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Traumfrau ohne Namen?

1. KAPITEL

In einem Provinznest wie Hunter’s Landing zu versauern war nicht gerade das, was sich Ryan unter einem aufregenden Urlaub vorstellte. Andererseits, was war denn schon aufregend heutzutage, von beruflichen Herausforderungen einmal abgesehen?

Er stand vor seinem größten Erfolg, einem auch persönlichen Sieg, der ihm sehr viel bedeutete. Rache war süß, und da Vorfreude bekanntlich die schönste Freude ist, würde er alles langsam angehen lassen, damit er jede Phase auskosten konnte.

Aber er würde seine Beute nicht aus den Fängen lassen, so viel stand fest. Webb Sperling, Vorstandsvorsitzender der Sperling Kaufhauskette und außerdem leider auch Ryans Vater, würde nie herausfinden, wer ihm den vernichtenden Schlag versetzt hatte.

Langsam schlenderte Ryan die Hauptstraße von Hunter’s Landing entlang. Er war auf der Suche nach einem Hochzeitsgeschenk. Einer seiner alten Freunde aus der Collegezeit wollte heiraten. Außerdem konnte es nichts schaden, sich einmal umzusehen, was dieser Ort am Lake Tahoe überhaupt zu bieten hatte. Schließlich war Ryan gezwungen, den ganzen Monat Juni hier zu verbringen.

Eins war sicher, hier gab es kaum etwas, um sich zu zerstreuen. Die Einheimischen hatten wahrscheinlich nur durch ihren Kabelanbieter, der ihnen Internet und Fernsehen ins Haus brachte, Zugang zur Welt.

Kabel, das war etwas, was ihn interessierte. Denn mit Kommunikationskabeln hatte Ryan sein Geld verdient. Seine Firma El Ray Technology gehörte zu den größten Unternehmen in Kaliforniens berühmtem Silicon Valley.

Was war das? Ryan musste grinsen. Wie hieß dieser Laden? Er blieb stehen und betrachtete das Schild, das an einer Metallstange über dem Eingang hing. „Für jeden etwas“, das hörte sich doch vielversprechend an. Offenbar war dies ein Geschäft für Geschenkartikel oder was auch immer man dafür hielt. Der etwas schäbige Tisch im Schaufenster war für vier Personen gedeckt, allerdings mit Geschirr, bei dem noch nicht einmal Tassen und Untertassen zusammenpassten. In dem anderen Schaufenster stand ein abgetragenes Sofa, das verschwenderisch mit allen möglichen Plüschkissen dekoriert war. Es hätte durchaus in das Boudoir einer Puffmutter gepasst. Da Hunter’s Landing dicht an der Grenze zu Nevada lag, wo Prostitution in einigen Gegenden erlaubt war, war der Gedanke nicht einmal von der Hand zu weisen.

Nicht uninteressant … Ryan öffnete die Tür. Die Ladenglocke bimmelte.

„Diese Fotoalben aus Rohseide haben wir gerade letzte Woche bekommen …“, hörte er eine Frauenstimme sagen, die erstaunlich tief und aufregend rau klang. Ob zu ihr auch das leichte sommerliche Parfüm gehörte, das ihn in der Nase kitzelte?

Neugierig ging er um ein Regal herum und stand nun einer jungen Frau gegenüber. Sie blickte hoch, lächelte kurz, und Ryan blieb die Luft weg, als habe ihm jemand einen Faustschlag in den Magen versetzt.

Hallo!

„Guten Tag …“ Die junge Frau stockte und starrte ihr Gegenüber an.

Ryan holte tief Luft, um seiner Erregung Herr zu werden.

Typische Reaktion eines Mannes, der lange keine Frau gehabt hat, schoss es ihm durch den Kopf. Schnell warf er einen Blick auf ihre linke Hand. Kein Ring, das war gut.

Vielleicht wurde die Zeit, die er hier in diesem verschlafenen Städtchen verbringen musste, doch noch ganz spannend.

