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Trauminsel unserer Liebe

1. KAPITEL

Jake Ronan holte einmal tief Luft, um sich zu beruhigen, so wie er es vor einem Angriff oder vor einem Sprung machen würde.

Aber sein Puls verlangsamte sich nicht, im Gegenteil, sein Herz schlug wie das eines Hasen, der von Wölfen verfolgt wurde. Seine Handflächen waren schweißnass.

Er war dafür bekannt, in allen Lebenslagen cool zu bleiben. In den letzten drei Jahren war ihm dieser Ruf von großem Nutzen gewesen. Er hatte einer Gruppe Terroristen ein entführtes Flugzeug abgejagt, war mitten in der Nacht aus großer Höhe mit dem Fallschirm in feindliches Gebiet abgesprungen und hatte vierzehn Schulkinder aus Geiselhaft befreit.

Aber was Gefahrenzonen anging, konnte ihn nichts so aus der Bahn werfen wie eine Hochzeit.

Neben ihm rutschte sein alter Freund Colonel Gray Peterson unruhig hin und her. Peterson war gerade pensioniert worden. Er war der Grund, dass Jake überhaupt hierher gekommen war. Mit gedämpfter Stimme sagte er zu Jake: „Du hast doch nicht schon wieder dein schräges Gefühl, oder?“

Unter seinen Kameraden war Jake berühmt für sein Gefühl, einen sechsten Sinn, der ihn vor drohendem Unheil warnte.

„Ich mag einfach keine Hochzeiten“, erwiderte er und bemühte sich, leise zu sprechen. „Sie machen mich nervös.“

Gray dachte darüber nach. „Jake“, sagte er schließlich beruhigend, „du bist ja nicht derjenige, der heiratet. Du gehörst zum Sicherheitsteam.“

Jake war noch nie verheiratet gewesen, aber als er Kind war, hatte seine Mutter es häufiger probiert, den perfekten Mann zu angeln. Sein eigenes Bedürfnis nach einer normalen Familie, das unter vielen Schichten pubertären Aufbegehrens verborgen lag, war immer wieder tiefer Ernüchterung gewichen – meist lange vor der x-ten Hochzeitsfeier seiner Mutter, die wieder einen neuen Gatten anhimmelte und ihm ewige Treue schwor.

Schließlich hatte Jake eine Familie gefunden, bei der er sich wohlfühlte. Ungeachtet der tränenreichen Proteste seiner Mutter war er in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters getreten und direkt nach seinem Schulabschluss in die australische Armee eingetreten. Endlich gab es Sicherheit und echte Kameradschaft in seinem Leben.

Dann war er für eine internationale Eliteeinheit für Kriseneinsätze rekrutiert worden, die in England stationiert war. Diese Elitetruppe wurde zu seiner Familie. Sie erledigten die schwierigsten Aufgaben und agierten schnell, diskret und anonym. Dafür bekamen sie wenige Medaillen, noch weniger Anerkennung, und niemand klopfte ihnen hinterher auf die Schultern. Trotzdem hatte er gewusst, dass er dort seine Bestimmung gefunden hatte.

Eine andere Familie kam nicht infrage. Diese Art von Arbeit konnte man einer Frau, die zu Hause wartete, nicht zumuten. Ein Mann, der ein so gefährliches Leben führte, konnte die Verantwortung für Frau und Familie unmöglich an die erste Stelle setzen.

Ein glücklicher Zufall, wenn man ohnehin etwas gegen Hochzeiten hatte. Jakes streng gehütetes Geheimnis bestand darin, dass er, der furchtlose Kämpfer, wahrscheinlich vor lauter Angst ohnmächtig werden würde, wenn er jetzt als Bräutigam vor einen Altar treten müsste. Als ein Mann, der auf seine Braut wartete.

Noch stand allerdings niemand vor dem Altar hier in dieser Kirche, obwohl auch hier die Hochzeitsbräuche anders waren. Man hatte ihm gesagt, dass die Braut als Erste herauskommen und auf den Bräutigam warten würde.

