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Inhalt

1
Einführung

2
Geschichte

2.1 Die „Entdeckung“, erste Annahmen und Weiterentwicklung

2.2 Kasuistiken und Beginn der systematischen Forschung

2.3 Beginn der klinischen Forschung

2.4 Der erste Paradigmenwechsel: von EMD zu EMDR

2.4.1 Das Krankheitsmodell hinter EMDR – das AIP-Modell

2.5 Der Wettlauf zwischen EMDR und TFVT: Randomized Controlled Trials (RCT) und Metaanalysen

2.6 Anerkennungen und Qualitätssicherung

2.6.1 Leitlinienanerkennungen

2.6.2 Qualitätssicherung durch Fachgesellschaften

2.7 Trauma Recovery / HAP

2.8 Der zweite Paradigmenwechsel: EMDR mit erweiterter Indikation und als Psychotherapiemethode

2.9 Status quo

2.9.1 Theoretische Entwicklung

2.9.2 Dritter Paradigmen-wechsel – klinisch und praktisch

2.9.3 EMDR im deutschspra-chigen Raum

2.9.4 Der Name EMDR

3
Theorie

3.1 Die Begriffe

3.2 Traumatischer Stress

3.2.1 Ursprünge und erste Vorläufer

3.2.2 Neurobiologie/Neurophysiologie des Extremstresses

3.3 Überblick: Folgestörungen nach psychischer Traumatisierung

3.3.1 Die Systematik von Lenore Terr: Typ-I- und Typ-II-Traumatisierung

3.3.2 PTBS als „Mutter“ der Diagnosen nach psychischen Traumatisierungen

3.3.3 Spezialphänomen Dissoziation

3.3.4 Komorbiditäten im Kontext psychischer Traumatisierung

3.3.5 Komplexe PTBS – DESNOS

3.4 Geschichte der Psychotraumatologie

3.5 Das AIP-Modell – das Theoriemodell hinter EMDR

3.5.1 EMDR und allgemeine Wirkfaktoren in der Psychotherapie

3.5.2 Annahmen über Wirkmechanismen bei EMDR

4
Der therapeutische Prozess

4.1 Protokolle

4.2 Das klassische Ablaufschema

4.3 Die acht Phasen des EMDR

4.3.1 (Traumaspezifische) Anamnese, Beziehungsaufbau und Behandlungsplanung

4.3.2 Stabilisierung

4.3.3 Bewertung

4.3.4 Traumabearbeitung mit EMDR: Desensibilisieren und Reprozessieren

4.3.5 Verankern

4.3.6 Körpertest

4.3.7 Abschluss

4.3.8 Überprüfung und weitere Behandlungsplanung

4.4 Techniken

4.4.1 Einweben

4.4.2 Positive Zukunftsprojektion

4.4.3 CIPOS – Constant Installation of Present Orientation and Safety

5
Evaluation

5.1 Leitlinienanerkennungen und Studien

5.2 Relevante Kooperationen

5.3 Evaluation spezieller Anwendungsbereiche

5.4 Aktueller Stand der Forschung

5.5 Qualitätssicherung im EMDR

6
Ausblick auf künftige Entwicklungen

6.1 EMDR bei Diagnosen über Traumafolgestörungen hinaus

6.2 Anwendung von EMDR bei spezifischen Zielgruppen

6.3 EMDR in spezifischen Settings

6.4 EMDR als Unterstützung der Krankheitsbewältigung bei somatischen Erkrankungen

6.5 EMDR bei schweren Typ-II-Traumafolgestörungen

6.6 EMDR bei nicht klinischen dysfunktional gespeicherten Erinnerungen

6.7 EMDR in Coaching und Beratung

6.8 Die Wirkmechanismen von EMDR

6.9 EMDR als Psychotherapiemethode

6.10 EMDR und AIP im Bereich der psychosozialen Basisversorgung

6.11 Die Betrachtung des Beziehungsaspektes bei der EMDR-Behandlung

6.12 Weiterentwicklung der HAP-Projekte und der weitere Aufbau von Strukturen

7 Zusammenfassung

Glossar

Literaturempfehlungen

Zitierte Literatur

Personenregister

Sachregister

Dank

Über die Autorin

Anhang

Traumaspezifische Anamnese

5-4-3-2-1-Übung

1 Einführung

EMDR (= Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist als traumaverarbeitende Methode bekannt geworden und ein heute weltweit von über ca. 70.000 Praktikern angewendetes Therapieverfahren. Es wurde von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro Ende der 1980er Jahre erstmals beschrieben und vorgestellt (Shapiro 2013a).

Dies geschah zunächst noch unter der Bezeichnung EMD (= Eye Movement Desensitization) als „Technik zur Reduktion von belastenden Erinnerungen“.

Shapiro hatte als Verhaltenstherapeutin die Erfahrung gemacht, dass wiederholtes „In-Kontakt-Gehen“ mit belastenden Erinnerungen und gleichzeitige bilaterale Stimulation des Gehirns, damals nur in Form von Augenbewegungen, für die Betroffenen spürbare affektiv-physiologische Entlastung brachte. Sie postulierte in der Applikation der Augenbewegungen einen wesentlichen Unterschied zu rein verhaltenstherapeutischer Konfrontation.

Shapiro entwickelte die Methode systematisch weiter. Die klinische Wirkung der Methode ist inzwischen seit vielen Jahren und in vielen randomisierten kontrollierten Studien (RCT – Randomized Controlled Trials, u.a. van Etten/Taylor 1998; Bisson et al., 2007, 2013) für die klassische Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) (Maerker 2013) und für einige Komorbiditäten nachgewiesen.

Im Jahr 2013 erfolgte darüber hinaus auch eine offizielle Anerkennung von EMDR durch die WHO (2013) und 2014 in Deutschland als Richtlinientherapie für PTBS (https://www.g-ba.de/institution/presse/pressemitteilungen/557/).

Der genaue Wirkmechanismus von EMDR ist allerdings bis heute nicht geklärt, es gibt einige schlüssige Hypothesen (Kap. 3.5.2), die im vorliegenden Band auch dargestellt werden. Experten sind sich allerdings inzwischen in Kommentaren zum diesbezüglichen Status quo einig, dass der Erfolg auf die Kombination mehrerer Wirkmechanismen zurückgehen muss (u.a. Shapiro 2013a, van der Kolk 2011).

Die außergewöhnlich intensive Forschung nach der Wirkweise von EMDR hat allerdings quasi als Nebeneffekt sehr interessante Hinweise auf die Wirkweise von Psychotherapie allgemein und die generelle Rolle des Zentralnervensystems mitgeliefert. Michael Elkin schreibt in den Empfehlungen für „The Breakthrough Eye Movement Therapy for Overcoming Anxiety, Stress, and Trauma“: „EMDR is proving to be the silicon chip of psychotherapy; it allows people to process incredible amounts of material in a shockingly short time“ (Shapiro/Silk Forrest 2004, Vorwort).

Im Zuge ihrer Beschäftigung mit der Ausdifferenzierung der Methode und der theoretischen Fundierung postulierte Shapiro die Existenz eines sehr spezifischen Wirkmodells hinter EMDR: das sogenannte „Adaptive Information Processing (AIP) Model“, das Modell der adaptiven Informationsverarbeitung (Shapiro/Laliotis 2010, Shapiro 2013a). Dieses adaptive Selbstordnungs- /Selbstheilungssystem – AIP – scheint einen wesentlichen Anteil an unserer mental-psychischen Gesundheit zu haben. Es führt im Alltag autonom, regelmäßig und regelhaft zu Erleichterung und Entlastung („einmal drüber schlafen“), da eine Integration/Einordnung von Erinnerungen und Erlebnissen erfolgt.

Im Fall von Erlebnissen, die nicht in unsere Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen passen und somit nicht in unser Wertesystem einzuordnen sind, die also offensichtlich nicht auf diese Weise integriert werden können, reicht dieser autonome Mechanismus per se nicht aus. Dies gilt auch für Ereignisse, die uns physiologisch-emotionell „überwältigen“, „in den Knochen stecken bleiben“ oder „unter die Haut gehen“.

Shapiro geht davon aus, dass diese dysfunktional gespeicherten Erfahrungen oder Erinnerungen Ursachen von Störungen im Hier und Jetzt werden. Wenn solche Erinnerungen jedoch auf allen verschiedenen Erlebnisebenen integriert werden können, führt dies zur Reduktion der zugehörigen wahrgenommenen Belastungen. Die Annahme ist nun – und die klinische Erfahrung bestätigt dies –, dass dieser Prozess durch die EMDR-Behandlung maßgeblich initiiert und unterstützt werden kann.

Dieser Mechanismus bzw. dieses Erleben scheint dem Geschehen im sogenannten REM-Schlaf (REM = Rapid Eye Movement) zu entsprechen, einer Schlafphase, in der jede Nacht autonom und unkontrollierbar extrem schnelle sakkadische Augenbewegungen erfolgen. Man geht davon aus, dass das oben genannte „mentale Verdauen“ der kleineren Sorgen und Probleme des Alltags in dieser (Traum-) Schlafphase autonom und regelhaft stattfindet, ohne dass wir bewusst Kontrolle darüber ausüben können.

Obwohl es eine inzwischen beeindruckende und eindeutige Anzahl von zu beschreibenden und zu zitierenden wissenschaftlichen Nachweisen über die Wirksamkeit von EMDR in vielen Anwendungsbereichen gibt, soll die Darstellung der Methode in der Reihe „Wege der Psychotherapie“ klinisch-praxisbezogen erfolgen.

Das Erlernen und Anwenden von EMDR kann die diagnostische und therapeutische klinische Arbeit wesentlich verändern und bereichern. Das Aufsetzen einer „Traumabrille“ und das zielgerichtete und angemessene Integrieren dieser Erkenntnisse in die alltägliche klinische Arbeit ist für Kliniker aus den verschiedensten therapeutischen Richtungen und im Bereich der klinisch-psychologischen Behandlung (spezielle Bezeichnung in Österreich) eine entscheidende Ergänzung bzw. ein Zugang, der bei Behandlungsgrenzen neue Impulse bringt. Erwiesenermaßen ist sprachlichkognitiv dominierte therapeutische Arbeit bei Patienten mit Traumafolgestörungen begrenzt wirksam, EMDR greift hier tiefer und erreicht alle Repräsentationsebenen von Traumatisierung (z. B. van der Kolk 2011).

Im vorliegenden Buch werden die Voraussetzungen, der Hintergrund und das genaue Vorgehen der Methode in ihren acht Schritten, ihre Indikationen und Kontraindikationen, Aspekte von Qualitätssicherung, klinische Anwendungsbereiche und ihre Grenzen, experimentelle Anwendungsbereiche und die darin liegenden Hoffnungen praxisnah dargestellt und skizziert. Damit soll es einen seriösen Beitrag zur Vermittlung und Verbreitung der Methode, die in einem psychotraumatologischen Gesamtkonzept gesehen werden muss, unter Klinikern leisten (Lamprecht 2001).

Die Integration in die etablierten psychotherapeutischen Methoden fällt relativ leicht (Shapiro 2003) und somit ist das Interesse bei Patienten und Psychotherapeuten aller Richtungen groß und die explizite Nachfrage durch Patienten stetig steigend.

Über diesen ursprünglichen Einsatzbereich hinaus hat sich EMDR auch bei komorbiden Störungen wie z. B. Angst, Depression, Zwang und Sucht als wirksam erwiesen und wird in Modifikationen für spezielle Anwendungsgebiete (Lamprecht 2006) für viele Arten von pathogenen Erinnerungen und Schmerzstörungen oder anderen somatischen Komplikationen mehr und mehr beforscht.

Hier scheinen breitere Einsatzmöglichkeiten in der medizinisch-psychologischen Basisversorgung zu liegen und EMDR könnte ein wesentlicher Faktor im Gesundheitswesen werden. Ein dazu passender erster Schritt ist in Deutschland mit der offiziellen Anerkennung von EMDR als Richtlinientherapie für PTBS 2014 erfolgt.

2 Geschichte

EMDR ist eine relativ „junge“ psychotherapeutische Methode, jedoch eine Traumabehandlungsmethode der ersten Stunde. 2014 wurden anlässlich des 15. EMDR Europa Kongresses in Edinburgh „25 Jahre EMDR“ gefeiert.

In ihrem Eröffnungsvortrag bei dieser Konferenz skizzierte die „Beschreiberin und Weiterentwicklerin“ der Methode, Francine Shapiro, den Werdegang von einer Technik über eine Methode der Wahl bei der Behandlung von PTBS zur Idee eines vollwertigen psychotherapeutischen Ansatzes für eine Vielzahl von Störungen, wie er sich heute abzeichnet. Dieser Weg soll im Folgenden beschrieben werden.

2.1 Die „Entdeckung“, erste Annahmen und Weiterentwicklung

Francine Shapiro beschäftigte sich im Zuge ihrer ersten Ausbildung mit einer wissenschaftlichen Arbeit im Bereich der englischen Literatur und wandte sich dann – aufgrund einer eigenen schweren Erkrankung – ihrem zweiten Studium, dem der klinischen Psychologie, zu. Für sie rückte dabei zu diesem Zeitpunkt die „Interaktion zwischen menschlichem Geist und äußeren Stressfaktoren“ (Shapiro 2013a) in den persönlichen Fokus.

Sie entschloss sich, diesen Fragen gezielt auch wissenschaftlich nachzugehen. Gleichzeitig fällt in diese Phase die „folgenschwere“ zufällige Entdeckung, die die Forschung entfachte und der Methode letztlich ihren – inzwischen überholten, dennoch als „historisches Label“ erhaltenen – Namen EMDR gab.

Die immer wieder zitierte dazugehörige und etwas klischeehafte Geschichte ist Folgende: 1987 machte sie – von belastenden Gedanken beeinträchtigt – bei einem Spaziergang durch einen Park („The walk in the park …“) eine zufällige Entdeckung: Die nahezu „intrusiv im Kreise gehenden“ belastenden Gedanken – so beschreiben es Klienten auch oft – verloren offensichtlich unter dem Einfluss von spontanen, schnellen, sakkadischen bilateralen Augenbewegungen ihre ursprüngliche Belastung, unerklärlicherweise, aber deutlich. Sie bemerkte diese autonomen Augenbewegungen selbst überrascht, sie waren nicht bewusst gesteuert gewesen.

Aufgrund dieser Erfahrung verband sie im Folgenden absichtlich belastende Gedanken mit schnellen Augenbewegungen.

Parallel und unabhängig davon widmeten sich Forscher zu dieser Zeit ersten Arbeiten zu Psychoneuroimmunologie und Psychotraumatologie. Die Frage des Zusammenhangs zwischen Krankheit und Stress beziehungsweise von „normalem“ versus „toxischem“ Stress und seinen jeweiligen Folgen wurde in Wissenschaft und Praxis und in der einschlägigen Literatur immer relevanter (van der Kolk/van der Hart 1989, Herman/van der Kolk 1987). Methoden des Umgangs damit waren jedoch kaum bekannt, obwohl der Bedarf klar bestand und zunehmend in die öffentliche Wahrnehmung rückte: So gab es zahlreiche kriegstraumatisierte Männer und bei Frauen und Kindern zeigten sich Symptome infolge familiärer Gewalt:

„Die ,Narben der Gewalt‘ (Anm. der Autorin: Buch von Judith Herman, Erstausgabe 1992) ist die Frucht von 20 Jahren Forschung und praktischer Arbeit mit Opfern von sexueller und häuslicher Gewalt. Das Buch spiegelt aber auch die vielfältigen Erfahrungen mit zahlreichen anderen traumatisierten Personen wider, vor allem mit Kriegsveteranen und Opfern von politischem Terror.“ (Herman 2003, S. 11).

In diesem Bewusstsein war ein großer Beweggrund für Shapiro, mit der Methode, die sich für sie abzeichnete, möglichst vielen Betroffenen Hilfe bieten zu können.

2.2 Kasuistiken und Beginn der systematischen Forschung

Shapiro bat daher Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen, ihre Entdeckung ebenfalls auszuprobieren. Diese berichteten ähnliche Erfahrungen: Die belastenden Gedanken verschwanden, verblassten, modifizierten und der Leidensdruck sank. Shapiro hatte folgende Hypothese: Die Belastung bei der Konfrontation mit dem Material wird – durch die Stimulation unterstützt – abgemildert. Durch die sodann instruierte Rückkehr zum ursprünglich belastenden Material wird der Zustand immer besser, da sich Desensibilisierung einstellt.

Bald ergab sich außerdem eine erste „technische“ Weiterentwicklung: Sehr schnelle regelmäßige sakkadische Augenbewegungen können nicht über längere Zeit autonom durchgeführt werden. So entstand die Idee, diese von außen zu induzieren, indem man als Therapeut horizontale Arm- beziehungsweise Fingerbewegungen ausführt und den Patienten bittet, diesen mit den Augen zu folgen. Dies war die Geburtsstunde der klassischen Verwendung von bilateraler Stimulation mittels Fingerbewegungen durch den Behandelnden. Das hatte ähnliche Effekte wie die selbst durchgeführten Augenbewegungen, war aber leichter und länger durchführbar.

Durch Versuche mit ca. 70 Personen im Laufe von etwa sechs Monaten entwickelte Francine Shapiro somit ein erstes Standardvorgehen. Dieses beinhaltete damals schon die noch heute präsenten Grundkomponenten (Kap. 4.3.3) des belastenden Bildes, der assoziierten Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen, ergänzt durch zwei Mess-Skalen, um gezielt mit dieser Methode an Lösungen für diverse Probleme zu arbeiten. Die Probanden wählten belastende Erinnerungen, Überzeugungen und auch Situationen aus, die von Demütigungen aus frühester Kindheit bis hin zu aktuellen Frustrationen reichten (Shapiro 2013a). Das Vorgehen, auch auf den eigenen verhaltenstherapeutischen Zugang hinweisend, nannte Shapiro „EMD – Eye Movement Desensitization“ (Desensibilisierung mittels Augenbewegungen), da die Augenbewegungen aus damaliger Sicht offensichtlich die den Effekt determinierende Komponente der Angstreduktion waren (Shapiro 2013a).

Für Shapiro lag also zunächst die Idee nahe, dass es sich bei ihrer Entdeckung um eine neue Art des „Desensibilisierens“ handelte und Habituation erreicht werde, was durch das Gefühl der Erleichterung für den Patienten spürbar sei: „Weil […] mein bevorzugter Ansatz zu jenem Zeitpunkt der verhaltenstherapeutische war, nannte ich das von mir entwickelte Verfahren EMD – Augenbewegungs-Desensiblisierung.“ (Shapiro 2013a, S. 36). Die Überzeugung, dass EMDR reine Habituation sei (Ehlers 1999), hält sich vor allem bei verhaltenstherapeutischen Forschern teilweise bis heute. Sie greift aber zu kurz, wenn man die Wirkung von EMDR erklären möchte. Dies wird in Kap. 3.5.1 thematisiert.

Gerade grundsätzlich verhaltenstherapeutisch arbeitende Kollegen (ich selbst machte auch sehr fasziniert diese Erfahrung) merken mit der Anwendung von EMDR sehr deutlich, dass EMDR mehr ist. Das „R“ macht den Unterschied und hier möchte ich den Blick zurück in die Geschichte werfen:

Francine Shapiro war nach diesen ersten breiter angelegten Überprüfungen von der Wirkung ihrer Arbeit überzeugt und entwickelte genauere Prozeduren, um den Effekt zu festigen. Als Wissenschaftlerin im Bereich der Klinischen Psychologie wusste sie selbstverständlich, dass Kasuistiken maximal einen Wert im Sinne von „Pioniererkenntnissen“ haben und dass randomisierte kontrollierte Studien mit Zufallsverteilung der Probanden (RCT) nötig sind, um wirklich valide Aussagen über Therapieeffekte treffen zu können.

2.3 Beginn der klinischen Forschung

So suchte Shapiro gezielt nach möglichen Zugängen, um die von ihr standardisierten Prozeduren systematisch wissenschaftlich untersuchen zu können. Bisher hatte sie ja die Probanden gebeten, mit irgendwelchen Belastungen in Kontakt zu gehen: „Sie litten unter einer Vielzahl verschiedener nicht-pathologischer Beschwerden […]“ (Shapiro 2013a, S. 36).

Nun jedoch entschied sie sich aus methodischen Gründen, zur Überprüfung der Effekte mit einer homogenen Diagnose zu arbeiten. Diese fand sie in der PTBS, die nur wenige Jahre zuvor (1981) von der WHO erstmals als krankheitswertige Diagnose anerkannt worden und zum damaligen Zeitpunkt noch recht außergewöhnlich war. Behandlungsmethoden für PTBS fehlten zu diesem Zeitpunkt allerdings weitgehend. Die offizielle Anerkennung der Diagnose an sich war jedoch ein wichtiger Schritt – von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich die Psychotraumatologie, die Lehre der Ursachen und Folgen von Traumafolgestörungen, rasant (Kap. 3.4).

Sehr gute historische Darstellungen dazu finden sich in „Traumatic Stress“ von Bessel van der Kolk und Kollegen (van der Kolk et al. 2007a), der als ein Pionier der Psychotraumatologie gilt, und Herman (2003). Van der Kolk hatte nach dem Kontakt mit Shapiros neuer Methode im Zuge seiner neurobiologischen Forschung bahnbrechende Videodokumentationen von der klinischen Wirkung von EMDR erstellt. Diese Behandlungen hatten ihn selbst nachhaltig von der Wirkung überzeugt und sie gehören noch heute zu den wichtigsten und interessantesten Zeugnissen.

Zurück zu Shapiros Entscheidung, EMD zu erforschen: Die Diagnose PTBS als Gegenstand in Shapiros erster systematischer Studie passte also sehr gut zu ihrem ursprünglichen Interesse an der Auswirkung äußeren Stresses auf Körper, Seele und Geist. Damit beginnt auch die interessante Geschichte der Fokussierung bzw. nahezu Einengung von EMDR auf die Behandlung von Traumafolgestörungen, die nun 25 Jahre dominieren sollte und, wie erwähnt, erst in den ca. letzten zehn Jahren gelockert wurde. Diese Fokussierung war dennoch extrem positiv für die Entwicklung wirksamer Behandlungskonzepte in diesem Bereich, weil dadurch intensive Forschung stattfand. Dadurch ist EMDR heute eines der wirksamsten und am besten evaluierten Verfahren. Francine Shapiro nahm im Winter 1987 Kontakt mit einem „Veterans Outreach Center“ auf, das gezielt und einheitlich mit PTBS-Patienten mit „Major Trauma“ (in der Medizin ein Begriff für lebensgefährliche, massive Verletzungen, in der Psychotraumatologie analog verwendet) arbeitete. Sie erhielt die Erlaubnis, ihre Forschungen durchzuführen und es entstand die erste kontrollierte Studie mit 22 Teilnehmern mit massiven traumatischen Erfahrungen (Vietnam-Krieg, Vergewaltigung). Die Probanden hatten teilweise trotz vieler Jahre Psychotherapie sehr unter den Traumafolgestörungen inklusive Komorbiditäten gelitten. Die Erfolge schlugen sich in Symptomreduktionen in Selbst- und Fremdbeurteilung im Bereich der PTBS, Verblassen der belastenden Erinnerungen sowie Reduktion von komorbiden Symptomen nieder (Shapiro 2013a). Man konnte nun also die gleichen Effekte, wie sie zuvor in den Kasuistiken bei Freunden und Bekannten mit nicht pathologischen belastenden Erinnerungen erreicht worden waren, auch bei Patienten sehen, die teilweise seit mehr als 20 Jahren unter einer krankheitswertigen Störung litten (Shapiro 1989). Diese Untersuchung inklusive Katamnese wurde 1988 abgeschlossen und im Journal of Traumtic Stress Studies veröffentlicht (Shapiro 1989). Damit stieg Shapiro in den wissenschaftlichen Diskurs ein und arbeitete nun motiviert an der Weiterentwicklung der neuen Methode. Sie begann, sie gezielt zu präsentieren und weiterzuvermitteln – an interessierte Kliniker auf Konferenzen und auch an fachlich relevante Organisationen wie die American Psychological Association (APA).

Im Kontext dieser intensiven Auseinandersetzungen mit EMD wurde ihr klar, dass die Methode wesentlich komplexer sein musste, als zunächst in der reinen „Desensibilisierungs“-Hypothese (Kap. 2.2, 3.5.2) angenommen. Das betraf konkret folgende Punkte:

images Die Frage der genauen Indikation und die Behandlungsplanung sind wichtiger als angenommen.

images Spezielle Anwendungen für spezielle Fragen sollten entwickelt und die Rolle des Körpers berücksichtigt werden.

images Neben der theoretischen Vermittlung der Methode sollten Praxissupervisionen und Selbsterfahrung ergänzt werden.

images Im Prozess der neuen Methode kommt es zu autonomer kognitiver Restrukturierung mit neuen Erkenntnissen, die über die reine Desensibilisierung hinausgeht.

Der letzte Punkt veranlasste Shapiro zu der folgenreichen Entscheidung, das Verfahren umzubenennen.

2.4 Der erste Paradigmenwechsel: von EMD zu EMDR

1990, zwei Jahre nach dem „Benennen“ von EMD und dem beschriebenen intensiven systematischen Erfassen erster Erfahrungen mit dieser neuen Technik, erweiterte Shapiro den Begriff um „R“ – Reprocessing. Das war ein wesentlicher Schritt, der bis heute einen großen Teil der Faszination und Wirkung von EMDR ausmacht: die konkrete Benennung des Re-Prozessierens. Der „added value“ des „R“ von EMDR umfasst folgende Aspekte:

images Neu- oder Reattribuierung und Etikettierung von alten Erinnerungen, neue „Überschriften“ für die Erfahrungen und Erinnerungen,

images neue Verbindungen zwischen bisher u. U. isolierten Netzwerken, autonomes Anbinden an passendere Netzwerke,

images neue Einordnungen, Wiedereinordnungen, Anpassungen,

images Transformation und Erkenntnis geschieht von innen (!),

images Konsolidierung von vorher vagen Erkenntnissen,

images Erinnerung (ver-)wandelt sich.

Diese etwas abstrakte Beschreibung zeigt sich klinisch in den Erfahrungsberichten der Patienten (Kap. 4). Eine vom Department of Veterans Affairs unterstützte Untersuchung bei 1.200 Klinikern über die klinische Wirkung von EMDR an 10.000 Klienten (Lipke 1992 in Shapiro 2013a) im Vergleich zu anderen Methoden zeigte Folgendes: 74 % gaben an, mit EMDR mehr Erfolg zu haben als mit anderen Methoden, nur 4 % sagten das Gegenteil. In den nächsten Jahren folgten Kongressbeiträge und Berichte über die Einsetzbarkeit bei unterschiedlichen Populationen wie z. B. Menschen mit Verlusterlebnissen, Schuldgefühlen, Verbrechensopfern, Einsatzkräften mit belastenden Erlebnissen, Erwachsenen und Kindern. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Modifikationen für die Arbeit mit EMDR bei Kindern (z. B. Greenwald 1994, 1998) sowie später eigene Bücher zu diesem Thema (Tinker/Wilson 2000).

Dieser ganz eigene Bereich der Arbeit mit EMDR im Kinder- und Jugendbereich wird in diesem Buch aufgrund der notwendigen Fokussierung auf das Grundvorgehen mit der Grundzielgruppe nicht weiter erläutert. In den Literaturempfehlungen finden sich jedoch konkrete Hinweise.

Viele der Beobachtungen und Studien blieben unveröffentlicht und die Methode wurde nach wie vor kritisch beäugt und war umstritten. Parallel dazu überzeugten sich jedoch Jahr für Jahr mehr Kliniker und mit ihnen die Patienten von ihrer praktischen Wirksamkeit.

Schließlich entwickelte Shapiro im Jahr 1995 das Konzept der acht Phasen des EMDR: Anamnese, Stabilisierung, Bewertung, Desensibilisieren/Reprozessieren, Verankern, Körpertest, Nachbesprechung, Überprüfung. Die Vorgehensweise nach diesen acht Phasen hat bis heute weltweit Bestand und wird in diesem Buch in den Kapiteln 4.3.1 bis 4.3.8 ausführlich dargestellt.

Gleichzeitig erschien es notwendig, zum Zwecke der Qualitätssicherung eine Fachgesellschaft zur Wahrung der grundlegenden Standards ins Leben zu rufen. Das erfolgte in den USA 1995 mit der Gründung von EMDRIA (EMDR International Association, www.emdria.org).

2.4.1 Das Krankheitsmodell hinter EMDR – das AIP-Modell

Im Kontext der Erkenntnisse und Erfahrungen, die zur Umbenennung der Methode und ihrer wichtigen theoretischen und inhaltlich-klinischen Implikation führten, entwickelte Shapiro ihr bis heute gültiges Erklärungsmodell, das sie der Wirkungsweise von EMDR zugrunde liegend sieht: das Modell der Adaptiven Informationsverarbeitung (englisch: Adaptive Information Processing) – AIP.

Autonome und Adaptive Informationsverarbeitung

AIP wurde in der Anfangszeit mit „Accelerated Information Processing“ („beschleunigte Informationsverarbeitung“) erklärt und ersetzte letztlich die reine Desensibilisierungshypothese vollständig und überzeugend. Der beeindruckend schnelle Veränderungsprozess im Erleben und Verhalten stand als Effekt der EMDR-Behandlung im Vordergrund und Pate für die unten beschriebene Arbeitshypothese des AIP-Modells.

Sehr schnell jedoch erfolgte die Präzisierung und Schwerpunktverlagerung im Sinne von „Adaptive Information Processing“ – adaptives Informationsverarbeiten. Dies trägt der Beobachtung Rechnung, dass offensichtlich nicht nur eine schnelle, sondern eine qualitative Verarbeitung stattfindet.

Diese Sichtweise liegt bis heute den Annahmen über die Wirkweise zugrunde und wird mittlerweile einerseits durch die umfassenden klinischen Beobachtungen der Anwender und Patienten bestätigt, andererseits durch die neurobiologische Forschung unterstützt. Im Detail werden das AIP-Modell und seine Hintergründe in Kapitel 3.5 vorgestellt.

Das AIP-Modell geht davon aus, dass in jedem Menschen ein immanentes autonomes neurophysiologisches „System“ aktiv ist, das jegliche eintreffende Information im Sinne einer mental-emotional-physiologischen Homöostase einzuordnen, zu kategorisieren und zu integrieren trachtet. Hier sind die Hypothesen interessant, die die Wirkweise von EMDR mit der REM-Schlafphase in Zusammenhang bringen. Auch im Schlaf machen wir die Erfahrung, dass sich Erinnerung konsolidiert und Erlebnisse, auch alltägliche Ärgernisse oder Umgereimtheiten, also „normale“ Belastungen, quasi „über Nacht“ einordnen (dazu mehr in Kap. 3.5.2 über Wirkmechanismen).

Grenzen der autonomen Informationsverarbeitung

Im Falle von Trauma und Stress, so die Annahme des AIP-Modells, ist dieses immanente System überfordert und die autonome Informationsverarbeitung begrenzt. Shapiros Postulat war nun, dass EMDR scheinbar hier ansetzt und dieses System wieder anstößt bzw. reaktiviert, die Arbeit erneut aufzunehmen (Shapiro 2013a).

Um diesen Effekt zu erreichen, muss EMDR sehr präzise an der Ursache und dem Fokus der Belastung ansetzen. In ihren Fortbildungskursen betonte Shapiro daher von Beginn an unermüdlich die Aufgabe der Behandler, im Zuge der Behandlungsplanung präzise die dem dysfunktionalen Verhalten und Erleben der Betroffenen zugrunde liegenden Erinnerungsknoten zu finden. In dieser Phase entwickelte sie genaue – auch in diesem Buch im Kapitel über das therapeutische Vorgehen zu findende – Protokolle und Prozeduren, die dies gezielt sicherzustellen versuchten.

Integration von EMDR in bestehende therapeutische Schulen

Die hohe Standardisierung und die teilweise wörtlich exakte Anwendung der einzelnen Schritte haben in dieser Bemühung um präzises Vorgehen ihren inhaltlich-theoretischen Ursprung. Das macht das Erlernen der Methode bis heute gerade zu Beginn für erfahrene Kliniker „sperrig“ und ambivalent.

Das scheinbar rigide Vorgehen nach Manual unterscheidet EMDR von den meisten anderen psychotherapeutischen Methoden: Der Service für die Betroffenen liegt nicht im kreativen Verändern von Grundideen, sondern im präzisen Umsetzen der Grundelemente auf Basis einer fundierten Behandlungsplanung. Dies war auch historisch gerade in dieser Phase wesentlich. Aufgrund der Tatsache, dass am Anfang die subjektive Erfahrung Shapiros und erste Kasuistiken gestanden hatten und nicht – wie sonst meistens bei der Entwicklung psychotherapeutischer Methoden – Theorie und Evidenz, war es nahe liegend und notwendig, eine Hintergrundtheorie zu entwickeln, um die beeindruckende Praxis und klinische Erfahrung zu erklären.

Mit dem AIP-Modell wird diesem Anspruch Genüge getan und darüber hinaus gibt es heute Evidenzen (Kap. 3.5.2) für die Kernaussagen des AIP-Modells. Weiterhin integrierte EMDR von Beginn an verhaltenstherapeutisch-behavioristische Komponenten wie Skalierungen und kognitive Arbeit sowie psychodynamische Elemente. In dem Kontext sei auf eine sehr informative, von Shapiro (2003) herausgegebene Zusammenstellung namhafter Autoren und Vertreter verschiedenster damals schon gängiger Therapierichtungen verwiesen, die nachvollziehbar beschreiben, wie sie EMDR in die eigene Methode integrieren (Shapiro 2003).

Dennoch war es absolut notwendig, neben den guten Erfahrungen der Betroffenen und der nach einigen Jahren der EMDR-Anwendung überzeugten Kliniker wissenschaftliche Beweise zu liefern. EMDR stand nämlich trotz der praktischen Erfolge nach wie vor in dem Ruf, unwissenschaftlich zu sein, und war sehr umstritten (Ehlers 1999, S. 75): „[…] eine neue und relativ umstrittene Behandlung“.

Manche Kritiker sind u. a. aufgrund des ungewöhnlichen Charakteristikums der Applikation der Augenbewegungen nach wie vor sehr zurückhaltend. Der Fokus darauf verstellt oft bis heute den Blick auf die Komplexität und das wahrscheinliche Ineinandergreifen verschiedener Komponenten der Letztwirkung.

So gab es verhaltene und offene Kritik und Skepsis an der Methode: „[…] Dies verursachte einen großen Aufruhr in der verhaltenstherapeutischen Community, im Sinne von ,Domain-making‘ oder ähnlichem.“ (Shapiro 2009).

Francine Shapiro war von jeher an systematischer Untersuchung interessiert. So entwickelte sich sehr bald nahezu eine Kaskade an Forschung zu zwei Schwerpunkten:

images zu den zugrunde liegenden Wirkmechanismen,

images zur Wirkung von EMDR im Vergleich zu anderen – zu dieser Zeit verhaltenstherapeutisch dominierten – Trauma-Behandlungsansätzen.

2.5 Der Wettlauf zwischen EMDR und TFVT: Randomized Controlled Trials (RCT) und Metaanalysen

In verhaltenstherapeutischen Konzepten zur Traumaverarbeitung stehen die Problematik der „falschen“ Bewertung von Symptomen und Reaktionen durch die Betroffenen sowie die klassische Vermeidung im Zuge der Angststörungen im Vordergrund der Traumahandlungsmethoden. Vertreter dieser Konzepte sahen eine deutliche theoretische und praktische Überlegenheit ihrer Ansätze gegenüber EMDR.

Die Dynamik, sich gegenseitig von der Überlegenheit der jeweiligen Methode zu überzeugen, „motivierte“ Francine Shapiro und Edna Foa (Foa/Meadows 1997) bis heute zu sehr viel Forschung (siehe auch Münker-Kramer 2011, 2015). Ein positiver Effekt davon ist, dass beide Zugänge zur Traumabehandlung, EMDR und TF VT (traumafokussierte Verhaltenstherapie, der Überbegriff für die genannten methodischen Ansätze), extrem gut beforscht sind – mehr als andere Therapieansätze. Zunächst wurden zahlreiche randomisierte Kontrollstudien (RCT) sowie folglich Metaanalysen durchgeführt, in denen auch Studien integriert wurden, die neben der therapeutischen Wirkung von Verhaltenstherapie (VT) und EMDR auf die PTBS auch auf traumakorrelierte Komorbiditäten wie Angst, Depression oder somatoforme Störungen Augenmerk gelegt hatten. Hofmann gibt neben Shapiro einen umfassenden aktuellen tabellarischen Überblick (Hofmann 2014, Shapiro 2013a) über einzelne RCT, Metaanalysen und Studien zu einzelnen Anwendungen. Im Kapitel „Evaluation“ (Kap. 5) in diesem Buch finden sich die Wichtigsten dieser Beiträge.

Bereits 2005 hatte z. B. die Arbeit von Bisson als Forscher und Mitautor der sogenannten NICE Guidelines einen sehr praktischen Effekt mit gesundheitspolitischer Sprengkraft aufgezeigt – es wurden klare Behandlungsempfehlungen für PTBS formuliert: Clinical Guideline Nr. 26 (March 2005), Behandlungsleitlinie des National Institute of Clinical Excellence zugunsten von EMDR und TF VT:

„[…] 3. Trauma-focused psychological interventions in adults: Adequately powered effectiveness trials of trauma-focused psychological interventions for the treatment of PTSD (TF-CBT and EMDR) should be conducted. They should provide evidence on the comparative effectiveness and cost effectiveness of these interventions and consider the format of treatment (type and duration) and the specific populations who may benefit“. (NICE Guideline No. 26 2005, recommendations).

2.6 Anerkennungen und Qualitätssicherung

2.6.1 Leitlinienanerkennungen

Neben der wachsenden Verbreitung und Akzeptanz von EMDR unter Klinikern und niedergelassenen Praktikern war die offizielle Anerkennung durch relevante andere Fachgesellschaften wichtig und notwendig. Diese vollzog sich sukzessive. In den USA, wo die Konkurrenz zu verhaltenstherapeutischer Traumabehandlung besonders stark war, erfolgte 2000 die Anerkennung durch die ISTSS (International Society of Traumatic Stress Studies) und das NIMH (National Institute of Mental Health), 2003 durch die APA (American Psychological Association), 2004 durch das Department of Veterans Affairs und das Department of Defense.

In Europa war ein Meilenstein die Anerkennung und darüber hinaus explizite Empfehlung als eine Methode der Wahl durch das NICE (National Institute of Clinical Excellence) im Jahr 2005 und in Deutschland 2004 in der Leitlinie zur Behandlung von PTBS der Universität Düsseldorf (Flatten et al. 2004) sowie vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie 2006).

Politisch und inhaltlich umfassend entscheidend auch für den breiteren Einsatz von Elementen von EMDR im Bereich der Einsatznachsorge ist die ausdrückliche Anerkennung durch die WHO im Jahr 2013 (WHO 2013) sowie die Anerkennung als Richtlinientherapie für PTBS durch den Gemeinsamen Bundes Ausschuss (G-BA) in Deutschland (2014).

Francine Shapiro erhielt bereits 1994 von den kalifornischen Psychologen den „Distinguished Scientific Achievement in Psychology Award“ für einen wichtigen Therapiefortschritt, 1996 den „Award honoring Humanitarian Assistance“ von der EMDR International Association und 2002 den „Sigmund Freud Preis“ der Stadt Wien.

2.6.2 Qualitätssicherung durch Fachgesellschaften

Da sich die Methode als sehr wirksam, aber auch invasiv herausstellte, wurde es Mitte der 1990er Jahre notwendig, einige Standards für Lehre und Anwendung festzulegen. Dies war ein Weg, der die Entwicklung von EMDR davor bewahrte, „verwässert“ zu werden, auch wenn Beobachter oder Anwender die Standards oft als bevormundend ansahen. Bei EMDR bestehen daher strenge und enge Vorgaben für die Konzeption von und die Teilnahme an Ausbildungen, aber auch für die Ausbildung von Trainern und Supervisoren. Dadurch gibt es eine vergleichsweise geringe Anzahl von Trainern und eine sehr strukturierte Ausbildung von Supervisoren und Practitionern (internationale Bezeichnung für EMDR-Therapeuten). Dies wird von Kritikern von außen und auch von den Seminarteilnehmern teilweise kritisch gesehen. Der Beweggrund für diese Standardisierungen und einen hohen Stellenwert des praktischen Teils der Ausbildung – die Teilnahme an den Theorieseminaren ist nur ein kleiner Teil neben Selbsterfahrung im Praktikum und Supervision – ist Qualitätssicherung im Sinne der „betroffenen“ Patienten und zum Schutz des „Labels“ EMDR. Dazu hatte sich Shapiro früh entschlossen. „Abgesehen von […] spielt auch das Problem der persönlichen Verantwortung des Therapeuten und Methodentreue eine wichtige Rolle.“ (Shapiro 2013a, S. 460) In einem Interview sagte sie im Jahr 2009:

„Die Kollegen fingen an, EMDR zu ,lehren‘, sobald sie aus dem Workshop kamen, oft auch Personen ohne klinischen Hintergrund, mit einer eigenen Version, ohne im Mindesten die ganzen Hintergründe zu verstehen. Daraus ergab sich, dass ich ethisch sicherstellen musste, dass die PatientInnen geschützt werden müssten. […] Wenn sie von mir ausgebildet werden wollten, mussten sie unterschreiben, dass es experimentell ist und dass sie damit nicht befugt seien, andere auszubilden, bis sie zertifiziert waren, dies zu tun.“ (Shapiro 2009).

Neben der schon erwähnten ersten regulierenden Fachgesellschaft EMD-RIA wurde 1998 die EMDR Europe Association (www.emdr-europe.org) gegründet, die aktuell in über 23 nationalen Fachgesellschafen ca. 12.000 Mitglieder vertritt. Nach und nach folgten weltweit weitere Fachgesellschaften (Südamerika, Asien, Afrika, Australien)– eine aktuelle Sammlung findet sich bei Shapiro (2013a), Hofmann (2014) oder Luber (2014) sowie für das deutschsprachige Gebiet in Kapitel 2.9.3.

Folgender Gedanke begleitete somit die Verbreitung der Methode: möglichst breit vermitteln, um viele Patienten zu erreichen, dennoch nicht nach Gießkannenprinzip ausbilden und unter strenger Kontrolle und Wahrung der inhaltlichen Standards und des wissenschaftlichen „state of the art“.

2.7 Trauma Recovery / HAP

Parallel zur inhaltlichen Verbreitung und Ausdifferenzierung, zur Forschung und zur formalen Qualitätssicherung wurde von Francine Shapiro eine Initiative von EMDR-Aktivitäten für humanitäre Hilfe gegründet. Dies geschah zunächst 1995 unter dem Namen „Humanitarian Assistance Program“ (HAP). Die damalige Geburtsstunde war die Reaktion auf das „Oklahoma City Bombing“. Ein FBI-Agent, der erfolgreich EMDR-Therapie erhalten hatte, thematisierte die Notwendigkeit einer traumaspezifischen Nachsorge für die Überlebenden und Helfer. Als spontane Reaktion stellten sich etwa 100 EMDR-Therapeuten unentgeltlich für die Durchführung von Behandlungen zur Verfügung. Die Aktivität wurde sogar evaluiert (Wilson et al. 1995). Kurz danach wurde die Organisation als Non Governmental Organization, als Verein, gegründet. Inzwischen gibt es in den USA und in Europa zahlreiche HAP-Organisationen, die weltweit Hilfe anbieten. Die westeuropäischen HAP-Organisationen gehen seit Beginn ihrer Aktivitäten (etwa ab dem Jahr 2000) schwerpunktmäßig einen anderen Weg: Der Fokus liegt nicht auf dem Bereitstellen von Therapie vor Ort im Katastrophenfall, sondern das Bemühen geht um eine nachhaltige und fundierte Ausbildung von Klinikern als Multiplikatoren in den jeweiligen Ländern, damit diese dann im eigenen Land gerüstet und vorbereitet sind. Zu diesem Zweck hat sich mit EMDR Europe HAP (www.emdr-europe.org/hap) eine eigene Dachorganisation gebildet. Ihr Ziel ist es, vielfältige, von vorrangig westeuropäischen Ländern ausgehende Aktivitäten in Europa, Asien und Afrika zu sammeln und zu bündeln. Diese werden nach wie vor von aktiven EMDR-Klinikern ehrenamtlich angeboten. Viele Projekte bieten um EMDR herum sogar ganze Ausbildungsreihen in Psychotraumatologie auf dem gleichen Niveau an, wie sie auch in den „Mutterländern“ stattfinden.

Kontinuierlich entwickeln sich in diesen ehemaligen von HAP-Projekten unterstützten Ländern, die auch Hilfe beim Aufbau ihrer eigenen Strukturen bekommen, eigenständige Landesfachgesellschaften mit eigenen Ausbildern. Dies ist neben der direkten Hilfe im Land eine sehr gute natürliche Entwicklung, die wiederum für die fundierte Entwicklung von EMDR in „neuen“ Ländern führt. Ausführungen zu potenziellen weiteren Entwicklungen im Bereich der HAP-Aktivitäten finden sich in Kapitel 6.

2.8 Der zweite Paradigmenwechsel: EMDR mit erweiterter Indikation und als Psychotherapiemethode

Nach vielen Jahren der unermüdlichen Arbeit an Beforschung, Anerkennung, Manualisierung (Luber 2009, 2010, 2014) und Standardisierung von EMDR im Bereich der posttraumatischen Syndrome erfolgte seit etwa 2005 ein zweiter Paradigmenwechsel: die Öffnung der empfohlenen Anwendungsbereiche auch über diesen klassischen Bereich hinaus.

Mit Bezug auf die bahnbrechende Langzeitstudie von Fellitti und Anda (1998) über die desaströsen Auswirkungen von belastenden Kindheitserlebnissen (ACE – adversive childhood experiences) verschiedenster Art auf das psychologische und medizinische Funktionieren der Betroffenen erschien vor Kurzem eine Metaanalyse von Francine Shapiro: „The role of EMDR Therapy in Medicine: Addressing the Psychological and Physical Symptoms Stemming from Adverse Live Experiences“ (Shapiro 2014). Die Bedeutung von EMDR in der Behandlung vielfältiger psychischer und körperlicher Beschwerden sowie in der Prävention und Rehabilitation wird in zahlreichen Studien beschrieben.

