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Träume, zart wie Seide

1. KAPITEL

„Halt jetzt still, sonst piekse ich dich noch“, sagte Joy Moorehouse zu ihrer Schwester Frankie.

„Ich habe mich doch gar nicht bewegt.“

„Sag das mal dem Saum hier.“ Joy hockte sich auf die Fersen und überprüfte ihre Arbeit. Das Hochzeitskleid aus weißem Satin wirkte an ihrer Schwester trotz seiner Schlichtheit elegant. Joy hatte sich mit dem Design besondere Mühe gegeben, weil sie Frankie genau kannte – Spitzen, Rüschen und Pailletten waren nicht ihr Ding. Ohne Joys Überredungskunst hätte Frankie in Jeans geheiratet.

„Sehe ich nicht zu verkleidet aus?“, fragte Frankie prompt.

„Du siehst wunderschön aus.“

Frankie lachte gutmütig. „Du bist die Familienschönheit, nicht ich.“

„Aber du heiratest nun mal, also ziehst du auch das Kleid an.“

Kopfschüttelnd sah Frankie an sich hinunter. „Ich kann es immer noch nicht ganz glauben.“

„Ich freue mich so für dich!“, sagte Joy strahlend.

Vorsichtig hob Frankie den langen Rock an. „Ich muss zugeben, es trägt sich toll“, bemerkte sie.

„Wenn ich die Änderungen gemacht habe, wird es sogar noch besser sitzen. Jetzt kannst du es erst mal ausziehen.“

„Sind wir fertig?“

Joy nickte und stand auf. „Ich habe den Saum abgesteckt und nähe ihn heute Abend um. Morgen machen wir dann die nächste Anprobe.“

„Aber du wolltest uns doch heute Abend beim Catering für Mr. Bennetts Geburtstagsfeier aushelfen. Das hast du doch nicht vergessen?“

Joy schüttelte den Kopf. Vergessen? Nein, niemals. Wie konnte sie vergessen, wen sie in ein paar Stunden sehen würde?

„Wir brauchen dich wirklich“, setzte Frankie etwas besorgt hinzu.

Mit gesenktem Kopf packte Joy ihr Nähzeug zusammen und hoffte, dass Frankie ihr nicht ansah, wie aufgeregt sie in Wirklichkeit war. „Weiß ich doch“, sagte sie so gelassen wie möglich. „Keine Sorge.“

„Aber es kann spät werden. Da willst du doch hinterher nicht noch nähen?“

Warum nicht? Schlafen konnte sie danach sowieso nicht.

„Ich will nicht, dass du dir wegen des Kleides die Nächte um die Ohren schlägst“, fuhr Frankie fort.

„Erstens heiratest du nur einmal und zweitens schon in sechs Wochen“, erwiderte Joy, die ihrer Schwester den Rücken zuwandte. „Wenn du also nicht im Unterhemd vor den Altar treten willst, sollte das Kleid schon bis dahin fertig werden. Du weißt, wie viel Spaß mir das Nähen macht – besonders für dich.“

Als sie sich umdrehte, sah sie Frankie nachdenklich aus dem Fenster starren. „Was ist denn los?“, fragte sie erschrocken.

„Ich habe Alex gestern Abend gefragt, ob er mich zum Altar führt.“

„Und, was hat er gesagt?“, flüsterte Joy hoffnungsvoll, obwohl sie die Antwort eigentlich schon kannte. Bei Alex’ gegenwärtigem Gemütszustand konnten sie schon froh sein, wenn er überhaupt zur Hochzeit kam. Ihr Bruder war Regattasegler und hatte bei einem Bootsunfall vor sechs Wochen seinen Segelpartner Reese Cutler verloren. Er selbst hatte sich das Bein so kompliziert gebrochen, dass schon mehrere Operationen nötig gewesen waren.

