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Trauer ist das Ding mit Federn

Über das Buch

Eine junge Frau ist gestorben. Ihre Kinder, zwei kleine Jungen, und ihr Mann sind noch betäubt vom Schock, haben haufenweise Beileidsbekundungen und Lasagne zum Aufwärmen entgegengenommen, die notwendigen Dinge organisiert, und nun setzt die unerträgliche Leere ein. Da klingelt es an der Tür. Totenschwarz und gefiedert bricht es herein, packt den Vater und verkündet: »Ich gehe erst wieder, wenn du mich nicht mehr brauchst.« Die überlebensgroße Krähe nistet sich rücksichtslos in der Familie ein, mischt überall mit, meldet sich mit drastischem Witz zu Wort und wird dabei fast unmerklich zu einer Art subversivem Therapeuten der Familie, eine herrlich anarchische Mary Poppins. Max Porter ist ein bildmächtiges, wildes Buch über die Trauer gelungen.

MAX PORTER

Trauer ist das Ding
mit Federn

Aus dem Englischen von
Uda Strätling und Matthias Göritz

Hanser Berlin

Motto

JUNGS

Auf meinem Kopfkissen liegt eine Feder.

Kissen sind aus Federn, schlaf jetzt.

Es ist eine große, schwarze Feder.

Dann komm zu mir ins Bett.

Auf deinem Kissen liegt auch eine Feder.

Dann lassen wir die Federn eben Federn sein und schlafen auf dem Boden.

DAD

Vier, fünf Tage nach ihrem Tod saß ich allein im Wohnzimmer und wusste nicht weiter. Kam nicht zur Ruhe, wartete. Auf ein Abklingen des Schocks, das Aufkommen eines kohärenten Gefühls in der organisatorischen Mogelei dieser Tage. Ich fühlte mich ausgeblutet. Die Kinder schliefen. Ich trank. Ich rauchte am Fenster Selbstgedrehte. Dass sie nicht mehr da war, dachte ich, würde vor allem heißen, dass ich von jetzt an zum ständigen Organisator würde, buchführender Makler von Dankbarkeitsphrasen, mechanischer Planer der Abläufe von kleinen Kindern ohne Mum. Trauer war wie vierte Dimension, abstrakt, vage bekannt. Mir war kalt.

Freunde und Verwandte, die sich Zeit genommen und uns beigestanden hatten, waren zu ihren eigenen Leben heimgekehrt. Kaum waren die Kinder im Bett, wurde die Wohnung bedeutungslos, bewegte sich nichts.

Es schellte, und ich machte mich auf weitere Hilfsbereitschaft gefasst. Weitere Lasagne, weitere Bücher, eine Umarmung, ein paar vorgekochte Kinderportionen für die Jungs. Allmählich war ich Experte für Verhalten im Trauerfeld. Im Epizentrum zu sitzen erlaubt ein merkwürdig gesteigertes anthropologisches Bewusstsein für andere: die Überwältigten, die Unsensiblen, die Weg- und die Ewigbleiber, die neuen besten Freunde von ihr, von mir, von den Jungs. Die, von denen ich immer noch keinen Schimmer habe, wer sie waren. Ich kam mir vor wie die Erde auf diesem unglaublichen Foto: ein Planet mit einem fetten Ring Weltraumschrott. Es würden womöglich Jahre vergehen, bis die zum String-Traum verhedderten Beileidsbekundungen anderer zum Tod meiner Frau sich so weit lichteten, dass ich wieder ein bisschen schwarzen Raum sehen könnte. Und natürlich – keine Frage – bereiteten mir derlei Gedanken auch Schuldgefühle. Aber, kam ich mir gedanklich zu Hilfe, jetzt ist eben alles anders, sie ist fort, und ich kann denken, was ich will. Sie würde das begrüßen, schließlich waren wir immer überanalytisch gewesen, zynisch, Verräter wahrscheinlich, ratlos. Gemeine, wohlmeinende Nach-Party-Manöverkritiker. Heuchler. Freunde.

Es schellte wieder.

Ich stieg die mit Teppichboden belegte Treppe hinunter in die kalte Diele und machte die Haustür auf.

Keine Straßenlaternen, keine Mülltonnen oder Pflastersteine. Keine Gestalt, kein Licht, überhaupt nichts Geformtes, bloß ein Gestank.

Es gab einen Knall und ein Wuussch, und ich flog röchelnd über die Schwelle zurück. In der Diele war es pechschwarz und eiskalt, und ich dachte: Was ist das nur für eine Welt, dass ich heute auch noch in meinem eigenen Haus überfallen werde? Dann dachte ich: Aber ehrlich gesagt, was soll’s? Ich dachte: Weck nur bitte die Jungs nicht, sie brauchen ihren Schlaf. Ich gebe dir jeden letzten Penny, solange du nur die Jungs nicht weckst.

Ich schlug die Augen auf, aber es war immer noch dunkel, und alles war ein einziges Knistern und Rascheln.

Federn.

