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Traumhochzeit in der Toskana

1. KAPITEL

Was, um alles in der Welt, machte sie da?

Als das Taxi vor dem Jet Centre des Londoner City Airports anhielt, betrachtete er mit der Brieftasche in der Hand wie gebannt die hinreißend schöne Frau vor dem Eingang. Sogar das seltsame Outfit tat ihrer Schönheit keinen Abbruch. Mit den verführerischen Rundungen, der feinen hellen Haut, den geröteten Wangen und dem langen blonden gelockten Haar, das ihr der Wind ins Gesicht wehte, wirkte sie unglaublich reizvoll und anziehend.

Irgendetwas regte sich in ihm. Sie weckte Gefühle in ihm, die er schon lange nicht mehr empfunden hatte.

Während er sie beobachtete, strich sie sich mit der einen Hand das Haar aus dem Gesicht, gestikulierte lebhaft mit der anderen, in der sie eine Karte hielt, und redete lächelnd auf den Mann ein, den sie angesprochen hatte. Offenbar wollte sie etwas verkaufen. Der Mann lachte, hob abwehrend die Hand und betrat immer noch lachend das Gebäude.

Ihr Lächeln erstarb, und sie drehte sich zu ihrer Begleiterin um, die Jeans und eine Jacke trug. Massimo musterte sie kurz, aber er fand sie nicht besonders attraktiv und ließ den Blick wieder zu der Blondine gleiten.

Ja, sie war wirklich eine Schönheit. Jede andere Frau in so einem lächerlichen Brautkleid mit dem tiefen Ausschnitt und mit dem kitschigen Plastikkrönchen auf dem Kopf hätte man für ein Flittchen gehalten, nicht jedoch diese hier, sie war einfach faszinierend. Auf unerklärliche Weise fühlte er sich zu ihr hingezogen.

Er bezahlte den Taxifahrer und stieg aus. Die Flugtasche über die Schulter geschwungen, eilte er zum Eingang. Die schöne junge Frau war wieder beschäftigt und redete mit einem anderen Mann, doch als sich die Tür automatisch vor ihm öffnete, blickte er sie kurz an, und sie lächelte hoffnungsvoll.

Leider hatte er keine Zeit, stehen zu bleiben, ihr Lächeln berührte ihn jedoch zutiefst. Hastig ging er zum Abfertigungsschalter und stellte die Tasche ab.

„Guten Morgen, Mr Valtieri. Ihre Mitarbeiter sind auch schon da.“

„Vielen Dank.“ Er räusperte sich und warf einen Blick über die Schulter in Richtung der Frau. „Ist das irgendein Werbegag oder was?“

Der Flughafenangestellte seufzte leicht verzweifelt und verzog die Lippen. „Nein, Sir. Angeblich versucht sie, jemanden zu finden, der sie nach Italien mitnimmt.“

Massimo zog eine Augenbraue hoch. „In einem Brautkleid?“

„Ja. Ich glaube, es handelt sich um eine Art Wettbewerb, bei dem man eine Hochzeitsfeier gewinnen kann“, antwortete der Mann.

Enttäuschung stieg in ihm auf, obwohl es ihm eigentlich völlig egal sein konnte, dass sie heiratete.

„Wir haben sie aufgefordert, die Halle zu verlassen, aber wir können ihr nicht verbieten, auf dem Gehweg vor dem Eingang zu stehen. Außerdem ist sie offenbar harmlos. Die Fluggäste finden sie übrigens ganz unterhaltsam, wie mir scheint.“

Das konnte Massimo sich gut vorstellen, denn ihm selbst erging es nicht anders, sie faszinierte ihn.

„Wohin genau will sie in Italien?“, fragte er betont beiläufig.

„Ich meine, ich hätte gehört, dass sie nach Siena will. Sie wollen sich doch hoffentlich nicht darauf einlassen, Mr Valtieri.“ Der Mann sah ihn besorgt an. „Sie kommt mir etwas seltsam vor.“

Während sie die junge Frau beobachteten, ging der Mann weiter. Sie sagte etwas zu ihrer Begleiterin, zuckte mit den Schultern und rieb sich die Arme. Wahrscheinlich fror sie in dem unmöglichen Outfit. Es war immerhin schon September, und die Sonne ließ sich an diesem Tag nicht blicken.