Beschwingte, wunderschöne Musik kündigte ihr Erscheinen an. Jake hörte Stoff rascheln. Eine Erscheinung in elfenbeinfarbener Seide schwebte langsam durch den Mittelgang. Das Kleid, ein typisches Hochzeitsgewand des Landes, verhüllte die Braut von Kopf bis Fuß. Es war unvorstellbar, wie etwas, das so viel verdeckte, gleichzeitig so sinnlich sein konnte.

Die Robe umspielte die Kurven der Braut, schmeichelte der geschmeidigen Sinnlichkeit ihrer Bewegungen. Das Kleid war über und über mit Goldfäden bestickt, die das Licht reflektierten, und zudem mit Tausenden von kleinen, schillernden Perlen bedeckt.

Es gab einen Grund dafür, warum Jake so nah am Altar stand: Möglicherweise war die wunderschöne Braut, Prinzessin Liliane de Grimeaud, genannt Lily, in Gefahr.

Nach seinem Abschied aus der Einheit hatte Gray den Posten des Sicherheitschefs für die königliche Familie Grimeaud übernommen. Kurz vor der Hochzeit hatte er Jake gefragt, ob er eine Auszeit nehmen und ihn bei seiner Aufgabe unterstützen wollte. Anfangs hatte Gray den Job als eine Art Freizeitvergnügen dargestellt – wunderbare Gegend, schöne Frauen, unschlagbares Klima, eine leichte Tätigkeit, massig Freizeit.

Aber nach Jakes Ankunft hatte die Sicherheitstruppe eine Reihe von Drohungen abgefangen, die sich direkt gegen die Prinzessin richteten. Gray wirkte seitdem nervös und angespannt. Der Colonel war sich sicher, dass die Drohungen aus dem Palast selbst kamen und dass es innerhalb seines Teams eine undichte Stelle gab.

„Achte auf die Frau dort drüben bei den Blumen“, sagte Gray angespannt.

Jake drehte sich um. Er brauchte erstaunlich viel Disziplin, um den Blick von der schimmernden Gestalt der Braut abzuwenden. Eine Frau auf der rechten Seite der Kirche fummelte an einem Blumenbouquet herum. Immer wieder warf sie Blicke zur Seite, sie wirkte extrem nervös.

Und da war er plötzlich, ohne Vorwarnung, dieser Schlag in die Magengrube, vergleichbar einem Zehn-Meter-Sturz im freien Fall auf einer Achterbahn.

Das schräge Gefühl.

Heimlich prüfte Jake seine Waffe. Gray bemerkte es, stieß einen leisen Fluch aus und griff ebenfalls nach seinem Revolver.

Jake merkte, wie er selbst innerlich eine Wandlung vollzog, von einem Mann, der einfach nur Hochzeiten hasste, zu einem hundertprozentigen Soldaten. Es waren genau diese Momente, für die er trainiert hatte.

Das Gewand der Braut raschelte leise, während sie durch den Mittelgang nach vorn schritt. Gray stieß ihn mit der Schulter an. „Du kümmerst dich um sie“, sagte er. „Ich nehme die Blumenfrau.“

Jake nickte und rückte so nah wie möglich an den Altar heran, ohne Aufsehen zu erregen. Jetzt konnte er das Parfüm der Braut riechen. Es war betörend, so exotisch und atemberaubend wie die wunderschönen Blumen, die überall in diesem tropischen Paradies wuchsen.

Die Musik brach ab. Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Blumenfrau sich duckte. Jetzt, dachte er und fühlte, wie sich jeder Muskel anspannte, ich bin bereit.

Aber nichts geschah.

Ein alter Priester trat aus einer Seitenpforte.

Jake spürte Grays Anspannung, sie tauschten Blicke aus. Gray hatte die Hand in die Innentasche seines Jacketts gesteckt. Obwohl er nach außen hin völlig ruhig wirkte, konnte er Jake nicht täuschen. Die Hand seines Freundes lag jetzt auf dem Revolver.

