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Träume ernten

Über die Autorin

Die Niederländerin Lidewij van Wilgen arbeitete lange als erfolgreiche Marketingmanagerin in Amsterdam, bis sie sich 2002 einen langgehegten Traum erfüllte. Zusammen mit ihrem Mann ging sie nach Südfrankreich und kaufte ein Weingut. Während ihr Mann ins alte Leben zurückkehrte, bildete sich Lidewij van Wilgen selbst zur erfolgreichen Winzerin aus. Heute produziert sie preisgekrönte Weine und lebt mit ihren drei Töchtern auf dem Weingut Mas des Dames südlich von Montpellier. Mehr zu ihr und ihren Weinen auf www.masdesdames.fr.

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Inhalt
  4. Titel
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23

Lidewij van Wilgen

Träume ernten

Eine junge Frau, ein altes Weingut
und ein neues Leben

Aus dem Niederländischen von
Anja Lademacher

1

Vom Tal aus führt ein schmaler Weg den Berg hinauf. Unter den dunklen Eichen ist der Asphalt so schwarz, dass sich meine Augen unwillkürlich schließen, wenn plötzlich ein Streifen hellweißes Licht durch die Bäume fällt. Eine sanfte Biegung, eine Natursteinmauer, ich trete aus dem Schatten, die Aussicht weitet sich. Die grelle Sonne fällt auf das Felsplateau hinter den Weingärten und taucht es in ein helles Ockergelb. Dann geht der Asphalt in einen Sandweg über, und ich fahre durch eine Wolke aufstäubenden Sandes auf die hohen Zypressen in der Ferne zu. Ich stelle mein Auto ab und schlage die Tür zu – das Geräusch durchschneidet die Stille und lässt eine erschrockene Leere zurück.

Das ist das Bild, das ich meinen Freunden und Bekannten immer und immer wieder gezeigt habe: ein langgestrecktes, sandfarbenes Haus mit hellblauen Fensterläden im Schatten einer großen, weit ausladenden Esche mitten in Frankreich. Alle konnten sich das Leben dort sofort vorstellen: den langen Tisch, den wir im Kies aufstellen würden, die vollen Gläser mit dem selbstgemachten Wein, spielende Kinder. Ein ewiger Sommer.

Mit zwei schweren Einkaufstaschen in der Hand gehe ich vorsichtig das schmale Treppchen mit den glatten Steinen zum Haus hinunter. Ich stelle die Taschen auf die kleine Arbeitsplatte in der Herberge, sie ist der Teil des Hauses, den wir zu Anfang bewohnen werden. Eine Stunde noch, dann kann ich Fiene und Marijn aus dem Kindergarten und Laartje, das Baby, bei der Tagesmutter abholen. Ich stopfe einen Kopfsalat in das winzige Gemüsefach des Kühlschranks und verkeile ein Stück Käse auf einem Becher Crème fraîche. Hier wohnen wir also: ein langgezogener Raum von acht mal vier Metern mit einer kleinen Küche aus dem Baumarkt, weiß verputzten Wänden und einem Kamin aus hauchdünnem Kupferblech, über das schon bei der leisesten Berührung wollüstige Wellenbewegungen laufen. Madame Ros, die Vorbesitzerin, hatte uns diesen Raum, den sie als Ferienunterkunft vermietet und daher besser in Schuss gehalten hatte als den Rest des Hauses, als Höhepunkt ihrer Führung durchs Haus präsentiert. »Leicht zu vermieten, gute Einnahmequelle«, hatte sie gebrummelt. Eine unzufriedene Frau mit schwarzem, krausem Haar, die uns mit müder Routine durchs Haus geleitete – immer diese unbekümmerten, jungen Touristen, die ihr nur unnötig Arbeit machten. Dieser Widerwille spiegelte sich auch in ihrer Kleidung, einer schlabbrigen Leggins im ausgeblichenen Tigerprint, auf ihrem T-Shirt ein blaues Pferd vor einem verwaschenen Regenbogen.

Ich stopfe die letzte Flasche Milch in den Kühlschrank, stelle die Einkaufstaschen in die Ecke und gehe nach draußen. Dort trete ich ein wenig zurück, um die sonnenbeschienene Fassade zu betrachten. Der Schatten der Blätter zeichnet ein Muster darauf, das wirkt wie ein feiner Häkelteppich – genau so müssen romantische Häuser in Frankreich aussehen. Dann betrete ich durch die hohen Stalltüren den rechteckigen Mittelteil des Hauses.

Hier ist es dunkel, die hintere Wand hat keine Fenster, der Boden besteht aus gestampfter Erde und krümeligem Beton. Ich gehe die zwei Stufen in einen höher gelegenen Raum hinauf, der mit alten Terrakotta-Fliesen ausgelegt ist. Vor 300 Jahren war dies der Wohnraum, kaum zwölf Quadratmeter rund um einen großzügigen offenen Kamin aus weißem Stuck. Für die armen Bauern, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf dem Land arbeiteten, wird es gereicht haben, ein Platz, an dem sie sich kurz erholten, in der Wärme des Kamins und des Viehs im Raum nebenan – kurz etwas essen und dann nur noch schnell ins Bett. In der Ecke führt eine steile, irrwitzig schmale Treppe, die schon lange nicht mehr benutzt wird, nach oben in eines der Schlafzimmer. Madame Ros ging durch den Anbau aus dem 19. Jahrhundert nach oben, durch eine niedrige Öffnung in der dicken Steinmauer – ich muss mich bücken, um hindurchzukommen. Auf Madame Ros’ Spuren gehe ich in die Schlafzimmer auf der oberen Etage, wo die Möbel Schatten auf der Wand hinterlassen haben. Ich stelle mir Madame Ros vor, wie sie barfuß auf dem verschlissenen Teppich im hinteren Schlafzimmer steht, schlecht gelaunt wie immer. Dort stand auch der Wäscheschrank, in dem sie ihre hautfarbenen Strumpfhosen aufbewahrte, dort das Bett, auffallend klein für zwei Menschen, die sich so wenig leiden konnten wie sie und ihr Mann. In einer Ecke löst sich ein Fetzen der rosa geblümten Tapete von der Wand, ein Nistplatz für eine Familie mir unbekannter Insekten in einem weißen durchsichtigen Netz.