Es geht dich doch gar nichts an, dass sie für dieses Wetter nicht angemessen gekleidet ist, mahnte er sich energisch. In dem Moment näherte sich ein anderer Fluggast dem Eingang, und die junge Frau ging charmant lächelnd auf ihn zu. Massimo verkrampfte sich der Magen, er kannte ihn flüchtig. Mit ihm sollte sich diese entzückende und leicht exzentrisch wirkende Frau besser nicht einlassen, auch wenn er mit seinem Privatflieger nur eine Autostunde entfernt von Siena landete.

Das kann ich nicht zulassen, das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, sagte er sich und straffte die Schultern.

Als er auf die beiden zuging, öffnete sich die Glastür automatisch vor ihm. Ehe er Nico, so hieß der Mann, auf Italienisch aufforderte zu verschwinden, warf er ihm einen Blick zu, der keinen Zweifel daran aufkommen ließ, was er von ihm hielt. Mit einem bedauernden Lächeln in Richtung der jungen Frau eilte Nico zum Abfertigungsschalter.

Massimo wandte sich an die junge Frau und sah ihr in die Augen, in denen es ärgerlich aufblitzte. Sie verzog keine Miene, offenbar nahm sie es ihm sehr übel, dass er sich eingemischt hatte.

Ihre von langen dunklen Wimpern umrahmten Augen waren von einem erstaunlich tiefen Dunkelblau, und ihre verführerischen Lippen luden geradezu zum Küssen ein. Doch wie kam er nur auf so einen dummen Gedanken? Er atmete tief durch – und nahm prompt ihren dezenten Duft wahr.

Der raubte ihm fast die Sinne, und er war sekundenlang verwirrt. Als er wieder klar denken konnte, verspürte er ein so heftiges Verlangen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Oder vielleicht wie noch nie zuvor.

„Was haben Sie zu ihm gesagt?“, fuhr Lydia ihn zornig an und konnte kaum glauben, dass er den Mann mit wenigen Worten vertrieben hatte. „Er hatte mir gerade einen Platz in seinem Flieger angeboten“, fügte sie frustriert hinzu.

„Glauben Sie mir, Sie hätten es bereut, mit ihm zu fliegen.“

„Oh ja, wenn Sie es sagen“, entgegnete sie spöttisch und schüttelte den Kopf.

„Es tut mir wirklich leid, aber ich konnte es nicht zulassen, es wäre für Sie zu unsicher gewesen“, erklärte Massimo knapp.

Sie legte den Kopf zurück und seufzte. Wahrscheinlich war er der Chef des Flughafensicherheitsdienstes, auf jeden Fall hatte er eine höhere Funktion inne als der nette junge Mann, der sie nach draußen befördert hatte. Er würde nicht mit sich reden lassen, das spürte sie deutlich. Seine Entschlossenheit erinnerte sie an ihren Vater, deshalb wusste sie genau, wann sie nachgeben musste. Sie sah ihn wieder an und versuchte zu ignorieren, wie faszinierend sie seine warmen braunen Augen fand.

„Es wäre überhaupt kein Risiko gewesen, denn ich bin nicht allein. Im Übrigen bin ich für niemanden eine Bedrohung, es hat sich auch niemand über mich beschwert. Sie können also Ihre Wachhunde zurückpfeifen. Ich verschwinde freiwillig.“

Zu Ihrer Überraschung lächelte er und sah sie so sanft an, dass sie weiche Knie bekam.

„Entspannen Sie sich, ich bin nicht vom Sicherheitsdienst, sondern fühle mich nur für meine Mitmenschen verantwortlich. Stimmt es, dass Sie nach Siena fliegen möchten?“

Bis jetzt hatte noch keiner der Fluggäste, die sie angesprochen hatte, dieses Reiseziel gehabt. Deshalb grenzte es fast schon an ein Wunder, falls er dorthin wollte. Sie versuchte jedoch, sich keine allzu großen Hoffnungen zu machen. „Haben Sie nicht behauptet, es wäre zu unsicher?“

„Ja, wenn Sie mit Nico geflogen wären.“

„Ach so. Mit Ihnen wäre es also etwas ganz anderes, oder?“

„Es wäre nicht ganz so riskant. Mein Pilot trinkt vor und während des Flugs keinen Alkohol, und ich …“ Er beendete den Satz nicht und beobachtete ihr Mienenspiel. Offenbar fing sie an zu begreifen, was er meinte.

