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Trag den Stern für Wichita

Pete Hackett

Trag den Stern für Wichita

Ein Pete Hackett Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Trag den Stern für Wichita

 

Western von Pete Hackett

 

Über den Autor

Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt, wie sie sonst nur dem jungen G.F.Unger eigen war - eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Für den Bastei-Verlag schrieb er unter dem Pseudonym William Scott die Serie "Texas-Marshal" und zahlreiche andere Romane. Ex-Bastei-Cheflektor Peter Thannisch: "Pete Hackett ist ein Phänomen, das ich gern mit dem jungen G.F. Unger vergleiche. Seine Western sind mannhaft und von edler Gesinnung."

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger". Sie erscheint exklusiv als E-book bei CassiopeiaPress.

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

 

 

Es regnete in Strömen. Von den Dä­chern der Häuser und Vorbauten tropfte und schoss das Wasser auf die Bohlengehsteige und die Straße. Die Pfützen muteten an wie kleine Seen, die Main Street von Wichita war ein aufge­wühltes Schlammloch.

Ein scharfer Westwind trieb den Re­gen vor sich her, und in den grauen Re­genschleiern lagen zu beiden Seiten der breiten Straße die Behausungen der Bürger, die Saloons, Tanzhallen und an­deren Vergnügungsetablissements wie ausgestorben. Nur hier und dort drang raues Lachen aus den Barbetrieben, waren durch das monotone Rauschen des Regens verzerrt Stimmen zu hören, ertönte der helle Ruf irgendeines Tanz­hallenmädchens. Der Wind trug all diese Geräusche mit sich fort und ver­schlang sie.

Farblos und ausgestorben war der Eindruck, den diese Town vermittelte. Ein trügerischer Eindruck, denn Wi­chita war alles andere als das. Rauf­bolde, Revolverhelden und anderes Glücksrittervolk gaben sich hier ein Stelldichein. Der Colt saß hier höllisch locker, und nicht selten fand ein schar­fes Pokerspiel sein blutiges und tödli­ches Ende. Der Pott gehörte dem, der überlebte.

Rührige Geschäftemacher wussten eine Menge an Abwechslung und Ver­gnügen für alle möglichen Gattungen von Männern anzubieten. Für harte Dollars waren grell geschminkte Ani­miermädchen und Tingeltangelgirls zu beinahe allem bereit, für harte Dollars musste so mancher Mann - oft durch ei­nen schnellen Schuss in den Rücken - sein Leben lassen.

Um Dollars drehte sich in Wichita na­hezu alles. Und das war es auch, was die Stadt am Leben erhielt. Der Dollar war Haupt-, alles andere Nebensache. Nichts wechselte in dieser Stadt schnel­ler seinen Besitzer als er, auf die eine oder andere Weise.

Hexenkessel Wichita.

Es war später Nachmittag, als der Rei­ter das Ortsschild passierte. Er beach­tete es kaum. Er trug den flachkronigen, breitrandigen Hut tief in der Stirn, um so sein Gesicht durch die Krempe etwas gegen den peitschenden Regen zu schützen.

Trotz des imprägnierten Umhangs, den er sich übergeworfen hatte, war der Mann nass bis auf die Haut. Ihn fröstelte, und die Art, wie er im Sattel saß, zusam­mengesunken, ließ ahnen, wie sehr er am Ende war.

Der Falbe, den der Mann ritt, schien nicht minder müde zu sein. Mit hängen­dem Kopf trottete er in der Mitte der Fahrbahn, dampfend entwich der Atem aus seinen Nüstern, widerwillig hob er die Hufe, unter denen es schmatzte und gurgelte und deren Abdrücke sich au­genblicklich mit Wasser füllten.

