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Träum von mir!

1. KAPITEL

Der Himmel war strahlend blau, und es wehte eine kräftige Brise. Es war ein Tag wie geschaffen für einen Flug, doch für J. D. Hazzard war jeder Tag, an dem er fliegen konnte, ein vollkommener Tag.

“Alles in Ordnung, Hershey?” Er lachte seinen schokoladenbraunen Labrador an, der eine Vorliebe fürs Fliegen, Pizza und die Jagd auf Eichhörnchen hatte, und zwar in dieser Reihenfolge.

Hershey drehte sich kurz zu ihm, dann streckte er wieder den Kopf aus dem Fenster.

“Also alles klar”, meinte J. D. zufrieden. Doch im nächsten Augenblick schwand seine Begeisterung, als er an den Grund für diesen Flug dachte.

J. D. presste die Lippen zusammen. Von allen Jobs, die er mit seiner viersitzigen Cessna machte, war dieser der unangenehmste. Such- und Rettungseinsätze waren für ihn alltäglich. Wilderer zu jagen dagegen war nie einfach. Und diese Bande war die schlimmste von allen. Die Kerle waren vorsichtig, gerissen und erbarmungslos. J. D. wollte sie schnellstens hinter Schloss und Riegel sehen, bevor sie aus reiner Profitgier noch einen Schwarzbären töteten.

“Erst einmal musst du sie haben”, sagte er grimmig zu sich selbst.

Es sah allerdings nicht so aus, als würde ihm das heute gelingen, denn der Motor setzte zweimal kurz hintereinander aus. Stirnrunzelnd entschied sich J. D. zurückzufliegen und die Maschine zu überprüfen. Als er die Bucht unter sich erblickte, beschloss er, über dem vertrauten Gebiet noch eine Runde zu drehen, ehe er den Rückflug antrat.

“Wegen der alten Zeiten”, murmelte er, und ein freudiger Ausdruck verdrängte die Sorgenfalten auf seiner Stirn. Es waren schöne Zeiten gewesen. Die Erinnerung an einen ganz bestimmten Sommer verdrängte seine schlechte Laune.

Es war lange her, dass er an diesem Ende des Legend Lake gewesen war. Und noch länger, dass er als Junge seinen Vater um den Bootsschlüssel gebeten hatte, um an die Nordküste zu fahren und in der Blue Heron Bay herumzuschippern.

Waren seitdem wirklich schon so viele Jahre vergangen? Diana Ross und Lionel Ritchie hatten damals die Hitparaden angeführt mit Endless Love. J. D. war zu jener Zeit hoffnungslos verliebt gewesen – in die schönsten braunen Augen und die längsten Beine, die man sich vorstellen konnte.

“Du hattest nicht die geringste Chance bei ihr”, erinnerte er sich mit einem tadelnden Seufzer, als er an Maggie Adams dachte, eine damals sechzehnjährige Schönheit, die ihn nicht beachtet hatte. Er war alles andere als cool gewesen. Seine Hormone hatten ständig verrückt gespielt, was sein Selbstwertgefühl nicht gerade aufgebaut hatte.

“Himmel, warst du ein Blödmann!”, murmelte er und schüttelte den Kopf.

Ein erneutes Stottern des Motors holte ihn in die Gegenwart. Er musste zurück zu seinem Standort in der Crane Cove Marina. Ein letzter wehmütiger Blick über die Bucht veranlasste ihn jedoch, noch einmal genauer hinzusehen.

“Was zum Teufel …?”, stieß er hervor, als er eine Gestalt auf dem Bootssteg erblickte.

J. D. trotzte der launischen Maschine eine weitere Schleife ab und überflog die Bucht erneut. Dann verringerte er die Geschwindigkeit und ging ein paar hundert Fuß herunter, um das, was er gesehen zu haben glaubte, genauer in Augenschein zu nehmen.

Es war eine Frau. Und allem Anschein nach eine hübsche, die das tat, was alle Frauen tun, wenn sie Zeit haben und Wasser und Sonne vorhanden sind.

