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Traugott

Inhaltsverzeichnis
Copyright
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
DANKE
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Prolog


Der Name Traugott klingt seltsam und altmodisch. Heutzutage wird kaum noch ein Kind Traugott genannt.
Jedenfalls kenne ich persönlich außer Traugott niemanden, der so heißt. Obgleich mancher alte Vorname heute wieder sehr en vogue ist – da brauche ich nur an meine Tante Emma oder meine Freundin Florentine zu denken –, gehört der Name Traugott zu jenen Raritäten, die zwar noch im Namensverzeichnis zu finden sind, aber in der Beliebtheitsstatistik männlicher Vornamen nicht vorkommen. Weitere Träger dieses Namens konnte ich nur virtuell ausforschen. Die meisten hatten im 18. Jahrhundert gelebt.
Ich glaube, dass der Name uns deshalb so ungewöhnlich erscheint, weil Gott aus der Mode gekommen ist. Traugott ist der gleichen Ansicht, aber gerade deshalb liebt er seinen Namen. »Der Mode kann man zwar nur schwer entkommen, aber man kann ruhig auch gegen den Strich bürsten«, behauptete er einmal schmunzelnd. »Außerdem vergisst man meinen Namen nicht so schnell: Man hat ein passendes Thema für Smalltalk und man braucht ihn nicht zu buchstabieren!«
Der Name begleitet einen ein Leben lang und Traugott ist sogar davon überzeugt, dass sein Name ihn wie ein Schutzwall umgibt. Er bedeutet nichts weniger als: Vertraue in Gott. Seine Eltern legten ihm einen wegweisenden Wunsch mit in die Wiege: Vertraue! Und wenn ein Mensch diese Qualität im Laufe der Jahre ganz verinnerlicht, um in weniger guten Zeiten daraus Kraft und Energie zu schöpfen, ist dies doch das Wertvollste, das man seinem Kind mitgeben kann!
Wer könnte das besser erzählen, als jemand, der schon ziemlich lange damit lebt? Somit ist Traugott von klein an Träger einer ganz bestimmten Vorstellung von sich selbst und von Möglichkeiten, die ihm sein Name zuschreibt. Traugott – nomen est omen – vertraut dem Leben. Er ist überzeugt davon, dass alles, was das Leben einem offenbart, aus einem ganz bestimmten Grund geschieht ‒ auch wenn man diesen anfangs noch nicht erkennen kann. Er glaubt daran, dass jede Begegnung eine geheime Verabredung der Seele ist, in die wir nur nicht bewusst eingeweiht wurden, und dass jeder Mensch bei der Geburt sein persönliches Rüstzeug mitbringt, damit er alle Herausforderungen meistern kann, die das Leben für ihn bereithält.
Traugott hat noch nie mit seinem Schicksal gehadert. Er ist überzeugt davon, dass Gott viele Geschenke macht. Einige davon verpackt er in Probleme, andere in kleine und wiederum andere auch in große Herausforderungen. Meist finden wir die Verpackung schauderhaft und wollen das Geschenk nicht annehmen. Je mehr wir jedoch das Geschenk zurückweisen, desto öfter wird es uns in einer noch schrecklicheren Verpackung erneut zugestellt. Wir wollen die versteckte Botschaft dahinter nicht erkennen. Etwas nicht zu bekommen, obwohl man es so sehnlichst wünscht, erweist sich oftmals als wahrer Segen. Meistens verstehen wir das jedoch erst sehr viel später. Das Leben nimmt manchmal unüberschaubare Wendungen, aber hinterher ergibt alles irgendwie einen Sinn. Es fügt sich alles zusammen und man kann den roten Faden, mit dem die eigene Geschichte zusammengenäht ist, erkennen – sofern man nach Erkenntnis strebt. Man wächst mit jeder Herausforderung und Leid geht Hand in Hand mit einer Verfeinerung der Seele.