Der Reiter war fremd in Wichita. An der Art, wie er seine Blicke durch das Grau in Grau seiner Umgebung schwei­fen ließ, war dies eindeutig zu erken­nen. Und nun, da er sein Gesicht etwas anhob, um besser mit den Blicken die Regenwand zu durchdringen, waren seine scharf geschnittenen Züge auszu­machen. Es war das Gesicht eines Man­nes, in dem sich die Entbehrungen vie­ler Tage, vielleicht sogar Wochen, wi­derspiegelten. Zweihundert Yards war der Falbe durch den knöcheltiefen Morast der Hauptstraße gestapft, als der Fremde das Aushängeschild des Mietstalls gleich neben der Einmündung einer Gasse in die Main Street erkannte.

Er lenkte den Falben darauf zu, und zwei Minuten später zog er ihn am Zü­gel hinter sich her in die wohlige Atmo­sphäre des Stalls. Die Hufe erzeugten auf dem gestampften Mittelgang ein dumpfes Pochen, das jene Geräusche übertönte, das die Pferde in den Boxen zu beiden Seiten verursachten.

Vor einer langen Box hielt der Fremde an, nahm den aufgeweichten Stetson vom Kopf und stülpte ihn auf ei­nen der etwa mannshohen Pfosten, an die die Bretter zwischen den einzelnen Standplätzen für die Pferde genagelt waren.

Dichtes schwarzes und nasses Haar kam zum Vorschein. Ein paar zusam­mengeklebte Strähnen fielen in die Stirn des Mannes. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Dann knöpfte er seinen Regenumhang auf, zog ihn von den Schultern, schüttelte ihn aus und warf ihn über den Querbal­ken für den Sattel.

Der hoch gewachsene Fremde trug die herkömmliche Kleidung der Weide­reiter, allerdings wirkte sie neu, und es fehlten auch die Spuren, die die Schnal­len der Chaps auf den Hosen der Cowpuncher normalerweise hinterließen.

An einem schwarzen Patronengurt aus Büffelleder hing am rechten Ober­schenkel des Mannes das Halfter, aus dem der glatte Holzgriff des schweren 44ers ragte. Matt schimmerten die Messingböden der Patronen in den Schlau­fen des Gurts.

Der Fremde war gerade dabei, den Falben in die Box zu dirigieren, als hin­ter seinem Rücken — vom Stallende her - jemand rief: »Den Tieren die Box zu­zuweisen und sie zu versorgen, ist in diesem Laden meine Aufgabe, Mister. Außerdem sehen Sie ganz so aus, als hät­ten Sie es mindestens ebenso notwendig wie das Pferd, in einem warmen und trockenen Stall ein Unterkommen zu finden. Welcher Teufel hat Sie denn ge­ritten, als Sie sich bei diesem Wetter aufs Pferd setzten? Und welcher Teufel vor allem war es, der Sie ausgerechnet in Wichita anhalten ließ?«

Ein knorriger Bursche, der ebenso gut fünfzig wie siebzig Jahre alt sein konnte, mit einem von unzähligen Run­zeln und Falten zerfurchten Gesicht und einer mächtige Adlernase über dem verfilzten Schnauzbart, der ihm das Aussehen eines Seehundes verlieh, er­schien auf dem Mittelgang. An seiner verknitterten Kleidung hing Stroh. Und der Fremde vermutete, dass die hinter­ste Box dem Alten wohl als Schlaf- und Ruheplatz diente.

Gebeugt schlurfte der Stallmann heran. Sein durchdringender Blick, in dem das ungebrochene Feuer längst vergangener Tage schwelte, tastete den Fremden unverhohlen ab. Dann war er nahe genug. Er blieb stehen und be­trachtete den Falben.

Bedächtig schüttelte er nach einer Weile den Kopf.