Sie hatte sich am Holzsteg ausgestreckt und genoss die Sonnenstrahlen. Ihr einteiliger Badeanzug war leuchtend blau und umgab sie wie eine zweite Haut. Und ihre Beine! Sogar aus dieser Entfernung schienen sie unglaublich lang zu sein. Solche Beine hatte er das letzte Mal gesehen, als …

Seine Gedanken hatten Aussetzer wie seine Maschine, doch nun bekam er sie langsam wieder auf die Reihe und wurde immer aufgeregter. Das letzte Mal, als er solche Beine gesehen hatte, waren es die von Maggie Adams gewesen.

“So viel Glück gibt’s doch gar nicht”, murmelte er. “Das kann sie nicht sein. Nicht nach all diesen Jahren.”

Aber die Hoffnung war da. J. D. war ein unverbesserlicher Optimist, und sein Wunschdenken machte das Unmögliche möglich, zumindest in seiner Fantasie. Das unauslöschliche Bild von Maggie, prickelnd, rätselhaft und vollkommen, stieg in ihm hoch, ließ ihn nicht mehr los und machte ihn süchtig nach mehr.

Zumindest ist sie mir als Siebzehnjährigem, der sich für ziemlich schlau hielt, vollkommen erschienen, dachte er und lächelte spöttisch. Damals hatte sein Herz wie eine Pauke gedröhnt, wenn er ihr dichtes kastanienbraunes Haar, ihre glänzenden braunen Augen und ihre tollen Beine erblickt hatte.

Himmel, diese Beine! Obwohl es schon eine ganze Weile her war, träumte er immer wieder von ihnen. In jenem Sommer vor fünfzehn Jahren hatte er sie das letzte Mal leibhaftig erblickt – dort auf dem Holzsteg, wo er sie heute dank seiner regen Fantasie erneut zu sehen glaubte.

Voller Vorfreude schätzte er rasch die Abmessungen der Bucht ab und überprüfte die Windverhältnisse, um zu landen. Auf keinen Fall würde er einfach so davonfliegen, ohne der Sache auf den Grund zu gehen.

“Halt dich fest, Hershey”, sagte J. D., und seine Stimme klang wesentlich aufgeregter, als das bei seiner reichen Erfahrung mit Frauen zu erwarten gewesen wäre. “Wir statten der Dame jetzt einen Besuch ab.”

Das ferne Geräusch, das so aufdringlich wie das monotone Summen eines lästigen Moskitos war, wurde von einer leichten Brise herangetragen und durchbrach die Stille, die sie hier genießen wollte. Sie versuchte, es zu überhören. Aber es wollte nicht verschwinden.

Es ist ein Flugzeug, erkannte sie schließlich. Ärgerlich seufzend öffnete sie die Augen. Im gleißenden Sonnenlicht tastete sie auf den verwitterten Planken nach ihrer Sonnenbrille, setzte sie auf und suchte den Himmel ab.

Es dauerte nicht lange, bis sie die Maschine entdeckte. Es war ein kleines einmotoriges Wasserflugzeug, und es hatte offensichtlich Probleme. Der Motor stotterte.

“Du lieber Himmel!”, flüsterte sie und setzte sich rasch auf. Ihr blieb fast das Herz stehen, als der Motor des Flugzeugs kurz ganz aussetzte.

Die Maschine kam herunter.

Zu schnell, zu schnell, dachte sie, als sie die weißen Tragflächen und den silbernen Rumpf in einem steilen, gefährlichen Winkel näher kommen sah.

“Setz auf, setz auf!”, flüsterte sie.

Sekundenlang war sie geblendet von dem Glitzern der Sonne auf dem Wasser. Sollte sie hinschauen oder nicht? Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als das Flugzeug einen Hüpfer machte, noch einen und dann wie ein weißer Vogel auf der spiegelglatten Wasseroberfläche landete.

