Probe dieses Amado Alvarez zurückzukehren. Außerdem drängte die Zeit. Denn Tarrant Hardcastle lebte schon länger, als seine Ärzte prognostiziert hatten, und wenn er seinen Sohn noch treffen wollte, ehe es zu spät war …

„Die Sache könnte mit einem einfachen Test geklärt werden. Wenn Sie so freundlich wären, mir eine DNA-Probe zu überlassen, könnte ich sie sofort auswerten lassen, und wir wüssten Bescheid.“

Erstaunt sah er sie an. „DNA? Sie wollen mein Blut?“

„Es muss nicht unbedingt Blut sein“, erwiderte sie lächelnd. „Genau genommen wäre ein Abstrich Ihrer Mundschleimhaut am besten.“

Instinktiv presste er sich die Hand an die Wange, als hätte er Angst, jemand könnte ihn verletzen. „Nein.“

In diesem Moment kam Clara wieder in das Wohnzimmer, in Begleitung eines Manns mit silbergrauem Haar, der Susannah anstarrte. Clara flüsterte ihm so schnell etwas auf Spanisch zu, dass Susannah die Worte nicht verstand.

Als spürten sie die plötzliche Anspannung, standen die Hunde auf.

Der ältere Mann schritt auf Susannah zu und nickte ihr kurz zu. „Junge Frau, ich bin Ignacio Alvarez, und Amado ist mein Sohn. Ihre Angelegenheit hier ist beendet. Erlauben Sie mir, Sie zu Ihrem Wagen zu begleiten.“

Dieser Mann hat braune Augen, genau wie Amado, während Tarrant blaue Augen hat. Wenn Tarrant und Clara eine Affäre hatten, müsste Amado doch blaue Augen haben, überlegte Susannah. „Ich … Ich“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Wenn sie ohne DNA nach Hause kam, war Tarrant wütend und würde ihr wahrscheinlich kündigen. Oder sie wieder hierher schicken. Oder beides.

„Papá, ich bin entsetzt.“ Amado trat zwischen seinen Vater und Susannah. „Diese junge Frau irrt sich vielleicht, aber sie ist den ganzen Weg von New York hierher gekommen. Und wir haben ihr nicht einmal eine Erfrischung angeboten.“

Susannah schaute von einem Mann zum anderen. Amado war groß, mindestens einen Meter achtzig – so wie Tarrant –, wohingegen Ignacio ziemlich klein war. Trotzdem …

„Mein Sohn, ich finde wirklich, dass …“

Amado hob die Hand und wandte sich an Susannah. „Darf ich Ihnen eine Kleinigkeit zu essen und einen Kaffee anbieten? Oder würden Sie lieber ein Glas Wein trinken?“

„Ich bin Weineinkäuferin für Hardcastle Enterprises“, erwiderte Susannah spontan. Vielleicht konnte sie das Ganze zu einer Geschäftsreise machen und auf die heikle, persönliche Angelegenheit später zurückkommen. „Deshalb würde ich gern Ihren Wein probieren. Vielleicht kann ich bei Ihnen etwas für unser Restaurant bestellen.“

„Wunderbar. Mamá, bittest du Rosa, etwas für unseren Gast zuzubereiten und uns eine Flasche des 2004er Malbecs zu öffnen?“

Susannah entging nicht, wie finster Ignacio sie musterte. Sie wandte schnell den Blick ab. Es war ja auch kein Wunder, dass er wenig begeistert reagierte, wenn jemand unterstellte, dass sein Sohn vielleicht gar nicht sein Sohn war.

Clara hatte den Raum bereits wieder verlassen, wodurch Susannah sich jedoch nicht wohler fühlte. Sie zwang sich, professionell zu bleiben, und fragte lächelnd: „Welche Sorten bauen Sie auf Tierra de Oro an?“

„Vor allem Cabernet Sauvignon und Malbec, aber da unser Anbaugebiet relativ hoch liegt, experimentieren wir laufend mit neuen Sorten.“ Amado wirkte inzwischen wieder völlig gelassen. „Lassen Sie uns nach draußen gehen, dann zeige ich es Ihnen.“

Er führte sie an Ignacio vorbei und hinaus auf eine Terrasse, von der aus Susannah den südlichen Teil des Anwesens überblickte. In schnurgeraden Reihen erstreckten sich die Weinstöcke über das Land bis hin ins Vorgebirge der majestätischen Anden.

„Was für ein besonderer Ort.“ Sie hatte die Worte versehentlich laut ausgesprochen, ohne nachzudenken. Doch die Stimmung hier draußen überwältigte sie einfach. Das Licht war faszinierend, es war hell und gleichzeitig sehr weich.

Ruhig schaute Amado über das Land. „Ja, es ist etwas Besonderes. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.“

Susannah erschrak. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Amado vielleicht das Recht verlor, dieses Anwesen zu betreiben, wenn sich herausstellte, dass er nicht Ignacios Sohn war. „Wie lange lebt Ihre Familie schon hier?“

„Schon immer.“ Er lächelte stolz. „Jedenfalls kommt es mir so vor. Der erste Alvarez ist 1868 aus Cádiz hier hergekommen und hat eine Einheimische geheiratet. Seitdem leben wir hier.“

„Ich verstehe, warum. Es ist sehr schön hier.“ Susannah hatte noch nie länger als drei Jahre an einem Ort gelebt. Und daran trugen ihre Eltern, die als Missionare arbeiteten, inzwischen keine Schuld mehr. Seit sie erwachsen war, wechselte Susannah alle paar Jahre den Wohnort.

„Seit damals hat sich natürlich viel verändert, aber wir tun unser Bestes, um das Land zu hegen und zu pflegen.“

„Haben Sie schon immer Wein angebaut?“, fragte sie und bemühte sich, ihm zu zeigen, dass sie ihn als Alvarez ansah.

„Es hat immer ein paar hundert Weinstöcke gegeben, hauptsächlich aber zum Eigenbedarf. Doch das meiste hiervon …“ Er machte eine ausholende Handbewegung. „Fast alles, was Sie sehen, ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren gepflanzt worden, nachdem ich meinen Vater davon überzeugen konnte, von Viehwirtschaft auf Weinanbau umzustellen.“

Hinter ihnen wurde die Tür geöffnet, und eine kleine, weißhaarige Frau trat mit einem Tablett zu ihnen, auf dem Weingläser und ein paar Gebäckstücke angerichtet waren.

„Vielen Dank, Rosa.“ Amado nahm ihr das Tablett ab und stellte es auf die Steinmauer, die die Terrasse umgab. Susannah lächelte Rosa zu – erntete jedoch nur einen eisigen Blick.

„Der 2004er Malbec ist einer unserer meistverkauften Weine. Er ist mehrfach ausgezeichnet worden und hat uns internationale Anerkennung eingebracht. Mal sehen, was Sie davon halten“, erklärte Amado stolz und reichte ihr ein Glas.

Sie bewunderte die dunkelrote Farbe des Weins, die sich leuchtend gegen die weißen Bergspitzen und den blassblauen Himmel abhob. Das Bouquet war jung, fruchtig – vielleicht schon ein wenig zu sehr für ihren Geschmack. Dann nippte Susannah. Sie trank nur einen winzigen Schluck, gerade so viel, dass ihre Geschmacksknospen reagierten.

Amado sah sie erwartungsvoll an.

„Köstlich.“ Das war nicht gelogen. Es war ein kräftiger, fantastischer Wein.

„Finde ich auch. Es ist okay, wenn man stolz auf sein Produkt ist, oder?“

„Auf jeden Fall“, meinte sie und erwiderte sein Lächeln. Nachdem sie das vollmundige, warme Aroma erneut gekostet hatte, das von dem sonnenverwöhnten Boden in dieser umwerfenden Landschaft zeugte, fragte Susannah: „Wie viele Kisten können Sie mir verkaufen?“

Amado warf den Kopf zurück und lachte, sodass Susannah nicht anders konnte, als seinen gebräunten Hals und die kräftigen Muskeln zu betrachten. „Sie kommen gleich zur Sache, was? Ich habe ja schon gehört, dass Amerikaner keine Zeit verschwenden.“

Irritiert blinzelte sie. War ihr professionelles Interesse am Wein unter diesen Umständen unpassend? Sie war sich jedoch sicher, dass Tarrant den Wein für das Fünfsternerestaurant in Manhattan erwerben wollte. „Sind Sie an keinem Verkauf interessiert?“

„Doch, doch, natürlich. Wein zu verkaufen ist mein Geschäft.“ Seine Miene verriet, wie sehr ihn das Gespräch amüsierte.

„Warum lachen Sie mich dann aus?“

„Sie sind so ernst.“ Er hob den Teller. „Probieren Sie Rosas Alfajores.“

Höflich nahm Susannah sich eine der Blätterteigtaschen, die, wie sie nach dem ersten Bissen feststellte, mit Karamell gefüllt waren. Lecker.

Amados Blick ruhte auf ihrem Mund. „Rosa ist die beste Köchin in ganz Mendoza.“

„Das glaube ich gern. Wie viel kann ich Ihnen hiervon abkaufen?“

Wieder lachte er, und Susannah war erleichtert, dass er diesmal mit ihr und nicht über sie lachte. Aber es wurde Zeit, dass sie wieder auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zurückkam. „Ihre Eltern wirken nicht besonders erfreut.“

„Ja“, stimmte er ihr zu.

Mutig fügte sie hinzu: „Als wüssten sie etwas.“ Sie zögerte und wartete, bis er seine eigenen Schlüsse gezogen hatte.

Doch Amado blickte nur schweigend zu den Bergen.

„Sie haben versucht, mich so schnell wie möglich loszuwerden, weil sie nicht wollten, dass Sie sich anhören, was ich zu sagen habe.“ Sie schaute ihn geradeheraus an. „Das wissen Sie, oder?“

„Ich muss zugeben, dass sie sich merkwürdig verhalten haben.“

Amado Alvarez war sich seiner Sache offenbar immer sicher. Vermutlich schwankte er nie in seiner Meinung und war nie unsicher. Susannah sah ihm an, dass er ihr am liebsten gesagt hätte, wie sehr sie sich täuschte. Aber das konnte er nicht.

Amado beobachtete, wie der Sommerwind mit Susannahs langem, dunklen Haar und dem weiten Rock ihres Kleides spielte. Die hübsche Susannah war offenbar peinlich berührt, weil sie in seine Privatsphäre hatte eindringen müssen. Und sie wirkte entsprechend nervös. Wozu sie auch allen Grund hatte.

Was war das überhaupt für eine verrückte Geschichte? Natürlich sollte er sie sofort als unglaubwürdig abtun. Schließlich besaß er eine Geburtsurkunde, auf der Clara und Ignacio als seine Eltern vermerkt waren. Ignacio hatte sie ihm eigenhändig übergeben und viel Wert darauf gelegt, dass Amado sie sicher verwahrte.

Warum hatten seine Eltern sich Susannah gegenüber bloß so merkwürdig verhalten? Sogar bei unausstehlichen Gästen, die zu viel Wein tranken, blieben seine Eltern sonst immer höflich und freundlich. Was ging hier vor?

Amado trat näher an Susannah heran, bis er ihren leichten blumigen Duft wahrnahm, der gut zu ihrem zurückhaltenden, geschäftsmäßigen Auftreten passte. „Warum haben Sie diesen merkwürdigen Auftrag übernommen?“

„Tarrant Hardcastle ist mein Chef. Ich bin für seine Firma oft auf Reisen, normalerweise auf der Suche nach Wein. Vermutlich hat es mich getroffen, weil ich sieben Sprachen spreche, unter anderem Spanisch. Tarrants Tochter Fiona wäre auch gekommen, aber niemand wusste, ob Sie Englisch sprechen.“

„Das tue ich“, erwiderte er auf Englisch.

„Sehr schön.“ Sie lächelte. „Dann hätte man mich gar nicht zu schicken brauchen, aber jetzt bin ich hier.“ Während sie seinem Blick auswich, zuckte sie die Schultern. „Ich liebe meinen Job, und ich würde ihn gern behalten.“

„Und dafür brauchen Sie mein Blut.“ Er hatte nicht die Absicht, sich darauf einzulassen. Allerdings war sie in dieser Angelegenheit so ernst, dass er nicht widerstehen konnte, Susannah ein wenig herauszufordern.

„Wie ich schon sagte, ein kleiner Abstrich genügt.“

Amado kam auf einmal eine Idee. „Könnten Sie ihn sich mit einem Kuss holen?“

Sie riss die Augen auf und errötete. Niedlich, fand Amado.

Leider riss sie sich jedoch genauso schnell wieder zusammen. „Sie meinen, ich soll Ihnen eine Probe entnehmen?“

Die Vorstellung, von ihr geküsst zu werden, erregte ihn. „Darauf könnte ich mich vielleicht einlassen. Natürlich nur, wenn Sie wollen.“

„Ich glaube, das wäre nicht sehr wissenschaftlich. Meine DNA würde sich mit Ihrer vermischen.“

„Umso besser.“ Amado blickte wie gebannt auf ihre Lippen, bis sie den Mund öffnete und kurz lachte. Allerdings klang es gekünstelt. Gut, dachte er, also mache ich sie nervös. „Ich bin bereit. Sie können sich Ihre Probe sofort holen.“

Sie kniff die hübschen Augen zusammen. „Meine Freundin hat mich vor den argentinischen Männern gewarnt.“

„Ach ja?“ Langsam ließ er seinen Blick über ihr Gesicht und den Hals gleiten und bewunderte den sinnlichen Schwung ihrer Lippen und ihr stolzes Kinn.