Ich betrete das Zimmer ihres Sohnes. Ich habe ihn nie kennengelernt, aber ich weiß, dass er arbeitslos war und den halben Tag im Bett lag. Besonders anregend kann es jedenfalls nicht gewesen sein, den lieben langen Tag im Spannungsfeld dieser zwei frustrierten Menschen zu verbringen. Ich stelle ihn mir vor, wie er auf dem schmalen Bett in der Ecke liegt und mit wütenden Bewegungen masturbiert. Diese Vinyltapete ist wirklich eine gute Wahl für das Zimmer eines Jungen – kurz irgendwas an die Wand gekleistert, fertig. Ich schaue mir die schmutzig beige Tapete an und versuche, mich nicht in Gedanken darüber zu verlieren, welchen Ursprung die Flecken darauf haben. Auf der nach vorne gelegenen Seite befinden sich zwei weitere schmale Zimmer. In dem einen hat eine Tochter gelebt, die schon lange nicht mehr zu Hause wohnte. Das zweite Zimmer beseelt eine andere tiefer versunkene Verlassenheit. Ich betrachte die verschlissene Tapete mit den blauen Kornblumen und versuche mir vorzustellen, wer hier wohl geschlafen haben mag, denke an das Bett aus Mahagoni-Holz, das dort ganz sicher gestanden hat, die steife Baumwollbettwäsche mit dem gehäkelten Rand. Es ist der einzige Teil des Hauses, in dem die originalen Sprossenfenster noch erhalten sind, wo die Decke von alten, braunen Balken getragen wird. Auch hier herrscht diese lastende, staubige Traurigkeit. Erschrocken wehre ich mich gegen die Frage, die sich mir plötzlich aufdrängt: Ist hier jemals irgendjemand glücklich gewesen?

Ich gehe nach draußen, zurück zu meinem Auto, zu demselben dunkelblauen Volvo, den ich auch in den Niederlanden schon gefahren habe, und stehe im Schatten der großen Zypressen in dieser eindringlichen Leere, die sich um mich herum auftut. I have never found a companion that was so companionable as solitude, zitiere ich bitter in Gedanken, wobei ich mich an die Weinberge wende, die mich seelenlos anstarren. Noch niemals in meinem Leben war ich so alleine wie während dieser langen Tage in diesem weiten Land. Das also sind die viel beschworene Ruhe und die Stille, die von den Niederlanden aus so anziehend gewirkt haben, die mich den ersehnten buddhistischen Idealen von innerer Balance und Wahrheit näher bringen sollten.

In Wirklichkeit aber werde ich morgens fast panisch, wenn ich die Fensterläden öffne und dieses leere Land vor mir sehe. Diese vollkommene Leere, diese Abwesenheit eines jeden Geräusches, das Fehlen jeglicher menschlichen Gegenwart – all das macht mir Angst.

Manchmal wechsele ich ein paar Worte mit unserem einzigen Angestellten oder mit dem jungen Mann, der die Weinberge für uns bewirtschaftet. Sie haben ihre Arbeit, ihren festen Tagesablauf – meine einzige Aufgabe besteht darin, hier zu sein, und niemanden kümmert diese rein physische Anwesenheit. Man begegnet mir mit einem freundlichen Mitleid, die Menschen im Dorf grüßen mich, um sich dann wieder ihrem eigenen Leben zuzuwenden.

So ist es, jemand zu sein, der keine Bedeutung hat.

Zwei Jahre zuvor: Ich sitze hinter einem großen Schreibtisch aus gehärtetem Glas, darauf eine modern anmutende Aluminium-Leuchte und ein Stapel Ordner und Entwürfe. Ich bin 31, Strategische Leiterin in einer Amsterdamer Werbeagentur und mit acht Jahren Berufserfahrung beinahe ein Veteran in diesem Berufsfeld. Rob, der Leiter der Agentur, für die ich arbeite, lehnt sich lässig an den Türpfosten, wobei er ein Bein über das andere schlägt. »Ach Lidewij«, säuselt er, »kannst du nicht eine Brille aufsetzen? Mit Fensterglas? Nur dieses eine Mal?«

Erst als ich am nächsten Tag mein Spiegelbild in dem glänzenden Mahagoni des gediegenen, altehrwürdigen Versammlungssaales betrachte, als ich die forschenden Blicke all der älteren Herren spüre, die umständlich schwere Füller und in Leder gebundene Notizblöcke vor sich auf den Tisch legen, verstehe ich Robs Bemerkung. Es ist ziemlich mutig von ihm, ein Mädchen wie mich vorzuschicken. Ich zögere eine Sekunde, öffne dann meinen Laptop und tauche mit dem blauen Licht, das sich verbreitet, in meine Präsentation ein. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie jemand nickt, ein großer Mann im blassrosa Hemd macht sich sogar Notizen. Ich versuche, es einfach zu halten, wenn sie meine Analyse akzeptieren, folgt der Rest von selbst: wenn A, dann B, dann C, und selbstverständlich muss das dann Strategie X nach sich ziehen!? Und da kommen auch schon die Jungs, die den kreativen Teil vorstellen – große Tafeln aus festem Styropor werden auf den Tischen ausgelegt und mit großen Gesten präsentiert. Die Herren am Tisch richten sich auf – endlich, jetzt wird es interessant.

Zufrieden betrachte ich das Schauspiel, wohl wissend, dass alles passt. Schließlich haben wir vorher all das gemeinsam begutachtet und ausführlich besprochen, in langen Diskussionen in verrauchten Zimmern voll bekritzelter Papiere und zerknüllter Plastik-Kaffeebecher. Draußen klopfen wir uns gegenseitig unbeholfen auf die Schultern und gehen vor Erleichterung laut redend die Gracht entlang zu einem Café, wo wir gemeinsam essen werden.

Es war nie mein Wunsch gewesen, in der Werbung zu arbeiten. Als Kind wollte ich Archäologin werden. Doch diese Idee gab ich auf, als sich herausstellte, dass meine sorgfältig freigelegten Grabungsfunde Stücke eines Abwasserrohres waren. Danach beschloss ich, dem Vorbild meiner Eltern und meiner Tante Carla zu folgen, denn sie alle hatten sich schließlich für die Kunstakademie entschieden, und das, obwohl sie aus guten Familien mit einer vorhersehbaren Zukunft kamen. Ich erinnere mich noch gut an die samtenen Zigarrenkisten meines Großvaters, den neuen Mercedes, der alle zwei Jahre in seiner Garage stand, an meinen anderen Großvater, der immer einen Hut trug, den er abnahm, um die Damen auf der Straße zu grüßen.

Ich kenne nicht viele Menschen, die sich selbst immer so treu geblieben sind wie mein Vater Rex. Da er realistisch genug war, nicht im Dachzimmer auf seinen Durchbruch als Künstler zu warten, nahm er einen Job bei einem großen Chemie-Unternehmen an, wo er schon bald eine Managementfunktion innehatte. Doch kaum wurde »der Laden« geschlossen, warf er seine Anzüge in die Ecke und kehrte zu seinen Skulpturen zurück, später zu seinem Segelboot. Auf einer Weihnachtsfeier der Firma fiel mir auf, dass Rex außer dem Weihnachtsmann der Einzige war, der einen Bart trug und einen Rollkragenpulli anstelle einer Krawatte. Es war mir egal: Er war der Maßstab, nicht die anderen. Abends im Bett wartete ich immer ungeduldig, dass er mir einen Kuss gab, und wenn ich ihn darum bat, machte er auch noch einen Handstand gegen meinen Schrank.