Und natürlich hat sein Name auch sein Leben bestimmt!
Traugott ist stolz, so zu heißen, und ich bin stolz, Traugotts Freundin zu sein, denn so außergewöhnlich wie sein Name, so außergewöhnlich ist auch er.
Mir wäre eine Welt mit Gott auch lieber als eine ohne Gott. Es wäre mir wohler bei dem Gedanken, dass es einen großen universellen Plan gibt, der die Frage nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum beantwortet und dem Leben letztendlich einen Sinn verleiht, auch wenn ich ihn nicht durchschaue.
Mir wäre wohler bei dem Gedanken, dass es nicht nur um dieses Leben geht, sondern um unendlich viele, denn dann wäre die Ungerechtigkeit, die auf der Welt herrscht, nur eine scheinbare und wir könnten sie besser ertragen. Was verleitet uns im Grunde dazu anzunehmen, dass der Tod das Ende unserer Existenz ist?
Wir alle haben keine Antworten und wir kennen die Wahrheit nicht. Wenn wir über Gott nachdenken, kommen wir nur bis zu einem gewissen Punkt. Und dieser Punkt ist immer nur ein Reflexionspunkt oder ein Standpunkt, jeweils mit einem Fragezeichen. Aber niemand kommt an Gott vorbei – weder diejenigen, die Gott nur als Lückenbüßer sehen für Fragen, die sie selbst nicht beantworten können, noch diejenigen, die nicht an ihn glauben, denn die machen sich Gedanken darüber, warum sie nicht an ihn glauben können oder wollen. Kein Agnostiker ist über jeden Zweifel erhaben und auch der Atheismus beruht letztendlich nur auf Spekulation.
Absolute Überzeugungen machen die Welt geordneter und übersichtlicher. Sie geben Sicherheit – wenngleich eine scheinbare. Sie sind bequem, aber sie verhindern auch die Wachsamkeit und Empfänglichkeit für andere oder neue Sichtweisen.
Unsere unverrückbaren Gewissheiten halten so oder so nie Stand, wenn wir uns die Mühe machen würden, über sie hinauszusehen. Wir rücken uns die Wirklichkeit mit unseren Überzeugungen zurecht. Es ist einfacher zu beschließen, dass das Unbegreifliche einfach nicht existiert, und nicht darüber nachzudenken, wie wenig wir eigentlich wissen. In den dunkelsten Stunden hoffen allerdings sogar die Ungläubigsten auf Wunder und sind bereit, ihre Ansichten ins Wanken zu bringen oder sogar über Bord zu werfen. Die Frage ist nicht, ob es im Universum etwas gibt, das größer ist als wir es sind, sondern was das für uns bedeuten würde!
Gott ist das Unbegreifliche. Glaube ist Unsicherheit.
Vertrauen ist immer ein Wagnis, weil man sich ins Unbekannte aufmacht und Zweifel und Angst immerzu hinter jeder Biegung lauern. Traugott lehrte mich, neugierig und achtsam zu bleiben, damit ich eines Tages möglichenfalls erahne, wie alles zusammenhängt, und – was noch viel wichtiger ist – damit ich jeden Tag mit einer Spur mehr Bewusstheit und Dankbarkeit das Licht lösche und schlafen gehe als noch am Abend zuvor. Er lehrte mich auch, dass die kleinen Dinge die besonderen Dinge im Leben sind und dass jeder Tag mehr als genug davon für uns bereithält, wenn man nur ein offenes Herz und einen wachen Blick dafür hat.
Ich bin dankbar, Traugott getroffen zu haben. Und eines kann ich mit absoluter Bestimmtheit sagen: Traugott ist weder seltsam noch altmodisch. Er ist ungewöhnlich, aber das sind wir seiner Meinung nach alle. Ungewöhnlich im Sinn von besonders und einzigartig.

