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Träum weiter, Mann

Impressum

ISBN 978-3-8412-0502-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano

unter Verwendung eines Motivs von

© Roberto A Sanchez/iStockphoto

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

  1  Wintergarten mit Meerblick

  2  Chai Latte mit Schuss

  3  Das Mädchen von Seite 1

  4  Pyjama-Party

  5  Hemingway ohne Whiskey

  6  Geisterhaus

  7  Reifeprüfung

  8  Auf der Steilküste

  9  Der fliegende Drache

10  Rote Grütze mit Schlagsahne

11  Über Dänemark scheint die Sonne

12  Robbenfang

13  Der seltsame Franzose

14  Champagner im Schlafsack

15  Clowns im Billy-Regal

16  Das kranke Herz

17  Neben der Spur

18  Zwischenbild mit Weihnachtsbäumen

19  Nachtfahrt im Taxi

20  Kampfhund im Nieselregen

21  Frauenversteher

22  Erdbeeren im Whirlpool

23  Sabine ist der Kopfmensch

24  Im Nebel

25  Limonengeruch im Möwenwind

26  Steakhouse

27  Im Autorenhimmel

28  Segeltörn zu Dritt

29  Down Under

1
Wintergarten mit Meerblick

Die dunklen Abendwolken ziehen sich bereits zusammen, und feiner Nieselregen weht über die Straße. Durch die leise quietschenden Scheibenwischer schaut Heiner auf abgeerntete Maisfelder, die von langen, fast laublosen Knicks begrenzt werden. Nachdem er einen kleinen Mischwald durchquert hat, kann er kurz den endlos-grauen Teppich der Ostsee sehen. Dann passiert er endlich das Ortsschild von O. In dem kleinen Badeort hängen überall Schilder mit der Aufschrift »Gästezimmer zu vermieten« in den Fenstern, die meisten der rot verklinkerten Pensionen haben den Betrieb schon ganz eingestellt und die Rollläden heruntergelassen.

Im Vorbeifahren sieht er neben einem kleinen Fußweg Hinweise zu den Hauptattraktionen von O.: »Zur Steilküste«. Und natürlich: »Zum Strand«. Ansonsten kann Heiner in dem kleinen Dorf nur einen EDEKA-Markt, einen Briefkasten, zwei Bushaltestellen und eine kleine Boutique für Strandmode entdecken. Dazu ein paar einsame Senioren, die mit einem Regenschirm spazieren gehen. Ein Restaurant, das mehr nach einem Imbiss aussieht, und ein rotweiß gestreifter Funkmast der Bundesmarine, der sich im Norden befindet und 30  Meter hoch in den bewölkten Himmel ragt.

Heiner hat die Ortsmitte fast erreicht, als auf seinem Navi eine kleine schwarz-weiße Flagge aufblinkt. Am Ende einer versandeten Sackgasse, die hinunter zum Meer führt, ist er endlich am Ziel seiner Reise: der Pension Möwenwind.

Er hat das Haus vorher nur im Internet gesehen. Wie immer kann die Realität mit dem schönen Schein des Werbefotos nicht mithalten. Das kleine Hotel ist ein einstöckiger Quader, gebaut in den Dreißigerjahren. Der weiße Putz ist seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gestrichen worden und hat bereits etwas Patina angesetzt.

Doch als Heiner auf den Parkplatz fährt, hat er das Gefühl, dass er im Paradies angekommen ist. Und tatsächlich bricht in diesem Moment die Sonne durch die Wolken, und ein paar Strahlen tauchen die kleine Pension in ein warmes, hoffnungsvolles Licht.

Heiner steigt leise ächzend aus seinem Golf. Der Rücken macht ihm seit ein paar Monaten Probleme, vor allem nach längeren Autofahrten. Aber auch das kann seine gute Laune jetzt nicht trüben. Er streckt sich und atmet tief durch. Der frische, salzige Geruch der nahen Ostsee ist überwältigend. Lächelnd schließt er die Augen. Und sofort sind sie da, die Erinnerungen an Urlaube mit den Eltern, überfüllte Strände in Travemünde, an Sonnencreme, warmen Sand und Capri-Eis mit Orangengeschmack.

Er seufzt glücklich. Dann holt er seine Taschen aus dem Auto, seinen Koffer und seine nagelneue Crumpler-Bag mit seinem Laptop und wirft einen kurzen Blick auf die anderen Wagen, die auf dem kleinen Hotelparkplatz stehen. Ein Fiat Uno mit Lübecker Kennzeichen, ein rostiger Passat-Kombi aus Dortmund und ein grüner Landrover mit Ostholsteiner Nummer.

Wirklich ausgebucht ist das Hotel im Moment wohl nicht. Umso besser, denkt Heiner, so hat er seine Ruhe und kann ungestört arbeiten. Nur deshalb ist er schließlich hergekommen. Er kann es kaum erwarten, sich hinter seinen Laptop zu setzen und anzufangen. Gut gelaunt schnappt er sich sein Gepäck und geht über den sorgfältig geharkten Kiesweg in das Gebäude.

Die Rezeption ist nicht besetzt. Heiner stellt seine Sachen ab und schaut sich um. Auf einem Tisch liegen neben einer Schale mit Sahnebonbons Prospekte über Attraktionen in der näheren und etwas weiteren Umgebung. Wieder die Steilküste. Das U-Boot in Laboe. Das Hansa-Land in Sierksdorf. Auf der Theke eine gläserne Sammelbüchse des Seenotrettungsdienstes, dahinter an der braun getäfelten Wand das gemalte Bild eines Windjammers im Sturm.

»Ah, Sie müssen der Herr aus Hamburg sein«, meldet sich plötzlich eine freundliche Stimme und eine Frau kommt aus dem seitlichen Flur in die kleine Lobby hinein. Blonde, streng nach hinten gebundene Haare, freche Falten um die blau blitzenden Augen und auf der Stupsnase eine abgerundete Lesebrille.

