Logo weiterlesen.de
TransAustralia

Vorwort

Nein, ich habe keine Wette verloren und nein, eine Schnapsidee war es auch nicht! Als ich aber den Plan äusserte zu Fuss durch Australien zu wandern, haben meine Freunde nur den Kopf geschüttelt. Zuerst hat mir niemand geglaubt, dass ich diese Reise wirklich unter die Füsse nehmen würde. Später haben mich alle für verrückt erklärt: «Das geht nicht» oder «das ist doch viel zu weit, zu heiss und zu gefährlich…».

Für mich war die Sache aber schon entschieden. Als Fotograf wollte ich wieder eine etwas speziellere Reise dokumentieren und ein Abenteuer erleben. Ich wollte ganz bewusst meine Komfortzone verlassen. Die Destination Australien stand schon seit langer Zeit weit oben auf meiner Wunschliste, denn die letzte Reise nach Down Under lag schon siebzehn Jahre zurück. Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht konventionell mit einem Auto oder einem Allradfahrzeug das Land bereisen wollte. Auch ein Fahrrad kam nicht mehr in Frage, da ich bereits im Jahr 1997 10000 Kilometer auf dem roten Kontinent abgestrampelt habe. Da blieb eigentlich nur noch eine Reise zu Fuss. Wie du siehst hatte ich gar keine andere Wahl!

Nun wusste ich also, dass ich nach Australien reise, vier Monate Zeit habe und zu Fuss unterwegs sein werde. Ich habe dann einfach zu rechnen begonnen und bin zum Schluss gekommen, dass die zu bewältigende Strecke nicht viel länger als 3000 Kilometer sein darf. Ich habe mir einfach mal zugetraut zirka dreissig Kilometer am Tag marschieren zu können. Beim Studium der Landkarte bin ich schnell auf den berühmten Stuart Highway gestossen. Diese Strasse verbindet Darwin im Norden mit Port Augusta respektive Adelaide im Süden des Landes. Sie durchquert den gesamten Kontinent. Mir war bewusst, dass ich meine gesamte Ausrüstung, die ich für ein solches Unterfangen benötige, nicht auf meinem Rücken tragen kann; das wäre viel zu schwer. Ich musste also eine Lösung für dieses Problem finden. Klar war, dass ich ganz alleine, ohne Begleitfahrzeug unterwegs sein wollte. Ich habe viele Ideen gewälzt und wieder verworfen: Schubkarre, Rollbrett oder Pulka konnten mich nicht überzeugen. Plötzlich hatte mein Bruder Andreas einen Geistesblitz. «Nimm doch einen Einkaufswagen. Da hast du genügend Platz und ein solches Gefährt findest du in jedem Supermarkt, zudem kann man diese Lastesel überall für einen Dollar mieten!» Ich war von dieser schrägen Idee so begeistert, dass ich nicht länger überlegen musste. Meine Reise «TransAustralia, 3059 Kilometer zu Fuss mit dem Einkaufswagen durch Down Under» war geboren!

Erste Probleme

Voller Tatendrang stehe ich am Dienstag, 24. Mai 2016 um 08:34 Uhr in Solothurn am Bahnhof und besteige den ICN nach Zürich Flughafen. Lange habe ich diese Reise geplant und recherchiert und nun ist es soweit. Doch schon in Oerlikon läuft es nicht mehr rund. Der Zug steht fünfzehn Minuten scheinbar ohne Grund im Bahnhof. Plötzlich taucht die gestresste Zugbegleiterin auf und informiert, dass wegen einer technischen Panne der Zug gewendet werden muss. Nun geht es wieder zurück in den Zürcher Hauptbahnhof. Ich werde schon ein bisschen nervös, denn so viel Reservezeit habe ich nicht, um meinen Flieger nach Australien zu kriegen. Diese Reise beginnt ja schon gut, denke ich. Kaum aus der Haustüre und die Probleme fangen an. Ist das ein schlechtes Omen für meinen Höllentrip durch Australien?

Zurück im Hauptbahnhof bin ich erleichtert, dass nur einige Minuten später ein Regionalzug Richtung Flughafen fährt. So erwische in das Flugzeug nach Singapur problemlos. Das Glück hat mich definitiv nicht verlassen, denn die Maschine ist halb leer und ich habe eine gesamte Sitzreihe für mich alleine.

Ankunft in Darwin

In Singapur habe ich für den Transfer geschlagene drei Stunden Zeit. Der Terminalwechsel verläuft bequem mit dem «Skytrain». Nur gerade vier Stunden dauert der Flug ins australische Darwin das ich am Nachmittag erreiche. Ich quartiere mich im Voraus gebuchten Hotel Cavenagh ein und kriege ein recht grosses Zimmer mit einem «queensize bed». Kurz erkunde ich die nähere Umgebung des Hotels. Das schwülheisse Klima drückt mir den Schweiss aus allen Poren. Kommt das wohl gut, wenn ich nach einem kurzen Spaziergang schon ausgelaugt bin? Mir kommen die ersten Zweifel. Zumindest habe ich schon einige Ausrüstungsgeschäfte entdeckt, wo ich mich mit allem Nötigen eindecken kann. Aber für heute ist genug und ich gönne mir ein wunderbares «steak and chips» mit einigen kühlen Bierchen zum Runterschwenken.