»Nein, ein Cowboygaul ist das nicht«, murmelte er wie im Selbstge­spräch. »Ein Rassegaul, Mister, und er hat Ihnen sicherlich eine schöne Stange Geld gekostet. Doch für harte Weidear­beit ist er ganz und gar ungeeignet. Sol­che Pferde reiten reiche Rancher, U.S. Marshals, aber auch Langreiter.«

»Ist das Ihre Art, Leute auszufra­gen?«, entgegnete der Fremde, während er die Sattelgurte löste. »Ich muss Sie enttäuschen, denn ich bin weder das eine noch das andere. Wollen Sie noch mehr wissen?«

Bevor der Stallmann auf diese Frage einging, trat er einen Schritt näher, legte seine Rechte auf den Sattelknauf und sagte: »Das Pferd unterzustellen kostet in diesem Laden anderthalb Dollar pro Tag, Futter und Pflege inbegriffen, wie auch das Absatteln und Abzäumen. Sie sollten sich lieber eine Unterkunft su­chen und etwas Trockenes anziehen, wenn Sie sich nicht den Tod holen wol­len. Im Übrigen will ich nichts von Ihnen wissen. Wenn ein Mann bei diesem Sau­wetter in diese verdammte Stadt kommt, so wird er seine guten Gründe dafür haben. Und wenn er den Colt so tief am Oberschenkel mit sich rum­schleppt wie Sie, dann wohl ganz beson­ders. Also, zahlen Sie die anderthalb Dollar, und überlassen Sie den Falben ruhig meiner Obhut.«

Der Fremde trat grinsend zur Sehe.

»Ich lasse Packen und Gewehr hier«, erklärte er. »Wenn ich das Zeug brau­che, hole ich es. Hier ist ja durchgehend geöffnet, schätze ich.«

Der Oldman nickte, und der Fremde zahlte den verlangten Betrag. Dann sagte der Stallmann gepresst: »Ich kas­siere immer im voraus, Stranger. Denn ich habe es schon mehr als einmal er­lebt, dass ein untergestellter Gaul ge­rade ausreichte, um die Beerdigungsko­sten für seinen Herrn zu decken. Ich war dann immer derjenige, der in die Röhre guckte. Also kassiere ich im Voraus und gehe dem aus dem Weg. He, suchen Sie was Bestimmtes?«

Es war ihm nicht entgangen, wie aufmerksam der Fremde mit Blicken die Bo­xen, soweit sie von ihrem Standort aus einzusehen waren, abgetastet hatte.

Der hagere Fremdling nickte. »Ich verfolge einen Burschen. Er reitet einen Rotfuchs mit einer Blesse auf der Stirn. Der Mann trägt dunkle Spielerkleidung. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen, Oldtimer?«

»Sie sind also doch ein Marshal oder Sheriff, und Sie sind hinter einem dieser üblen Schießhunde her, wie sie tagtäglich in diese Stadt kommen.«

Der Fremde ging nicht darauf ein. »Ist der Bursche mit dem Rotfuchs in Ihrem Stall gewesen? Oder ist er vorbeigerit­ten? Seine Spur führt von El Paso hier­auf direkt nach Wichita.«

Der Stallmann kratzte sich hinter dem Ohr, pfiff durch die Zähne und sagte. »Seit El Paso sitzen Sie dem Kerl im Nacken? Ein mächtig langer Trail. Hat der Bursche Ihr Haus angezündet, Ihre Frau vergewaltigt oder Ihren Vater umgebracht? Nur das wäre ein Grund, Hunderte von Meilen hinter einem Mann herzujagen.«

Der Fremde gab keine Antwort. Stattdessen wiederholte er seine Frage: »Ha­ben Sie den Mann gesehen, Oldman?«

»Vorgestern Vormittag kam ein Rei­ter, auf den Ihre Beschreibung passt, in Wichita an. Allerdings stellte er sein Pferd in Sam Calhouns Stall unter. Wenn Sie mich fragen, dann handelt es sich bei dem Mister um eine ziemlich üble Nummer. Bevor er sein Pferd zu Sam brachte, war er bei mir. Aber es war Wochenende, und mein Stall war überfüllt. Ich hatte aber Gelegenheit, ihm scharf unter die Hutkrempe zu se­hen. Burschen, deren Augen unstet wie die eines Frettchens sind, kann ich von Haus aus nicht leiden. Und ich besitze so viel Menschenkenntnis, diese Sorte von vornherein richtig einzuschätzen. Der Mister, auf dessen Fährte Sie reiten, hatte Frettchenaugen. Und er war mir auf Anhieb unsympathisch.*

»Vorgestern also«, murmelte der Fremde. Und ganz deutlich konnte der Stallmann das Glitzern in dessen Augen erkennen.