Sie gibt Heiner die Hand. »Guten Abend, mein Name ist Ingrid Schmidt.«

Die Besitzerin des Hotels, bei ihr hat er das Zimmer per E-Mail reserviert.

»Deuters«, erwidert er die Begrüßung. Frau Schmidt geht freundlich lächelnd hinter den Tresen. Heiner schätzt sie auf weit über fünfzig, vielleicht sogar schon sechzig. Trotzdem ist Frau Schmidt immer noch eine sehr attraktive Frau.

»Haben Sie eine gute Fahrt gehabt?«

»Ja, kein Problem.«

»Tut mir leid mit dem Regen. Aber bis gestern hatten wir noch strahlenden Sonnenschein.«

Er nickt nur freundlich. Für das, was er vorhat, ist ihm egal, wie das Wetter ist.

Frau Schmidt sieht in ihren Computer. »Mal schauen, das war ein Einzelzimmer für zwei Wochen.«

Heiner hebt den Zeigefinger. »Nichtraucher.«

»Natürlich. Und mit Blick aufs Meer.«

»Und ruhig muss es sein.«

»Keine Sorge. Unsere Zimmer sind alle ruhig.«

»Das ist wirklich wichtig für mich. Ich kann nicht arbeiten, wenn ich nicht absolute Ruhe habe.«

»Herr Deuters, Sie können sicher sein, die Möwen und das Rauschen der Ostsee werden das Einzige sein, was sie in der Nacht hören.«

»Und das WLAN funktioniert?«, fragt er.

Frau Schmidt nickt stolz. »Überall im Hotel. Hat mein Neffe ganz neu eingerichtet. Wir mögen ein bisschen abgelegen sein, aber technisch sind wir auf dem letzten Stand.« Sie legt ihm ein Blatt auf den Tresen. »Wenn Sie hier bitte noch unterschreiben?«

Er sieht auf das Anmeldeformular, auf dem Frau Schmidt schon seine Daten eingetragen hat, und setzt seinen Namen darunter.

Frau Schmidt reicht ihm seinen Zimmerschlüssel. »Zu ihrem Zimmer geht es da den Flur entlang. Frühstück gibt es ab halb acht im Wintergarten, Abendessen ab 18  Uhr. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, Tipps für Ausflüge  zum Beispiel, können Sie sich jederzeit an mich wenden.«

Heiner schüttelt den Kopf: »Ich glaube nicht, dass ich viele Ausflüge machen werde. Wie gesagt, ich bin nur zum Arbeiten hier.«

Frau Schmidt mustert Heiner mit einem ungläubigen Lächeln. »Arbeiten? Hier?«

Heiner streckt sich. »Ich schreibe an einem Roman.«

Frau Schmidt hebt die Augenbrauen. »Ach, wie nett, Sie sind Schriftsteller?«

Heiner winkt bescheiden ab, nickt aber.

»Sie schreiben Geschichten? So richtig kreativ?«

»Nun ja ...« Heiner nickt wieder.

Frau Schmidt lächelt. »Na dann, Herr Deuters. Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit bei uns im Möwenwind. Und viele gute Ideen für Ihr Buch.«

Heiner nickt, schnappt sich seine Sachen und macht sich auf die Suche nach seinem Zimmer.

Er findet es am Ende des Flures. Besonders groß ist es nicht, aber es ist mit viel Liebe eingerichtet. Helles Holz, ein Strauß mit frischen Blumen auf dem Tisch, ein kleines Sofa, sorgfältig drapierte Daunenbettwäsche und an der Wand wieder ein Ölbild, dieses Mal eine Hafenimpression. Dazu steht auf dem Tisch eine Flasche Wasser mit einem frischen Glas. Auf dem Bettkissen liegt ein großes, herzförmiges Stück Schokolade. Er schiebt die Spitzengardine zur Seite und schaut hinaus. Tatsächlich, er kann das Meer sehen und sogar hören, wie die Wellen leise auf den Strand rauschen. Dazu wieder der frische, salzige Geruch. Er lächelt. Hier lässt es sich aushalten.

Heiner stellt seine Sachen ab und probiert das Bett aus. Sehr weich. Das ist nun leider nicht so schön. Gift für seinen Rücken. Er nimmt sich vor, Frau Schmidt nach einer härteren Matratze zu fragen.

Er greift nach seiner Crumpler-Tasche, holt seinen Laptop heraus, stellt ihn mit aufgeklapptem Bildschirm auf den Tisch und setzt sich davor. Er nickt zufrieden. Genug Platz für seine Maus, die Sitzhöhe ist genau richtig, und am Computer vorbei hat er einen perfekten Blick auf das Meer. Jetzt noch ein gutes Glas Wein, und er kann mit der Arbeit beginnen. Endlich. Er lächelt glücklich. Genauso hat er sich das vorgestellt.

Sein Magen grummelt leise. Nicht weil Heiner Hunger hat, auf der Autobahn hat er eine kurze Rast bei McDonalds gemacht und einen Big Mac hinuntergeschlungen. Mit einer großen Portion Pommes und anschließend noch einem Eisbecher. Offensichtlich zu viel für seinen schwachen Magen.

Er schaut auf die Uhr. Das Abendessen müsste bereits vorbei sein. Die Gelegenheit, um sich mal den Raum anzuschauen, der letztlich der Grund war, warum er sich gerade für diese Pension entschieden hat.

Leise ächzend stemmt Heiner sich vom Bett hoch, greift nach seiner Strickjacke, klemmt sich sein Laptop unter den Arm und verlässt sein Zimmer.

