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Tränen im Sand

ÜBER DIESES BUCH

»Morgen wird sich zeigen, wer von euch die Tapferste ist, wer von euch die Zähne zusammenbeißen kann und wer es ohne Weinen hinter sich bringt.« Denn ein wehleidiges Mädchen brachte Schande über die ganze Familie.

Das wollte keine. Keine einzige Träne würde über unsere Wangen laufen.

Doch sie hatten keine Vorstellung von dem Schmerz, der sie erwartete, Nura nicht und auch die anderen Mädchen nicht. Denn ein undurchdringlicher Schleier des Schweigens wird von den somalischen Frauen über das unausweichliche Ritual der pharaonischen Beschneidung gebreitet.

Mitreißend erzählt Nura Abdi ihre Geschichte, berichtet offen und stolz, wie sie sich dieser und allen weiteren Überraschungen des Schicksals stellte. Vor elf Jahren floh sie in den Unruhen des Bürgerkrieges aus ihrer geliebten Heimat Somalia nach Deutschland und verstand erst hier, dass europäische Frauen anders sind als sie. Nach langem Schweigen bricht Nura Abdi mit diesem Buch alle Tabus ihrer Kultur: »Ich bin gegen diese grausame Verstümmelung«, sagt sie und kämpft seitdem entschlossen für ein selbstbestimmtes Leben der somalischen Frauen.

ÜBER DIE AUTORIN

Die Entstehung des Buches »Tränen im Sand« ist für Nura Abdi die Erfüllung ihrer größten Hoffnungen und Wünsche. Sie wurde 1972 in Mogadischu geboren und verbrachte in der weißen Stadt am indischen Ozean ihre Kindheit. Heute lebt und arbeitet sie in Düsseldorf.

NURA ABDI

UND

LEO G. LINDER


TRÄNEN IM SAND

BASTEI ENTERTAINMENT

In liebender Erinnerung an meinen Vater, der mir die Inspiration und Willenskraft gab, immer weiter zu machen, egal wie viel Anstrengung es kostete. Du bist mein Atem.    

Für meine Mutter, die mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Danke, für all die Liebe und den Mut und das Wissen, das du mir gegeben hast und das ich von niemandem sonst hätte bekommen können. Du hast mir beigebracht, dass Mut und Zielstrebigkeit den Menschen ausmachen. Ich liebe dich und bin stolz auf dich.

Leo, ich danke dir für deine Unterstützung und dein Verständnis. Du bist ein Schatz.

Für alle Frauen in der Welt, Opfer und Nicht-Opfer von FGM (Female Genital Mutilation). Lasst uns einander die Hände reichen, um die kommenden Generationen zu beschützen, die dieser Qual noch immer ausgesetzt sind.

ERSTER TEIL

Somalia

DHULKA

Dhulka ist das somalische Wort für Heimat. Und meine Heimat war Mogadischu, die Hauptstadt von Somalia. Sie war es – weil es nach zwölf Jahren Krieg mein Mogadischu nicht mehr gibt und ich längst in Deutschland lebe. Doch solange es mein Mogadischu gab, war es für mich der Ort auf der Welt, der dem Paradies am nächsten kam. Es war Dhulka.

Ich denke oft an Mogadischu. Noch heute, elf Jahre nach unserer Flucht, gehen mir die Bilder nicht aus dem Kopf: das Blau des Indischen Ozeans, das Weiß der flachen Häuserreihen. Chamer hieß sie in unserer Sprache, die »weiße Stadt«. Mogadischu wurde sie von den Arabern genannt, und dieser Name bezeichnet einen Ort, an dem man eine Rast einlegt und Tee trinkt. Rast machen und Tee trinken, schwarzen Tee mit Milch und drei bis vier Löffeln Zucker … Unser Tee muss süß sein. So lieben wir ihn.