Kapitel 1


Nico ist zu einem Piratenfest eingeladen. Mit einem schwarzen Kohlestift male ich ihm Bartstoppeln auf Wangen und Kinn, binde ihm eine schwarze Augenklappe und ein rotes Kopftuch um und schneide Fransen in seine alte Jeans. Er schnappt sich sein Plastikschwert, tritt damit vor den Spiegel und fragt sichtlich zufrieden:
»Schau ich zum Fürchten aus, Mama?«
»Wenn ich nicht wüsste, dass du es bist, würde ich aus Angst weglaufen«, sage in einem sehr ernsten Ton.
Er schlingt seine Arme um meinen Hals und lacht. Seine Aufgeregtheit und Lebensfreude sind Glück pur. Schnappschuss. Glück pur, kurz festgehalten. Mein Herz fließt über. Ich mache noch ein paar Fotos von ihm in verschiedenen Kampfstellungen, die wir uns am Computer ansehen, und wünschte, Simon wäre jetzt da. Die Einsamkeit wird einem am meisten bewusst, wenn man einzigartige Momente wie diese nicht mit jemandem teilen kann.
Wir ziehen uns an. Draußen ist es merklich kühler geworden, fast zu kalt für September. Ich suche noch einmal die Hausnummer heraus und fahre Nico zum Piratenfest. Am Haustor hängen bunte Luftballons. Er springt aus dem Auto und läutet. Ich warte, bis ihm das Tor geöffnet wird. Nico dreht sich noch einmal kurz um, lacht und winkt. Und dann ist er in sein Vergnügen entschwunden. Er ist gerade einmal acht Jahre alt und ich empfinde wieder einen dieser kurzen Momente der Rührung und tiefen Dankbarkeit.
Ich notiere in mein Notizbuch: Es wäre gut, allmählich wieder in meine Mitte zu kommen und Verantwortung zu übernehmen. Für uns beide. Bevor ich es zuklappe, lese ich Haarshampoo und deshalb halte ich noch schnell am Supermarkt. Ich habe vier Stunden nur für mich, bevor ich Nico wieder abholen soll.