„Was ist mit Ihnen?“, hakte sie schließlich misstrauisch nach.

Er seufzte und fuhr sich mit der Hand durch das dunkle, an den Schläfen ergraute Haar. Lydia spürte seine Ungeduld, er schien ihr nur ungern zu helfen.

„Er hat einen schlechten Ruf“, erklärte er.

Am liebsten hätte sie ihm das Haar aus der Stirn gestrichen, aber sie nahm sich zusammen und fragte nur: „Sie nicht?“

„Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich respektiere die Frauen“, erwiderte er und fügte leicht spöttisch hinzu: „Sie können sich gern bei meinen beiden Brüdern und meinen drei Schwestern erkundigen. Oder auch bei Carlotta, die schon viele Jahre die Haushälterin meiner Familie ist und meine Kinder versorgt.“

Er hatte also Kinder. Sie seufzte erleichtert auf, als sie den Ehering an seinem Finger entdeckte, und reichte ihm lächelnd die Karte, die sie in der Hand gehalten hatte. Plötzlich war sie ganz aufgeregt, denn dieses Mal konnte es klappen.

„Es handelt sich um einen Wettbewerb, bei dem man eine Hochzeitsfeier in einem Hotel in der Nähe von Siena gewinnen kann. Ich bin in die Endausscheidung gekommen, und nun geht es darum, wer zuerst in dem Hotel eintrifft. Das ist Claire, die Reporterin des Radiosenders, der darüber berichtet“, stellte sie ihre Begleiterin vor.

Massimo nickte höflich, aber Claire interessierte ihn überhaupt nicht, obwohl sie ganz hübsch war. Er hatte nur Augen für die junge Frau in dem billigen Brautkleid und mit dem losen Mundwerk.

Nachdem er die Karte zweimal gelesen hatte, schüttelte er den Kopf und gab sie ihr zurück. „Sie müssen den Verstand verloren haben, im Brautkleid und mit nur hundert Pfund in der Tasche nach Siena zu fliegen, um eine Hochzeitsfeier zu gewinnen“, meinte er. „Was sagt denn Ihr Verlobter dazu? Weshalb lässt er es zu?“

„Ich habe keinen Verlobten, aber selbst wenn ich einen hätte, brauchte ich sein Einverständnis nicht“, entgegnete sie kühl. „Ich mache es für meine Schwester. Sie hatte einen Unfall. Aber das spielt gar keine Rolle. Entweder helfen Sie mir, oder wir beenden das Gespräch. Die Zeit läuft mir davon, ich muss rasch jemanden finden, der mich mitnimmt.“

Sie will also gar nicht heiraten, dachte er und bot ihr spontan an: „Wenn Sie möchten, können Sie mit mir nach Siena fliegen. Übrigens, ich bin Massimo Valtieri“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.

Er sprach seinen Namen mit einem deutlich italienischen Akzent aus, und sie erbebte insgeheim. Oder lag es vielleicht an der Kälte? Sie lächelte ihren Retter in der Not an und nahm seine Hand.

„Ich bin Lydia Fletcher. Wenn wir vor meiner Konkurrentin ankommen, bin ich Ihnen ewig dankbar.“

Als sich seine warmen Finger fest um ihre schlossen, hatte sie sekundenlang das Gefühl, ihre Welt würde auf den Kopf gestellt. Und er schien genauso erschüttert zu sein wie sie, denn sie bemerkte seine schockierte Miene und das rätselhaft Aufblitzen in seinen Augen. Irgendetwas geschah in dem Moment mit ihnen, und sie fragte sich, ob alles jemals wieder so sein würde wie zuvor. Aber das war ein völlig verrückter Gedanke.

Die Sitze in dem relativ kleinen Flieger waren bequem und boten viel Beinfreiheit, der Pilot hatte auch keinen Alkohol getrunken, und da sie in wenigen Minuten starten würden, war Lydia sich sicher, die Traumhochzeit für ihre Schwester zu gewinnen.