Als ich acht Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Wie vernünftige Erwachsene es eben tun, hatten sie sich nie im Beisein der Kinder gestritten, sodass alles, was ich bisher glaubte, von der Welt verstanden zu haben, wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach. Das also waren die beiden Menschen, die im Auto so herzlich miteinander lachen konnten, die vor dem Kamin Sherry tranken, während sie der Filmmusik aus »Der Clou« lauschten. Wenn das kein deutliches Zeichen dafür war, dass alles gut war, was dann?

Jahrelang war ich anschließend ständig auf der Hut, weil ich fest davon überzeugt war, dass nichts so ist, wie es scheint, dass einem der Boden jederzeit unter den Füßen weggezogen werden kann.

Mein jüngerer Bruder Michiel und ich blieben bei meiner Mutter Simone, die sich nicht so leicht unterkriegen ließ. Alleinerziehend – na und! Sie suchte sich einen Job bei einer Fluggesellschaft, sodass wir zweimal im Jahr umsonst verreisen konnten, vorausgesetzt, dass kurz vor Abflug noch Plätze frei waren. »Mein Gott, Mama, kann nicht mal irgendwas ganz normal ablaufen?«, fragte Michiel, als alle Touristen bei ihrer Ankunft in den Bus stiegen, während wir auf der rostigen Rückbank eines alten Pick-ups von der Landebahn gefahren wurden.

»So ist es doch erst ein richtiges Abenteuer!«, sagte sie lachend mit im Wind flatternden Haaren. Dann versuchte sie verzweifelt, die auf und ab hüpfenden Koffer zwischen ihren Beinen einzuklemmen. Sie fand ein frei stehendes Häuschen auf Kreta, direkt am Strand, wo wir den ganzen Tag umsonst Wasserski fahren durften, um andere Touristen anzulocken. Über Bekannte organisierte sie in Spanien ein kleines Penthouse mit einem eigenen Schwimmbad. Nachts lagen wir auf dem Dach, um zu den Sternen hinaufzuschauen. In Marokko nahm sie uns mit in die Altstadt von Tétouan, wo sie mit einem charmanten Lächeln auch die aufdringlichsten Teppichverkäufer auszuschalten wusste. Sie trug schwarze Seidenhosen, schöne weite Röcke, klingelnde Armbänder und ihr Haar als halblangen Pagenkopf – man denke an Roxy Music und die Pointer Sisters. Erst als ich erwachsen war, wurde mir bewusst, wie wenig Geld wir damals gehabt haben müssen. Geld war ein Thema, das Simone nie interessiert hat. Auf Jugendfotos sieht man sie in ihrem Gartenhäuschen vor einer Villa in Heemstede oder breitbeinig, im weißen Trainingsanzug, auf einem Tennisplatz im Garten stehen. Als geschiedene Mutter wohnte sie eben in einem Neubauviertel, und das war auch in Ordnung. Ich glaube nicht, dass ich sie je habe klagen hören.

Michiel war in der Grundschule sehr beliebt, ich dagegen bewegte mich mehr am Rande, ein zu langes, dünnes Mädchen, das stundenlang in seinem Zimmer saß und malte, als einzige Gesellschaft eine immer kahler werdende Katze, die von ihrer Sterilisation einen Hängebauch zurückbehalten hatte.

»Lidewij könnte, wenn sie nur wollte«, stand in den ersten Klassen auf der weiterführenden Schule regelmäßig in meinem Zeugnis. Wenn alle sowieso schon wissen, dass ich es kann …, dachte ich, als ich am ersten Tag der Prüfungswoche eine strahlende Sonne über den Häusern aufgehen sah. Es hatte schon beinahe eine Woche gefroren, und nach dieser sternklaren Nacht musste das Eis überall dick genug sein. Ich ließ meine Schultasche stehen, nahm mein Fahrrad und band wenig später auf einem Baumstumpf sitzend meine Schnelllauf-Schlittschuhe zu. Die Eisfläche war spiegelglatt, unermesslich groß, und ich hatte sie ganz für mich alleine. An diesem Tag lief ich eine riesige Runde, am nächsten Tag wieder und immer so weiter bis zum Ende der Woche.

Ich glaube, niemand war überrascht, als ich eine Sechs für jede der verpassten Prüfungen bekam. Das Mädchen-das-es-kann-aber-es-nicht-zeigt war für die Lehrer jetzt ein für alle Mal Vergangenheit, keine Diskussionen mehr, ich musste die Schule verlassen. Da war ich 13.

Nach dem freundlichen Gymnasium war die Hauptschule grausig. Jede überdurchschnittliche Note wurde mit Argwohn betrachtet, und die dicke Tochter des Metzgers machte sich die Mühe, mir jeden Tag kurz mitzuteilen, wie bescheuert und vor allem wie hässlich ich sei. Eine persönliche Meinung, die ich schon bald für die Wahrheit hielt und von der ich aus Scham nicht einmal Simone erzählte. Aber die Sache führte dazu, dass ich Lust bekam, endlich loszulegen. Mit kurz vor dem Explodieren stehenden Lungen tauchte ich mit 16 Jahren endlich auf. Die Realschule war eine andere Welt, zwei Jahre später hatte ich den Abschluss in der Tasche.

Miriam erinnert sich noch genau daran, wann sie mich das erste Mal im Abendgymnasium in Haarlem gesehen hat. »Die Stunde hatte bereits vor zehn Minuten begonnen, als du auf einmal in die Klasse kamst«, erzählt sie.

»Wir haben bereits angefangen. Wenn du nicht rechtzeitig kommst, kannst du gleich wieder gehen«, hatte Anja Schoof, die Biologielehrerin, damals gesagt. »Es tut mir leid«, antwortete ich, »aber ich habe für diese Ausbildung bezahlt, und jetzt will ich auch was davon haben.« Zwei Mädchen hatten mich lachend angeschaut – es war nur logisch, dass wir Freundinnen wurden.

Annemiek hatte abwechselnd schneeweißes und pechschwarzes Haar, das sie so toupierte, dass es auch noch aufrecht stand, wenn sie sich hinlegte. Sie kam aus einer freundlichen Gärtnerfamilie aus Lisserbroek und tat alles, um sich von ihrer alten Umgebung abzugrenzen. Sie trug atemberaubend große Ohrringe, kurze Tüllröcke und Netzstrümpfe oder Latzhosen mit Bleichflecken und war sehr gut in Mathematik und Wirtschaftslehre. Und Miriam, die unglaublich schön sein konnte, blond und glamourös mit der Ausstrahlung einer Debbie Harry und am nächsten Tag plötzlich in einem alten Männerjackett und einer komischen Wollmütze erschien – ein Schatten ihrer selbst. Miriam wusste immer, wo etwas los war, wo die Feten stattfanden, auf denen die echten Punker rumhingen. Sie war schlau, impulsiv, und ich mochte sie sofort.