„Sie meinte, die wären ziemlich arrogant und selbstherrlich.“

Amado war versucht, mit Ja, und? zu antworten, unterließ es aber. Der Versuchung, ihre festen Brüste und die schmale Taille zu betrachten, konnte er jedoch nicht widerstehen.

Unter seinem Blick zuckte sie kaum merklich zusammen, womit sie sein Verlangen hingegen nur schürte. Fasziniert sah er auf ihre langen, schlanken Beine, als ihr der Rock im Wind an die Hüfte gepresste wurde.

„Mich hat noch nie eine schöne Frau nach meiner DNA gefragt. Ich wäge nur alle meine Möglichkeiten ab.“ Amado hob den Blick wieder und verbarg nicht, wie sehr er ihren Anblick genoss.

Ihr züchtiges und zurückhaltendes Verhalten weckte in ihm den Wunsch, sie nackt und atemlos vor Lust zu erleben. Amado stellte sich vor, diese Frau zu verführen, damit sie die DNA und alles vergaß, was mit dieser verrückten Geschichte zusammenhing. „Wie kommt Ihr Chef eigentlich darauf, dass ausgerechnet ich sein Sohn sein soll?“

„Er hat vor einigen Monaten einen Detektiv engagiert und ihm alles über die Mütter erzählt, auch wann sie ihre Kinder zur Welt gebracht haben.“

„Soll das heißen, dieser Mann hat mehrere Kinder, die er noch nie getroffen hat?“, fragte er entsetzt.

Sie nickte. „Es ist eine etwas heikle Situation. Ich habe den Detektiv nicht kennengelernt, ich weiß nur, dass er Sie hier aufgespürt hat. Vielleicht hofft Tarrant einfach nur, dass er den Richtigen erwischt hat.“

„Ich kann nicht der Richtige sein“, erklärte Amado fest. Es war einfach unmöglich!

Sie zuckte die Schultern und lächelte zaghaft – womit sie wieder den Wunsch in ihm hervorrief, diese sinnlichen Lippen zu küssen. „Es scheint wirklich unwahrscheinlich zu sein. Und jetzt bin ich hier, weil es mein Auftrag ist.“

„Machen Sie immer das, was man Ihnen sagt?“

„Es kommt darauf an, wer mich fragt und wie sehr ich demjenigen vertraue“, entgegnete sie prompt.

Er glaubte ihr. Und ihre ehrliche Antwort machte Susannah für ihn noch attraktiver. Er sah ihr tief in die Augen und fragte, ohne lange zu überlegen: „Wie wäre es denn, wenn ich Ihnen eine DNA-Probe gebe – nur um zu beweisen, dass Sie unrecht haben, versteht sich. Und Sie verbringen im Gegenzug die Nacht mit mir?“

2. KAPITEL

Susannah war perplex. Schließlich zwang sie sich zu lachen. „So kann man natürlich auch zu einer DNA-Probe kommen. Allerdings bezweifle ich, dass Ihre Eltern damit einverstanden wären.“

Plötzlich marschierte Ignacio Alvarez zu ihnen auf die Terrasse, als hätte er gelauscht. Susannah überlegte bestürzt, dass er es wahrscheinlich wirklich getan hatte. Denn Clara folgte ihm und zupfte nervös an seiner Jacke.

Kühl und gelassen hob Amado die Flasche. „Möchtet ihr mit uns ein Glas Wein trinken?“

Ignacio sah ihn grimmig an. „Amado, wir müssen dringend etwas mit dir besprechen.“

„Ich kann mir nichts Dringenderes vorstellen, als Miss Clarke zu unterhalten. Du hast doch gehört, sie kauft Wein für eine große New Yorker Firma. Und wir wollen unsere Weine sowieso in die Staaten exportieren. Das könnte die Chance sein, auf die wir gewartet haben.“

Er zwinkerte Susannah unbemerkt zu. Sie freute sich im Stillen, weil es ihr gelang, einen unbeteiligten Gesichtsausdruck zu wahren.

„Sie ist unangekündigt hier aufgetaucht. Es wurde kein Termin vereinbart.“ Ignacio warf ihr einen misstrauischen Blick zu.

Sie wusste, dass Tarrants Mitarbeiter lange versucht hatten, einen Termin zu bekommen. Doch die Anrufe waren ignoriert worden. Vermutlich von Ignacio. Deshalb hatte sie das Anwesen unangemeldet betreten.

Ihre Neugier nahm zu, und sie blickte zu Clara, die nun beinah ängstlich wirkte.

„Dad, warum ist dir Susannahs Besuch so unangenehm? Du glaubst doch wohl nicht diese verrückte Geschichte, dass ich der uneheliche Sohn ihres Chefs bin, oder?“ Amado lächelte, als wäre das alles ein guter Witz.

Ignacios Miene verdüsterte sich noch mehr. „Natürlich nicht“, murmelte er. „Das ist absolut lächerlich. Ich möchte nicht, dass solch eine unverschämte Anschuldigung unseren guten Ruf zerstört.“

„Wenn es nichts gibt, worüber man reden kann, gibt es auch keine Gerüchte. Und es gibt nichts zu besprechen?“ Amado betrachtete seinen Vater herausfordernd. Offensichtlich machte das Verhalten seiner Eltern ihn misstrauisch.

„Sie muss gehen, Amado“, mischte Clara sich mit leiser Stimme in das Gespräch. „Es ist das Beste. Wir wollen doch nicht, dass die Leute reden.“ Sie rang die Hände.

„Habt ihr beide den Verstand verloren? Natürlich wollen wir, dass die Leute reden. Tierra de Oro soll in aller Munde sein. Ich möchte, dass Susannah nach New York zurückkehrt und gar nicht aufhören kann, von unseren Weinen zu reden.“ Er schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln. „Wir waren gerade auf dem Weg zur Kellerei, damit sie all unsere Weine kosten kann.“

Erstaunt riss Susannah die Augen auf, widersprach Amado jedoch nicht. Sie war froh, solange eine noch so geringe Chance bestand, die DNA-Probe zu erhalten.

Ignacio schäumte regelrecht vor Wut, das war ihm deutlich anzusehen. Clara bat ihren Sohn leise, mit seinem Vater zu sprechen. Doch Amado hakte Susannah unter und führte sie an seinen Eltern vorbei ins Wohnzimmer und dann hinaus auf die Auffahrt.

Eine Sekunde lang fürchtete Susannah, er würde sich bei ihrem Wagen verabschieden und sie davonschicken, so wie seine Eltern es forderten. Doch stattdessen öffnete Amado die Beifahrertür eines großen Mercedes und forderte Susannah auf, einzusteigen.

Sie nahm Platz und fragte sich, ob sie das wohl noch einmal bereuen würde. Und ob Amado bedauern würde, sie nicht des Grundstücks verwiesen zu haben. „Sie müssen Ihren Eltern sehr nahe stehen, wenn sie noch immer mit ihnen zusammenleben.“

„Sie wohnen nicht hier. Sie haben sich in der Nähe der Kellerei ein Haus gebaut. Allerdings kommen sie ständig her. Ich glaube, sie machen sich Sorgen um mich. Sie liegen mir immer in den Ohren, dass ich mir ein nettes Mädchen suchen und heiraten soll.“ Sein verschmitztes Lächeln verriet Susannah, dass Amado nicht die Absicht hatte, auf seine Eltern zu hören.

„Die Sorgen sind bestimmt nicht unbegründet“, meinte sie und fügte hinzu: „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber Sie sehen so aus, als würden Sie keine Auseinandersetzung scheuen.“

„Da irren Sie sich. Die Probleme suchen mich heim, nicht umgekehrt.“

Unter dem bedeutsamen Blick, den er ihr zuwarf, wurden ihr die Knie weich. Ich werde jedenfalls Probleme bekommen, dachte Susannah, wenn mir nicht schleunigst etwas einfällt, wie ich die Probe bekomme, ohne die Nacht in seinem Bett zu verbringen. Ohne diese Probe durfte sie nicht nach Hause fahren. Denn falls sich herausstellte, dass Amado nicht Tarrants Sohn war, blieb ihr vielleicht noch genügend Zeit, den Richtigen zu finden, bevor Tarrant starb. Susannah würde es sich niemals verzeihen, wenn sie ihren Chef der Chance beraubte, sein Kind zu treffen. Deshalb musste sie Amado dazu bewegen, einem DNA-Test zuzustimmen. Allerdings durfte sie auch nicht zu sehr insistieren, sonst verdarb sie womöglich alles.

Die Aussicht darauf, mit Hardcastle Enterprises ins Geschäft zu kommen, schien Amado zu begeistern. Vielleicht konnte sie das zu ihrem Vorteil nutzen.

„Wie viel Wein produzieren Sie jährlich?“

Amado lachte. „Themenwechsel? Anscheinend brauchen Sie meine DNA doch nicht so dringend.“ Um seinen Mund spielte ein verführerisches Lächeln. „Ich bin enttäuscht.“

Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Würde sie eine Antwort bekommen? Und was würde sie tun, wenn nicht? Susannah wünschte, sie könnte so locker flirten wie ihre Freundin Suki. Als Tochter gläubiger Missionare war sie jedoch auf solche Situationen nicht vorbereitet und schwieg jetzt angespannt.

„Im letzten Jahr haben wir fast viertausend Kisten produziert. In diesem Jahr wird es sogar noch mehr sein, da mehrere hundert neue Reihen volle Erträge liefern.“

„Sie wachsen schnell.“

„Müssen wir ja, wenn wir uns einen Namen machen wollen.“

Sie nickte. „Und Sie wollen jetzt auch exportieren?“

„Auf jeden Fall. Nordamerika ist natürlich für uns ganz besonders interessant.“ Jetzt wirkte er ernst. Irgendwie berührte sie das.

„Wenn all Ihre Weine so ausgezeichnet sind wie der erste, den ich probiert habe, dürften Sie keine Schwierigkeiten haben, gute Vertriebsmöglichkeiten zu finden. Hardcastle Enterprises könnte viel für Sie tun.“

Amados Interesse spiegelte sich auf seinem Gesicht, als er auf den Parkplatz hinter der großen Kellerei fuhr. „Ich freue mich schon darauf, Ihnen alles zu zeigen. Und ich bin sicher, dass Ihnen unsere Weine gefallen.“

Susannah unterdrückte ein triumphierendes Lächeln. Endlich hatte sie etwas gefunden, womit sie Amado locken konnte. Wenn sie ihre Karten richtig ausspielte, bekam sie hoffentlich doch noch die DNA-Probe.

Lag es an dem herrlichen Sonnenuntergang, oder sah Amado wirklich von Minute zu Minute besser aus?

Susannah saß an einem großen Tisch, und vor ihr standen reihenweise Weingläser, deren Inhalt in allen erdenklichen Nuancen von Rot schimmerte. Auf der anderen Seite des Tischs stand Amado und testete gerade das Bouquet eines jungen Rotweins, bevor er daran nippte, den Kopf zurücklehnte und schluckte.

Er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, und Susannah fragte sich unwillkürlich, ob wohl sein gesamter Körper so braun gebrannt und muskulös war.

Im Verkostungsraum war es warm, und sie hatte sich die Jacke ausgezogen. Aus einem unerfindlichen Grund waren ihre Brustwarzen hart geworden. Der Stuhl war mit Samt bezogen und erschien ihr nach der langen Fahrt im Leihwagen herrlich gemütlich. Am liebsten hätte Susannah sich gestreckt und gegähnt.

Sie war ein klein wenig … beschwipst. Sie könnte es auf den Wein schieben, aber als erfahrene Weinexpertin wusste sie, dass man immer nur kleine Schlucke probierte, die eigentlich nicht zu einem Rausch führten. Zumindest hatte sie das bisher gedacht.

„Tierra de Oro – gibt es wirklich Gold hier?“, fragte sie und stellte ihr Glas auf den Tisch zurück.

„Ich glaube nicht. Wenn es welches gegeben hat, dann ist es vor langer Zeit gefunden worden. Das einzige Gold, das es jetzt hier auf Tierra de Oro gibt, ist das in den Flaschen.“ Lächelnd strich er mit dem Finger über das langstielige Glas.

Susannah verspürte ein Kribbeln im Bauch. „Mir gefällt diese Art von Gold sehr viel besser als das Metall.“

„Es kostet zwar weniger, bringt aber mehr Freude.“ Amado erwiderte ihren Blick.

Warum musste er nur so gut aussehen? Und seine Art, den Wein wertzuschätzen, die Andacht und Sensibilität, mit der er die Flaschen berührte … faszinierend. So sanft würde er bestimmt eine Frau berühren, wenn er ihr das Kleid auszog und ihre Brüste und den Bauch mit Küssen übersäte …

Susannah richtete sich auf, als eine Hitzewelle ihren Körper durchströmte. „Es wird spät. Ich sollte lieber ins Hotel fahren.“

Amado runzelte die Stirn. „In welches Hotel?“

„Irgendein Hotel.“ Sie hatte kein Zimmer reserviert, da sie nicht sicher gewesen war, ob sie bleiben oder direkt zurück in die Stadt fahren würde. Inzwischen war Susannah jedoch klar geworden, dass sie zumindest eine Nacht bleiben musste, um von Amado die Probe zu bekommen. Aber was war, wenn er sich morgen auch weigerte?

„Es gibt hier keine Hotels.“

Sie stöhnte. Das Weingut lag mehr als zwei Stunden Fahrt von Mendoza entfernt. Wenn sie jetzt dorthin fuhr, musste sie am nächsten Tag noch einmal dieselbe Strecke zurücklegen, um ihren Auftrag auszuführen. „Wo übernachten denn andere Gäste?“

Er sah sie unschuldig an. „Hier.“

„Im Weinkeller?“

„In meinem Haus.“ Er griff nach einer Flasche drei Jahre alten Cabernets.