Zu seiner angenehmen Überraschung ist der Wintergarten sogar noch größer, als er ihn sich aufgrund des Fotos im Internet vorgestellt hat. Die große Fensterwand mit Blick auf den Strand und das Meer, die bequemen Polsterstühle, die plüschige Sitzecke mit Sofa und Fernseher – insgesamt sieht der Wintergarten aus wie eine Mischung aus Wohn- und Esszimmer. Tatsächlich steht er den Gästen auch außerhalb der Essenszeiten als Aufenthaltsraum und Treffpunkt zur Verfügung.

Außer Heiner sind nur wenige Gäste da. Ein müde aussehendes Ehepaar mit zwei halbstarken Jungs, die unruhig auf ihren Stühlen herumrutschen und lustlos an den letzten Resten des Abendbrots herumnagen. Ein junges, etwas dickliches Pärchen, das schweigsam vor zwei Weingläsern sitzt. Dazu zwei einzelne Herren mit Schlips und Anzug, die alleine an ihren Tischen sitzen. Der eine liest eine Ausgabe der Kieler Nachrichten, der andere, ein hünenhafter, etwas grobschlächtig aussehender Mann mit Dreitagebart und buschigen Koteletten, hat sein Jackett über den Stuhl gehängt und sitzt mit starrer Miene vor seinem Computer.

Heiner ist etwas enttäuscht. Halbwegs attraktive Frauen scheint es hier nicht zu geben. Nicht, dass er irgendwelche Absichten gehabt hätte. Aber ein bisschen was fürs Auge wäre schon schön gewesen.

Er grüßt diskret in die Runde. Die anderen nicken ihm nur kurz zurück. Das dicke Mädchen lächelt ihn an. Der Computer-Mann mustert ihn nur mit abschätziger Miene und blickt dann mit einem leisen Lächeln wieder auf seinen beleuchteten Bildschirm.

Heiner sucht sich einen Tisch direkt am Fenster, von dem er nicht nur gut hinaus aufs Meer schauen kann, sondern auch einen Überblick über das Restaurant hat. Er hasst es, keine Deckung zu haben und nicht zu wissen, was hinter seinem Rücken passiert. Erst jetzt merkt er, dass jeder Tisch mit einem anderen maritimen Gegenstand versehen ist, zum Beispiel ein drapiertes Seil, ein kleiner Anker oder zwei Signalflaggen.

Auf seinem Tisch befindet sich ein Messingkompass, der tatsächlich funktioniert. Er klopft gegen das Glas und beobachtet, wie der kleine Pfeil sich bewegt. Der Strand ist im Süden, die Küche hinter dem Tresen liegt genau im Norden.

Frau Schmidt kommt aus der Schwingtür und balanciert ein Tablett mit einem Pils zu einem der beiden Männer, die alleine an einem Tisch sitzen. Anschließend kommt sie zu Heiner.

»Na, alles in Ordnung mit dem Zimmer?«, erkundigt sie sich freundlich.

»Ja, alles gut.«

»Das freut mich. Wollen Sie was zu Essen? Noch ist die Küche offen.«

Heiner schüttelt den Kopf. »Nein, danke, nur einen Rotwein bitte.«

Frau Schmidt zeigt auf den Rechner, den Heiner feierlich vor sich auf den Tisch gelegt hat. »Sagen Sie bloß, Sie wollen jetzt noch was schreiben?«

Heiner zuckt lächelnd mit den Schultern. »Hilft ja nichts. Von alleine wird der Roman nicht fertig.«

»Na dann, viel Erfolg!«

Frau Schmidt zwinkert ihm noch mal kurz zu und geht wieder. Heiner sieht ihr nach, wie sie wieder in der Küche verschwindet – und stutzt.

Am Tresen ist mittlerweile eine junge Frau erschienen. Mit gelangweilter Miene zapft sie mehrere Biere und gießt für die Jungs Fanta in zwei Gläser. Dabei reibt sie sich gedankenverloren mit dem nackten Unterschenkel des einen Beines über das andere.

Offensichtlich handelt es sich um Frau Schmidts Tochter. Die gleichen blonden Haare und die gleichen hohen Wangenknochen, eine nordische Schönheit wie ihre Mutter, nur jünger. Heiner fragt sich, wie alt sie ist. Bestimmt kaum älter als fünfundzwanzig. Selbst die biedere Kellnerinnen-Uniform kann ihre weiblichen Formen nicht verbergen, und trotz der klobigen Arbeitsschuhe gelingt es ihr, verführerisch durch den Raum zu gleiten. Heiner fragt sich, wie sie wohl in normaler Kleidung aussehen würde. In Jeans vielleicht. Oder in einem leichten Sommerkleid. Für einen Moment sieht er sie wie in Zeitlupe am Strand entlanglaufen.

Er lächelt versonnen. Vielleicht wird es in diesen zwei Wochen ja doch noch etwas Abwechslung neben seiner Arbeit geben.

Die Frau versorgt die Familie mit ihren Getränken und kommt dann zu seiner großen Freude auch zu ihm an den Tisch.

»Ein Rotwein, bitteschön«, sagt sie und schaut ihm dabei für einen kurzen, einen ganz kurzen Augenblick lächelnd in die Augen.

»Danke«, stottert Heiner und klingt dabei wie ein gemütskranker Frosch.

Die Frau nickt ihm nachsichtig zu und geht wieder zurück zur Bar.

Heiner starrt ihr mit großen Augen hinterher, fasziniert von ihrem sanften Hüftschwung. Für einen Moment glaubt er sogar, ihr Parfüm riechen zu können. Ein frischer, süßer Duft wie Frühling, wie ein Versprechen. Er atmet tief durch.