Zwei Jahre später studierten Miriam und ich an der Universität Amsterdam – zuerst Niederländisch, dann Kommunikationswissenschaften. Ich saß in der Redaktion der Fachschaftszeitung und wusste endlich, was ich später machen wollte: Artikel schreiben, recherchieren, vielleicht Dokumentarfilme drehen. Meinen ersten gut bezahlten Job fand ich allerdings in der Werbung. Im Prinzip konnte ich auch dort genau das tun, was mir Spaß machte. Ich bekam genügend Geld und die Möglichkeit, für meine Analysen alle Themen zu recherchieren, die mich interessierten, und ich konnte schreiben. Von Beginn an fühlte ich mich ernst genommen, hatte sogar eine wichtige Funktion in der Agentur.

Noch spannender wurde es, als ich eine Strategie-Abteilung aufbauen durfte und eng mit ein paar sehr schlauen und ehrgeizigen Jungs meines Alters zusammenarbeiten konnte, die sich um die kreative Leitung kümmerten. Es war wie ein Rausch, eine Wachheit, die abhängig machte. Und solange es immer weiter aufwärtsgeht, muss man sich keine Fragen stellen.

Ich lernte Aad im Konferenzraum eines gut frequentierten Restaurants kennen, in das ein Kollege mich geschleppt hatte – eine Gruppe Strategen wollte sich dort mit kreativen Arbeiten anderer Agenturen auseinandersetzen. Ich traf auf eine Gruppe von Männern, die ich damals »schon älter« fand, die aber wahrscheinlich um die 40 waren. Ich war dort eine der wenigen Frauen und in einem Alter, in dem man noch mit fröhlicher Unschuld kurze Röcke mit hohen Absätzen kombiniert. Nachdem wir einige farblose PowerPoint-Präsentationen gesehen hatten, erschien Aad, ein junger Werbetexter, der über ein Video mit ausländischen Werbesendungen sprechen sollte. Seine blonden Wuschelhaare und der verwaschene Sweater bildeten einen deutlichen Kontrast zu den anthrazitfarbenen Anzügen der Herren Strategen. Er hielt einen kurzen, aber durchdachten Vortrag mit einem Witz oder einer Relativierung an den richtigen Stellen. Dich finde ich nett!, dachte ich und gesellte mich nach dem Vortrag zu der Gruppe Männer, die um Aad herumstand. Ich wurde in ein sehr langatmiges Gespräch verwickelt, in dem ein ergrauter Herr sehr ernsthaft darlegte, dass der Anteil Humor in einem Film nicht über 55 Prozent liegen solle. Vorsichtig entfernte ich mich von der Gruppe, und Aad tat dasselbe.

Anderthalb Jahre später heirateten wir, vielleicht, weil genau das damals in unserem Alter und in unseren Kreisen nicht üblich war. Von Aads Wohnung im Zentrum von Amsterdam zogen wir los. Nachdem die Polizei die Junkies verjagt und herumliegende Spritzen in die Gracht gekickt hatte, konnten wir in das Boot steigen, das dort festgemacht hatte, um durch die Grachten zum Standesamt zu fahren. Ich trug ein langes, enges Kleid von »Puck & Hans«, das damals total angesagt war, was die Kinder später nicht nachvollziehen konnten. Vielleicht hätte ich bedenken sollen, dass die Töchter, die ich einmal zur Welt bringen würde, in ihrer Mutter gerne die Prinzessin gesehen hätten. Wir heirateten im Rathaus von Amsterdam, an dessen Anlegestelle uns unsere Freunde erwartet hatten. Gefeiert wurde an diesem Abend im Haus von Rex und seiner Freundin Anneke, wo der stolze Vater den Innenhof des Bauernhofs extra für die Hochzeit hatte pflastern lassen. Nach einigen Gläsern Wein war er richtig in Stimmung. Auf einer großen Bühne standen Bläser und eine unglaublich gute Sängerin mit einem riesigen Mund und einer entsprechenden Stimme.

Es war ein phantastischer Abend – das Leben war schön und konnte nur noch schöner werden, da war ich mir ganz sicher.

2

Für unsere Hochzeitsreise mieten Aad und ich ein Segelboot in Griechenland, wo wir von Athen aus nach Hydra hinübersegeln. Dann fahren wir, mit Hilfe der Karten und unserer ungefähren Position, einfach drauflos. Die nächste Insel, Serifos, liegt fast 60 Meilen weiter in den Kykladen und ist selbst mit dem Fernrohr nicht zu erkennen. Es ist das erste Mal, dass wir ins Nichts hineinfahren, umgeben von einer sich kräuselnden Wasserfläche, die bis zum Horizont reicht. Erst unterhalten wir uns noch, aber schon bald sind wir gemeinsam still, versunken in unsere eigene Gedankenwelt blicken wir in den silbern leuchtenden Schimmer auf dem Wasser. Ich fühle, wie mich eine Ruhe erfüllt, die größer ist als ich selbst – die bewohnte Welt mit ihren Menschen und Autos, Problemen und ihrem Streben scheint unerreichbar weit weg, beinahe vergessen.

In den kommenden Tagen legen wir an Inseln an, auf denen oft nur wenige Familien wohnen, die einen Leuchtturm betreiben oder ein paar Fischerboote besitzen. Wir meistern ernsthafte Stürme und sinken nachts todmüde, aber zutiefst zufrieden in den Schlaf. Jeden Abend finden wir irgendwo einen Holztisch unter einer Überdachung aus blaugefärbtem Metall gedeckt mit Schilf. Das Menü ist immer gleich: Griechischer Salat. Hühnchen. Sardinen. Schwertfisch. Wir trinken Retsina, merken, dass dieses Leben alles ist, was wir brauchen, und sind lächerlich glücklich.

Wir müssen uns ganz schön umstellen, als wir wieder in die Niederlande zurückkommen, und wir fragen uns, ob es dort auch schon so stressig war, bevor wir wegfuhren. Während der Arbeit lese ich Bevölkerungsstudien: Mit fast 400 Einwohnern pro Quadratkilometer sind die Niederlande das am dichtesten bevölkerte Land in Europa. Ich frage mich, wo die fast eine Million Menschen leben sollen, die in den kommenden 30 Jahren noch erwartet werden.

»Wenn du Kinder haben willst, solltest du dich nicht mit mir zusammentun«, hatte ich zu meinem ersten Freund gesagt. Als kleines Mädchen war Tante Clara mein Vorbild, die ganz alleine ein cooles Leben führte, und auch später übte das Gerede über Babyzimmer und das Konzept »junges Paar hinter dem Kinderwagen« wenig Anziehungskraft auf mich aus.

Aber Aad hat schon einen Sohn aus seiner ersten Ehe, Niek, einen blonden Jungen, der erst zwei Jahre alt ist, als ich ihn das erste Mal sehe – alle zwei Wochen ist er am Wochenende bei uns. Ich versuche, einen angemessenen Abstand zu wahren, aber der wird von Niek schon bald nicht mehr eingehalten – er findet mich nett. Irgendwo in meinem Inneren scheint es einen Vorrat an Spielen, Liedern und Kinderhumor zu geben, der plötzlich fröhlich nach oben sprudelt. Es fühlt sich gut an, ein Kind im Pyjama auf dem Schoß zu haben, und so bin bald ich es, die seine Windeln wechselt und ihn tröstet, wenn er hingefallen ist. Es erstaunt mich, wie einfach und natürlich ein Kind in mein Leben passt, dass es etwas in mir gibt, das zumindest diesen Jungen glücklich macht. Aber Niek hat schon eine Mutter.