Sie konnte ihr Glück kaum fassen.

Nachdem sie sich angeschnallt hatte, nahm sie Claires Hand, während die Maschine auf die Startbahn rollte. „Wir haben es geschafft“, flüsterte sie.

„Ja, es ist kaum zu glauben. Du wirst gewinnen, dessen bin ich mir sicher“, erwiderte Claire lächelnd.

Und dann rollte die Maschine über die Startbahn und hob ab, um zu gewinnen. Unter ihnen lag London, und über der Themsemündung drehten sie ab in Richtung Frankreich. Nach wenigen Minuten erlosch die Anzeige, dass sie sich anschnallen sollten.

„Ich finde das Ganze sehr aufregend und schreibe rasch einen Bericht“, erklärte Claire und öffnete ihr Notebook.

Lydia sah sich in dem Flieger um. Massimo, auf der anderen Seite des Ganges, blickte sie an.

Er löste den Sicherheitsgurt und drehte sich zu ihr um. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Oh ja, bestens“, antwortete sie und bekam Herzklopfen, als er sie anlächelte. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Es tut mir leid, dass ich so unhöflich war.“

Er verzog die Lippen. „Ach, das war doch harmlos im Vergleich zu dem, was Nico sich von mir anhören musste.“

„Was haben Sie denn zu ihm gesagt?“, erkundigte sie sich neugierig.

„Das lässt sich schlecht übersetzen und ist auch nicht für die Ohren von Damen bestimmt.“

„Ich kann mir fast schon vorstellen, was es war.“

„Hoffentlich nicht.“

Sie lachte leise auf. „Ich verstehe sowieso kein Italienisch. Ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen, weil ich Sie so angefahren habe, aber es ist mir sehr wichtig, die Hochzeitsfeier zu gewinnen.“

„Das habe ich begriffen. Sie machen es für Ihre Schwester, wie sie erwähnten, oder?“

„Ja, für Jennifer. Sie hatte vor einigen Monaten einen Unfall und musste eine Zeit lang im Rollstuhl sitzen. Es geht ihr jedoch schon wieder etwas besser, sie läuft an Krücken. Ihr Verlobter hat seinen Job aufgegeben, um ihr zu helfen. Sie wohnen bei meinen Eltern, und Andy arbeitet momentan für meinen Vater für Unterkunft und Verpflegung. Meine Eltern besitzen einen kleinen Bauernhof. Es reicht ihnen, was sie damit verdienen, und meine Schwester und ihr Verlobter könnten die Hochzeit bei ihnen feiern. Es wäre kein Problem, eine der Scheunen dafür herzurichten. Aber da meine Großmutter lange in Italien gelebt hat, träumt Jen schon immer davon, dort zu heiraten. Dafür reicht ihr Geld jedoch leider nicht. Deshalb habe ich mich spontan entschlossen, an dem Wettbewerb teilzunehmen, als ich davon hörte. Allerdings hätte ich mir nie träumen lassen, in die Endausscheidung zu kommen, und erst recht nicht, jemanden zu finden, der mich bis nach Siena mitnimmt. Ich bin so glücklich darüber, dass ich gar nicht weiß, wie ich Ihnen danken soll.“ Sie verstummte und lächelte ihn reumütig an. „Entschuldigen Sie, dass ich so viel rede. Das passiert mir immer, wenn ich aufgeregt bin.“

Lächelnd lehnte er sich zurück. „Ach, daran bin ich gewöhnt, ich habe drei Schwestern und zwei Töchter. Sie können sich also entspannen.“ Was für eine bezaubernde Frau, dachte er immer wieder.

„Ah ja. Und zwei Brüder haben Sie auch noch, oder?“

„Ja. Luca ist Arzt und mit Isabelle, einer Engländerin, verheiratet. Gio ist Rechtsanwalt. Außerdem habe ich noch einen Sohn, meine Eltern und unzählige Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen.“

„Was machen Sie beruflich?“, konnte sie sich nicht verbeißen zu fragen.