Da bemerkt er, dass er beobachtet wird. Der unrasierte Tarzan mit dem Powerbook hat seinen begehrlichen Blick bemerkt. Jetzt sieht er Heiner mit einem spöttisch abschätzigen Grinsen an und schüttelt dabei vorwurfsvoll den Kopf.

Heiner dreht sich schnell weg und tut so, als ob er nichts bemerkt hat. Was bildet sich der Kerl ein? Er hat nichts Anrüchiges getan. Ja, das Mädchen gefällt ihm, na und? Was ist denn schon dabei, wenn man sich gerne eine schöne Frau anschaut?

Und dieses kurze Lächeln – eigentlich hat sie doch mit ihm geflirtet? Warum auch nicht? Im Vergleich zu den anderen Gästen ist er für sie bestimmt einer der wenigen Lichtblicke.

Aus den Augenwinkeln sieht er wieder zu dem Unrasierten, der drei Tische weiter sitzt. Gelangweilt schaut er auf den Bildschirm seines Powerbooks. Bestimmt nur irgendein Vertreter. Der hat es gerade nötig, sich über andere zu erheben, denkt Heiner.

Mit einem zufriedenen Lächeln schaltet er sein Laptop ein, öffnet ein Textdokument und liest die erste Seite:

Der seltsame Franzose

von Heiner Deuters

Stolz schaut er sich im Wintergarten um. Zu seiner leichten Enttäuschung scheint keiner ihn zu beachten, jeder ist nur mit sich selbst beschäftigt.

Aber dann schüttelt er gedankenverloren den Kopf. Umso besser, denkt Heiner, dann kann er endlich in Ruhe arbeiten. Er lächelt selig, wie unendlich lange hat er auf diesen Moment gewartet! Mit leisem Knacken lockert er seine Finger, reibt euphorisch die Hände aneinander, trinkt noch einen Schluck Rotwein und fängt dann an.

2
Chai Latte mit Schuss

»Ich will nicht hier sein.«

Gerald Schöning schaut sich erschrocken um: Er war so tief in Gedanken, dass er nicht sicher ist, ob er es gerade laut gesagt hat. Das wäre ihm peinlich. Aber die Gäste im Wintergarten sitzen zum Glück genauso öde da wie zuvor, keiner guckt zu ihm herüber; auch nicht die mittelalten Eltern mit ihren pubertierenden Jungs, die sich hier ohne andere Jugendliche so wohl fühlen wie in einem Straflager. Draußen ist es bereits dunkel geworden, vom nahen Meer sieht man nichts. Neben ihm langweilt sich das schweigsame, dickliche Pärchen, er mit silbernem Ohrring, sie behängt mit billigem Goldschmuck, den sie vermutlich spontan im Verkaufsfernsehen geordert hat, hinten lungern noch zwei Geschäftsleute mit teuren Schlipsen und preiswerten grauen Anzügen herum. Am schlimmsten ist der Typ um die 40, der sich erst prüfend umschaut, als er hereinkommt, und dann ans Fenster des Wintergartens hastet. Er wirft nicht einen Blick auf die Ostsee, die sich wie ein grandioser riesiger Teich vor dem Fenster ausbreitet, sondern setzt sich mit dem Rücken zum Meer. Vermutlich ein Kontrollfreak, der zwanghaft das gesamte Restaurant im Blick haben muss.

Gerald streicht sich nachdenklich über seinen stoppeligen Dreitagebart, das sind natürlich alles nur Vermutungen, wahrscheinlich sind die Leute alle total sympathisch, und seine Vorurteile hängen mit seiner Laune zusammen, die ziemlich am Boden ist.

Er klappt seinen Laptop auf und schaut auf seine Website. Hat sich schon jemand auf seine neuen Angebote gemeldet? Er ist Makler und hat gerade zwei neue Objekte hereinbekommen: ein hervorragend ausgestattetes Haus, das aber 20  Kilometer von der Ostsee entfernt liegt, und eine Schrottbude mit Meeresblick. Beides sind Notverkäufe und kommen viel zu spät, jetzt im Oktober geht es schon langsam auf Weihnachten zu. Im Herbst sind die Leute nicht in der Stimmung, sich ein Ferienhaus zuzulegen. Er muss unbedingt mit seiner Hausbank reden, denn er überlegt ernsthaft, die Schrottbude billig zu kaufen (die Maklerprovision fiele ja weg) und renovieren zu lassen. Es ist eine günstige Gelegenheit, seine Kunden brauchen das Geld dringend und sind bereit, mit dem Preis nach unten zu gehen. Aber Geralds Bank zickt bereits wegen der Zwischenfinanzierung für die Handwerksarbeiten in seinem Privathaus herum. Wenn er die Handwerker schon mal im Haus hat, will er sich natürlich verbessern, ein Wintergarten mit Jacuzzi-Pool und Fußbodenheizung im ganzen Haus sollte schon drin sein.

Er ist nicht freiwillig hier, die Ostsee vor dem Wintergarten und der endlose Strand sind für ihn höchstens das kleinere Übel. Er wäre jetzt gerne zu Hause, was nur 30 Kilometer entfernt liegt.

Aber sein Zuhause gibt es nicht mehr.

Städter halten die freiwillige Feuerwehr gerne für einen skurrilen Trachtenverein, in dem sich debile Dörfler zum Saufen treffen. Dass Feuer eine ernste Gefahr darstellt und Berufswehren auf dem Land weit weg sind, vergessen sie dabei. Als vor drei Tagen der Dachstuhl seines Hauses brannte, waren die freiwilligen Helfer aus seinem Dorf in nur zwölf  Minuten vor Ort, eine Spitzenleistung. Weil sie so hervorragend ausgebildet worden waren und jede und jeder genau wusste, was zu tun war, bekamen sie den Brand schnell in den Griff. Es war leider nicht zu verhindern gewesen, dass Löschwasser ins Erdgeschoss lief und alles vernichtete, was dort stand, die Möbel und den Holzfußboden, Teppiche, die Stereo-Anlage, einfach alles, es ist schlimmer als der gesamte Brandschaden am Dach.