Plötzlich ist es die natürlichste Sache der Welt, mit 28 bin ich schwanger. Ich fühle mich stark und gesund, und je weiter die Monate fortschreiten, desto stärker wird das Gefühl, dass das alles richtig ist.

Marijn wird in dem hochgelegenen Schlafzimmer am Westerhoutpark geboren. Auf dem Tischchen neben dem Bett brennt eine dicke Kerze in Omas antikem Kerzenständer. Ich bin in mich gekehrt, versuche lang und ruhig zu atmen und meine Gedanken auf etwas anderes zu richten als auf den Lastwagen, der in wiederkehrenden Abständen über meinen unteren Rücken fährt. Ich sehe Szenen von Gemälden von Hieronymus Bosch vor mir, mittelalterliche Dorfplätze, auf denen Zähne ohne Betäubung gezogen und Glieder amputiert werden. »Das ist völlig sinnlos! Das ist absurd!«, rufe ich und finde mich noch ziemlich höflich für einen Menschen, an dem herumgeschnitten wird, während eine andere Frau sich gleichzeitig mit voller Wucht auf seinen Bauch wirft. Dann übernimmt eine Kraft, die größer ist als ich, machtvoller als der Schmerz. Loulou, die Hebamme, legt Marijn mit einer fließenden Bewegung auf meine Brust und deckt sie mit einem kleinen Tuch aus weichem Flanell zu. Aad kniet voller Stolz und Liebe neben uns – eine sanfte Stille legt sich über die Familie. Ich rieche die süßen Haare von Marijn und schaue sie an.

Du bist es, denke ich.

Ruhig und ganz selbstverständlich nimmt Marijn ihren Platz in der Welt ein. Den größten Teil des Tages trage ich sie am Körper in einem grünen Tragesack mit kleinen, weißen Sternen darauf. Sie trinkt bei mir, schläft in meinen Armen, entdeckt mit einer stillen Freundlichkeit die Dinge um sich herum. Wieder arbeiten zu gehen ist schwieriger, als ich dachte. Da sitze ich also mit einer lärmenden Milchpumpe in einem abgeschlossenen Zimmer, während im Raum nebenan Besprechungen stattfinden. Die Wochen verstreichen, und allmählich finden sich die Dinge: Die Krippe wird zu einem vertrauten Ort, es genügt mir, einen Tag in der Woche hinter dem Kinderwagen herzulaufen.

Noch bevor Marijn zwei Jahre alt ist, kommt ein zweites Kind: Fiene – ein kleines, energisches Mädchen, das mit einer skeptischen Haltung in die Welt blickt. Mühelos zapfe ich einen zweiten Vorrat unerschöpflicher Liebe an, mühelos findet Fiene ihren Platz neben Marijn, der Beginn einer unzerstörbaren Allianz.

Ich bin zu einem Mitglied der bunten Schar geworden, die sich in die schmalen Straßen von Haarlem ergießt, diesem Heer von hippen, jungen Müttern. So vorhersehbar wie der Zug der Forellen sind wir aus Amsterdam herübergezogen, um hier unsere Brut großzuziehen – wir tragen hohe Stiefel, kurze Jacken und fahren ein Bakfiets, also ein Fahrrad mit einem Holzaufbau, mit dem wir unsere fröhlich gekleideten Kinder transportieren.

»Kannst du dich nicht einfach mal ruhig hinsetzen?«, fragt Simone, als sie freitags auf einen Kaffee vorbeikommt. Natürlich nicht, ich muss in die Stadt, ich muss einen Strampler kaufen oder umtauschen, ich muss mit Miriam und Annemiek Kaffee trinken, Marijn braucht eine Rassel oder ihr erstes Holzpuzzle. Ich parke mein Bakfiets vor dem Geschäft mit dem pädagogisch wertvollen Spielzeug und treffe dort dieselben Frauen wie in der Stadt.

Sobald das Wetter es zulässt, fahren Aad und ich mit den Kindern an den Strand. Wir trinken Kakao am Kamin des Strandpavillons »Parnassia« oder sitzen an den langen Sommerabenden auf der Terrasse des Strandcafés »Zeezicht«. Marijn spielt mit einem anderen Kind, Fiene kuschelt sich warm in meine Arme. Ich schaue Aad in die Augen, das Licht ist golden und legt einen weichen Glanz auf seine Haut, ein sanfter Wind streichelt sein sonnengebleichtes Haar. Ich lehne mich zu ihm hinüber und küsse ihn lange auf den Mund. Alles ist gut, das ist Glück, dessen bin ich mir mehr als bewusst. Ich weiß sehr genau, was für ein Luxus es ist, Teil einer Familie wie der unseren zu sein, mit einem Mann zusammenzuleben, ohne es in Zweifel ziehen zu müssen.

Können Dinge zu perfekt sein? Die Pyramide von Maslov: Wenn alle Basisbedürfnisse befriedigt sind, möchte man sich weiterentwickeln. Waren wir damals verwöhnt? Oder ist es eine Tatsache, die wir nicht ignorieren können? Auf einmal ist jedenfalls diese Unruhe wieder da, die wir auch nach unserem Segelurlaub empfunden hatten. Es fällt uns vor allem auf, wenn wir im Auto sitzen: All die Orte unserer Jugend, die Wiesen, über die wir als Kinder gerannt sind, das Feld hinter dem Entenstall, an all diesen Stellen sind Neubauviertel aus dem Boden geschossen. Die vertraute Landschaft entlang der Autobahn ist inzwischen ein einziges Industriegelände, an dem wir langsam vorbeischleichen, während wir im Stau stehen. Rex und Anneke verlassen ihren Bauernhof auf der Flucht vor einem sich nähernden Wohngebiet, das die Aussicht auf die Weiden hinter ihrem Haus auf eine kaum mehr wahrnehmbare Erinnerung reduziert. Carlas Aussicht über die Friesischen Seen wird inzwischen von einem langweiligen Ferienpark voller Autos mit deutschen Kennzeichen versperrt. Selbst auf dem Wasser finden wir das Gefühl der Freiheit nicht wieder, das wir früher noch hatten. »Es kommt mir so vor, als ob inzwischen jeder ein Boot besitzt«, beschwert sich Aad, als er seinen Kurs zum fünften Mal ändern muss.

Es ist wie eine tickende Uhr – man kann das Geräusch eine Zeit lang ignorieren, aber sobald man sich einmal darauf konzentriert, hört man es ständig.