Mein Einkaufswagen für die nächsten vier Monate

Am Donnerstag nach dem Frühstück watschle ich los. Die Sonne brennt schon gnadenlos vom Himmel. Das Thermometer zeigt knappe dreissig Grad an. Ich folge dem Brennan Drive Richtung Norden. Bei der «Fisherman's Wharf» fotografiere ich die Skyline von Darwin mit den Booten, die sich im Wasser spiegeln. Mir läuft der Schweiss nur so runter! Ein erster Vorgeschmack auf die nächsten Wochen und Monate. Und da werde ich zusätzlich einen hundert Kilogramm schweren Einkaufswagen vor mich herstossen müssen! Nach einer Stunde bin ich in der Gewerbezone des Stadtteils Winnelie. Hier habe ich mit Mike abgemacht. Über sieben Ecken habe ich mit ihm schon vor einem Monat Kontakt aufgenommen. Auf der Internetseite eines deutschen Herstellers von Rollen und Rädern habe ich dessen Vertretung im australischen Brisbane angeschrieben. Die waren ziemlich begeistert von meiner ungewöhnlichen und verrückten Idee und haben mich eben an Mike in Darwin verwiesen. Er ist, oder besser gesagt, war der Besitzer der Firma «Territory Material Handling». Vor einigen Wochen hat er sein Business an die Firma «Richmond Wheel & Castor CO» verkauft, um sich Mitte Juni in Adelaide pensioniert niederzulassen. Es ist mein grosses Glück, dass Mike noch hier ist. Er arbeitet die neuen Besitzer ein, aber er hat genügend Zeit für mich. Wie versprochen hat er noch einen Einkaufswagen am Lager. Bei der Auswahl der Räder sind wir uns am Anfang überhaupt nicht einig. Er möchte mir «Spitalräder» montieren, also solche, die normalerweise an den Krankenbetten fixiert sind. Diese hätten zwar prima an die vorhandenen Halterungen gepasst, aber Mike hat dann doch eingesehen, dass der Stuart Highway nicht einen so schönen, flachen und polierten Boden, wie das moderne Darwin Hospital, besitzt! Nun, ich habe mich für den «Offroad-Typ» entschieden; aber der passt hinten und vorne nicht an den Wagen. Nach drei Mal am Kopf kratzen zückt Mike das Telefon und ruft seinen Freund Rod an. Zwanzig Minuten später steht Rod mit seinem Rauschebart ebenfalls vor dem Patienten und schüttelt den Kopf. Nicht etwa, weil er ein Problem sieht, mir meine neuen Räder anzuschweissen, sondern wegen meines ziemlich schrägen Trips! «You are crazy, absolutely crazy. I could give you a lift to Alice Springs next week!» In seinem breiten «Aussie English» will er mir tatsächlich eine Mitfahrgelegenheit anbieten, die ich natürlich dankend ablehne. Aber nun sind alle von meinem «Shopping Trolley Virus» angesteckt. Glen, der neue «Branch Manager», sucht schon mal die Räder und Halterungen raus, währenddessen Mike, Rod und ich vor meinem zukünftigen Gefährt stehen und uns mit Ideen nur so übertrumpfen. Rod verspricht mir, seine Schweissarbeiten bis morgen zu erledigen. Gemeinsam verladen wir das gesamte Material auf seinen weissen «ute». Als «ute» bezeichnen die Australier übrigens ihre kleinen Pickups, also Autos mit einer offenen Ladefläche. «Ute» steht für «utility vehicle». Glen nimmt mich freundlicherweise in die Stadt mit, so kann ich mir einen einstündigen Rückmarsch ersparen.

Am Nachmittag ist ein Besuch im Outdoor Shop fällig. Den grössten Teil meiner Ausrüstung habe ich aus der Schweiz mitgenommen. Doch einige Sachen muss ich mir noch hier besorgen: Gaskartusche für den Kocher, Hut mit Fliegennetz, Zwanzigliter-Wasserbehälter und noch etwas sehr Luxuriöses: einen faltbaren Campingstuhl mit Lehne. Oh, was Wichtiges habe ich fast vergessen: ein extrem starkes Klebeband, dem die Australier den treffenden Namen «100 mile tape» gegeben haben. Sie meinen, dass man mit diesem Klebeband fast alles flicken kann und wenn das auch nicht mehr geht, gehört das kaputte Teil in den Müll!

Zurück im Hotelzimmer mache ich mir beim Anblick meiner Ausrüstung langsam aber sicher ein bisschen Sorgen. Wie in Gottes Namen bringe ich diese Menge Equipment auf meinen 145 Liter fassenden Einkaufswagen? Ok, im Moment liegt alles ziemlich chaotisch verstreut auf dem Boden und dem Bett. Geschickt verpackt muss einfach alles Platz haben! Und das Wichtigste fehlt noch – mein Proviant! Ich benötige Lebensmittel und Wasser für mindestens vier Tage. Bei vierunddreissig Grad im Schatten bedeutet das, zirka dreissig Liter Wasser zu bunkern. Essbares kann ich nur mitnehmen, was bei dieser Hitze nicht sofort schlecht wird!

Mein Besuch im Supermarkt fällt dementsprechend kurz aus, da ich die leckeren Sachen in den Kühlregalen ignorieren muss! Fürs Frühstück gibt es «instant» Porridge, das ich mit getrockneten Früchten und Nüssen aufmotzen werde und Pulverkaffee von einem sehr grossen Schweizer Unternehmen – tja, da drückt doch mein Schweizer Patriotismus durch! Für unterwegs gibt es Getreideriegel, die nicht schmelzen und den leckeren, schweren Früchtekuchen, den ich noch von meinem Australien-Fahrradtrip aus dem Jahr 1997 her kenne. Da freue ich mich schon darauf! Zum Start werde ich auch einige Äpfel, Bananen und Karotten dabeihaben. Zum Abendessen gibt es nach getaner Arbeit «two minute noodle soup» in verschiedenen Variationen, «Chili con carne» aus der Büchse oder Fertigreis auch von einem sehr grossen internationalen Unternehmen, das irgendwie so einem ollen Onkel gehört...

Am Abend mache ich einen Abstecher zum «Mindil Beach Sunset Market». Jeden Donnerstag- und Sonntagabend findet an der Strandpromenade dieser berühmte Markt statt. Touristen wie Einheimische geniessen zu Tausenden die Essensstände aus allen Herren Länder. Sie sitzen mit einem leckeren Curry aus Bangladesch oder einem frischen Sushi am Strand und beobachten die Sonne, wie sie als riesiger Feuerball in der Timorsee versinkt.

Zurück im klimatisierten Hotelzimmer erwartet mich eine schlaflose Nacht. Schwere Gedanken schwirren mir durch den Kopf: Habe ich betreffend Einkaufswagen die richtigen Entscheide getroffen? Stimmt die Radauswahl? War es ein kluger Schachzug, die zwei drehenden Räder hinten und nicht vorne zu montieren? Habe ich genügend Platz? Ist das Gefährt stabil genug? Sollte ich mich verspekuliert haben, werde ich das die nächsten vier Monate büssen müssen. An Schlaf ist nicht zu denken!

Zweimal sprachlos

Erst gegen Morgen werde ich von einem unruhigen Schlaf von meinen Gedanken erlöst. Wie gerädert stehe ich erst um 10 Uhr auf. Ich mache mir einen ziemlich lockeren Tag. Ich warte eigentlich nur auf einen Telefonanruf von Mike.