„Er macht es nicht“, antwortete Frankie leise. „Ich glaube, er will nicht im Rampenlicht stehen.“ Sie seufzte. „Ich kann ihn nicht zwingen, es zu tun. Aber ich wünschte wirklich … verdammt, ich wünschte, Dad könnte dabei sein. Und Mom natürlich. Ich vermisse sie so sehr.“

Joy nahm die Hand ihrer Schwester und drückte sie. „Ich auch.“

Wieder blickte Frankie an sich hinunter und lachte etwas zittrig. Joy wusste schon, dass sie damit das Thema wechselte. „Das ist unglaublich“, sagte Frankie tatsächlich.

„Was denn?“

„Das Kleid ist so toll, dass ich es gar nicht wieder ausziehen mag.“

Mit traurigem Lächeln öffnete Joy die Knöpfe im Rücken. Das Hochzeitskleid zu nähen war ein so kleiner Dienst verglichen mit all dem, was Frankie für sie getan hatte. Wie viele Opfer hatte sie gebracht, um Joy die viel zu früh verstorbenen Eltern zu ersetzen!

Als Frankie schließlich vorsichtig aus der Satinwolke stieg, hob Joy das Kleid auf und legte es auf ihren Nähtisch. Die Geschwister bewohnten den ehemaligen Dienstbotenflügel des Herrenhauses White Caps, und ihre Zimmer waren klein und schlicht. Zwischen Bett, Nähtisch und Schneiderpuppe hatte außer einer Kommode kaum noch etwas Platz, aber Joy hätte lieber auf dem Boden geschlafen, als das Nähen aufzugeben.

Schon seit vielen Jahren flickte sie für ihre Großmutter die eleganten Abendkleider, die diese in den fünfziger Jahren als Debütantin getragen hatte. Heute litt Emma Moorehouse, die alle nur Grand-Em nannten, an fortgeschrittener Demenz und lebte in ihrer eigenen Welt – und das hieß hauptsächlich in der Vergangenheit. Deshalb bestand sie darauf, jeden Morgen eine ihrer eleganten Roben anzuziehen, damit sie für die Teegesellschaften und Partys, die ihrer Meinung auf sie warteten, gut gekleidet war. Bis jetzt war es Joy gelungen, ihre Fantasiewelt aufrecht zu erhalten, indem sie die über fünfzig Jahre alten Kleider mit viel Geschick und Einfallsreichtum in Schuss hielt.

Im Laufe der Jahre war daraus eine Passion entstanden, und sie hatte begonnen, eigene Entwürfe zu zeichnen, von denen sie nun endlich einmal einen umsetzen konnte.

„Dieses Wochenende sind drei Zimmer belegt“, bemerkte Frankie, als sie wieder in ihre Jeans schlüpfte. „Die ersten Touristen, die zum Indian Summer kommen, um sich die herbstbunten Adirondack Mountains anzuschauen.“

Es war ihr Vater gewesen, der den riesigen Herrensitz in ein Pensionshotel umgebaut hatte, und seit dem Unfalltod der Eltern vor zehn Jahren kämpfte Frankie darum, das Familienerbe zu erhalten.

Dennoch hätten die Schulden sie letztendlich zum Verkauf gezwungen, wenn nicht im Sommer Nate Walker aufgetaucht wäre, der jetzt mit Frankie verlobt war. Der erstklassige Koch hatte es mit seinem französischen Essen geschafft, das Restaurant des White Caps in gehobenen Kreisen zu einem Geheimtipp zu machen. Außerdem hatte er als neuer Partner in die dringend nötige Renovierung investiert, sodass es nun nach langer Zeit wieder aufwärtszugehen schien.

„Also, noch mal wegen heute Abend“, sagte Frankie, während sie sich die Schuhe zuband. „Spike übernimmt das Restaurant, mit George als Aushilfe. Nate, Tom und ich machen uns in etwa einer Stunde auf den Weg zu den Bennetts, um mit den Vorbereitungen zu beginnen. Könntest du so gegen fünf da sein?“

„Kein Problem.“

„Zum Glück hat sich Alex bereit erklärt, auf Grand-Em aufzupassen. Weiß er, was ihn erwartet?“

Joy nickte. „Das schafft er schon, und zur Not ist ja auch noch Spike hier, wenn sie einen ihrer Anfälle hat. Aber in letzter Zeit ist es etwas besser geworden. Die neuen Medikamente scheinen zu wirken.“

Normalerweise war es Joys Aufgabe, sich um die alte Dame zu kümmern, weil sie es mit ihrer liebevollen Geduld fast immer schaffte, Grand-Em zu beruhigen, wenn sie ihre Wahnvorstellungen bekam. Doch für die große Feier auf dem Bennett-Familiensitz brauchten sie jede Hand.