Die junge Frau, vielleicht war es sogar die Besitzerin des Ladens, war groß und schlank und hatte rotes Haar, das ihr in weichen Wellen über die Schultern fiel. Ihr schmales herzförmiges Gesicht erinnert ihn an das Gemälde „Die Geburt der Venus“ von Botticelli. Sie hätte ihm glatt dafür Modell stehen können.

Allerdings war sie nicht nackt, leider, sondern trug ein knappes samtenes Oberteil zu einem schmalen Rock. Die hohen Absätze ließen ihre hinreißenden Beine besonders gut zur Geltung kommen.

Nach einigen Sekunden, die Ryan wie Minuten vorkamen, schien sie sich wieder daran zu erinnern, dass sie eine Kundin hatte. Sie nickte ihm noch einmal zu. „Ich bin gleich bei Ihnen. Vielleicht schauen Sie sich inzwischen schon einmal um. Bitte sagen Sie mir, wenn ich etwas für Sie tun kann.“

Die Zweideutigkeit dieser Formulierung ließ sie leicht erröten, und Ryan konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich meine, ich helfe Ihnen gern, sowie ich hier fertig bin“, sagte sie hastig.

Sein Lächeln vertiefte sich. O ja, er konnte sich gut vorstellen, wobei sie ihm helfen konnte … Laut sagte er: „Lassen Sie sich Zeit. Ich habe es nicht eilig.“

Sie wandte sich wieder ihrer Kundin zu, und er schlenderte durch den Laden, wobei er die junge Frau immer wieder verstohlen musterte.

Über die Jahre hatte er feststellen können, dass er offenbar auf Frauen durchaus attraktiv wirkte. Allerdings war sein Charme etwas eingerostet, weil er ihn schon lange nicht mehr eingesetzt hatte. Seine letzte Beziehung, wenn man eine Sache von drei Monaten so nennen wollte, war vor einem Jahr zu Ende gegangen. Seitdem hatte er weder Zeit noch Lust gehabt, sich wieder auf eine Frau einzulassen.

„Diese Seiten sind aus säurefreiem Papier hergestellt“, hörte er die dunkle, raue Stimme vom anderen Ende des Ladens.

Ryan hatte sich so auf diese Stimme konzentriert, dass er beinahe über eine Stehlampe mit einem von Fransen eingefassten und mit bunten Blumen bemalten Schirm gefallen wäre. Gleich daneben stand ein eiserner Leuchter, der mit glitzernden Glasperlen verziert war.

Was für ein verrückter Laden. Aber noch verrückter war, dass diese junge Frau ihn interessierte wie schon lange keine Frau mehr.

„Wir haben natürlich auch in Leder gebundene Alben, die ich Ihnen gern zeigen kann.“

Wieder diese Stimme, weich und dunkel und verführerisch. Ich habe eindeutig zu lange keinen Sex mehr gehabt, stellte Ryan fest, irritiert durch seine prompte Reaktion. Zu viel Arbeit, zu wenig Vergnügen und erst recht keine Zeit …

Und nun hatte er viel zu viel Zeit, um darüber nachzudenken. Verdammt, Hunter, warum musstest du mir das auch antun! Allerdings würde er auch ein halbes Jahr freiwillig in diesem öden Nest verbringen, wenn er dadurch den Freund wieder lebendig machen könnte, der viel zu früh gestorben war.

In Harvard waren er, Hunter und noch fünf andere Studenten eng befreundet gewesen. Sie nannten sich die Sieben Samurai und gingen füreinander durchs Feuer. Am Ende einer feuchtfröhlichen Party hatten sie sich geschworen, sich in zehn Jahren wiederzutreffen. Obgleich sie alle aus sehr begüterten Familien kamen, wollten sie es allein bis ganz nach oben schaffen und nach diesen zehn Jahren gemeinsam ihren Erfolg feiern.