Erleichtert atmete sie auf und schüttelte dann bewundernd den Kopf. Zwar hatte sie selbst schon oft ein Flugzeug benutzt, doch außer dem Anschnallen und einem Stoßgebet vor dem Start und der Landung hatte sie keine Ahnung vom Fliegen. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass dieser Pilot ein kleines Wunder vollbracht hatte.

Als das Flugzeug weiter in die Bucht hineinschlitterte und sie nun nicht nur die Ziffern am Rumpf lesen konnte, sondern auch erkannte, dass die Maschine hauptsächlich durch Draht und silberfarbenes Klebeband zusammengehalten wurde, verwandelte sich ihre Bewunderung in Ärger.

So ein Dummkopf! Niemand, der seine fünf Sinne beisammen hatte, würde mit solch einer Klapperkiste herumfliegen. Ganz offensichtlich hatte das Flugzeug seine Glanzzeit schon lange hinter sich.

“Nein, diese Leute aus dem Norden!”, stieß sie hervor. Der Pilot konnte nur ein Einheimischer sein. Sie waren schon ein eigentümlicher Schlag, die Menschen hier oben.

Obgleich sie Distanz hielt, und in den zwei Monaten, seit sie hier war, nur selten Kontakt gehabt hatte mit den hartnäckigen, abenteuerlustigen Menschen hier am See, war ihr doch klar geworden, dass es kein Boot gab, das sie nicht fahren, keinen Berg, den sie nicht besteigen, keine Herausforderung, der sie sich nicht stellen würden. Die Leute waren ihr ans Herz gewachsen. Sie wünschte nur, sie könnte sie und ihre unglaubliche Risikobereitschaft verstehen.

Und warum hat das Flugzeug gerade diesen Holzsteg angesteuert, fragte sie sich ärgerlich. Es gab noch sechs weitere Hütten. Einige waren am Wochenende bewohnt. In manchen gab es Telefon – in ihrer nicht. Sie wollte von allem Abstand gewinnen. Kein Telefon, kein Fernsehen, keine Unterhaltungen.

“Und keine Idioten in Flugzeugen”, murmelte sie finster.

Warum landete er ausgerechnet bei ihr?

Aus ihrem Ärger wurde Angst. Sie hatte sich solche Sorgen gemacht, ob der Pilot auch sicher landen würde, dass sie gar nicht an sich selbst gedacht hatte. Aber sie durfte in ihrer Wachsamkeit nicht nachlassen – nicht, wenn sie auf Einsamkeit Wert legte. Und auf Sicherheit, gestand sie sich widerwillig ein. Mit diesem Punkt setzte sie sich nur ungern auseinander.

Sie zwang sich, sich nicht vom Fleck zu rühren, und dachte über ihre momentane Situation nach. Rolfe würde hier nicht nach ihr suchen. Er kannte die Hütte nicht. Niemand konnte auch nur ahnen, dass sie sich hier aufhielt. Sie hatte ihre Spuren sehr gut verwischt. Wenn jemand sie fand, dann nur deshalb, weil sie beschlossen hatte, dass es Zeit dafür war. Und das war ihr Dilemma. Sie wusste nicht, ob das je der Fall sein würde.

Sie betrachtete das Flugzeug, während es näher kam. Das ist doch nur ein Einheimischer, der auf einem Vergnügungstrip Schwierigkeiten mit seiner Maschine bekommen hat, sagte sie sich. Ihre Angst legte sich allmählich, doch sie war immer noch skeptisch. Mit verschränkten Armen stand sie da und sah zu, wie die Wellen das Flugzeug herantrieben.

Als die Maschine an den Bootssteg stieß und der Motor nach einem kurzen Gluckern erstarb, war sie wild entschlossen, dem Piloten die Meinung zu sagen, ehe sie ihn zum Teufel jagen würde. Wozu sie allerdings nicht mehr in der Lage war, als sie den Mann erblickte, der die quietschende Kabinentür öffnete.

