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Traumland am fernen Ufer

Volker Schmidt

Traumland am fernen Ufer

Ein Umweltbuch voller Abenteuer, das unseren Kindern

Hoffnung gibt und sie stark macht für

eine bessere Zukunft

Bilder von Barbara Hahn Begleitaufgaben Erika Steinle

Wir können nur schützen, was wir lieben.
Wir können nur lieben, was wir kennen
und wir kennen nur, was uns gelehrt wurde.

Volker Schmidt

Der Autor

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Volker Schmidt ist studierter Biologe, Geograph, Pädagoge und freier Journalist bei einer großen regionalen Tageszeitung. Sein literarisches Engagement gilt neben der Pressearbeit der Bewusstmachung der heute in vieler Weise problematischen Entwicklung von Natur, Mensch und Gesellschaft. Seine Bücher sind aktuell animierend und oft zugleich märchenhaft, wobei sein verständlicher Umgang mit den Inhalten Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen fasziniert.

Neben seinen Büchern schreibt Volker Schmidt umweltkritische Gedichte und Kurzgeschichten. Wegen seiner hintergründigen, bissigen Umweltlyrik hat ihn der Süddeutsche Rundfunk nicht zu Unrecht als „Robin Hood mit spitzer Feder“ bezeichnet. Volker Schmidt ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und lebt zusammen mit seiner Frau in einem naturnahen kleinen Rosenparadies in Mittelfranken.

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Inhaltsverzeichnis

Der erste Abend

Mull

Die Tastenkammer

Das Ungeheuer

Bauchweh

Die Kinderkarawane

Mümmels Traum

Die Quelle

Die schwarze Taube

Besuch vom Meer

Wertvolles Wasser

Die singenden Bäume

Notzapfen

Das Rätsel

Die große Straße

Feuerrohre

Heimat

Traumland am fernen Ufer

Das Wunder

Freiheit

Die Festung

Der schwarze Geist

Mümmels Frage

Wichtiges Nachwort

Begleitaufgaben

Weitere Bücher von Volker Schmidt:

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Der erste Abend

Bam – bam – bam – bam – bam – bam – bam.

Sieben Uhr hatte die Kirchturmuhr gerade geschlagen. Die rote Sonnenscheibe verschwand langsam hinter den Bäumen am Waldrand. Es war Abenddämmerung.

„Kra – kra – kra“ hörte man es in der Ferne rufen, und das Rufen kam näher, wurde lauter und deutlicher und schon sah man einen schwarzen Vogel von der nahen Stadt herüberfliegen. Er setzte sich auf den kahlen Ast eines Holunderbuschs am Rand einer langen Feldhecke. Sein Gefieder war dunkel, fast schwarz, und es schimmerte herrlich in den Farben des Regenbogens im Licht der untergehenden Sonne. Die beiden Füße des Vogels waren glänzend schwarz, genau wie sein Schnabel, und von einem noch viel schöneren Schwarz, glänzend wie ein geheimnisvoller Edelstein, war sein eines Auge. Es war Krack, der alte Rabe, der jeden Abend hier herüberkam.

„Hat es denn endlich aufgehört zu bluten? Tut dein Kopf immer noch so weh? Kannst du mit dem anderen Auge wirklich gar nichts mehr sehen?“

Die Fragen kamen von Mümmel, einem jungen Feldhasen, der schon ein Weilchen unter dem Holunderbusch gewartet hatte. Jeden Abend trafen sich die beiden hier, um miteinander zu plaudern. Mümmel war ein wunderschöner Hase. Sein Rücken glänzte in goldenem Braun, seine schlanken Ohren waren innen weiß und hatten lustige schwarze Spitzen. Am Bauch leuchtete sein Fell in einem hellen Gelb und im Gesicht sah man einige kräftige, schwarze Barthaare. Am schönsten aber waren Mümmels Augen. Sie strahlten wie zwei honiggelbe Bernsteine, und in ihrer Mitte war je ein tiefschwarzer Kreis. Ja, Mümmel hatte noch beide Augen.

„Warum, warum musste mir das passieren?“, klagte Krack. „Warum hat mir der Junge das Auge kaputt geschossen mit seinem Luftgewehr? Ich habe ihm doch nichts Böses getan; ich habe ihm nichts weggenommen und ihn auch nicht gestört und ich mag sie doch eigentlich, diese fröhlichen Menschenkinder!“

Mümmel konnte das auch nicht verstehen und Krack tat ihm leid wegen der Schmerzen und weil er nur noch ein Auge haben durfte, vielleicht sein ganzes Leben lang, denn Augen, die wachsen nicht mehr nach wie Federn oder abgebrochene Krallen.

„Weißt du“, begann Mümmel, um Krack auf andere Gedanken zu bringen, „weißt du, was es Neues gibt in meiner Hecke am Feldrand? Familie Rebhuhn hat dieses Jahr vierzehn Kinder, die Nachtigall ist aus Afrika zurückgekehrt und baut schon ihr Nest, und es sind noch viele andere Vögel aus dem Süden zurückgekommen. Es gibt wieder herrliche Schmetterlinge und bunte Käfer; die Hummeln bewohnen das alte Mauseloch so wie letztes Jahr und überall an meiner Hecke duften bunte Blumen und würzige Kräuter. Drei sonnig warme Schlafmulden habe ich mir gebaut, so gut versteckt, dass mich dort weder Fuchs noch Habicht entdecken können, und ein Stückchen weiter wohnt eine hübsche junge Hasenfrau.“

„Schön hast du es hier“, stöhnte Krack, denn er hatte Schmerzen. „Ich weiß nicht, mein Park am Stadtrand scheint von einem bösen Zauber befallen zu sein. Die Blätter der Bäume werden schon im Sommer gelb und nicht erst im Herbst wie früher. Überall riecht es nach scharfen Sachen und klebriger Staub hängt an meinen Federn.

