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Trau dich – küss mich!

1. KAPITEL

„Evie ist Bradley Harrisons Tochter. Ich kann sie doch nicht in die Dachkammer sperren und so tun, als gäbe es sie nicht!“

„Aber so, wie sie ist, kannst du sie auch nicht der Öffentlichkeit präsentieren, William. Sie blamiert nicht nur die Familie, sondern auch die Firma.“

Will Harrison schenkte sich Whisky nach und bot auch Marcus Heathert on, dem engsten Freund seines verstorbenen Vaters und Rechtsanwalt der Firma HarCorp, ein zweites Glas an. Nun schön, das Dinner gestern im Club war nicht ganz nach Plan verlaufen. Das war doch kein Weltuntergang!

Marcus reichte ihm sein Glas. „Evangeline ist ein nettes Mädchen, aber Rachel hat die Zügel nach dem Tod deines Vaters zu locker gelassen. Das Kind ist ein richtiger Wirbelwind!“

Wirbelwind! Das klang bedeutend netter als „schlecht erzogen“, „gesellschaftlich untragbar“ oder „widerspenstig“, wie man seine Halbschwester leider auch genannt hatte.

Will verging das Lächeln, als er an die Szene gestern beim Mittagessen dachte. Ein Petit Four war der wild gestikulierenden Evie aus der Hand geflogen und direkt auf dem Kopf von Mrs. Wellfords verhätscheltem Schoßhündchen gelandet. Das allein wäre noch komisch gewesen, hätte der kleine Shu-Shu die Süßigkeit nicht mit einem Bissen verschlungen und dann auf dem Schoß seiner Herrin wieder ausgewürgt. Mit diesem kleinen Zwischenfall hatte Evie sich einen denkbar schlechten Einstand in die feine Gesellschaft von Dallas verschafft.

Marcus mochte mit seinen siebzig Jahren recht altmodische Vorstellungen von der standesgemäßen Erziehung höherer Töchter hegen, doch in einem hatte er recht: Die fünfzehnjährige Evie hatte einfach keine Manieren. Und dagegen musste Will, wie der alte Herr ihm seit einer halben Stunde klarzumachen versuchte, dringend etwas unternehmen.

Andernfalls würde der Name Harrison wieder zum Dauerthema in der Klatschpresse werden.

Wie damals, als sein Vater die Verlobung mit einer Sekretärin seiner Firma bekannt gegeben hatte, die halb so alt war wie er. Jeder hatte gewusst, dass Rachel hinter seinem Geld her war, nur Bradley nicht. Oder es war ihm schlichtweg egal gewesen. Jedenfalls hatte er milde lächelnd mit angesehen, wie Rachel ihn umschwirrte und mit vollen Händen sein Geld ausgab. Sie hatte ihn zum Gespött eben jener Kreise machte, in die sie unbedingt hatte aufsteigen wollen.

Als Rachel des Lebens in Dallas überdrüssig geworden war, hatte Bradley sich zur Ruhe gesetzt und war mit ihr und der fünfjährigen Evie in die Karibik übergesiedelt. Die Leitung des Familienunternehmens hatte er in die erfahrenen Hände seines gerade einmal sechsundzwanzigjährigen Sohnes Will gelegt.

Während Will die nächsten zehn Jahre damit verbrachte, die Firma zu einem internationalen Konzern auszubauen, tollten sein Vater und Rachel an den Stränden von St. Kitty herum, wenn sie nicht gerade durch die Weltgeschichte reisten. Sie dachten gar nicht daran, ihre Tochter Evie auf die gesellschaftliche Stellung vorzubereiten, die sie in Dallas innehaben würde. Oder, wie Marcus es ausdrückte, auf ein Leben in der Zivilisation.

Nach dem Tod seines Vaters hörte Will jahrelang kaum etwas von Rachel. Sie tauchte nur noch als regelmäßiger Posten in der Firmenbuchhaltung auf. Bis sie dann vor einem Monat tödlich verunglückt war und Will die Vormundschaft für ihre verwaiste Tochter Evie übernommen hatte, die er kaum kannte.

Bisher war es nicht sonderlich gut gelaufen.