Das kann Gerald den Helfern natürlich nicht vorwerfen. Wenn sie später gekommen wären, hätte er gar kein Haus mehr gehabt. Selbstverständlich hat er am nächsten Tag zwei Fässer Bier und einen größeren Betrag gespendet, das war das Mindeste. Nun hockt er schon drei Tage in dieser Pension und hofft, dass die Handwerker mit den Renovierungsarbeiten schnell vorankommen.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragt eine warme Altstimme neben ihm, sie scheint aus einer vollkommen anderen Welt zu kommen.

Er dreht sich um.

Die Kellnerin. Sie muss neu sein, in den letzten Tagen hat er sie noch nicht gesehen. Ihre Wangenknochen liegen hoch, und die hellen grünen Augen sind betont kühl – ganz im Gegensatz zu ihrer rauen Soulstimme. Sie hat sich die kräftigen blonden Haare hochgesteckt, aber einige Strähnen lassen sich mit den Klammern nicht bändigen und lugen keck hervor.

»Einen koffeinfreien Chai Latte bitte!«

Ein kleiner Scherz. Auch ohne in die Karte geschaut zu haben, weiß er natürlich, dass es in der Pension Möwenwind weder einen Chai Latte mit noch einen ohne Koffein gibt (wobei ein Milchkaffee oder eine Latte macchiato durchaus im Angebot ist). In dem Moment, in dem er es ausspricht, tut es ihm schon wieder leid. Wenn sie es falsch versteht, klingt es total schnöselig.

»Nehmen Sie den italienischen oder den aus fairem Welthandel?«, fragt sie mit gelangweiltem Gesichtsausdruck zurück. Grandios!

»Mit Schuss«, entscheidet Gerald, und bezieht sich damit wieder auf die landestypischen Gepflogenheiten der Region.

»Sehr gerne.«

Sie entschwindet mit betont Po wackelndem Gang, dass Gerald kurz auflachen muss: Sie ist sich so dermaßen sicher, dass er ihr nachschaut ...

Der Kontrollfreak vom Fenster stiert neugierig herüber und versucht, der Kellnerin flirtende Blicke zuzuwerfen. Er sieht dabei aus wie ein Bettler. Der Mann kommt Gerald vor wie das Klischee eines armseligen Vertreters für etwas, das geringe Margen bringt, Putzeimer vielleicht oder Schrauben. So zögerlich, wie er in seinen Laptop tippt, laufen die Geschäfte nicht besonders, da gibt es nichts Wichtiges, was er bearbeiten müsste. Die Produkte, die er vertritt, können in der Regel kaum verbessert werden, höchstens in Farbe und Struktur. Was manche Firmen nicht davon abhält, es trotzdem »ganz anders als gewohnt« zu machen, um aufzufallen. In der Regel werden das Flops. Gerald grinst in sich hinein. Wahrscheinlich ist er ein Vertreter für sechseckige Putzeimer mit Schlangenhautmuster oder etwas in dieser Richtung. Arme Sau! »Einmal Chai Latte, koffeinfrei aus fairem Handel mit Schuss.«

Da ist die Kellnerin wieder. Sie hat die Spangen herausgenommen und trägt ihr blondes Haar jetzt offen, es sieht ziemlich verwuselt aus – was ihr noch viel besser steht. Gerald schätzt sie auf Ende 20. Mit runden, eleganten Bewegungen stellt sie ein Kännchen Filterkaffee und einen Cognac im großen, angewärmten Glasschwenker auf seinen Tisch.

Gerald versucht nicht zu lächeln: »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie das hier haben.«

»Ich bitte Sie!«

Immerhin ist die Humorfrage damit schon mal geklärt, was ihn hoffen lässt: Wenn er noch länger hier wohnt, werden sie täglich miteinander zu tun bekommen. Was hat so eine Klassefrau hier am Ende der Welt verloren? Plötzlich fühlt sich seine Zwangslage schon viel leichter an, er fühlt sich deutlich wacher als zuvor.

Die Kellnerin verteilt Kerzen auf den Tischen und zündet sie an. Sie bewegt sich geschmeidig wie eine Tänzerin, obwohl sie gar nicht so gebaut ist, zum Glück! Sie besitzt relativ breite Hüften, ein gebärfähiges Becken, wie man so sagt, auf eine ganz archaische Art wirkt sie sehr weiblich.

Dann ist sie wieder verschwunden. Gerald starrt in die Kerze vor ihm. Wenn er ehrlich ist, muss er zugeben, dass sich die Renovierungsarbeiten für ihn alleine kaum lohnen. Seit seiner Scheidung wohnt er alleine in dem Haus. Vielleicht sollte er den Kasten einfach verkaufen und sich ein Zweizimmer-Apartment oder ein Loft in der Stadt zulegen. Andererseits stammt er aus dem Dorf und kennt alle und jeden, es ist ein guter Ort, auch geschäftlich: Er kauft seinen Spielkameraden von damals die überschuldeten Höfe ab und verscherbelt sie weiter an reiche Hamburger, die eine Dreiviertelstunde über die Autobahn entfernt wohnen.

Sollte er den Brand als Zeichen nehmen, dass seine Zeit im Dorf vorbei ist? Nein, wie Gerald es auch dreht und wendet, das Haus bleibt sein Traum: die alten Apfelbäume in seinem Garten, der kleine Teich und der wacklige grüne Holztisch, an dem sich im Sommer das ganze Leben abspielt – falls er mal da ist.

Und wenn, ist er meistens alleine.