Mit einer Tasse Tee in der Hand lehne ich mich gegen die Arbeitsplatte aus Granit in der Küche von Mariël, einer jungen Frau aus unserer Nachbarschaft. Sie hat dichtes blondes Haar, zwei kleine Kinder, einen Mann mit einem hervorragenden Gehalt und arbeitet selbst an drei Vormittagen in einem Architekturbüro. »Das kommt also alles raus?«, frage ich ungläubig. »Ja, natürlich«, sagt sie und wirft einen genervten Blick auf ihre Küchenschränke. »Dieses helle Holz, das hat man jetzt einfach nicht mehr! Ich weiß, dass das alles erst zwei Jahre alt ist, aber Wenge-Holz finde ich inzwischen schöner. Und dann können wir auch gleich die Kücheninsel mit dem AGA-Herd einbauen lassen.«

Wir werden immer häufiger zu Grillpartys in der Nachbarschaft eingeladen. »Schon im Internet nachgeguckt?«, fragen die Männer einander: »Was ist dein Haus inzwischen wert?«

»Ah, Westerhoutpark!«, sagen die Leute, wenn ich mich vorstelle und erzähle, wo ich wohne, und finden mich offensichtlich sofort sympathischer. Doch die Enttäuschung ist groß, wenn sie hören, dass ich auf der Innenseite wohne. »Aber dann hast du sicher einen großen Garten?«

Ich schließe Freundschaft mit einigen der Frauen. Sie sind sehr nett, aber es ist unglaublich, wie sehr wir uns alle gleichen. Wir haben alle eine gute Ausbildung, einen irgendwie kreativen Beruf, drei Kinder und einen Volvo vor der Tür. Wir haben alle große Häuser voll »origineller Details«, die gleichen Holzböden und die gleichen großen Tische. Es scheint eine direkte Verkehrsanbindung zum Ausstattungshaus »Pols Potten« in Amsterdam zu geben, von wo aus Lieferwagen voller neuer Möbel unser Viertel anfahren. Niemand hat Lust, in der eigenen Wohnung ständig dieselben Sachen anzugucken, und ich merke, dass das Gefühl ansteckend ist. So eine Lampe hätte ich auch gerne. Was für langweilige Teller habe ich da eigentlich? Und noch bevor es mir bewusst ist, sitze auch ich schon wieder im Auto auf dem Weg ins Möbelhaus.

Es wird Cappuccino und Rosé getrunken und über die neuesten Anschaffungen geredet, die Arbeit, die Kinder, Freunde und Ferien – alles ist möglich, alles läuft prima.

Keine zwei Jahre später, auf dem Weingut, würde ich einen Mord begehen, um auch nur eine dieser Frauen in meiner Nähe zu haben. Im Moment, in Haarlem, gibt es nur einen Gedanken, der mich nicht mehr loslässt: Ich gestalte mein Leben nicht mehr selbst, es ist nichts als eine Kopie all der Leben um mich herum.

Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich einen geraden Weg vor mir, auf dem alles voraussagbar ist: Die Kinder gehen ins Städtische Gymnasium und spielen Hockey. Und wenn ich ein wenig älter bin, treffe ich mich mit den anderen Müttern zum Tennisspielen. Es fühlt sich an wie ein Urlaub im Club Med – ein fester Rahmen, in dem man die gleichen vorfabrizierten, schönen Dinge tut wie all die Menschen um einen herum, wie jeder, der vor oder nach einem kommt. Wunderbar, aber nach zwei Wochen kann man es nicht mehr ertragen.

Im Büro lese ich zum vierten Mal den Auftrag durch, der vor mir liegt. Okay, Kunde X hat wieder ein neues Frühstücksprodukt entwickelt. Ich stelle mir den Supermarkt vor, das überquellende Regalfach, in das wir das jetzt auch noch stopfen müssen. Noch mehr Auswahl, noch mehr Verpackungen, noch mehr Abfall. Immer deutlicher sehe ich, worum sich mein Beruf im Kern eigentlich dreht: Es geht darum, Menschen unzufrieden zu machen. Man hat schon einen Fernseher, einen Toaster, eine Lieblingsmarmelade, aber jetzt gibt es außerdem noch X!, Y!, Z! Schmeiß weg, was du hast, entscheide dich für etwas Neues – alle Werbung ist Öl ins Feuer der Konsumgesellschaft.

Ich fange an, ein Konzept für das Frühstücksprodukt zu schreiben. Wie viele Strategien gibt es? Zehn? Zwölf? Ich kenne sie alle, schüttele sie aus dem Ärmel. Ein Kompliment am Ende einer Präsentation gibt mir kaum noch etwas, schließlich musste ich mich nicht dafür anstrengen.

Aad hat seine eigenen Sorgen. Seit er die kreative Leitung des Amsterdamer Büros einer großen internationalen Werbeagentur übernommen hat, kann er vor lauter Problemen nicht mehr aus den Augen gucken. Die Kunden machen Ärger, es gibt Reibungen mit dem Mutterhaus und etliche interne Konflikte, die ihm das Leben schwer machen. Er ist oft krank und müde, was mir angesichts der Umstände normal erscheint. Es ist schön, abends, wenn die Kinder im Bett sind, zusammen auf dem Sofa zu sitzen und unverbindliche Gespräche wie dieses zu führen:

»Und wenn wir einfach mal was ganz anderes machen würden?«

»Was denn?«

»Ich weiß nicht, ins Ausland gehen oder so, irgendwohin, wo es viel Platz gibt, Natur, gutes Wetter.«

Es ist schön, den Ball unverbindlich hin und her zu werfen. Ich beobachte, wie Freunde das Gleiche tun – ein lustiger Zeitvertreib für verwöhnte junge Menschen.

Einer von Aads Kollegen, Jan, lädt uns in sein Haus in Nord-Frankreich ein, in das er am Wochenende ab und zu fährt. Es ist erstaunlich, bereits kurz hinter der Grenze ist alles anders: leicht abfallende Weiden mit grasenden Kühen, kleine Dörfer aus Natursteinhäusern, wir ganz alleine auf dem verlassenen Weg. Jan ruft die Nachbarin an, die den Schlüssel für ihn aufbewahrt, ein französisches Mütterchen wie aus einem Film. Es nimmt sich in seiner geblümten Kittelschürze klein und zerbrechlich zwischen diesen großen, kräftigen Holländern aus, die hier einfallen. Die Nachbarin lächelt zurückhaltend.

Das Haus wurde lange nicht geheizt, und jetzt ist es feucht hier, der riesige Herd in der Küche verbreitet den sauren Geruch eines vor allzu langer Zeit gelöschten Feuers. Es ist eine andere Welt. Abends essen wir vor dem großen, offenen Kamin, wir unternehmen lange Wanderungen durch die feuchten Felder, genießen die Weite und die Leere um uns herum. Nach nur zwei Tagen ist die Hektik der Stadt von uns abgefallen.