„Ich bin wirklich froh, dass Gray uns diese Chance gibt“, bemerkte Frankie. „Für einen Politiker ist er gar nicht mal so übel.“

Beinahe hätte Joy geantwortet, dass Gray kein Politiker war, sondern politischer Berater für Wahlkampagnen. Doch damit hätte sie verraten, dass sie viel mehr über ihn wusste, als Frankie dachte. Und sie hatte nicht vor, ihr streng gehütetes Geheimnis ausgerechnet jetzt zu lüften.

Schon seit Jahren schwärmte sie für Gray, wenn auch meistens aus der Ferne. Der Mann lebte und arbeitete in Washington und kam nur im Sommer nach Saranac Lake, um den Urlaub auf dem Familiensitz der Bennetts zu verbringen. Außer einer kurzen Unterhaltung vor ein paar Wochen, als er sie auf dem Badesteg des White Caps überrascht hatte, hatte sie in all den Jahren kaum drei Worte mit ihm gewechselt. Und heute Abend würde sie sich ganze drei oder vier Stunden in seiner Nähe aufhalten!

Aber vielleicht war genau das keine so gute Idee. Immerhin wurde sie bald siebenundzwanzig, und sie konnte schließlich nicht den Rest ihres Lebens damit verbringen, einen völlig unerreichbaren Mann anzuhimmeln.

„Wenn du lieber nähen willst, rufe ich eine der Aushilfskellnerinnen an“, äußerte Frankie unvermittelt.

„Nein, nein“, erwiderte Joy hastig. „Ich freue mich drauf, mal rauszukommen, ehrlich.“

Allein der Gedanke daran, wie gut Grayson Bennett heute Abend im maßgeschneiderten Anzug aussehen würde, ließ ihren ganzen Körper kribbeln.

Frankie betrachtete sie nachdenklich. Joy stellte wieder einmal fest, dass die Kontaktlinsen ihrer Schwester gut standen. Früher hatte sie eine Brille getragen, aber die Linsen ließen ihre tiefblauen Augen noch blauer wirken.

„Ich habe mich gestern ein bisschen mit Tom unterhalten, und er hat mich richtig über dich ausgefragt“, sagte Frankie beiläufig. „Er ist ein wirklich netter Kerl.“

Das stimmte. Tom Reynolds, der neue Hilfskoch, lächelte immer freundlich, wenn er Joy sah, hatte gute Umgangsformen, einen sanften, warmen Blick und Sinn für Humor.

Aber Joy mochte nun mal Männer wie Gray, die Macht ausstrahlten und Charisma besaßen. Die wussten, was sie wollten, und es sich nahmen – auch im Bett. Nicht dass sie das jemals selbst erfahren hätte.

Mit Männern wie Gray verband Joy die Vorstellung von heißem, hemmungslosem Sex – und das hätte Frankie wahrscheinlich ziemlich schockiert. Trotz ihres Alters sah Frankie in der „kleinen“ Schwester noch immer das unschuldige Mädchen, das es zu beschützen galt. Doch Joy hatte keine Lust mehr auf diese Rolle, vor allem nicht, wenn Gray Bennett in der Nähe war.

„Vielleicht solltest du mal mit Tom ausgehen“, schlug Frankie vor.

Joy zuckte die Achseln. „Ja, vielleicht.“

Als Frankie gegangen war, ließ sich Joy aufs Bett sinken. Sie wusste ja selbst, dass sie mit diesen Fantasien über Gray aufhören musste. Es war lächerlich, von einem Mann zu träumen, den man nur ein paar Mal im Jahr sah. Außerdem hatte er ihr auch nie den kleinsten Anlass zur Hoffnung gegeben. Sicher, er grüßte sie freundlich, wenn er sie zufällig in der Stadt traf, und erinnerte sich sogar an ihren Namen – aber das war auch schon alles.