Prompt stellte Susannah sich vor, wie seine große Hand auf ihrer Taille lag. „Ich würde ein Hotel vorziehen“, erklärte sie hastig und räusperte sich.

„Wie ich schon sagte, es gibt keins. Sie sind hier auf dem Land und in keiner Touristengegend.“ Sein höfliches Lächeln stand in krassem Gegensatz zu dem hintersinnigen Funkeln seiner dunklen Augen. „Rosa wird Ihnen auch ein sehr leckeres Abendessen zubereiten.“

„Aber was ist mit Ihren Eltern? Sie wollen, dass ich verschwinde.“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Meine Eltern haben ihr eigenes Haus, und ich habe mich klar ausgedrückt. Sie mischen sich nicht noch einmal ein.“ Seine Miene wurde wieder weicher. „Sie werden feststellen, dass mein Haus sehr gemütlich ist, Susannah. Da Sie heute der einzige Gast sind, können Sie sich ein Zimmer aussuchen. Morgen können wir dann unser Geschäft abschließen.“

Vielleicht gab er ihr, was sie wollte, wenn sie über Nacht blieb. Außerdem bleibt mir wohl keine andere Wahl, dachte Susannah. „Es sieht so aus, als wäre ich Ihnen ausgeliefert. Ich meine, vielen Dank für die Gastfreundschaft.“

Er lachte, und auch Susannah konnte nicht umhin zu lächeln. Wenn sie ehrlich war, hatte sie überhaupt nichts dagegen hierzubleiben. Nicht weil sie die Absicht hatte, auf Amados Handel einzugehen, sondern weil alles hier auf Tierra de Oro so bezaubernd war. Die atemberaubende Aussicht, die fruchtbaren Weinberge, die Atmosphäre … einfach alles.

Und der Wein war ihr auch etwas zu Kopf gestiegen. Vermutlich durfte sie gar nicht mehr fahren … Mit einem Mal fiel ihr ein, dass sie gar kein Benzin mehr hatte.

„Mein Angebot steht immer noch.“

„Welches Angebot war das?“

Er sah sie herausfordernd an. „Welches Sie möchten.“

Nachdem Susannah ihre Reisetasche ins Gästezimmer gestellt hatte, ging sie hinunter ins Esszimmer. Statt der üblichen Familienportraits zierten Ölgemälde die Wände. Es waren Abbildungen von riesigen Bullen, und auf jedem einzelnen Rahmen war ein goldenes Namensschild angebracht worden.

Während des Abendessens, das tatsächlich köstlich war, sprach Susannah Amado auf die Bilder an.

„Mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater haben Rinder gezüchtet.“ Er nippte an seinem Wein. „Tierra de Oro war in ganz Argentinien wegen seiner Zuchtbullen bekannt.“

„Züchten Sie immer noch?“

„Mein Vater, ja, aber es ist eher ein Hobby. Es ist nicht mehr profitabel. Deshalb habe ich ja begonnen, Wein anzubauen.“

„Sie?“

„Ja.“ Er sah sie erstaunt an. „Warum überrascht Sie das?“

„Na ja, Sie sind doch erst dreißig.“ Sie erblasste, als ihr bewusst wurde, dass sie sich damit verraten hatte: Sie ging davon aus, Tarrants Sohn vor sich zu haben. „Das sind Sie doch?“

„Ich bin tatsächlich dreißig. Aber ich habe mich schon mit acht in den Feldern herumgetrieben und Pflanzen angebaut. Als ich elf war, hatte ich einen Syrah gekreuzt, was die Leute hier sehr beeindruckt hat. Mein Nachbar Santos hat mir viel beigebracht. Er ist jetzt neunzig und ein wahres Genie, was den Weinanbau angeht. Er hat mir geholfen, meinen Vater zu überzeugen, auf den Weiden Wein anzubauen. Als ich achtzehn war, hatten wir schon siebzig Hektar Wein gepflanzt.“ Er wies auf ihr Glas. „Sie trinken ihn gerade.“

„Na, da wird Ihnen nicht viel Freizeit geblieben sein.“

Amado lächelte. „Nein, und wenn der Fernseher ausfiel, hat es außer Rosa niemanden gestört. Sie ist süchtig nach CNN-Sendungen.“

Rosa, die gerade den Tisch abräumte, schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Jemand muss ja die Verbindung zur modernen Welt halten. Ihr Alvarez’ macht sonst ja nichts anderes, als die Weintrauben zu verhätscheln und den Kühen den Arm in den Hintern zu stecken.“

Susannah verschluckte sich fast an ihrem Wein, während Amado laut auflachte.

Als Rosa in die Küche gegangen war, beugte Susannah sich vor und flüsterte: „Sie ist ja wirklich ein Original. Wie alt ist sie?“

„Steinalt. Auf jeden Fall ist sie schon länger hier als sonst irgendjemand. Ich versuche schon seit Jahren, sie dazu zu überreden, sich zur Ruhe zu setzen, aber sie schlägt dann nur mit dem Geschirrtuch nach mir. Sie meint, Ruhe wäre ihr Tod.“

„Hm. Was machen Sie denn, wenn Sie Spaß haben wollen?“

„Was könnte mehr Spaß machen, als den Boden auf Nitrat zu untersuchen?“ Amado neigte den Kopf und sah sie gespielt ernst an. „Was soll ich sagen? Ich liebe meine Arbeit.“

„Ich weiß, was Sie meinen. Mir geht es genauso.“ Sie deutete auf das Weinglas vor sich. „Jetzt arbeite ich ja auch. Es ist ein wirklich harter Job“, meinte sie augenzwinkernd. „Aber ich bin es gewöhnt, viel zu reisen. Achtzig Prozent meiner Zeit verbringe ich im Flugzeug oder im Wagen.“

Amado schüttelte entsetzt den Kopf. „Sie sind den Großteil des Jahres von zu Hause fort?“

Susannah zuckte die Schultern. „Mein Zuhause ist eine nichtssagende Einzimmerwohnung in Manhattan. Es ist lediglich ein Ort, an dem ich meine Sachen aufbewahre. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich unterwegs bin.“

Er sah sie eindringlich an. „Woher kommen Sie ursprünglich? Ich meine, wo sind Sie denn aufgewachsen?“

Auf geht’s, dachte Susannah und zwang sich zu einem Lächeln. „Überall. Ich bin in einem kleinen Dorf auf den Philippinen geboren worden, wo meine Eltern eine Schule aufgebaut haben. Als ich achtzehn Monate alt war, sind meine Eltern nach Burkina Faso gezogen, um dort eine Missionarsstation zu übernehmen. Als ich drei war, ging es nach Papua Neu Guinea. Meinen sechsten Geburtstag haben wir in einem Dorf in Südindien gefeiert. Dort sind wir aber auch nicht lange geblieben, ein Jahr später haben wir in Columbus in Ohio gelebt. Von dort ging es weiter nach Honduras, El Salvador, Paraguay und Bolivien. Deshalb kann ich auch fließend Spanisch.“

„Ihre Eltern waren Missionare?“

„Ja.“ Susannah hob ihr Glas. Sie war es gewohnt, schräge Blicke und abfällige Bemerkungen zu ernten. Aber ihre Eltern waren gute Menschen, und sie taten das, was sie für richtig hielten.

Überrascht stellte sie fest, dass Amado sich nicht darüber lustig machte. Stattdessen wirkte er sogar ehrlich interessiert. „Es muss für Sie hart gewesen sein, immer wieder die Freunde und die vertraute Umgebung verlassen zu müssen.“

Wieder zuckte sie die Schultern. „Ich habe nie anders gelebt, also war ich wohl daran gewöhnt. Meine Eltern haben sich darauf spezialisiert, Projekte ins Leben zu rufen und dann die richtigen Menschen vor Ort zu finden, die sie weiterführen. Dann machen meine Eltern sich auf und ziehen zum nächsten Ort. Ich vermute, ihr Lebensstil hat mich geprägt. Denn ich bin am glücklichsten, wenn ich reisen kann.“

Amado warf ihr einen mitleidigen Blick zu.

„Was ist?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nichts. Es ist wohl schön, dass Sie gern reisen. Jeder Mensch ist anders.“

„Sie sind entsetzt, oder?“

„Nein.“ Er lachte. „Okay, vielleicht ein bisschen. Ich gehe nicht einmal für ein paar Tage gern auf Geschäftsreise. Ich fühle mich dann immer entwurzelt und kann es nicht erwarten, hierher zurückzukommen, um zwischen den Weinbergen spazieren zu gehen.“

Aus seinem Gesichtsausdruck schloss sie, dass ihm die Verbundenheit mit seinem Zuhause fast peinlich war. Aber Susannah fand es faszinierend. Wie es sich wohl anfühlte, wenn man mit einem Ort – einem besonderen Ort – so tief verbunden war, dass man das Gefühl hatte, wirklich dorthin zu gehören?

„Alles in Ordnung? Möchten Sie noch mehr Wein?“, fragte Amado und riss sie aus dem kleinen Tagtraum, der sie in den Bann gezogen hatte.

Verflixt, wo war sie nur mit ihren Gedanken? „Ich glaube, ich bin nur müde von der Reise“, sagte sie entschuldigend.

„Natürlich. Heute Abend sind Sie jedenfalls auf Tierra de Oro zu Hause, wo ich mich gut um Sie kümmern werde.“ Er stand auf und streckte die Hand aus. „Kommen Sie, wir gehen ins Wohnzimmer. Ich mache den Kamin an. Nachts ist es noch empfindlich kalt, und ein Feuer wärmt Körper und Seele.“

Susannah blinzelte, während seine Worte und seine Berührung ein ganz anderes Feuer in ihr entfachten. Sie bemühte sich jedoch, sich nichts anmerken zu lassen.

Er hielt ihre Hand locker umschlossen, als er mit Susannah in das große Wohnzimmer ging und ihr bedeutete, sich auf das weiche Ledersofa vor dem Kamin zu setzen. „Machen Sie es sich gemütlich.“

Er holte eine Strickdecke aus einer Schublade und reichte sie ihr. Susannah schüttelte den Kopf. Daraufhin strich Amado lächelnd über die Decke. „Sie ist aus reiner Alpakawolle. So weich wie die Wolken, die sich im Vorgebirge sammeln.“

„Wenn Sie es so schön ausdrücken.“ Sie ließ zu, dass er die Decke über ihre Schultern legte und stellte fest, dass der Stoff tatsächlich herrlich leicht war. Noch herrlicher war allerdings seine sanfte Berührung, die sie durch die Decke hindurch spürte.

Susannah schlüpfte aus ihren Schuhen und stellte sie zur Seite. Als sie aufsah, war das Feuer angezündet und loderte bereits. „Wie haben Sie das geschafft? Ich brauche immer eine halbe Stunde, bevor ich ein Feuer an bekomme.“

Amado zuckte die Schultern. „Gutes Anmachholz. Alte Weinfässer eignen sich am besten.“ Er lächelte. „Und davon haben wir reichlich.“

Ohne Vorwarnung nahm er ihren linken Fuß und begann, die Sohle mit seinem kräftigen Daumen zu massieren.

Susannah konnte ihn nur erstaunt ansehen. Manchmal war sie kitzelig, aber im Augenblick war ihr nicht nach Lachen zumute. Die Bewegungen seiner Finger lösten Gefühle in ihr aus, die von ihrem Fuß durch ihren gesamten Körper strömten. Eigentlich müsste sie protestieren. Das war viel zu intim. Aber sie brachte kein Wort heraus, und Amado widmete sich seiner Aufgabe, als wäre es ein Service, den er jedem Gast zuteilwerden ließ.

Er kniete vor ihr. Das dunkle Haar fiel ihm in die Augen, sodass Susannah seine Miene nicht deuten konnte. Das Einzige, was sie sah, waren die leichten Bewegungen seiner gebräunten Unterarme und der kräftigen Hände, während er die Spannungen des Tages – Himmel, nein, die Spannungen des ganzen Jahres – aus ihren Muskeln vertrieb.

Sie atmete genüsslich aus.

„Aha.“ Amado lächelte, als er aufsah, ohne die Massage zu unterbrechen. „Jetzt beginnen Sie, sich zu entspannen.“

Inzwischen hatte er sich bis zu ihrer Ferse vorgearbeitet. „Sie kümmern sich anscheinend gut um ihre Füße.“ Ihre Fuß kribbelte angenehm, als Amado sich dem anderen widmete. „Sie sind kräftig und gesund.“

Susannah lachte. „Das ist auch gut so, da sie viel aushalten müssen.“

„Morgen schauen wir uns die Weinberge an. Sie können morgen doch noch bleiben?“

Der sorgenvolle Blick, den er ihr kurz schenkte, berührte etwas in ihr. Warum war es ihm wichtig, ob sie blieb oder wegfuhr?

„Ich bin noch hier. Ohne DNA-Probe kann ich nicht nach Hause fahren, sonst werde ich womöglich entlassen.“

Amado runzelte die Stirn und hielt inne. „Sie werden von dem Mann entlassen, der mein vermeintlicher Vater ist? Was ist das denn für ein Kerl?“

„Ein sehr fordernder Chef.“ Sie versuchte, nicht darauf zu achten, wie angenehm es sich anfühlte, dass er ihren Fuß in den Händen hielt. „Er erwartet von all seinen Angestellten maximale Einsatzbereitschaft.“

„Aber er kann Sie doch nicht feuern, nur weil ich etwas getan, beziehungsweise nicht getan habe.“

„Doch, das kann er. In seinen Augen hätte ich eine Aufgabe nicht erfüllt.“

Amado wirkte nachdenklich. Dann senkte er den Kopf und fuhr fort, ihren Fuß zu massieren. Susannah ließ sich in die Kissen sinken und entspannte sich.

