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Trau keinem Mörder über 30: Fünf Kriminalromane um das Jahr 1968

Trau keinem Mörder über 30: Fünf Kriminalromane um das Jahr 1968

Tomos Forrest

Published by BEKKERpublishing, 2021.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Trau keinem Mörder über 30: Fünf Kriminalromane um das Jahr 1968

Copyright

Der Engel mit dem goldenen Revolver

Mandelaugen und harte Kerle

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Der nächste Tote bin ich

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Wo die Macht des Wortes endet

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Mit Morden vergeht die Zeit so schnell

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Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

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Trau keinem Mörder über 30: Fünf Kriminalromane um das Jahr 1968

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von Tomos Forrest

Der Umfang dieses Buchs entspricht 641 Taschenbuchseiten.

Diese Band enthält folgende Romane:

Tomos Forrest: Der Engel mit dem goldenen Revolver

Tomos Forrest: Mandelaugen und harte Kerle

Tomos Forrest: Der nächste Tote bin ich 

Tomos Forrest: Wo die Macht des Wortes endet  Berlin

Tomos Forrest: Mit Morden vergeht die Zeit so schnell 

Ganz Berlin scheint einen Verbrecher zu feiern, einen Mann, der sich auf den am Tatort zurückgelassenen Visitenkarten als „Engel“ bezeichnet. In Selbstjustiz verfolgt er Verbrecher und ermordet sie. Das ist natürlich Stoff für die Boulevard-Presse, die ihn in den höchsten Tönen für seine Taten lobt. Privatdetektiv Bernd Schuster setzt sich auf seine Spur, auch ohne sich mit seinem Auftraggeber detailliert abzustimmen. Dann aber begegnet er Beatrice Wilde, dem einzigen Menschen, der den Mann mit dem goldenen Revolver gesehen hat und – diese Begegnung überlebte. Doch der ‚Engel‘ hat mit ihr ganz eigene Pläne...

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Der Engel mit dem goldenen Revolver

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Berlin 1968 Kriminalroman Band 6

von Tomos Forrest

Ganz Berlin scheint einen Verbrecher zu feiern, einen Mann, der sich auf den am Tatort zurückgelassenen Visitenkarten als „Engel“ bezeichnet. In Selbstjustiz verfolgt er Verbrecher und ermordet sie. Das ist natürlich Stoff für die Boulevard-Presse, die ihn in den höchsten Tönen für seine Taten lobt. Privatdetektiv Bernd Schuster setzt sich auf seine Spur, auch ohne sich mit seinem Auftraggeber detailliert abzustimmen. Dann aber begegnet er Beatrice Wilde, dem einzigen Menschen, der den Mann mit dem goldenen Revolver gesehen hat und – diese Begegnung überlebte. Doch der ‚Engel‘ hat mit ihr ganz eigene Pläne...

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1

Franziska schreckte aus dem Tiefschlaf hoch und benötigte einen Moment, um zur Besinnung zu kommen. Weshalb sie aufgewacht war, wusste sie nicht sofort. Dann fiel ihr ein, dass sie etwas berührt hatte, ganz sanft. Für einen kurzen Moment hoffte sie, Bernd an ihrer Seite zu finden. Aber die Doppelbetthälfte neben ihr war leer.

Ein leises Scharren jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken.

Jemand bewegte sich in dem Sessel gegenüber am Fenster.

Das fahle Licht eines kalten Novembermondes fiel zwischen den nur halb zugezogenen Gardinen auf die Silhouette eines Menschen.

Ihre Finger glitten zur Nachttischlampe, fanden den Schalter, aber nichts geschah.

„Keine Sorge, Fräulein Markworth. Ich bin es, Frank Todd.“

Jetzt reagierte Franziska blitzschnell. Ihre Hand fuhr seitlich an den kleinen Nachttisch. Als sie wieder hervorkam, schimmerte das Mondlicht matt auf dem Lauf einer Pistole.

„Wie kommen Sie dazu, hier einzubrechen? Verschwinden Sie sofort aus meiner Wohnung!“

„Wir müssen reden, Fräulein Markworth!“

„Jahn! Ich heiße Franziska Jahn. Auch, wenn ich geschieden bin, habe ich meinen Mädchennamen nicht wieder angenommen!“

„Das ist sehr schade!“, antwortete der nächtliche Besucher, von dem Franziska bei der schlechten Beleuchtung nur die Umrisse erkannte. „Ich finde ihn viel schöner. Er passt zu Ihnen.“

„Hören Sie auf, mitten in der Nacht einen solchen Blödsinn zu reden und verschwinden Sie endlich aus meiner Wohnung, oder ich rufe die Polizei!“

Ein Geräusch wie von einem unterdrückten Lachen drang an ihr Ohr.

Neben der Lampe stand auch ihr Zweitapparat auf dem Tischchen.

Franziska nahm den Hörer ab und drückte rasch hintereinander die 110.

Jetzt war das Lachen ihres Besuchers laut geworden.

„Legen Sie wieder auf, Fräulein Markworth. Das Telefon funktioniert heute nicht. Und ehe Sie auf dumme Gedanken kommen: Bevor ich mir erlaubt habe, Sie zu wecken, habe ich das Magazin aus ihrer Pistole genommen.“

„Was? Sie verdammter Scheisskerl – was soll das? Ich schreie das ganze Haus zusammen, wenn Sie...“

„Werden Sie doch bitte nicht hysterisch, Fräulein. Wir haben eine Vereinbarung, und an die wollte ich Sie erinnern. Ich nehme an, Sie haben das Geld gut angelegt?“

Franziska hatte die nutzlose Waffe neben sich gelegt und spürte, wie ihr Herz bis hoch in den Hals hinauf schlug.

„Sie waren im Mai im Büro in der Kurfürstenstraße und wollten Informationen von mir haben. Der Umschlag, den Sie mir damals gegeben haben, befindet sich unangetastet dort drüben in der ersten Schublade der Kommode. Nehmen Sie ihn und verschwinden Sie! Ich will Sie nie wiedersehen, Herr Todd!“

Erneutes Gelächter des nächtlichen Besuchers, aber gedämpft.

„Fräulein, Seien Sie doch nicht albern! Haben Sie Ihrem Chef von unserem kleinen Handel erzählt?“

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!“, fauchte Franziska.

„Nun gut, ist ja auch egal und vielleicht auch viel besser so. Ich hatte vor, Sie schon viel früher aufzusuchen, hatte aber zwischenzeitlich sehr viel außerhalb von Berlin zu tun. Nun bin ich zurück und möchte von Ihnen alles erfahren, was Ihr Chef Bernd Schuster über Luigi Espasito herausgefunden hat.“

„Espasito? Warum fragen Sie ihn nicht selbst?“

„Ich möchte es von Ihnen erfahren, weil ich nicht glaube, dass Herr Schuster ehrlich zu mir wäre. Also, Fräulein, Sie haben jetzt nach so vielen Monaten die Gelegenheit, etwas für die Tausend Mark für mich zu machen. Ich melde mich in einer Woche wieder bei Ihnen. Wo genau, weiß ich noch nicht. Vielleicht sogar wieder in dieser traulichen Zweisamkeit?“

„Verschwinden Sie endlich! Informationen gibt es von mir nicht, nehmen Sie den verdammten Umschlag mit und lassen Sie sich nie wieder bei mir blicken, sonst...“

Der Besucher hatte sich erhoben und beugte sich etwas vor.

Selbst bei den schlechten Lichtverhältnissen erkannte Franziska sein höhnisch grinsendes Gesicht. Es jagte ihr einen erneuten Schauer über den Rücken.

„Also – bis bald, Fräulein Markworth!“

Frank Todd war nahezu geräuschlos aus dem Schlafzimmer verschwunden, und für einen Augenblick musste Franziska sich beherrschen, um nicht laut herauszuschreiben. Sie atmete kräftig ein und aus, dann hatte sie sich so weit unter Kontrolle, dass sie von ihrem Bett aufsprang und auf den Flur hinauslief.

Der kalte Fußboden brachte sie wieder zurück in die Wirklichkeit.

Als sie den Lichtschalter im Flur betätigte, flammte die Deckenbeleuchtung auf. Ihre Wohnungstür war wieder geschlossen, aber die Sicherheitskette schwang noch leicht hin und her.

Was Franziska einen weiteren Schauer über den Rücken laufen ließ, war die Tatsache, dass die Kette durchgetrennt war. Ein Stück hing noch in der Halterung an der Tür, das andere baumelte im Türrahmen.

„Verdammt, verdammt, verdammt!“, schrie Franziska und starrte auf die Sicherheitskette.

Die Kälte auf dem Flur und den Fliesen trieb sie schließlich ins Schlafzimmer zurück.

Hier kleidete sie sich hastig an, entdeckte im Licht der Flurbeleuchtung das Magazin ihrer Beretta auf der Kommode und schob es wieder in die Waffe. Eine dicke Jacke vom Flur, dazu die Wollmütze. Dann war sie bereit, ihre Wohnung zu verlassen, die für sie bis zu dieser Stunde ein sicherer Hort war.

Die italienische Pistole vom Typ Beretta 81 war eigentlich für eine Frau etwas zu klobig. Aber als sie nun in ihre Außentasche der dicken Wolljacke geschoben wurde, behielt Franziska den Griff in der Hand, bereit, sich kein weiteres Mal unterwegs im nächtlichen Berlin überrumpeln zu lassen. Sie hatte keinen weiten Weg von ihrer Wohnung in der Bayreuther Straße zum Büro in der Kurfürstenstraße, und darüber war sie heute besonders froh.

Kurz überlegte sie, ob sie einfach zu Bernd Schuster in den 14. Stock hinauffahren sollte, denn einen Wohnungsschlüssel hatte sie schon länger. Aber dann entschied sie sich doch für das Sofa in Bernds Büro, weil sie Rücksicht auf seine Tochter Lucy nehmen wollte. Es war unnötig, die Siebzehnjährige aus dem Schlaf zu schrecken, schließlich musste sie morgen wieder früh raus.

Das Büro der Detektei befand sich in einer kleinen Ladenzeile direkt vor dem Wohnhaus. Franziska atmete erleichtert auf, als sie die Tür hinter sich abschloss und die vertraute Atmosphäre des Büros aufnahm. Es war zum Glück durchgehend geheizt, und wie durchfroren sie nach dem kurzen Gang bis hierher war, spürte sie erst, als sie sich unter der warmen Mohairdecke auf dem Sofa ausstreckte. Langsam kehrte die Wärme in ihren Körper zurück und sie spürte, dass sie müde wurde.

‚Diese Decke war mal die beste Anschaffung für das Büro!‘, dachte sie noch, dann sank sie in den Schlaf.

*

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Zunächst war Bert erstaunt, zu so später Stunde noch eine junge Frau allein zu unterwegs zu sehen. Doch rasch wurde ihm klar, dass hier keineswegs ein wehrloses Opfer vor ihm ging. Sie war groß und ging mit federndem, elastischen Schritt vor ihm her. Was Bert überhaupt nicht gefiel, war die rechte Hand der Frau. Sie steckte in ihrer Jackentasche und schien dort etwas bereit zu halten.

Was es genau war, konnte er natürlich nicht erkennen. Wahrscheinlich eine von diesen Sprühdosen. Nein, das gab keinen Sinn. Er würde ein anderes Opfer finden, nicht gleich und sofort, aber dafür gut ausgewählt und völlig risikolos.

Bert kicherte leise vor sich hin, als die junge Frau die Straße überquerte und auf eines der Hochhäuser zusteuerte.

‚Nein, Mädchen, du bist mir etwas zu forsch in deinem Auftritt. Mein Ding ist mehr eine alte, hilflose Frau. Vielleicht gerade auf dem Rückweg von einer Bankfiliale. So etwas findet man heute noch immer, obwohl bei der ansteigenden Kriminalität es ja auch für unsereinen immer schwieriger wird!‘

*

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Bert folgte seinem Opfer, er fühlte sich prächtig dabei. Das war immer so, bevor er zuschlug. Er brauchte dieses Gefühl kribbelnder Hochspannung, das Wissen um den baldigen Triumph. Die Alte war eine leichte Beute für ihn, sie bewegte sich rasch und gebückt vorwärts, sie hatte Angst, das war zu sehen und zu spüren.

Eine alte Frau. Bert schätzte sie auf etwa Mitte der Sechzig. Wahrscheinlich kam sie von einem Kaffeeklatsch, auf dem sie sich das Schandmaul über andere Leute zerrissen halte, über das Anwachsen der Kriminalität, über die Verrohung der Sitten, den Terror auf den Straßen. Die Studenten, die nicht zu den Vorlesungen gingen, sondern auf der Straße demonstrierten. Gegen den Krieg in Vietnam. Gegen irgendwelche Notstandsgesetze, von denen sie nichts verstand. Hauptsache, man war dagegen!

Eine Vogelscheuche, eine schlampige Heuchlerin. Bert fand es leicht, die Alte zu hassen, es tat ihm geradezu gut, sich in eine kalte Wut hineinzusteigern.

Die Alte hatte vergeblich nach einem Taxi Ausschau gehalten, jetzt befand sie sich auf dem Wege zur nächsten U-Bahn-Station. Sie hatte es eilig, Menschen und Licht zu finden, die schmalen, dunklen Straßen beunruhigten sie.

Bert grinste in sich hinein, er kam seinem Opfer langsam näher. Wenn die Alte das nächste Mal über die bösen Menschen sprach, würde sie ein Erlebnis aus dem eigenen Erfahrungsschatz zum Besten geben können.

Es nieselte. Ein scharfer Nordostwind trieb beißende Kälte in die tristen Häuserschluchten. Bert, der eigentlich Berthold Fischer hieß, wusste genau, wo er handeln würde. Gegenüber von dem türkischen Imbiss lag das kleine Stück Grünfläche beim Moritzplatz. Da entlang und Richtung Oranienplatz, und man war schnell zwischen den Leuten verschwunden, die hier ihrer Beschäftigung nachgingen und vielleicht noch rasch beim nächsten Bolle ihre Einkäufe erledigten.

Die alte Frau kam von der Stallschreiberstraße herüber und schien zur U-Bahn-Station am Moritzplatz zu wollen. Er würde ihr blitzschnell die Handtasche entreißen und um die Ecke verschwunden sein, noch bevor sich die komische Alte von ihrem Schrecken erholt hatte und im Hilfe schreien konnte.

Es war schwer zu sagen, wie viel Geld die Alte bei sich führte. In diesen Zeiten riskierten es die wenigsten, größere Bargeldbeträge bei sich zu führen, aber vielleicht besaß sie einen Ring oder eine Kette, irgendein Schmuckstück, um das er sie erleichtern konnte. Es war kaum jemand auf der Straße zu sehen, alles würde so rasch gehen, dass niemand Zeit zum Eingreifen fand.