Bestimmt sah er in ihr nur ein nettes, junges, unerfahrenes Ding, ein Mädchen aus der Provinz, das für ihn überhaupt keinen Reiz hatte.

Deshalb hatte sie sich fest vorgenommen, Grayson Bennett endlich zu vergessen und ihre schwärmerischen Fantasien aufzugeben. Zu dumm nur, dass sie es trotzdem nicht abwarten konnte, ihn heute Abend endlich wiederzusehen.

Mit geschickten Bewegungen band Gray seinem Vater die Krawatte. Seit dem Schlaganfall vor fünf Monaten hatte Walter Bennett linksseitige Ausfälle. Durch die Reha-Übungen war es zwar schon besser geworden, doch mit der Feinmotorik wollte es noch nicht wieder so recht klappen.

„Bist du bereit für die große Party, Papa?“

„Ja, bin ich.“ Walter sprach ein wenig undeutlich und abgehackt.

„Und du siehst toll aus.“ Gray rückte den Knoten noch ein wenig zurecht und betrachtete sein Werk.

Walter klopfte sich mit der Hand auf die Brust. „Bin glücklich. Sehr glücklich.“

„Ja, ich auch.“

„Wirklich?“

„Klar.“

„Lüg nicht.“

Das Alter hatte Walters Rücken gebeugt, doch er war noch immer eine stattliche Erscheinung. Und obwohl er im Gegensatz zu seinem Sohn eher sanftmütig veranlagt war, konnte er auch sehr direkt sein.

Gray versuchte, ihn mit einem Lächeln zu beruhigen. „Ich freue mich drauf, wieder in Washington zu sein.“ Was die zweite Lüge war.

Walter runzelte die Stirn, während Gray ihm die Manschettenknöpfe anlegte. Beinah konnte Gray hören, wie sein Vater ihm in Gedanken eine Standpauke hielt. Doch weil Walter das Sprechen zu große Anstrengungen bereitete, wurde nur ein Satz daraus.

„Du solltest … mehr reden.“

„Worüber?“

„Dich.“

„Ach, da gibt es doch wirklich bessere Themen. Außerdem weißt du doch, dass ich von diesem ganzen Seelenstriptease nicht viel halte. Okay, fertig. Jetzt muss ich duschen und mich umziehen.“

„Du brauchst … Veränderung.“

Gray nickte, beendete das Gespräch jedoch, indem er in sein eigenes Zimmer ging. Auf dem Weg hielt er kurz vor der Tür zu dem Gästezimmer inne, das er seiner alten Freundin Cassandra Cutler zur Verfügung gestellt hatte. Er machte sich Sorgen um sie. Ihr Mann Reese war der Segelpartner von Alex Moorehouse gewesen, und vor sechs Wochen waren die beiden mit ihrem Boot in einen Hurrican geraten. Während Alex nach dramatischen Stunden gerettet worden war, hatte man Reese nur noch tot geborgen.

Nachdem Gray davon erfahren hatte, war er sofort nach New York gefahren, um persönlich nach Cassandra zu sehen. Zum Glück hatten ihre gemeinsamen Freunde Allison Adams und ihr Mann, der Senator, sie bereits unter ihre Fittiche genommen. Die New Yorker High Society hatte normalerweise für Trauer wenig Verständnis. Deshalb hatte Gray Cassandra eingeladen, das Wochenende in den Adirondack Mountains zu verbringen.

Nachdenklich ging er weiter. Cassandra und Allison waren in den Kreisen, in denen er verkehrte, die absolute Ausnahme – sie liebten ihre Männer und hätten sie nie betrogen. Reeses Unfalltod erschien ihm daher besonders unfair.

Die meisten anderen Frauen, die er kannte, waren ihrem Modedesigner treu, aber nicht ihrem Ehemann. Eine Hochzeit war für sie ein netter Anlass, einmal ein weißes Kleid zur Schau zu tragen, aber noch lange kein Grund, sich danach auf die Aufmerksamkeiten nur eines Mannes zu beschränken.