Will räusperte sich. „Mrs. Gray und Evies Lehrer …“

„Mrs. Gray ist Haushälterin. Sie sorgt dafür, dass ihr etwas zu essen und saubere Kleidung habt, aber sie ist wohl kaum die Richtige, um dem Kind Umgangsformen beizubringen. Und Evangelines Hauslehrer haben genug damit zu tun, sie für die Aufnahmeprüfung an der Parkline Academy vorzubereiten.“

Marcus konnte furchtbar stur sein, aber er war der feste Anker in Wills Leben und in der Firma und der Familie Harrison treu ergeben. Evies Auftauchen hatte dem alten Herrn ein neues Betätigungsfeld eröffnet, worüber Will nicht unglücklich war. Endlich standen sein eigenes Liebesleben und die Notwendigkeit, für eine neue Generation von Harrisons zu sorgen, nicht mehr im Fokus von Marcus’ Aufmerksamkeit.

„Gut“, lenkte Will ein, „ich suche jemanden, der Evie Manieren beibringt.“

„Es pressiert, William. Man fragt nach ihr. Ich habe die Leute jetzt wochenlang mit der Erklärung vertröstet, dass Evangeline Zeit brauche, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten.“

„Die braucht sie auch.“ Wills eigene Mutter war gestorben, als er zwölf war. Er hatte vollstes Verständnis für Evies Trauer. „Ja, aber ihre Stellung hier in den Vereinigten Staaten birgt gewisse Verpflichtungen.“ „Du meine Güte, sie ist fünfzehn!“ „Eins sage ich dir, William Harrison – Evangeline muss in die Gesellschaft eingeführt werden. Es wird allgemein erwartet, dass sie am Wohltätigkeitsball zugunsten der Klinik teilnimmt.“ Marcus lehnte sich im Sessel zurück und schwenkte gelassen sein Whiskyglas. „Aber … das ist in drei Wochen!“, stammelte Will. „Stimmt. Also sieh zu, dass du jemanden auftreibst.“

Liebe Miss Benimm,

meine beste Freundin hat sich mit dem Jungen verabredet, in den ich verknallt bin. Ich bin furchtbar sauer auf sie. Und jetzt soll ich ihr für das Date auch noch meine Lederjacke leihen! Sie sagt, das gehört sich so, weil sie mir neulich ihre Stiefel geliehen hat, aber ich finde, sie benimmt sich total daneben. Wir sind beide Fans Ihrer Kolumne, also sollen Sie entscheiden. Muss ich ihr die Jacke wirklich leihen? Cinderella

Gwen griff nach ihrer Kaffeetasse. Leer. Sie brauchte mindestens noch eine Tasse Kaffee zur Stärkung, bevor sie sich tiefer in den tückischen Sumpf jungmädchenhafter Streitigkeiten hineinwagte.

Die Kaffeekanne auf der Warmhalteplatte in der Küche war noch halb voll. Gwen schenkte sich großzügig ein. In den neun Monaten ihrer Tätigkeit als Miss Benimm, Expertin für gutes Benehmen auf einer Website für Teenager, genannt TeenSpace, war sie mit so viel jugendlichem Herzschmerz konfrontiert worden, dass es für eine ganze Soap Opera gereicht hätte.

Sie hatte zugesagt in der Annahme, es handele sich um die Beantwortung so simpler Fragen wie: Wer lädt wen zum Schulball ein? Weit gefehlt! Die komplizierten Regeln der Sitzordnung bei Tisch waren ein Kinderspiel im Vergleich zu den Dramen, die sich täglich in der Highschool abspielten.

Gwens eigene Erfahrung mit Teenagertragödien hielt sich in Grenzen. Sie war – bis auf einen Ausrutscher – immer die brave Tochter gewesen, während ihre Schwester Sarah mit ihren Kapriolen den Zorn ihrer Mutter auf sich gezogen hatte. Merkwürdig, wie sehr sie ihrem Verhalten treu geblieben war. Auch heute noch war sie immer um Harmonie bemüht.

Mit einem heiseren Miau sprang Letitia hinter dem Brotschrank hervor, um sich auf Gwens Hasenpantoffeln zu stürzen. Mit ausgefahrenen Krallen landete sie an Gwens Knöcheln. Gwen verschüttete vor Schreck ihren Kaffee.