Leider hatten sie sich nach dem Studium aus den Augen verloren. Ryan hatte noch gehört, dass Hunter gestorben war, und war umso überraschter, als er vor wenigen Monaten einen Brief von Hunters Nachlassverwalter erhielt. Hunter hatte ein großes Landhaus am Lake Tahoe bauen lassen, das zusammen mit zwanzig Millionen dem Städtchen Hunter’s Landing als Erholungsklinik für Krebskranke zur Verfügung gestellt werden sollte. Bedingung war allerdings, dass jeder der sechs verbliebenen Freunde dort einen Monat zubrachte und sich dann später mit den anderen Freunden traf, um seine Lebenserfahrungen auszutauschen. Eigentlich genau so, wie sie es sich damals geschworen hatten, bis auf die Tatsache, dass Hunter, der Initiator dieser ganzen Geschichte, nicht mehr unter ihnen war.

Selbst Ryan, der keine Neigung zur Sentimentalität hatte, hatte dem Wunsch des verstorbenen Freundes nicht widersprechen können. Auch wenn dieser Monat genau in die Zeit fiel, in der er sein Ziel erreichen würde, worauf er lange Jahre hingearbeitet hatte, nämlich sich an Webb Sperling zu rächen.

Drei der früheren Freunde hatten bereits ihren Monat in der Lodge „abgeleistet“, und seltsamerweise waren sie alle nach diesem Monat entweder verlobt oder verheiratet. Devlin, dessen Trauzeuge Ryan morgen sein sollte, hatte vor ihm das Landhaus bewohnt.

Devlin hatte das Haus sogar als „Liebeslaube“ bezeichnet, weil er während seines Aufenthalts dort die Frau seines Lebens kennengelernt hatte. Warum nicht? Das bedeutete ja nicht, dass man auch gleich heiraten musste. Ryan grinste und warf wieder einen Blick auf „Venus“, wie er sie in Gedanken nannte. Es musste doch möglich sein, sie ins Bett zu kriegen. Das wäre schon ein gewaltiger Fortschritt, wenn man an sein nicht vorhandenes Liebesleben des vergangenen Jahres dachte.

„Viel Spaß mit Ihrem Einkauf.“

Wieder riss ihn die leicht raue und doch weiche Stimme aus den Gedanken. Aha, sie brachte die Kundin zur Tür. Die Ladenglocke bimmelte, und Ryan sah, wie die junge Frau noch ein paar Bücher ordnete. Sie waren allein.

Schließlich blickte sie hoch und lächelte ihn an. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie und kam auf ihn zu.

„Ich suche ein Hochzeitsgeschenk“, sagte Ryan. „Und als ich Ihr Ladenschild sah, hoffte ich, dass ich hier vielleicht etwas Passendes finden könnte.“

Sie lächelte freundlich. „Das geht glücklicherweise vielen Menschen so.“ Jetzt stand sie vor ihm, und er sah, dass sie unter fein gezeichneten Brauen haselnussbraune Augen hatte, dass ihre Lippen voll und rosig waren und die Haut hell und makellos schimmerte. Kein Wunder, dass er so auf sie reagierte.

„Sie haben sich vielleicht gewundert“, fuhr sie fort, „dass manches in meinem Laden etwas, nun, wie soll ich sagen, gebraucht wirkt. Aber das ist momentan sehr trendy. Natürlich ist alles neu, und nur das Finish lässt die Sachen alt aussehen.“ Sie lachte, als sie Ryans verblüfftes Gesicht sah.

„Und die Kunden bezahlen dafür, dass es schäbig und gebraucht aussieht?“, fragte er ungläubig.

Wieder lachte sie. „Allerdings. Hier in Tahoe erwartet man etwas Besonderes.“

„Und die Leute kaufen wirklich Geschirr, bei dem Tasse und Untertasse nicht zusammenpassen?“

„Ja, und manchmal bezahlen sie sogar ziemlich viel Geld dafür.“ Als er fassungslos den Kopf schüttelte, fügte sie lächelnd hinzu: „Es ist gar nicht so leicht, die passenden Stücke zu finden. Es lässt sich nicht jedes Stück mit einem anderen kombinieren. Sondern es muss sich ein harmonischer Mix ergeben.“

Ryan hatte den Verdacht, dass viele auch deshalb hier kauften, weil sie von der Besitzerin verzaubert waren. So wie er. „Haben Sie irgendetwas für ein Paar, das schon alles hat?“

„Ist das Paar jung oder alt?“

„Jung. Er ist Millionär, und sie steht kurz davor, die Frau eines Millionärs zu werden.“

„Beneidenswert.“ Sie blickte sich nachdenklich in dem Laden um.