Er war ganz sicher ein Einheimischer. Ein typischer Nachfahre der Schweden und Finnen, die dieses wilde, schöne Land besiedelt hatten. Seine skandinavische Abstammung war so offensichtlich, dass sie – schon bevor er die Sonnenbrille abnahm – wusste, dass dahinter blaue Augen zum Vorschein kommen würden.

Blau war zu schwach ausgedrückt. Ein Wort, das diesem reinen, hinreißenden Farbton überhaupt nicht gerecht wurde. Der Himmel schien in diesen Augen eingefangen zu sein. Der Himmel und das Wasser und die vielfältigen Schattierungen, die sie an wunderbaren Sommertagen boten.

Sie war auch nicht darauf vorbereitet, dass er so groß war. Er schob die Sonnenbrille hoch in sein blondes Haar, fasste mit seiner starken, gebräunten Hand nach einem Ledergriff über der Cockpit-Tür und schwang sich mühelos aus der engen Maschine.

Kaum war er von den Schwimmern auf den Holzsteg getreten, da sprang ein großer brauner Hund hinter ihm heraus und riss sie beinahe um, als er ebenfalls auf dem Holzsteg landete.

“Hershey!”, rief der Mann tadelnd. Der Hund rannte einfach weiter, und er zuckte hilflos mit den Schultern und nickte in die Richtung, in der der Labrador zwischen den Bäumen verschwunden war. “Tut mir leid. Normalerweise benimmt er sich anständig. Wahrscheinlich hat er es schrecklich eilig, einen Baum zu finden, an dem er sein Bein heben kann.”

Sie nahm eine abwehrende Haltung ein und beschloss, sich weder durch die Possen des Hundes noch durch das Verhalten des Mannes beeinflussen zu lassen. “Wenn er eben solche Bedenken hatte wie ich, ob Sie es schaffen, die Maschine sicher zu landen, dann wundert es mich, dass er nicht vorher abgesprungen ist.”

“Was? Ach so, den stotternden Motor meinen Sie.” Er deutete kurz mit dem Kopf Richtung Flugzeug. “Das ist nur eine Einstellungssache und lässt sich rasch beheben.”

Dann lächelte er sie offen und herzlich an. Und sie hatte Mühe, ihr finsteres Stirnrunzeln beizubehalten und hätte ihm beinahe zugelächelt.

Es war nicht zu fassen. Nicht nur, dass er sie gewaltig erschreckt hatte, nun taxierte er sie auch noch ganz unverhohlen mit einem freundlichen und doch etwas überheblichen Blick.

Ziemlich großspurig, fand sie und gebot sich, wieder kritischer dreinzuschauen, während er sich umwandte und sich am Flugzeug zu schaffen machte. Er suchte etwas unter dem Sitz, und sie fasste in dieser Zeit ihre Eindrücke zusammen.

Seine Ungezwungenheit zerstreute ihre Bedenken, dass Rolfe ihn vielleicht geschickt haben könnte. Der Fremde machte einen ehrlichen Eindruck. Keine verborgenen Absichten. Keine hintergründigen Gedanken.

Dieser Mann spielte sicher nicht für jemand anderen den Boten.

Sie betrachtete seine Aufmachung. Er trug ein schwarzes T-Shirt und enge Jeans, war blond und muskulös und fast einen Meter neunzig groß. Seiner Kraft und seiner Wirkung auf Frauen war er sich bestimmt bewusst.

Seine Kinnpartie wirkte fest und kantig, sein Mund voll und groß. Der Fremde schlüpfte unter der Tragflächenstrebe hindurch und sprang auf den Bootssteg zurück. Er hielt nun eine dicke Rolle silberfarbenes Klebeband in der Hand, und sein Blick war immer noch so herausfordernd erwartungsvoll.

Ein Schauer überlief sie, und ihr wurde heiß und kalt, als der Fremde ihr erst prüfend ins Gesicht schaute und sie danach von Kopf bis Fuß musterte. Schließlich begegneten sich ihre Blicke wieder, und er lächelte sie freundlich und ungemein selbstsicher an. Eigentlich hätte sie gewarnt sein müssen, doch sie war einfach fasziniert.