„Du verbrühst dir noch das Fell, du dumme Katze!“

Die Plüschpantoffeln mit den lustigen Hasenohren, ein Geschenk von Gwens Schwester, machten die sonst so friedliche Letitia rasend. Seit fünf Tagen ging das nun so. Gwens Fußgelenke sahen aus, als sei eine Horde Minivampire darüber hergefallen. Seufzend ließ sie die Pantoffeln in der Küche liegen, damit Letitia sie nach Herzenslust jagen konnte, und kehrte an ihren Computer zurück.

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde … Diesen Kommentar verkniff sie sich lieber, als sie ihre Antwort an Cinderella verfasste. Nachdem sie auch die anderen Anfragen des Tages bearbeitet und auf die Website gestellt hatte, widmete Gwen sich der Post auf ihrem Schreibtisch. Ihre Kolumne als Miss Benimm im Internet war ein voller Erfolg, und ihr wachsender Bekanntheitsgrad kam ihrer eigentlichen Tätigkeit als Etikettetrainerin sehr zugute. Sosehr sie den Job manchmal hasste – nahezu jede Debütantin in Dallas hatte ihre Nummer als Kurzwahl gespeichert.

Neben Rechnungen und auch einigen Schecks, die ihr Bankkonto dringend benötigte, befand sich in der Post auch eine weitere Danksagung für ihre Arbeit mit dem diesjährigen Debütantenjahrgang. Diese Anerkennung hatte sie sich redlich verdient. Die Klasse war eine der schlimmsten gewesen. Sie auch nur dazu zu bringen, ihre Kaugummis aus dem Mund zu nehmen und ihre Handys abzuschalten, hatte Gwen oft an den Rand ihrer Geduld getrieben.

Sie musterte die Wand ihres Arbeitszimmers, an der eine Danksagung neben der anderen hing. Über den Zertifikaten einiger der besten Schulen des Landes war noch Platz, aber dort wollte sie nichts hängen haben, was mit ihrer derzeitigen Tätigkeit zu tun hatte.

Wenn meine Kommilitonen mich jetzt sehen könnten, dachte sie seufzend beim Anblick der Zeugnisse, die sie als beste Studentin ihres Jahrgangs auswiesen. Auch ihr Diplom von der George Washington-Universität hing dort, wenn auch reichlich verstaubt. Ausgebildet für die Arbeit mit Politikern und hochrangigen Geschäftsleuten, musste sie sich derzeit mit Debütanten und Tanzschülern herumschlagen.

Eines Tages aber würde sie nicht mehr darauf angewiesen sein, reichen, verzogenen Teenagern Manieren beizubringen, sondern könnte wieder mit Erwachsenen und ernstzunehmenden Geschäftsleuten arbeiten.

Das hoffte sie zumindest.

Das Läuten ihres Geschäftstelefons riss sie aus ihren Gedanken. Lächelnd meldete sie sich: „Guten Morgen. Etikette im Alltag, Gwen Sawyer am Apparat.“

„Miss Sawyer? Hier spricht Nancy Tucker von William Harrisons Büro bei HarCorp International.“

Gwens Herz machte einen Satz. Seit Monaten versuchte sie, einen Fuß in die Tür dieser Firma zu bekommen. Bisher hatte der Drachen im Personalbüro ihre Anfragen jedoch hartnäckig ignoriert.

„Miss Tucker, was kann ich für Sie tun?“

„Mr. Harrison ist an Ihrem Service interessiert und würde Sie gern in seinem Büro empfangen. Heute Nachmittag um zwei, wenn es Ihnen passt.“

Adrenalin rauschte durch ihre Adern. Wenn es mir passt? Für diesen Termin hätte sie alles getan! Der Drachen konnte ihr gestohlen bleiben. Der Chef höchstpersönlich wollte sie sehen.

Sie sagte zu, verabschiedete sich höflich, doch erst, als der Hörer sicher auf der Gabel lag, stieß sie einen Freudenschrei aus.

Dies war der Durchbruch. Ihre Tage in der Debütantenhölle waren gezählt. Nach fünf langen, quälenden Jahren bekam sie endlich die Chance auf einen beruflichen Neubeginn! Hatte sie nicht neulich in der Zeitung gelesen, dass HarCorp in den asiatischen Markt einstieg? Irgendjemand musste ihr Angebot an den Firmenchef weitergeleitet haben. Ihr blieb kaum Zeit, um sich vorzubereiten, aber das eine wusste sie jetzt schon:

Dieser Termin würde ihr Leben verändern.