Auch Ryan musterte die ausgestellten Stücke. Aber alles schien auf den Geschmack von Frauen abgestimmt zu sein. Er würde hier nie etwas finden.

Doch dann wandte die junge Frau sich zu ihm um und wies auf zwei Kerzenleuchter aus Kristall. „Wie wäre es denn damit?“

Warum nicht? Er wollte den beiden sowieso noch ein echtes teures Geschenk schicken. Aber er wollte morgen auch nicht mit leeren Händen dastehen, an diesem Tag, der so viel für Devlin und Nicole bedeutete.

„Kristall passt immer“, meinte die Venus, „ist von zeitloser Schönheit und …“

„Ich nehme sie.“

Sie sah ihn überrascht und erfreut an.

Ryan hob einen Leuchter hoch und drehte ihn um. Er hatte einen stolzen Preis, aber er war es wert, vor allem, wenn Ryan dadurch bei Venus Punkte sammeln konnte.

Sie nahm den zweiten Leuchter aus dem Regal, und Ryan reichte ihr den, den er in der Hand hielt. Dabei berührten sich ihre Hände für den Bruchteil einer Sekunde, und Ryan hatte das Gefühl, dass ihn so etwas wie ein leichter Stromstoß durchfuhr. Aber auch Venus schien etwas bemerkt zu haben, denn ihre Hände zitterten. Schnell drehte sie sich um und ging zur Kasse. Ryan folgte ihr.

„Kann ich Ihnen sonst noch etwas zeigen?“, fragte sie über die Schulter hinweg.

O ja, dich. Nackt. Auch von hinten sah sie hinreißend aus.

Schnell verdrängte er diesen Gedanken und sagte stattdessen: „Danke, das ist alles für heute.“ Wer weiß, was sich später noch ergab. Er hatte ja schließlich einen ganzen Monat Zeit.

Sie begann, die beiden Leuchter vorsichtig in Seidenpapier einzuschlagen. Beim Anblick ihrer schlanken, gepflegten Hände stellte sich Ryan unwillkürlich vor, wie sie ihn mit diesen Händen berührte. Fieberhaft überlegte er, wie er es anstellen sollte, sie ins Bett zu kriegen.

„Wohnen Sie hier in der Gegend, oder sind Sie nur auf der Durchreise?“, unterbrach sie ihn in seinen sexuellen Fantasien.

„Ich wohne ein paar Wochen in Hunter’s Landing“, sagte er schnell. Ein paar Wochen, das hörte sich nicht so schlimm an wie ein Monat. Und mit Venus …

„Tatsächlich?“ Sie sah auf. „Ich wohne da in der Nähe.“

„Hunter’s Landing ist ja ein wirklich ruhiger kleiner Ort“, sagte er mit ein wenig Verzweiflung in der Stimme. Ob sie ihn für einen Urlauber hielt? Wahrscheinlich. Denn ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen „Uniform“, dreiteiliger Anzug und Krawatte, trug er Kakihose und Polohemd.

„Mir gefallen ruhige kleine Orte“, sagte sie leise.

Das hört sich nicht gerade nach einem Partygirl an, dachte Ryan. Vielleicht hat sie einen festen Freund und keine Lust, viel auszugehen. Sie trug zwar keinen Ring, aber das bedeutete nicht, dass sie keinen Freund hatte, vielleicht sogar mehrere, so wie sie aussah …

„Da ich mich hier in der Gegend nicht auskenne, können Sie mir vielleicht einen Tipp geben, wo man gut essen kann?“, fragte er.