Es ist so laut in meiner Stadt, dass mir die Ohren schmerzen und alle Vögel sind müder als früher; wir sind eigentlich nur noch müde, müde, immer müde. Keiner hat mehr Lust, ausgelassen durch die Zweige der Bäume zu toben oder gar fröhlich zu singen.“

Noch lange saßen Mümmel und Krack schweigend beieinander. Sie dachten nach über den Stadtpark, über die Feldhecke und über den Jungen mit dem Luftgewehr. Viele Sterne waren am klaren Abendhimmel aufgegangen. Wie von Zauberhand geschaffen entstand in der Mulde am Schneckenbach ein Nebelschleier und ein kühler Duft nach würzigem Gras ließ beide schläfrig werden.

„Sterne gibt es bei mir auch keine mehr – fast keine. Man sieht nur noch Lampen, Lichtreklamen und düsteren grauen Dunst“, meinte Krack, ehe er missmutig zu seinem Schlafbaum im Park am Rande der Stadt zurückflog.

Mümmel schaute noch einer vorbeihuschenden Fledermaus nach, putzte sich dann mit den Vorderpfoten gründlich Augen, Ohren und Barthaare und hoppelte schließlich gemächlich zu seinem Lieblingsschlafplatz unter dem Schlehenbusch, wo er dem neuen Tag entgegen träumte.

Mull

Während Krack und Mümmel sich unterhielten, hatte sich am Fuß des Holunderbuschs etwas Gespenstisches ereignet. Der Boden hatte plötzlich kleine Risse bekommen. Wie von einer unsichtbaren Hand war ein kleiner Hügel aus lockerer schwarzer Erde aus dem Untergrund hervor gewachsen und in der Mitte dieses Geisterberges erschien nun das Ende eines zierlichen fleischfarbenen Schweinerüssels, rund und feucht, vorsichtig schnüffelnd durch zwei kleine Nasenlöcher. Ein dazugehöriger Kopf wurde allmählich sichtbar. Er war von einem samtweichen, silberschwarzen Fell bedeckt. Auch ein paar kräftige Barthaare konnte man im Halbdunkel erkennen. Augen schien das seltsame Wesen wohl überhaupt keine zu haben – oh doch, aber sie waren so winzig kleine schwarz glänzende Punkte, dass sie schon aus kurzer Entfernung in dem dunklen Pelz überhaupt nicht mehr auffielen. Auch die kleinen runden Ohren waren kaum zu erkennen.

Der Kopf drehte sich langsam nach allen Seiten und drückte dabei die lockere Erde so lange fest nach außen, bis ein kreisrundes Loch entstanden war, in dem jetzt noch zwei putzige kleine fahlgelbe Hände erschienen, so klein wie die Hände der Puppen, mit denen die Menschenkinder spielten.

Es war Mull, der ganz besondere Maulwurf dieser Gegend. Er wohnte in einem Gewirr von vielen unterirdischen Gängen, in denen nur er selbst sich genau auskannte. Seine Wohnung hatte ein Schlafzimmer, mehrere Speisekammern, ein richtiges Klo, einen geheimen Fluchtgang für Notfälle und sogar eine eigene Brunnenstube, die ganz tief in der Erde lag und immer mit frischem Wasser gefüllt war.

Als ein ganz besonderer galt Mull bei seinen Freunden deshalb, weil er die Sprache aller Lebewesen verstand, diejenige von Pflanzen, Tieren und Menschen und weil er sehr viel über die Welt wusste, auch über die so seltsame Welt der Menschen in der Stadt und auf dem Land. Ein besonderer Maulwurf war er auch deshalb, weil er immer voller Hoffnung und Fröhlichkeit das Geschehen auf der Erde betrachtete und weil er, wie seine Maulwurfsfreunde es ausdrückten, einen weisen Blick für die Dinge von morgen hatte. Er konnte ahnen, ja manchmal sogar ganz genau sehen, was die Zukunft bringen würde.

Mull konnte nicht reden, er war stumm, aber er hörte immer aufmerksam zu, wenn es irgendwo etwas zu hören gab, und dann wanderten seine Gedanken in die kommenden Jahre und er überlegte, was das heutige Geschehen in der Natur und bei den Menschen für die Zukunft unserer Erde zu bedeuten hatte. Er sah dann tatsächlich Bilder der Welt von morgen vor seinem inneren Auge.

Mull machte es viel Spaß, Mümmel und Krack bei ihren Abendgesprächen zuzuhören. Immer erschien er mit seinem neugierigen Kopf und den beiden fahlgelben Vorderpfoten in der Mitte des Maulwurfshügels, wenn die beiden sich miteinander unterhielten.

Mull kannte den bösen Zauber, der über der Stadt lag und über den Krack Mümmel gerade sein Leid geklagt hatte, aber seine Ahnung sagte ihm, dass es Hoffnung gab, Hoffnung auf ein schöneres Morgen für Krack und für alle Vögel im Stadtpark.

Am Ende seiner Zuhörstunde zog sich Mull ganz leise in sein Reich in der Erde zurück. Natürlich vergaß er nie, dessen runden Ausgang gewissenhaft mit lockerer Erde zu verschließen. Das tat er wegen der Kälte oder falls es nachts einmal regnen sollte.

Er tat es aber auch, um nicht seinen Feinden, dem Fuchs, dem Bussard und dem Wiesel allzu deutlich zu verraten, dass es am Holunderbusch eine bewohnte Maulwurfsburg gab. Sicher war sicher!