Die Möglichkeiten als Single auf dem Land, eine Frau kennenzulernen, gehen gegen null – wenn man sich nicht gerade nach Affären mit verheirateten Frauen sehnt, was auf Dauer deprimierend ist.

Womit er sich wieder im Kreis dreht.

»Entschuldigung, kann ich mal kurz den Zucker entführen?«

Gerald schaut auf. Vor ihm steht der Vertreter für sechseckige Putzeimer. Seine Eckzähne stehen etwas vor, wie die von Vampiren.

»Wollen Sie ein Haus kaufen?«, fragt Gerald und lächelt ihn auffordernd an. Seine Provision ist bestimmt mickrig, aber vielleicht hat er ja geerbt, wer weiß. Er dreht ihm den Laptop hin. Der Mann kommt keinen Schritt näher, sondern beugt sich nur mit dem Oberkörper etwas nach vorne, um auf den Bildschirm zu schauen.

»Sechs Zimmer, 3000  Quadratmeter Grundstück, Sauna, Whirlpool, voll unterkellert, alles neu.«

»Kostet ...?«

Gerald dreht den Laptop zurück.

»Zu viel für Sie.«

»Wie kommen Sie darauf, dass ich mir das nicht leisten kann?«

»Die Frage nach dem Preis kam zu früh. Leute mit Geld wollen erst einmal mehr über die Ausstattung wissen.«

Der andere nickt beleidigt und schluckt.

»Entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu tun«, murmelt er und wieselt wieder an seinen Platz am Fenster. Gerald ist sicher, dass er den Typen für immer los ist, und wertet das als Erfolg dieses Tages. In seiner Lage feiert man eben auch Punktsiege. Morgen wird er die Handwerker anweisen, ihm wenigstens einen Raum in seinem Haus bewohnbar herzurichten.

Er muss dringend hier weg.

Aber vorher muss er mehr über die Kellnerin erfahren, die ihn vom Tresen aus immer wieder verstohlen mustert.

3
Das Mädchen von Seite 1

Heiner zieht seine Schuhe aus und legt sich, immer noch komplett angezogen, auf sein Bett. Nachdenklich starrt er an die Decke.

Was für ein Idiot! Was erlaubt sich dieser schief gewachsene Riese, so mit ihm zu reden? In Heiners Wut mischt sich Scham. Wieso hat er sich dessen Frechheiten einfach so gefallen gelassen? Warum hat er den Kerl nicht in seine Schranken gewiesen?

Weil die Attacke so plötzlich gekommen ist. Heiner ist sicher, wenn er nicht so überrascht gewesen wäre, hätte er diesen hohlen Klotz mit Worten scharf wie Rasiermesser innerhalb von Sekunden auf den Boden gedrückt. Aber leider hat er nicht so schlagfertig reagiert. Mit einem unwohlen Gefühl im Bauch wird ihm klar, dass dieser Riesenaffe ihn jetzt aus gutem Grund für einen antriebslosen Schwachkopf halten wird.

Er stöhnt leise. Warum regt er sich so auf? Soll der Kerl doch denken, was er will. Der hat ja keine Ahnung, mit wem er es hier zu tun hat.

Ein Immobilienmakler, denkt er und verzieht spöttisch das Gesicht. Eigentlich auch nur ein besserer Verkäufer, ein Vertreter, mehr nicht. Von solchen kleinen Geistern und ihrer Spießerwelt sollte er sich am besten komplett fernhalten.

Zufrieden über diese Erkenntnis starrt Heiner einfach nur an die Decke und lauscht dem gleichmäßigen Rauschen der Wellen, das durch das halboffene Fenster in sein Zimmer dringt. In der Ferne hört er Möwen, dazu den Wind, der leise durch die Büsche vor dem Haus streicht. Frau Schmidt hat recht, die Ruhe ist vollkommen.

Er überlegt träge, was er tun soll. Noch ist er gar nicht müde. Er sieht zu seinem immer noch geschlossenen Koffer. Soll er seine Kleider in den Schrank räumen? Nein, dafür ist morgen auch noch Zeit.

Er beschließt, sich ein bisschen für die nächsten Tage vorzubereiten, und holt seine kleine Reisebibliothek aus der Tasche: zunächst das Handwerkszeug eines guten Autoren, der Duden. Feierlich stellt er die Ausgaben für die Rechtschreibung, Fremd- und Stilwörter nebeneinander auf seinen Tisch. Dazu als Inspirationshilfe Der Idiot von Dostojewski, Der Zauberberg von Thomas Mann und Der Butt von Günther Grass. Dazu das Buch, das er sich extra für seinen Ausflug an die Ostsee gekauft hat, Freiheit von Jonathan Franzen.

Zufrieden betrachtet er die kleine Bücherreihe, die ordentlich nach Größe sortiert hinter seinem aufgeklappten Laptop steht. Jetzt noch ein Glas guter Rotwein und fertig ist der perfekte Autoren-Arbeitsplatz.

Er greift sich den Franzen und beginnt, darin zu lesen. Bisher kennt er nur die überschwängliche Kritik im Hamburger Abendblatt. Doch schon nach ein paar Seiten legt er das Buch wieder weg. Zielloses Geplapper, findet er, und schaltet den Röhrenfernseher an, der auf einem Extratischchen neben dem Fenster steht. 12  Programme, darunter auch zwei dänische Sender. Er schaltet ein bisschen herum und bleibt schließlich mit gedankenverlorener Miene bei einer Quizsendung des NDR mit lokalen D-Promis hängen.

Endlich reißt er sich vom Fernseher los. Er ist nicht an die Ostsee gefahren, um sich solchen Mist anzuschauen! Warum nicht ein bisschen arbeiten? Schließlich hat Heiner die Erfahrung gemacht, dass er abends besonders kreativ ist.