Um 15 Uhr ist meine Geduld zu Ende und ich rufe ihn an. Am Draht habe ich Glen, der mir verspricht, nachzufragen, ob das Objekt meiner Begierde schon geschweisst ist. Um die Zeit zu überbrücken fahre ich in das East Point Nature Reserve nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Von hier aus habe ich eine wunderbare Sicht auf die Skyline von Darwin. Die Felsen haben eine wunderschöne Marmorierung, die einen unglaublichen Kontrast zum blauen Meer bildet.

Kurz vor Sonnenuntergang kommt der sehnlichst erwartete Telefonanruf! Es ist Mike! «How are you and where are you?» sind seine ersten Worte und ja, der Einkaufswagen sei fertig. Zwanzig Minuten später holt er mich mit dem Auto ab und gemeinsam fahren wir zu seiner Firma. Ich bin völlig sprachlos, als er mir mein Gefährt für die nächsten vier Monate präsentiert! Rod, der Schweisser, hat einen einmaligen Job abgeliefert! Die Achsen sind verbreitert, damit das Ganze an Stabilität gewinnt. Die grossen Räder sind absolut professionell montiert. Auf der unteren Ebene hat er mir, auf meinen Wunsch, noch ein Gitter angebracht. So habe ich einiges mehr an Platz zur Verfügung. Und als i-Tüpfelchen hat er einen passenden, schwarzen Deckel konstruiert. Einfach genial! Auch die Halterungen für meine Go-Pro-Kamera hat er nicht vergessen! Als ich die Rechnung begleichen will, sagt Mike nur trocken: «Du kannst deine Brieftasche wieder wegstecken. Wir schenken dir das Ganze und wünschen dir eine sichere und erlebnisreiche Reise.» Jetzt bin ich zum zweiten Mal am heutigen Tag sprachlos!

Die Verabschiedung ist kurz aber herzlich. Das Schöne ist, ich werde Mike und seine Partnerin Dolores in knapp vier Monaten wiedersehen. Sie werden in zwei Wochen nach Adelaide umziehen. Mike gibt mir seine Telefonnummer und sagt, sie freuten sich schon jetzt, von meinen Abenteuern zu hören. Die Freude wird ganz auf meiner Seite sein und ich hoffe, mich dann revanchieren zu können. Es ist schon am Eindunkeln. Da Mikes Wagen für mein Gefährt zu klein ist, bleibt mir nichts Anderes übrig, als die sechs Kilometer zurück nach Darwin zu Fuss zu gehen. Immerhin habe ich so bereits die Möglichkeit meinen Einkaufswagen ein bisschen zu testen. Klar, er ist noch leer und leicht, aber es rollt sich wirklich gut damit. Was für ein Gefährt! Stolz wie ein Pfau spaziere ich Richtung Downtown. So muss sich ein Besitzer eines «Rolls Royce» fühlen! Aber mein rollender Untersatz ist wohl eher ein «Rolls Noise» oder vielleicht ein «Rolls Nice»?

image

Einkaufsmöglichkeiten mit Kilometerangaben von Darwin bis Adelaide

Darwin0
Palmerston20
Noonamah42
Adelaide River113
Hayes Creek165
EmeraldSprings190
Pine Creek226
Katherine316
Mataranka422
Larrimah498
Hiway Inn Rh.593
Dunmarra633
Elliot736
Renner Springs827
Banka-Banka886
Three Ways Rh.964
Tennant Creek989
Wycliffe Well1121
Barrow Creek1212
Ti-Tree1301
Aileron Rh.1362
Alice Springs1497
Stuarts Well Rh.1588
Erldunda1694
Kulgera1775
Marla1950
Coober Pedy2184
Glendambo2436
Pimba2551
Port Augusta2725
Wilmington2767
Melrose2790
Murray Town2807
Wirrabara2820
Laura2833
Georgetown2860
Yacka2893
Clare2927
Auburn2949
Tarlee2979
Gawler3016
Adelaide3059
image

Packliste

Wohnen

Einmannzelt Marmot Force IP, inklusive Reparatur-Kit

Schlafsack Exped bis -10 Grad inklusive Seideninlet

Liegematte Therm-a-Rest inklusive Reparatur-Kit

Campingstuhl mit Rückenlehne, kleines Kopfkissen

Kochen/Reparatur

Gaskocher mit 660 ml Kartusche

2 Pfannen, je 1 Löffel, Gabel, Plastiktasse

Schweizer Taschenmesser, Nähset, Geschirrtuch

2 Wasserbeutel mit je 2 Liter Inhalt

14 PET-Flaschen mit je 1.5 Liter Inhalt, PET-Flaschenhalter

Feuerzeug, Kabelbinder, Schnur, Duct Tape

6 Spannseile, Fahrrad-Kettenschloss

4 Ersatzräder zu Einkaufswagen inklusive Schrauben

3 wasserdichte Packsäcke, Tupperware für Kleinmaterial

Bekleidung

2 Paar lange Trekkinghosen zum Zippen, Jeans zum Reisen

4 T-Shirts, langärmliges Shirt Odlo, Kapuzenpullover

Softshelljacke Mammut

3 Paar Wandersocken, 3 Paar Unterhosen

Gore-Tex Regenhose, Gore-Tex Regenjacke Adidas

Sonnenhut inklusive Fliegennetz, Bandana, Sonnenbrille

Trekkingschuhe Salomon, Trekkingsandalen Teva

Toilettensachen

Zahnbürste, Zahnpaste, Sonnencreme, Bodylotion, Deo

Antiseptische Creme, Schmerzmittel, Imodium

Nagelschere, diverse Pflaster, Waschlappen, Duschgel

Wattestäbchen, kleines Frotteetuch

Foto/Film

2 Gehäuse Fujifilm XT-1 inkl. 6 Akkus

Objektive zu Fujifilm: 10-24mm, 16-55mm, 50-140mm, 60mm Macro

kleiner Aufsteckblitz, Funkfernauslöser, Reinigungsset

Sony Videokamera mit zwei Akkus

GoPro Hero3 black mit diversen Halterungen und zwei Akkus

Stativ Manfrotto mit Kugelkopf

ASUS SSD Notebook, 2 Samsung Portable SSD mit je 500GB

Fotorucksack Lowepro, diverse Ladegeräte, Petzl Stirnlampe

GoalZero Nomad 13 Solarmodul, Smartphone

Proviantliste

Frühstück

Kaffeepulver, Teebeutel, Zucker

Instant Porridge mit verschiedenen Geschmacksrichtungen

Nüsse, getrocknete Früchte, Brot, Peanut Butter, Marmelade

Unterwegs

Äpfel, Orangen, Bananen, Früchtekuchen, Kekse

gesalzene Nüsse, gesalzene Kartoffelchips

diverse Schokoladen- und Getreideriegel

Mittagessen

Nudelsuppe, Brot, Käse, Salami, Karotten

Abendessen

Büchsen: Chili con carne, Gulasch, Curryeintopf mit Poulet Baked beans, Spaghetti, Gemüseeintopf, Thunfisch