„Man könnte mich als Farmer bezeichnen, jedenfalls betreibe ich Landwirtschaft. Wir besitzen Weinberge und Olivenhaine und stellen Käse her.“

Sie schaute sich in dem luxuriösen Flugzeug um. „Dann müssen Sie aber sehr viel Käse herstellen“, meinte sie trocken.

„Nein, nicht wirklich“, entgegnete er, während es in seinen Augen belustigt aufblitzte. „Wir konzentrieren uns vor allem auf unsere Weine und unser toskanisches Olivenöl, das etwas intensiver schmeckt als das aus dem Süden Italiens, weil wir die Oliven früher ernten, um Frostschäden zu vermeiden. Und das verleiht ihnen dieses würzige Aroma. Aber auch davon stellen wir keine großen Mengen her, sondern legen mehr Wert auf gute Qualität. Ich war gerade auf einer Fachmesse in England, um unser Öl und den Wein zu präsentieren.“

„Wie interessant. Haben Sie auch Proben mitgenommen?“

„Natürlich“, antwortete er lachend. „Sonst könnte ich die Leute ja nicht überzeugen, dass unsere Erzeugnisse die besten sind. Leider war es ein schlechter Zeitpunkt, denn ich werde zu Hause dringend bei der bevorstehenden Weinlese gebraucht. Deshalb habe ich den Flieger gechartert.“

Es ist also nicht sein Jet, dachte sie. Das machte ihn für sie irgendwie erreichbarer und vielleicht sogar noch attraktiver. Auch dass er sich als Farmer bezeichnete, fand sie ausgesprochen sympathisch. Auf dem Gebiet kannte sie sich aus, ihre Eltern legten ebenfalls mehr Wert auf Qualität als auf Quantität. Sie entspannte sich.

„Haben Sie noch Proben übrig?“, fragte sie.

„Nein, von dem Wein leider nicht mehr.“

Lachend schüttelte sie den Kopf. „Das macht gar nichts. Ich kann mir vorstellen, dass er sehr gut ist. Nein, ich meinte das Olivenöl. Mein Interesse ist rein beruflicher Art.“

„Bauen Sie etwa auch Oliven an?“, erkundigte er sich ungläubig. Als sie erneut lachte, verspürte er zu seinem eigenen Entsetzen heftiges Begehren und zwang sich, sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

„Nein, keineswegs. Bis vor Kurzem stand auf der Fensterbank in meiner Wohnung nur ein Blumentopf mit Basilikum. Aber ich interessiere mich für alles, was mit der Zubereitung von guten Gerichten zusammenhängt.“

„Also beruflich?“

„Stimmt.“ Sie nickte. „Ich bin Köchin.“

Massimo stand auf, ging in das Heck des Flugzeugs und kam mit einer Flasche Olivenöl zurück. „Hier.“ Er öffnete sie und reichte sie Lydia.

Langsam atmete sie den würzigen Duft ein. „Fantastisch“, sagte sie schließlich und träufelte einige Tropfen in ihre Handfläche, die sie probierte. „Hm“, brachte sie dann genüsslich hervor.

Es überlief ihn heiß. Rasch verschloss er die Flasche wieder und stellte sie weg, während er versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen.

Was war los mit ihm? So hatte er noch nie auf eine Frau reagiert. Warum war ausgerechnet bei ihr alles anders? Als er ihre von dem Olivenöl glänzenden Lippen betrachtete, hätte er sie am liebsten geküsst.

„Es schmeckt wirklich einmalig gut.“ Sie rieb sich die Hände, um die letzten Reste zu verreiben. „Schade, dass wir kein Brot und keinen Balsamico-Essig haben zum Eintunken.“

Er wandte den Blick von ihrem tiefen Ausschnitt ab, nahm sich zusammen und zog eine Visitenkarte aus der oberen Tasche seines Jacketts. „Sobald Sie wieder zu Hause sind, schreiben Sie mir einfach eine E-Mail mit Ihrer Adresse, damit ich Ihnen einige Flaschen Wein, Olivenöl und auch unseren traditionellen Aceto Balsamico schicken kann, den mein Cousin aus Modena herstellt. Er ist der beste, den ich kenne, und auch er wird nur in kleinen Mengen produziert. Ich hatte einige Flaschen mitgenommen, habe aber leider keine einzige mehr übrig.“