Gwen sah auf ihre Armbanduhr. Zehn vor zwei. Perfekt. Sie hatte die letzten fünf Minuten in der Damentoilette im vierzehnten Stock des Firmengebäudes von HarCorp verbracht, um nicht zu früh zu kommen. Jetzt überprüfte sie ein letztes Mal ihr Erscheinungsbild.

Auf dem zugigen Firmenparkplatz hatten sich einige feine Strähnen aus dem strengen Knoten gelöst, zu dem sie ihr dunkles Haar frisiert hatte, doch das war nicht weiter schlimm. Sorgfältig überpuderte sie noch einmal die zarten Sommersprossen auf ihrer Nase, trug einen letzten Hauch Lipgloss auf und betrachtete dann kritisch ihr Spiegelbild. Nein, einen Schönheitswettbewerb würde sie nicht gewinnen, aber sie sah seriös und kompetent aus, genau so, wie man es von einer Protokollberaterin erwartete.

Sandbeiges Kostüm, pfirsichfarbene Bluse, geschlossene Pumps und eine lederne Aktenmappe, dazu als Glücksbringer Grandma Janes Perlenkette.

Pünktlich um fünf Minuten vor zwei öffnete sie die Glastür zum Direktionsbereich von HarCorp und trat an die Rezeption, die mit ihren blinkenden Lämpchen, ultramodernen Tastaturen und Computerbildschirmen dem Cockpit eines Flugzeugs glich.

„Mr. Harrison befindet sich noch in einer Sitzung“, teilte ihr die Rezeptionistin mit. „Er bedauert die Verspätung und lässt Sie bitten, noch einen Augenblick Platz zu nehmen. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

Kaffee war das Letzte, was Gwens verkrampfter Magen jetzt brauchte. Sie lehnte höflich ab, nahm in einem der Ledersessel im Wartebereich Platz und vertiefte sich in die einzige verfügbare Lektüre, den Jahresbericht von HarCorp.

Aus dem angekündigten Augenblick wurden erst zwanzig, dann dreißig Minuten. Gwens Verärgerung wuchs. Endlich erschien eine dunkelhaarige Frau im limonengrünen Kostüm, die sich als Nancy Tucker vorstellte.

„Tut mir leid, dass Sie warten mussten, Miss Sawyer. Mr. Harrison erwartet Sie.“

Das wird auch Zeit, dachte Gwen gereizt, doch sie zwang sich zur Ruhe. Dieser Termin war zu wichtig, um sich über Unpünktlichkeit aufzuregen.

Nancy öffnete die Tür zum Büro des Direktors, und Gwen wurde von der atemberaubenden Aussicht auf die Skyline von Dallas empfangen. Dies war auch der einzige Empfang, der ihr zuteil wurde. Der Mann, dem das Büro gehörte, winkte sie herein, ohne sein Telefonat zu unterbrechen.

Sie stellte ihre Tasche ab, nahm auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz, faltete die Hände im Schoß und wartete.

Regel Nummer eins, dachte sie irritiert – telefonier nicht, wenn dir ein Mensch aus Fleisch und Blut gegenübersteht.

Doch sie übte sich in Geduld. William Harrison war ein vielbeschäftigter Mann. Unter den reichen Töchtern, die sie zu unterrichten pflegte, und deren Müttern galt er als einer der begehrenswertesten Junggesellen von ganz Dallas.

Gwen, die ihn bisher nur aus der Zeitung kannte, konnte verstehen, warum. Wäre sie nicht so gereizt gewesen, hätte sie vielleicht sogar selbst eine winzigkleine Schwäche für ihn entwickeln können. Die Pressefotos wurden ihm nicht gerecht. In natura wirkte er kein bisschen steif und unnahbar.

Er hatte den obersten Hemdknopf geöffnet, die Krawatte gelöst und die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Sein dunkles Haar war länger als bei den meisten Männern in seiner Position, und sein sonnengebräunter Teint ließ vermuten, dass er nicht seine gesamte Zeit hinter Bürotüren verbrachte. Die breiten Schultern und muskulösen Arme wiesen auf sportliche Aktivitäten hin, die über eine gelegentliche Runde Golf weit hinausgingen. War er einer dieser Freizeitcowboys? Suchend glitt ihr Blick über die Wände seines Büros, doch sie konnte keine der üblichen Westerndekorationen entdecken.