Eine Nacht in Amados Bett im Tausch gegen seine DNA-Probe.

Sie verspürte ein aufregendes Kribbeln, als sie sich vorstellte, wie er mit den Händen ihren Körper erkundete, und sie musste sich beherrschen, um nicht vor Wonne aufzuseufzen. Dennoch war Susannah sicher, dass Amado sich an die Abmachung halten würde. Er wirkte einfach ehrenhaft, integer … und verführerisch. Ihre Blicke begegneten sich. In seinen Augen las sie Verlangen, und in der Luft lag auf einmal ein Knistern, das nichts mit dem Feuer zu tun hatte, das im Kamin loderte.

Amado stellte ihren Fuß vorsichtig auf den Boden, bevor er aufstand und durchs Zimmer ging. Erleichtert atmete Susannah auf, als er sie seiner gefährlichen und sinnlichen Gegenwart beraubte und den Raum verließ.

Verbringen Sie die Nacht mit mir.

Seine vorhin – sicherlich halb im Spaß – geäußerten Worte gingen ihr nicht aus dem Sinn. Und das knisternde Feuer erschien ihr plötzlich wie das Sinnbild der Hitze, die jetzt in ihr aufstieg.

Sie hatte seit Langem niemanden geliebt. Wenn man es genau nahm, dann hatte sie noch niemanden geliebt. Sie hatte Sex gehabt, wenn auch schon seit … na ja, es war schon fast peinlich zuzugeben, wie lange nicht mehr.

Sie war eben sehr beschäftigt. Immer auf Achse.

Was war so schlimm daran, wenn man mal ein kleines Abenteuer mit einem interessierten Mann genoss? Das machten doch alle. Susannahs Kolleginnen brüsteten sich montagmorgens ständig mit ihren Wochenendaffären. Da war keine, die sich für den Richtigen aufsparte. Sie alle lebten für den Augenblick.

Sie hatten Spaß. Warum sollte sie zur Abwechslung nicht auch einmal ihren Spaß haben?

Im Hintergrund hörte sie, wie Amado mit Rosa sprach und sich von ihr verabschiedete, bevor die Haustür zufiel.

Nervosität ergriff Susannah, als er zurück ins Zimmer kam. In den Händen hielt er zwei weiße Becher.

Susannahs Gedanken überstürzten sich. Wenn sie es tat, bekam sie die Probe. Tarrant wäre glücklich, und wenn Amado nicht sein Sohn war, wovon sie ausging, wäre nichts Schlimmes passiert.

Sollte er es doch sein, erbte Amado zweifellos einen Teil von Tarrants Milliarden.

Der Tycoon war unheilbar krank und hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Er versuchte verzweifelt, seine lang ignorierten unehelichen Kinder zu finden und an die väterliche Brust zu drücken, bevor er starb.

Sie würde also auf jeden Fall eine gute Tat begehen, oder?

Amado reichte ihr einen Becher und sah sie fragend an. „Sie haben einen seltsamen Gesichtsausdruck.“

„Ich?“ Sie lachte nervös. „Wahrscheinlich hat mich das Feuer in seinen Bann gezogen.“ Um das Thema zu wechseln, roch Susannah an dem Becher. „Um diese Uhrzeit noch Kaffee? Wird er uns nicht wachhalten?“

Er bedachte sie mit einem kleinen, äußerst gefährlichen Lächeln. „Manchmal ist es gut, wenn man nachts wach ist.“

Er setzte sich dicht neben sie aufs Sofa. So nah, dass sein muskulöser Oberschenkel ihren Rock berührte. Prompt stieg Susannahs Puls, und durch Amados Körperwärme und die Hitze des Feuers erhöhte sich auch ihre Körpertemperatur.

Und wenn Tarrant herausfand, dass sie mit dem Mann geschlafen hatte, von dem er annahm, dass er sein Sohn war?

Sie schluckte. Er würde es nicht herausfinden. Amado würde nichts ausplaudern. Da würde wieder dieses angeborene Ehrgefühl durchkommen. Er war ein Mann, der seine Gefühle für sich behielt. Sie hatten jetzt schon Stunden zusammen verbracht, und auch wenn er angeregt über seinen Wein gesprochen hatte, etwas Persönliches von sich hatte er nicht preisgegeben.

Sie vermutete außerdem, dass er schon so manche Frau auf dieselbe Art und Weise umgarnt hatte. Was sie eher beruhigend fand, als dass es ihr Unbehagen bereitete.

Sie spürte seinen Blick auf sich, als sie ihren Kaffee trank.

„Wo lebt Ihre Familie jetzt?“

Seine Frage riss sie aus dem sinnlichen Nebel, in den sie sich eingehüllt fühlte. „Sie meinen meine Eltern?“

„Ja, und Ihre Geschwister.“

„Ich habe keine Geschwister. Meine Eltern sind wieder auf den Philippinen und leiten dort ein Projekt für gefährdete Jugendliche.“

„Es klingt so, als wären sie gute Menschen.“

„Das sind sie. Ich wünschte, ich wäre mehr wie sie. Oder zumindest habe ich das Gefühl, ich müsste das wünschen. Aber jemand muss sein Leben ja auch der Aufgabe widmen, die besten Weine der Welt aufzuspüren, oder?“

Ihre Worte hallten in der Stille des Zimmers wider, und Susannah errötete, als ihr bewusst wurde, dass sie ihre Unsicherheit preisgegeben hatte.

Amado zeigte sich davon unbeeindruckt. „Jeder von uns muss seinen Weg gehen. Wenn man versucht, dem falschen zu folgen, tut man weder sich noch anderen einen Gefallen.“ Er legte eine Hand auf ihren Arm. „Und ich kann mir nichts Würdigeres vorstellen, als exzellenten Wein aufzuspüren.“ Er lachte leise. „Ich bin natürlich auch voreingenommen.“

Ihre Haut schien unter seiner Berührung zu glühen. Er war ihr so nah, dass sie seinen Duft wahrnahm, und sie versuchte sich damit abzulenken, ihn zu analysieren. Es war ein komplexes Aroma, würzig und ansprechend. Eine riskante, aber anregende Mischung aus Kaffee, Wein, verbranntem Holz und hart arbeitendem Mann. Ein volles und robustes Bouquet. Das Endprodukt war vielleicht ein wenig bittersüß … aber das war es wert.

Langsam und sanft streichelte er ihren Unterarm.

Susannah schaute ihm ins Gesicht, doch Amado blickte nicht auf, sondern schien sich auf die schlichte Bewegung seiner Hand zu konzentrieren. War das irgendeine Art von typisch argentinischer Verführungstechnik?

Wenn ja, dann funktionierte es. Aufregend schöne Empfindungen überkamen Susannah. Als er mit der Hand zu ihrem Oberschenkel glitt und sie locker auf dem dünnen Stoff ihres Kleides liegen ließ, kam es ihr so natürlich und wenig bedrohlich vor wie ein Handschlag.

Oder der Kuss auf die Wange.

Amados Lippen berührten ihren Wangenknochen so leicht, dass Susannah sich einen Moment lang frage, ob sie es sich nur eingebildet hatte.

Beim zweiten Mal ruhte sein Mund direkt neben ihrem, bis ihre Lippen vor Erwartung zu kribbeln begannen. Während sein warmer Atem über ihre Haut strich, glitt er mit der Hand an ihrem Oberschenkel hinauf und schob dabei das Kleid hoch.

Sie merkte, dass sie sich instinktiv weiter zu Amado lehnte, und da es sich so richtig anfühlte, rückte sie noch näher. In ihrem Bauch schienen Schmetterlinge zu flattern, und ihre Brustspitzen waren hart geworden.

Sie schlang einen Arm um ihn und spürte die kräftigen Muskeln unter dem weichen Stoff seines Hemdes. Sie rang nach Atem. Er hatte ihr den Rock inzwischen fast bis zu ihrem Slip hochgeschoben, und es war nicht nur die Wärme des Feuers, die ihre Haut erhitzte.

Noch einmal sah sie ihm ins Gesicht. Er hatte die Augen geschlossen, und seine Miene war ihr vertraut: So sah ein zufriedener Connaisseur aus.

Im nächsten Moment schloss auch Susannah die Augen, als Amado zärtlich ihren Mund eroberte. Ohne nachzudenken, zupfte sie an seinem Hemd, bis sie es aus der Hose gezogen hatte, und strich dann über seinen muskulösen Rücken. Ihre Erregung stieg, als Amado den Kuss vertiefte und eine köstliche Kettenreaktion in ihrem Körper auslöste, die dazu führte, dass sich die Hitze in ihrem Unterleib sammelte, und das Verlangen immer mächtiger wurde.

Es war lange her, dass sie jemanden geküsst hatte. Normalerweise ging sie gefühlsmäßigen Verwicklungen aus dem Weg. Sie war beschäftigt, sie reiste viel, und sie brauchte kein Drama.

Aber dies hier war perfekt. Sie wussten beide, was sie wollten, und ein ordentliches, unkompliziertes Ende war abzusehen.

Es sei denn, Amado ist Tarrants Sohn, ging ihr durch den Sinn. Die Vorstellung bereitete ihr Unbehagen. Aber es war unwahrscheinlich. Mit seinem Aussehen und den ebenmäßigen Gesichtszügen glich Amado nicht dem kantigen, blauäugigen Tarrant. Und Clara passte eindeutig nicht in die Reihe von Tarrants glamourösen Gespielinnen. Entschlossen vertrieb Susannah den Gedanken an möglichen Komplikationen.

Diese Nacht war ein herrliches Zwischenspiel. Ein sinnliches Vergnügen, so wie ein Glas Wein, den sie nicht für die Firma erwerben wollte, sondern einzig zum eigenen Vergnügen trank.

Amado umschloss ihre Brust und liebkoste die Spitze, bis Susannah lustvoll seufzte.

„Komm mit“, flüsterte er ihr ins Ohr. Er nahm ihre Hand, und seine kaffeebraunen Augen glänzten.

Unsicher stand sie auf. Ihr ganzer Körper schien vor Lust zu kribbeln, von den Haarspitzen bis hin zu den massierten Füßen.

Wie ein perfekter Gentleman nahm Amado sie bei der Hand, nur dass er etwas vorhatte, was ein perfekter Gentleman niemals tun würde – eine Fremde verführen.

Irgendwie machte das die ganze Sache allerdings noch aufregender.

Susannah war immer das brave Mädchen gewesen, die Tochter des Missionars, die niemand anzusehen gewagt hatte, geschweige denn in sein Bett locken wollte. Von Kindesbeinen an hatte man ihr beigebracht, mit gutem Beispiel voranzugehen, an andere zu denken und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Lange Zeit hatte sie ihre Bedürfnisse nicht einmal gekannt. Doch im Moment konnte sie an nichts anderes denken.

3. KAPITEL

Amado und Susannah gingen zur Treppe, deren geschwungenes Holzgeländer im Schein des Kaminfeuers glänzte, und lächelten einander zögernd zu.

Zumindest Susannahs Lächeln war zögernd, Amado zwinkerte ihr ermutigend zu, als er sie kurz darauf in sein großes Schlafzimmer führte. Vor den Fenstern hingen bodenlange Samtvorhänge, ein Himmelbett aus dunklem Holz dominierte den Raum. Eine flauschige weiße Steppdecke lag auf der Matratze und lud dazu ein, darin zu versinken.

Schweigend zog er Susannah an sich und küsste sie zärtlich.

Sie glitt mit den Händen über sein Hemd und erkundete seinen Körper. Er war muskulös, athletisch, kräftig. Aber seine Bewegungen waren sanft, als er ihre Lippen liebkoste und die Wange sanft an ihre presste.

Seine sonnengebräunte Haut war nicht direkt zart, auch nicht rau. Alles an Amado schien geschmeidig und mild zu sein, wie ein guter Wein.

Behutsam löste er sich von ihr. „Komm, mach es dir in meinem Bett gemütlich.“

Vor freudiger Erwartung begann Susannah leicht zu zittern. In seinen dunklen Augen las sie dasselbe Verlangen, das auch sie ergriffen hatte. Mit den Unterarmen streifte er die Seiten ihrer Brüste. Köstliche Empfindungen stürmten auf sie ein, als er den Reißverschluss ihres Kleides aufzog.

Langsam schob er ihr den Stoff über ihre Schultern und rieb dann sachte ihre Brustspitzen, die sich unter dem Spitzen-BH abzeichneten. Susannah seufzte lustvoll auf und drängte sich ihm entgegen, während sie hastig sein Hemd aufknöpfte.

Nachdem sie seinen muskulösen Oberkörper entblößt hatte, bemühte sie sich, den Ledergürtel zu öffnen. Das war nicht so einfach, weil Amado sie dabei unablässig auf den Hals küsste und ihr Verlangen schürte, bis sie sich wie von einer Gluthitze erfüllt fühlte.

Ihr bereitete es eine ungeahnte und leicht unanständige Befriedigung, dass er genauso erregt war wie sie. Ihr zitterten die Hände, dennoch gelang es ihr, die Hose zu öffnen und ihm abzustreifen. Im Gegenzug half er ihr aus dem Kleid.

Sanft fuhr er mit den Händen über ihre Rundungen. Dabei hielt er die Augen geschlossen, sein Mund war leicht geöffnet. Amado hatte einen großen, sinnlichen Mund, hohe Wangenknochen und eine markante Nase. Er sah so gut aus, das Frauen bestimmt bewundernd aufseufzten und sich gegenseitig anstupsten, wenn er den Raum betrat.