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn er war sogar in der Nähe von Tahoe aufgewachsen, auf dem Familiensitz in Clayburn. Und er war daher schon häufig in Tahoe gewesen.

Allerdings nicht in den letzten Jahren. Da hatte er seine Rachepläne vorangetrieben und hatte die Gegend gemieden, da er nicht die geringste Lust verspürt hatte, Webb Sperling und seinen Leuten zu begegnen.

Im Grunde konnte er auch in der Lodge essen, denn der Kühlschrank war randvoll mit delikaten, bereits vorgekochten Gerichten. Aber das brauchte Venus nicht zu wissen.

Sie sah ihn nachdenklich an, als überlege sie, ob sich hinter seiner Frage noch etwas anderes verbarg. Sofort wurde ihm siedend heiß.

Sie trug ein ganz normales unauffälliges Oberteil, aber sie würde in allem sexy aussehen. Und ihre Augen waren bei näherer Betrachtung eher bernsteinfarben und hatten kleine grüngoldene Punkte. Faszinierend.

„In Hunter’s Landing ist in dem Punkt nicht viel los“, sagte sie schließlich.

Die Untertreibung des Jahrhunderts.

„Es gibt den Lakeside Diner und dann natürlich Clearwater’s. Das ist ein Restaurant mit einer großen Terrasse, von der aus man auf den See blicken kann.“

Nicht schlecht. Ryan stellte sich sofort ein romantisches Dinner zu zweit vor. Die Bäume rauschten leise, und der Mondschein glitzerte auf dem Wasser … Danach würden sie sich in das Landhaus zurückziehen, vielleicht Rotwein trinken und später noch bei sanfter Jazzmusik in den Whirlpool steigen. Danach würde es sich ganz von selbst ergeben, dass sie sich auf dem riesigen Bett lieben würden …

Als sie eine gelbe Tüte vor ihn hinstellte, sah er die junge Frau verwirrt an. Dann erst wurde ihm klar, dass seine Fantasie schon wieder mit ihm durchgegangen war. Er räusperte sich. „Clearwater’s hört sich gut an“, sagte er langsam. „Und wie war noch gleich Ihr Name?“

„Kelly.“

Er streckte die Hand aus. „Angenehm, Kelly. Und ich bin Ryan.“

Sie schüttelte ihm die Hand. Was für lange, schlanke Finger sie hatte. Und dieses zierliche Handgelenk. Erst als sie ihm die Hand entzog, merkte er, dass er sie viel zu lang festgehalten hatte.

„Wie möchten Sie zahlen?“

„Mit Kreditkarte. Geht das?“

„Selbstverständlich.“ Sie lächelte freundlich.

An diese Stimme würde er sich sein Leben lang erinnern. Und an das Lächeln auch. Er gab ihr die Kreditkarte. „Ich würde mich freuen, wenn ich nicht allein zum Essen gehen müsste. Hätten Sie vielleicht morgen Abend Zeit, Ms. … entschuldigen Sie, wie war noch Ihr Nachname?“

Morgen war Samstag, da würde sie am nächsten Tag ausschlafen können … sehr praktisch.

„Ich heiße Kelly Hartley.“ Sie nahm seine Kreditkarte und wandte sich zur Kasse um.

Kelly Hartley? Ryan überkam ein unbehagliches Gefühl. Wieso kam ihm der Name so bekannt vor? Plötzlich fiel es ihm wieder ein: Eine der vielen Geliebten seines Vaters hieß Hartley mit Nachnamen. Und sie hatte eine Tochter, die Kelly hieß.

Sein Lächeln verschwand, und er blickte auf, geradewegs in Kellys weit aufgerissene Augen, die ihm aus ihrem plötzlich kalkweißen Gesicht entgegenstarrten.

Verdammt. Er fluchte lautlos. Ihm wurde ganz elend bei dem Gedanken, dass er fast auf eine dieser Miezen hereingefallen wäre, genau wie sein Vater. Nur fast, Gott sei Dank. Glücklicherweise hatte er nicht den Hang zu billigen Frauen wie Webb Sperling.