Ein tiefes, kehliges Lachen lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann hinter dem Schreibtisch. Er fing ihren Blick auf und lächelte. Und dieses Lächeln gab ihr den Rest. Himmel, der Mann hatte ein Grübchen! Welche Frau konnte da widerstehen?

Sie jedenfalls nicht, ihrem wild pochenden Herzen nach zu urteilen. Hilfe! Sie unterdrückte den Impuls, sich Luft zuzufächeln, so heiß war ihr plötzlich.

Ehe sie ganz begriffen hatte, dass sein Telefonat beendet war, kam er um den Schreibtisch herum und reichte ihr die Hand. „Tut mir leid, dass ich Sie warten ließ, Miss Sawyer. Will Harrison.“

Aus der Nähe betrachtet, sah der Mann sogar noch umwerfender aus. Seine Augen waren braun. Nicht braun gesprenkelt wie ihre eigenen, sondern von einem tiefen, klaren Haselnussbraun. Sein warmer, fester Handschlag erzeugte ein angenehmes Prickeln. Sie war drauf und dran, schwach zu werden.

Reiß dich zusammen, Gwen, du bist doch kein Groupie!

„Kein Problem“, versicherte sie, öffnete ihre Aktenmappe und entnahm ihr mehrere Unterlagen über die Firma HarCorp. „Etikette im Alltag bietet Ihnen …“

Will Harrison nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz. „Meine Sekretärin meinte, Sie seien die Beste in Ihrem Fach, also werden Sie sicher mit Evie zurechtkommen. Ich möchte nur wissen, ob Sie schnell und effizient arbeiten können. Die Zeit drängt. Und ich setze äußerste Diskretion voraus.“

Einigermaßen versöhnt durch das Kompliment über ihren hervorragenden Ruf, verzieh Gwen ihm die rüde Unterbrechung. Ja, sie war die Beste, und es war höchste Zeit, dass endlich jemand davon Notiz nahm! Doch wer war Evie?

„In drei Wochen findet der Benefizball für die Klinik statt. Evies Feuerprobe, sozusagen.“

Jetzt war Gwen vollends verwirrt. Natürlich wusste sie, wann der Ball stattfand – seit Wochen war in ihren Kursen von nichts anderem die Rede. Doch was hatte der Chef von HarCorp damit zu tun, außer einen Scheck auszustellen?

Sie räusperte sich. „Mr. Harrison, Miss Tucker hat nicht erwähnt, welchen Service Sie genau für Ihre Firma benötigen …“

William Harrisons dunkle Augenbrauen schossen in die Höhe, doch als sein Computer den Eingang einer E-Mail signalisierte, wandte er sich dem Bildschirm zu. Mit fliegenden Fingern hämmerte er auf die Tastatur ein, bevor er erwiderte: „Es geht um Evie, meine Halbschwester.“

Die widerspenstige Evangeline, natürlich. Es kursierten die wildesten Gerüchte über sie. Oh, nein! Gwen beschlich eine böse Vorahnung.

„Sie lebt jetzt bei mir, aber ihre Manieren lassen sehr zu wünschen übrig.“

Das darf doch nicht wahr sein! „Sie suchen eine Erzieherin für Ihre Schwester?“

„So ungefähr. Jemanden, der ihr gepflegte Konversation und Tischsitten beibringt und ihr bei der Auswahl ihrer Garderobe hilft.“

Ihr sank das Herz. All ihre Hoffnungen lösten sich in Luft auf. Nicht HarCorp brauchte sie, sondern eine weitere verwöhnte Debütantin. Um sicherzugehen, fragte sie: „Und wie alt ist Evie?“

„Fünfzehn.“

Gwen versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Ziemlich jung, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Meinen Sie nicht …“

Nachdem er sich zwischenzeitlich schon wieder dem Computer zugewandt hatte, widmete Will ihr nun zum ersten Mal seine volle Aufmerksamkeit. „Sie ist keine Debütantin, sie ist eine Harrison“, sagte er scharf, wobei er den Namen aussprach, als handele es sich um ein Synonym für Königliche Hoheit. „Bedauerlicherweise ließen mein Vater und meine Stiefmutter, die beide verstorben sind, ihrer Tochter keine angemessene Erziehung zuteilwerden. Ich möchte nicht, dass Evie sich oder die Familie bei dem Ball in Verlegenheit bringt, also …“

Diesmal war es das Telefon, das ihn minutenlang ablenkte. Die Höflichkeit verbot es, ihn auf sein grobes Verhalten anzusprechen, doch Miss Benimms Nerven lagen allmählich blank.