Das schräge Gefühl in seinem Magen wurde noch stärker. Seine beiden Gehirnhälften schienen sich in der Mitte zu spalten. Ein Teil von ihm beobachtete den Priester und die Braut. Er roch ihr Parfüm und registrierte jedes einzelne erlesene Detail auf ihrem Seidenkleid.

Aber der andere Teil von ihm war zur Aktion bereit, er war hellwach, zum Zerreißen gespannt.

Die Braut hob ihren Schleier hoch, und für den Bruchteil einer Sekunde blickte Jake in das feine, wunderschöne Gesicht von Prinzessin Liliane de Grimeaud.

Bei seinen Vorbereitungen für die Sicherheitsmaßnahmen hatte er zwar Fotos von allen Mitgliedern der königlichen Familie gesehen, aber es hatte keinen Anlass gegeben, die Prinzessin persönlich zu treffen.

Lilianes Foto hatte er mit einer gewissen Distanz betrachtet: Sie war jung, hübsch und verwöhnt. Aber diese Bilder blieben weit hinter der Wirklichkei zurück. Ihr Gesicht, das von einem schimmernden Wasserfall schwarzen glatten Haars umrahmt wurde, hatte einen leichten Goldschimmer und war makellos schön. Ihre mandelförmigen Augen schimmerten in einem Türkiston, den er bisher nur einmal in einer Bucht gesehen hatte, in der er als junger Mann vor der australischen Küste gesurft war.

Sie blinzelte ihm zu und sah suchend an ihm vorbei.

Er riss sich von ihrem verführerischen Anblick los. Es war keine gute Idee, jetzt die Nerven und seine Mission aus den Augen zu verlieren, und sei es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Sein Hirn schlug Alarm.

Wie als Reaktion wurde die Seitentür leise geöffnet. Jake wandte den Kopf. Es war nicht der Prinz. Ein Mann in Schwarz mit einer Kapuze über dem Kopf und einer Waffe.

Die vielen Trainingsstunden hatten ihn gelehrt, äußerst flexibel zu sein. Seine Mission war plötzlich glasklar, sein Instinkt übernahm die Führung.

Sein einziges Ziel bestand darin, die Prinzessin zu beschützen. Von einer Sekunde zur anderen wurde sie zum Mittelpunkt seines Daseins. Wenn nötig, würde er sein Leben für sie opfern. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Diskussion.

Das vordringlichste Ziel war klar: Prinzessin Liliane aus der Gefahrenzone zu bringen. Das bedeutete für die nächsten Minuten extremen Körpereinsatz. Er sprang auf sie zu, registrierte das kurze Aufreißen ihrer Augen, stieß sie zu Boden und schirmte sie dabei mit seinem Körper ab.

Neben dem Adrenalinstoß fühlte ein Teil von ihm die Weichheit ihrer Kurven, empfand über die Kampfreflexe hinaus etwas viel Ursprünglicheres, einen männlichen Impuls – das Bedürfnis, ihre Zartheit mit seiner Stärke zu beschützen.

Ein Schuss zerriss die Luft, und in der Kirche brach das Chaos aus.

„Jake, ich gebe dir Feuerschutz“, rief Gray. „Schaff sie hier raus!“

Jake packte die Prinzessin an den Schultern, riss sie hoch und benutzte dabei seinen Körper als Schutzschild.

Es gelang ihm, sie hinter dem steinernen Altar in Sicherheit zu bringen, dann stieß er sie durch eine schmale Tür in die Sakristei. Eine weitere Tür mit einer Glasscheibe führte zu einem Gang. Kurz entschlossen zerschmetterte Jake die Scheibe mit dem Ellenbogen, als er feststellte, dass die Tür verschlossen war, und schob Prinzessin Liliane hindurch, wobei er versuchte, sie mit dem Arm vor den Scherben zu schützen.