Nudelsuppen mit diversen Geschmacksrichtungen

Tag 1: Samstag, 28. Mai 2016, Kilometer 24 (24)

Mörderische Hitze und extreme Luftfeuchtigkeit

Ich habe wieder nicht sonderlich viel geschlafen. Jetlag kombiniert mit einem gewissen Reisefieber, das war der Cocktail der mich die meiste Zeit wachgehalten hat. Nach einem schnellen Frühstück schleppe ich mein gesamtes Gepäck vom Hotelzimmer ins Erdgeschoss runter.

Meinen Prototyp hatte ich über Nacht am Zaun des Schwimmbeckens angekettet. Ich versuchte zwar den Wagen im Lagerraum einzuschliessen, doch wegen der verbreiterten Achse war die Türe einfach zu schmal. So bin ich erleichtert, dass mein Einkaufswagen noch genau da ist, wo ich ihn am Abend zuvor geparkt hatte. Die gesamte Ausrüstung hat gerade so Platz: Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher mit Gaskartusche, Hygieneartikel, Kleider, Regenschutz, dreissig Liter Wasser, Proviant für sechs Tage und der prallgefüllte Fotorucksack. Dazu noch das Fotostativ und ein klappbarer Campingstuhl mit Lehne. Nicht zu vergessen die vier Reserveräder inklusive Schrauben und Unterlegscheiben, die mir Mike mitgegeben hat.

Ich mache noch einen kurzen Stopp im Ausrüstungsladen, um einige zusätzliche Spannseile zu kaufen. Auch das Fahrradgeschäft beehre ich. Da besorge ich mir einen PET-Flaschenhalter. Diesen montiere ich mit zwei Kabelbindern aussen an den Einkaufswagen. Auf diese Weise habe ich schnellen und bequemen Zugriff zum Trinkwasser. Auch ein paar Reflektoren leiste ich mir, die ich später an meinem Gefährt anbringen werde.

Um 10 Uhr kann das Abenteuer definitiv losgehen. Die ersten zwanzig Kilometer bis Palmerston führt ein komfortabler Fahrradweg parallel zum Stuart Highway Richtung Süden. Diese berühmte Strasse wird für die nächsten drei Monate sozusagen mein Zuhause sein. Sie ist nach dem schottischen Geometer und Entdeckungsreisenden John McDouall Stuart benannt. Nach verschiedenen vorausgegangenen erfolglosen Versuchen, hatte er im Jahre 1862, die Süd-Nord-Durchquerung des australischen Kontinents geschafft. Neun Monate benötigte Stuart und sein Expeditionsteam, um die knapp dreitausend Kilometer lange Stecke durch unerforschtes Gebiet als erste Weisse zu meistern. Ich werde für dieselbe Strecke voraussichtlich nur einen Drittel der Zeit benötigen.

Es ist brütend heiss, vierunddreissig Grad im Schatten. Kombiniert mit einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit macht es das Marschieren fast unerträglich! Der Schweiss rinnt mir nur so runter. Er tropft im Sekundentakt von meinem Gesicht vor mir auf den Asphalt. Nach zehn Minuten bin ich klitschnass. Die kurzen Hosen und das T-Shirt kleben an meinem Körper! Immerhin habe ich den Weg praktisch für mich alleine – wer ausser mir verlässt schon freiwillig sein vollklimatisiertes Auto oder Haus, um sich sportlich zu betätigen? Zum Glück hat es recht viele Wolken und so komme ich ab und zu in den Genuss von «kühlem» Schatten. Ansonsten brennt die Sonnen gnadenlos herunter – ich schätze so um die fünfundvierzig Grad! Auch der Asphalt ist extrem aufgeheizt und gibt zusätzliche Hitze von unten ab. Nach rund drei Stunden Marsch entdecke ich das erste Stuart Highway-Schild mit den Kilometerangaben: Tatsächlich nur noch 1492 Kilometer bis Alice Springs und das wird erst Halbzeit sein! Ich weiss wirklich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. In der Hitze schleppe ich mich recht gut voran. Ich schütte fortlaufend Flüssigkeit in mich hinein. Trotz den sechs Litern lauwarmen Wassers, das ich heute trinke, muss ich nur ein einziges Mal pinkeln! Der Rest der Flüssigkeit verflüchtigt sich mit meinem wasserfallartigen Schwitzen.

Südlich von Palmerston habe ich genug für heute und richte mein Camp hinter einer Kuppe, fünfzig Meter vom Stuart Highway entfernt, auf. Um 19 Uhr ist es schon dunkel und ich bin froh, dass ich meine Suppe noch bei Tageslicht zubereitet habe. Ich verziehe mich ins Zelt. Ich liege nackt auf meinem Schlafsack und schwitze, ohne mich zu bewegen. Die Temperatur während der Nacht fällt nicht tiefer als sechsundzwanzig Grad. Ich bin feucht und klebrig, wälze mich schwitzend im Zelt umher und fühle mich ausgelaugt, schlapp und alleine. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die röhrenden Roadtrains mitten durch mein Schlafgemach brausen. Erst am frühen Morgen kann ich für ein paar Stunden Ruhe finden.