Gray schloss seine Zimmertür hinter sich und zog sich das Polohemd über den Kopf. Er selbst hatte in Washington viele Affären gehabt, und eine ganze Reihe davon mit verheirateten Frauen. Aber Verachtung für die Frauen aus den so genannten besseren Kreisen hatte er bereits in seiner Kindheit gelernt – seine eigene Mutter hatte sie ihm eingegeben.

Belinda Bennett war eine Schönheit aus reichstem Hause und konnte ihren Stammbaum bis zu den Gründern der Vereinigten Staaten zurückverfolgen. Unglücklicherweise passte ihr Benehmen ganz und gar nicht zu ihrem guten Namen, denn sie schlief mit jedem Mann, der auch nur das geringste Interesse an ihr zeigte.

Von klein auf war sie ein verwöhntes, aufsässiges und zickiges Mädchen gewesen, und als Erwachsene schien sie entschlossen, ihre Unabhängigkeit zu beweisen, indem sie standesgemäß einen angesehenen Bundesrichter heiratete – Grays Vater dann mit jedem Mann betrog, der ihren Weg kreuzte.

Was hatte sie Walter Bennett alles angetan! Die Demütigung, die Missachtung, der Hohn mussten unerträglich gewesen sein. Sie hatte mit seinen Freunden aus dem Klub geschlafen, mit seinem Steuerberater, mit seinem Cousin. Und mit dem Gärtner, dem Tennislehrer und dem Chorleiter. Auch Grays Englischlehrer war vor ihr nicht sicher gewesen. Und zur Krönung des Ganzen hatte sie zwei seiner Mitstudenten am College verführt.

Stirnrunzelnd trat Gray unter die Dusche. Sein Vater war ein guter Mensch, aber zu weichherzig. Deshalb hatte er an dieser Farce einer Ehe festgehalten und sich wieder und wieder das Herz brechen lassen.

Schon vor langer Zeit hatte Gray beschlossen, dass ihm so etwas nie passieren würde. Ihm würde nie eine Frau den Kopf verdrehen, und ganz gewiss würde keine sein Herz stehlen. „Frauenfeind“ nannten ihn einige hinter vorgehaltener Hand, und manchmal warf ihm eine seiner Affären das Wort auch direkt an den Kopf. Stolz war er darauf natürlich nicht, aber er stritt den Vorwurf auch nie ab.

Er konnte sich einfach nicht vorstellen, einer Frau genug zu vertrauen, um sie zu heiraten. Vielleicht war er ja auch nur ein Feigling?

Mit einem bitteren Lachen stieg er aus der Dusche und griff nach dem Handtuch. Nein, ein Feigling würde wohl kaum so vielen Senatoren und Kongressabgeordneten Respekt einflößen. Und der Präsident der Vereinigten Staaten würde vermutlich nicht seine Anrufe persönlich annehmen – ganz gleich, wo er sich gerade befand –, wenn er Gray für einen Feigling hielte.

Nein, er war nicht feige, nur scharfsichtig. Im Gegensatz zu vielen anderen Männern weigerte er sich, einer Frau Macht über sich zu geben. Wenn man in einer Beziehung seine Schwachstellen offenbarte, nutzte der andere sie früher oder später aus.

Gray ging zum Schrank und nahm seinen dunkelblauen Anzug heraus. Als er gerade die Hose anzog, sah er vor dem Fenster eine Bewegung, und er trat unwillkürlich näher. So rotblondes Haar hatte in dieser Gegend nur eine.

Joy Moorehouse radelte die Auffahrt hinauf, und ihre langen Locken flatterten im Wind. Als sie beim Haus ankam, stieg sie leichtfüßig ab und schob das Fahrrad um die Hausecke in Richtung Dienstboteneingang.

Am liebsten wäre Gray ihr nachgelaufen. Nimm dich zusammen, schalt er sich selbst. Du kennst die Frau ja kaum. Und Gray Bennett ist noch nie einer Frau nachgelaufen.