Sein ganzes Leben hatte er sich darum bemüht, nicht mit seinem Vater verglichen zu werden. Ein Vorteil war, dass er äußerlich sehr seiner Mutter glich, einer dunkelhaarigen Schönheit aus reicher Familie, die viel zu früh an Krebs gestorben war, genau wie sein Freund Hunter.

Hübsch mussten allerdings auch die Frauen sein, mit denen Webb Sperling ein Verhältnis hatte. Ryan starrte Kelly finster an.

Hübsch und geldgierig. Kein Wunder, dass sie Devlins Braut um ihren reichen Bräutigam beneidete. Es war sehr geschickt von ihr, ausgerechnet hier in Tahoe einen solchen Laden zu eröffnen. Denn der Lake Tahoe zog Menschen an, die viel Geld auszugeben hatten. Genau wie ihre Mutter schien sie ein gutes Gespür dafür zu haben, wie sie schnell zu Geld kommen konnte. Wenn er die Möglichkeit hätte, würde er dafür sorgen, dass Venus möglichst bald Pleite machte.

„Du bist Webb Sperlings Sohn“, sagte sie tonlos.

„Und du Brenda Hartleys Tochter.“

Wieso hatte sie Ryan nicht erkannt?

Ganz einfach, beantwortete Kelly sich die Frage gleich selbst. Sie hatte ihn seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen, seit er nämlich Clayburn verlassen hatte. Danach hatte sie hin und wieder in der Presse etwas über ihn gelesen, wobei es im Allgemeinen um geschäftliche Transaktionen ging, aus denen er meist als Sieger hervorging.

In den vergangenen zehn Jahren hatte er sich außerdem sehr verändert. Die Schlaksigkeit der Teenagerjahre war vorbei. Vor ihr stand ein großer, schlanker Mann, der aussah wie ein Filmstar. Obwohl sie selbst auch nicht gerade klein war und dazu noch Schuhe mit hohen Absätzen trug, war er ein ganzes Stück größer als sie. Und anders als sein Vater, der blaue Augen und helles Haar hatte, das jetzt allerdings weiß war, hatte Ryan dunkles Haar und dunkelbraune Augen, ganz wie seine verstorbene Mutter.

Schon als er ihren Laden betrat, hatte es ihr den Atem verschlagen, obgleich sie ihn noch nicht erkannt hatte. Auch als Teenager hatte sie für ihn geschwärmt, allerdings hatte sich ihr Kontakt zu ihm darauf beschränkt, ihm verstohlene Blicke zuzuwerfen, die er natürlich nicht bemerkt hatte. Wenn er sie angesprochen hätte, hätte sie vor lauter Aufregung kein einziges Wort herausgebracht. Er war nur zwei Jahre älter als sie, aber da er aus reichem Elternhaus kam und eine vollkommen andere Erziehung genossen hatte, hatte er immer so viel weltläufiger als sie gewirkt, so erwachsen und selbstbewusst.

Trotzdem war sie nie richtig in ihn verknallt gewesen, dafür war sie viel zu vernünftig. Aber natürlich war ihr nicht verborgen geblieben, dass er verdammt sexy war.

In der Stadt erzählte man sich, dass Ryan seinen Vater wegen dessen Affären hasste. Seine Mutter war krank geworden und starb etwa zu der Zeit, als Webb Sperling eine Liebschaft mit Brenda Hartley hatte. Kurz nach dem Tod seiner Mutter hatte Ryan sein Elternhaus verlassen und war aufs College gegangen. Danach hatte man ihn nie wieder in Clayburn gesehen.

Kelly sah, wie Ryan verächtlich die Lippen verzog. „Na, wenn das kein seltsamer Zufall ist“, sagte sie betont freundlich. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch mehr, ein sicheres Zeichen dafür, dass er noch immer an die Affäre seines Vaters mit ihrer Mutter dachte.