Um nicht seinem Gespräch lauschen zu müssen, was ebenfalls unhöflich gewesen wäre, nutzte Gwen die Gelegenheit, ihre Lage zu überdenken. Und kam zu dem Schluss, dass sie eigentlich keinen Grund hatte, beleidigt zu sein. Will Harrisons Angebot umfasste genau die Tätigkeit, mit der sie derzeit ihren Lebensunterhalt verdiente. Nur ihr Stolz hatte einen kleinen Dämpfer erlitten, weil sie mit zu hohen Erwartungen hier eingetroffen war. Warum sollte sie den Job nicht annehmen? Vielleicht färbte etwas von dem Training ja auf Will Harrison ab …

Der Gedanke machte ihr neuen Mut. Wenn sie Glück hatte, war dies ihre Chance, doch noch bei HarCorp zu landen. Durch die Hintertür, aber immerhin.

„Also, Miss Sawyer, wie denken Sie darüber?“ Bewundernswert, wie er blitzschnell von einem Thema zum anderen wechselte, ohne den Faden zu verlieren.

„Ich würde Ihre Schwester gern unterrichten, Mr. Harrison, aber drei Wochen sind knapp …“

„So ist es. Sie werden jede freie Minute mit Evie verbringen müssen.“ Er kritzelte etwas auf ein Stück Papier, stand auf und überreichte es ihr, lässig an den Schreibtisch gelehnt.

Es kostete Gwen einige Überwindung, sich vom Anblick seiner langen Beine loszureißen und sich auf die schwungvolle Schrift auf dem Zettel zu konzentrieren. Es war eine Adresse im vornehmen Wohnviertel Turtle Creek.

„Sie können heute Abend noch einziehen, das Gästezimmer ist vorbereitet.“

Gwen schoss das Blut in die Wangen. „Sie meinen, ich soll bei Ihnen …? Das ist nicht Ihr …“ Sie atmete tief durch, um ihr unprofessionelles Gestammel in den Griff zu bekommen. „Ich bin Geschäftsfrau, Mr. Harrison. Ich habe noch andere Klienten, um die ich mich kümmern muss.“ Die Zeitungen werden mich in der Luft zerreißen!

„Evie muss mehrere Stunden am Tag für die Schule lernen. Sie dürften also genug Zeit für andere Dinge haben. Ich werde Sie angemessen bezahlen.“

Nur dank ihres jahrelangen Trainings gelang es ihr, sich nichts anmerken zu lassen, als er eine schwindelerregend hohe Summe nannte. Er schien es wirklich ernst zu meinen.

„Und wie gesagt, ich verlange äußerste Diskretion.“

Diskretion? Mit diesem Betrag hätte er die Gesellschaftskolumnistin des größten Klatschmagazins von Dallas zum Schweigen bringen können.

Sie war jünger, als er erwartet hatte. Und hübscher, auf die Art des netten Mädchens von nebenan. Ihr fehlte die spröde Zimperlichkeit, die in höheren Kreisen oft anzutreffen war. Eine willkommene Abwechslung zu den Frauen, denen er sonst begegnete.

Er hatte mit einer fülligen, grauhaarigen Matrone gerechnet, oder mit dem resoluten Typ einer Mary Poppins. Von einer Etikettetrainerin durfte man doch wohl annehmen, dass sie alt genug aussah, um Alkohol trinken zu dürfen. Und nicht wie Miss Gwen Sawyer, die vermutlich jedes Mal ihren Ausweis vorzeigen musste. Zugleich aber strahlte sie eine kühle Eleganz aus, die ihn faszinierte und an der Evie sich ein Vorbild nehmen konnte.