Ihr Rock verfing sich darin und riss entzwei, was sich als hilfreich erwies. Ohne durch die Stofffülle behindert zu werden, konnte sie richtig schnell rennen. Sie liefen einen schmalen Gang entlang. Im Hintergrund hörte er drei weitere Schüsse und Schreie.

Der Gang führte hinaus auf einen hellen Platz, hübsch wie auf einer Postkarte, mit weißen Stuckhäusern, üppigen Palmen und exotischen pinkfarbenen Blumen. Ein Taxifahrer, der das Knallen im Hintergrund gar nicht zu bemerken schien, döste auf dem Fahrersitz in der Sonne. Jake sah sich schnell nach allen Richtungen auf der Straße um. Das einzige andere Fahrzeug war ein Eselskarren für Touristen. Der Esel wirkte genauso verschlafen wie der Taxifahrer.

Jake zog den nichtsahnenden Taxifahrer aus dem Wagen und stieß die Prinzessin hinein. Sie blieb mit dem Rock an der Gangschaltung hängen. Er schob noch ein bisschen nach, und sie ließ sich in den Beifahrersitz fallen. Dann sprang er hinter ihr ins Auto, drehte den Zündschlüssel um und raste los.

In wenigen Sekunden verhallten die Schussgeräusche und der lautstarke Protest des Taxifahrers, aber Jake fuhr weiter. Fieberhaft durchforstete er gedanklich das Territorium.

„Glauben Sie, den anderen geht es gut?“, fragte sie leise. „Ich mache mir Sorgen um meinen Großvater.“

Ihr Englisch war ohne Akzent, ihre Stimme hatte einen seidigen Klang – sanft, sinnlich, er spürte sie auf seiner Haut, als hätte sie ihn tatsächlich berührt.

Interessiert registrierte er, dass sie sich mehr Sorgen um ihren Großvater als um ihren Bräutigam machte. Dass ihre aufrichtige Sorge ihn mehr berührte, als ihm lieb war, alarmierte ihn.

Eine solche Schwäche gehörte nicht zu seinem Job, und sie war auch nicht typisch für ihn. Im Gegenteil, man hatte ihn darauf trainiert, Gefühle zu ignorieren, damit er eiskalte, präzise Entscheidungen jenseits von Emotionen treffen konnte.

„Niemand wurde verletzt“, sagte er barsch.

„Woher wollen Sie das wissen? Ich habe noch Schüsse gehört, nachdem wir geflohen sind.“

„Es klingt anders, je nachdem ob eine Kugel ihr Ziel trifft oder es verfehlt.“

Sie wirkte ungläubig und skeptisch. „Trotz des ganzen Durcheinanders haben Sie das noch hören können?“

„Ja, Madam.“ Er hatte zwar nicht genau hingehört, aber er hatte zugehört. Weder hatte er den typischen Klang eines Treffers vernommen, noch hatte er Geräusche gehört, die darauf schließen ließen, dass jemand schwer verletzt worden war. Stets ging es um Details – eine Frage der jahrelangen Übung, sich Einzelheiten einzuprägen, die andere Leute gar nicht mitbekamen. Es war erstaunlich, wie oft etwas, das auf den ersten Blick unwichtig schien, den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen konnte.

„Mein Großvater hat einen Herzfehler.“

„Das tut mir leid.“ Er wusste, es klang nicht besonders aufrichtig. Aber im Moment war ihm ausschließlich daran gelegen, dass eine einzige Person in Sicherheit war – die Prinzessin. Ablenkungen jeglicher Art konnte er sich nicht leisten.

Als ob jemand ihn von seinem Hauptaugenmerk abbringen wollte, klingelte jetzt sein Handy. Er hatte es während der Hochzeitszeremonie vorübergehend ausgeschaltet, denn seine Mutter hatte ihm in den letzten Tagen immer wieder hektische Nachrichten hinterlassen: Sie habe große Neuigkeiten für ihn. Große Neuigkeiten in ihrem Leben hatten bisher immer nur eines bedeutet: ein neuer Mann, der wiederholte Schwur, dass diesmal alles ganz anders würde, noch extravagantere Hochzeitspläne.