Normalerweise hatte Susannah gewisse Vorbehalte, wenn ein Mann zu gut aussah. Auf Überheblichkeit, was meist dazugehörte, konnte sie gut verzichten.

Aber bei Amado schien es ganz anders zu sein. Sein gutes Aussehen ergänzte die Eigenschaften, die sie an ihm mochte, perfekt: seine Leidenschaft und sein Engagement sowie die Selbstsicherheit, die er sicher nach hart erarbeiteten und verdienten Erfolgen hatte.

Warum sollte man nicht stolz auf das sein, was man erreicht hatte?

Er hakte ihren BH auf, schob die Träger von den Schultern und warf ihn achtlos beiseite. Ihre Brustspitzen waren hart vor Erregung und von der kühlen Abendluft, die durch die offenen Fenster hineinströmte. Susannah erschauerte wohlig, als er langsam den Kopf senkte und erst die eine, dann die andere Brustspitze küsste. Seine Zunge auf der Haut zu spüren, war atemberaubend.

Er verwöhnte sie und schob eine Hand unter ihren Slip. Sofort wurden ihr die Knie weich, und sie stöhnte auf. Sollte es ihr peinlich sein, dass ihre Erregung so offenkundig war? Susannah wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Genau genommen konnte sie gar nicht mehr denken, nur noch fühlen.

Außerdem gab er sich genauso wenig Mühe, zu verbergen, wie viel Vergnügen es ihm bereitete, sie zu berühren. Sie spürte seinen schnellen Herzschlag, hörte seinen keuchenden Atem, während er an ihren Brustspitzen sog und leckte, bis sie sich ihm wie benommen vor Sehnsucht entgegendrängte.

Ohne zu zögern, zog er ihr den Slip aus, bevor er sich seiner Unterwäsche entledigte. Dann standen sie einander gegenüber – nackt, erregt und voller Erwartung.

Sein Körper, die Kraft, die er ausstrahlte, wirkten auf sie so anziehend, dass sie es gar nicht beschreiben, geschweige denn verstehen konnte. Aber warum wollte sie das auch? Sie musste weder alles analysieren noch begreifen. Sie brauchte nicht unbedingt herauszufinden, wie das alles zusammenpasste.

„Du siehst die Welt anders als andere Menschen“, flüsterte er ihr plötzlich ins Ohr.

Sie blinzelte. „Wieso?“ Konnte er ihre Gedanken lesen?

Lächelnd streichelte er ihr Kinn. „Du schaust nicht nur auf die Oberfläche, sondern auch hinter die Fassade.“

„Da bin ich mir nicht sicher. Dich durchschaue ich nicht.“

Er richtete seinen dunklen Blick auf sie. „Doch, das tust du.“

Was glaubte er denn, was sie dachte? Ihr Herz klopfte mit einem Mal schneller. Aber sie bekam keine Gelegenheit mehr, ihn danach zu fragen, denn jetzt küsste Amado sie stürmisch, und sie brachte kein Wort mehr hervor.

Gleichzeitig hob er sie so mühelos hoch, als würde sie nichts wiegen, und legte sie auf das Bett. Sie spürte die weiche Decke unter sich und rang nach Atem. Als er sich zu ihr legte, überlegte sie eine Sekunde lang, ob er ihre Beine spreizen und in sie eindringen würde. Einer Mischung aus Angst und Vorfreude überkam sie bei der Vorstellung.

Doch er streckte sich neben ihr aus, sein flacher Bauch ruhte an ihrer Hüfte, seine langen, harten Oberschenkel waren an ihre gepresst, während er sie mit einem muskulösen Arm an sich zog.

„Willkommen zu Hause.“ Zärtlich küsste er sie aufs Ohr und auf den Hals.

Susannah riss die Augen auf, als sie von einem mächtigen und sehr merkwürdigen Gefühl überwältigt wurde. Willkommen zu Hause? Wieso sagte er so etwas? Reg dich nicht auf, schalt sie sich. Vermutlich ist es eine Phrase, die er immer gebraucht. Es war sicherlich nicht ernst gemeint.

„Dein Verstand arbeitet wieder auf Hochtouren“, flüsterte er heiser. „Manchmal ist es besser, einfach nur zu sein.“ Wieder küsste er sie aufs Ohr, sein warmer Atem strich über ihre Haut, und Wonneschauer durchrieselten sie. „Sei einfach nur du selbst und konzentrier dich auf deinen Körper.“

Seine Augen schimmerten im silbrigen Mondschein. „Auf deinen Mund.“ Mit der Zunge glitt er über ihre Lippen.

„Deinen Hals.“ Spielerisch biss er sie.

„Deine Brust.“ Er legte die Wange auf ihre Brust, bevor er erst die eine, dann die andere Brustwarze zwischen die Lippen nahm und daran sog.

„Deinen Bauch.“ Weich blies er auf ihre Haut, und Susannah erbebte vor Verlangen. Mit der Zunge erkundete er kurz ihren Bauchnabel, reizte sie vorsichtig mit den Zähnen.

Mit jeder Faser ihres Körpers sehnte sie sich nach weiteren Berührungen, und all diese ungewohnten und starken Empfindungen überkamen sie wie eine Riesenwelle. Lustvoll stöhnte Susannah auf.

Vielleicht hatte Suki recht gehabt, als sie sie vor argentinischen Männern gewarnt hatte. Etwas Vergleichbares hatte sie bisher nicht erlebt. Im Vergleich dazu waren ihre bisherigen Erfahrungen schnell und eher peinlich gewesen.

Und dabei war sie mit Amado noch nicht einmal weit gegangen … bisher.

„Du denkst schon wieder“, schalt er sie leise.

Wieder durchströmte sie ein Wonneschauer. Was macht dieser Mann mit mir?

In diesem Moment drückte er ihre Beine auseinander und senkte den Mund auf ihre erhitzte Haut. Mit Zunge, Lippen und Zähnen verwöhnte er sie; es war so köstlich, sie konnte nicht verhindern, dass sie vor Erregung zu zittern begann und laut aufkeuchte.

Sie riss die Augen auf und begegnete seinem feurigen Blick. „Lass dich gehen …“ Seine Stimme war heiser.

Schon fast von Sinnen vor Begierde, wand sie sich unter ihm und genoss die Empfindungen, die seine heißen, leidenschaftlichen Küsse ihr schenkten. Seine Liebkosungen weckten nie gekannte Glücksgefühle in ihr, die alles andere überdeckten, einzuhüllen schienen. Wieder und wieder schrie sie lustvoll auf, während er sie unablässig höher und höher führte, bis sie sich wie in einer anderen Welt vorkam, in der es keine Gedanken gab, sondern nur noch diese einzige überwältigende Freude.

Ein Heulen, das von draußen ertönte, drang langsam in ihr Bewusstsein, als sie schließlich zitternd auf dem Bett lag. „Was ist das?“, fragte sie keuchend.

„Die Hunde.“ Amado lächelte. „Sie wollen wissen, was hier los ist.“

Entsetzt schlug Susannah die Hand vor den Mund. „Bin ich so laut gewesen?“

„Ja.“ Er liebkoste ihren Hals und zeigte ihr, dass ihre entfesselte Leidenschaft ihm gefiel. „Aber fang jetzt nicht wieder an nachzudenken.“

„Ich weiß nicht, was … Ich habe noch nie …“ Sie runzelte die Stirn. Noch immer erbebte sie unter den Empfindungen, die er ihr gerade geschenkt hatte.

Er beugte sich herab und küsste sie sanft auf den Bauch, woraufhin sie sofort die Muskeln anspannte, sobald sie seine Lippen auf der Haut spürte. „Du bist sehr empfindsam.“ Er schaute sie mit glänzenden Augen an. „Du reagierst auf die winzigste Berührung.“

Einen Moment lang wandte er sich von ihr ab, und sie hörte, dass er etwas aufriss. Im nächsten Augenblick sah sie, wie er sich ein Kondom überstreifte. Er machte das alles so … selbstverständlich. Ohne Hemmungen. Als wäre es völlig normal und alltäglich.

Vielleicht war es das für ihn ja.

Als er sich jetzt auf sie legte, stieg ihr Puls, ihre Haut schien plötzlich zu kribbeln. Noch einmal küsste er sie auf den Hals – was ihr ausgesprochen gut gefiel – und flüsterte ihr ins Ohr: „Du fühlst mehr als andere Menschen. Deshalb denkst du auch so viel nach. Aber es ist okay, einfach nur zu fühlen.“

Susannah schluckte. Mit dem Verstand versuchte sie, den Sinn seiner Worte zu erfassen, doch rein körperlich war sie einzig und allein auf Amado fokussiert. Zumal er nun mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung in sie eindrang und sie dabei in die weiche Matratze drückte.

Sie war bereits dermaßen erregt, dass sie es nicht verhindern konnte. Schon nach Sekunden strebte sie einem weiteren Höhepunkt entgegen. Wieder erzitterte sie vor Lust, und sie hörte das eigene heisere Seufzen, das fordernde Stöhnen, ohne es unterdrücken zu können. Sie konnte nicht verhindern, dass sie die Arme um Amados kraftvollen Oberkörper schlang und ihn noch näher an sich zog.

„Oh, Amado.“ Sie hörte, dass sie seinen Namen rief, als er sich in ihr zu bewegen begann, erst vorsichtig, dann fester, erst langsam, dann immer schneller, bis sie erneut den Gipfel erklomm und kurz darauf noch einmal. Ein Wonneschauer nach dem nächsten durchströmte sie; sie fühlte sich hilflos angesichts der lustvollen Empfindungen, die ihren Körper ergriffen.

Sie nahm Amado noch tiefer in sich auf, flehte ihn auf Spanisch, auf Englisch und in mehreren anderen Sprachen an, nicht aufzuhören, sie zu lieben und sie festzuhalten. Sie schneller, härter zu nehmen und … Rau schrie er auf und ließ sich gehen.

Sie öffnete die Augen und sah sein von Lust gezeichnetes Gesicht. Er hielt sie so fest, dass sie kaum Luft bekam, und auch er rang keuchend nach Atem.

Por Amor“, raunte er heiser.

Susannah blinzelte. Liebe? Es war vermutlich nur ein gebräuchlicher Ausdruck, ohne tieferen Sinn. Mit der argentinischen Umgangssprache kannte sie sich nicht so gut aus.

Erschöpft ließ er sich auf sie sinken und sah sie mit seinen großen, dunklen Augen an. Er wirkte … verwundert.

Susannah atmete tief aus. Der erste halbwegs rationale Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, war, was zum Teufel ist hier passiert? Hatte sie tatsächlich so laut gekeucht und geschrien, dass sie die Hunde in Aufruhr versetzt hatte? Wie beschämend!

Als hätten sie sie gehört, begannen die Hunde erneut laut und enthusiastisch zu bellen.

Bruchstückhaft fiel ihr wieder ein, was sie gesagt, was sie gestöhnt und gerufen hatte. Sie hatte Ausdrücke benutzt, die sie im Laufe der Jahre aufgeschnappt hatte, während man ihr immer eingetrichtert hatte, sie niemals, unter keinen Umständen, zu verwenden. Worte, die offenbar in ihrem Unterbewusstsein nur auf diesen Moment gewartet hatten.

Amado sah sie noch immer an.

„Alles okay?“, fragte sie leicht beunruhigt.

„Nein“, erwiderte er heiser. „Aber mir geht es sehr, sehr gut.“ Er schluckte. „Und du?“

Die Worte auszusprechen schien ihm große Mühe zu bereiten. Wie lange hatten sie … Susannah biss sich auf die Lippe. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Und der Mann war schlichtweg erschöpft. Oder etwa nicht? Sie meinte, einen erotischen Glanz in seinen Augen zu entdecken.

„Du bist eine tiefgründige Frau, Susannah.“

Ja, tiefgründiger, als sie selbst geahnt hatte! Sie war sich nicht sicher, ob es gut war, sich beim Sex so hemmungslos hinzugeben. Das konnte einem bestimmt viel Ärger einbringen. Aber zumindest war ihr Geheimnis bei Amado gut aufgehoben, zumal Tierra de Oro weit genug von New York entfernt war. Und bestimmt würde niemand jemals derart starke Reaktionen bei ihr auslösen.

Zum Glück, dachte sie.

Amados Atmung wurde gleichmäßiger. Sie spürte, wie er die Muskeln entspannte und schwerer wurde. Er bewegte sich leicht und seufzte leise.

Er war eingeschlafen – auf ihr.

Susannah musste leise lachen, und selbst das weckte ihn nicht auf. Er sah so süß aus, wie er dalag, das Gesicht zwischen ihren Brüsten. Offenbar fühlte er sich durchaus wohl mit ihr in seinem Bett. Und warum auch nicht? Sie machte sich keine Illusionen darüber, ob diese Nacht für ihn besonders war. Er sah blendend aus und war zudem charmant, der Traum aller Frauen. Im Grunde machte es ihr nicht einmal etwas aus. Oder doch?

Darüber wollte sie lieber nicht nachdenken.

In ein oder zwei Tagen war sie wieder in New York, brachte ihre Datenbank auf den neuesten Stand und überprüfte die Weinlieferungen, die aus aller Welt eintrafen.

Auch die von Amado. Einige seiner Weine waren so exzellent, dass Tarrant sie bestimmt auch für den privaten Weinkeller bestellen würde.

Was bedeutete, dass sie auch weiterhin mit Amado in Kontakt bleiben musste.