Tag 2: Sonntag, 29. Mai 2016, Kilometer 53 (29)

Was ein Hutbändel mit einem Roadtrain zu tun hat

Schon um halb fünf verlasse ich mein Zelt. Dank dem Mond ist es nicht stockdunkel. Nach meinem Porridge und dem heissen Kaffee packe ich meine Ausrüstung zusammen. Eine Stunde vergeht vom Aufstehen bis zum Abmarsch. Ich habe beim Beladen noch einige Änderungen vorgenommen. Jetzt passt alles perfekt. Um halb sechs starte ich in den recht kühlen Morgen, wenn man sechsundzwanzig Grad kühl nennen kann! Ich wandere immer auf der rechten Strassenseite, so dass ich den entgegenkommenden Verkehr im Auge habe. Der Stuart Highway ist hier oben noch vierspurig und hat getrennte Fahrbahnen. So habe ich zumindest genügend Platz neben all den Autos und Lastwagen. Bis in die Dämmerung verwende ich meine blinkende Stirnlampe, damit mich die Autofahrer gut sehen. Nun weiss ich auch, warum mir die Verkäuferin im Ausrüstungsladen unbedingt ein Hutmodell mit Kinnbändel empfohlen hat. Nicht wegen dem Wind, sondern viel eher wegen den, mit hundert Stundenkilometern vorbeibrausenden, Roadtrains! Fünfzig Meter lange Lastzüge, mit bis zu einundzwanzig Achsen erzeugen eine so starke Windböe, dass ich ohne Bändel meinen Hut auf Nimmerwiedersehen verlieren würde. Ich senke immer meinen Kopf, so dass die Druckwelle meine Hutkrempe über mein Gesicht drückt. So bin ich auch ein bisschen geschützt, sollten winzige Steinchen aufgewirbelt werden.

Da es bewölkt ist, sind die ersten Stunden recht angenehm. Ab 10 Uhr brennt die Sonne aber wieder runter und verlangsamt mein Tempo merklich. Kurz vor dem Mittag treffe ich nach zwanzig absolvierten Kilometern in Noonamah ein. Schon von weitem sehe ich das Schild: «Rodeo Steakhouse». Ich quetsche meinen Wagen durch die Tür. Das ist nicht ganz so einfach, denn mein Gefährt ist ja bekanntlich ein bisschen «oversized» zumindest, wenn man es mit den Standardeinkaufswagen aus dem Supermarkt vergleicht. Ich latsche quer durch die Gaststube ins klimatisierte Restaurant und mache es mir dort für drei Stunden bequem. Wie es sich gehört, bestelle ich einen riesigen Rodeo-Burger und ein eiskaltes Bier! Was für ein Leben! Ich falle mit meinem nicht gerade gesprächigen Begleiter ziemlich auf. Oder ist es eine Begleiterin? Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ist es ein Er, Sie oder vielleicht doch ein Es? Zum Glück wird das Essen serviert und ich lasse diese Gedankenspiele sein.

Immer wieder kommen neugierige Leute zu mir an den Tisch und möchten gerne wissen, was es mit mir und dem Einkaufswagen auf sich hat. Meine Standardantwort ist meistens: «I'm going shopping in Adelaide.» Den meisten kann ich so ein Lachen oder zumindest ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern. Es gibt aber auch einige wenige, die nur komisch gucken und die Welt nicht verstehen. Vielleicht haben sie auch das Gefühl, ich wolle sie veräppeln. Klar, man hat schon vor langer Zeit das Automobil erfunden und eigentlich gibt es überhaupt keinen Grund, so etwas Verrücktes zu Fuss zu machen. Ehrlich gesagt, dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen...

Um 15 Uhr geht es nochmals auf die Piste. Die Hitze ist jetzt wieder einigermassen erträglich. Nach zweieinhalb Stunden fühlt es sich an, als sei mein Tageswerk vollbracht. Ganz einfach ist es nicht, ein romantisches Nachtlager zu finden. Ich habe wieder Glück und stelle mein Zelt, von neugierigen Blicken geschützt, neben der Bahnstrecke des berühmten «Ghan» auf. Noch schnell den Reis aufwärmen, eine Karotte (wegen den Vitaminen) einwerfen und der Sonne zuschauen, wie sie schon vor 19 Uhr untergeht.

Tag 3: Montag, 30. Mai 2016, Kilometer 83 (30)

Lauwarmes Wasser und eiskaltes Bier

Um die kühlen Morgenstunden auszunützen, starte ich wieder um 6 Uhr. So sind die ersten zwei Stunden fast gratis absolviert. Um 9 Uhr bin ich schon beim Arcacia Hills Roadhouse und gönne mir ein kühles Cola. Im Schatten geniesse ich die halbstündige Pause. Es hat sich mittlerweile schon herumgesprochen, dass so ein komischer Kauz mit einem futuristischen Gefährt auf der Strasse unterwegs ist. Zwei Personen fahren mir extra nach, um ein Foto zu machen. Sie halten auf einen kurzen Schwatz, drehen dann wieder um und fahren in die Richtung zurück aus der sie gekommen sind.

Um die Mittagszeit wird es mir definitiv zu heiss. Ich ziehe meine «lunchtime» auf einem Roadtrain-Parkplatz ein. Ich habe es mir gerade auf meinem Stuhl bequem gemacht, als ein kleiner Campingbus anhält. Der junge Malaie, der mehrheitlich in Neuseeland wohnt, bietet mir ein eiskaltes «Cooper Pale Ale» an! Da kann ich selbstverständlich nicht Nein sagen, denn das ist zufälligerweise mein australisches Lieblingsbier. Was für ein genialer Service! Ich liege bis kurz vor 15 Uhr im Schatten. So kann ich der grössten Hitze aus dem Weg gehen. Doch es ist noch nicht viel kühler. Der einzige Vorteil besteht darin, dass die Sonne schon auf die rechte Seite der Strasse gewandert ist. So habe ich ein bisschen Schattenwurf der Bäume auf dem Highway. Es ist immer noch so heiss, dass ich spätestens nach einer halben Stunde für zehn Minuten im Schatten pausieren muss. Ich bin so erschöpft, dass ich einfach abliege. Fünf Minuten hechle und ventiliere ich, bis sich mein Puls einigermassen normalisiert. Erst dann geht mein Griff zur Wasserflasche. Trinken und noch einmal trinken! Über einen Liter Wasser benötige ich pro Stunde – ich komme mir vor wie ein Durchlauferhitzer! Das Wasser scheint einfach ungebremst durch meine Poren zu fliessen. So quäle ich mich noch zweieinhalb Stunden gegen Süden.