»Ja«, sagte er. »Und er ist noch nicht wieder fortgeritten. Ich habe ihn ge­stern an der Seite des ehrenwerten Cash Boulder über die Straße gehen sehen. Sie unterhielten sich sehr angeregt mit­einander, die beiden.«

Der Fremde stutzte. Hatte der Stall­mann eben die Worte »des ehrenwerten Cash Boulder« nicht ausgesprochen sarkastisch ausgestoßen? Was hatte es mit diesem Boulder auf sich?

Das Interesse des Fremden war ge­weckt worden, nachdem der Name im Zusammenhang mit dem Burschen ge­fallen war, auf dessen Fährte er ritt.

»Der Name Boulder erfüllt Sie nicht mit Freude, Oldman, wie?«, fragte er deshalb.

Der Stallmann zerbiss eine Verwün­schung. »Gewiss ist er noch eine oder zwei Nummern übler als der Mister, dem Sie - nehme ich an - die Hölle heiß machen wollen. Boulder dürfte wohl so ziemlich das Übelste sein, was dieses Land jemals hervorgebracht hat. Und wenn ich könnte, dann …«

Er beendete seinen Satz mit einer wü­tenden Handbewegung, hob den Sattel vom Pferderücken und warf ihn über den Balken neben den Regenumhang des Fremden. Mit einem leichten Schlag auf die Hinterhand trieb er den Falben in die Box.

»Werden Sie deutlicher, erzählen Sie mir mehr über Cash Boulder.«

»Was interessiert er Sie, Mister? Seien Sie froh, wenn Sie nichts von ihm wissen, und seien Sie noch froher, wenn Sie nichts mit ihm zu tun bekommen.«

»Mein Mann ging mit ihm über die Straße. Und das war sicher kein Zufall. Das ist der Grund.«

»Richtig. Vielleicht sollten Sie wirklich mehr von Boulder wissen, außer dass er eine der miesesten Figuren in diesem elenden Nest ist. Er sitzt in James Caldwells Sattel und ist Caldwells Blut­hund, den man nur von der Leine zu lassen braucht, damit er alles zerfetzt und zerfleischt. Er führt Caldwells revolverschwingende Horde an, und ein Weg zu Caldwell führt nur über ihn. Er ist Caldwells Weidedetektiv, Saloonordner, Miteintreiber - ach, was weiß ich sonst noch alles. Kurz, seine Sprache ist die der Colts, und Fairness ist für ihn ein Fremdwort.«

»Aus Ihren Worten kann ich schlie­ßen, dass dieser James Caldwell in ziem­lich vielen Geschäften seine Finger hat. Rancher, Saloonbesitzer und noch eini­ges mehr, wie?«

»Ja, und wenn die großen Viehher­den aus dem Süden kommen, dann ist er der größte Viehaufkäufer hier. Cald­well hält die Schnüre in der Hand und bewegt damit Boulder und seine Gunslinger-Horde wie Marionetten. Er lässt sie seine Geschäfte mit dem Colt in der Faust regeln. Und wenn ich das richtig sehe, Stranger, dann ist Ihr Mann drauf und dran, dem Haufen Caldwells beizu­treten. Dann wird es natürlich hart für Sie, wenn Sie ihn sich vor den Colt zitie­ren wollen.«

Der Fremde zuckte die Achseln. »Danke für die Information, Oldtimer. War sehr aufschlussreich für mich, denn ich kann mich jetzt darauf einstellen, dass mein Mann nicht allein sein wird.« Er wandte sich zum Gehen. »Meinen Stetson lasse ich zum Trocknen hier«, rief er über die Schulter. »Möglicher­weise habe ich auch noch ein paar Fra­gen an Sie. Zunächst aber …«

Wenig später war wieder das Rau­schen des Regens um ihn.