Irgendein Idiot bei seiner Truppe hatte sich den Spaß gemacht und ihr gegen seinen ausdrücklichen Wunsch seine Handynummer gegeben. Aber ein Blick auf das Display zeigte ihm, dass der Anrufer diesmal nicht seine Mutter, sondern Gray war.

„Ja“, antwortete er.

„Hier alles in Ordnung.“

„Hier auch.“

„Ausgezeichnet. Wir haben den Täter. Es wurde niemand verletzt. Der Typ hat nur Platzpatronen abgefeuert. Um ein Haar hätten wir ihn getötet. Es scheint sich um einen Irren zu handeln.“

Jake dachte einen Moment lang nach. Nein, es ist jemand, der die Hochzeit verhindern will. „Soll ich sie wieder zurückbringen? Vielleicht können sie die Zeremonie ja trotzdem noch durchführen.“

Details. Neben ihm zuckte die Prinzessin leicht zusammen.

„Nein. Auf gar keinen Fall. Irgendetwas stimmt hier nicht. Das Sicherheitsnetz für die Hochzeit war perfekt. Es muss sich um eine undichte Stelle im Palast handeln. Deshalb will ich sie hier nicht sehen, bis ich weiß, um wen es sich handelt. Kannst du dafür sorgen, dass sie in Sicherheit ist, bis ich etwas herausgefunden habe?“

Jake überlegte. Er hatte eine Pistole und zwei Ladungen Munition. Das Land war ihm völlig fremd, und er war im Besitz eines gestohlenen Autos. Von der Prinzessin ganz zu schweigen.

Die Umstände waren alles andere als perfekt, doch in seinem Business gab es die perfekten Umstände nicht. Es war ein Spiel mit Unbekannten, bei dem man sich nur auf die eigenen Fähigkeiten verlassen konnte. „Positiv“, sagte er.

„Ich kann nicht garantieren, dass mein Handy nicht abgehört wird. Aber wir werden deins noch ein Mal benutzen. Ich gebe dir einen Zeitrahmen und einen Treffpunkt.“

„Ja, gut.“ Eigentlich hätte er das Gespräch abbrechen müssen, aber er machte den Fehler, kurz einen Blick auf ihr bedrücktes Gesicht zu werfen. „Äh, Gray? Wie geht es ihrem Großvater?“

„Er kippt sich schon wieder den Scotch hinter die Binde.“ Gray senkte die Stimme. „Allerdings scheint er nicht gerade traurig darüber zu sein, dass seine Enkelin nicht geheiratet hat.“

Jake beendete das Gespräch und steckte sein Handy in die Tasche. „Ihrem Großvater ist nichts passiert.“

„Oh, das ist ja eine gute Nachricht! Herzlichen Dank!“

„Leider kann ich Sie jetzt noch nicht zurück in den Palast bringen.“

Sie entspannte sich unmerklich, als ob sie die ganze Zeit die Luft angehalten hätte und jetzt wieder frei atmen könnte.

Ihre Augen hellten sich auf, als sie lächelte. Wenn er sich nicht irrte – und das geschah äußerst selten, denn schließlich hatte er ja eine Begabung für Details – sah er etwas Mutwilliges in den türkisfarbenen Tiefen ihres Blicks aufblitzen.

Sie erkundigte sich nicht nach ihrem Bräutigam. Nachdem sie von ihren Sorgen um ihren Großvater befreit worden war, wirkte sie keineswegs wie eine Frau, deren Hochzeitsfeier durch Schüsse gesprengt und deren Brautkleid zerrissen worden war. Tatsächlich wirkte sie ausgesprochen glücklich. Wie zur Bestätigung legte sie ihren Schleier ab, hielt ihn aus dem Fenster und ließ ihn los. Sie lachte entzückt, als er hinter ihnen herflatterte und Kinder versuchten, ihn zu fangen.