Bert verzog das Gesicht. Bis jetzt hatte es noch niemand gewagt, ihm ins Handwerk zu pfuschen. und er gehörte nicht zu den Leuten, die an dieses neue Schreckgespenst, an „Engel“ glaubten. Ein Verrückter! Nannte sich einfach Engel, weil er meinte, sei nun ein Engel, der gekommen sei, um mit dem Verbrechen in Berlin aufzuräumen. Möglicherweise war er nur eine Erfindung cleverer Pressefritzen, die sich einbildeten, damit die Szene verunsichern zu können.

Bert beschleunigte seine Schritte. Es war soweit. Jetzt würde er sich gleich sein Opfer krallen. Es wurde Zeit, dass diese alte Schlampe eine Lektion erteilt bekam. Sie hatte hier nichts verloren, sie sollte nach Einbruch der Dunkelheit gefälligst zu Hause bleiben und mit ihrem zahnlosen Mund von den guten, alten Zeiten brummeln, die Gott sei Dank endgültig vorüber waren.

Er hatte die Frau erreicht, seine Hand schnellte vor, er riss an der schäbigen, großen Tasche. Die Frau wurde buchstäblich herumgewirbelt, ihre weit aufgerissenen, schreckensstarren Augen hingen an seinem Gesicht. Sie war unfähig, ein Wort zu äußern, sie konnte nicht einmal schreien, aber sie hielt die Tasche fest, als hinge ihr Leben daran.

Bert war verdutzt. Er wandte den Kopf und zerrte immer noch an der Tasche. Er sah eine jüngere Frau, die sich von ihm fortbewegte und die nicht bemerkte, was hier geschah.

Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann. Er schaute rasch weg, als Berts Blick sich mit seinem kreuzte. Nichts sehen, nichts hören, so lautete die Devise in diesem Viertel. Wer sich nicht daran hielt, bekam Ärger. Oft genug war es sein letzter.

„Loslassen!“, keuchte Bert. Er war jetzt stocksauer. Er verstand nicht, weshalb die Frau die Tasche festhielt. Er riss die geballte Faust hoch, er schlug zu, zweimal hintereinander. Die Frau sank lautlos zu Boden. Er nahm ihr die Tasche ab. Der Mann auf der anderen Straßenseite hatte sich abgewandt, er studierte die Auslagen in einem Schaufenster.

Bert sah, dass die Frau einen Ring trug. Er riss und zerrte daran, er wollte ihn abstreifen, aber das verdammte Ding ging nicht über das gichtig angeschwollene Gelenk hinweg, er gab es auf und rannte mit der Tasche in das dunkle, nur von zwei, drei mickrigen Lampen notdürftig aufgehellte Stück der Grünanlage.

Er stoppte, als er das andere Ende der Gasse, öffnete die Tasche und blickte hinein. Es störte ihn nicht, dass er dabei direkt unter einer Lampe stand, er brauchte Licht, um zu sehen, was die Tasche enthielt.

Ein Päckchen mit Papiertüchern, eine alte, kleine Sprungdeckeluhr, eine Geldbörse. Bert grinste zufrieden. Die Uhr sah aus wie Gold, jedenfalls ließ sich so etwas leicht zu Geld machen. Er steckte die Uhr ein, dann öffnete er die Geldbörse.

Seine Augen quollen aus den Höhlungen, als er das dicke Banknotenbündel sah. Er hatte weder Zeit noch Lust, das Geld an Ort und Stelle nachzuzählen, aber es gab keinen Zweifel, dass er ein paar hundert Mark erbeutet hatte. Sein größter Fischzug seit Langem.

Er wischte die Tasche ab, um sie von seinen Fingerabdrücken zu befreien, steckte die Börse zu der Uhr, warf die Tasche über einen Zaun und bewegte sich pfeifend auf die Hochbahnbrücke zu. Es empfahl sich, der Gegend für zwei, drei Stunden den Rücken zu kehren, die Bullen würden sie verunsichern und nach dem Mann Ausschau halten, auf den die Beschreibung der komischen Alten passte.

Vor allem musste er die Uhr verstecken, sie konnte ihn verraten. Er erreichte seinen alten Opel und schloss ihn auf. Jemand tippte ihm auf die Schulter. Bert zuckte auf den Absätzen herum. Er war eher überrascht als erschrocken, er hatte niemand gesehen oder gehört, im ersten Moment war er der Meinung gewesen, eine der Tauben, die in dem Stahlträgerwerk der Brücke nisteten, habe ihn beschmutzt, aber jetzt sah er sich einem Fremden gegenüber, einem hochgewachsenen Mann mit markanten Gesichtszügen und tiefen, dunklen Augen.

„Ist was?“, fragte Bert. Er merkte, dass er die eigene Stimme und seine gewohnte Flapsigkeit einsetzen musste, um die plötzliche Furcht in den Griff zu bekommen.

Hatte der Mann etwas gesehen? Unsinn! Der Tatort lag mehr als dreihundert Meter von hier entfernt, der Überfall hatte sich vor dem Grünstück ereignet, er war praktisch lautlos vor sich gegangen, es hatte weder Schüsse noch Hilfeschreie gegeben, das Ganze war ein perfekter Job gewesen.

„Du bist Bert, nicht wahr?“, fragte der Mann. Seine Stimme war leise, aber sie war auf seltsame Weise kraftvoll, in ihr schwangen Spott und Selbstsicherheit, daneben aber noch etwas Anderes. Unwägbares, das Berts Furcht vertiefte. Ein Verdacht sprang ihn an, ein absurder, geradezu grotesker Verdacht, aber er wischte ihn beiseite, er wollte nicht wahrhaben, dass er, ausgerechnet er mit Engel zusammengetroffen sein könnte. Nein. Engel nahm sich nur die großen Fische vor, die Männer der Berliner Unterwelt, er gab sich nicht mit kleinen Taschendieben ab, das war unter seiner Würde.

„Ja, kennen wir uns?“, fragte Bert. Seine Stimme klang belegt. Plötzlich wurde er wütend. Sein Gegenüber war höchstens Mitte Dreißig und gut gekleidet. Bert kannte sich im Umgang mit Fäusten aus, er hatte ein Klappmesser in der Tasche und wusste es zu handhaben, es gab also keinen Grund, vor dem Unbekannten zu kneifen. Nicht vor einem feinen Pinkel!

‚Aus dem mache ich Kleinholz‘, dachte Bert. Ich nehm‘ ihm die Brieftasche ab und beende den Abend mit der hübschen, erhebenden Tätigkeit des Geldzählens.

„Ich kenne dich“, sagte der Mann. „Du gehörst zu denen, die die Straßen verpesten, die sie unsicher und gefährlich gemacht haben, und die glauben, vom Terror leben zu können.“

‚Ein Polyp‘, dachte Bert beklommen. ‚Irgendeiner von diesen beschissenen Typen, die aus einem anderen Revier kommen und meinen, als Zivilstreifen Ordnung schaffen zu können. Vielleicht ist er nicht mal allein, vielleicht lauert ganz in der Nähe sein Kollege und wartet darauf, dass du angreifst, dass du einen Fehler machst.‘

„Das soll wohl ‘n Witz sein“, sagte Bert und schob seine Daumen in den breiten Ledergürtel seiner abgewetzten, verbeulten Jeans. „Können Sie sich ausweisen?“

„Sicher“, sagte der Mann. „Ich bin Engel.“

Er hielt plötzlich einen Revolver in der Hand, eine ziemlich seltsame Waffe, wie Bert fand. Sie war vergoldet, und ihr matter Glanz bildete einen seltsamen, faszinierenden Kontrast zu dem dünnen, schwarzen Lederhandschuh, den der Mann trug.

Bert schluckte. Er konnte und wollte nicht begreifen, dass ausgerechnet er so viel Pech gehabt haben sollte, nach einem Superfischzug vom Engel gestellt zu werden, aber er wusste plötzlich mit quälender, schmerzhafter Deutlichkeit, dass es stimmte.

Bert hatte die Zeitungsberichte von dem Mann mit dem goldenen Revolver für Spinnereien gehalten, für eine Garnierung erfundener Schauergeschichten für die Springerpresse, aber jetzt zeigte es sich, dass das Ganze stimmte, sogar die Sache mit dem goldenen Revolver traf zu. Nur eines stimmte nicht. Es würde einen Mann geben, der den Engel überlistet und überwunden hatte, und dieser Mann würde er, Berthold Fischer, alias Bert, sein!

„Lass ihn“, sagte Bert und blickte über die Schulter des Mannes hinweg. Der Trick hatte schon hundertmal funktioniert, aber Engel fiel nicht darauf herein, er wandte sich nicht um, er schaute nur Bert an, unentwegt.

Bert bekam einen trockenen Mund. „Wenn Sie wirklich Engel sein sollten ...“, begann er. Er führte den Satz nicht zu Ende. Wenn Engel auftrat, blieb eine Leiche zurück. Die Leiche eines Kriminellen.

„Ich bin‘s, Junge, ich bin‘s“, sagte der Mann und hob kaum merklich das Kinn, als das Donnern eines heranbrausenden Zuges hörbar wurde.

Berts Herz hämmerte, seine Hände waren schweißfeucht. Das konnte doch nicht das Ende sein! Wegen eines Handtaschenraubes wurde man nicht umgelegt, das war absurd, das war einfach gegen die Spielregeln.

„Ich könnte Ihnen helfen“, stieß Bert hervor. Die Lippen seines Gegenübers bewegten sich, aber Bert konnte nicht verstehen, was der Mann sagte. Der Zug donnerte über sie hinweg, er erfüllte die Luft mit metallischem Hämmern, Stampfen und Kreischen.

Wenn Engel jetzt abdrückte, in diesem Moment, würde der Schuss untergehen, einfach verschluckt werden, aber Engel tat nichts dergleichen, er hatte den Finger zwar am Abzug liegen, aber dieser Finger rührte sich nicht. Bert stieß die Luft aus. Er fühlte sich wie befreit, er war gerettet. Wenn Engel jetzt nicht geschossen hatte, würde er es niemals tun, nicht bei ihm, nicht bei Berthold Fischer.

„Ich könnte Ihnen helfen“, wiederholte Bert, weil er nicht sicher war, ob Engel ihn verstanden hatte.

„Wie denn?“, fragte der Mann. Seine Stimme klang spöttisch.

„Ich könnte Ihnen Tipps geben ...“

„Tipps?“

„Ja. Ich kenne eine Menge Leute, die Sie interessieren würden“, stammelte Bert und hasste sich dafür, dass seine Stimme vor Eifer fast umzukippen drohte. Er sang. Er war bereit, andere in die Pfanne zu hauen, um die eigene Haut zu retten. Das war schäbig, er wusste es, aber hier ging es um sein Leben, um seinen Kopf, da hatte es keinen Zweck, pingelig zu sein.

„Welche Leute?“, fragte der Mann.

„Richtige Verbrecher, nicht so kleine, harmlose Burschen meines Kalibers ...“

„Du bist nicht harmlos. Du bist eine Ratte“, sagte Engel. „Ratten vernichtet man.“

Bert schluckte. Er starrte in die auf ihn gerichtete Waffenmündung, seine Angst, die vorübergehend kleiner geworden war, nahm wieder die alten, erschreckenden Dimensionen an. Engel, der Rächer!

„Ich weiß zum Beispiel, was nächsten Sonnabend steigen soll“, stieß Bert hervor. Der Nieselregen war stärker geworden. Der Nordost heulte, und aus der Gegenrichtung kam eine weitere S-Bahn heran. Die Gegend war trist, ein Alpdruck. Kein Wunder, dass weit und breit keine Menschenseele zu sehen war!

„Nächsten Sonnabend, morgen also?“, fragte Engel.

„Ja, morgen. Ganz will die Wildes ausnehmen.“

„Langsam, langsam“, sagte der Mann. „Wer ist Ganz?“

„Gernot Ganz, er arbeitet für die Italiener.“

„Ich weiß Bescheid. Und wer sind die Wildes?“

„Sie können von mir nicht erwarten, dass ich das einfach auspacke, ohne Garantien ...“

„Rede!“

„Hören Sie mal ...“

Der Zug war direkt über ihnen. Er schien noch lauter zu sein als derjenige, der vorher die Gegenrichtung passiert hatte. Bert zuckte zusammen, als er den grellen, kleinen Feuerblitz aus dem Revolverlauf springen sah, er spürte einen heftigen Schlag an der Schulter und brach in die Knie, eher infolge des plötzlichen Schocks als echter Schwäche.

Bert griff sich an die Schulter, er spürte das Loch in der Lederjacke und darunter die warme Klebrigkeit des austretenden Blutes. Ihm war auf einmal sterbensübel. Die S-Bahn donnerte vorüber, der Lärm verebbte.

„Sprich!“, sagte der Mann. Seine Stimme war hart und befehlend, sie drückte Ekel aus. Abgrundtiefe Verachtung, aber auch noch etwas Anderes, etwas, das Bert tiefer und nachhaltiger entsetzte als bloße Brutalität. Bert fand, dass diese Stimme von Sadismus getragen wurde, von der Lust am Leid des anderen, von einem abwegigen, irren Killerinstinkt.

Bert umklammerte die blutende Wunde, er zitterte am ganzen Körper, er konnte sich nicht erinnern, sich jemals miserabler gefühlt zu haben. War das das Ende? Er wehrte sich dagegen, er konnte und wollte nicht glauben, dass er, mit den Taschen voller Geld, an diesem tristen Ort ins Gras beißen sollte.

„Sing, Ratte, sing!“, sagte der Mann.

„Es handelt sich um das Ehepaar Wilde“, stieß Bert hervor. „Sie beschäftigen einen Leibwächter, aber der liegt nach einem Unfall im Krankenhaus.“

„Danke, das genügt“, sagte Engel.

„Nein!“, schrie Bert. „Nein ...“

Er wollte noch etwas sagen, aber die beiden kurzen, trockenen Schüsse aus dem goldenen Revolver fegten ihm die Worte von der Zunge, sie peitschten ihm ein Gefühl unter die Haut, das neu für ihn war, enervierend und betäubend zugleich. Er kippte vornüber, schlug mit der Stirn auf schmutziges Pflaster und hörte einen weiteren Knall, jedenfalls schien es ihm so, aber er spürte keinen Schmerz, er begriff nur, dass es aus war. Aus und vorbei.

Seine Lippen bewegten sich, und seine Finger wurden starr, dann rollte sein Kopf zur Seite, und er hörte auf, etwas zu denken oder zu fühlen.

Berthold Fischer war tot.