Es gibt vieles, das ich vermisse. Die Nachmittage mit meinen Freundinnen am Indischen Ozean. Die wunderschönen Frauen abends auf den Straßen in ihren langen, farbenprächtigen Dirrahs aus feinem, transparentem Stoff. Die Märkte und Moscheen. Und die Düfte, die aus jedem Fenster, jeder Haustür kommen, Weihrauch oder eine Mischung aus Zucker, Parfüm und Gewürzen. In die Glut geworfen, zieht dieser Duft durchs ganze Haus und bis hinaus auf die Straße. Unsere Frauen beräuchern sich damit. Sie stellen das Glutbecken zwischen die Beine, und der Duft zieht in ihre Kleider, dringt in jede Pore ihrer Haut. Alle Frauen, denen man auf der Straße begegnet, verströmen betörende Düfte. Das war meine Stadt, und ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, irgendwo anders hinzugehen. Das Leben erschien mir so einfach, so leicht. Niemals habe ich darüber nachgedacht, was morgen sein könnte. Wo man hinsah, blickte man in freundliche Gesichter, und jedes Gesicht schien zu sagen: Hier darfst du dich sicher fühlen, hier gehörst du hin, hier kannst du dich auf dein Glück verlassen. Das war Mogadischu.

Ich lebte im Lebensrhythmus dieser Stadt, ich konnte mich ihm gar nicht entziehen. Das ging vor Sonnenaufgang schon los, mit den Rufen der Muezzins. Jeden Morgen überraschen sie dich, wenn du gerade am tiefsten schläfst. Und immer beginnt es wie ein Traum. Aber allmählich wachst du auf und unterscheidest die einzelnen Stimmen, denn nie singen alle genau gleichzeitig. Ein Muezzin fängt an, dann fällt der nächste ein, später kommt ein dritter von irgendwo anders hinzu, und schließlich erschallen die Stimmen mit den vertrauten Worten von allen Seiten. Das ist unglaublich schön. Die ganze Welt steht still, und alles, was du hörst, sind diese Stimmen, die die ewigen Wahrheiten des Islams verkünden. Die Moschee in deiner Nähe ist natürlich die lauteste, aber man hört auch die anderen, entfernten wie ein Echo aus dem Weltall. Und genauso verstummen sie dann auch wieder, ein Muezzin nach dem anderen, und mit der letzten Stimme, die verklingt, bricht der neue Tag an. Wieder herrscht Stille, aber du weißt: Überall, in der ganzen Stadt, machen sich die Männer jetzt auf den Weg zur Moschee.

Um fünf Uhr wacht Mogadischu auf, um sechs Uhr wird es hell, und nun steht auch der letzte Langschläfer auf. Bald dringt der Lärm der Märkte bis in die voll besetzten Teehäuser, und spätestens um neun Uhr drängeln sich vor allen Metzgereien die Frauen. Kein Somali würde es lange ohne Fleisch aushalten. Wir waren ein Volk von Nomaden, unser einziger Reichtum war früher das Vieh, und unsere Vorfahren kannten keine andere Nahrung als Fleisch. Täglich kommt es morgens frisch in die Läden, punkt neun Uhr, und wenn alles verkauft ist, dann ist für diesen Tag Schluss. Deshalb rangeln und kämpfen die Frauen von Mogadischu Morgen für Morgen um die besten Stücke.

Zur Mittagszeit verfällt die Stadt in Schlaf. Die Geschäfte schließen, die Straßen leeren sich, selbst den streunenden Katzen auf den Wellblechdächern wird es zu heiß, und Mogadischu dämmert vor sich hin. Aber in allen Häusern wird mit Inbrunst und Ausdauer gekocht. Stundenlang. Es wird regelrecht um die Wette gekocht. Bei den Düften, die aus deiner Küche kommen, muss deinem Nachbarn das Wasser im Mund zusammenlaufen. Und jedem, der gerade an deinem Haus vorbeigeht, müssen vor Appetit die Sinne schwinden.