Er hob kurz die Augenbrauen. „So? Vielleicht ist das gar nicht so seltsam.“

„Wieso?“

„Na ja, ich kann mir nicht vorstellen, dass du mich nicht gleich erkannt hast, als ich durch die Tür kam.“

Sie runzelte verärgert die Stirn. „Und warum sollte ich so tun, als kenne ich dich nicht?“

Er hob nachlässig die Schultern. „Vielleicht wolltest du mich beeindrucken, damit ich umgehend zu meinem Vater renne und ihm erzähle, was für eine tüchtige Geschäftsfrau du bist. Vielleicht geht er dann eher auf deine Vorschläge ein.“

Sie biss kurz die Zähne zusammen. Dann wusste er also, dass sie mit Webb Sperling in Verhandlungen stand. Es ging darum, dass er Geschenkartikel, die nach ihren Entwürfen angefertigt wurden, unter dem Label „Für jeden etwas“ in das Angebot seiner Kaufhäuser aufnahm. Sie wurde rot, und einmal mehr war ihr unbehaglich bei dem Gedanken, dass sie den früheren Geliebten ihrer Mutter um einen Gefallen gebeten hatte, einen Mann, den sie aus tiefster Seele verabscheute.

„So wie ein Koch“, fuhr er gehässig fort, „der so tut, als wisse er nicht, dass ein berühmter Restaurantkritiker gerade bei ihm Platz genommen hat.“ Er blickte sich in dem Laden um. „Aber leider hast du dich verrechnet. Mit Webb Sperling habe ich nichts mehr zu tun.“

Dann hatte sich sein Verhältnis zu seinem Vater offensichtlich nicht gebessert. Wie schon der rebellische Teenager wollte auch der erwachsene Sohn nichts mehr von dem alten Sperling wissen. „Wenn du keinen Kontakt mehr zu deinem Vater hast, woher willst du denn von meinen Verhandlungen mit Sperling Inc. wissen, falls es die überhaupt gegeben haben sollte?“ Ihre Gespräche befanden sich noch in einem sehr frühen Stadium. Sie hatte noch nicht einmal einen Vertragsentwurf gesehen.

„Ich habe meine Quellen.“

„Einen Spion?“ Sie hob überrascht die Augenbrauen.

„Wenn man sich über die Familiengeschäfte auf dem Laufenden hält, kann man das wohl kaum als Spionieren bezeichnen.“

„Aber nein! Vor allem nicht, da ihr alle so wunderbar miteinander auskommt!“ Kelly wusste, dass Sperling Inc. ein reines Familienunternehmen war. Die Aktien wurden ausschließlich von Familienmitgliedern gehalten.

„Ich bin anders als mein widerlicher Erziehungsberechtigter.“ Er musterte sie verächtlich von oben bis unten. „Was ich von dir eigentlich nicht sagen kann.“

Sie kochte vor Wut und wollte heftig etwas erwidern, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. „Wirklich erstaunlich, dass ich dich nicht gleich erkannt habe. Du siehst genau wie deine Mutter aus.“

Das war zu viel! Sie ballte die Hände zu Fäusten, um ihm nicht das Gesicht zu zerkratzen. Jahrelang hatte sie sich darum bemüht, eben nicht so wie ihre Mutter zu werden. Sie hatte hart dafür kämpfen müssen, sich selbstständig zu machen und ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen zu können, anders als manche Leute, die mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurden.

Dass sie ihre kurvenreiche Figur und das kastanienrote Haar von ihrer Mutter geerbt hatte, dafür konnte sie nichts. Ansonsten hatte sie nichts gemein mit der oberflächlichen Brenda Hartley, die nur auf ihr Vergnügen aus war. Die Leute hier kannten und respektierten Kelly als tüchtige Geschäftsfrau und verantwortungsvolles Mitglied der Gemeinde. Und genau das wollte sie auch.

„Ich würde sagen, du gehst jetzt lieber“, brachte sie mühsam heraus.

Er warf ein paar Geldscheine auf den Tresen, mehr als die Leuchter wert waren. „Hier! Geld ist doch das Einzige, worauf es dir ankommt, oder?

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