Sie nahm ihre dunkle Sonnenbrille ab, um die Lage besser überblicken zu können. In diesem Augenblick wurde sein Lächeln noch breiter. Er kreuzte die Arme vor der Brust und seufzte zufrieden.

“Hm”, sagte er gedehnt und mit dunkler, weicher Stimme. “Du bist es wirklich. Nein, so was!” Er schien sein Glück kaum fassen zu können. “Wie geht’s dir, Stretch? Es ist lange her, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben.”

Stretch? Sie legte den Kopf schief und überlegte. Allmählich wurden einige verschwommene Erinnerungen zu einem klareren Bild.

Sie war es gewohnt, erkannt zu werden, aber nur ein Mensch hatte sie je so genannt, und ihn hatte sie zu jener Zeit kaum beachtet. Dieser Mann mit seinem breiten Lächeln ähnelte nur in der Körpergröße und im Ausdruck seiner Augen dem dünnen Jungen von damals. Aber die Schuhgröße könnte übereinstimmen. Seine kräftigen Füße steckten in abgetragenen Schuhen, die sie auf Größe sechsundvierzig schätzte.

Es ist unmöglich, dachte sie und schaute ihn noch einmal nachdenklich an. Vor fünfzehn Jahren hatte sie ihn wie ein lästiges Insekt betrachtet. Er hatte sie geneckt und geärgert, bis sie ihm am liebsten einen Anker um den dünnen Hals gehängt und ihn in der Bucht versenkt hätte.

Sie kramte tiefer in ihren Erinnerungen und versuchte, etwas Vertrautes zu entdecken. Der verrückte, liebestolle Kerl, der sie auf Schritt und Tritt verfolgt hatte, war hager und knochig gewesen und hatte das nervtötende Imponiergehabe eines Schuljungen an den Tag gelegt. Damals hatte er sie an den Reiher erinnert, nach dem die Blue Heron Bay benannt war. Als Rache für den Spitznamen, den er ihr wegen ihrer langen Beine verpasst hatte, hatte sie ihn ‘Blue’ genannt.

“Blue?” Eine seltsame Mischung aus Zweifel, Überraschung, Abwehr und Freude durchströmte sie. “Blue Hazzard? Bist du es tatsächlich?”

Ihre erstaunte Reaktion schien ihm zu schmeicheln. “Na klar.”

“Meine Güte!” Sie konnte ihr Lächeln nun nicht mehr unterdrücken und reichte ihm die Hand. “Nach all den Jahren! Ich kann es kaum glauben.”

Sein Lächeln wurde noch breiter. Und noch anziehender.

“Fünfzehn Jahre”, murmelte er und fügte dann hinzu: “Du hast dich nicht verändert, Stretch.” Er schaute sie wieder so verwirrend eindringlich an und hielt immer noch ihre Hand fest. “Kein bisschen.”

Sie war es gewohnt, taxiert zu werden. Das war der Preis ihres Erfolges. Doch unter Blues aufreizend ungezwungenem Blick fühlte sie sich unbehaglich. Ihr wurde bewusst, wie viel nackte Haut ihr knapper Badeanzug zeigte. Rasch entzog sie ihm ihre Hand und setzte die Sonnenbrille wieder auf.

“Dafür hast du dich um so mehr verändert”, brachte sie hervor, und das hatte er wirklich. Angestrengt versuchte sie zu verbergen, wie heiß ihr bei seiner Berührung geworden war und wie rasend ihr Herz auf einmal klopfte.

Sie stemmte die Hände in die Hüften und trat etwas zurück. Er sah sie unverwandt durchdringend und selbstsicher an.

“Einige Dinge haben sich nicht verändert.” Sie wies mit dem Kopf in die Richtung der Cessna und war erleichtert, dass sie so den Blickkontakt abbrechen konnte. Er hatte immer gesagt, dass er eines Tages ein Flugzeug fliegen würde. Aber damals hatte er vieles behauptet. Zum Beispiel, dass er sie besiegen und mit ihr auf dem Rücksitz des Wagens seines Vaters landen würde. “Sieht so aus, als scheutest du immer noch kein Risiko.”