Doch es nützte alles nichts, denn da war es wieder, dieses Bild, das er seit ein paar Wochen einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam: Joy Moorehouse auf dem Bootssteg des White Caps, mit nichts bekleidet als einem winzigen Bikini.

Seit Jahren kam er im Sommer hierher, und hin und wieder war er ihr in der Stadt über den Weg gelaufen. Sicher, hübsch war sie immer schon gewesen, doch sein besonderes Interesse hatte sie nie geweckt. Das hatte sich dieses Jahr grundlegend geändert.

Sie war eine Schönheit, das war nicht zu übersehen. Aber als er sie im Bikini am See getroffen hatte, war ihm zum ersten Mal aufgefallen, dass er eine Frau vor sich hatte, nicht den Teenager, an den er sich von früher erinnerte.

Diese perfekten Kurven, die helle Haut, die großen Augen, in denen sich Überraschung spiegelte, als sie ihn sah …

Das Bild hatte sich ihm eingebrannt, und er schämte sich dafür. Denn auch wenn Joy Moorehouse nicht so jung war, wie sie wirkte, schien sie doch gänzlich unverdorben. Sie strahlte eine solche Unschuld und Reinheit aus, dass er sich dagegen schmutzig und alt vorkam. Schmutzig, weil er seine Karriere in Washington tatsächlich ziemlich skrupellos verfolgte. Und alt, weil er außer Zynismus und Ehrgeiz kaum noch Gefühle in sich entdecken konnte.

Fluchend riss sich Gray vom Fenster los und zog sich weiter an. Auf einmal hatte er es so eilig, nach unten zu kommen, dass er beinahe auf das Gefummel mit den Manschettenknöpfen verzichtet hätte. Gleichzeitig ärgerte er sich über sich selbst. Ausgerechnet er ließ sich von einer Frau, die er kaum kannte, so aus der Ruhe bringen? Kein gutes Zeichen, das stand fest …

2. KAPITEL

Joy lehnte ihr Rad an die Hauswand und schaute sich um. Sie war selbst in einem großen Haus aufgewachsen, aber Grays dreistöckiger Familiensitz wirkte dagegen wie ein kleines Schloss. Die cremefarbenen Steinmauern und glänzend schwarz gestrichenen Fensterläden verstärkten diesen Eindruck noch.

„Hurra, da bist du ja!“, rief Frankie ihr aus der Küche entgegen. „Hättest du Lust, die Windbeutel zu füllen?“

Joy drehte ihr Haar zusammen und war dabei, es mit einer Klemme festzustecken, als sie die Küche betrat. „Schon zur Stelle“, sagte sie. „Zeigt mir einfach, wie …“

Der Schlag traf sie so heftig, dass sie rückwärts gegen die Wand taumelte und beinahe das Gleichgewicht verlor. Etwas Feuchtes rann an ihr herab, dann hörte sie ein lautes Scheppern. In der Küche wurde es totenstill.

Aus Tom Reynolds’ Gesicht war alle Farbe gewichen, und er starrte sie entsetzt an. „Hast du dir wehgetan?“ Er streckte die Hand nach ihr aus. „Ich habe dich nicht gesehen. Das tut mir so leid. Ich …“

Joy schaute an sich herunter. Ihre weiße Bluse und schwarze Hose waren von oben bis unten mit Tortellini und Pesto bedeckt. Die grünen Spritzer wirkten wie Blut in einem Film mit Außerirdischen. Joy musste grinsen.

„Mir geht’s gut“, beruhigte sie Tom, der aussah, als würde er gleich zusammenklappen. „Nichts weiter passiert.“

Tom öffnete den Mund, um sich noch einmal zu entschuldigen, aber Nate legte ihm eine Hand in den Nacken und schob ihn zur Seite. „Ganz ruhig, Kleiner. Wer langsam geht, kommt schneller ans Ziel.“

Frankies Verlobter war groß und muskulös und trug auch in der Küche meist Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Doch obwohl er nicht dem typischen Bild eines Sternekochs entsprach, wirkte er am Herd wahre Wunder.