»Ist das nicht genau das, wonach wir auch suchen?«, fragt Aad, als wir am Sonntagabend wieder auf unserem Sofa in Haarlem sitzen, »einfach so, ein zweites Haus, um ab und zu aus der Stadt herauszukommen?« Ich schaue ihn an, sehe, wie Farbe auf seine Wangen zurückkehrt, und schmiege mich an ihn.

»Ich denke, das ist ein ziemlich guter Plan«, sage ich.

Nicht zu weit entfernt von den Niederlanden und an der Küste. Ein paar Wochen später machen wir eine Studienreise durch die Normandie. Ein begeisterter englischer Makler, der glaubt, dass unser Findungsprozess schon weiter fortgeschritten ist, als es tatsächlich der Fall ist, schleppt uns effizient durch die Region. Er führt uns von quasi-rustikalen Häusern mit Balken in Holzimitation zu vollkommen verfallenen Scheunen, die er mit den Worten anpreist, dass sie »voller Möglichkeiten« steckten. Aad erhöht den Richtpreis auf einen inzwischen mehr als ambitionierten Betrag. Ich trete ihm gegen das Bein, schaue ihn fragend an. Aber der Makler hat schon zufrieden sein Gaspedal durchgetreten und nimmt den Fuß erst wieder herunter, als er über den Kies schlitternd vor einem großen grünen Gittertor zum Stehen kommt. Eine kleine Auffahrt führt zu einem riesigen, weißen Landhaus aus dem 18. Jahrhundert mit einer Parkanlage voll blühender Rhododendren. All das ist so riesig, dass der Preis schon fast wieder angemessen ist.

Erwartungsvoll schaue ich dem Makler über die Schulter, als er die Tür öffnet … Leere! Wir stehen vor einer einzigen großen Fläche aus glänzend rosa Fliesen, keine Kamine, keine Ornamente an der Decke. Auf der oberen Etage sind die Zimmer nur ausgestattet mit billigen Einbauwaschtischen und Schränken aus Pressspan. »Sehr leicht zu reinigen!«, versucht der Makler es kurz, aber er hat bereits verstanden. Ohne weiteren Kommentar fährt er uns zur Küste. Vom Küstenort Houlgate aus führt ein langer Weg ins Hinterland, von dem der Makler abbiegt. Wir fahren jetzt durch dichten Pappelwald, der sich mit Feldern und hohem glänzenden Gras abwechselt. Das Auto schreckt eine Gruppe wilder Gänse auf, die erst hoch oben in der Luft wieder zueinanderfinden.

Le Héroussard, wie das Anwesen heißt, ist einer dieser wenigen Plätze auf der Welt, an denen sich alles richtig anfühlt, die Lage auf dem sanft abfallenden grünen Hügel, die Aussicht. Man blickt hier weit hinaus bis zum glänzenden Band des Meeres, das Haus selbst ist einnehmend in seinem verfallenen Stolz. Während Aad mit dem Makler spricht, steige ich auf der breiten Treppe aus dunklem Holz nach oben. Ich gehe durch die Zimmer mit dem polierten Parkett und den mit Toile-de-Jouy-Tapeten bespannten Wänden und streiche über den weichen Marmor eines verzierten offenen Kamins. Als ich von einer der Terrassen aus über das Land schaue, bin ich mir sicher – hier möchte ich bleiben.

Auf dem Weg zurück, im Auto, stellen uns Aad und ich immer und immer wieder dieselbe Frage. Angenommen, wir würden Le Héroussard kaufen, womit würden wir dann Geld verdienen? Zum Anwesen gehören zwei Hektar Pappelwald und ein paar Weiden, die man verpachten könnte. Aber ansonsten? »Wir könnten Projekte annehmen, von Frankreich aus arbeiten«, sage ich. Aad schüttelt den Kopf: »Du vielleicht. Ich arbeite mit einem Artdirector zusammen, ich kann nicht weg. Ich leite eine Abteilung, Kunden wollen mich sehen …«

»Wir könnten an Touristen vermieten, als Herberge.« Automatisch sehe ich es vor mir: Was bleibt von der stillen Schönheit übrig, wenn Familien auf dem Rasen Badminton spielen?

»Weißt du, wie oft es in der Normandie regnet?«, fragt Rex, als wir ihm von unserem Plan erzählen. Er breitet so viele Wetterkarten auf dem Tisch aus, dass wir schließlich seufzend zustimmen. Die Normandie ist es also nicht und ein Haus ohne Einkommensquelle auch nicht.

Und so gehen wir wieder unseren Alltagsgeschäften nach.

3

Seit Aad die Agentur leitet, sitzt er mit den großen Jungs an einem Tisch, und große Jungs trinken teure Weine, die auch Aad immer besser schmecken. Nach einem Château Lynch Bages ’84 können uns die Weine aus der Neuen Welt, die in unserem Küchenschrank stehen, immer weniger überzeugen. Aad beginnt, an Weinproben teilzunehmen, und kommt jedes Mal strahlend und mit immer teureren Flaschen Wein nach Hause. Bei Ikea belädt er seinen Land Rover mit Stapeln zerlegbarer Weinregale, mit denen er schon bald den Keller vollgestellt hat. Wir kaufen neue, angemessene Weingläser, und der Stapel Weinführer neben dem Sofa wächst stetig. Aad ist nicht der einzige Mann aus der Nachbarschaft, der während einer Einladung zum Essen ständig Weingläser poliert und sich einen neuen Wortschatz antrainiert, mit Wörtern wie »Adstringenz« und »Blumigkeit«.

Ich betrachte die schnuppernden und glucksenden Männer mit liebevoller Ironie. Ich kann mir keine Jahreszahlen und Appellationen merken, bin aber trotzdem verrückt auf Wein und probiere mit großer Freude all die Herrlichkeiten, die sich mir auf einmal anbieten.

Eine alte Schulfreundin von Aad ist mit einem Schweizer Winzer verheiratet, und in den Jahren, bevor Aad mich kennenlernte, ist er oft bei dem Paar zu Besuch gewesen. Er mochte die indianischen Lebensweisheiten, die Stéphan zum Besten gab: »La terre n’est pas à moi, je suis à la terre …« Wie schön und edel. Den Boden bearbeiten, selber hervorragende Weine herstellen – auf einmal war Aads Traum geboren. Wein herstellen! Wie wär’s, wenn wir das machten?

In diesem Sommer segeln wir mit den Kindern in Griechenland. Wir meistern ohne Probleme Windstärke sieben und verleben Tage, an denen wir niemanden sehen als uns. Es ist offenbar möglich, dass wir uns völlig von allem frei machen können. Wir gemeinsam gegen den Rest der Welt.