Sein Gesicht hellte sich auf. Voller Stolz schaute er hinüber zu der Cessna. “Sie ist eine Schönheit, nicht wahr?”

“Eine Schönheit?” Maggie konnte ein spöttisches kleines Lachen nicht unterdrücken. “Du warst ja schon immer ein unverbesserlicher Optimist. Ich möchte dir ja nicht deine Illusionen rauben, aber dieses Flugzeug ist ein Wrack”, stellte sie fest.

Die Maschine brauchte mehr als einen Anstrich, um wieder ansehnlich dazustehen. Und wenn man bedachte, was für Geräusche sie bei der Landung von sich gegeben hatte, war wohl eine größere Reparatur fällig.

J. D. spielte den Beleidigten. “Das ist doch nicht dein Ernst? Gewiss erkennst du unter der Oberfläche den verborgenen Schatz.” Er warf der Cessna erneut einen hingerissenen Blick zu. “Sie ist klasse.”

“Und gefährlich. Jetzt erzählst du mir bestimmt gleich, dass sie besser fliegt, als sie sich anhört.”

“Lass dich von dem Stottern des Motors nicht täuschen. Sie hat heute nur ein paar Mucken.” Genießerisch ließ er seinen Blick über Maggies endlos lange Beine gleiten. So wie du, schien dieser Blick zu sagen. “Nichts, was sich nicht mit ein wenig Pflegeaufwand beheben ließe.”

Damit meinte er, dass sich auch Maggies Mucken beheben ließe – wenn er ihr die nötige Zuwendung schenkte.

“Glaub mir”, fügte er ungemein freundlich und unschuldig hinzu, als Maggie aufbrausen wollte, “sie ist in viel besserem Zustand, als es ausschaut. Du dagegen …”, er machte eine Pause, und Maggie hatte das Gefühl, als wollte er sie mit den Augen verschlingen, “du siehst blendend aus.”

Und du auch, musste Maggie sich eingestehen und konnte es immer noch kaum fassen. Wer hätte gedacht, dass aus dem schlaksigen Jungen solch ein Traummann werden könnte?

Er hatte markante Züge, und sein blondes, sonnengebleichtes Haar und seine tiefe Bräune waren unverkennbar echt und verrieten, dass er sich oft im Freien aufhielt. Seine Haarlänge wäre mit einem Vorstandsjob nicht vereinbar gewesen. Wind und Wetter hatten ihm eine unwiderstehliche Frisur gezaubert, doch das schien ihm gleichgültig zu sein.

In einer Welt – ihrer Welt – der künstlich erzeugten perfekten Schönheit bildete er eine Ausnahme. Etwas Echtes, nicht diese Hochglanzobjekte, die von Profis in vielen Stunden harter Arbeit geschaffen wurde.

“Was ist?”, wollte er wissen. “Du wirkst so nachdenklich.”

Sie lächelte leicht und zuckte mit den Schultern. “Ich habe nur an die alten Zeiten gedacht. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du es bist. Du warst so … so ein …”

“Blödmann?”, half er ihr aus und lachte. Es klang warm und anziehend, einfach umwerfend. “Manche behaupten, das sei ich heute noch.”

“Haben sie recht?” Maggie wusste selbst nicht, weshalb sie sich auf dieses Wortgeplänkel einließ. Sie wollte keine alten Geschichten aufwärmen. Ihm keinen Einblick in ihr Leben gewähren. Sie konnte ihn nicht leiden. Zumindest nicht den Hazzard von früher.

“Ob sie recht haben?” Er trat langsam auf sie zu. “Das müsstest du mir sagen.” Mit seinen großen Händen, die ganz warm waren, fasste er sie um die Schultern und zog sie an sich. “Ich lass es auf einen Test ankommen. Ich habe fünfzehn Jahre auf diesen Augenblick gewartet, Stretch.” In seinem strahlenden Gesicht spiegelte sich der Wunsch wider, sie zu verführen. “Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, um ein Versprechen einzulösen.”