Tag 4: Dienstag, 31. Mai 2016, Kilometer 113 (30)

Nudelsuppe zum Frühstück

Nach einer schlaflosen Nacht stehe ich um 3 Uhr auf. Mein Frühstück besteht aus einer Nudelsuppe! Mein Körper lechzt nach Kohlenhydraten. Hauptsache salzig! Vor allem rutscht es ohne viel Aufwand hervorragend hinunter. Nach fünfundvierzig Minuten bin ich abfahrbereit und zurück auf dem Stuart Highway. Meine blinkende Stirnlampe habe ich wieder vorne am Wagen montiert, damit mich die wenigen, entgegenkommenden Fahrzeuge sehen. So ist das Marschieren relativ bequem und ich komme sehr gut voran. Mein Ziel ist Adelaide River, das dreissig Kilometer entfernt liegt. Ich erlebe einen schönen Sonnenaufgang. Ich bin recht zügig unterwegs, denn ich weiss, dass es ab 10 Uhr wieder mörderisch heiss wird. Die Hitze hat einen enormen Einfluss auf mein Marschtempo. Ich muss einfach zu viele Pausen einlegen und habe das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen! Die letzten vier Stunden bis zu meinem Zielort sind nur noch eine Qual: Zwanzig Minuten gehen, zehn Minuten im Schatten herunterkühlen.

Bei solchen Stopps treffe ich heute einige Leute: zuerst Wayne, ein Rinderfarmer (hier in Australien nennt man sie «stockmen»), der neugierig auf einen Schwatz zu mir rüberkommt. Besorgt erkundigt er sich, ob bei mir alles in Ordnung sei. Etwas später begegne ich dem ersten Velofahrer. Es ist Matt, der von Brisbane an der Ostküste zurück nach Darwin, seiner Heimatstadt, radelt. Anschliessend geht es für ihn per Fahrrad durch Asien und Europa. Ein ganzes Jahr hat der sympathische «Aussie» für seine Weltreise eingeplant oder einfach so lange wie das Geld reicht.

Nur noch vier Kilometer bis Adelaide River! Aber ich habe mich zu früh gefreut. Das «pièce de résistance» wartet in Form einer Baustelle auf mich. Der Verkehr wird nur noch einspurig geführt. Da es gleichzeitig für mich und die Roadtrains keinen Platz auf der Strasse hat, schickt mich der Arbeiter kurzerhand über die Kiesstrecke, an der noch gebaut wird. Fast einen Kilometer mühe ich mich über diesen holprigen Weg. Teilweise muss ich mein Gefährt durch loses Material ziehen, weil es mit Schieben beim besten Willen nicht mehr weitergeht. Fluchend und völlig schlapp schaffe ich es wieder auf das rettende, schwarze Asphaltband. Ziemlich ausgelaugt komme ich in Adelaide River an und statte dem Dorfladen, der gleichzeitig auch Postoffice ist, einen Besuch ab. Ich decke mich mit einigen Sachen ein und frage die nette Lady, wo der Campingplatz sei: «Just four minutes down the road», meint sie. Beim genaueren Nachfragen ist das natürlich die Zeit, die man mit dem Auto benötigt. Zirka einen Kilometer den Stuart Highway runter, rechts abbiegen und nochmals einen Kilometer geradeaus, das ist mir für heute wirklich zu weit. So gönne ich mir einen Bungalow im Adelaide River Inn, das übrigens ein legendäres Pub sein soll.

Es ist nicht immer möglich ein öffentliches Internet zu finden. WiFi ist hier offensichtlich noch nicht sehr verbreitet. Über meinen Schweizer Anbieter zu surfen würde mich pro Minute über vier Franken kosten! Ich habe also die geniale Idee, in der Tankstelle drüben eine australische SIM-Karte zu besorgen. Der junge, indischstämmige Angestellte ist sehr hilfsbereit und erklärt mir ganz genau, wie das Registrieren funktioniert. Er bietet mir sogar an, über sein Smartphone das ganze Prozedere zu erledigen. Virtuos und flink fliegen seine Finger über die Tastatur und schon bald kommen wir dem Ziel näher. Was die alles wissen wollen! Neben den allgemeinen Angaben wie Name und Passnummer, möchte die Telefongesellschaft auch wissen, ob ich ein Terrorist sei oder mit Drogen handle. Wir kämpfen uns durch alle Fragen und drücken auf «Abschliessen». Als Resultat leuchtet folgende Meldung auf: «Ihr Name ist nicht mit einem gültigen Visum verbunden». Wir versuchen es einige Male, immer mit demselben negativen Resultat. Bin ich illegal in Australien eingereist? Was läuft hier schief? Ein letztes Mal versuchen wir, mich zu registrieren, aber ohne Erfolg. Ziemlich enttäuscht bedanke ich mich beim hilfsbereiten Mann und ziehe von dannen. Zurück im Bungalow wechsle ich bei meinem Smartphone wieder die SIM-Karte aus. Und hier mache ich einen folgenschweren Fehler! Höchstwahrscheinlich habe ich die Karte herausgezogen, bevor das Telefon ganz ausgeschaltet war. Auf alle Fälle geht nun gar nichts mehr! Das Display zeigt fortwährend nur noch ein Schraubenschlüsselsymbol an. Ich kann die On/Off-Taste so lange und so viele Male drücken wie ich will, da passiert gar nichts mehr. Habe ich wegen dem Scheissinternet mein Gerät zerstört? Ich könnte mich ohrfeigen! Nun kann ich nicht mehr mit zu Hause kommunizieren. Was soll ich nur machen? Für heute auf alle Fälle nicht mehr viel, ausser ins Bett zu gehen. Aber der Schlaf will nicht kommen. Mein Blick geht immer wieder zum Nachttisch, aber da leuchtet in der Dunkelheit nur fröhlich der blöde Schraubenschlüssel! Irgendwann in der Nacht komme ich zum Entschluss, morgen früh per Autostopp zurück nach Darwin zu fahren, um mein Gerät flicken zu lassen. Allenfalls muss ich mir auch ein Neues besorgen. Nach weiteren zwei Stunden leuchtet das Ding immer noch! Plötzlich habe ich einen Geistesblitz: Spätestens wenn der Akku leer ist schaltet sich das Gerät aus. Eventuell erledigt sich das riesige Problem beim erneuten Laden des Telefons. Um 4 Uhr früh ist es soweit. Das Display ist erloschen, der Schraubenschlüssel verschwunden. Mit einem Stossgebet schliesse ich das Sorgenkind ans Ladegerät und stecke es in die Steckdose. Im ersten Moment tut sich gar nichts. Doch plötzlich erfüllt sich das Display mit Leben, als wenn gar nichts gewesen wäre. Halleluja!!! Wie sagt man so schön: «Ein neuer Boot tut immer gut»!