––––––––

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2

Die Männer bauten die Scheinwerfer auf, sie rollten die Kabeltrommeln ab und fluchten, wenn ihnen irgendetwas in den Weg kam. Inspektor Südermann hatte den Mantel seines Trenchcoats hochgestellt und verzog das Gesicht, als eine S-Bahn die Luft mit ihrem stählernen Getöse erfüllte.

„Wissen Sie, was ich glaube?“, fragte Karl-Anton Flemming, einer der Ermittler aus Südermanns Team, der sich eine seiner scheußlich riechenden Zigaretten drehte. „Das war gar nicht Engel. Ein Nachahmer. Einer, der sich an Engels Ruhm hochrangeln will. Engel legt nur echte Verbrecher um. Wenn es stimmt, was wir wissen, war Fischer nur ‘n mieser, kleiner Strichjunge, ein Handtaschenräuber ...“

Ein Polizist kam heran und salutierte. „Die Presseleute möchten Sie sprechen, Herr Inspektor“, sagte er, „es ist beinahe unmöglich, sie jenseits der Absperrung zu halten.“

Inspektor Südermann sah zu, wie Flemming sich die Zigarette ansteckte, dann ging er zur anderen Straßenseite, blinzelnd und jäh geblendet von ein paar aufflammenden Blitzlichtern.

„Es ist zu früh für bindende Schlüsse, Leute“, sagte er mit hochgezogenen Schultern. Er kannte die meisten Reporter und Fotografen, es gab ein paar davon, die er schätzte und als seine Freunde betrachtete. aber es geschah nur selten, dass das Zusammentreffen mit ihnen seine Laune verbesserte.

Die Männer wollten immerzu Erfolgsmeldungen hören, Details, sie lebten von deren Auswertung, aber erstens war er nicht ihr Brötchengeber, und zweitens musste er sich hüten, durch eine zu offene Informationspolitik Porzellan zu zerschlagen oder dem Täter Hinweise auf den Ermittlungsstand zu geben.

Hier und heute war es freilich relativ leicht, etwas zu sagen. Engels übliche Visitenkarte machte das Geschehen zu einer runden Sache, und die Presseleute würden keine Mühe haben, ihrem gegenwärtigen Lieblingsthema ein paar neue Glanzlichter aufzusetzen.

„Er muss doch mal mehr als seine blöde Karte am Tatort zurücklassen“, sagte einer der Männer, der für die BZ schrieb. „Nach so vielen Morden muss auch ihm mal eine Panne passieren, muss er einen Knopf verlieren, einen Fußabdruck hinterlassen. Irgendetwas, womit man ihn festnageln kann ...“

„Du bist lustig, wirklich“, höhnte sein Kollege von der Morgenpost. „Wenn die Leute des Inspektors was finden würden, hätten sie gute Gründe, das zu verschweigen. Oder irre ich mich, Inspektor?“

„Ich wüsste gern, was Sie damit sagen wollen“, meinte Südermann. Aber natürlich hatte er sofort kapiert, worauf der Reporter hinauswollte. Die Spatzen pfiffen es schließlich schon von den Dächern, dass die Polizei verdächtigt wurde, in Engel einen willkommenen Helfer, einen uneigennützigen Helfer gegen das organisierte Verbrechen zu sehen.

„Sie können doch heilfroh sein, dass der Engel Ihnen die Dreckarbeit abnimmt“, sprach der Reporter aus, was die meisten Leute in der Stadt dachten. „Engel braucht keine Anklage aufzubauen, er muss sich nicht damit abrackern, Beweise zu finden, er kann es sich leisten, auf die sogenannte Rechtsstaatlichkeit zu pfeifen. Er pickt sich einen Verbrecher heraus und legt ihn um. So einfach ist das für ihn. Wie viele Opfer schreiben Sie ihm zu?“

„Neun“, sagte Horst Südermann. „aber unseres Wissens hat er erst nach dem dritten Mord die Masche mit der Visitenkarte entwickelt.“

„Benutzt er wirklich eine vergoldete Waffe?“, fragte einer der Männer.

„Er behauptet es. Am Telefon. Die Toten, die darüber Auskunft geben könnten, sind leider nicht imstande, uns aufzuklären“ sagte der Inspektor bitter. „Aber nun zu Ihnen, mein Freund. Sie können nicht im Ernst glauben, dass wir Engels Verbrechen gutheißen. Man kann Mord nicht mit Mord bekämpfen, das ist unsinnig, eine Kette ohne Ende. Und Sie dürfen mir glauben, dass ich in Engel alles andere als einen Freund und Kollegen sehe. Er macht die Stadt verrückt, vor allem aber uns. Wir bekommen kaum noch Schlaf, auf meinem Schreibtisch häufen sich die Akten, die Unterschriftentinte auf einem Protokoll ist noch nicht trocken, und schon erreichen uns die nächsten Alarmrufe, die nächsten Mordmeldungen. Nein, der Engel ist nicht unser Freund, und schon gar nicht unser Helfer. Eines Tages werden sich Nachahmer finden, die Selbstjustiz ist wie eine ansteckende Krankheit, sie weckt Killerinstinkte und gibt Leuten mit Aggressionszwängen den Vorwand, dem Recht zu dienen – aber in Wahrheit sind sie nicht besser als diejenigen, die sie töten oder auf andere Weise bekämpfen, sie sind eher noch schlimmer. Nehmen Sie einen Mann wie den ermordeten Berthold Fischer. Ein kleiner Ganove, zugegeben. Ein Mann aus Kreuzberg, der niemals Nestwärme genossen und von früher Jugend an gezwungen war, sich ...“

„Hören Sie bloß auf, mir bricht gleich das Herz“, warf der Reporter dazwischen. Er war Klaus Gunthermann, der Senior der Kriminalreporter, ein alter Haudegen mit verwitterten, wie gegerbt wirkenden Gesichtszügen, von dem behauptet wurde, dass er am Tage einen Liter Weinbrand trinken müsste, um einigermaßen fit zu bleiben. Sein Mundgeruch schien diese These zu untermauern, aber es gab niemanden, der ihn jemals hätte schwanken selten. „Immer diese blöden, alten Märchen von der harten, lieblosen Umgebung, von der Elternschuld, der Lehrerschuld, der Erwachsenenschuld. Nachkriegsgeneration, Vater im Krieg geblieben, Mutter mit neuem Macker. Oder Flüchtlingskind, möglichst mit ganz tragischer Geschichte. Mich kotzt das an. Ich kenne ‘ne Menge Waisenkinder, die es zu was gebracht haben und gar nicht wissen, was Liebe ist. Wer kriminell ist, darf sich nicht wundern, bekämpft zu werden, und der Engel weiß genau, dass gegen Härte nur mit noch größerer Härte angegangen werden kann.“

„Terror und Gegenterror, ein hübsches Rezept“, spottete Inspektor Südermann. „Unsere Stadt wird sich an eine reizende Zukunft gewöhnen müssen, an Ströme von Blut, was?“

„Blut“, sagte Gunthermann , „fließt jetzt schon genug. Hat die Mordkommission auch noch Zeit, sich mal bei den wöchentlichen Demos umzusehen, Inspektor? Ich habe Fotos von Menschen gemacht, die einen Ziegelstein mitten ins Gesicht bekommen haben! Das heizt die Stimmung auf. Und wenn nun auch noch so ein Mörder frei herumläuft, schlägt das dem Fass die Krone aus! Es liegt nicht zuletzt an Ihnen, Inspektor, diesen Trend aufzuhalten.“

„Ich kann nicht zaubern, Gunthermann. Vielleicht werfen Sie hin und wieder mal einen Blick auf die Statistiken, auf die Zahl der geklärten Mordfälle. Sie werden einsehen müssen, dass sich diese Zahlen sehen lassen können. Und die Demonstrationen gehen mir sehr auf den Wecker und ich bedaure die Kollegen der Bereitschaftspolizei, sich mit diesem Pöbel herumschlagen zu müssen. Studenten? Für mich sind das asoziale Kriminelle, die sich an die Demonstranten hängen, um sich mit den Polizisten zu prügeln und dann feige in der Menge unterzutauchen, wenn die Gegenseite versucht, sie zu fassen.“

„Ich kenne diese alte Litanei“, winkte Guntermann ab. „Das Lied vom Personalmangel, von Übermüdung und Überlastung. Diese Stadt hat genügend Männer, die tüchtig sind und durchaus bereit wären, die Polizei tatkräftig zu unterstützen. Leute wie Bernd Schuster zum Beispiel.“

„Bernd“, seufzte der Inspektor, „ist mein Freund. Ein guter Freund. Ich weiß, was er kann, er hat mir mehr als einmal aus der Klemme geholfen. Bernd ist Privatdetektiv. Er lebt recht gut von seinem Beruf. Er lebt von seinen Honoraren – und die zahlen ihm mehr oder weniger betuchte Klienten. Die Polizei jedenfalls hat keinen Etat für die Beschäftigung von Privatdetektiven – aber das wissen Sie so gut wie ich.“

„Warum“, spottete einer der Reporter, „gehst du nicht zu deiner Redaktion und bittest sie darum, Bernd Schuster auf Engels Fährte zu hetzen? Es wird euch ein paar Tausender kosten, fürchte ich, aber wenn Schuster Erfolg haben sollte, wäre das eine gute, eine blendende Investition, euch würden Zehntausende neuer Leser zufließen.“

Gunthermann starrte dem Sprecher in die Augen. „Gottfried, alter Junge“, sagte er dann. „Das ist eine Idee. Ich bringe dich um, wenn du versuchen solltest, sie deiner eigenen Redaktion zu verkaufen.“ Dann machte er kehrt und ging davon.

Einer der uniformierten Männer kam herangehetzt. Ihm war anzusehen, dass er soeben über Funk eine wichtige Durchsage erhalten hatte. Die Reporter spitzten die Ohren, aber Inspektor Südermann zog den Mann soweit zur Seite, dass kein Unbefugter hören konnte, was gesagt wurde.

„Ein Toter ist gefunden worden, in der Nähe vom Nollendorfplatz. Engels Visitenkarte liegt dabei.“

„Weiß man, wer der Mann ist?“

„Nein, noch nicht. Wilhelm Krone ist bereits unterwegs zum Tatort.“

„Armer Wilhelm“, sagte der Inspektor grimmig. „Er wird sich dort mit den gleichen Problemen und den gleichen Leuten herumschlagen müssen wie ich.“ Er wandte sich mit einem Anflug von Schadenfreude den Reportern zu. Er sagte ihnen, was geschehen war und grinste matt, als er beobachtete, wie die Meute davonstob, um den neuen Tatort zu erreichen. Dann ging er hinüber zu dem Toten, der jetzt im gleißenden Licht der Scheinwerfer lag und fragte sich, was Engel veranlasst haben mochte, einen Mann wie Berthold Fischer abzuservieren.

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3

Sie war nackt, als sie das Badezimmer verließ. Die Art, wie sie sich bewegte, graziös und herausfordernd kokett, machte klar, dass sie sich ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihrer Wirkung durchaus bewusst war, und dass sie gelernt hatte, daraus optimalen Nutzen zu ziehen. Sie blieb auf der Schwelle stehen, lächelnd, lehnte sich gegen den Türrahmen und fragte: „Musst du wirklich schon gehen?“

Gernot Ganz saß auf dem Bett.  Er zog die Reißverschlüsse seiner schicken, halbhohen Stiefel aus rotbraunem Chevreauxleder zu und grinste matt, als er seine Blicke über Christas makellosen Körper wandern ließ. Sie war ein kleines Biest, sie konnte von der Liebe einfach nicht genug bekommen.

Er schaute auf die Uhr. „Ich muss mich trollen“, sagte er. „Sonst komme ich noch zu spät.“

„Nur noch ein Stündchen – bitte“, sagte Christa und formte ihren herzförmig geschnittenen, roten Mund zu einem schmollenden O. Sie kam auf ihn zu, ihre vollen, hübschen Brüste schwangen provozierend und ließen Gernot Ganz plötzlich bedauern, dass er gehen musste.

Er stand auf. „Es dauert nur ein paar Stunden“, sagte er. „Ich rufe dich an.“

„Kann ich hier auf dich warten?“

„Nein“, sagte er und gab ihr einen Klaps auf den Popo. „Das geht nicht.“

„Du vertraust mir nicht“, beklagte sie sich und legte ihre Arme um seinen Nacken. Sie presste ihren Unterleib gegen seinen Körper und rechnete mit seiner männlichen Reaktion, aber er zog ihre Arme herunter und sagte, diesmal schon weniger freundlich: „Anziehen, los!“

Christas Lächeln fiel in sich zusammen. Sie kannte diesen Ton und hatte gute Gründe zu spuren. Sie zog sich an, dann verließ sie mit Ganz die Wohnung. „Bleib zu Hause, bis ich dich anrufe“, sagte er, stieg in seinen Wagen und fuhr davon.

Christa Zelter war schließlich froh, dass sie ein paar Stunden allein sein konnte. Eigentlich konnte sie Gernot nicht leiden, sie hatte sogar Angst vor ihm, aber er bot ihr zwei Vorteile, die sie nicht aufzugeben wünschte: Er war ein guter Liebhaber, und er war großzügig. Er unterhielt ihre Wohnung, er hatte ihr erst kürzlich einen echten Nerz gekauft, und wenn nicht alles trog, würde er fortfahren, sie mit seinen Gunstbeweisen zu verwöhnen.

Dafür war sie gern bereit, seine speichelnde Aussprache, seinen trotz reichlich verwendeten Körpersprays immer wieder durchbrechenden Schweißgeruch und seine gelegentlichen Wutausbrüche hinzunehmen. Er war ein übler Bursche, sie wusste es. Aber wenn man, wie sie, aus dem Osten stammte und einen Vater hatte, der im Gefängnis saß, eine Mutter, die sich mit Pennern vergnügte, konnte man mehr als zufrieden sein, sich Gernot Ganzs Freundin nennen zu dürfen.

Sie fuhr nach Hause, stellte das Fernsehgerät ein, mixte sich einen Martini und fragte sich, was Gernot wohl an diesem Abend für ein Ding zu drehen gedachte. Sie war froh, keine Einzelheiten zu kennen, wünschte Gernot aber alles Gute, weil es vom Erfolg seines Fischzugs abhing, wie großzügig seine nächsten Geschenkgesten ausfallen würden.

Als es klingelte, ging sie neugierig zur Tür. Sie langweilte sich und freute sich auf eine Abwechslung, egal, wie sie auch beschaffen sein mochte.

Der Besucher, dem sie sich gegenübersah, war ein Mann Ende der Dreißig, groß und schlank, sehr gut angezogen, vielleicht um eine Note zu konservativ, um Christas Geschmack zu treffen, aber sie mochte sein Gesicht, es wirkte hart und melancholisch zugleich, es hatte, wie sie meinte, das gewisse Etwas.

„Sie wünschen?“

Sie erhielt keine Antwort und erschrak, als der Mann einfach über die Schwelle schritt, sie wich vor ihm zurück, prallte mit dem Rücken gegen den Garderobenschrank und fragte: „He, was soll das? Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“

Sie hatte keine Angst. Dazu bestand kein Grund. Erstens wusste sie mit Männern umzugehen, und zweitens glaubte sie nicht daran, dass es jemand darauf abgesehen haben könnte, sie zu berauben. Sie war Gernot Ganzs Freundin. Das wusste man in der Gegend, das verschaffte ihr Respekt und hielt gewisse Leute davon ab, sich an ihr zu vergreifen.

Der Mann drückte die Tür hinter sich ins Schloss. Er war frei von Nervosität, sein markantes Gesicht mit den dunklen, tiefliegenden Augen strahlte Ruhe und Besonnenheit aus. „Gehen Sie ins Wohnzimmer“, sagte er.

Christa gehorchte. Sie setzte sich und wusste nicht, was sie tun sollte. Schreien, toben, wilde Hysterie produzieren? Nein, das würde bei diesem Typ nicht ankommen, er beherrschte auf eine schweigende, unwiderstehliche Art die Szene. Christa konnte nichts Anderes tun, als schweigend darauf warten, was er ihr zu eröffnen gedachte.

„Ein hübsches Liebesnest“, sagte er. Seine Stimme klang verächtlich. Er schaute sich genau um, seine Mundwinkel zuckten dabei, es war Ekel in dieser Reaktion, aber auch ein Anflug von Amüsement, als fände er nur bestätigt, was er sich von diesem Besuch versprochen hatte.

„Wer sind Sie?“, wiederholte Christa fragend.

Er setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel, sehr lässig, schlug ein Bein über das andere und musterte sie prüfend. Sein dunkler Regenmantel stand offen. Christa bemerkte unter seinem Jackett eine Ausbeulung, die ihr von Gernot Ganz nur allzu vertraut war. Der Fremde trug ein Schulterhalfter mit Schusswaffe. Das erschreckte und beruhigte sie zugleich, es fiel ihr nicht ganz leicht, sich für das eine oder das andere zu entscheiden. Wenn er ein Verbrecher war, einer von Gernots Zuschnitt, würde sie mit ihm klarkommen, davon war sie überzeugt. Der Bursche konnte ihre Reize nicht ignorieren, sie arbeitete oft genug als Fotomodell und wusste, was die Männer von ihr hielten und wünschten.

Natürlich gab es gewisse Gefahren.

Gernot hatte Feinde, mehr als genug.

Hatten sie vor, ihn zu treffen, indem sie sich seiner Freundin bemächtigten?

Nein, ausgeschlossen! Niemand würde so töricht sein, zu glauben, bei Gernot damit irgendwelche Ziele erreichen zu können. Gernot war scharf auf sie, vielleicht hatte er sich sogar in sie verliebt, aber wenn es ums Geschäft ging, um die Interessen der Bande, der er diente, oder gar um seine persönlichen Belange, würde er nicht die geringsten Skrupel haben, sie zu opfern, das wusste sie. Das wussten sicherlich auch andere.

Ein Polizist? Nein, dafür war er zu gut gekleidet, diese Möglichkeit schloss Christa aus. Sie hatte einen Riecher für Polizisten, der Fremde roch anders.

‚Wie ein Raubtier‘, dachte Christa plötzlich, aber sie verdrängte den Gedanken, es war nur ein dummer Impuls, denn tatsächlich roch der Fremde gar nicht, allenfalls sehr schwach nach einem teuren Rasierwasser ...

„Können Sie nicht sprechen?“, fragte Christa.

„Ich bin Engel“, sagte der Fremde.

Sie starrte ihn fassungslos an, dann lachte sie. Natürlich wusste sie, wer Engel war. Die ganze Stadt sprach davon, und die Zeitungen machten daraus ein Riesengeschäft. Engel hinten und Engel vorn, er dominierte in den Schlagzeilen, er geisterte durch Leitartikel und Fernsehsendungen, er war zu einem Markenartikel geworden, zum Mörder Nummer Eins.

Nur sahen ihn die Leute nicht so, für die meisten war er der einsame Held, der Prototyp des entschlossenen Kämpfers, der Mann, der das Verbrechertum bekämpfte, rücksichtslos, ohne fremde Hilfe, der Mörder mit dem Glorienschein.

„Sie machen Witze“, murmelte Christa.

Sie spürte ein seltsames Kribbeln auf ihrer Haut, aber noch immer keine Angst.

Er war ein Mann. Ein Mann besonderer Art. Dass er getötet hatte, schreckte sie nicht. Es hieß auch von Gernot, dass sein Weg mit ein paar Leichen gepflastert sei, damit musste man in solchen Kreisen fertig werden.

‚Wenn du es richtig anstellst, wird er dich begehren‘, dachte sie. ‚Vielleicht opfert er sogar Gernot, um dich zu bekommen ...‘

Sie war unsicher und leicht nervös. Was ging bloß in dem Burschen vor, was wollte er hier? Er sah gut aus, daran gab es nichts zu rütteln. Wenn seine Potenz mit seinem Äußeren Schritt hielt, bot sich die Perspektive eines aufregenden Abenteuers ...

„Ja, ich bin Engel“, sagte der Mann und lächelte zum ersten Male auf eine müde, düstere Weise, die ihn merkwürdigerweise recht anziehend erscheinen ließ. „Engel, der Rächer. Ich nehme an, Sie haben von mir gehört.“

„Die ganze Stadt spricht von Ihnen.“

„Das ist meine Absicht“, nickte er. „Ich will, dass die Verbrecher sich in die Hosen machen, dass sie endlich aufhören, Berlin zu terrorisieren.“

„Was – was hat das mit mir zu tun?“, fragte Christa mit bebender Stimme.

„Eine ganze Menge“, sagte er und schaute sie an. „Sie sind eine Gangsterbraut.“

Christa schoss die Röte ins Gesicht. Sie wusste selbst sehr gut, was sie war, aber die Worte des Besuchers machten ihr mit einem Schlag bewusst, in welcher Gefahr sie sich befand. Sie begriff, dass er vorhatte, seinen Krieg gegen die Unterwelt auszuweiten. Er übernahm den Begriff der Kollektivschuld, er bezog die unmittelbare Umgebung der Verbrecher in sein Feindbild ein.

„Ich bin nur ein Mädchen, das ...“, begann sie lahm, aber der Besucher fiel ihr barsch ins Wort.

„Sie sind ein mieses, kleines Flittchen. Mir wäre das egal, wenn Frauen wie Sie nicht diese Bastarde ermutigten, wenn Frauen wie Sie diesen Mistkerlen nicht noch Mut machen würden, ihr dreckiges Handwerk fortzusetzen. Sie kosten ihn eine Menge Geld, was? Ich brauch mich hier nur umzusehen, um zu wissen, wie Sie leben. Wie die Made im Speck.“ Er stand auf und öffnete die Tür des Einbauschrankes, er riss den Nerz heraus, warf ihn zu Boden und trat darauf. „Wer musste sterben, damit Sie dieses Scheißding tragen können – wer?“, stieß er hervor.

Christa war entsetzt. Ihre Furcht nahm zu. Sie begriff, dass es um ihr Leben ging. Engel machte nicht den Eindruck, als ob ihn weibliche Reize fesseln könnten. Seine Stimme war nicht sehr laut, aber schneidend, hasserfüllt und kalt. Es war die Stimme eines Mannes ohne Mitleid, ohne Gefühle, die Stimme eines Mörders.

„Gehen Sie zum Telefon“, sagte er.

Christa gehorchte. Sie hatte keine Ahnung, was Engel beabsichtigte, aber ihre Furcht blieb, das Wissen um ein schreckliches Ende.

„Wählen Sie die Nummer der Mordkommission“, forderte er. „verlangen Sie Inspektor Südermann. Ich sage Ihnen, was Sie ihm mitteilen werden.“

Er nannte ihr die Nummer, und Christa wählte mit zitterndem Finger, was er ihr auftrug. Sekunden später hatte sie den Inspektor an der Strippe.

„Sagen Sie ihm, dass Sie in meinem Auftrag handeln und sprechen“, zischte er und trat dicht hinter sie, „aber nennen Sie nicht Ihren Namen.“

Er zog seinen Revolver aus dem Schulterhalfter. Christa bekam schwache Knie, sie hätte sich am liebsten hingesetzt, aber sie wagte nichts zu tun, was den Unwillen ihres Besuchers erregen konnte. Er war auch so schon wütend genug, ein Bündel von Hass. Christa starrte auf die Waffe. Ihr Gold hatte einen rötlichen Glanz. Es war eine schreckliche Vorstellung zu wissen, dass damit schon viele Menschen getötet worden waren. Sollte sie die nächste sein?

„Engel ist bei Ihnen?“, fragte der Inspektor, nachdem Christa sich mit bebender Stimme ihres Auftrages entledigt hatte. Er war nicht versucht, das Ganze für einen Witz zu halten. Er hatte ein Ohr für Zwischentöne und spürte, dass die Angst in der Stimme der Anruferin nicht gespielt war.

„Ja“, sagte Christa, hörte sich an, was der Mann ihr zuflüsterte und wiederholte: „Ich soll Ihnen mitteilen, dass der Mord bei der Nolle nicht auf sein Konto geht. Das war jemand, der sich auf diese Weise ein Alibi verschaffen wollte. Engel hat nur Bert umgelegt – und das zu Recht.“

„Ich verstehe“, sagte der Inspektor. „Lassen Sie mich mit ihm reden, bitte.“

„Er will mit Ihnen reden“, sagte Christa und schaute Engel an.

Der drückte plötzlich ab, zweimal, ganz kurz hintereinander. Das Mädchen riss den Mund auf, hatte aber nicht mehr die Kraft zu schreien. Sie brach zusammen, versuchte noch einmal hochzukommen, aber die Reflexbewegung zerbrach am jähen, mitleidlosen Zugriff des Todes. Sie sackte zurück und rührte sich nicht mehr.

Der Mann steckte die Waffe zurück ins Schulterhalfter und griff nach dem in der Luft baumelnden Telefonhörer.

„Inspektor?“, fragte er leise. So sprach er immer, wenn er mit den Behörden telefonierte. Man hatte wiederholt seine Stimme auf Band geschnitten und mehr als hundertmal über alle Rundfunkstationen gesendet, aber keiner der zahlreichen Hinweise und Verdächtigungen hatte auf die Spur des Täters geführt.

„Sie haben sie getötet“, sagte Inspektor Südermann. „Dafür wird man Sie zur Verantwortung ziehen, für diesen und für alle anderen Morde!“

Er kam sich idiotisch vor. Warum sagte er das? Erstens war es sowieso selbstverständlich, und zweitens konnte er nicht erwarten, damit auf den Mörder irgendwelchen Eindruck zu machen.

Der Engel hatte seine eigenen Gesetze. Er fand immer mehr Geschmack an ihnen, er war offenbar schon so weit gekommen, dass er pro Woche mindestens einen Mord verübte.

„Nun halten Sie mal die Luft an, Inspektor“, meinte Engel. „Ich tue nur, was Sie gern tun würden – wenn das lasche, bürgerfeindliche Gesetz Sie nicht daran hinderte. Wir sitzen in einem Boot. Diese Stadt wird erst dann wieder zur Ruhe kommen, wenn das Verbrechen begriffen hat, dass ihm keine Chancen bleiben. Wir müssen härter sein als unsere Gegner, wir müssen sie ausrotten. Sie werden sich fragen, weshalb ich Bert erledigte. Sie werden behaupten, er sei nur ein kleiner Handtaschenräuber gewesen. Aber er hat eine alte Frau niedergeschlagen, mit den Fäusten. Morgen oder übermorgen würde er ein Messer, und in ein paar Wochen eine Pistole benutzt haben. Ich bin nicht bereit zu warten, bis aus kleinen Ganoven große Gangster werden. Und noch eins, Inspektor. Ich führe jetzt einen gnadenlosen Krieg gegen alle diejenigen, die das Verbrechertum auf ihre Weise, wenn auch nur auf Nebengleisen, ermuntern. Ich kämpfe gegen Gangsterbräute und Hehler, gegen alle, die das Verbrechen glorifizieren und von ihm profitieren. Sagen Sie das der Presse. Mädchen vom Schlage einer Christa Zelter müssen ab heute zur Kenntnis nehmen, dass ihre Verbindungen zur Unterwelt tödliche Folgen haben werden. Das wird die Gangster früher oder später isolieren. Ja, ich kämpfe jetzt auch an dieser Front.“

Er wartete die Antwort des Inspektors nicht ab, er legte auf. Die Telefonfahndung lief sicherlich bereits auf Hochtouren, es wurde Zeit, dass er verschwand.

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4

Der Chefredakteur hieß Boris Karger. Er war ein großer, gelehrtenhaft aussehender Mann, aber wenn man genau hinschaute, merkte man sehr rasch, dass sein Intellekt im Wesentlichen von Härte und Vitalität getragen wurde. Er war ein Ellbogenmensch, ein Mann aus Granit.

„Setzen Sie sich, Schuster“, sagte er und hielt Bernd eine offene Zigarrenkiste hin. „Neuester Import. Schmuggelware aus Kuba. So was rauchen dort nur die großen Bonzen. Probieren Sie mal.“

Bernd schüttelte den Kopf. Er saß Karger in dem bequemen Besucherstuhl gegenüber. Zwischen ihnen war der überdimensionale Schreibtisch mit vier Telefonen – eines davon rot –, und um sie herum war die englisch anmutende Eleganz eines riesigen, mahagonigetäfelten Privatbüros.

„Ich rauche auch nur Zigaretten“, meinte Karger, stellte die Kiste beiseite und fuhr fort: „Es geht um den Mann, den alle Welt nur Engel nennt. Ich möchte, dass Sie ihn für uns finden.“

„Für Sie?“, fragte Bernd. Es klang amüsiert. Er hatte geahnt, was ihn hier erwartete. Für die Presse war das Verbrechen in erster Linie ein Geschäft und erst in zweiter Linie ein Stück Informationspolitik.

„Genau, für die Zeitung, exklusiv für mein Blatt“, sagte Boris Karger. „Sie kennen unsere Devise. Den anderen immer um eine Nasenlänge voraus sein. Engel ist in. Er selbst beliefert uns täglich mit den neuesten Schlagzeilen, er kurbelt das Geschäft an, eigentlich müssten wir dem Burschen für jede Tat eine dicke Provision zahlen – aber natürlich haben wir auch ethische Aufgaben wahrzunehmen. Die Aufklärung des Publikums zum Beispiel. Es fängt an, Engel für einen Volkshelden zu halten. Das ist schlecht.“

„Sehr schlecht sogar“, meinte Bernd, „aber wenn das so ist, muss wohl der Presse die Schuld gegeben werden. Sie hat Engel zu einem einsamen Helden hochstilisiert, zu dem Einzelgänger, der es übernommen hat, jene Aufgabe zu lösen, die die Polizei anscheinend nicht mehr im Griff hat.“

„Anscheinend?“, höhnte Karger. „Sie machen mir Spaß. Seien wir ehrlich. Die Unterwelt Berlins tanzt den Bürgern auf der Nase herum. Mir kommt es vor wie in der Weimarer Republik, als die sogenannten Ringvereine die ganze Stadt in der Hand hielten.  Wollen Sie meine private Meinung hören? Ich bin froh, dass es Engel gibt. Vor dem haben die Verbrecher Angst, er ist der einzige, der es schafft, ihnen schlaflose Nächte zu bereiten.“

„Übertreiben Sie da nicht ein wenig? Es gibt in dieser Stadt viele Kriminelle und es sieht so aus, als kämen immer mehr von Ost und West in die Stadt. Die kümmern sich einen feuchten Schmutz um Engel, die denken nicht mal im Traum daran, dass es eines Tages ausgerechnet sie erwischen könnte.“

„Nach zehn Morden werden sie daran denken, und nach zwanzig werden sie sogar zu überlegen beginnen, ob es nicht klüger sei, einfach auszusteigen.“

„Ich fürchte, Sie begehen eine grobe Fehleinschätzung dieser Kreise“, sagte Bernd Schuster.

„Mir geht es auch nicht um die Verbrecher dieser Stadt, ich möchte über Engel schreiben und schreiben lassen“, sagte Karger. „Dazu bedarf es Ihrer Hilfe. Sagen wir pro Tag hundert Mark plus Spesen – ist das ein Angebot?“

„Daraus könnte sich für mich unter Umständen eine Lebensstellung entwickeln“, spottete Bernd. „Sie kennen den Sachverhalt so gut wie ich. Diejenigen, die Engel bislang gesehen haben, sind tot. Seine Stimme bringt uns nicht weiter – eine leise, männliche Stimme ohne Akzent, ohne besondere Merkmale. Keine verwertbaren Spuren an den Tatorten, ausgenommen seine Visitenkarten mit dem goldenen Aufdruck ENGEL und diesem lächerlichen Flügel daneben. Die Polizei weiß, dass diese Karten vor neun Monaten in einer Druckerei in Nürnberg hergestellt wurden – nachts, als sich kein Betriebsangehöriger in den Räumen befand. Man schließt daraus, dass Engel sich früher in dieser Branche betätigte, dass er möglicherweise Drucker oder Druckereibesitzer war, aber eine Überprüfung aller Vorbestraften aus diesem Gewerbe hat ebenfalls keine verwertbaren Hinweise gebracht. Wo soll ich beginnen?“

„Das ist Ihre Sache“, meinte Karger. „Ich denke, Sie sind das Beste, was diese Stadt an Privatdetektiven zu bieten hat? Denken Sie bloß mal darüber nach, wie viel Eigenreklame für Sie bei dieser Aktion anfallen wird. Bernd Schuster jagt den Engel! Das ist doch was, oder?“

„Es könnte ein Reinfall werden. Für Sie und für mich.“

„Angst?“

„Sie scherzen.“

„Zu wenig Selbstvertrauen?“

„Mir gefallen Ihre Motive nicht“, sagte Bernd.

Karger hob erstaunt die Augenbrauen. „Das haut mich um“, sagte er. „Ich zahle Ihnen pro Tag hundert deutsche Mark, damit Sie den gefährlichsten Killer der Stadt jagen, und Sie beanstanden meine Motive?“

Bernd grinste unlustig. „Machen wir uns nichts vor“, sagte er. „Sie wollen gar nicht, dass ich den Engel finde. Sie brauchen ihn als Schlagzeilenfabrikant, als Mörder anderer Verbrecher, er ist lebend und frei für Sie sehr viel wertvoller als aktionsunfähig hinter Gittern.“

„Zugegeben, genauso ist es“, meinte Karger grinsend. „Aber Sie haben immerhin die Chance, mich aufs Kreuz zu legen und mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wenn Sie den Engel schnappen sollten, kann meine Zeitung gleichfalls davon profitieren. Wir werden dann in alle Welt hinausposaunen, dass es unserem Detektiv gelungen sei, den Killer zu stellen – und nicht der Polizei.“

„Das ist Ihr gutes Recht“, sagte Bernd.

„Ihr Name würde dabei nicht zu kurz kommen.“

„Okay, ich akzeptiere den Auftrag“, sagte Bernd, „aber nicht, um den von Ihnen genannten Zielen und Möglichkeiten willen, sondern weil ich eine Eskalation des Terrors verhindern möchte. Sie hat bereits begonnen. Gestern Abend wurde am Nollendorfplatz ein Mann ermordet – angeblich von Engel, aber ich habe vor einer Viertelstunde vom Revierleiter erfahren, dass Engel dabei nur als Alibifunktion dienen sollte. So wird es weitergehen. Und es wird, fürchte ich, noch schlimmer kommen!“

„Noch schlimmer?“

„Sicher“, nickte Bernd grimmig. „Die kleinen Gauner werden um sich ballern, sobald ihnen ein Verdächtiger nur in die Nähe kommt. Wir gehen reizenden Zeiten entgegen.“

Karger grinste unlustig. „Es liegt an Ihnen, das zu ändern“, meinte er.

„Okay“, sagte Bernd und stand auf. „Ich fange am besten gleich damit an.“

„Sie haben schon einen Anhaltspunkt?“, staunte Karger beeindruckt.

Bernd Schuster schüttelte den Kopf. „Nur ein Ziel“, sagte er. „Das ist mein Freund Horst. Inspektor Südermann. Sie kennen ihn. Er leitet das eigens gebildete Sonderdezernat, bei ihm laufen alle Fäden jener Verbrechen zusammen, die Engel verübte oder die Engel zugeschrieben werden. Ich werde mich einen Tag lang in die Akten vertiefen und versuchen, irgendwo den kleinen, winzigen Anhaltspunkt zu finden, den andere bislang übersehen haben.“

„Viel Glück“, sagte Karger mit einem Anflug von Spott. „Sie werden es brauchen können.“

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5

Gernot Ganz streifte die Handschuhe über und musterte im Vorübergehen die alten, vornehmen Häuser des Viertels. Hier wohnte die Nobilität, hier lebten die Menschen, deren Namen man immer wieder in den Gesellschaftskolumnen der Zeitungen wiederfand, die Reichen und die Superreichen. Die wenigsten von ihnen leisteten es sich, diese Stadtwohnungen häufig zu nutzen, sie überließen die repräsentativen Bleiben ihrem Dienst- und Wachpersonal, von den teuren Einbruchssicherungen ganz zu schweigen.

Die Stadt war diesen prominenten Bürgern zu laut und zu unsicher geworden, sie zogen es vor, im Westen zu leben, auf kleinen und größeren Bevölkerungsinseln, die von privaten Sicherheitsleuten beschützt und gegen Außenseiter strengstens abgeschirmt wurden. Und am Wochenende nahm man sich den nächsten Flug nach Berlin, feierte ein wenig in der Villa und kehrte in die abgelegene Zuflucht im „Goldenen Westen“ zurück.

Aber hin und wieder übernachteten sie auch ein paar Tage länger hier, wenn sie eine Theateraufführung gesehen und danach in einem exklusiven Nachtklub getanzt hatten, oder wenn dringende Geschäfte sie in der Stadt festhielten. Sie brauchten ja nicht wirklich Angst zu haben, sie hatten ihr Personal, ihre Alarmvorrichtungen – und sie konnten sich mit dem Wissen trösten, dass kaum ein Verbrecher versuchen würde, in dieses gesicherte, zusammenhängende System einzubrechen.

Gernot Ganz grinste matt, als er den winzigen Vorgarten des Hauses passierte und die wenigen Stufen zu der weißgelackten Tür hochstieg. Er betätigte den Messing-Türklopfer und wartete.

Ein Hausdiener öffnete. Der Mann entsprach nicht der landläufigen Vorstellung eines solchen Domestiken, er wirkte eher wie ein Gorilla, und das war er sicherlich auch – ein in Karate und allen anderen Kampftechniken ausgebildeter Mann, der die Aufgabe halte, das Haus und seine Bewohner vor unerwartetem Ärger zu bewahren.

„Sie wünschen?“, fragte er. Die schwere Kette auf der Innenseite blieb vorgelegt.

„Hansen von der Firma Adler Sicherheitssysteme“, stellte Ganz sich vor. Adler war ein bekannter Hersteller von Alarmanlagen und Schlössern.

„Können Sie sich ausweisen?“, fragte der Butler.

Ganz nickte. Er hielt dem Mann einen in Zelluloid geschweißten Ausweis mit Foto unter die Nase.

„Warum so spät?“, fragte der Diener.

„Ich war den ganzen Tag unterwegs“, entschuldigte sich Ganz und steckte den Ausweis ein.

„Wo ist Ihr Werkzeug?“

„Im Auto. Erst mal sehen, was anliegt – dann hole ich mir, was ich brauche“, sagte Gernot Ganz.

Der Mann zögerte immer noch. Irgendetwas schien ihm zu missfallen.

„Was ist?“, murmelte Ganz und tat erstaunt. „Funktioniert die Anlage wieder? Sie haben uns doch angerufen und ausdrücklich um ihre Instandsetzung gebeten ...“

Der Diener nickte, hakte die Kette aus, ließ Gernot Ganz eintreten, schloss hinter ihm sorgfältig die Tür ab und sagte: „Gehen Sie voran, bitte. Die Sicherungskästen befinden sich im Keller, erste Tür links.“

„Können Sie mir mit einer Taschenlampe aushelfen?“, bat Ganz.

Der Diener runzelte die Augenbrauen. Er war groß, breitschultrig, dunkelblond. Das exakt gescheitelte Haar wollte nicht so recht zu seinem bulligen Boxergesicht passen. „Okay“, sagte er. „Ich hole sie aus der Küche.“

Er ging an Ganz vorbei und blieb abrupt stehen, als wüsste er plötzlich, mit wem er es zu tun hatte. Falls ihn eine solche Erkenntnis erhellte, fand er keine Möglichkeit mehr, daraus Profit zu schlagen. Gernot Ganz hatte blitzschnell seinen Revolver hervorgezogen, er rammte ihn mit schmerzhafter Wucht in den Rücken des Gorillas.

„Hoch mit den Händen. Freundchen“, zischte Ganz.

Der Hausdiener gehorchte schweigend. Sein Atmen war deutlich zu hören, es war schon eher ein Schnaufen.

„Du weißt Bescheid. was ich von dir will“, sagte Ganz. „Dreh dich mit dem Gesicht zur Wand, leg die Hände flach dagegen, hoch über den Kopf, und spreize die Beine. Na. bitte! Das klappt doch vorzüglich!“

Ganz klopfte den Mann nach Waffen ab und fand in dessen Gesäßtasche eine kleinkalibrige Pistole. „Du kannst dich wieder umdrehen, großer Mann“, spottete Ganz, steckte die Pistole ein und wies mit dem Revolverlauf in die Diele. „Vorwärts!“

Sie durchquerten die kleine, elegante Diele und betraten das gleichfalls nur mäßig große Wohnzimmer. Die Terrassentür war durch ein schweres, stählernes Scherengitter gesichert.

Der Diener drehte sich langsam um. „Was wollen Sie eigentlich?“, fragte er und ließ die Hände sinken. „Hier gibt es nichts für Sie zu holen!“

„Wetten, dass ...“, höhnte Gernot Ganz, dessen Mundwinkel belustigt zuckten.

„Ich verstehe das nicht“, sagte der Diener. „Wie sind Sie an die Anlage herangekommen? Woher haben Sie erfahren, dass wir um einen Servicemann gebeten haben?“

„Ganz einfach“, spottete Ganz. „An der Anlage selbst haben wir nichts lahmgelegt, die ist von allein ausgefallen. Aber wir sind schon vor einiger Zeit auf die Idee gekommen, die Telefonleitung der Firma Adler anzuzapfen. Wir haben deren Ausweise gefälscht und nur darauf gewartet, dass sich ein Kunde meldet, der uns potent erscheint.“

„Es ist kein Geld im Hause“, murmelte der Hausdiener. „Nicht mehr als das, was ich in der Brieftasche habe – und das sind ganze neunzig Mark.“

„Aber, aber!“, höhnte Ganz. „Glaubst du im Ernst, ein Mann meines Formats würde sich mit dem mickrigen Taschengeld einer Gorillakopie zufriedengeben? Ich stehe auf Originale. Vor allem auf solche, wie sie dutzendweise im Hause herumhängen. Allerdings werde ich damit zufrieden sein, lediglich vier mitzunehmen. Den Rembrandt, den Tintoretto, den Gainsborough und den kleinen Tizian. Wie findest du das?“

Der Diener schluckte. Seine Augen huschten hin und her, wie kleine, gefangene Tiere im Käfig. Er suchte einen Ausweg, eine Lösung, aber er begriff, dass gegen Waffe und Eindringling nicht anzukommen war, es sei denn, er wäre versessen darauf gewesen, sein Leben zu riskieren.

„Die Bilder“, würgte er schließlich hervor, „sind nur Falsifikate. Die Originale liegen in einem Banksafe.“

„Was du nicht sagst!“, höhnte Ganz. „Dein Boss hat dich schlecht informiert, Freundchen. Ich jedenfalls weiß, was ich mitgehen lassen werde. Du wirst mir die Dinger zum Wagen tragen. Wenn uns jemand sehen sollte, wird deine Anwesenheit der Sache einen würdigen, offiziellen Anstrich geben. Ich bin der Restaurator, falls jemand fragen sollte, der Mann, der jährlich die Kostbarkeiten inspiziert und konserviert ...“

„Ich verstehe Sie nicht“, sagte der Diener und begann zu schwitzen. „Diese Bilder sind weltbekannt, sie sind in jedem Kunstregister aufgeführt und deshalb unverkäuflich ...“

„Ich will sie ja keinem Fremden andrehen, nicht mal einem Kunsthändler“, spottete Ganz. „Ich werde mich mit dem Besitzer einigen – oder mit seiner Versicherung. Ich schätze den Wert der vier Gemälde auf zehn Millionen Mark. Das muss die Versicherung berappen, nicht wahr? Sie kann fünf Millionen sparen, ich werde ihr die Bilder für diesen Preis überlassen.“

Plötzlich explodierte der Hausdiener. Seine Hand zuckte hoch, er versuchte mit ihrer Kante die Waffe aus Ganz‘ Hand zu fegen, aber Ganz war schneller, er drückte ab. Der Schuss weckte in dem Zimmer ein hartes Echo. Der Diener stolperte zurück, dann brach er zusammen. Er blieb liegen, ohne sieh zu rühren.

„Scheiße!“, sagte Ganz laut. Er huschte zur Tür, presste sich mit dem Rücken gegen die Wand und lauschte. Im oberen Stockwerk klappte eine Tür.

„Gerald?“, rief eine Stimme. Eine Mädchenstimme. Ganz biss sich auf die Unterlippe. Er hatte vor dem Unternehmen ein paar Informationen eingezogen. Die Familie machte Urlaub auf den Bahamas. Das Haus wurde nur vom Dienstpersonal betreut – von dem Hausmädchen, dem Diener und dem Chauffeur. Der Chauffeur hatte seinen freien Tag, er hatte das Haus schon am frühen Nachmittag verlassen, und das Mädchen wohnte außerhalb, aber möglicherweise unterhielt es zu Gerald, dem Diener, intime Beziehungen und war übers Wochenende hiergeblieben.

„Gerald?“ Die Mädchenstimme klang besorgt. Auf der Treppe ertönten Schritte, sie erreichten die Diele, sie kamen klickend heran.

Das Mädchen trat über die Schwelle, sah den Mann am Boden liegen und stieß einen halblauten Schreckensruf aus. Er wiederholte sich, als sie den vortretenden Ganz sah. Ganz hatte sich rasch das Taschentuch aus der Hose geholt, er hielt es mit der Linken vor sein Gesicht.

Er sah auf Anhieb, dass er nicht das Hausmädchen vor sich haben konnte. Die Zwanzigjährige, die ihm gegenüberstand, konnte nur die Tochter des Hauses sein. Das sah man am Gesichtsschnitt, an der modischen Aufmachung, aber auch an dem Brillantring, der ihre rechte Hand zierte.

Sie war also von den Bahamas zurückgekommen, aus irgendeinem Grund. Er wusste, dass sie Beatrice hieß. Beatrice Wilde. Ein schönes Mädchen mit schulterlangem leuchtend blondem Haar und großen, lang bewimperten Blauaugen. Die Augen waren sehr klar, beinahe leuchtend, aber in diesem Moment wurden sie von Angst und jähem Entsetzen deutlich verdunkelt.

„Nur keine Aufregung“, sagte Gernot Ganz. „Ihnen wird nichts passieren. Sie sind Beatrice, nicht wahr?“

Das Mädchen nickte und schluckte.

„Sind Sie allein zurückgekommen?“

„Ja.“

„Warum?“

„Ich bin gebeten worden, an der Hochzeit einer Freundin teilzunehmen.“

„Wie schön“, spottete Ganz, der in der Rechten die Waffe, und mit der Linken das Tuch hielt. „Wann findet das Ereignis statt?“

„Übermorgen.“

Er hatte eine Idee. Eine verrückte und möglicherweise gefährliche Idee, aber er konnte ihr nicht widerstehen, er musste sie in die Tat umsetzen. „Ich fürchte“, sagte er, „Sie werden an der Feier nicht teilnehmen können.“

Wieder das angstvolle Schlucken. „Warum?“, hauchte Beatrice.

„Weil ich Sie mitnehmen werde“, sagte er und fragte sich, ob Christa bereit sein würde, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Christas Wohnung eignete sich blendend für das geplante Kidnapping, und Beatrice würde weniger nervös oder hysterisch reagieren, wenn sie herausfand, dass sie durch ein etwa gleichaltriges Mädchen betreut wurde.

„Mitnehmen?“, fragte Beatrice nervös.

„Entführen - Kidnappen – falls Ihnen das Wort besser gefällt“, sagte er und versteckte sein breites Grinsen hinter dem vorgehaltenen Taschentuch. „Werden Sie nicht nervös. Ihnen geschieht nichts, wenn Ihr Alter zahlt – und zahlen wird er. Das ist mal sicher. Er kann und will sich weder den Verlust seiner Tochter noch den seiner Bilder leisten.“

Gernot Ganz begann zu rechnen.

Er beabsichtigte, fünf Millionen Mark für die Rückgabe der Bilder zu fordern und war bereit, in den zu erwartenden, langwierigen Verhandlungen auf drei Millionen herunterzugehen. Dazu würden zwei weitere Millionen für Beatrice kommen – insgesamt also doch fünf.

Der tote Gerald würde den Wildes deutlich machen, dass sie es mit einem Gegner zu tun hatten, der weder Skrupel noch Gnade kannte. Dieser Umstand würde sie gefügig machen, er würde den Verhandlungen den notwendigen Schwung geben.

Selbst wenn er abzog, was die anderen für ihre Teilnahme beanspruchten, konnte er davon ausgehen, den größten Coup seines Lebens gelandet zu haben. Natürlich gab es auch ein paar Schattenseiten, ein paar Negativposten, die noch der Klärung bedurften.

Der Chef hatte sich mit dem Bilderraub einverstanden erklärt, aber es war fraglich, ob ihm die Entführung schmecken würde. Egal! Die Situation war nun mal so. Er musste improvisieren, und der Chef würde einsehen, dass er angesichts der Lage richtig gehandelt hatte.

Jetzt kam es nur noch darauf an, die Bilder und Beatrice zu dem in der Nähe parkenden Auto zu bringen.

Beatrice schloss die Augen und war bemüht, das Zittern zu unterdrücken, dessen Opfer sie zu werden drohte. Sie glaubte zu wissen, dass es sinnlos sein würde, um Gnade zu betteln. Sie konnte nur hoffen, dass das Drama für sie weniger blutig als für den armen Gerald enden würde. Sie hatte den Hausdiener nie leiden können, er war ihr sogar zuwider gewesen, aber sein Tod entsetzte und schockierte sie.

Gernot Ganz schob den Revolver in den Hosenbund und steckte das Taschentuch ein. Er war sich über die Risiken seines Vorgehens klar, nahm sie jedoch bewusst in Kauf. Er trat an die Terrassentür und riss die seidenen Gardinenkordeln herab. „Setzen Sie sich“, befahl er.

Beatrice gab sich einen Ruck. Sie wirbelte herum und jagte in die Diele. „Hilfe!“, schrie sie. „Hilfe.“

Sie erreichte die Tür noch vor dem nachsetzenden Ganz, aber ihre zitternden Hände schafften es nicht, die Kette auszuhaken. Ganz packte sie am Arm und riss sie herum. Die flache Hand klatschte auf Beatrices Wange, ein zweiter Schlag traf ihre Nase. Sie torkelte wie betäubt zurück, ihre Augen wurden groß und rund, sie konnte sich nicht erinnern, jemals von einem Mann geschlagen worden zu sein.

„Wenn du noch mal solche Zicken machst“, versprach Ganz zähneknirschend, „feg ich dich unter den Teppich.“

Sie folgte ihm ins Wohnzimmer, ließ sich widerstandslos an einen Stuhl fesseln und sah dann zu, wie der Eindringling die Bilder von der Wand nahm. Er musste mit einer kleinen Zange, die er seiner Tasche entnommen hatte, die Drähte zerschneiden, die die Bilder mit der Alarmanlage verbanden, aber da die Anlage ausgefallen war, blieb diese Tätigkeit ungeahndet.

Ganz stellte die schweren, mit barocken, vergoldeten Rahmen versehenen Bilder in der Diele ab, dann kehrte er ins Wohnzimmer zurück.

Er knebelte das Mädchen. Er ging sehr gelassen dabei vor, er war sichtlich nicht in Eile und legte Wert darauf, sich als Mann von Ruhe und Übersicht darzustellen.

Danach besorgte er sich ein paar Wolldecken, wickelte die Gemälde damit ein, dann trug er sie einzeln zu dem in der Nähe parkenden Wagen.

Obwohl ihm viele Passanten begegneten, gab es keinen, der sich für ihn oder das transportierte Gut interessierte, jedenfalls registrierte Gernot Ganz nur ein paar flüchtige, zerstreute Blicke.

Er legte die Bilder behutsam in den kleinen, eigens für diesen Zweck gestohlenen Kastenwagen, kehrte in das Haus der Wildes zurück und befreite das Mädchen von Knebel und Fesseln.

„Aufstehen“, befahl er.

Beatrice erhob sich. Sie musste sich an der Stuhllehne festhalten. ihre Blutzirkulation kam nur mühsam in Gang, außerdem hatte ihre Angst einen Grad erreicht, der in eine Ohnmacht zu münden drohte.

„Wir gehen jetzt zum Wagen“, sagte er. „Sie halten sich dicht an meiner Seite. Mein Finger bleibt am Abzug der Waffe. Falls Sie auch nur den geringsten Versuch machen sollten zu fliehen oder zu schreien, drücke ich ab.“

„Ich – ich werde tun, was Sie mir befehlen“, stammelte Beatrice und hasste sich um dieser Schwäche willen. Weshalb hatte sie sich nicht besser in der Gewalt, warum schaffte sie es nicht, diesem brutalen Killer und Entführer zu sagen, was sie von ihm hielt?

Nein, es hatte keinen Sinn, sich in missverstandenem Heldentum zu üben, sie musste sich dem Mann unterordnen, sie hatte keine Wahl.

„Ziehen Sie den Mantel an und setzen Sie sich ein Kopftuch auf“, befahl Ganz. Das Mädchen war ihm einfach zu hübsch, die Nachbarn kannten es, er hatte keine Lust, mit ihr aufzufallen. Ein Kopftuch würde diese Gefahr zumindest mildern.

Beatrice tat, was er von ihr verlangte, dann verließen sie das Haus. „Wie alt sind Sie?“, fragte Ganz unterwegs. Es begann zu regnen. Das war gut, denn es zwang die Straßenpassanten zur Eile, sie hatten weder Zeit noch Lust, sich um Entgegenkommende zu kümmern.

„Einundzwanzig“, sagte Beatrice.

„Verlobt?

„Nein. – Wohin bringen Sie mich?“

„Zu einer Freundin. Es wird Ihnen gutgehen“, versicherte er.

„Haben Sie keine Angst vor dem, was Sie erwartet?“, fragte Beatrice.

„Mich erwarten ein paar Millionen“, spottete er. „Es gibt keinen Grund, sich davor zu fürchten.“

Beatrice schwieg. Es hatte keinen Sinn, mit dem Mann zu reden, zwischen ihnen lagen Welten, die nicht überbrückbar schienen.

Sie erreichten den Wagen. „Steigen Sie ein“, sagte er und half ihr auf den Beifahrersitz. Dann setzte er sich neben sie. Beatrice blickte aus dem Fenster, sie sah die Lichter, die Menschen, alles war greifbar nahe, und doch schien es ihr so, als befänden sich Menschen und Dinge auf einem anderen Stern, sie waren plötzlich unerreichbar geworden.

„Wir fahren jetzt ein Stück durch die Stadt“, sagte er. „Es könnte passieren, dass wir unterwegs gestoppt werden, in diesem Fall geben Sie sich als meine Freundin aus. Vergessen Sie nicht, dass ich bewaffnet bin und nichts zu verlieren habe.“

‚Oh doch, mein Lieber‘, dachte Beatrice. ‚Du hast sehr viel zu verlieren. Dein Leben zum Beispiel. Und ...‘

Weiter kam sie nicht. Ihr Gedankenkarussell stoppte.

Auf der Fahrerseite wurde die Tür aufgerissen. Gernot Ganzs Kopf zuckte herum. Er starrte in die dunklen, tiefliegenden Augen eines Fremden.

„He, was soll das?“, fragte Ganz. Seine Hände lagen am Lenkrad, aber er war bereit, schnellstens nach dem Revolver zu greifen, falls die Umstände es erfordern sollten.

„Herr Ganz, nicht wahr?“, fragte der Fremde. Er trug einen dunklen Regenmantel im Raglanschnitt und hatte ein kleines Sporthütchen auf dem Kopf. Pepitamuster.

Ganz schluckte. Ihn durchzuckte die Erkenntnis, dass etwas schiefgegangen war. Es musste mit Bert zusammenhängen, eine andere Erklärung gab es nicht. Gernot Ganz erstarrte. Bert war vom Engel erschossen worden. Bert musste vorher gesungen haben. Das konnte nur bedeuten ...

Die Schrecksekunde hatte Ganz gelähmt, und sie wurde durch eine weitere Reaktion dieser Art verdoppelt, als plötzlich ein Revolver in der Hand des Fremden auftauchte – eine goldene Waffe.

„Engel!“, murmelte Ganz. Er starrte in die Waffenmündung und wusste, dass seine Uhr abgelaufen war. Er spürte den Druck seines Revolvers und hatte doch keine Chance, sich der Waffe zu bedienen. Engel würde in jedem Fall schneller sein, das stand außer Frage.

„Ja, ich bin es“, sagte der Mann. „Steigen Sie aus, Ganz – oder halt! Warten Sie. Fräulein Wilde, bitte?“

Das Mädchen beugte sich gehorsam nach vorn, atemlos und verwirrt, es hatte mitbekommen, was gesprochen worden war und wusste, was sich hinter dem Pseudonym Engel verbarg, aber es wollte einfach nicht in seinen Kopf hinein, dass das Drama dieser Nacht um einen weiteren, blutigen Akzent bereichert zu werden drohte.

„Ja?“, fragte Beatrice.

Der Mann lächelte dünn. In seinen tiefliegenden, dunklen Augen zeigte sich Bewunderung. Es war zu merken, dass ihn die Schönheit des Mädchens faszinierte. Er sagte: „Nehmen Sie ihm die Waffe ab, bitte – aber Vorsicht, bitte! Er könnte versuchen, mich auszutricksen. Ich möchte Ihnen eine Verletzung ersparen, wenn ich gezwungen sein sollte, ihn jetzt und hier abzuservieren.“

Beatrice benetzte sich die trocken und spröde gewordenen Lippen mit der Zungenspitze, dann zog sie mit hämmernden Herz den Revolver aus Ganz‘ Schulterhalfter. Der Wagen stand zwischen zwei Straßenlaternen, keiner der wenigen Passanten nahm Notiz von den Dingen, die sich an und in ihm abspielten.

„Gut“, lobte der Mann, der an der offenen Fahrertür stand und mit seinem Rücken den goldenen Revolver abdeckte. „Wir gehen jetzt zurück, zurück in Ihr Haus, Fräulein Wilde. Sie gehen voran und öffnen die Tür, ich bleibe direkt hinter unserem Delinquenten.“

„Ich steige nicht aus“, sagte Ganz, der merkte, dass ihm kalter Schweiß ausbrach.

Engel grinste höhnisch. „Wollen Sie hier sterben?“, fragte er.

Beatrice war aus dem Wagen geklettert. Sie kam um das Fahrerhaus herum und hielt die Waffe in der Hand, sie war wie benommen. Das war also Engel, der gefürchtete Killer, das augenblickliche Thema Nummer eins in Westberlin?

Er sah gut aus, fand sie, gut und etwas düster. Er schien dezente Eleganz zu lieben, seinen Sachen war anzusehen, dass sie nicht von der Stange stammten. Der Mann faszinierte sie, aber er machte ihr auch Angst. Er war ein Mörder, er tötete Menschen, dafür gab es keine Entschuldigung, allenfalls eine Motivation.

„Stecken Sie die Waffe ein“, bat er, ohne Ganz aus den Augen zu lassen. „Wir wollen kein unliebsames Aufsehen erregen.“

„Lassen Sie ihn laufen“, hörte sich Beatrice plötzlich bitten. „Sie kennen ja seinen Namen, Sie können ihn verhaften lassen ...“

„Ich weiß etwas Besseres“, sagte der Mann. „Warum verteidigen Sie ihn?“

„Ich hasse ihn“, widersprach Beatrice, „aber das gibt mir kein Recht, ihn zu verurteilen.“

„Sie sind zu edel, zu schwach“, sagte der Mann. „Zum Glück gibt es Männer wie mich, die nichts von solchen Regungen wissen wollen. Ich sage Ihnen auch den Grund. Von derlei Gefühlen profitiert nur die Unterwelt, die Welt der Verbrecher. Es wird Zeit, damit aufzuräumen.“

Ganz mühte sich ab, ruhig zu bleiben. Er musste Zeit gewinnen, er musste es schaffen, seinen Gegner zu überlisten. Nur war es hier, eingeklemmt hinter dem Lenkrad, praktisch unmöglich, eine Basis zum Kontern zu finden, er musste schon aussteigen und den beiden zurück ins Haus folgen, vielleicht ergab sich unterwegs oder am Ziel eine Möglichkeit, mit diesem Wahnsinnigen fertig zu werden.

Der Fremde schob den goldenen Revolver in seine Manteltasche, der Lauf zeichnete sich deutlich unter dem dünnen Stoff ab, er wies geradewegs auf Ganz.

„Okay, gehen wir“, sagte Ganz. Er folgte Beatrice, die hastig voranschritt. Sie hoffte, schnell genug zu sein, um rasch die Polizei informieren zu können, aber Engel sagte plötzlich: „Laufen Sie uns nicht davon, Teuerste. Ich lege Wert darauf, dass Sie in meiner Nähe bleiben.“

Beatrice drosselte ihr Tempo. Sie hatte eine Waffe bei sich, sie konnte versuchen, dem tödlichen Spuk ein Ende zu machen, sie konnte die Stadt von einem Monster befreien, aber ihr fehlte die Kraft für eine solche Tat, sicherlich auch die Legitimation.

Sie war weder Richterin noch Rächerin, sie musste sich dem Geschehen beugen, sie war dem Unbekannten sogar zu tiefstem Dank verpflichtet, denn ohne sein Dazwischentreten wäre es zu der angedrohten Entführung gekommen, wenn nicht zu etwas noch Schlimmeren.

Sie öffnete die Haustür, hielt sie offen und sah zu, wie Ganz an ihr vorbeiging, gefolgt von dem Mann, der die ganze Stadt in Atem hielt.

Die Männer schritten ins Wohnzimmer, dort forderte Engel seinen Gefangenen auf, sich zu setzen. Ganz gehorchte. Er war nervös, er schwitzte stärker als vorher. Er spürte, dass es schwer, wenn nicht gar unmöglich sein würde, den Killer zu überlisten. Der Fremde bewegte sich geschmeidig, er verfügte offenkundig über ausgezeichnete Reflexe. Allein der Umstand, dass er rund zehn Menschen aus dem Weg geräumt hatte, ohne auch nur einen Kratzer davonzutragen, machte deutlich, was dieser Bursche darstellte.

„Wer ist dein Chef?“, fragte Engel. Er hatte den goldenen Revolver aus der Tasche geholt, sein Finger lag am Druckpunkt des Abzugs. Der Tote am Boden schien ihn nicht zu interessieren.

„Ich arbeite allein“, murmelte Ganz, dann raunzte er laut: „Was ist das? Ein Verhör? Das können Sie mit mir nicht machen!“

Der Fremde grinste verächtlich. Er kannte dieses Aufbäumen, diese kläglichen Versuche, Mut und Forschheit zu beweisen. Wenn es erst einmal geknallt hatte, wenn Schmerz und Schwäche kamen, war es mit diesen Demonstrationen männlicher Kraft vorbei, dann waren es schlotternde Wracks, denen nur noch der Fangschuss helfen konnte.

„Bert hat mir was Anderes berichtet“, sagte der Mann, der sich Engel nannte.

„Dieses Dreckschwein“, presste Ganz durch die Zähne, „ich war gleich dagegen, ihn zu beschäftigen. Aber er wollte partout für uns arbeiten, er wollte ‘ne Chance haben, wie er sich ausdrückte. Der Chef hat sie ihm gegeben, er hat ihn zum Abhören der Telefonleitungen herangezogen. Ich bin nicht überrascht, dass das mit Bert schiefgegangen ist.“

„Es geht mit euch allen schief, dafür sorge ich“, sagte der Fremde.

„Was habe ich Ihnen eigentlich getan, Mann?“, fragte Ganz und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Ich bin wie Sie. Ein harter Mann, ein Bursche, der der Welt ins Gesicht spuckt. Wir haben die gleiche Mentalität. Ich kann töten, genau wie Sie. Da liegt er, der Hausdiener. Er meinte, mir eins auswischen zu können. Ich habe ihm gezeigt, wie ich reagieren kann.“

Beatrice setzte sich. Da war sie wieder, die Schwäche in ihren Knien, die Unfähigkeit, das Geschehen zu begreifen. Sie fand das Gespräch, das die beiden Männer miteinander – oder gegeneinander – führten, schlechthin unfassbar, es war ein Stück aus der Horrorwelt, und doch war es Wirklichkeit.

„Da ist ein kleiner, nicht unwesentlicher Unterschied“, sagte der Fremde. „Ich töte, um das Verbrechen auszurotten. Sie töten, um sich zu bereichern. Ich bekämpfe das Übel. Sie bekämpfen das Gute.“

„Ist doch Quatsch, ausgemachter Käse“, sagte Gernot Ganz, der langsam wieder Mut fasste, zumindest Hoffnung. Dieser Engel redete zu viel, er hatte offenbar schwächere Nerven, als er zugeben wollte. Engel musste sich, wie es schien, vor dem eigenen Gewissen rechtfertigen, immer wieder, bis er eines Tages, vielleicht schon heute, durchdrehen und im Irrenhaus landen würde.

„Es ist die Wahrheit“, sagte der Fremde.

Beatrice schloss die Augen. Die Männer redeten und redeten, dabei standen beide unter Hochspannung, das fühlte sie deutlich. Der eine, Ganz, wollte Zeit gewinnen, der andere gewährte sie ihm. Warum? Beatrice hob die Lider. Ihr dämmerte, dass Engel die Situation genoss, dass es ihm nur darum ging, sein Opfer zu quälen, vielleicht auch darum, sich vor ihr, dem jungen Mädchen, aufzuspielen.

Aber da war noch ein Punkt. Sie konnte Engel beschreiben, sie würde die erste sein, die in der Lage war, ein präzises Bild des Gesuchten zu liefern. Der Fremde wusste das. Würde er bereit sein, diese Gefahr zu akzeptieren?

„Sie sind ein Mörder, ein Mörder wie ich“, sagte Ganz. „Sie haben nur nicht den Mut, sich das einzugestehen. Sie lieben den Geruch von Blut. Sie brauchen das. Insofern sind Sie schlimmer als ich. Ich töte nur, wenn ich angegriffen werde. Sie töten, weil es Ihnen Spaß macht.“

Der Fremde straffte sich, seine Backenmuskeln traten deutlich hervor. Ganz begriff, dass er zu weit gegangen war. Er hatte Engel die Wahrheit gesagt, aber Engel war nicht der Mann, der sie zu schlucken vermochte.

Der Fremde schoss.

Beatrice schrie. Ihr Schreien wurde von einem zweiten Schuss übertönt. Beatrice schwieg. Fassungslos schaute sie dem Geschehen zu. Der Fremde feuerte fast die ganze Trommel leer, er ließ nur eine Patrone darin zurück.

Ganz‘ Körper wurde von den Schüssen gepeitscht und geschüttelt, das Leben in ihm bäumte sich auf gegen die erbarmungslosen Treffer. Er stürzte zu Boden, ohne den Schmerz des Falles zu registrieren.

Er war tot.

„Dieses Schwein“, keuchte der Fremde. In seinen Augen irrlichterte es wild. „Von so einem lasse ich mich nicht beleidigen. Ich werde ...“ Er schaute Beatrice an und sah die lodernde Angst in ihrem Blick. Er zwang sich zu einem Lächeln. Es wurde nur eine Grimasse daraus, der missglückte Versuch, aus einem kurzen Blutrausch so etwas wie kalte, männliche Überlegenheit werden zu lassen.

„Er hat bekommen, was er verdiente“, sagte er schweratmend, dann ging er auf Beatrice zu, langsam und kaum merklich geduckt, als ziehe ihn die Spannung zusammen. „Und jetzt, meine Liebe, komme ich zu Ihnen ...“

Beatrice zitterte am ganzen Leibe.

Sie wollte aufspringen und davonlaufen, aber die Furcht lähmte sie. Außerdem: Wohin hätte sie fliehen sollen? Hinter ihr befand sich das geschlossene Gitter der Terrassentür, und vor ihr war der Mörder, der Mann mit dem blutrünstigen Blick und dem gnadenlosen Handeln.

Er lächelte immer noch. Allmählich gewann dieses Lächeln an Kraft, es normalisierte sich, es war kaum noch von demjenigen eines anderen Menschen zu unterscheiden, aber Beatrice schöpfte daraus keine Beruhigung. Der Tote lag im Raum, und die Erinnerung an den kurzen, wahnsinnigen Hassausbruch des Rächers lastete wie ein Tonnengewicht auf ihren Schultern.

Der Mann blieb stehen. „Eigentlich“, sagte er, „müsste ich Sie jetzt töten.“

Beatrice zitterte, sie schwieg, ihr Mund war pulvertrocken. Sie hing an den Lippen des Fremden, sie wusste, dass von dort ihr Urteil kommen würde – Tod oder Freispruch.

„Wie gesagt: eigentlich“, spottete der Mann und ließ die Hand mit dem Revolver sinken. „Aber ich töte keine Unschuldigen, es sei denn ...“ Er machte eine Atempause, fast wie ein Schauspieler, der sich der dramaturgischen Wirkung eines solchen Kunstgriffes gewiss ist. „Es sei denn“, fuhr er dann fort, „ich fühle mich gefährdet, bedroht, an der Fortführung meiner Aufgabe gehindert ...“

„Wie sollte ich Sie wohl gefährden?“, würgte Beatrice hervor.

„Sie könnten der Polizei meine Beschreibung liefern. Sie sind der erste Mensch, der dazu in der Lage wäre“, erklärte der Mann.

Beatrice schüttelte den Kopf. „Ich werde es nicht tun, bestimmt nicht“, versicherte sie.

„Man wird Sie durch die Mangel drehen“, sagte er langsam und ohne ihren angstvollen Blick loszulassen. „Man wird Sie mit albernen, aber überzeugend klingenden Argumenten bombardieren, man wird mit allen Mitteln versuchen, Sie zu einer Beschreibung meines Alters, meines Aussehens, meiner besonderen Merkmale veranlassen. Sie werden nichts sagen. Kein Wort. Nicht mal eine Andeutung werden Sie machen. Es genügt, wenn Sie den goldenen Revolver erwähnen.“

„Sie können sich auf mich verlassen“, murmelte Beatrice.

„Das hoffe ich“, sagte er sanft. In seiner Stimme lag ein drohender Unterton.

„Immerhin haben Sie mich aus seinem Zugriff befreit“, sagte Beatrice. „Aus der Macht eines Mörders!“

Er lächelte. „Stimmt. So müssen Sie es sehen. Ich bin froh, dass ich Sie retten konnte. Sie sind das schönste Mädchen, das mir jemals begegnet ist.“

Ein Frösteln kroch über Beatrices Haut. Sie war es gewohnt, männliche Bewunderung zu ernten, aber im Falle des blutrünstigen Unbekannten war ihr diese Reaktion zuwider, sie machte ihr Angst.

„Wirklich“, fuhr er leise fort, „Sie sind das erste und einzige Mädchen, mit dem ich mir ein Zusammenleben vorstellen könnte. Eine Ehe meinetwegen. Im Grunde sollte ich nicht heiraten, ich muss mich meiner Aufgabe widmen, ich muss diese Stadt von der Pest des Verbrechens befreien – andererseits wäre ein Eheschluss, eine Heirat, eine zusätzliche und ganz fabelhafte Tarnung.“

Seine Augen glitzerten, er atmete rascher. Es war zu merken, wie er sich in den neuen Gedanken hineinsteigerte und Gefallen daran fand. „Meine Frau, eine geborene Wilde – das würde sich gut machen, ausgezeichnet. Und zwischen uns gäbe es von Anbeginn klare Fronten. Sie wüssten, wofür ich stehe und kämpfe. Sie könnten mich unterstützen, wir würden ein perfektes Team bilden ...“

Sie starrte ihm in die Augen. Glaubte er, was er sagte? Ja, er glaubte es, man sah es ihm an. Ein Verrückter also, ein Wahnsinniger, den es schnellstens unschädlich zu machen galt?

Er lachte plötzlich, es schien, als habe er ihre Gedanken erraten. „Sie halten mich für verrückt, nicht wahr? Ich bin es nicht. Ich bin nur ein Mann, der seine Ziele kennt und keine Lust hat, Zeit mit romantischem Unsinn zu verschwenden. Ich weiß, dass ich Sie liebe, und ich weiß, dass ich Sie brauche. Sie werden meine Frau werden.“

„Aber ...“, begann Beatrice. Nahm der Alptraum kein Ende? Kamen nach dem Tod des Hausdieners, nach ihrer Entführung und nach dem Mord an dem Kidnapper noch schlimmere Dinge auf sie zu?