 

*

 

 

Der Mann hinter der Rezeption blickte über die Ränder seiner Drahtgestellbrille dem Fremden entgegen. Zwei Un­mutsfalten bildeten sich auf seiner Stirn, als er die Schlamm- und Wasserspuren auf dem gewiss nicht teuren, doch sehr pompös wirkenden weinroten Teppich wahrnahm, die der Fremde hinterließ.

»Das ist ein Hotel, Mister, kein Pfer­destall!«, rief er wütend, die flache Hand auf die Rezeption knallend. »Laden Sie Ihren Dreck ab, wo Sie wollen, aber nicht in meinem Hotel.«

Unbeirrt ging der Fremde weiter. Er erreichte das Aufnahmepult. Hart und schroff sagte er: »Ich bin viele hundert Meilen durch unwegsames Land getrailt, mein Freund, und seit vierundzwanzig Stunden reite ich durch diesen höllischen Regen. Ich bin müde, ich muss meine Kleidung trocknen, und ein hei­ßes Bad wird mir gewiss nicht schaden. Kommen Sie mir also nicht mit kleinka­rierten Unmutsäußerungen und auf die unverschämte Art und Weise. So nobel scheint mir Ihr Schuppen auch nicht zu sein, wie Ihr Getue vermuten lassen könnte. Ich brauche ein Zimmer.«

Der Hotelier sank bei dieser schroffen Zurechtweisung förmlich in sich zusam­men. Nervös begann er sein Ohrläpp­chen zwischen Daumen und Zeigefin­ger zu massieren. Sein Blick wich dem des anderen aus. Er hatte erkannt, dass der Fremde ziemlich ausgepumpt und fast am Ende war. Und er ahnte, dass ein Mann in dieser Verfassung sehr leicht ausgesprochen böse reagieren konnte.

»Ein Zimmer also«, murmelte er und nickte. »Zimmer haben wir hier …« Er griff unter die Rezeption und holte das Gästebuch hervor, schob es aufgeschla­gen dem Fremden hin, der sich die Fe­der angelte und in das Tintenglas tauchte, das da stand.

Er schrieb seinen Namen unter die letzte Eintragung, und der Owner gab sich Mühe, ihn verkehrt herum zu lesen. Der Fremde studierte die letzten Eintra­gungen. Den Namen allerdings, den er suchte, fand er nicht.

Er legte die Feder zur Seite. »Bitten auch Sie im Voraus zur Kasse?«, fragte er unvermutet, und der Owner zuckte zu­sammen. Dem war es nicht gelungen, den Namen zu entziffern, und er hatte sich vollkommen darauf konzentriert, als ihn die Stimme des Fremden förm­lich ansprang.

»Ich … Wir … Es ist üblich hier, wenigstens einen Vorschuss zu verlan­gen, Mister. Äh, wie ist doch gleich der Name?« Er drehte das Buch um und las: »John Warner. Es kommt darauf an, wie lange Sie bleiben wollen.«

Auch hier spürte der Fremde wieder die unverhohlene Neugierde. »Das weiß ich selber noch nicht«, erklärte er. »Genügen zwanzig Dollar?«

»Ich denke schon. Das Bad ist jedoch im Zimmerpreis nicht inbegriffen.« Der Owner nahm einen Schlüssel vom Brett und reichte ihn dem Fremden. »Zimmer sieben, Obergeschoss, linke Flurseite, ganz hinten rechts.«

Warner zahlte und ging nach oben.