Tag 5: Mittwoch, 1. Juni 2016, Ruhetag

Die Polizei, dein Freund und Helfer

Nach meiner nächtlichen Odyssee habe ich mich entschlossen, hier einen Ruhetag einzulegen. Es ist 9 Uhr und ich sitze noch immer mit einem Kaffee gemütlich auf meiner Veranda. Ganz entspannt beobachte ich den Gärtner, der mit seinem lauten Laubgebläse die Umgebung reinigt. Andere Arbeiter montieren die Bewässerungsanlage, damit diese Oase auch so grün bleibt! Es ist richtig entspannend dem «tschig-tschig-tschig» der Rasensprenger zu lauschen. Die ältere Dame, mit der ich die Veranda teile, kommt mit einem grossen Koffer aus ihrem Zimmer. Sie macht sich daran, die sechs Treppenstufen zu ihrem fetten SUV hinunter zu meistern. Aber irgendwie will das einfach nicht gelingen. Schnell stelle ich mich als Kofferträger zur Verfügung und helfe ihr die Stufen runter. Eigentlich sei sie schon fit genug, um das selber zu machen, aber die gestrige, lange Autofahrt habe ihrem Rücken ziemlich zugesetzt. Umständlich verstaut sie ihre Siebensachen im Kofferraum, quetscht sich mühsam auf den Fahrersitz und braust davon. Ich wusste gar nicht, dass Autofahren so anstrengend sein kann...

Normalerweise bin ich um diese Zeit schon fünf Stunden auf der Strasse. Aber ich will meine Reise nicht zu schnell starten, denn einige Blasen und Schürfungen haben sich an meinen Füssen bemerkbar gemacht. Sie stören mich beim Marschieren kaum. Ich will lieber auf der sicheren Seite sein und meine wertvollen Füsse nicht am Anfang der Reise ruinieren. Die Blasen steche ich auf, drücke die Flüssigkeit raus, so dass der Druck nachlässt. Anschliessend behandle ich jede Einzelne mit antiseptischer Creme. Auch das barfussgehen schätzen meine ramponierten Füsse ungemein.

Ich möchte mir eine grelle Sicherheitsweste für meine Nachtfahrten besorgen. Die beiden Tankstellen im Dorf führen keine im Sortiment und auch im «general store» werde ich nicht fündig. Auf dem Rückweg komme ich an der Polizeistation vorbei. Vielleicht haben ja unsere «Freunde und Helfer» eine extra Weste für mich. Ein uniformierter Gesetzeshüter sitzt mit einer dunkelhäutigen «Kundin» im Schatten vor der Polizeistation und nimmt ein Protokoll auf. Ich trage freundlich mein Anliegen vor. Er will natürlich wissen für welchen Zweck ich die Weste benötige. Als ich ihm erzähle was ich vorhabe, schüttelt er nur lachend den Kopf. Er hätte schon Leuchtwesten, aber bei denen stehe überall riesengross «POLICE» darauf und die könne er mir beim besten Willen nicht aushändigen! Also ich hätte kein Problem mit diesen paar Buchstaben gehabt...

Habe ich schon erwähnt, dass es auf dem Gelände meiner Unterkunft einen herrlichen Pool hat? Der ist recht gross und einfach das Richtige, um den brütend heissen Nachmittag darin zu verbringen! Ein grosser Teil der Anlage ist mit einem schattenwerfenden Tuch überdeckt, so dass es darunter doch ein bisschen weniger heiss ist. Wir sitzen zu zehnt im Wasser. Die meisten Schwimmer, die sich eine Abkühlung gönnen, sind Australier im Pensionsalter. Jeder erzählt von seinen Reiseerlebnissen und die Zeit vergeht wie im Fluge. Ich werfe spontan in die Runde, ob jemand so eine grelle Weste besässe, die nicht mehr gebraucht wird. Tatsächlich, eine nette Lady aus dem Hunter Valley nördlich von Sydney, hat so ein Exemplar irgendwo in ihrem riesigen Wohnwagen versteckt. «No worries» meint sie. Gerne schenke sie mir diese! Sie habe früher, als sie noch bei der Traubenernte geholfen habe, immer diese Weste getragen. Aber für so einen guten Zweck, wie die Sicherheit des «Trolley Man», gebe sie diese gerne her! Etwas später bringt mir die freundliche Frau das besagte Teil vorbei. Leider habe ich vergessen zu fragen, warum in Gottes Namen, sie diese Weste zur Traubenernte getragen hat. Ist diese Arbeit in Australien so gefährlich? Kann man sich in den riesigen Weinbergen des Hunter Valley verlaufen? Hilft die grelle Farbe dem Suchtrupp beim Finden des verschollenen Pflückers? Spielt keine grosse Rolle, denn ich werde diese knallgelbe Textilie in allen Ehren tragen und jedes Mal an die nette und grosszügige Lady aus dem Hunter Valley denken!

Im Pool war neben dem «Trolley Man» vor allem ein Thema Trumpf: Das heutige Footballspiel zwischen den «Blues» aus New South Wales und dem Team aus Queensland. Die Australier sind ziemlich fanatisch, wenn es um den Sport mit diesem komischen, unförmigen Ei geht.

Um 19 Uhr sitze auch ich im Garten des Adelaide River Inn und mache es mir vor der Glotze mit einem eiskalten Coopers Bier gemütlich. Dazu gibt es kostenlose Grillwürstchen vom «barbie» (Grill), die vom Pub offeriert werden. Dieter und Kerstin aus Berlin leisten mir ein bisschen Gesellschaft. Obschon sie schon einige Male in Down Under waren, haben sie bis heute auch nicht herausgefunden wie die Regeln des «Aussie Rules Football» genau funktionieren. Kein Problem, wir heulen einfach dann, wenn es die anderen tun und so haben alle ihren Spass daran!