Der Mann winkte ab. „Ich bin kein Unmensch“, behauptete er. „Ich stelle in Rechnung, dass die Geschehnisse des Abends Sie verwirrt haben. Ich verlange jetzt von Ihnen keine Entscheidung. Ich fordere nur das Versprechen, dass Sie loyal zu mir halten und mich der Polizei gegenüber absichern. Das andere findet sich später.“

Er trat auf sie zu, beugte sich nach vorn und hätte sie auf den Mund geküsst, wenn Beatrices Reflexbewegung nicht dafür gesorgt hätte, dass seine Lippen lediglich mit ihrer Wange in Berührung kamen.

„Wir werden ein vollkommenes Gespann sein“, sagte er, steckte die Waffe ein, machte kehrt und verließ das Haus.

Beatrice eilte hinter ihm her und legte die Kette vor, dann lehnte sie sich gegen die Türfüllung und begann hemmungslos zu schluchzen.

Die erlösenden Tränen versiegten, als ihr klarwurde, dass sie die Polizei benachrichtigen musste. Sie hastete zurück ins Wohnzimmer und griff nach dem Telefonhörer. Mit bebender Hand wählte sie die Nummer der Polizei. Sie nannte ihren Namen und verlangte einen Beamten der Sonderkommission zu sprechen. Horst Südermann meldete sich. Er machte auch an diesem Abend Überstunden, er war total übermüdet, er wusste, dass er Schlaf brauchte und sich und der Sache keinen Gefallen tat, wenn seine Ruhe zu kurz kam, aber er musste am Ball bleiben, er musste versuchen, dem wachsenden Terror ein Ende zu bereiten.

Beatrice berichtete, was geschehen war. dann stoppte sie abrupt. Warum stellte der Mann am anderen Leitungsende keine Fragen? Es musste doch Dutzende davon geben. Hunderte!

„Rühren Sie nichts an“, sagte der Inspektor lapidar. „Wir kommen.“

Beatrice genehmigte sich einen Cognac, obwohl sie sich sonst nichts aus Alkohol machte, dann begab sie sich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, sie hatte einfach nicht die Kraft, mit den Toten allein zu bleiben.

Fünf Minuten später klingelte es. Der erste Streifenwagen traf ein, dann ein zweiter. Zwanzig Minuten später stoppte der Kastenwagen der Mordkommission vor dem Haus. Inspektor Südermann begrüßte Beatrice Wilde, dann stellte er den Mann vor, der ihn begleitete: „Das ist Herr Schuster, ein Freund von mir. Er ist Privatdetektiv und arbeitet am gleichen Fall wie ich – im Auftrag einer Zeitung. Sie haben doch nichts dagegen, dass er sich an den Ermittlungen beteiligt?“

Beatrice schüttelte den Kopf. Sie hörte kaum auf das, was der Inspektor äußerte, sie beobachtete fasziniert, wie die Männer des Morddezernats an die Arbeit gingen, schweigend, sachlich, ohne eine Spur von Erregung. Die Fotografen, der Arzt, die Männer der Spurensicherung.

Der Inspektor, Bernd und Beatrice gingen in das angrenzende Arbeitszimmer, sie setzten sich. Beatrice wiederholte ihren Bericht, diesmal weniger überstürzt, sie war bemüht, sich an jede Einzelheit zu erinnern, sie präzisierte das Geschehen, aber sie machte am Schluss auch klar, dass sie nicht vorhatte, eine Beschreibung des Mörders zu liefern. Aus Gründen, die sie nicht zu definieren vermochte, nahm sie jedoch Abstand davon, das Liebeswerben des Unbekannten zu erwähnen.

„Sie tun sich und uns keinen Gefallen damit, wenn Sie uns seine Beschreibung vorenthalten“, sagte der Inspektor.

„Ich habe es ihm versprechen müssen. Ihnen in diesem Punkt meine Unterstützung zu versagen“, meinte Beatrice. „Ich fühle mich an das Versprechen gebunden.“

„Mördern gegenüber darf es keine ethischen Verpflichtungen geben“, sagte der Inspektor.

„Das kann nicht Ihr Ernst sein. Inspektor. Und wenn Sie so denken sollten, ist das Ihre Sache. Ich für meinen Teil nehme jedes Versprechen ernst.“

„Hm“, machte Horst Südermann und rieb sich das Kinn. „Wie Sie wollen. Ich kann verstehen, wie Ihnen zumute ist. Der Mann hat Sie bedroht. Er würde versuchen, sich zu rächen, wenn Sie ihm in den Rücken fielen. Aber gibt es nicht noch andere Gründe für Ihr Schweigen?“

Beatrice schluckte. „Nein“, sagte sie.

„Ich gehe mal rüber zu meinen Leuten“, meinte der Inspektor seufzend und erhob sich.

Bernd blieb mit dem Mädchen im Raum zurück. Er sagte: „Der Inspektor hat recht. Ich fühle, dass Sie ihm nicht die volle Wahrheit ...“ Er kam nicht weiter, er wurde vom Klingeln des Telefons unterbrochen.

Der Inspektor erschien auf der Schwelle. „Nehmen Sie das Gespräch entgegen, bitte“, wandte er sich an Beatrice.

Beatrice griff nach dem Hörer.

„Ich liebe dich“, tönte ihr eine männliche Stimme entgegen. Dann klickte es in der Leitung. Der Teilnehmer hatte aufgelegt. Beatrice warf den Hörer aus der Hand. Ihr Herz hämmerte lebhaft.

„Wer war es?“, fragte der Inspektor. „Der Engel?“

„Ja, ich glaube“, sagte sie. „Er hat sofort wieder eingehängt.“

„Was sagte er?“

Beatrice setzte sich, sie wich dem Blick des Inspektors aus. „Ich kann nicht darüber sprechen“, meinte sie.

Horst Südermann schien eine heftige Erwiderung auf der Zunge zu liegen, dann machte er abrupt kehrt und verließ den Raum. Bernd lehnte sich zurück. Er stellte keine Fragen, er wartete geduldig.

Beatrice schaute ihn an. „Was soll ich nur machen?“, fragte sie plötzlich hilflos. „Er will mich heiraten. Er muss den Verstand verloren haben. Heiraten! Ihn! Das ist einfach unvorstellbar ...“

Bernd zuckte mit den Schultern. „Nehmen Sie das nicht ernst“, empfahl er. „Er kann es sich nicht leisten, aus dem Untergrund aufzutauchen.“

„Wer sagt das? Dieser Mann hat einen unbändigen Willen. Er könnte mich zwingen, ihm in den Untergrund zu folgen – oder in ein anderes Land.“

„Hat er etwas in dieser Richtung geäußert?“

„Nein“, sagte sie und unterdrückte ein Zittern. Sie fürchtete sich vor dem Unbekannten. Der Gedanke, dass sich ein Massenmörder in sie verliebt hatte und entschlossen war, sie zu erobern, verursachte ihr eine Gänsehaut, ein Gefühl von Ekel, Abscheu und Terror.

„Ich behalte Sie im Auge“, versprach Bernd Schuster.

„Sie müssen mir versprechen, nichts von meinem Geständnis zu erwähnen“, bat sie flehend. „Wenn Engel aus den Zeitungen erführe, dass er mir einen Heiratsantrag gemacht hat, wäre mein Leben gefährdet. Er ist eitel. Er könnte es nicht verwinden, zur Zielscheibe journalistischen Spottes gemacht zu werden.“

„Keine Angst“, sagte Bernd. „Ich halte dicht.“

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6

Friedrich W. Carlson betrachtete sich im Spiegel. Er empfand sein Gesicht wie eine lebendige, faszinierende Landschaft, er konnte es täglich mehrere Male betrachten, prüfend und hingebungsvoll, er zeichnete mit seinen Blicken jede Linie und jedes Fältchen nach, es stimmte ihn geradezu feierlich, zu wissen, dass er Berlin in Atem hielt, und dass es ihm gelungen war, zum Mann des Jahres zu werden.

Ein großes Nachrichtenmagazin beabsichtigte, sein Konterfei auf der Titelseite zu bringen: Einen Mann ohne Gesicht, der einen goldenen Revolver in der schwarz behandschuhten Rechten trug.

Friedrich W. Carlson lächelte genüsslich. Er hatte es geschafft, er war jetzt ganz oben. Er litt zwar unter der erzwungenen Anonymität, es schmerzte ihn, sich niemand offenbaren zu können, andererseits war es ein erhebendes Gefühl, den Rhythmus der Stadt gestört und sich zu ihrem neuen Helden ernannt zu haben.

Denn ein Held war er für die meisten, das spürte er genau, das las er zwischen den Zeilen der Zeitungsartikel, das hörte er aus Radiokommentaren heraus, das erfuhr er, wenn es ihm gelang, den Mann auf der Straße zu belauschen.

Natürlich gab es Besserwisser. Moralapostel und Tugendwächter, natürlich gab es den Haufen der Studierten, die in ihm einen gemeinen Mörder sahen, aber die Meinung dieser Leute interessierte ihn nicht. Es war ihm gelungen, diese ewigen Studentendemonstrationen von den Titelseiten zu verdrängen. Auf allen Zeitungen führter er die Schlagzeilen an. Was hatten die anderen denn getan, um das Verbrechen in der Stadt zu stoppen? Sie hatten immerzu nur geredet und geschwätzt, sie hatten schlaue Theorien entwickelt, aber mit bloßer Klugscheißerei ließ sich das Verbrechen nicht eindämmen.

Er hatte als erster den Mut gefunden, den Verbrechern auf breiter Front Paroli zu bieten. Er hatte den Terror des Verbrechens mit Gegenterror beantwortet, er hatte es erreicht, Furcht und Unsicherheit in die Reihen der Kriminellen zu tragen.

Friedrich W. Carlson musterte sich ein letztes Mal im Spiegel, dann setzte er sich in die Küche seines großen, eleganten Apartments und säuberte seinen goldenen Revolver. Er öffnete dabei das zum Hof weisende Fenster, um den penetranten Geruch des Gewehröls abziehen zu lassen.

Als es klingelte, zuckte er kaum merklich zusammen. Er schaute auf die Uhr. Zehn nach zehn. Er erwartete keinen Besuch. Es war Dienstag – oder Mittwoch? Mit seinem Zeitsinn stand er auf Kriegsfuß, seitdem seine Vermögensverhältnisse es ihm gestatteten, sich dem Müßiggang zu widmen. Er war wohlhabend, sogar reich. Bei kluger Einteilung seiner Erbmasse konnte er seinen Lebensabend als gesichert betrachten.

Er wickelte die goldene Waffe in ein Tuch, legte sie mitsamt dem Ölkanister in die Backröhre des Küchenherdes, schnupperte missmutig an seinen Fingern und ging dann in die Diele, um die Tür zu öffnen.

Vor ihm stand ein Fremder, ein schlanker, hochgewachsener Mann von geschätzt fünfundvierzig Jahren.

„Sie wünschen?“, fragte Friedrich Carlson knapp.

„Sie sprechen“, sagte der Mann und lächelte spöttisch. Carlson fand, dass die Stimme des Besuchers herausfordernd klang und spürte ein eigenartiges Ziehen in der Herzgegend.

Ein Polizist?

Ausgeschlossen! Wenn jemand darauf gekommen sein sollte, dass er, Friedrich W. Carlson, identisch mit Engel war, würde der Betreffende es schwerlich wagen, allein in der Höhle des Löwen aufzukreuzen.

Der Mann war gut gekleidet. Sein rundes, glattrasiertes Gesicht wurde von der schmalen Krempe eines weichen Filzhutes beschattet. Er trug einen knielangen, braunen Popelinemantel.

„In welcher Angelegenheit?“, fragte Carlson.

„Das“, meinte der Fremde und zog blitzschnell eine Pistole aus seiner Manteltasche, „sage ich Ihnen am besten in Ihrer Wohnung.“

Carlson starrte in die Waffenmündung und bedauerte, seinen Revolver nicht bei sich zu haben. Er war eher verblüfft als erschrocken, eher erstaunt als ängstlich. Der Fremde konnte unmöglich wissen, wen er vor sich hatte.

Friedrich W. Carlson biss die Zähne aufeinander. Hohn und Mordlust wallten in ihm auf. Der Mann würde seine Frechheit mit dem Leben bezahlen müssen, das stand jetzt schon fest ...

Carlson machte kehrt, er ging in die Küche. Er musste an seine Waffe herankommen, um jeden Preis.

„Stopp“, sagte der Mann, der ihm über die Schwelle gefolgt war. Carlson blieb stehen und wandte sich um. Der Fremde verzog das Gesicht, er bewegte schnuppernd die Nasenflügel. „Gewehröl. Das gute, alte Balistol“, stellte er fest.

„Ich habe nicht mehr als hundert Mark in der Wohnung“, erklärte Carlson, der nur zwei Schritte neben dem Küchenherd stand. „Die können Sie haben.“

Der Besucher lachte. „Hundert Mark!“, höhnte er.

„Sie wollen mehr?“, fragte Carlson stirnrunzelnd.

„Aber ja“, sagte der Mann. „Ich will Ihr Leben, Engel.“

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7

Friedrich W, Carlson war es zumute, als träfe ihn ein tonnenschwerer Rammbock im Zentrum seiner Magengrube. Er musste sich setzen, er blinzelte, plötzlich hatte er Atembeschwerden. Der Schwächeanfall ging vorüber, aber der Terror blieb. Wer war der Eindringling, und wie hatte er herausgefunden, wer sich hinter dem Pseudonym Engel verbarg.

„Sie sehen schlecht aus, Meister“, spottete der Mann. „Offenbar missfällt Ihnen die Erkenntnis, auf der falschen Seite einer Waffenmündung zu stehen.“

„Wer sind Sie?“

„Nennen Sie mich Horst. Das ist zufällig mein richtiger Name. Wo steckt Ihre Waffe?“

„Ich habe keine“, behauptete Friedrich W. Carlson mit trocken gewordenen Lippen. „Wie, zum Teufel, kommen Sie darauf, dass ich Engel sein könnte? Das ist ein Witz – und kein sehr guter, wie ich hinzufügen darf.“

Der Mann grinste höhnisch. Carlsons Herz klopfte hoch oben im Hals. Er hatte gemeint, die Stadt und deren Kriminelle wie Marionetten an Drähten zappeln zu lassen und musste plötzlich entdecken, dass es kein Monopol auf den Terror gibt.

„Dass die anderen noch nicht dahintergekommen sind – kaum zu glauben!“, seufzte der Mann.

„Was meinen Sie damit?“

„Ich meine damit, dass es leicht war, Sie aufzuspüren. Wissen Sie, wie lange ich dazu benötigte? Genau drei Wochen. Wie Sie sehen, bin ich ein Profi.“

Carlsons Gedanken wirbelten durcheinander.

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