Ein starker Verwesungsgeruch strömte herein, der süßlich-modrige Muff gerade nicht mehr genießbarer Lebensmittel, von Moos und Leder und Hefe.

Federn zwischen den Fingern, in den Augen, im Mund, eine fedrige Hängematte unterm Hintern, der jetzt dreißig Zentimeter über den Fliesen hing.

Ein blankes, nachtschwarzes Auge so groß wie mein Gesicht, träge blinzelnd in einer ledrig gerunzelten Höhle, vorquellend aus einem fußballgroßen Hoden.

SCHHHHHHHHHHHHH.

schhhhhhhh.

Und er sagte Folgendes:

Ich gehe erst wieder, wenn du mich nicht mehr brauchst.

Lass mich runter, sagte ich.

Sag erst hallo.

Lass. Mich. Runter, krächzte ich, und meine Pisse

wärmte die Wiege seines Flügels.

Du hast Angst. Sag einfach hallo.

Hallo.

Sag es richtig.

Ich gab auf, ließ mich fallen und wünschte, meine Frau wäre nicht tot. Wünschte, ich läge nicht panisch in einer Riesenvogelumarmung in meiner Diele. Wünschte, ich wäre zum Zeitpunkt der größten Tragödie meines Lebens nicht gerade von diesem Ding besessen. Das waren handfeste Sehnsüchte. Es war bitterlich wunderbar. Ich hatte mehr Klarheit.

Hallo Krähe, sagte ich. Schön, dich endlich kennenzulernen.

*

Dann war er weg.

Zum ersten Mal seit Tagen konnte ich schlafen. Ich träumte von Nachmittagen im Wald.

KRÄHE

Sehr romantisch, unsere erste Begegnung. Sehr schlecht benommen. Kluck klock. Dreizimmerwohnung erster Stock, Split-Level versetzt, kleiner Spießrutenlauf, easy durch die Wand eingestiegen und gleich zur Schlafebene unterm Dach, um die Pyjamajungs still schlafen zu sehen, berauschendes Summen unschuldiger Kinder, Flusen, Flack, Gack-Pack-Sack, die ganze Bude ein Trauerfall, jeder Zentimeter tote Mum, jeder Buntstift, Trecker, Mantel, Gummistiefel mit Trauerstaub bedeckt. Die Tote-Mum-Treppe hinab, klacke-di-klack auf klimpernden Klauen, runter in Daddys jüngst noch Mum-und-Dad-Schlafzimmer. Ich war Herne der Jäger, hornlos. Feger. Neger. Da ist er. Weg-, weißgetreten. Ich beugte mich über ihn und roch seinen Atem. Hautgout modernde Hecke, Schmeißfliege. Ich zwang seinen Mund auf und zählte Knochen, pickte ein bisschen an ungeputzten Zähnen, zahnpflegte, pflügte seine Zunge links, rechts, hob die Daunendecke. Ich eskimoküsste. Ich schmetterlingsschmatzte. Ich flachflatterte einen Jenny-Wren-Kuss. Seine flaumig (zehdreck-grindigen) Fick-Säcke heimelig traurig, schrumpelig, sanft schwellend und ab, schwellend und ab, schwellend und ab, ich betete den Atem, und die Epidermis flüsterte: Fleisch, aah, Fleisch, aah, Fleisch, aah, und es war schön für mich, schwellend (wie ich auch) und ab (wie ich auch), pfannenstielig (wie ich auch), kein Wunder, dass die Umstände meines Eintreffens unter seinem Laken ihn nicht hoben, Gestank, Rott-Zott-Fott, wach auf, Mensch (VOGELFEDERN IN DEINER SPALTE, DEINEM SCHWANZAUGE, DEINEM MAUL), aber er schlief, und das Schlafzimmer war ein Mausoleum. Er war ein Unfallsüberrest, und da wusste ich, der beste Gig überhaupt, ein Riesenspaß. Ich setzte meine Klaue auf einen Augapfel und erwog Ausstechen, aus Jux oder Mitleid. Ich zupfte eine Pechfeder von meinem Scheitel und hinterließ sie auf seiner Stirn für sein Hirn.

Als Souvenir. Als Warnung. Als Schuss Nacht am Morgen.

Verschnaufpause von Trauer.

Ich gebe dir zu denken, flüsterte ich. Er wachte auf und sah mich im Schwarz seines Traumas nicht.

immerzaaachte, krächzte er.

immerzaaachte.

DAD

Heute habe ich mich wieder an die Arbeit gemacht.

Eine halbe Stunde habe ich geschafft, dann bloß gekritzelt.

Ich habe die Beerdigung gezeichnet. Alle hatten Krähengesichter, bis auf die Jungs.

KRÄHE

Guck nur, guck, hab ich oder hab ich nicht, he, guck, spieß auf. Gutes Buch, Comic-Körper, Tür auf, Tür knall, spuck dies, schluck das, hoch damit, he, guck, lass das.

Butterweich, Gelegenheit.

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