„Alles klar, Engelchen?“, fragte er Joy.

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Bestens. Und wegen der Vampire brauchen wir uns jetzt auch keine Sorgen mehr zu machen. Mit diesem Knoblauchparfum schlage ich problemlos Graf Dracula persönlich in die Flucht.“

Kopfschüttelnd trat Frankie heran. „Tja, so kannst du wohl nicht bleiben. Im Nebenzimmer habe ich vorhin ein paar Personaluniformen gesehen, ich werde mal schauen, ob ich was Passendes finde.“

Nate ging in die Hocke und machte sich daran, die Tortellini vom Boden aufzusammeln. „Jetzt müssen wir uns was einfallen lassen“, sagte er. „Wir haben nicht genug Zeit, um neue zu machen, also brauchen wir was, was schneller geht.“

Auch Tom sank auf die Knie und fing an, die Bescherung zu beseitigen. „Ich brauche diesen Job wirklich“, flüsterte er verzweifelt.

Stirnrunzelnd hob Nate den Kopf. „Hat ja auch keiner gesagt, dass du gefeuert bist“, erklärte er gutmütig. „Wenn du wüsstest, was ich während meiner Ausbildung schon alles hab fallen lassen.“

Joy legte Tom eine Hand auf die Schulter. „Es war doch nur ein Zusammenstoß. Ich hätte auch besser aufpassen sollen, wo ich hinlaufe.“

Der junge Koch wurde rot. „Das ist nett von dir.“

Kurz darauf kam Frankie mit einer Frau zurück, die ein schwarz-weißes Kellnerinnen-Outfit über dem Arm trug. „Ach herrje, Sie Arme“, sagte die ältere Angestellte mitfühlend. „Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen, wo Sie sich duschen und umziehen können.“

Sie nahm Joy einfach bei der Hand, und Joy ließ sich fortführen.

„Ich bin Libby, die Haushälterin vom alten Mr. Bennett“, erklärte die Frau, als sie eine Hintertreppe hinaufstiegen. „Wenn er hier ist, bin ich auch seine Sekretärin, Empfangsdame und Mädchen für alles.“

Am Ende des Flurs öffnete Libby eine Tür, und sofort sprang ein honigfarbener Golden Retriever heraus. Er leckte Libby kurz die Hände, dann rannte er auf Joy zu und lief schwanzwedelnd um sie herum.

Libby versuchte, den aufgeregten Hund zu beruhigen, aber Joy machte es nichts aus, dass er an ihr hochsprang.

„Ernest mag Sie“, murmelte Libby, während sie versuchte, sein Halsband zu fassen zu bekommen.

Doch Ernest versuchte alles, um Joy die Vorderpfoten auf die Schultern zu legen. Lachend kraulte sie ihm den Hals.

„Ich fürchte, es geht ihm gar nicht um mich“, erwiderte sie. „Ich rieche nach Tortellini mit Pesto, das ist wahrscheinlich unwiderstehlich.“

Tatsächlich fand Ernest in den Falten ihrer Bluse noch eine vergessene Nudel mit Nates leckerer Fleischfüllung und machte sich glücklich darüber her. Joy nutzte die Gelegenheit, um in Libbys Zimmer zu schlüpfen. Es war mit antiken Möbeln eingerichtet und wunderschön dekoriert. In der Mitte des Raums stand ein großes Himmelbett, das mit einem handgenähten Quilt bedeckt war.

„Sie haben es aber hübsch hier“, bemerkte Joy. Unwillkürlich dachte sie an die Zimmer, die ihre Familie in White Caps bewohnten. Sie wirkten gegen dieses hier wie Gefängniszellen.

„Die Bennetts kümmern sich sehr um mich. Ich darf sogar Ernest hier halten. Der junge Mr. Bennett nimmt ihn immer mit, wenn er auf den See rausfährt.“

„Er mag Hunde?“ Wenn der Mann, den sie schon so lange anhimmelte, sich auch noch als Hundefreund erwies, wurde er damit völlig unwiderstehlich.

„Ich weiß nicht, wie es bei anderen Hunden ist, aber meinen liebt er.

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