Tag 6: Donnerstag, 2. Juni 2016, Kilometer 142 (29)

35 Grad von oben, 70 Grad von unten

Der freie Tag hat Wunder gewirkt! Frisch gestärkt und in meine neue, leuchtende Weste eingekleidet, starte ich in aller Herrgottsfrühe. Bis zum Sonnenaufgang bin ich bereits fünfzehn Kilometer vorangekommen. Mein Ziel ist es, die halbe Strecke bis nach Hayes Creek hinter mich zu bringen. Das sind sechsundzwanzig Kilometer. Ich treffe zwei Strassenarbeiter, die gerade ihre Pause geniessen und komme mit ihnen ins Gespräch. Sie scheinen eine ziemlich ruhige Kugel zu schieben. Auch als ihr Boss mit seinem Pickup vorbeikommt, bleiben sie ganz entspannt. Ich habe mich die letzten Tage einige Male gefragt, wie stark sich der Asphalt während des Tages aufheizt. Nun stehen zwei Experten, was dieses Thema angeht, vor mir. Die zwei ziehen genüsslich an ihren Glimmstängeln. Sie erklären mir, dass der Strassenbelag an einem Tag wie heute zwischen siebzig und achtzig Grad heiss werden kann! Wow, ich habe schon gemerkt, dass der Asphalt fast kocht, aber eine so hohe Temperatur hätte ich nicht erwartet. Das heizt also auch ganz mächtig von unten!

Eine Stunde vor Mittag finde ich einen schattigen Platz und mache meine obligaten drei Stunden Siesta. Zuallererst raus aus den Schuhen – was für eine Wohltat! Dann Stuhl aufstellen, trinken und essen. Gemütlich beobachte ich den Verkehr und stelle mir vor, was ich wohl für ein Bild für die Autofahrer abgebe. Mitten im Outback, keine zehn Meter von der Strasse entfernt, sitzt ein nun schon bärtiger Kauz, mehr oder weniger entspannt, auf einem klapprigen Campingstuhl. Neben ihm, unter einem Baum im Schatten, steht ein aufgemotzter Einkaufswagen! Zumindest für ein paar Minuten werden die Leute auf ihrer eintönigen Fahrt ziemlich sicher ein neues Gesprächsthema haben. Ein Mäuschen möchte ich jetzt sein, um diese Diskussionen mitverfolgen zu können.

Die fünf Kilometer bis zur nächsten «rest area» will ich heute noch schaffen. Auf diesen offiziellen Rastplätzen darf jedermann frei campieren. Häufig sind diese Plätze recht schön gelegen und haben auch eine Toilette. Bei meiner Ankunft sind schon ein gutes Dutzend Wohnmobile geparkt. Die Besitzer sitzen gemütlich vor ihren luxuriösen, fahrbaren Behausungen. Wie immer bin ich ungewollt die Attraktion, wenn ich zu Fuss mit meinem Einkaufswagen auftauche. Keine zehn Minuten später habe ich bereits eine kühle Büchse Bier in der Hand. Ich stelle immer wieder fest, dass die Australier extrem offen, hilfsbereit und grosszügig sind! Ich geniesse die Gastfreundschaft von Alena und Paul, die ursprünglich aus der Tschechei stammen. Sie leben aber schon Jahrzehnte in Australien. Paul erzählt mir, dass er zwölf Jahre vor dem Mauerfall aus der ehemaligen Tschechoslowakei zuerst nach Österreich geflohen sei. In seiner Abwesenheit sei er umgehend zu zwei Jahren Knast verurteilt worden! Ich stelle mir vor, wie das sein muss, im Alter von dreiundzwanzig Jahren für immer seine Familie und Freunde zu verlassen. Er konnte damals noch nicht wissen, dass der Ostblock zusammenbrechen wird und er ab 1989 wieder problemlos in seine alte Heimat reisen darf, was er heute auch regelmässig macht. Das herzliche Paar ist nun pensioniert und sie leben in Queensland an der Ostküste. Gemeinsam haben sie sich in den letzten vier Jahren ein neues, 350 Quadratmeter grosses Haus aus dem Boden gestampft! Bei den meisten Arbeiten haben sie selber Hand angelegt, aber ganz fertig sei ihr Traumhaus noch nicht. Als die Stechmücken ein bisschen zu aggressiv werden, verabschieden wir uns. Ich verziehe mich in mein insektenfreies Nachtlager.

Tag 7: Freitag, 3. Juni 2016, Kilometer 165 (23)

Hübsche Schmetterlinge und faustgrosse Spinnen

Da ich heute nur dreiundzwanzig Kilometer bis Hayes Creek vor mir habe, schlafe ich bis um 4 Uhr aus. In der Kühle der Nacht zu spazieren ist fast Erholung! Ganz locker spule ich die Kilometer nur so runter und erreiche das Hayes Creek Wayside Inn schon um 10 Uhr. Ich parke mein Gefährt an der Tankstelle vor dem Eingang zum Pub und lasse meinen Puls ein wenig herunterkommen. Ein, mit einer Schulklasse Aborigines beladener, Toyota Landcruiser fährt an die Zapfsäule. Der Fahrer füllt seine beiden Tanks mit rund 120 Litern Diesel. Die Kinder stürmen aufgeregt den Pub, um sich mit Eis und Süssigkeiten einzudecken. Gavin, der weisse Fahrer arbeitet für die «Douglas Daly Aboriginal Community» ganz in der Nähe und will unbedingt ein Gruppenfoto mit Einkaufswagen und den Kindern machen. Es ergibt sich eine ziemlich aufwändige Fotosession, bis alle eine Aufnahme auf ihrem Telefon haben. Die Schulklasse wird in zehn Tagen auch ans Barunga Festival reisen und hoffentlich werde ich sie da wieder treffen. Um zu einem der grössten Aborigines Festivals im Northern Territory zu kommen, liegen aber noch harte 227 Marschkilometer vor mir.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, warum ich von Norden nach Süden marschiere und nicht umgekehrt? Nein? Es gibt fünf verschiedene Gründe. Erstens: Mein Minimalziel ist Port Augusta, der Endpunkt des Stuart Highway, zirka 2725 Kilometer von Darwin entfernt. Sollte ich aber besser vorankommen, werde ich auch noch die restlichen dreihundert Kilometer bis Adelaide unter die Füsse nehmen. Von Adelaide aus habe ich Mitte September schon meinen Rückflug in die Schweiz gebucht. So habe ich also einen Puffer von dreihundert Kilometern. Zweitens: Der Verlauf der Sonne ist für mich viel angenehmer, sie geht im Osten, also links der Strasse ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "TransAustralia" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen