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Trau dich - lieb mich

1. KAPITEL

Der Morgen war eine einzige Katastrophe gewesen, sogar für einen Montag. Meredith seufzte. Zuerst hatte sie den Bus verpasst, dann war sie ohne Schirm in einen Regenguss geraten. Ganz zu schweigen von der Laufmasche, die inzwischen so breit sein dürfte wie der Mississippi.

Sie eilte vom Aufzug zu ihrem Büro bei “Colette Jewels”, dem weltberühmten Schmuckhersteller. Meredith öffnete die Tür und schlüpfte in den Raum. Normalerweise konnten ein bisschen Regen oder eine Laufmasche sie nicht so verunsichern. Aber heute musste sie vor den wichtigsten leitenden Angestellten der Firma ihre neueste Kollektion präsentieren, und Meredith hasste es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Dass ihre Frisur und ihre Kleidung vom Regen ruiniert worden waren, machte das Ganze nicht einfacher.

Sie schloss sich in ihrem Büro ein und versuchte, ihr Outfit wieder in Ordnung zu bringen. Ihr rotbraunes Haar ließ sich in feuchtem Zustand kaum bändigen, deshalb bürstete sie es entschlossen zurück und nahm es zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammen. So war ihre Frisur vielleicht ein wenig streng, aber wenigstens praktisch. Meredith besaß eine helle, makellose Haut und hatte blasse Sommersprossen auf der Nase, die sie nur selten mit Make-up abdeckte. Tatsächlich schminkte sie sich kaum. Umso besser, dachte sie selbstironisch. Bei dem Schauer von vorhin wäre jede Mascara verwischt.

Ihre schönen blauen Augen verschwanden fast hinter einer großen Nickelbrille. Meredith nahm die Brille ab und wischte die Gläser mit einem Tuch trocken. Sie wünschte oft, sie könnte Kontaktlinsen tragen, aber ihre Augen reagierten bei jedem Versuch allergisch. Und abgesehen davon gab es sowieso niemanden, den sie mit ihren blauen Augen hätte beeindrucken können.

Zum Glück verdeckte der lange Rock die Laufmasche, aber der Pullover mit dem V-Ausschnitt, der sonst locker ihre Figur verhüllte, schmiegte sich jetzt wie eine zweite Haut an ihren Körper. Merediths Mutter hatte immer gesagt, dass ihre großzügige Oberweite ein wahrer Segen sei, aber Meredith dachte ganz anders darüber. Über die Aufmerksamkeit, die ihr deswegen vor allem von männlicher Seite entgegengebracht wurde, konnte sie sich nicht freuen. Im Gegensatz zu den meisten Frauen, die sie kannte, tat Meredith alles, um ihre weiblichen Rundungen zu verbergen. Die große Brosche an ihrem Pullover zog jetzt das feuchte Material herab, und so nahm Meredith sie ab.

Einen Moment lang betrachtete sie das Schmuckstück mit professionellem Blick. Die Brosche war ungewöhnlich, wahrscheinlich handelte es sich um ein seltenes Einzelstück. Merediths Vermieterin Rose Carson hatte es ihr erst gestern Abend gegeben, als Meredith zum Kaffee bei ihr war. Meredith hatte die Brosche bewundert, und ohne weiter zu zögern, hatte Rose sie sich abgenommen und darauf bestanden, dass Meredith sie sich für eine Weile auslieh.

“Rose, sie ist wirklich wunderschön, und sie muss Ihnen sehr viel bedeuten. Was ist, wenn ich sie nun verliere?”, hatte Meredith eingewandt.

“Ach was, Sie werden sie schon nicht verlieren. Hier, stecken Sie sie an.” Rose half Meredith mit dem Verschluss. “Lassen Sie mal sehen.”

Meredith musste zugeben, dass die Brosche beeindruckend war, aber sie lieh sich nur ungern ein so wertvolles Schmuckstück aus. Es sah Rose ähnlich, so großzügig zu sein.

Die Brosche war fast herzförmig und mit Bernstein und anderen Edelsteinen besetzt. Jetzt betrachtete Meredith das Schmuckstück versonnen. Sie war fasziniert von seiner ungewöhnlichen Form und dem Funkeln der Steine. Jedes Mal, wenn sie die Brosche betrachtete, überkam sie ein seltsames Gefühl, aber sie konnte sich nicht erklären, was es bedeutete.

Sie vertrieb den Gedanken und steckte die Brosche in die tiefe Tasche ihres Kittels. Rose behauptete steif und fest, dass die Brosche ihr Glück gebracht hätte, und Meredith hoffte, dass es auch der Fall sein würde bei ihrer heutigen Präsentation, auch wenn sie das Schmuckstück in ihrer Tasche trug.

Bei der Arbeit zog Meredith immer einen langen, grauen Kittel über ihre Kleidung. Er schützte ihre Sachen, während sie Proben ihrer Entwürfe herstellte, und er verdeckte auch ihren Körper, was Meredith sehr gelegen kam. Heute würde sie den Kittel eben auch für die Präsentation anbehalten, da sie sonst den Eindruck erwecken könnte, als wollte sie an einem Wettbewerb mit nassen T-Shirts teilnehmen.

Meredith wusste, dass sie nicht besonders sexy war. Sie gehörte eher zu dem Typ, den Männer gemeinhin als “graue Maus” bezeichneten. So war es immer gewesen, und sie bezweifelte, dass sich daran je etwas ändern würde. Einige Frauen waren nun mal so geboren. Man besaß entweder Sex-Appeal oder eben nicht. Hatte ihre hinreißende Mutter ihr nicht genau das mehr oder weniger taktvoll gesagt? Wenn Meredith heute ein wenig zerzaust aussah, würde das kaum jemandem auffallen. Und niemanden würde es interessieren.

Meredith setzte sich an ihren Zeichentisch und wandte sich wichtigeren Dingen zu. Sie wollte noch letzte Hand an die Entwürfe legen, die sie um elf Uhr vorstellen sollte. Ihre Mitarbeiter hielten sie für eine Perfektionistin, aber Meredith wusste, dass die wahre Wirkung eines Schmuckstücks im Detail lag. Da es ihr so schwerfiel, während einer Sitzung das Wort zu ergreifen, brauchte sie unbedingt das Gefühl, dass ihre Arbeit fehlerlos war, sonst würde ihre Schüchternheit sie überwältigen.

Aber dieses Mal war sie sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Sie war sehr stolz auf die Kollektion “Ewige Treue” und schon sehr ungeduldig zu hören, was die anderen dazu sagen würden. Die Entwürfe origineller Eheringe waren ihre eigene Idee gewesen, und das schlichte, eher elegante Design trug ihren unverwechselbaren modernen Stempel. Insgeheim lächelte sie über die Ironie, dass sie so schöne Eheringe entwerfen konnte, wenn es doch wenig wahrscheinlich war, dass ein liebender Mann ihr selbst einen solchen Ring schenkte und ihr ewige Treue schwor. Ihr einziger Versuch, eine Beziehung einzugehen, war ein völliger Reinfall gewesen, und Meredith hatte ihn immer noch nicht überwunden. Wenn es das war, was man unter Liebe verstand, dann war sie offensichtlich nicht dafür geschaffen.

Wenn sie Eheringe oder herzförmige Medaillons entwarf, befiel sie immer ein bittersüßes Gefühl. Aber so sehr sie sich auch nach privatem Glück in ihrem Leben sehnte, am Ende warf sie sich mit aller Energie in ihre künstlerische Arbeit – ihre wilden, abstrakten Metallskulpturen.

Manchmal fiel es Meredith schwer zu glauben, dass sie bereits seit vier Jahren bei Colette arbeitete. Die Zeit war so schnell vergangen. Es war gleich ihr erster Job nach dem College gewesen, und obwohl sie nicht erwartet hatte, so lange zu bleiben, war sie schon zweimal befördert worden und hatte kein einziges Mal mit dem Gedanken gespielt, sich nach einem anderen Job umzusehen oder sich von einer Konkurrenzfirma abwerben zu lassen.