»Verdammter Dreck!«, schimpfte der Hotelowner gallig, dann schaute er wie­der in das Gästebuch. »Warner«, mur­melte er, »John Warner. Nie gehört. Schätze, der ist auf dem Weg zu Caldwell. Er ist von der Sorte, die Caldwell um sich sammelt.« Er hatte es bitter und freudlos ausgestoßen, klappte das Buch zu, verließ seinen Platz, öffnete eine Tür und rief in den angrenzenden Raum: »Ein Bad für Zimmer sieben! Kein besonders freundlicher Pilger. Also beeilt euch!«

 

*

 

Es regnete mit unverminderter Hef­tigkeit. Von der Fensterscheibe perlte das Wasser. Im Zimmer war es düster. John Warner ließ die Revolvertrommel einige Male rotieren, spannte den Ham­mer, ließ ihn vorsichtig wieder zurück­rasten. Dann schob er den Colt ins Half­ter, das mit dem Gurt über der Lehne des Stuhls hing, auf dem er saß.

John war müde und wollte schlafen. Monate war er auf der Fährte Jack Morgans geritten, hatte er sich keine Ruhe gegönnt und die meiste Zeit im Sattel gesessen.

Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Morgan zu fassen.

John erhob sich, ging zum Bett und warf sich darauf. Seine Gedanken krei­sten um Morgan, den Banditen, auf des­sen Kopf die Regierung von Texas die Summe von 1000 Dollar ausgesetzt hatte.

Morgan hatte einer Bande angehört, die von Texas aus mexikanische Revo­lutionäre mit Waffen und Munition ver­sorgte - illegal. Die Bande wurde von den Texas Rangers zerschlagen, der Großteil der Banditen wurde dabei er­schossen, der Rest konnte festgenom­men werden. Morgan gehörte zu jenen, denen die Ranger die Chance ließen, sich zu ergeben und so ihr Leben zu ret­ten. Ihm gelang jedoch die Flucht aus dem Gefängnis in El Paso. Zwei Ranger und ein Deputy fielen seinem Ausbruch zum Opfer. Wegen seiner illegalen Waf­fengeschäfte mit mexikanischen Bandoleros und dieser drei Morde war Morgan der texanischen Regierung runde 1000 Dollar wert.

Warner wusste, dass er einem eiskal­ten Killer auf der Spur war, dem ein Menschenleben gar nichts, ein Bündel Dollar hingegen alles bedeutete. Aber Morgan konnte nicht ahnen, dass ihm ein gnadenloser Jäger von El Paso her­auf gefolgt war.

1000 Dollar waren für John Warner Grund genug, der Klapperschlange den Kopf zu zertreten.

 

*

 

John Warner wurde durch ein dump­fes Pochen an der Tür geweckt. Er war sofort hellwach.

»Was ist los? Wer ist draußen?«

»Der Stallmann. Ich war vor zwei Stunden schon einmal hier. Doch hätte ich vor Ihrer Tür wohl eine Kanone ab­schießen müssen, um Sie wachzukrie­gen. Sie haben geschlafen wie ein toter Apache.«

»Warten Sie!« Wenig später öffnete John Warner, nur mit der Unterwäsche bekleidet, die noch immer nicht richtig trocken war, die Tür. Er ließ den Oldtimer aus dem Mietstall ins Zimmer und schloss hinter ihm die Tür wieder ab. Der Alte hatte Johns Sattelpacken und die Winchester dabei. Er warf den Packen auf das Bett und legte das Ge­wehr auf den Tisch, dann nahm er auf dem Stuhl Platz, auf den John deutete.

»Ich habe die Klamotten, die ich in Ih­rem Sattelpacken gefunden habe, am Ofen getrocknet, Warner«, sagte der Oldman. »Ziehen Sie also dieses feuchte Zeug wieder aus und schlüpfen Sie in die trockenen Sachen.

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