***

Drei Wochen sind seit unserer Trennung vergangen. Manchmal ändert sich das Leben von einem Moment zum anderen. Er sagte, er habe Angst vor dem Leben, das er nicht lebte. Er litt an der Trivialität seines Lebens und es war das ungelebte Leben, das ihm waghalsiger, aufregender, inspirierender und bunter erschien. Er wollte etwas Neues, etwas Kühnes, etwas Unverbrauchtes. Er fürchtete, etwas zu versäumen im Wetteifer nach Vergnügen, und er wollte die Freiheit, seine neue Liebe zu genießen.
Ich hätte gerne die Zeit zurückgedreht bis zu dem Wendepunkt, an dem sich die Inseln des Schweigens zu bilden begonnen hatten. An diesem Punkt hätte ich vielleicht noch etwas ändern können. Im Laufe der letzten Monate baute sich zwischen uns eine Fremdheit auf, die erdrückend war und die sein zunehmendes Desinteresse bekundete. Es hilft nicht, in Krisenzeiten die ganz normale Alltagsroutine weiterlaufen zu lassen. Es kommt der Tag, da genügt ein Wort und man ist mit dem konfrontiert, was man schon die ganze Zeit gewusst und betulich im Innersten zu verdrängen versucht hat. Wenn wir heutzutage unsere Erwartungen an unsere Beziehung nicht erfüllt sehen, so scheint es, versuchen wir es einfach mit einer neuen. Beziehungen scheitern, weil das Verhältnis zu alltäglich geworden ist. Die rauschhafte Unbedingtheit und die Euphorie der ersten Jahre sind verschwunden und leise schleichend in eine andere Form der Zweisamkeit übergegangen.
Wenn wir uns auf serielle Lebensbündnisse mit beschränkter Haftung einlassen, ist dies eine Möglichkeit, die Unbeschwertheit der ersten Zeit immer wieder neu zu erleben, ohne dass sich Gewohnheit einschleichen kann.
Nachdem man auch in der Schule nichts über die Liebe gelernt hat, geht man ins Kino und gibt sich dem süßlichen Schwindel hin, romantisch und leidenschaftlich lieben zu müssen. Bedeutet Gewohnheit zwangsläufig irgendwann das Ende einer Beziehung? Verhindert sie anhaltende, tiefe Liebe im Alltag oder fehlt es uns letztendlich nur an Dankbarkeit und Wertschätzung für den anderen?
Er ging. Einfach so. Lautlos. Ein Glas fällt zu Boden und zerbricht. Zurück bleiben Scherben. So fühlt es sich also an, wenn man den Boden unter den Füßen verliert. Zur maßlosen Enttäuschung gesellte sich eine tiefe Sehnsucht und beides mündete mit den Tagen in eine traurige Ermattung, die fast schon an Bedürftigkeit grenzte. Die Sehnsucht klebte bereits am ersten Abend in meinem Schlafzimmer. Sie verbreitete sich in der gesamten Wohnung und krallte sich fest, saß an den Wänden fest und lauerte überall. Sie tropfte sogar aus der Espressomaschine, der Kaffee schmeckte bitter.
Wenn man einen Menschen verliert, verliert man ihn nach und nach, zu so vielen verschiedenen Zeitpunkten, an so vielen Orten, bei so vielen Tätigkeiten. Jede noch so banale Alltagstätigkeit erinnert mich an ihn und jetzt, wo er nicht mehr da ist, ist er immer präsent. Noch immer kann ich keinen klaren Gedanken fassen, sie drehen sich immer nur im Kreis und beinhalten immer einen Konjunktiv: könnte, hätte, würde, wäre.
Nico hat in diesem Monat nur wenige Male nach ihm gefragt. In seiner Anwesenheit reiße ich mich zusammen und versuche, meinen Kummer zu verbergen. Ich habe ihm gesagt, sein Vater sei vorübergehend nicht da und müsse zurzeit sehr viel arbeiten. Es war dumm, aber mir ist nichts Besseres eingefallen. Tatsächlich hoffe ich ja auch insgeheim, dass sich zwischen uns nur eine Kette von Missverständnissen aufgebaut hat und sich die Klammer unserer Trennung wieder schließen wird. Aber die Wahrheit ist: Ich bin zu feige. Für die Wahrheit braucht man Mut. Wenn man sie in einer anderen Form präsentiert, ist sie vielleicht weniger schmerzhaft.
Kindern kann man aber nichts vormachen. Sie beobachten alles und tief im Inneren wissen sie alles, auch wenn sie es erst viel später mit dem Verstand begreifen. Sie haben Sensoren für jede Ungereimtheit und jede noch so geringfügige Unstimmigkeit. Er hat nicht nachgebohrt, möglicherweise auch aus Angst vor der Antwort. Vielleicht ist der Schmerz leichter zu ertragen, wenn man ihm nicht direkt in die Augen sieht. Wieder zu Hause, beschließe ich, mir einen Kaffee zu machen, pendle dabei meine innere Anspannung aus, indem ich mich abwechselnd auf das rechte und das linke Bein stelle. Diese wippende Bewegung sieht vollkommen lächerlich aus und ich bin froh, dass mir niemand zusieht. Der Kaffee schmeckt wieder bitter, auch im Nachgeschmack.
Mir rinnen die Tränen herunter. Ich setze mich auf das Sofa und warte. Ich warte auf etwas ‒ ohne zu wissen worauf. Dabei bade ich förmlich in Selbstmitleid und drohe darin zu ertrinken. Jegliche Dynamik ist mir abhandengekommen. Ich bin müde, unendlich müde vom Weinen und von der Sehnsucht und müde, weil ich in dem Bett, das mir so weit und leer vorkommt, nicht mehr schlafen kann. Ich sehne mich nach einem tiefen, traumlosen Schlaf, weil nur der Schlaf die Seele vor der Verzweiflung rettet.
Zurückweisungen sind schwer annehmbar. Es ist, als würde ich aus der Welt hinausfallen oder als wäre ich von der Liebe und allen anderen Menschen getrennt. Ich fühle mich seltsam fehl am Platz. Die Welt fühlt sich so fremd und unnahbar an, als wäre ich zufällig hier gelandet und würde nicht dazugehören. Hinzu kommt ein schier unstillbares Verlangen nach Anerkennung und nach Bestätigung der eigenen Wichtigkeit. Das Schlimmste an der Trennung ist die Gewissheit, dass er jetzt ohne mich lacht, dass er ohne mich fröhlich ist und dass ihn mein Kummer nicht im Geringsten berührt. Er, der mein engster Vertrauter war.
Für einen Moment will ich wieder Kind sein und meine Sorgen einfach der Fürsorge eines Erwachsenen übergeben, der es besser versteht, damit umzugehen, jemandem, der ein Pflaster auf die Wunde klebt, mich in den Arm nimmt und mir glaubhaft versichert, dass alles bald wieder gut ist.
Ich habe Sehnsucht nach der Zeit, in der das Leben nur Gegenwart oder Zukunft war, in der die Worte Vergänglichkeit und Erinnerung keine Bedeutung hatten. Ich habe Sehnsucht nach der Zeit, in der die Liebe nicht mit Leid einherging und ich Verlust noch nicht kannte. Ich wünsche mir auch, es wäre jemand da, der mir hilft, mich außerhalb der Zeit zu bewegen, die angeblich die Wunden heilt. In mein Notizbuch schreibe ich: »Ist der Schmerz über den Verlust des Geliebten überhaupt heilbar? Bin ich heilbar? Kann ich der Liebe ein weiteres Mal vertrauen? Wird es ein weiteres Mal geben?«
Ich brauche frische Luft! Ich öffne das Fenster und lehne mich hinaus. Es ist herbstlich. Der Himmel ist gnädig, passt seine Farbe meiner Stimmung an: Herbstnebel-Anthrazit. Mein Bein beginnt zu zappeln.
»Nebel ergibt rückwärts gelesen Leben«, denke ich. »So wie dieser Tag hat mein Leben an Klarheit und Kontur verloren, ist herbstzeitlos.«
Ich könnte spazieren gehen, mich unter Menschen wagen, meine Freundin anrufen und ihre Ausdauer strapazieren, indem ich zum wiederholten Male mein Drama vor ihr ausbreite, obwohl die Handlung und die Akteure dieselben sind und das Ende noch offen ist. So wie in den letzten drei Wochen, die ich mit sinnloser Betriebsamkeit füllte, um meine innere Leere zu kompensieren, ständig auf der Suche nach Menschen, die mir helfen sollten, mir selbst zu entrinnen. Ich brauche Ablenkung von mir selbst und meinen Gedanken, weiß aber gleichzeitig, dass ich sie überallhin mitnehme. Wenigstens eine kurze Pause könnten sie mir doch gönnen und nicht ununterbrochen meinen Kopf belagern. Einsamkeit lässt sich nicht so einfach beseitigen. Sehnsucht auch nicht.
Während ich unentschlossen aus dem Fenster starre, fällt mir ein, woran mich diese Situation erinnert. Es ist wie ein Déjà-vu! Und dann – zum ersten Mal seit diesen letzten paar Wochen – empfinde ich ein Gefühl der Freude und der Erleichterung.
»Traugott!«, rufe ich laut aus, so laut, dass drei Passanten auf der anderen Straßenseite neugierig zu mir hinaufsehen und sich dann schnell wieder abwenden, eifrig miteinander flüsternd. Ich muss Traugotts Notizen finden, fein säuberlich für mich niedergeschrieben auf pastellfarbenem Papier!
Es ist schon Jahre her, dass ich sie zuletzt in Händen hielt, und noch viel länger, dass ich Traugott das letzte Mal sah. Ein frischer Lufthauch bläst die ersten Blätter von den Bäumen und ich spüre, wie einzelne Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf lösen, zärtlich über mein Gesicht streichen. Und während ich den Passanten nachsehe, die sich noch einmal kurz nach mir umdrehen, und das Fenster wieder schließe, kann ich endlich meinen Kopf für Erinnerungen frei machen, die heilsamer sind als das übliche Gedankenkarussell.
»Traugott«, seufze ich erleichtert. »Wie es ihm wohl gehen mag?«
Aufgeregt taste ich im hintersten Winkel meines Kleiderschranks nach der beigen Schachtel, in der ich ein paar Erinnerungen aufbewahrt habe. Sie duftet nach Lavendel. Die Notizen sind alle handgeschrieben, sorgfältig eingeklebt in ein fadengebundenes Notizbuch mit festem Einband aus cremefarbenem Leinen, dunkelbraun verstärkten Ecken und einem roten Lesebändchen. Es enthält eine willkürliche Sammlung dessen, was Traugott damals wichtig für mich erschien und das einer von uns beiden später für wert erachtet hat aufzuschreiben. Traugott sammelte einige Notizen auch auf seiner Wortewand. Ich knie vor der offenen Schachtel und beginne zu lesen:

1. Notiz
Es gibt nur die Gegenwart. Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern und die Zukunft steht noch nicht fest. Alles was ist, ist jetzt. Sei zufrieden mit dem Jetzt, so wie es ist. Denn jetzt ist alles, wie es ist, und jetzt lässt sich jetzt nicht ändern, denn es ist ja.
Du hast immer die Wahl. Es bedarf keines bestimmten Grundes, um Freude zu empfinden. Man muss es nur entscheiden.

Ich kann mir jetzt gerade nicht vorstellen, mich zu entscheiden, bedingungslos Freude zu empfinden.
»Ich wäre schon bereit, mich dafür zu entscheiden, glücklich zu sein – vorausgesetzt, Simon kommt zurück und bittet mich in einem Meer aus Blumen um Verzeihung«, sage ich ins Leere, als ob Traugott vor mir stünde.
Ich könnte wieder losheulen. Schon wieder ein Satz mit einem Konjunktiv.
»Ach Traugott, wie schwierig das doch ist, wie gerne wäre ich jetzt ein bisschen wie du!« Ich blättere die Seite um.

2. Notiz
Niemand außer dir ist für dein Glück verantwortlich. Wenn du dein Lebensglück anderen aushändigst, machst du dich abhängig.
Abhängig zu sein heißt gefangen zu sein, gefangen von den Gedanken, Gefühlen, Worten und Taten eines anderen. Das kann nicht Ziel deines Lebens sein, denn Gott hat dir Freiheit geschenkt. Mach niemals dein Glück von Entscheidungen anderer abhängig, denn dann bist du nicht frei.
Wenn du dich selbst nicht liebst, bist du auf die Liebe anderer angewiesen. Wenn diese Liebe dann einmal ausbleibt, fällst du in ein Loch und niemand ist da, der dich auffängt. Wenn du aber dich selbst liebst, ist immer jemand da, der dich liebt. Nämlich du. Andernfalls bist du wie ein Fähnchen im Wind, welches dorthin weht, wohin andere es pusten.
Wo bleibt deine Standfestigkeit? Du hast zwei Beine, benutze sie um fest auf dem Boden zu stehen!
Wenn jemand gut zu dir ist, fühlst du dich gut. Und wenn jemand schlecht zu dir ist, fühlst du dich schlecht. Dann lebst du und verhältst dich so, als hättest du kein Anrecht auf den Platz, den du in dieser Welt beanspruchst. Und dann hast du Angst vor dem Alleinsein.
Du bist abhängig von der Zuneigung, der Wertschätzung, ja schon von der Anwesenheit anderer. Es ist ganz klar: Wenn du für dich selbst nicht da bist und alleine bist, bist du einsam. Das ist der Unterschied zwischen alleine und einsam sein.
Ein Mensch, der sich selbst liebt und anerkennt, ist niemals einsam. Er ist allein mit sich, aber er fühlt sich nicht getrennt vom Rest der Welt. Nur wer alleine sein kann, ohne sich einsam zu fühlen, ist wirklich frei. Ohne Selbstliebe kannst du im Leben nicht bestehen. Liebe dich selbst wie deinen Nächsten, heißt es, dann wird alles gut. Du bist für dich verantwortlich und diese Verantwortung kannst du nicht abgeben. Sei gut zu dir und es wird dir schlagartig gut gehen.

Als ich ein kleines Mädchen war, hat Traugott begonnen, meine Welt zu verändern. Das war an einem Tag im Mai, ein paar Wochen vor meinem 10. Geburtstag. Er schien wie jeder andere Tag zu sein. Auch damals wartete ich darauf, dass jemand, den ich sehr liebte, zu mir nach Hause zurückkam.
Ganz allmählich kehren die Erinnerungen an diese Begegnung zurück und mit ihnen, ganz zögerlich, ein dünner Hauch von dem Schwung, den ich in den letzten Wochen verloren habe.