Ihr gefiel die Atmosphäre hier. Alle arbeiteten zusammen und gaben sich keinen Rivalitäten und Büroeifersüchteleien hin, wie es anderswo üblich war. Im Lauf der Jahre hatte Meredith sehr gute Freunde gewonnen, die auch bei Colette arbeiteten. Jayne Pembroke, Lila Maxwell und Sylvie Bennett waren ihre engsten Freundinnen, die außerdem noch im selben Wohnhaus am Amber Court lebten wie sie.

Aber wie lange würden Meredith und alle anderen Kollegen noch bei Colette beschäftigt sein? Gerüchte um eine Übernahme waren ab und zu laut geworden und verunsicherten alle Angestellten. Marcus Grey, ein hohes Tier in der Finanzwelt, kaufte alle Aktien von Colette auf, die er bekommen konnte. Und allmählich schien er sich auf den endgültigen Schlag vorzubereiten. Die riesige Firma besaß keine flüssigen Mittel, um sich verteidigen zu können. Jetzt wartete man allgemein auf die Fortsetzung des gefährlichen Spiels, und die Moral im Büro befand sich auf dem Tiefpunkt.

Dennoch war Meredith wie viele der Angestellten entschlossen, optimistisch zu bleiben. Statt sich nur halbherzig an ihre Arbeit zu machen, zwang sie sich, ihr Bestes zu geben und Entwürfe anzufertigen, die wirklich hervorragend waren. Vielleicht würde am Ende ja doch alles gut gehen.

Meredith sah auf den zweiten Stapel von Zeichnungen herab und griff nach dem Bleistift, um einige Verbesserungen anzubringen. Gerade als sie ansetzen wollte, klingelte das Telefon.

“Meredith Blair”, meldete sie sich.

“Ich bin’s”, flüsterte Sally Randolph mit flüsternder, aber drängender Stimme. “Ich brauche dich hier im Verkaufsraum für eine Konsultation.”

“Im Verkaufsraum? Muss das sein?”

“Um ehrlich zu sein, Meredith, ja”, erwiderte Sally.

“Oh wie dumm.”

Meredith hasste es, mit den Kunden zu tun zu haben. Sie wäre lieber verhungert, statt als Verkäuferin arbeiten zu müssen. Doch ab und zu mussten die Designer den Verkäuferinnen bei der Beratung der Kunden helfen.

Bei solchen Besuchen im Verkaufsraum ging es meistens darum, dass eine verwöhnte reiche Frau nicht den Diamantring oder das Kollier fand, die ihr vorschwebten, und das Personal mit einer detaillierten Beschreibung ihrer Wünsche in den Wahnsinn trieb. Meredith wusste, dass es fast immer vergebene Liebesmüh war, es solchen Kunden recht machen zu wollen. Sie fühlte sich weit wohler, wenn sie sich in ihrem Atelier aufhalten konnte.

“Ach komm, Sally. Kannst du nicht jemand anders rufen? Ich habe wirklich viel zu tun. Ich muss heute Morgen einige meiner Entwürfe vorlegen und bin noch dabei, ein paar Fehler auszumerzen. Können dir nicht Anita oder Paul helfen?”

“Ich habe zuerst Frank angerufen”, sagte Sally. “Als ich deinem Boss sagte, wer der Kunde ist, sollte ich dich rufen. Unbedingt dich, Meredith.”

“Wer ist denn der Kunde?”

“Adam Richards”, erwiderte Sally eindringlich. Sie flüsterte, also nahm Meredith an, dass Mr Richards – wer immer er sein mochte – sich in Hörweite befand.

“Muss man wissen, wer das ist?”, fragte sie lachend.