Sie fühlte, was er vorhatte. Doch irgendwie war sie nicht in der Lage, vor ihm zurückzuweichen. “Versprechen?”, flüsterte sie. Sein tiefer Blick und die sinnliche Mischung aus Kraft und Zärtlichkeit, mit der er sie festhielt, schienen sie zu lähmen.

“Ich habe mir geschworen, wenn ich dich je wiedersehe, werde ich das tun, was ich mir damals brennend gewünscht habe, wozu ich aber nie den Mut hatte.”

Und ehe sie wusste, ob sie darauf mit Angst, Ärger oder Aufregung reagieren sollte, küsste er sie.

2. KAPITEL

J. D. ließ Maggie keine Zeit, Kraft zu sammeln, um sich dagegen zu wehren. Als er sich zu ihr beugte, kam ihr der Gedanke, dass sie den Kuss nicht zulassen sollte. Doch nur den Bruchteil einer Sekunde lang, bis J. D. ihren Mund berührte.

Maggie empfand Bewunderung und Zärtlichkeit und genoss es, dass er sein Versprechen einlöste.

Wenn sie sich wehrte, dann nur zum Schein. Wenn sie protestierte, dann schwach. Seine sanfte bezwingende Berührung überwältigte sie.

Blue Hazzard küsste sie. Seinen heißen Lippen, seinen großen streichelnden Händen auf ihren Schultern hatte sie nichts entgegenzusetzen. Nun ließ er seine Hände an ihrem Rücken hinuntergleiten und zog Maggie fest an sich. Sein Körper war so stark wie ein Fels in der Brandung und so warm wie die Sonne, die sie beide umfing.

In gleichmäßigem Rhythmus schwappten die Wellen an den Steg, als J. D. Maggie küsste. Sie war in diese Wildnis gekommen, um dem Druck, der Ungewissheit und der Kontrolle zu entfliehen, die ihr Job mit sich brachte.

In den Armen dieses Mannes fühlte sie sich frei. Erinnerungen an Zeiten, in denen ihr Leben einfacher gewesen war, überfluteten sie. Die Ahnung stieg in ihr hoch, dass es mit ihm wieder so sein könnte. Und sie empfand unglaubliche Erregung. Weich und sanft, und zugleich wild – sinnlich, erotisch.

J. D. löste den Mund von ihr.

Benommen öffnete sie die Augen.

Er betrachtete ihr Gesicht voller Begehren und schob langsam ihre Sonnenbrille hoch.

“Ach Stretch”, flüsterte er und strich zärtlich über ihre rosigen Wangen, “wie konnte ich nur so dumm sein, so lange zu warten.”

Dann küsste er sie wieder. Hungrig, sehnsüchtig. Seine Stärke kam darin zum Ausdruck – und sie fühlte sich schwach.

Plötzlich wurde die Erinnerung an Schmerz und Gewalt bei der Berührung durch einen anderen Mann lebendig. Panik überfiel sie, und instinktiv begann Maggie sich zu wehren.

Sie ballte die Hände, mit denen sie eben noch J. D.s Schultern gestreichelt hatte, zu Fäusten. Das wohlige Gefühl, das sie bis zu diesem Moment in seinen Armen empfunden hatte, wich einem Fluchtreflex. Sie versuchte verzweifelt, J. D. von sich zu schieben, drehte und wand sich schwer atmend.

“He, he … ganz ruhig.” Er ließ sie so unvermittelt los, dass sie zurücktaumelte und gefallen wäre, wenn er sie nicht rasch aufgefangen hätte.

“Ruhig, okay?”, J. D. wirkte verwirrt und besorgt. Er trat zurück und hielt die Hände vor sich, um Maggie deutlich zu zeigen, dass er ihr Freiraum ließ.

Wild starrte sie ihn an, rang nach Atem und bemühte sich um Fassung.

“I

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