***

Kapitel 2


Ich heiße Theo. Mit der heutigen Distanz I kann ich sagen, dass auch mein Name fürwahr nicht modern ist, denn eigentlich heiße ich Matthea, aber alle nannten mich von klein an Theo. Ich sah mit meinen schulterlangen blonden Haaren zwar aus wie ein Mädchen, trug aber ausschließlich Hosen, spielte gerne Fußball und war lieber mit den Jungs aus meiner Klasse zusammen. Am liebsten trug ich knielange Shorts, was bei meiner Mutter, die mich gerne in kurzen Kleidern gesehen hätte, manchmal auf Widerstand stieß.
Meine Mutter und ich wohnten erst ein paar Monate in einer kleinen alten Straße mit Kopfsteinpflaster in der Nähe des Münzamts. Die Straße war schmal. Die Häuser waren nicht höher als vier oder fünf Stockwerke. Jedes hatte eine andersfarbige Fassade in zarten, unauffälligen Pastelltönen.
Es gab nur ganz wenige Wohnhäuser, einen Blumenladen, einen Buchladen und ein kleines Restaurant. Meine Mama sagte oft: »Es ist ein Segen, dass wir hier wohnen. Hier ist es ruhig und sicher und alle Menschen, die hier wohnen, sind freundlich.«
In unserer Straße war die Welt in Ordnung. Sie sagte, unsere Straße strahle solch eine Beschaulichkeit aus, dass man meinen könne, alle Menschen hier seien mit der Welt einverstanden.
Vom Fenster meines Zimmers aus sah man seitlich auf Camilles Blumenladen. La vie en rose hieß ihr Geschäft und der Schriftzug leuchtete rosa in der Nacht.
»Wenn Freude eine Farbe wäre, wäre sie rosa«, sagte meine Mutter oft. »Versuche rosa zu denken, wenn du traurig bist, oder male ein Unglück in Rosa aus, dann bist du gleich viel weniger unglücklich.«
Meine Lieblingsfarbe war Blau. Zu einer meiner schönsten Erinnerungen gehörte der Anblick des hell- und dunkeltürkisblauen Meers unter einem nie enden wollenden klaren, blauen Sommerhimmel. Wir befanden uns im Landeanflug auf Marseille, als ich, zwischen meiner Mutter und meiner Omi sitzend, zum ersten Mal das Meer sah und dreiundzwanzig verschiedene Blautöne zählte. Ich fand fast alles schön, was blau war. Keine andere Farbe war so vielfältig. Zu gerne hätte ich gewusst, wie viele verschiedene Blautöne es auf der Welt gab. Ich glaube, ich habe noch nie zwei absolut gleiche Blaus gesehen. Sogar zwei Glockenblumen waren beim genaueren Betrachten nicht gleich blau.
Jeden Morgen sperrte Camille um halb acht ihr Blumengeschäft auf und gleich darauf stellte sie die Töpfe mit Margeriten, Lavendel, Azaleen und Rosen auf bunte Metalltische mit geschwungenen Beinen rund um ihr Geschäft. Wenn es draußen warm war, verlegte sie ihren halben Blumenladen nach draußen. Im Frühling verwandelte sich der Gehsteig rund um ihr Geschäft in einen bunten Blumengarten. Meine Mutter schaute oft verzückt nach unten und sagte: »Der Gehsteig sieht aus wie gemalt, wenn man vom Fenster hier oben hinuntersieht. Und wenn man erst in Camilles Laden steht, hat man das Gefühl, als ob man in eins von Monets Gartenbilder eingetreten ist.« Ich wollte damals sehr gerne einmal nach Paris fliegen, ich wollte den Eiffelturm sehen und auch die Blumenbilder von Monet.
Camille hatte am Morgen meist dunkelgrüne Gummistiefel mit aufgedruckten Gänseblümchen an und trug dazu manchmal ein grün-weiß getupftes Kleid und Gartenhandschuhe, sodass sie fast zur Gänze in den Blumen verschwand. Wenn sie sich bückte, um die Zinkeimer für die Schnittblumen mit Wasser zu füllen, war sie inmitten ihres Blumenmeeres kaum zu erkennen.
Camille klemmte die Strähnen, die sich aus ihrem Haarknoten lösten, immer mit derselben anmutigen Geste hinters Ohr. Meine Mutter bemerkte, dass sie eine selbstverständliche Zufriedenheit ausstrahlte, die auffällig war, weil sie so beständig war. Ihr Gang war leicht und schwerelos. Sie sah aus, als ob sie schweben würde und die Schwerkraft überwunden hätte. Das war der flüchtige Eindruck, den wir damals von Camille hatten.
Neben dem La vie en rose gab es ein kleines Restaurant, das den Namen Unter uns trug. Aber es hieß nicht nur so ‒ Unter uns ‒, sondern es war auch unter uns. Von unserem Fenster sahen wir genau darauf hinunter. Camille saß auch manchmal in der Früh unter der himmelblauen Markise, trank einen Kaffee, las eine Zeitung und winkte uns fröhlich zu, sobald wir aus dem Haus gingen. An den Wochenenden konnte man beobachten, wie sie die Waldreben und Kletterrosen schnitt, die in Rosa und Lila an der Hausmauer emporwuchsen. Ich liebte das Haus mit dem Restaurant sehr, denn überall, wohin ich schaute, wuchsen wundervolle bunte Blumen.
Das Unter uns war tagsüber ein ganz normales Café mit einer kleinen, länglichen Theke und wenigen Tischen. Ab 18 Uhr verwandelte es sich in ein kleines Restaurant. Mit den Tischdecken aus Baumwolle mit flieder-weißem Karomuster, weißen Stoffservietten und einer Kerze auf jedem Tisch sah das Restaurant abends völlig anders aus. Es war zwar sehr klein – nicht viel größer als ein etwas größeres Wohnzimmer –, aber irgendwie fand man doch immer einen Platz. Notfalls mussten alle zusammenrücken. Wenn kein Tisch mehr frei war, setzte Frédéric, der Restaurantbesitzer, einen einfach an einen nicht voll besetzten Tisch dazu.
Ab und zu gingen meine Mutter und ich dort abends Crêpes essen. Ich liebte es, mit meiner Mama dort zu essen. Dort konnten wir so schön zusammen sein.
Nicht weit vom Restaurant an der Kreuzung gab es noch eine Buchhandlung. Dort sah man nie sehr viele Kunden. Der Laden war nicht besonders groß und wahrscheinlich war die Auswahl an Büchern ebenfalls überschaubar. Über dem Buchladen hing ein Schild, auf dem in dunkelgrünen Buchstaben der Name TRAUGOTT zu lesen war.
Bis zu jenem Tag im Mai war ich noch nie drinnen gewesen, ich bin immer nur daran vorbeigegangen. Im Geschäft saß meistens ein junger Mann, von dem ich annahm, dass er Traugott hieß, und der vorwiegend las. Wenn ich vorbeiging und er gerade zufällig zu mir hersah, winkte ich ihm immer zu und er winkte zurück. Oft habe ich mir gedacht, dass es doch bestimmt sehr langweilig sei, den ganzen Tag in dem kleinen Laden verbringen zu müssen und zu warten, zumal nicht gerade viele Menschen den Weg hineinfanden. Aber durch die Fensterscheibe machte Traugott stets einen fröhlichen Eindruck. Wenn er mir winkte, lächelte er, sodass man seine Zähne blitzen sah.
»Ein Lächeln ist ein Geschenk der Liebe, das dich gleich in eine höhere Schwingung bringt«, hat er später einmal zu mir gesagt.