„Wenn er so gut ist wie das Olivenöl, ist er erstklassig.“

„Das ist er auf jeden Fall. Unsere ganze Familie ist stolz darauf.“

Sie lachte und steckte die Visitenkarte in ihre Tasche. „Dann handelt es sich also um ein Familienunternehmen, oder?“

„Ja, es besteht schon seit dreihundert Jahren. Ich denke, wir haben einfach Glück gehabt. Der Boden ist sehr fruchtbar, die Hänge liegen in Richtung Süden, die Flächen, auf denen sich nichts anbauen lässt, nutzen wir als Weideland. Die Kastanien, die wir in unseren Kastanienwäldern ernten, exportieren wir in Gläsern oder in Dosen.“

„Hilft Ihre Frau im Geschäft mit, oder halten Sie sie damit auf Trab, Kinder zu bekommen?“ Lydia konnte ihre Neugier nicht mehr zügeln.

Seine Miene wurde ernst. Sekundenlang schwieg er und wandte sich ab. „Angelina ist vor fünf Jahren gestorben“, erwiderte er leise.

Sie bereute die indiskrete Frage, mit der sie ihn an seinen Kummer und Schmerz erinnert hatte, und legte ihm über den Gang hinweg sanft die Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, ich hätte nicht fragen dürfen.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Sie konnten es ja nicht wissen. Fünf Jahre sind immerhin eine lange Zeit.“ Jedenfalls lange genug, dass ich beim Anblick dieser entzückenden und temperamentvollen jungen Engländerin mit den verführerischen Rundungen meine Frau fast vergessen hätte, fügte er insgeheim hinzu.

Plötzlich fühlte er sich schuldig, griff nach seiner Brieftasche und zog zwei Fotos heraus. Das eine zeigte ihn mit seiner Frau am Hochzeitstag, auf dem anderen, das er ganz besonders liebte und immer bei sich trug, stand sie da mit den beiden Mädchen neben ihr und dem Baby auf dem Arm, und alle lachten fröhlich. Er erwähnte eher beiläufig, wie alt die Kinder jetzt waren.

Lydia betrachtete die Fotos und hatte auf einmal Tränen in den Augen. „Sie vermissen sie sicher sehr. Die armen Kinder.“

„Lange Zeit haben sie sehr gelitten, jetzt haben sie sich etwas daran gewöhnt, ohne ihre Mutter aufzuwachsen“, erklärte er rau. Er hatte seine Frau jeden Tag von Neuem schrecklich vermisst, aber das hatte sie nicht zurückgebracht. Schließlich hatte er sich in die Arbeit gestürzt, und das tat er immer noch.

Aber vielleicht nicht konsequent genug, wie er sich sagte, denn er fing auf einmal an, sich für Dinge zu interessieren, an die er jahrelang nicht gedacht hatte. Dazu war er jedoch noch gar nicht bereit und konnte damit auch nicht umgehen. Was sollte das alles? Er hatte auch so schon genug um die Ohren.

Er schob die Fotos wieder in die Brieftasche, entschuldigte sich, stand auf und setzte sich zu seinen Mitarbeitern weiter vorne in den Flieger, um mit ihnen die weitere Vermarktungsstrategie zu besprechen. Dabei drehte er Lydia den Rücken zu, damit er bei ihrem Anblick nicht wieder den Kopf verlor.

Lydia betrachtete ihn und gestand sich mit leichtem Bedauern ein, dass sie es wieder einmal geschafft hatte, ins Fettnäpfchen zu treten. Das passierte ihr viel zu oft, und nun hatte er sich zurückgezogen. Wahrscheinlich bereute er, dass er sie und Claire mit nach Italien fliegen ließ.

Leider war es unmöglich, die unbedachte Frage zurückzunehmen. Sie musste dafür sorgen, dass es ein einmaliger Ausrutscher blieb, und sich aus seinen persönlichen Angelegenheiten heraushalten. Seine Bereitschaft, sie und ihre Begleiterin mitzunehmen, war nichts anderes als eine freundliche Geste.