In der klinischen Praxis gibt es bereits seit fast 15 Jahren viele experimentelle Applikationen, aber auch erste kontrollierte Studien von EMDR bei den schon erwähnten komorbiden Störungen wie Ängsten etc., aber auch bei spezifischen Schmerzstörungen wie Phantomschmerz oder Migräne, ganz aktuell zu EMDR bei Psychosen u. Ä. Genaueres hierzu findet sich in den Kapiteln 6 und 7.

Es wird somit die Grundaussage des AIP-Modells bestätigt, dass alle Erinnerungen, die dysfunktional gespeichert sind, für die Betroffenen Symptome hervorrufen, die mittels EMDR anzuzielen sind. In Shapiros aktuellem, erstmals als populärwissenschaftlich zu bezeichnendem Buch „Frei werden von der Vergangenheit“ (Shapiro 2013b), das für Betroffene geschrieben ist, wird darauf deutlich Bezug genommen.

Diese Überlegungen führen zur logischen Konsequenz, EMDR über eine sehr gut wirksame Methode bei spezifischen Störungen hinaus als breitenwirksame Psychotherapiemethode anzusehen.

Das wird in den USA schon seit Längerem diskutiert und mündete in dem erwähnten Buch. In Europa begann die Diskussion 2009 mit einer „key note“–Präsentation von Shapiro beim 10. EMDR Europa Kongress in Amsterdam.

Seitdem wird unter Forschern, in den Ausbildungsinstituten und in den Fachgesellschaften systematisch diskutiert, welche tiefgehenden inhaltlichen und strukturellen Auswirkungen diese Überlegungen in eben diesen Bereichen haben, wenn EMDR auch bei zahlreichen anderen Beschwerden, die aufgrund dysfunktional gespeicherter Erinnerungen entstehen können, als Psychotherapiemethode reüssiert.

2.9 Status quo

2.9.1 Theoretische Entwicklung

Das AIP-Modell, ursprünglich aus der natürlichen Notwendigkeit erwachsen, eine theoretische Fundierung der klinischen Erfolge zu erarbeiten, hat sich eindeutig als potente Theorie erwiesen. Mehr noch: Gerade in letzter Zeit – im Zuge der Ausdehnung auf über Trauma hinausgehende Anwendungen – gibt es in Kombination mit den atemberaubenden Erkenntnissen der Neurobiologie Hinweise auf Wirkmechanismen von Psychotherapie generell (Hofmann 2014, Pagani 2012). Das zunächst pragmatisch formulierte AIP-Modell wird immer bedeutsamer und wesentlicher. Die Grundannahmen sind längst auch Ziel neurobiologischer Forschung mithilfe sogenannter bildgebender Verfahren, die Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns ermöglichen.

2.9.2 Dritter Paradigmenwechsel – klinisch und praktisch

Weltweit arbeiten derzeit ca. 100.000 Praktiker mit EMDR, etwa zwei Millionen Patienten wurden erfolgreich behandelt (Luber 2014). In den meisten europäischen Ländern gibt es wie erwähnt zertifizierte Ausbildungsinstitute und daneben als Vereine geführte Fachgesellschaften. Die Forschung boomt und derzeit wird ein dritter Paradigmenwechsel eingeläutet – erste Erkenntnisse, dass EMDR auch bei Patienten mit psychotischem Geschehen maßgebliche Wirkung bezüglich der komorbiden Traumastörungen zeigen kann (van den Berg/van der Gaag 2012, van den Berg et al. 2015).

Dies ist beachtenswert, da Psychosen bisher zumindest eine relative Kontraindikation gegen EMDR gewesen sind. In der Pilotstudie von 2012 zeigten sich eine Reduktion von Halluzinationen sowie positive Effekte auf die Angst- und Depressionssymptome und auf den Selbstwert. Die Studie von 2015 folgte einem RCT-Design und es ging um ähnliche Fragestellungen. Dennoch ist die Tür sozusagen geöffnet, auch für diagnostische Bereiche, die von der Ätiologie her bisher parallel zu Traumafolgestörungen angeordnet waren, über EMDR nachzudenken.

2.9.3 EMDR im deutschsprachigen Raum

EMDR kam Mitte der 1990er Jahre durch das Engagement von Arne Hofmann, der in Palo Alto die Methode 1991 in den Anfängen kennengelernt hatte und von Shapiros Präzision, Theoriegeleitetheit und klinischem Interesse überzeugt wurde, nach Deutschland. Hofmann war der erste von Francine Shapiro ausgebildete europäische EMDR-Trainer. In den folgenden Jahren entstand die erste traumaspezifisch arbeitende Station an der Klinik Hohe Mark in Oberursel bei Frankfurt. An der Universität Köln wurden Behandlungen von Traumafolgestörungen beforscht und parallel dazu entwickelten sich die ersten Strukturen für die EMDR-Ausbildung in Deutschland. 1998 fanden die ersten EMDR-Seminare mit Arne Hofmann in Österreich und in der Schweiz statt. 1999 wurde die deutsche Fachgesellschaft EMDRIA Deutschland (www.emdria.de) gegründet, 1998 die Fachgesellschaft EMDR Schweiz (emdr-schweiz.ch), 2003 die österreichische Fachgesellschaft EMDR Netzwerk Österreich (www.emdr-netzwerk.at). Das EMDR-Institut Deutschland (www.emdrinstitut.de), seit 1993 in Bergisch Gladbach, das EMDR-Institut Schweiz (www.iip.ch), seit 2006 in Schaffhausen mit französischsprachigem Zweig in der Romandie, und das EMDR-Institut Austria (www.emdr-institut.at), seit 2004 in Österreich, seit 2013 in Krems an der Donau, sind inzwischen seit vielen Jahren etablierte Partnerinstitute des EMDR Institute USA (www.emdr.com) von Francine Shapiro in Kalifornien. Die genannten drei deutschsprachigen Institute umfassen derzeit ca. zwölf Trainer, 90 Supervisoren, 50 ausgebildete Praktikumssupervisoren (auch „Facilitatoren“ genannt nach dem US-amerikanischen System). Etwa 1.000 Kliniker besuchen jährlich die Ausbildungen.

Insgesamt haben im deutschsprachigen Raum einige Tausend Kliniker die EMDR-Kurse besucht. 1.600 von diesen haben das von den Fachgesellschaften verliehene offizielle länderübergreifende EMDR Europa Zertifikat (www.emdr-europe.org) als EMDR „Practitioner“ erworben – davon 170 in einer Doppelzertifizierung auch für die Anwendung von EMDR im Kinder- und Jugendlichenbereich – und sich der entsprechenden Prozedere unterzogen. Daneben stehen derzeit ca. 140 Erwachsenen-Supervisoren und 40 Supervisoren für den Kinder- und Jugendlichenbereich zur Verfügung.

Neben diesen im deutschsprachigen Raum tätigen Ausbildern, die direkt mit dem EMDR Institute USA kooperieren, gibt es in Deutschland derzeit eine von der europäischen ...

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