Der Fahrtwind spielte mit ihrem Haar. Sie nahm die Klammern heraus, und es umspielte locker ihre zarten Schultern.

Es sah so aus, als amüsierte Prinzessin Liliane sich vorzüglich.

„Hören Sie, Hoheit“, sagte er irritiert, „das hier ist kein Spiel. Bitte, werfen Sie nichts mehr aus dem Fenster. Wir dürfen keine Spuren hinterlassen.“

Sie strich sich das Haar zurück und warf ihm einen leicht aufmüpfigen Blick zu. Zurechtweisungen war sie definitiv nicht gewöhnt. Aber da hatte sie Pech. Nur einer konnte hier der Chef sein – er.

Da zumindest vorübergehend keine direkte Gefahr mehr lauerte, verlangsamten sich seine Gedanken, und er begann, Informationen zu sammeln. Seine Einschätzung der Situation fiel nicht sehr positiv aus. Er war darauf eingestellt gewesen, Sicherheitsdienst bei einer Hochzeit zu leisten. Doch plötzlich musste er sich um eine Prinzessin kümmern, der jemand nach dem Leben trachtete.

Er kannte die Gegend nicht. Ihm war schleierhaft, wohin er sie bringen konnte, damit sie in Sicherheit war. Er hatte nur wenig Bargeld bei sich, aber irgendwann würde er Proviant für sie besorgen und ihr allzu auffälliges Outfit verschwinden lassen müssen. Er musste davon ausgehen, dass die Männer, die ihr nach dem Leben trachteten, clever genug waren, um ihre Spur anhand seiner Kreditkarte zu verfolgen. Das galt auch für sein Handy. Sie konnten es noch einmal benutzen, um eine Zeit und einen Ort für ein Treffen auszumachen, und danach würde er es loswerden müssen. Außerdem konnte er davon ausgehen, dass das Auto bereits als gestohlen gemeldet worden war. Das bedeutete, er musste sich auch bald des Wagens entledigen.

Auf der Habenseite war die Prinzessin unverletzt und am Leben, und er war entschlossen, dass dies auch so bleiben würde.

Einmal würde er seine Kreditkarte noch benutzen müssen, um Liliane neu einzukleiden. Bis man die elektronische Spur zurückverfolgen konnte, wären sie schon über alle Berge.

„Haben Sie Feinde?“, fragte er. Wenn er noch einmal mit Gray telefonieren könnte, würde er vielleicht mehr Informationen bekommen. Außerdem wäre es hilfreich zu wissen, ob diese Drohung persönlich gemeint oder politisch motiviert war. Jedes dieser Szenarien bedeutete vollkommen andere Gegner.

„Nein“, erwiderte sie, aber er bemerkte ihr Zögern.

„Niemand hasst Sie?“

„Natürlich nicht.“ Auch bei ihrer zweiten Beteuerung fiel ihm auf, wie sie innehielt, und er hakte nach. „Wer könnte das Ihrer Meinung nach sein? Was ist Ihr Bauchgefühl?“

„Was ist ein Bauchgefühl?“, fragte sie mit großen Augen.

„Ihr Instinkt.“

„Vielleicht ist es ja albern.“

„Sagen Sie es mir.“

„Prinz Malvin hatte eine Geliebte, bevor er mich gebeten hat, ihn zu heiraten. Sie ist eine Cousine von mir. Nach außen hin hat sie so getan, als würde sie sich für mich freuen, aber …“

Details. Die meisten Leute ignorierten sie, was sich meist nicht bezahlt machte. „Ihre Instinkte sind nicht albern“, sagte er barsch. „Sie können über Leben und Tod entscheiden. Wie heißt sie?“

„Ich möchte nicht, dass sie Schwierigkeiten bekommt. Sie hat wahrscheinlich gar nichts damit zu tun.“

Die Prinzessin schien entschlossen zu sein, ihre Instinkte zu ignorieren. Aber er honorierte ihre Loyalität.