“Ich möchte dir ja nicht zu nahetreten, Meredith, aber auf welchem Planten lebst du eigentlich? Adam Richards von ‚Richards Home Furnishing`. Einer unserer besten Kunden, der jedes Jahr Unmengen von Geld bei uns ausgibt. Aber warum solltest du das wissen? Er ist ja nur ein gewöhnlicher Selfmade-Millionär”, fügte sie ironisch hinzu.

“Ach so, der Adam Richards”, sagte Meredith leichthin. “Ich bin nicht so auf dem Laufenden, was die Selfmade-Millionäre unserer Stadt angeht. Was macht er denn gerade?”

“Er läuft irritiert auf und ab. Vorhin hat er ein paar Stücke ausgesucht, die ihm gefallen, und er möchte mit einem Designer über eine individuell auf ihn zugeschnittene Anfertigung sprechen. Ich werde ihm in Raum 3 einen Kaffee servieren lassen, und du kommst am besten sofort herunter. Ich glaube, er kennt Frank persönlich”, fügte sie noch bedeutungsvoll hinzu.

Meredith hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Boss. Er hatte ihr so viel beigebracht und sie ermutigt, ihr kreatives Talent zu entfalten. Aber obwohl Meredith seine Lieblingsdesignerin war, ließ Frank Reynolds niemandem eine Sonderbehandlung zukommen. Wenn er sagte, dass sie erscheinen musste, dann ging es eben nicht anders.

“Na schön”, gab sie mit einem Seufzer nach. “Sag deinem ungeduldigen Tycoon, dass ich mich sofort auf den Weg mache.”

Meredith legte auf und griff nach einem der kleineren Skizzenblöcke und ihrer Kaffeetasse. Auf dem Weg zur Tür kam ihr der Gedanke, im Spiegel kurz ihr Aussehen zu überprüfen, um vielleicht ein wenig Lippenstift aufzulegen oder sich das Haar zu bürsten. Aber dann zuckte sie die Achseln. Wozu so viel Aufwand? Adam Richards besaß zwar sehr viel Geld, aber materieller Erfolg hatte sie noch nie beeindruckt, und sie konnte sich nicht für Leute erwärmen, die besondere Aufmerksamkeit erwarteten, nur weil sie reich waren.

Sie würde natürlich höflich und professionell sein. Wenn sie Glück hatte, würde sie den herrischen Millionär schnell los werden und noch genug Zeit haben, um ihre Präsentation vorzubereiten.

Der Aufzug zum Erdgeschoss öffnete sich am Ende eines langen Flurs, der zum Verkaufsraum führte. Meredith sah gleich darauf Adam Richards in Raum 3. Er stand mit dem Rücken zu ihr, und das erste, das ihr an ihm auffiel, waren seine breiten Schultern und der hochgewachsene, athletische Körper in einem perfekt sitzenden grauen Anzug. Richards war mindestens einsfünfundachtzig groß. Meredith achtete immer instinktiv auf die Größe eines Mannes, da sie selbst mit ihren einsachtundsiebzig überdurchschnittlich groß war für eine Frau. Hier war endlich ein Mann, zu dem sie aufsehen konnte. Zumindest im wörtlichen Sinn, dachte sie mit einem verstohlenen Lächeln.

Als sie auf die Tür zuging, spürte sie, wie ihre Schüchternheit wieder von ihr Besitz ergriff. Meredith holte tief Luft und zwang sich, weiterzugehen und sich wie eine tüchtige Angestellte zu verhalten. Eine Strähne ihres lockigen rotbraunen Haars hatte sich aus dem Pferdeschwanz gelöst und berührte ihre Wange. Meredith versuchte, sie zurückzustreichen, aber ohne Erfolg.

Bring es hinter dich, sagte sie sich. Mit leicht gesenktem Kopf, den Skizzenblock an sich gepresst, schritt sie zielbewusst ins Zimmer und wäre fast gegen den Mann gelaufen.

Er drehte sich um, als sie hereinkam und trat schnell zur Seite. Offenbar hatte ihr recht unbeholfener Eintritt ihn verblüfft, denn er sah sie erstaunt aus dunklen Augen an. Meredith begegnete seinem nicht unfreundlichen Blick für einen Moment und wich ihm dann schüchtern aus. Sie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte und ihre Wangen zu glühen begannen.

Er war jünger, als sie erwartet hatte, etwa um die vierzig. Waren Selfmade-Millionäre nicht älter? Besaßen sie nicht eine Glatze und einen kleinen Bauch und waren viel weniger attraktiv als dieser hier?

Schließlich rang sie sich dazu durch, ihn wieder anzusehen. Er betrachtete sie immer noch auf eine Weise, die Meredith nur noch verlegener machte.

“Mr Richards.” Sie reichte ihm die Hand. “Wie geht es Ihnen? Ich bin Meredith Blair, eine der Designerinnen bei Colette.”

“Eine der besten, wie ich mir sagen ließ.” Er nahm ihre Hand in seine viel größere und schüttelte sie kurz. Sein Griff war warm und fest und seine Stimme tief und entschlossen. Sein Kompliment ließ Meredith wieder erröten, aber sie gab sich alle Mühe, es zu ignorieren.

“Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich hätte natürlich besser einen Termin mit Ihnen vereinbaren sollen, wie mir jetzt klar wird. Ich hoffe, man hat Sie nicht bei wichtigen Arbeiten unterbrochen?”

“Nein, ganz und gar nicht”, erwiderte Meredith höflich. Schließlich hatte der Kunde immer recht, oder?

“Bitte, setzen Sie sich doch, Mr Richards.” Sie nahmen beide einander gegenüber an einem kleinen Tisch in der Mitte des Raums Platz.

“Bitte nennen Sie mich doch Adam”, bat er mit einem Lächeln. Er hatte gerade weiße Zähne, und zwei Grübchen erschienen in seinen schmalen Wangen. Er sah plötzlich noch attraktiver aus, und Merediths Herz schlug sofort schneller.

Er ist entweder ein sehr netter Mann, sagte sie sich, oder so falsch und hinterhältig, dass er seine Freundlichkeit vortäuschen kann, ohne dass man ihm auf die Schliche kommt. Meredith war Männern gegenüber sehr misstrauisch, besonders wenn sie so gut aussahen wie Adam Richards.

Sie brauchte ein paar Minuten, um die Gegenstände auf dem Tisch anzuordnen, und war dankbar, dass ihr so ein wenig Zeit blieb, um sich wieder zu fangen. Auf einer blauen Samtdecke befanden sich ein Vergrößerungsglas und eine Lampe mit besonders hellem Licht. Meredith stellte die Lampe richtig ein und schob dann ihre Brille hoch. Ihre Hände zitterten leicht, aber sie hoffte, dass es ihm nicht auffallen würde.

“Ich werde kurz und bündig sein, um Sie nicht lange aufzuhalten”, begann er. “Das Problem ist folgendes. Ich möchte meinen Angestellten bei einem Firmenfest in ein, zwei Monaten ein paar Geschenke machen. Es werden etwa fünfhundert Mitarbeiter anwesend sein. Einige von ihnen werden in den Ruhestand treten, und normalerweise schenkt die Firma bei solchen Anlässen eine gravierte Uhr. Aber dieses Jahr möchte ich etwas anderes versuchen, vielleicht eine Krawattennadel”, schlug er vor, “oder einen goldenen Schlüsselanhänger mit einer Art Medaillon oder Inschrift. Dann soll es noch eine Prämie für herausragende Leistungen geben, besonders in der Verkaufsabteilung, und ich möchte dort auch Geschenke überreichen. Alles in allem werde ich etwa hundert Einzelteile brauchen. Glauben Sie, sie könnten bis zur ersten Woche im Dezember fertig sein?”

Meredith betrachtete sein Gesicht, während er sprach. Es war ein sehr ausdrucksvolles Gesicht. Sie bewunderte seine breite Stirn, die geraden Linien von Wangen und Kinn und den großen, sinnlichen Mund. Die Künstlerin in ihr wünschte sich, ihn zu zeichnen. Und es gefiel ihr, dass er ihr auf eine ungekünstelte Art direkt in die Augen sah.

Aber als er geendet hatte und sein Blick endgültig auf ihr ruhte, stellte sie erschrocken fest, dass sie sich so in seinen Anblick vertieft hatte, dass sie kaum ein Wort von dem gehört hatte, was er sagte.

“Die erste Woche im Dezember?”, wiederholte sie vage.

“Die Zeit reicht nicht, denken Sie?” Er schüttelte den Kopf. “Ich erledige immer alles in letzter Minute”, fügte er fast entschuldigend hinzu, und sie sah ihn verblüfft an.

Das hier war kein reizbarer und anspruchsvoller Millionär. Wäre es nicht typischer für einen Selfmademan gewesen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und die Erfüllung seiner Wünsche zu verlangen?

“Vielleicht. Ich meine, wahrscheinlich. Ich meine, es kommt natürlich darauf an, was Sie genau wollen”, stammelte sie und starrte auf ihren Skizzenblock. “Ich weiß jedenfalls, dass wir unser Bestes geben werden, um Ihren Termin einzuhalten, Mr Richards.”

Sie sah auf und entdeckte zu ihrem Entsetzen, dass er grinste. Wahrscheinlich schüttete er sich insgeheim aus über ihr albernes Gestotter. Himmel, sie klang vermutlich wie ein Dummkopf, und sie kam sich auch wie einer vor.

“Nennen Sie mich doch bitte Adam”, erinnerte er sie. “Und darf ich Sie Meredith nennen?”

Sie nickte und schluckte nervös. Was war nur mit ihr los? Zwar war sie meistens nervös, wenn sie jemanden kennenlernte, ganz besonders, wenn es sich um attraktive Männer handelte, aber sonst schaffte sie es wenigstens, sich nichts anmerken zu lassen. Bei diesem Mann verlor sie offenbar völlig die Kontrolle über sich.

“Sie haben natürlich recht. Ich habe mich nicht sehr klar ausgedrückt, stimmt’s?”, sagte er, um ihr die Befangenheit zu nehmen. “Einige Dinge haben mir gefallen. Ich glaube, Miss Randolph hat sie hierhergebracht, damit wir darüber reden können.”

“Ja, natürlich. Damit können wir beginnen.” Meredith nahm den blauen Samtbeutel, der vor ihr auf dem Tisch lag, in die Hand und öffnete ihn hastig. “Mal sehen, was wir hier haben …”, sagte sie leise. Sie holte die Schmuckstücke eins nach dem anderen heraus und legte sie auf den samtenen Untergrund. Jetzt, da es um ihre Arbeit ging, entspannte Meredith sich unwillkürlich. Es fiel ihr leichter, sich mit den Kunden zu unterhalten, wenn sie etwas Handfestes hatte, auf das sie sich konzentrieren konnte.

Sie nahm das erste Stück auf, eine 14-karätige gelbgoldene Krawattennadel mit Gravur und einem etwa einkarätigen eckigen Smaragd. Der Stein saß in einer kronenförmigen Fassung, die Meredith nicht besonders gefiel.

“Was meinen Sie?”, fragte Richards.

Sie war nicht sicher, ob sie offen sein sollte oder nicht. Immerhin wollte sie seinen Geschmack nicht anzweifeln. Andererseits hatte er nach ihrer Meinung gefragt.

“Ehrlich?”

“Natürlich.” Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

“Mir gefällt die Gravur auf der Nadel”, erklärte sie und drehte den Schmuck so unter dem Vergrößerungsglas, dass Richards sie besser sehen konnte. “Aber die Fassung ist nicht so schön. Sie ist nichts Besonderes und wirkt, mit Verlaub gesagt, ein wenig protzig.”

“Genau meine Meinung.” Er nickte lächelnd und wartete darauf, dass Meredith fortfuhr.

Meredith fühlte sich schon ein wenig besser. Glücklicherweise schienen ihr und Adam Richards’ Geschmack ähnlich zu sein, was die Dinge sehr erleichtern würde. “Die meisten Männer werden die Nadel in Verbindung mit anderem Schmuck tragen”, sagte sie. “Eine schlichte, elegantere Fassung würde den Edelstein besser hervorheben und auch leichter mit anderen Schmuckstücken harmonieren.”

Sie drehte die Krawattennadel hin und her, legte sie schließlich zurück auf den Samt und betrachtete sie einen Moment. “Warten Sie. Ich habe eine Idee.” Sie stand schnell auf. “Sagen Sie mir, was Sie hiervon halten.”

Sie ging zu einem glänzenden Holzschränkchen an der Wand, holte einen Schlüsselbund unter ihrem Kittel hervor und öffnete das Schloss. Hinter der Tür gab es drei Schubladen. Nach einigen Augenblicken entdeckte Meredith, was sie gesucht hatte, nahm mehrere kleine Plastiktütchen heraus und brachte sie zu Richards an den Tisch.

“Ich möchte Ihnen diese Steine zeigen”, sagte sie. “Haben Sie in dieser Art schon einmal welche gesehen?”

“Nein”, erwiderte Adam Richards, während er zusah, wie sie die Edelsteine auf das Samttuch fallen ließ.

“Es sind Edelsteine, die an der Oberfläche rund geschliffen sind. Ich habe ein paar Saphire ausgewählt, aber alle Arten farbiger Steine sind in dieser Ausführung zu haben. Rubine, Smaragde, Amethyste. Hier, sehen Sie.” Sie reichte ihm das Vergrößerungsglas.

Er betrachtete die Steine eingehend, und Meredith nutzte den Augenblick, um ihn zu betrachten. Sein Haar war dunkel und dicht und leicht wellig. Er trug es kurz und mit einem Seitenscheitel, sodass ihm eine Strähne ab und zu in die Stirn fiel. Im hellen Licht der Lampe sah sie hier und da ein weißes Härchen. Sein Gesichtsausdruck war angeregt. Adam Richards hatte die dichten Augenbrauen zusammengezogen. Erst jetzt bemerkte Meredith das kleine Grübchen in seinem Kinn. Irgendwie war alles an ihm vollkommen, von seiner langen, geraden Nase bis zu seinen schmalen Wangen und dem festen Kinn.

Er sieht gut aus, dachte sie. Sehr gut sogar. Sie fragte sich, warum Sally sie nicht gewarnt hatte, dass der Kunde so umwerfend war. Aber dann sagte sie sich, dass ihre Kollegin wahrscheinlich sehr gut wusste, dass Meredith dadurch so aus dem Gleichgewicht geraten wäre, dass sie sich doch noch eine Ausrede überlegt hätte, um nicht kommen zu müssen.

Plötzlich sah Richards auf und ertappte Meredith dabei, wie sie ihn anstarrte. Sie errötete heftig vor Verlegenheit, als ein wissendes Lächeln um seine Mundwinkel erschien. Hastig senkte sie den Blick.

“Was halten Sie davon?” Sie tat ihr Bestes, gelassen und professionell zu klingen, aber ihre Stimme klang angespannt und atemlos. Um ihren zitternden Händen etwas zu tun zu geben, nahm sie ihre Brille ab und wischte sie am Rand ihres Kittels ab. Es war eine nervöse Angewohnheit, deren sie sich nicht einmal bewusst war.

Als sie Adam Richards erstaunten Blick auf sich sah, erstarrte sie.

“Wunderschön”, sagte er, und seine Stimme klang fast überrascht. “Wirklich. Sehr subtil und natürlich. Und sehr ungewöhnlich.”

Seine leise gesprochenen Worte und der intensive Blick machten Meredith sehr nervös.

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