Leise ächzend rollt er sich aus dem viel zu weichen Bett und schaltet seinen Laptop an, wartet, bis der Rechner hochfährt, geht dann auf Word und öffnet seinen Text. Zufrieden liest er wieder den Titel: »Der seltsame Franzose«.

Er muss daran denken, wie er vorhin im Wintergarten gesessen hat. Mit einem verträumten Lächeln erinnert er sich an die hübsche Kellnerin. Bisher hat sie ihn kaum beachtet. Kein Wunder, schließlich musste sie arbeiten. Außerdem ist er für sie bisher nur ein Gast von vielen. Wenn sie wüsste, dass er ein echter Schriftsteller ist ...

Vorhin hat er sie noch einmal zu sich an den Tisch gerufen, um einen weiteren Wein zu bestellen. Davor hatte er den Rechner etwas zu ihrer Seite gedreht. Eigentlich hätte sie den Titel seines Buches lesen müssen! Aber Fehlanzeige. Ohne die kleinste Reaktion war sie wieder davongegangen.

Egal, denkt Heiner jetzt, ich bin zwei Wochen hier, da ist noch reichlich Gelegenheit, sie näher kennenzulernen.

Bevor er mit seiner Arbeit beginnt, surft er ein bisschen im Cyberspace herum. Die übliche Runde: Bild Online, Spiegel Online, die Internetseiten der Mopo, die HSV-Homepage und dann wieder die Bild.

Ihm fällt auf, dass das Seite 1-Girl so ähnlich aussieht wie Frau Schmidts Tochter. Gut, nicht wirklich, sie hat nur auch blonde Haare. Sonst sieht das Zeitungsmodel ganz anders aus. Frau Schmidts Tochter hat nicht so eine schiefe Nase. Und eine gepiercte Lippe auch nicht.

Heiner sieht versunken am Computer vorbei hinaus in die dunkle Nacht und versucht, sich daran zu erinnern, wie genau sie aussieht. Aber so sehr er sich auch bemüht, das Bild von ihrem Gesicht bleibt verschwommen. Sie hat ihn nur einen ganz kurzen Moment angelächelt. Er ärgert sich, dass er sofort schüchtern den Blick gesenkt hat, und nimmt sich vor, ihr am nächsten Tag einen langen, direkten Blick in die Augen zu schenken. Dann wird er sich ihr Gesicht ganz genau einprägen. Und sie bei der Gelegenheit auch gleich nach ihrem Namen fragen.

Vor Heiners geistigem Auge entwickelt sich ein federleichter, geistreich-witziger Dialog wie in einem Woody-Allen-Film. Er überlegt, wie er das Gespräch so lenken kann, dass sie schließlich bei ihm am Tisch Platz nimmt. Lächelnd stellt er sich vor, wie sie ihre schönen Beine übereinander schlägt und andächtig seinen Anekdoten aus dem großen Hamburg lauschen wird.

Dann kann er ihr auch von seinem Buch erzählen. Natürlich wird sie interessiert sein. Einfühlsam wird er sie daran erinnern, dass sie jetzt wohl leider wieder an ihre Arbeit zurückkehren müsste. Aber wie wäre es später mit einem Spaziergang am Strand ...?

Heiner beschließt, nichts zu übereilen. Zwei lange, bestimmt sehr spannende und arbeitsreiche Wochen liegen vor ihm. Er wird seine Chance bekommen. Und er wird sie nutzen.

Hier geht es nicht um Ordinäres wie Sex und Liebe, sondern nur um ein wenig Inspiration für die schwere Aufgabe, die vor ihm liegt. Natürlich will er nichts von dem Mädchen. Aber was ist schon dabei, wenn man sich etwas freundlicher unterhält?

Er lächelt zufrieden ...

... als er auf einmal einen unangenehmen Geruch bemerkt. Einen sehr unangenehmen Geruch. Angewidert rümpft er die Nase. Hat er etwa doch ein Raucherzimmer bekommen? Misstrauisch schnüffelt er an der Bettwäsche, kann aber nur feststellen, dass sie frisch gewaschen ist.

Woher zum Teufel ...?

Dann versteht er. Draußen vor seinem halboffenen Fenster steht der Gast aus dem Nachbarzimmer und raucht.

4
Pyjama-Party

Ein schwerer, weißer Seenebel verpackt die Pension Möwenwind in dicke Watte, nur die erste Lampe der Dorfstraße ist noch vage als krissliger, heller Punkt zu erkennen. Gerald drückt die Zigarette am Fensterrahmen aus und schnippt sie in das Nichts unter ihm. Über dem Meer ertönt das behäbige, tiefe Horn eines großen Schiffes, es klingt dumpf wie in einem abgeschlossenen Raum mit starker Dämmung.

Gerald legt sich auf das französische Bett, das viel zu breit für eine Person ist. Neben ihm stehen übereinander gestapelt vier riesige Koffer. Normalerweise reist er nicht mit so viel Gepäck, aber er konnte seine Kleidung ja schlecht auf der Baustelle lassen. Er hat sowohl seine Sommer- als auch die Wintersachen mitgenommen, alles, was er besitzt, außer den Schuhen, die liegen auf dem Teil des Dachbodens, der vom Brand nicht betroffen war.

Er kann nicht schlafen, was ihm selten passiert. Missmutig starrt er auf den grünen Rumpf des Viermasters »Rickmer Rickmers«, der als großformatiges Poster an der Wand gegenüber hängt. Aus irgendeinem Grund verstärkt das Bild seine Unruhe noch. Er überlegt, ob er den Fernseher einschalten soll, lässt es aber sein. Besser, er bewegt sich etwas.