Kapitel 3


Meine Mutter hatte mich an jenem Tag in der Früh zur Schule gebracht. Wir fuhren täglich gegen halb acht los, meist dann, wenn Camille die Blumen auf den Gehsteig stellte. An diesem Tag waren wir jedoch früher dran, die Glocken der Jesuitenkirche läuteten sieben Uhr. Camille zog gerade die Jalousien vor dem Schaufenster hoch. Ich erinnere mich noch gut daran. Meine Mama war ziemlich hektisch an diesem Morgen.
Täglich brachte sie mich mit dem Auto zur Schule, da sie normalerweise von dort aus direkt weiter zur Arbeit fuhr. Eigentlich wäre ich damals schon viel lieber alleine zur Schule gegangen. Immerhin ging ich schon in die vierte Klasse Volksschule. Schließlich durften die meisten meiner Freunde auch bereits ohne Begleitung zur Schule. Meine Mutter entschuldigte ihre Fürsorge immer damit, dass der Großteil meiner Mitschüler einen viel kürzeren Schulweg hätten und nicht U-Bahn fahren müssten.
Als wir mit dem Auto aus unserer Straße bogen, vorbei am Buchladen, sah ich, dass Traugott da war. Normalerweise sperrte der Buchladen viel später auf. Ich winkte ihm zu und er winkte zurück. Dabei lächelte er wieder. Es war eigenartig.

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