Sie durfte einfach nicht mehr an seine schönen braunen Augen und den sanften Blick denken.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass er uns wirklich bis nach Siena bringt“, sagte Claire begeistert. „Jo wird sich ärgern, wenn wir vor ihr eintreffen. Sie war sich so sicher, dass sie gewinnt.“

Eigentlich war Lydia das Lachen vergangen, aber bei der Vorstellung, wie glücklich ihre Schwester darüber sein würde, ihre Hochzeit in der Toskana zu feiern, musste sie doch lächeln. „Ja, ich finde es auch unglaublich.“

„Was hat er dir vorhin gezeigt? Er wirkte plötzlich so traurig.“

„Fotos von seiner Frau, die vor fünf Jahren gestorben ist. Er hat drei Kinder im Alter von zehn, sieben und fünf Jahren, wenn ich ihn richtig verstanden habe.“

„Ist sie bei der Geburt des jüngsten gestorben?“

„Nein, das kann nicht sein. Auf dem einen Foto hatte sie das Baby auf dem Arm. Vermutlich ist sie kurz danach gestorben.“

„Es muss schrecklich für ein Kind sein, die Mutter nie kennenzulernen. Ich fände es unerträglich, wenn ich meine Mutter nicht mehr anrufen und ihr alles erzählen könnte, was ich erlebe oder was mich bedrückt.“

Lydia nickte. Auch sie liebte ihre Mutter sehr, telefonierte regelmäßig mit ihr und besprach alles mit ihr und Jen. Wie wäre es, wenn ich sie nie gekannt hätte? überlegte sie und hatte auf einmal Tränen in den Augen. Während sie sie rasch wegwischte, berührte jemand sie ganz leicht am Arm, und sie sah auf.

Massimo stand mit besorgter Miene vor ihr und fuhr ihr mit den Fingern behutsam über die feuchten Wangen.

„Was ist los, Lydia?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ach, es ist nichts. Vergessen Sie es. Ich bin nur ziemlich sentimental.“

Als er in die Hocke ging und ihre Hand nahm, verspürte sie das überwältigende Bedürfnis, sich an seiner Schulter auszuweinen.

„Es tut mir leid, ich wollte sie nicht beunruhigen“, entschuldigte er sich. „Sie brauchen unsertwegen nicht zu weinen.“

Sie schüttelte erneut den Kopf. „Das tue ich auch nicht wirklich. Ich habe nur an meine Mutter gedacht und wie sehr ich sie vermissen würde. Dabei bin ich schon achtundzwanzig und nicht erst fünf Jahre.“

„Ja, es ist sehr schwierig. Es tut mir leid, dass ich Sie vernachlässigt habe. Möchten Sie etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee oder Mineralwasser? Oder etwas Stärkeres?“

„Dafür ist es noch zu früh“, meinte sie und bemühte sich um einen leichten Ton.

Lächelnd richtete er sich auf. „Nico hätte jetzt schon die zweite Flasche Champagner geöffnet.“

Erleichtert atmete sie auf. Er nahm ihr die Taktlosigkeit von vorhin nicht übel. „Ein Mineralwasser nehme ich gern“, erklärte sie.

„Und Sie, Claire?“, wandte er sich an ihre Begleiterin.

„Für mich auch eins, bitte.“

Während er nach vorne ging, um die Getränke zu holen, blickte sie hinter ihm her. Er hatte das Jackett abgelegt und die Ärmel seines weißen Hemds hochgekrempelt. Erst als er sich so dicht vor sie gehockt hatte, war ihr aufgefallen, wie breitschultrig er war. Sie betrachtete seine schmalen Hüften und die langen Beine.

Schließlich kam er mit zwei Gläsern zurück. Seine Hände wirkten kräftig und stark. Sie stellte sich vor, wie er sie streichelte. Bei dem Gedanken überlief es sie heiß, und sie musste sich zusammennehmen, damit ihre Hand nicht zitterte, als sie das Glas entgegennahm, das er ihr reichte.

„Danke.“

„Gern geschehen. Sind Sie hungrig?“, fragte er. „Ich kann Ihnen Obst und Gebäck anbieten.“

„Nein, vielen Dank. Ich bin viel zu aufgeregt und würde keinen Bissen hinunterbekommen“, gab sie zu und trank einen Schluck des gekühlten Mineralwassers, in der Hoffnung, dadurch die innere Hitze in den Griff zu bekommen.

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