Also zieht er sich wieder an, streift sich die wetterfeste rote Jacke mit der dicken Kapuze über und schleicht sich leise durch den Hotelflur. Draußen wird er im nächtlichen Nebel zwar nicht viel sehen können, aber wenigstens bewegt er sich in der kalten Luft, das wird ihm gut tun.

Im Wintergarten brennt noch Licht. Er bleibt neben der dunklen Rezeption stehen und schaut ins Helle. Die Tische sind alle bereits mit weißen Tellern, lila Servietten und umgedrehten Kaffeetassen zum Frühstück eingedeckt, bis auf einen am Fenster. An dem sitzt die blonde Kellnerin über Papieren und tippt Zahlen mit ihren schlanken Fingern in einen Taschenrechner. Sie hat sich umgezogen, trägt Jeans und eine kurzärmlige dunkelblaue Bluse, die etwas altmodisch wirkt. Immer wenn sie ihre Hand auf dem Tisch ablegt, bildet sie einen kleinen Hohlraum, als befände sich darunter eine Computermaus. Müde sieht sie aus, eine Haarsträhne fällt ihr vors rechte Auge, sie bläst sie kurz weg und tippt weiter. Gerald ist fast erschrocken darüber, wie zart ihr Gesicht ohne die professionelle Kellnerinnenkleidung aussieht.

Sie hat ihn nicht gehört.

Plötzlich schiebt sich in ihm eine Erinnerung nach vorne, die er sofort wieder wegwischen will: Er hat diese Frau im Wintergarten schon einmal gesehen und zwar genau hier, im Nebel! Gerald neigt sonst nicht gerade zur Esoterik, er ist Baufachmann, kennt sich aus mit Trittschall, Kältebrücken, Heizungsanlagen und Dächern, und was am wichtigsten ist: Er weiß, wie man eine Schrottimmobilie mit einem Tausender für Farbe und Kleinkram zu einem Palast aufhübschen kann. Das, worauf die Käufer achten, ist auch das, worauf sie am leichtesten hereinfallen.

Das Déjà-vu lässt sich nicht vertreiben, es verdichtet sich zur Gewissheit! Er weiß es jetzt so sicher, wie ordentlicher Mörtel Steine hält: Alles in seinem bisherigen Leben war nur dazu da, um ihn an genau diesen Punkt zu bringen, an dem er gerade steht! Dass er in seinem Heimatdorf wohnen geblieben ist, seine Maklerfirma, der Brand, alles führte zielgenau in die Pension Möwenwind, zu dieser Frau!

Gleichzeitig verunsichert ihn das kolossal. Wie soll er jetzt damit umgehen? Gerald ist wie gelähmt, sogar das Atmen wird schwer, so etwas hat er noch nie vorher in seinem Leben erlebt! Gerald überlegt, wie es vorhin war, als sie ihm den »Chai Latte« gebracht hat. Da hat er sie zwar gesehen, aber nicht erkannt. Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr.

Eine Diele unter dem Teppich knarrt erbärmlich, er will so schnell wie möglich abhauen.

»Na, schlaflos?«, kommt es aus dem Wintergarten.

Zu spät, sie hat ihn entdeckt.

Ihre Stimme klingt müde und gleichzeitig irgendwie intim. Gerald tritt aus dem Dunkel heraus.

»Ja«, bekennt er, weil er nicht weiß, was er sonst sagen soll.

»Es ist noch Alkohol da«, erklärt sie, greift neben sich und stellt eine Flasche auf den Tisch. »Holen Sie sich ein Glas an der Bar, wenn Sie mögen.«

Gerald schleicht zur Rezeption und kommt mit einem großen Wasserglas zu ihrem Tisch – eigentlich ungeeignet für einen alten Cognac. Sie kümmert das nicht, das gefällt ihm, ohne Zögern gießt sie beiden das Glas voll, dann stoßen sie an. Ihre Augen sind nicht mehr kühl, sondern ganz offen und weich. Sie hat keine Scheu, sich so privat zu zeigen, das spricht für ihre Stärke. Man darf nicht vergessen, sie ist die Kellnerin, er der Gast, sie treffen sich hier im Geschäftsbereich.

»Prost.«

»Ich bin übrigens Gerald.«

»Stefanie. Aber die meisten nennen mich Steff.«

»Wirklich Steff? Nicht Steffie?«

»Nur wer will, dass ich ihn töte, nennt mich Steffie!«

Sie sucht Augenkontakt.

»Und wie findest du es hier bei uns?«

Er versucht, locker zu bleiben.

»Wenn man sich daran gewöhnt hat, mit Vertretern für Putzeimer zu essen, gut.«

Steff lehnt sich zurück und verzieht fragend ihr Gesicht: »Vertreter für Putzeimer?«

Gerald lächelt nervös, das war ein reichlich blöder Witz, er hätte die Klappe halten sollen.

»Ach, das ist nur ..., so nenne ich den Typen, der vorhin hier gesessen hat.«

Steff nickt verstehend.

»Ah, Herr Deuters. – Du bist Makler, nicht?«

»Wenn du eine Ferienimmobilie suchst ...«, bietet er kokett an  – und bereut es im nächsten Moment. Es ist ein Automatismus bei ihm geworden, nach der Berufsnennung gleich eine Immobilie anzubieten. Eigentlich kotzt es ihn selber an, zudem ist es gefährlich: Die Vorherbestimmung, die ihn an diesen Tisch gebracht hat, ist ein Angebot, das man nur einmal im Leben bekommt. Man kann es auch versauen, sehr leicht sogar, er kennt Steff ja gar nicht. Ein Fehler, eine falsche Vokabel, irgendetwas gut finden, was sie unmöglich findet, schon ist es vorbei – es gibt Tausende Möglichkeiten, an denen er scheitern kann.

»Da lebst du von deiner Menschenkenntnis, oder?«

»Ja!«

»Und wie würdest du mich einschätzen?«

W

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