Sie trat ruhig und professionell auf, doch er wusste, dass sie nicht so abgeklärt war, wie sie sich gab. Miss Sawyer mochte ihr nahezu perfektes Pokerface aufgesetzt haben, doch ihre großen goldbraunen Augen verrieten sie. Irgendetwas hatte sie gleich zu Anfang des Gesprächs irritiert, wenn er auch noch nicht herausgefunden hatte, was es war.

Natürlich war sie verblüfft über das Honorar. Es war weit mehr, als ihr Service jemals kosten konnte. Er wollte eben sichergehen, dass sie sich ganz auf Evie konzentrierte und Tish Cotter-Hulme, der federführenden Klatschreporterin von Dallas, kein Sterbenswörtchen von ihrer Mission verriet.

Gwen reagierte erstaunlich gefasst. Sie verbarg ihre Verunsicherung hinter einem höflichen Lächeln, ein Trick, den sie Evie hoffentlich beibringen würde.

„Ich kann unmöglich bei Ihnen einziehen.“

„Sind Sie verheiratet?“ Er warf einen Blick auf ihre fest im Schoß gefalteten Hände, konnte aber nicht mit Sicherheit sagen, ob sie einen Ehering trug.

„Wie bitte?“ Sie hob errötend die Augenbrauen.

„Haben Sie einen Ehemann? Kinder?“ Die Antwort interessierte ihn sehr.

„Nein, aber …“

„Gut.“ Er atmete erleichtert auf. „Ich weiß, dass Ihnen mein Vorschlag merkwürdig vorkommen muss …“ Ach, tatsächlich?, sagte Gwens Blick. Bevor sie ihre Ablehnung deutlicher formulieren konnte, fuhr er hastig fort: „Aber Evie trauert um ihre kürzlich verstorbene Mutter. Sie ist empfindlich und hat Schwierigkeiten, sich einzufügen. Sie braucht jemanden, der ganz für sie da ist.“

Er sah ihr an, dass sie kurz davor war, nachzugeben.

Sie spielte mit ihrer Perlenkette. Eine zarte Röte zeigte sich auf ihrem Dekolleté. „Nun, ich denke, ich könnte …“

„Wunderbar.“

„Ich bereite den Vertrag vor und faxe ihn Ihrer Sekretärin.“ Jetzt wirkte sie wieder nüchtern und geschäftsmäßig, was Will bedauerte. Leicht verlegen fand er sie noch reizvoller.

„Und ich setze eine Vereinbarung über Ihre Schweigepflicht auf. Ich möchte nicht, dass Evie diskreditiert wird oder private Details an die Öffentlichkeit gelangen.“

„Natürlich, das verstehe ich vollkommen.“ Gwen stand auf, und auch er erhob sich. Er war einen guten Kopf größer als sie, aber sie straffte die Schultern, sah ihm geradewegs in die Augen und sagte mit fester Stimme: „Wenn es Ihnen recht ist, bin ich heute Abend um halb sieben bei Ihnen.“

Will musste lächeln. Er verstand nicht viel von Etikette, doch Miss Sawyer hätte eine hervorragende Managerin abgegeben. Er konnte es kaum erwarten, sie mit Evie in Aktion zu sehen.

„Sehr gut. Um sieben Uhr essen wir zu Abend.“

Gwen reichte ihm die Hand. „Es war nett, Sie kennenzulernen, Mr. Harrison.“

„Nennen Sie mich Will.“

„Ich bin Gwen. Bis heute Abend dann.“

Höflich lächelnd wandte sie sich zum Gehen und gab ihm Gelegenheit zu sehen, was ihm bei ihrem Eintreten entgangen war: lange, schlanke Beine, hübsche Kurven, gut getarnt unter dem faden Businesskostüm, ein geschmeidiger Gang.

Er konnte nur hoffen, dass Evie sie mochte.

Nach seiner Unterhaltung mit Marcus hatte er Evie in Tränen aufgelöst in der Diele vorgefunden. Mit ihrem dunklen Haar und den hohen Wangenknochen kam sie ganz nach Rachel, nur die braunen Augen hatte sie, wie Will, von ihrem Vater.

„Es tut mir leid, dass ich euch blamiere“, hatte sie geschluchzt. „Bitte, schick mich nicht ins Internat!“

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