»Von mir aus können wir ein Weingut suchen«, sagt Aad. Ich versuche, es mir vorzustellen, ein Haus wie Le Héroussard, aber in den Weinbergen – ein Haus mit einer Einkommensquelle. Wir stellen etwas Echtes her, ein Naturprodukt, nicht nur leere Worte, sondern Flaschen, die man anfassen kann. Aber das alles geht mir auch ein wenig zu schnell: Natürlich trinke ich gerne Wein, ich bin sogar verrückt auf Wein. Aber reicht das, um es zu meinem Beruf zu machen? Müssen wir wirklich so weit weggehen, um ein neues Leben zu beginnen? Aad will nicht mehr darüber reden. »Ich weiß, was ich will«, sagt er, »jetzt musst du dich entscheiden.«

Im Zentrum von Haarlem liegt der Weinhandel »Okhuysen«. Während einer Weinprobe im Gewölbekeller lernen wir Xavier van Okhuysen kennen, den Sohn des Besitzers. Er ist ein sympathischer junger Mann Mitte 30, Niederländer, der aber auch ohne Weiteres als typischer Franzose durchgehen könnte. Die letzten Jahre hat er in Bordeaux gelebt, jetzt steht er davor, den Weinhandel seines Vaters zu übernehmen. Mir fällt auf, dass er anders ist als viele der Männer, die wir auf den Weinproben treffen. Dieser junge Mann weiß so viel über Wein, dass er ohne jeden Snobismus auskommt.

»Gut«, sagt Xavier, »ihr wollt also wirklich ein Weingut kaufen?« Ein Anflug von Spott in seinem Lächeln lässt mich vermuten, dass er das schon öfter gehört hat. Ich sehe seine Kunden vor mir, ältere Herren, die sicher auch gerne mal über ein nettes Schlösschen als Kapitalanlage nachdenken, vereinzelte glückliche Paare wie wir, die großartige Pläne schmieden, die sie nie in die Tat umsetzen. Aber Xavier ist ein netter Kerl, und so setzt er sich mit uns zusammen und ruft einige seiner alten Bekannten in Bordeaux an, sodass wir mit einem Kalender voller Termine nach Hause gehen.

Aus dem Reiseführer von »Gîtes de France« suchen wir ein großes Natursteinhaus mit ausreichend Platz für uns, meine Mutter Simone und ihren Freund Henk heraus. Auf der Autobahn fahren sie hinter uns her, auf unserer Rückbank winken die Mädchen.

Endlich kommt die Ausfahrt in Sicht. Über kleine, sich dahinschlängelnde Wege erreichen wir ein Haus, das versteckt hinter einer niedrigen Mauer auf uns gewartet hat. Eine erdige Feuchtigkeit dringt aus dem Haus, als wir die Türen öffnen. Vorsichtig treten wir in das Leben einer Familie, die wir nie kennenlernen werden. Wir betrachten die Schränke, die mit ramponierten Gesellschaftsspielen vollgestopft sind, und die Wände, an denen sich die künstlerischen Inspirationen langer Sommerferien präsentieren. Über meinem Bett hängt ein Bild vom Haus, wie es nach einem Erdbeben ausgesehen haben muss.

Wir lassen Simone und Henk mit zwei wutschnaubenden Kindern unter der Überdachung der Terrasse zurück, steigen ins Auto und machen uns auf zu einem Termin auf einem Weingut mit niederländischen Besitzern. Während Aad fährt, blicke ich über die unendliche Ebene mit ihren graugrünen Weinbergen, die im leichten Nieselregen mit dem Horizont verschmelzen. Ich merke, wie sich ein dumpfer Widerstand in mir regt, sich eine Warum-Frage aufdrängt, die ich ärgerlich beiseiteschiebe. Dann beginnt das Land leicht abzufallen, und noch ein Stückchen weiter rufen Baumgruppen und Natursteinmauern tatsächlich die Assoziationen hervor, die man in Frankreich erwartet. Die Sonne bricht durch und wirft ihr Licht auf ein Feld mit dunkler Erde, auf dem eine große Gruppe Gänse im Matsch wartet, ihr weißes Gefieder voller dunkler Flecken. Ich stelle mir vor, wie einer nach der anderen Tag für Tag mit einer Hochdruckspritze püriertes, fettes Futter verabreicht wird.

Wir stellen das Auto vor einer kleinen Gebäudegruppe aus dunklem Naturstein ab, ein stämmiger, zufrieden dreinblickender Franzose kommt auf uns zu. Er ist hier angestellt und gut versorgt in einem großen, geschmackvoll umgebauten Haus mit einem BMW vor der Tür zurückgelassen worden. Der Besitzer schaut nur ab und zu vorbei und nimmt dann mit dem kleineren Apartment über dem Weinkeller vorlieb.

Der Mann führt uns mit angemessenem Stolz durch den blitzsauberen cave, den Weinkeller, in dem mit mathematischer Präzision glänzende Edelstahl-Weinfässer aufgestellt sind. Ich sehe beeindruckende Maschinen, deren Funktion ich nicht kenne, stelle mir den intensiven Landbau vor, der all dem hier vorangegangen sein muss, denke an das Wort »Investitionsobjekt«. Ich fühle die große Distanz zwischen mir und allem, was ich hier sehe – ganz anders als Aad. So wie überall ist er auch hier sofort in seinem Element und läuft begeistert hinter dem Angestellten her, beklopft die Weinfässer und kommentiert das Gesehene mit dem Habitus eines Kenners. Dann bekommen wir beide ein großes, frisch poliertes Weinglas in die Hand gedrückt, das schnell hintereinander mit Weinproben aus den Fässern X, Y und Z gefüllt wird. Es sind noch sehr junge Weine, die noch nicht assembliert sind, also noch nicht im richtigen Verhältnis gemischt wurden. Meine wichtigste Aufgabe bei all dem ist es, einen neutralen, aber interessierten Gesichtsausdruck zur Schau zu stellen, während harte Tannine meine Mundwinkel nach unten zwingen und ein hoher Säuregrad meine Lippen zu einem dünnen Strich verzieht. Erleichtert spucke ich die letzten Reste des Gebräus in den Eimer und folge den Männern in den Weinkeller, in dem lange Reihen makelloser Fässer in einem geharkten Bett aus feinem Kies liegen – es sind die älteren Weine. Jetzt schmecke ich Nuancen, die mir bekannt vorkommen, die ich einordnen kann. Ich rieche Kirschen, Himbeeren, so etwas wie Leder – wenn das möglich ist. Ich schmecke: voll, konzentriert, aber auch fruchtig, etwas Prickelndes, was auch immer das sein mag. Ich sage wenig, denn ich verstehe von diesen Weinen trotzdem noch nicht genug.

Am nächsten Tag treffen wir uns mit einem netten älteren Niederländer, der schon jahrelang als einflussreicher Weinhändler in Bordeaux ansässig ist. Auf der Suche nach der richtigen Adresse fahren wir über endlose, gerade Straßen mit farblosen Flachbauten aus dem vorigen Jahrhundert. Uns fällt auf, dass das majestätische Zentrum von Bordeaux ziemlich klein ist.

Unser Gesprächspartner lädt uns zu einem Essen ins Clubhaus eines Tennisvereins ein. Ich muss an die nach nassen Handtüchern riechende Kantine des Clubs denken, in dem ich als Kind Tennis ...

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