Oder nicht? Er beschäftigte sich hauptsächlich mit den Bereichen des Weinguts, die ihn am meisten interessierten, nämlich mit dem Veredeln des Weins. Das Marketing und den Versand überließ er seinen Angestellten.

Vermutlich würde sie also am Telefon mit einem freundlichen Assistenten sprechen, der ihr in einem Verkaufsgespräch die Vorzüge der einzelnen Weine darlegen und ihr Proben schicken würde.

Proben … Sie konnte nicht von hier weg, nicht ohne DNA-Probe.

„Wie wäre es denn, wenn ich Ihnen eine DNA-Probe gebe, und Sie verbringen die Nacht mit mir?

Sie hatte sich an ihren Teil der Abmachung gehalten. Aber irgendwie fiel es ihr jetzt noch schwerer als vorher, ihn um diese Probe zu bitten.

4. KAPITEL

Kurz bevor die Sonne aufging, schlich Susannah sich aus Amados Bett und ging in ihr Zimmer. Sie musste sich sammeln und zu ihrer gefassten Haltung – oder zu dem, was davon noch übrig war – zurückfinden, bevor sie ihm wieder gegenübertrat.

Mit großer Sorgfalt zog sie sich ein schlichtes schwarzes Kleid an und bändigte ihre wilden Locken zu einem Knoten im Nacken. Ihre Lippen waren noch rot von Amados Küssen, und sie bemühte sich, die geröteten Wangen mit ein wenig Puder abzudecken.

Gegen das Funkeln in ihren Augen konnte sie dagegen nichts unternehmen.

Als sie Rosa kommen und in der Küche werkeln hörte, atmete Susannah noch einmal tief durch und ging nach unten. Sie hatte vor, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Ihr Angebot zu helfen, wurde von Rosa höflich abgelehnt, also setzte Susannah sich vor den erloschenen Kamin.

Sobald das Frühstück fertig war, rief Rosa nach Amado. Susannah stand vom Sofa auf und hielt den Atem an.

Verschlafen und zerzaust kam Amado an den Treppenabsatz und blieb stehen, als er sie sah. Susannah schluckte, weil er bei ihrem Anblick zu lächeln begann. Barfuß lief er die Treppe hinunter.

„Guten Morgen“, flüsterte er. In seinem Blick schien dasselbe Feuer zu lodern, das sie vorhin im Spiegel entdeckt hatte. Das hellblaue Hemd hatte er sich nicht zugeknöpft, sodass sie seinen gebräunten Oberkörper betrachten konnte.

„Hallo“, murmelte sie und ging mit ihm zusammen ins Esszimmer, wo Rosa beim Anblick von Amado missbilligend den Kopf schüttelte.

Er lächelte nur und zog einen Stuhl für Susannah zurück. „Setz dich und iss.“

Susannah warf Rosa einen verstohlenen Blick zu, doch deren Miene blieb ausdruckslos. Frühstückte Amado immer halb bekleidet? Oder nur, nachdem er mit seinem Gast die Nacht verbracht hatte? Wenn man nachts stöhnend in den Armen des anderen gelegen hatte, brauchte man wohl nicht sonderlich auf Förmlichkeit zu achten …

Susannah nahm die Serviette und legte sie sich auf den Schoß. Es gab nichts, wofür sie sich schämen musste. Schließlich waren sie beide erwachsen, und sie … Als sie Rosas vernichtenden Blick auffing, ließ sie betroffen die Schultern sinken.

Amado genoss entspannt und gelöst das Frühstück. Er bemühte sich nicht einmal darum, ein höfliches Gespräch zu beginnen. Aber er schaute sie immer wieder an, und in seinem Blick lag so viel Wärme, dass Susannah Herzklopfen bekam.

Ich muss hier raus, dachte sie. Amado hat eine ungesunde und gefährliche Wirkung auf meine Libido.

Sie war hier, um einen Job zu erledigen. Dafür wurde sie bezahlt, und es wurde Zeit, dass sie sich ihr Geld verdiente.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Rosa außer Hörweite war, beugte Susannah sich vor: „Du lässt die DNA-Probe nehmen, oder?“

Amados Miene war mit einem Mal wie versteinert. Das Lächeln verblasste völlig. „Ja.“

Eisiges Schweigen entstand, bis Amado seine Serviette nahm und aufstand. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er das Zimmer und ließ Susannah betreten am Frühstückstisch sitzend zurück.

Amado knöpfte sich das Hemd zu und kämmte sich das Haar zurück. Irgendwie hatte er das Gefühl, als würde er in einen Kampf ziehen.

Susannah Clarke war hergekommen, um den Namen seiner Mutter zu beschmutzen. Natürlich war allein der Gedanke, dass seine Mutter eine Affäre gehabt haben könnte, völlig hirnrissig, insofern musste er sich vor dem Testergebnis nicht fürchten. Trotzdem war seine gute Laune verflogen, weil die Erkenntnis, dass Susannah nur aus praktischen Erwägungen heraus mit ihm geschlafen hatte, ihn ärgerte.

Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Einer Frau wie ihr war er noch nie begegnet. Äußerlich so kühl und gefasst, dagegen leidenschaftlich und hemmungslos im Bett. Faszinierend.

Vorhin hatte sie ihn erst mit diesem schüchternen Lächeln begrüßt, und ihn dann daran erinnert, dass das, was sie in der Nacht getrieben hatten, für sie einfach nur ein Geschäft gewesen war. Es machte Amado wütend, doch als Ehrenmann stand er zu seinem Wort.

Er hörte sie im Gästezimmer auf und ab gehen und trat ein, ohne anzuklopfen. „Ich gehöre dir, was auch immer du vorhast.“

Susannah zuckte zusammen und ließ das Kleidungsstück fallen, das sie offenbar gerade in den Koffer legen wollte.

„Habe ich dich erschreckt?“, fragte er ohne schlechtes Gewissen.

„Ich suche nur gerade meine Sachen zusammen.“

„Das sehe ich. Wie sieht dein Plan aus? Du entnimmst mir meine Körperflüssigkeiten und fliegst auf dem schnellsten Weg zurück nach New York?“ Misstrauisch kniff er die Augen zusammen, als ihm etwas in den Sinn kam. „Oder hast du dir schon genommen, was du brauchst?“

„Nein!“, rief sie und errötete. „In Mendoza gibt es ein Labor, das den Test ausführen kann. Es wäre das Beste, wenn du mit mir zusammen dorthin fährst, damit sie den Abstrich nehmen können. Dann ist das Risiko am geringsten, und du kannst sicher sein, dass niemand die Probe verfälscht.“

Sie strich sich eine imaginäre Haarsträhne hinter das Ohr, was ein wenig merkwürdig anmutete, da sie das Haar im Nacken zusammengebunden hatte. Ihr Kleid war bis zum Hals zugeknöpft und ging ihr bis fast zu den Knöcheln. Alles in allem sieht sie aus wie eine prüde Missionarstochter, dachte Amado.

Fass mich nicht an, das signalisierte sie. Aber er wusste es besser. „Also soll ich dich nach Mendoza begleiten?“

„Na ja, ich dachte, du fährst mit deinem Wagen …“

„Damit du mich nicht wieder hierher zurückbringen musst.“ Er neigte den Kopf. „Du denkst ja an alles.“

„Außerdem …“ Ihr zitterten die Hände, als sie den Reißverschluss ihrer Tasche zuzog. „… ist mir auf dem Weg hierher das Benzin ausgegangen. Ich fürchte, ich brauche erst einmal etwas, um überhaupt irgendwohin fahren zu können.“

Amado verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie es scheint, bist du mir wieder einmal ausgeliefert. Zum Glück bin ich ja ein Gentleman.“ Er lächelte anmaßend. „Meistens jedenfalls.“

Da Amado keine Lust hatte, sich in den Leihwagen zu zwängen, nahmen sie seinen Mercedes. Kurz entschlossen hatte Amado einen seiner Angestellten gebeten, Susannahs Auto in die Stadt zu fahren und sich später mit ihm dort zu treffen.

Während der Fahrt unterhielten sie sich über die Gegend, deren Geschichte und über seine Familie. Amado hatte inzwischen den Eindruck, dass Susannah genauso wenig wie er daran glaubte, dass er der Sohn dieses Tarrant Hardcastle war.

„Wird dein Chef wütend sein, wenn du ihm nicht das Ergebnis mitbringst, das er sich erhofft?“, fragte er irgendwann unvermittelt.

„Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass er todkrank ist.“

„Was hat er?“

„Krebs. Es stört ihn bestimmt nicht, wenn ich dir das erzähle. Er und seine Frau engagieren sich in der Aufklärungsarbeit, damit die Menschen zur Vorsorge gehen. Er sagt, er hätte die Symptome zu lange ignoriert, weil er sich für unbesiegbar hielt.“

Amado runzelte die Stirn. Plötzlich erschien ihm dieser fremde Mann in einem anderen Licht, irgendwie realer. „Leidet er?“

„Ich glaube schon. Niemand möchte sterben.“ Sie blickte aus dem Fenster und zu den Anden, die sich in der Ferne erhoben. „Die Suche nach seinen verlorenen Kindern hält ihn am Leben, soweit ich gehört habe.“

„Aber warum will er sie finden?“

„Ich glaube, er will sich seinen Fehlern und seiner Vergangenheit stellen. Vielleicht etwas wiedergutmachen, bevor er stirbt.“

„Also glaubt er, ich wäre einer seiner Fehler?“ Amado musste lachen.

„Wenn man es so ausdrückt, klingt es ziemlich gemein. Er ist allerdings sehr reich. Ich vermute, dass er eben auch die Erben seines Vermögens sucht.“

Ihr geheimnisvoller, aufmerksamer Blick ruhte auf ihm. Versuchte sie herauszufinden, wie geldgierig Amado war? Vor fünfzehn, sogar vor fünf Jahren noch, wäre ihm das Geld vielleicht willkommen gewesen, als er Tierra de Oro auf Weinanbau umgestellt hatte und viele Neuerungen erforderlich gewesen waren. Aber jetzt lief das Geschäft gut, die letzten Schulden waren vor drei Jahren getilgt worden. Sie erwirtschafteten gute Profite.

„Ich will sein Geld nicht, es sei denn, er kauft meinen Wein, versteht sich.“

Das Labor lag in einer ruhigen Seitenstraße. Amado merkte, dass Susannah nervös war, als er auf den Parkplatz bog. Was konnte sie eigentlich bei dieser Sache gewinnen? Hatte sie etwas zu verlieren?

Für sie war das alles eine rein geschäftliche Angelegenheit. Wie auch immer das Ergebnis lautete, sie hatte ihre Pflicht getan und konnte sich der Verantwortung entziehen. Konnte sich ihm entziehen.

Amado wurde flau im Magen, als ihn eine unangenehme Mischung aus Verärgerung und Verlangen überfiel. Es machte ihn wütend, dass Susannah die Nacht mit ihm verbrachte – und was für eine Nacht! – und dann einfach ging.

Nachdem sie das Gebäude betreten hatte, sprach sie mit der Frau hinter dem Empfangstisch. Und ehe Amado sich versah, hatte eine Arzthelferin den Abstrich durchgeführt.

„Fertig“, sagte sie und verließ kurz das Zimmer.

„Das war’s?“, fragte er erstaunt. Das genügte, um ein Leben zu verändern? Es vielleicht zu ruinieren? Es kam ihm irgendwie unangemessen vor.

Andererseits wusste er ja, wie das Ergebnis lauten würde. Es bestand kein Grund zur Sorge. Amado sah zu Susannah, die schlank und schön, aber nervös dastand und die Hände rang. „Wollen wir essen gehen?“, fragte er.

„Ich sollte lieber zum Flughafen fahren. Ich muss nach New York zurück.“

Für sie war es so leicht, einfach wegzufahren. Ganz offensichtlich war es für sie das Selbstverständlichste auf der Welt. Amado wollte sie aber noch nicht gehen lassen. „Du kannst nicht weg, bevor wir die Ergebnisse haben.“

„Warum nicht?“

„Weil ich ja das Labor bestechen könnte, damit sie ein Testergebnis bekannt geben, das mir gefällt“, meinte er herausfordernd.

„Das würdest du nicht schaffen. Dieses Labor hat einen ausgezeichneten Ruf.“

„Jeder hat seinen Preis.“ Er warf einen bedeutungsvollen Blick zur Tür, durch die die blonde Arzthelferin gerade wieder hereinkam.

„Alles auf dem Weg. In fünf Tagen müssten die Ergebnisse da sein“, erklärte sie und lächelte freundlich.

„Fünf Tage?“ Amado sprang auf.

„So lange brauchen wir mindestens für eine akkurate Analyse. Wir rufen Sie dann an.“

Amado sah zu Susannah. Sie kehrte in ihr normales Leben zurück, während er mit den möglichen Konsequenzen wegen des Tests leben musste. Wieder flammten Verärgerung und dieses unbefriedigte Verlangen in ihm auf. „Wann geht dein Flug?“, fragte er schroff.

„Ich nehme den ersten Flug, den ich nach Santiago de Chile bekommen kann. Von dort fliege ich heute Abend nach New York.“ Susannah folgte der Arzthelferin hinaus in den Empfangsbereich.

„Du hattest die ganze Zeit schon einen Flug gebucht? Du musst dir sehr sicher gewesen sein, dass du deine Probe bekommst.“

Die Helferin drehte sich zu ihm um. Wahrscheinlich dachte sie, dass Susannah seine DNA-Probe haben wollte, um die Vaterschaft ihres Kindes zu beweisen! Zornig presste Amado die Lippen aufeinander. Ihn ärgerte, dass jemand glauben konnte, er wäre ein Mann, der so etwas abstritt.

„Ich hatte darauf gehofft.“ Susannah wich seinem Blick aus, indem sie der Empfangsdame dankte und mit ihrer Kreditkarte bezahlte.

Natürlich hatte sie nicht vorhersehen können, dass er sie davon überzeugen würde, mit ihm zu schlafen. Oder doch?

Susannah verspürte einen Anflug von Panik, als Amado auf dem Parkplatz des Flughafens hielt.

Er nahm ihre Tasche aus dem Kofferraum. „Kommst du wieder, wenn der neue Malbec reif ist?“, fragte er und klang dabei ziemlich gleichgültig.

Wahrscheinlich wäre es ihm lästig, wenn ich wieder herkomme, dachte sie. Unangenehm und peinlich. Bis dahin hatte er sicherlich weitere flüchtige Abenteuer mit durchreisenden Frauen erlebt und sie längst vergessen. Und genau deshalb tat Susannah, als wäre es ihr genauso egal. „Das würde ich gern, aber das hängt von meinen Terminen ab. Ich muss in den nächsten Monaten nach Europa und Südafrika.“

Sie bemühte sich, einen möglichst geschäftlichen, sachlichen Ton anzuschlagen.

Bereute sie schon, was sie getan hatte? Ein bisschen. Andererseits war es eine einmalige Erfahrung gewesen. Aufregend, wenn auch beängstigend, weil sie von derart intensiven Gefühlen überwältigt worden war.

In Amados dunklen Augen schien sich wieder dieses unbezwingbare Verlangen widerzuspiegeln. In ihren zweifellos auch.

Verlangen war etwas, das man nicht kontrollieren konnte. Man konnte sich dazu entscheiden, es nicht auszuleben, zügeln konnte man es jedoch nicht. Und wenn man es auslebte, endete es wohl so wie bei Tarrant Hardcastle, der diverse nicht geplante Kinder gezeugt hatte …

Susannah wurde mulmig zumute. Sie hatte das merkwürdige Gefühl, dass sie die Nacht mit Amado niemals vergessen würde. Wie würde sie sich bald fühlen, allein in ihrem Bett, gequält von Erinnerungen an die Intimität und Leidenschaft, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können?

Am Check-in-Schalter umfasste Amado ihr Gesicht und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. Glutvolle Begierde stieg in ihr auf, als sich ihre Zungen zu einem wilden Tanz fanden, während sie in der Warteschlange standen, umgeben von unruhigen, ungeduldigen Menschen.

Glaub ja nicht, dass du so einfach davonkommst, das schien sein Kuss auszudrücken. Susannahs Mund kribbelte, und ihr wurden die Knie weich, als Amado sich von ihr löste und sie triumphierend ansah. „Rufst du mich an, wenn du die Ergebnisse hast?“

„Ich vermute, dass jemand aus Tarrants Büro dich anrufen wird. Normalerweise habe ich mit seinen Privatsachen nichts zu tun.“

„Dann rufe ich dich an.“

Ihr wurde leichter ums Herz, weil es sich so anhörte, als wollte er den Kontakt zu ihr doch nicht abreißen lassen. Der Gedanke, Amado jetzt zu verlassen und nie wiederzusehen, war einfach … deprimierend.

Susannah war sicher, dass er sie anrufen und mit ihr lachen und scherzen würde, wenn das Ergebnis so ausfiel, wie er es sich erhoffte.

Aber was war, wenn es nicht so kam?

Sie suchte nach ihrem Ticket, als Amado sich umdrehte und davonschritt. Susannah konnte jedoch nicht widerstehen und sah auf, um einen letzten Blick von ihm zu erhaschen, bevor er durch die Tür trat.

Er war ein großer, stolzer Mann, der alles, was er tat, voller Leidenschaft in Angriff nahm, und dessen Bindung an sein Weingut und an seine Familie so eng war, dass sie für ihn außer Frage stand.

Nervös biss Susannah sich auf ihren manikürten Fingernagel und hoffte sehr, dass Tarrant sich irrte.

Susannahs Herz klopfte heftig, als sie die breite Treppe der El Cubano Cigar Bar auf der Fifth Avenue emporstieg. Eine Woche war seit ihrer Rückkehr aus Argentinien verstrichen, und Tarrant Hardcastle hatte sie in seinen eleganten Klub eingeladen, um sich bei ihr dafür zu bedanken, dass sie Amados DNA-Probe besorgt hatte.

Sie hatte keine Ahnung, wie das Ergebnis lautete.

Nachdem sie ihren Mantel abgegeben und erklärt hatte, mit wem sie verabredet war, wurde Susannah in einen großen Saal geführt, in dem Männer in Ledersesseln saßen und Zigarren rauchten.

„Mr. Hardcastle, Ihr Gast ist da.“

Nervös beobachtete Susannah, wie ihr Chef aufstand und sie begrüßte. Er hatte gerade weiße Zähne und ein sonnengebräunten Gesicht. Sie fand, für seine siebenundsechzig Jahre sah er unnatürlich jugendlich aus. Alles an diesem Mann war irgendwie Furcht einflößend.

Sie bemühte sich, nicht zurückzuzucken, als er sie unerwartet auf beide Wangen küsste. Diese Geste empfand sie als übertrieben und unangemessen, schließlich kannten sie einander kaum.

„Vielen Dank, meine Liebe“, sagte er bewegt.

Oh, oh.

„Danke, dass Sie meinen Sohn gefunden haben.“

Susannah war wie erstarrt. „Es ist wirklich Ihr Sohn?“

„Mit neunundneunzigprozentiger Sicherheit. Genauer kann man es nicht sagen.“ Lächelnd deutete er auf einen Ledersessel. „Setzen Sie sich.“

Susannah fiel praktisch hinein.

„Erzählen Sie mir von ihm, meine Liebe. Was ist mein Sohn für ein Mensch?“ Ein strahlendes Lächeln erhellte sein Gesicht, als Tarrant Hardcastle nun ebenfalls Platz nahm.

Amado ist nicht der Sohn von Ignacio Alvarez. Seine Mutter hatte eine Affäre.

Bei dieser Erkenntnis lief Susannah ein kalter Schauer über den Rücken. Wie hatte Amado reagiert? Wie hatten seine Eltern reagiert? Trotz seines Versprechens hatte er sie nicht angerufen.

„Er ist nett“, brachte sie mühsam hervor. „Intelligent.“

Tarrant machte eine ungeduldige Handbewegung. „Sieht er aus wie ich?“

Stirnrunzelnd dachte sie nach. „Sie beide haben ausgeprägte Gesichtszüge. Es gibt eine Ähnlichkeit so um die Nase herum und bei den Wangenknochen. Er hat allerdings einen dunkleren Teint, dunkle Augen und dunkles Haar.“

Tarrant lächelte. „Wie mein Sohn Dominic. Damals konnte ich jungen schwarzhaarigen Schönheiten nie widerstehen.“

Das Gespräch wurde Susannah immer unangenehmer. Sie hatte keine Lust, über Tarrants Abenteuer von vor dreißig Jahren nachzudenken. Außerdem konnte sie sich schlecht vorstellen, dass Clara Alvarez eine Schönheit gewesen war, ob nun dunkelhaarig oder sonst wie. Hatte sie nicht genau wie Tarrant blaue Augen?

„Seine Mutter war ein echter Feger, außerdem noch ziemlich helle und mit einem Temperament gesegnet …“ Er lächelte vielsagend.

„Clara geht es auch gut.“

„Clara?“ Tarrant nippte an seinem Drink. „Wer ist das?“

„Amados Mutter.“

Tarrant stellte das Glas ab. „Amados Mutter ist tot.“

Fassungslos sah Susannah ihn an. „Aber ich habe sie getroffen!“

„Wohl kaum. Ich musste sie damals identifizieren.“

Susannah schluckte. Ihr war eiskalt geworden. „Aber er hat sie als seine Mutter vorgestellt.“

„Ich habe keine Ahnung, wer Clara ist, aber seine Mutter war Marisa Alvarez, und sie ist bei der Geburt ihres Sohnes gestorben.“ Er klopfte die Asche seiner Zigarre ab. „Tragisch. Die ganze Sache war ein Albtraum.“

Susannah verstand überhaupt nichts mehr.

Amado glaubte fest daran, dass er der Sohn von Clara und Ignacio Alvarez war. Und jetzt sollte er nicht einmal mit ihnen verwandt sein?

Tarrant blickte auf seine Zigarre. „Mein Sohn, Amado, weigert sich leider, auf meine Anrufe zu reagieren.“

„Wie hat er von dem Ergebnis erfahren?“

„Meine Tochter hat es geschafft, ihn lange genug ans Telefon zu bekommen, um ihm die frohen Neuigkeiten zu überbringen, aber er hat dann einfach aufgelegt. Sie hat kein sonderlich ausgeprägtes Taktgefühl, trotzdem dachte ich, die Blutsverwandtschaft …“

Er seufzte und sah sie an. „Ich bin wirklich beeindruckt, dass Sie es geschafft haben, ihm die DNA-Probe abzuluchsen.“

Nachdenklich betrachtete er sie und kniff die Augen zusammen. „Sie sind ein stiller Typ, aber ich bin überzeugt, dass Sie mehr zu bieten haben, als man auf den ersten Blick vermutet.“

Susannah versank noch tiefer im Sessel und fühlte sich schuldig.

„Also, ich möchte, dass Sie nach Argentinien fliegen und meinen Sohn nach Hause holen.“

Schockiert fragte Susannah nach: „Sie wollen, dass ich ihn nach New York bringe?“

„Ich will ihn treffen. Ihm die Firma zeigen. Ihn willkommen heißen.“

Bei der Aussicht, Amado wiederzusehen, wurde Susannah ganz heiß. Im nächsten Moment sah sie jedoch den Tatsachen ins Auge. Tarrant wollte, dass Amado, genau wie sein anderer kürzlich aufgespürter Sohn Dominic, dem Familienunternehmen beitrat.

Ihr Magen verkrampfte sich, als sie sich vorstellte, dass sie Amado davon überzeugen müsste, sein geliebtes Heimatland zu verlassen. Unabhängig davon, wie viel Geld dabei im Spiel war, Susannah fand es einfach falsch.

„Er wird das Weingut niemals verlassen“, platzte sie heraus. „Es bedeutet ihm alles, es ist seine Lebensaufgabe. Er liebt es genauso wie …“ Wie ein Vater seinen Sohn.

Sie biss sich auf die Lippe und bedauerte ihren kleinen emotionalen Ausbruch.

Kritisch musterte Tarrant sie. „Bringen Sie ihn wenigstens so lange her, dass er seinen alten Vater treffen kann … bevor er stirbt.“

Susannah blinzelte. Ihr Chef war so von sich überzeugt. Wahrscheinlich ging Tarrant fest davon aus, Amado zu allem überreden zu können, sobald er ihn sah.

Tarrant war so voller Elan, dass Susannah immer wieder vergaß, wie schwer krank er war. Die Krebserkrankung war so weit fortgeschritten, dass die Ärzte von einer Behandlung abgeraten und ihm stattdessen empfohlen hatten, die letzten Monate – oder Wochen – zu genießen. Inzwischen lebte er schon länger, als die Ärzte prognostiziert hatten.

Trotz ihrer Vorbehalte verspürte sie Mitleid. „Ich weiß nicht, ob er kommt. Es war schon schwierig genug, ihn davon zu überzeugen, mir die DNA-Probe zu geben.“

„Ich weiß, dass Sie es schaffen können. Meine Assistentin hat Ihnen einen Flug nach Santiago gebucht. Er geht heute Abend. Morgen früh sind Sie dann wieder in Mendoza.“

„Aber ich muss morgen nach Johannesburg fliegen“, wandte sie ein. Elf Besichtigungen von Weingütern standen auf ihrem Programm.

Mit einer herrischen Handbewegung bedeutete er ihr zu schweigen. „Johannesburg kann warten. Ich nicht. Sie müssen ihn in dieser Woche noch herbringen.“

Susannah wollte widersprechen – und besann sich eines Besseren. Tarrant Hardcastle war ihr Chef. Wenn er wollte, dass sie ihre Geschäftsreise verschob, dann blieb ihr nichts anderes übrig.

„Versichern Sie ihm, dass sich die Reise für ihn lohnt.“ Tarrant beugte sich vor. „Trotz meines Rufs bilde ich mir nicht ein, dass jeder Mensch der Welt weiß, wer ich bin. Erzählen Sie es ihm. Erzählen Sie ihm, was ich ihm geben kann.“

Die Emotionen, die sich auf seiner Miene spiegelten, überraschten Susannah. Auf einmal entdeckte sie eine andere, ganz neue Seite an Tarrant Hardcastle. Unter der Maske des dreisten Milliardärs verbarg er sehr menschliche Züge, war so zerbrechlich und unsicher wie alle anderen auch. Er war ein Mann, der seinen Sohn kennenlernen wollte, bevor es zu spät war. Der sich vielleicht sogar nach der Zuneigung und Liebe sehnte, auf die er so lange verzichtet hatte.

Mitgefühl ergriff Susannah. Sie musste ihm helfen.

Er griff nach ihrer Hand. „Ich bin ein sterbenskranker Mann. Scheuen Sie sich nicht, an seine Gefühle zu appellieren. Alle Männer haben Gefühle, auch wenn wir das Frauen gegenüber immer abstreiten.“

5. KAPITEL

Als Susannah am nächsten Nachmittag auf die Einfahrt von Tierra de Oro bog, war sie so erschöpft, dass ihr fast die Augen zufielen.

Sie hatte ihren Besuch nicht angemeldet. Tarrant hatte sie davon überzeugt, dass es so am besten war und sie den Überraschungsmoment brauchen konnte. Am Ende hatte sie ihm zugestimmt.

Jedes Mal, wenn in den letzten vierundzwanzig Stunden ihr Handy geklingelt hatte, war sie zusammengezuckt. Aber trotz seines Versprechens hatte Amado sie nicht angerufen.

Nachdem sie vor dem Haus geparkt hatte, atmete sie noch einmal tief durch. Dann stieg sie aus dem Wagen und stand im gleißenden Sonnenlicht.

Das Erste, was Susannah hörte, war das laute Schluchzen einer Frau. Oh nein! Mit pochendem Herzen klopfte Susannah an die Tür und straffte die Schultern, als sie Schritte hörte. Die Eingangstür wurde schwungvoll aufgerissen.

Amado.

Sekundenlang wirkte sein Gesicht wie versteinert, schockiert. Doch im nächsten Moment sah er sie eindringlich und hart an. „Du.“

Sie schluckte. „Ich.“

Er war noch größer und imposanter, als sie in Erinnerung hatte. Und er sah noch besser aus. Das Haar hing ihm in die Stirn, wodurch er irgendwie wild, unzivilisiert, aufregend wirkte.

„Hör dir an, was du angerichtet hast!“, flüsterte er verbittert und deutete ins Haus. Das Schluchzen hielt unvermindert an. „Meine Mutter ist außer sich.“

Ein merkwürdiger Ausdruck glitt über sein Gesicht.

Sie ist nicht deine Mutter. Susannah schwieg, während die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen standen. Die Stimmung war sehr angespannt.

Als auf einmal die beiden großen Hunde auf sie zuliefen, machte Susannah instinktiv einen Schritt rückwärts und wäre fast die Eingangstreppe hinuntergefallen. Amado reagierte sofort und hielt sie fest. Doch schon im nächsten Augenblick zog er die Hand zurück, so als hätte er sich verbrannt.

„Danke“, brachte Susannah mühsam hervor. „Es tut mir leid, ich wollte weder dir noch deiner Familie wehtun …“

Er kniff die Augen zusammen. „Aber du musstest ja deinen Job erledigen.“

Ihr entging die unterdrückte Wut in seiner tiefen Stimme nicht. Genauso wenig wie das laute Schluchzen aus einem der Räume.

Amado lächelte freudlos und trat zurück. „Warum kommst du nicht rein?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er in den kühlen Flur, seine Hunde folgten ihm.

Nichts hätte Susannah jetzt lieber getan, als sich umzudrehen und wegzulaufen. Aber sie war dazu erzogen worden, auch unangenehme Situationen durchzustehen, statt vor Schwierigkeiten davonzulaufen. Deshalb atmete sie tief ein und ging ins Haus.

Clara Alvarez saß auf dem Sofa, den Kopf in den Händen geborgen. Das Schluchzen schüttelte ihren gesamten Körper.

„Mamá“, sagte Amado leise.

„Ich bin nicht deine Mutter.“ Ihre Finger dämpften die tränenerstickten Worte. „Ich hätte diese Charade nicht mitspielen sollen. Ich habe gelogen. Dafür wird Gott mich bestrafen. Ich habe es verdient zu leiden.“

Erneut schluchzte sie auf, und der Laut versetzte Susannah einen Stich im Herzen. Was war nur vor dreißig Jahren hier geschehen?

Amado schüttelte den Kopf. „Sie ist so verzweifelt. Mein Vater ist in die Berge geritten. Er will mit niemandem sprechen.“

Er schritt durch das Wohnzimmer, und sie folgte ihm zögernd. Die Ruhe und wohltuende Atmosphäre des Weinguts war zerstört worden, daran zweifelte Susannah nicht. Vielleicht sogar für immer.

„Können wir auf die Terrasse gehen?“, flüsterte sie.

Amado sah sie erzürnt an, öffnete aber die Tür und schob Susannah nach draußen.

Sie riss sich zusammen und dachte, die Situation könnte kaum noch schlimmer werden. Darum konnte sie auch gleich auf den Grund dieses Besuchs zu sprechen kommen. „Dein richtiger Vater möchte, dass du nach New York kommst.“

„Mein richtiger Vater.“ Amado spie die Worte fast aus. „Wie kannst du das sagen? Ein fremder Mann, der sich nicht um mich gekümmert hat! Der mich meinem Schicksal überlassen hat. Aus egoistischen Gründen hat er mich jetzt gesucht, ohne sich darum zu scheren, wessen Leben er damit ruiniert.“

„Er bereut sehr, wie er seine verlorenen Kinder behandelt hat.“ Susannah rang nervös die Hände.

„Verloren? Ich war nicht verloren. Ich war hier auf Tierra de Oro zu Hause.“ Schmerz lag in seinem Blick. „Das Anwesen ist seit sechs Generationen vom Vater auf den Sohn übergegangen. Jetzt ist die Kette abgerissen, weil mein Vater keinen Sohn hat.“

Er schwieg und blickte starr hinüber zu den Bergen. Wie ein grüner Teppich erstreckten sich die Weinstöcke vor ihnen über das Land. Der Wein wuchs und gedieh trotz des Familiendramas, das sich hier zutrug. Susannah traute sich kaum, Amado anzuschauen. „Ich verstehe das alles nicht. Wer war Marisa Alvarez?“

Ohne sich ihr zuzuwenden, sagte er: „Marisa war meine Schwester.“

„Eine Schwester? Ich wusste gar nicht, dass du eine hattest.“

„Warum auch? Sie ist seit dreißig Jahren tot.“ Jetzt drehte er sich um, und als sie seinem grimmigen Blick begegnete, zuckte sie zurück. „Und sie war überhaupt nicht meine Schwester.“

Susannah blinzelte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und verstand das Ganze nicht. Gern hätte sie Amado getröstet, ihn berührt. Doch seine steife Haltung und seine stolze Miene verboten das.

Noch immer erinnerte sie sich an das wunderbare Gefühl, das sie verspürt hatte, als er sie in seinen starken Armen gehalten hatte. Als sie in seinem Bett gelegen hatte, überglücklich nach der gemeinsamen Liebesnacht.

Es kam ihr vor, als läge es ewig zurück.

„Marisa, meine Schwester, hat ein ruhiges Leben hier auf Tierra de Oro geführt. Ihre Mutter – Ignacios erste Frau – starb bei Marisas Geburt, also wurde sie von ihrem verwitweten Vater großgezogen.“

Er schaute sie an. „Das wusste ich alles. Was ich nicht wusste, ist, dass Marisa mit siebzehn des behüteten Lebens müde geworden war. Nachdem sie einen Sommer in Mendoza Kunst studiert und heimlich Geld durch den Verkauf ihrer Bilder verdient hatte, ist sie weggegangen … nach New York.“

Susannah nickte. Allmählich begriff sie die wahren Familienverhältnisse.

„Mein Vater …“ Amado zog eine Augenbraue hoch. „Oder sollte ich lieber sagen, Ignacio, weiß von diesem Lebensabschnitt wenig. Aber sie ist über ein Jahr lang dort gewesen und hat damals Tarrant Hardcastle kennengelernt.“

Er presste den Namen hervor, als hätte er Gift im Mund.

„Und sie hatten eine Affäre“, flüsterte Susannah.

„Ja. Sie ist schwanger geworden. Tarrant sagte, sie solle das Kind abtreiben, sonst wollte er nichts mehr mit ihr zu tun haben.“

Susannah war entsetzt.

„Natürlich konnte sie das nicht. Sie war Katholikin.“ Amado fuhr schmerzerfüllt fort: „Und sie traute sich nicht, es ihrem Vater zu erzählen. Also blieb sie in New York. Stand die Schwangerschaft allein durch und auch die Geburt.“

Er drehte sich um und ging über die Terrasse. „Sie starb bei der Geburt, genau wie ihre Mutter achtzehn Jahre zuvor.“

„Oh nein.“ Susannah stiegen Tränen in die Augen.

„Sie starb allein, weil sie in einem fremden Land, in dem sie keine echten Freunde hatte, niemanden um Hilfe bitten mochte.“ Ihm stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Und weil ihr Liebhaber sie im Stich gelassen hatte.“

Amado legte die zur Faust geballte Hand auf die Terrassenmauer. Seine Haltung, jede Geste, wirkte sehr angespannt. „Ein Nachbar hat sie damals gehört … Sie muss entsetzliche Schmerzen gehabt haben. Sie riefen einen Krankenwagen, und es gelang, das Baby zu retten, aber für Marisa kam jede Hilfe zu spät.“

Seine Brust hob und senkte sich, und in seinen Augen schimmerten Tränen. „Man fand ihre Heimatadresse in ihren Sachen und rief Ignacio ins Krankenhaus, damit er das Kind abholte.“ Er sah Susannah fest an. „Man hatte bereits Tarrant Hardcastle verständigt, doch der hatte sich geweigert, Verantwortung für das Baby zu übernehmen.“

„Das ist ja furchtbar.“ Susannah brachte die Worte kaum über die Lippen. Alles, was sie hätte sagen können, wäre so unangemessen angesichts der schrecklichen Ereignisse, die Amado geschildert hatte. Sie fand es kaum vorstellbar, dass jemand so kalt und grausam sein konnte, ein hilfloses und mutterloses Baby seinem Schicksal zu überlassen. Nicht einmal Tarrant Hardcastle hätte Susannah das zugetraut.

Wie ein Schlag traf sie die Erkenntnis, dass Amado dieses Baby gewesen war. Tränen rannen ihr über die Wangen.

Amado runzelte die Stirn. „Warum weinst du? Das wusstest du doch bestimmt alles.“

„Ich wusste gar nichts“, erwiderte sie schluchzend. „Es tut mir so leid. Ich fasse es nicht, dass Tarrant …“ Sie konnte nicht weitersprechen.

„Mein richtiger Vater“, wiederholte er angewidert. „Ich verfluche ihn.“

„Das kann ich dir nicht verdenken.“ Susannah biss sich auf die Lippe. Wie sollte sie Amado denn jetzt noch davon überzeugen, mit ihr nach New York zu kommen? Sie wollte es nicht einmal mehr.

Er holte tief Luft. „Also hat Ignacio mich hierher gebracht. Und weil er nicht wollte, dass ich der Schande ausgesetzt werde, als uneheliches Kind aufzuwachsen, hat er schnell seine langjährige Haushälterin Clara geheiratet. Den Leuten hier erzählten sie, Marisa wäre bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

„Ich verstehe.“ So passte Clara also ins Bild. „Aber meinst du nicht, dass die Leute zwei und zwei zusammengezählt haben? Erst verschwindet Marisa, und dann taucht plötzlich ein Baby auf?“

„Mein Vater hat mir erzählt, sie hätten vorgegeben, schon früher geheiratet zu haben. Den Nachbarn haben sie gesagt, sie hätten es nur geheim gehalten, um einen Skandal zu vermeiden, weil er sich in eine Bedienstete verliebt hatte.“ Er stieß einen verächtlichen Laut aus. „Wer weiß, vielleicht haben alle hier es seit Jahren gewusst, nur ich nicht. Dreißig Jahre lebe ich jetzt hier, und niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass Clara und Ignacio nicht meine Eltern sein könnten.“

„Dein Vater, ich meine, Ignacio, hat er dir das alles erzählt?“

„Ja. Und ich bin wütend gewesen. Sehr wütend.“ Er richtete den Blick zum Horizont. „Wie konnte er mich so lange anlügen?“, fragte er, und sein Tonfall verriet, wie verletzt und verwirrt Amado war.

Susannah wünschte, sie wüsste etwas Tröstliches zu sagen.

Er atmete tief durch. „Jetzt ist er in die Berge geritten, und Clara ist todunglücklich.“

„Es tut mir so leid. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Langsam wandte er sich wieder zu ihr um und sah sie starr an. „Warum tut es dir leid? Du hast ja nur deinen Job erledigt“, sagte er zornig, doch als er offenbar erkannte, dass sie mit ihm litt, wurde seine Miene weicher. „Du hattest keine Wahl. Bei solch einem Mistkerl von Chef wirst du gefeuert, wenn du nicht nach seiner Pfeife tanzt.“

„Stimmt, ich habe es gemacht, um meinen Job zu behalten. Jetzt wünschte ich, ich hätte es nicht getan.“

Amado richtete den Blick wieder auf die Berge. „Es ist besser, dass die Wahrheit herausgekommen ist.“

„Inwiefern besser? Deine ganze Familie leidet schrecklich.“ Noch immer hörte sie Clara drinnen schluchzen.

„Geheimnisse sind wie Gift. Man kann es vielleicht irgendwann nicht mehr nachweisen, aber früher oder später schwächt und zerstört es alles.“ Er drehte sich wieder zu ihr um. „Es ist besser, wenn es herausgespült wird und man sich den Konsequenzen stellt.“

Trotz seiner tapferen Worte erkannte Susannah, unter welchem Druck er stand. Amado sah aus wie jemand, der versuchte, in einer Welt das Gleichgewicht zu halten, in der es keine Schwerkraft mehr gab. „Es sind andere Zeiten. Heutzutage ist es keine Schande mehr, ein uneheliches Kind zu sein“, sagte sie leise.

„Das stört mich nicht. Ich bin immer noch derselbe Mensch.“

Er klang jetzt gelassen, aber sie sah, dass ein Muskel an seinem Hals zuckte.

War er wirklich immer noch derselbe? Wie konnte man das, nachdem man erfahren hatte, dass ausgerechnet die Menschen einen ein Leben lang angelogen hatten, denen man am nächsten stand? „Du solltest mit nach New York kommen. Ich weiß, dass du mit deiner Schwester Fiona telefoniert hast …“

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