„Sie wird keine Schwierigkeiten bekommen.“ Wenn sie unschuldig ist. „Wie ist ihr Name?“

„Mirassa“, erwiderte sie zögernd.

„Bitte, sagen Sie mir, wo es hier einen Markt gibt. Einen kleinen Markt, wo wir Proviant einkaufen können. Und neue Kleider für Sie.“

„Oh“, hauchte sie. „Kann ich Shorts bekommen?“ Sie blinzelte ihm zu. Unter den dichten Wimpern waren ihre Augen türkisblau wie der Ozean.

Er versuchte, nicht zu laut zu seufzen. War das nicht wieder mal typisch Frau? Sogar eine Krise nutzten sie als Möglichkeit zum Shoppen!

„Ich werde das kaufen, was am wenigsten Aufmerksamkeit erregt“, erwiderte er und betrachtete ihre langen Beine unter dem zerrissenen Kleid. „Irgendwie bezweifle ich, dass das Shorts sein werden.“

„Soll ich mich etwa verkleiden?“, fragte sie aufgeregt.

Sie wollte den Ernst der Lage offensichtlich nicht verstehen. Vielleicht war das ja auch gut so. Hysterie konnte er jetzt am wenigsten gebrauchen.

„Natürlich“, stimmte er ihr zu, „werden Sie sich verkleiden müssen.“

„Sie könnten ja so tun, als wären Sie mein Freund“, erklärte Liliane übereifrig. „Wir könnten ein Motorrad mieten und uns unter die Touristen mischen. Wie lange, glauben Sie, werden Sie mich verstecken müssen?“

„Das weiß ich noch nicht. Ein paar Tage, nehme ich an.“

„Oh“, sagte sie erfreut. Liliane war entschlossen, diese lebensgefährliche Situation als großes Abenteuer zu betrachten. „Ich wollte schon immer Motorrad fahren!“

Das Bedürfnis, sie zu erwürgen, vertrug sich in keiner Weise mit der geschäftsmäßigen, distanzierten Haltung, die er ihr gegenüber eigentlich an den Tag legen musste. Seine Professionalität würde sicherlich noch mehr in Gefahr geraten, wenn er vorgab, ihr Freund zu sein und mit ihr Motorrad fuhr. Er stellte sich die Szene vor – sie war eng an seinen Rücken gedrückt, das Motorrad vibrierte unter ihnen.

Reiß dich zusammen! Es wird kein Motorrad geben.

„Ich werde mein Haar abschneiden“, entschied sie.

Das war zwar ihre erste vernünftige Idee, aber Jake zog sie nicht einmal in Erwägung. Ihre Haare waren lang und glatt, pechschwarz und glänzend. Er würde nicht zulassen, dass sie sich das Haar abschnitt, selbst wenn das die beste Tarnung aller Zeiten darstellen würde.

Ihm war klar, dass dies eine falsche Entscheidung war. Es ließ sich nicht leugnen, das schräge Gefühl schien sich dauerhaft in seinem Magen eingerichtet zu haben.

Liliane warf dem Mann neben ihr einen Blick zu und spürte ein klitzekleines Ziehen in ihrem Magen. In seinem kurzgeschnittenen kastanienbraunen Haar schimmerten rötliche Strähnen in der Sonne. Seine Augen hatten die Farbe von Topasen, wie bei einem Löwen. Aber es waren nicht nur die Augen, die seine Stärke verrieten, sondern auch der eindrucksvolle Schwung seiner Lippen, sein entschlossenes Kinn und die energische Nase.

Er war groß, breitschultrig und muskulös, anders als die eher kleinen Männer aus dem Fürstentum Grimeaud. Als er sich in der Kirche über sie geworfen und sie zu Boden gedrückt hatte, war sie geschockt gewesen. Kein Mann hatte sie je zuvor so berührt!

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