Erst wenn die Sonne schon tief steht, gegen sechs, erwacht Mogadischu aus seinem Mittagsschlaf. Die Geschäfte öffnen eins nach dem anderen wieder, auf den Märkten fährt neues Leben in die Händler, und in allen Häusern machen sich junge Leute für den Abendspaziergang fertig. Du wickelst dir kunstvoll ein Tuch um den Kopf, legst dir einen Schal um den Hals und ziehst, sobald es dunkel geworden ist, los. Niemals allein natürlich, und schon gar nicht mit einem Freund! Am besten mit deinen Freundinnen, aber Vettern und Brüder tun es auch. Und immer kam es mir unter all den schön gekleideten, angenehm duftenden Menschen draußen in den Straßen dann so vor, als ob ich jeden kennen müsste, als ob mich jeder kennen würde. Das waren die Augenblicke, in denen ich absolut sicher war: Dies ist deine Stadt, wo du ein Leben lang bleiben und eines Tages als alte Frau sterben wirst, nach einem guten Leben unter lächelnden Menschen.

Zwischen ein und zwei Uhr nachts leeren sich dann die Straßen, schließen die letzten Geschäfte, und nur hier und da sitzen noch welche vor ihren Häusern, plaudern und kauen Khat. Als Mädchen bist du natürlich längst schon wieder daheim – es sei denn, du hast irgendwo einen Innenhof gefunden, wo Hochzeit gefeiert wird. Wenn bei uns Hochzeiten gefeiert werden, ist nämlich jeder eingeladen. Man geht einfach hin, wenn man hört, dass irgendwo geheiratet wird. Und getanzt wird in jedem Fall, auch wenn sich das Paar keine Musiker leisten kann. Denn für die traditionelle somalische Musik braucht man keine besonderen Instrumente, es reichen ein paar Trommeln. Dann singt und klatscht die ganze Hochzeitsgesellschaft eben und tanzt zu den Klängen von Trommeln.

Manchmal, wenn ich auf einer Hochzeit war und den Eindruck hatte, zwei passen gut zusammen, habe ich mich gefragt: Wie wird es bei dir einmal sein? Wer wird dich heiraten? Und dann habe ich diesen Gedanken schnell wieder verscheucht. Offen gesagt: Ich wusste nichts von Liebe, und ich wollte auch nichts davon wissen. Ich war sicher, dass meine Mutter mir niemals einen Ehemann aufzwingen würde. Das war gut so. Denn so fiel es mir leicht, den Gedanken an einen Mann auf unabsehbare Zeit zu verschieben. Ich konnte mir unter der Liebe einfach nichts Angenehmes vorstellen. Und deshalb hatte ich jede Vorstellung von Liebe aus meinem Kopf verbannt. Du lebst heute, habe ich mir gesagt, in diesem Augenblick – warum sollst du an etwas rühren, das nur mit Angst und Schmerzen verbunden ist?

Nein, ich habe damals keinen Gedanken an Liebe verschwendet. Genauso wenig, wie ich jemals versucht habe, mir ein Leben fern von Mogadischu vorzustellen. Fern von der Stadt, wo ich das Leben restlos schön fand.

GROSSMUTTER UND DIE DSCHINNS

Wenn ich aber so weit zurückdenke wie möglich, kommen mir ganz andere Bilder in den Sinn. Dann sehe ich grüne, wogende Plantagenbäume über mir und roten Lehmboden unter mir. Das ist nicht der heiße Sandboden Mogadischus, das ist die schwere Erde von Hargeysa, der größten Stadt im Norden Somalias. In meiner allerfrühsten Erinnerung bin ich ein kleines, braunes, fast nacktes Mädchen, das im Schatten hoher Bäume auf der roten Erde sitzt. Es hat geregnet, und das Mädchen formt Kügelchen aus feuchtem Lehm. Es rollt die schlammige Erde zwischen den kleinen Händen, steckt sich etwas davon in den Mund und lacht. Und weil es so gut schmeckt, steckt es sich noch mehr davon in den Mund. Da macht es zum ersten Mal Bekanntschaft mit Mutters Stock. Es wird mit einem Gartenschlauch abgespritzt, der rote Lehm läuft an ihm herunter, und im nächsten unbeaufsichtigten Moment wackelt es wieder hinaus, lässt sich wieder auf die Erde fallen und formt neue Kügelchen, die genauso gut schmecken wie die ersten. Es muss aber nicht immer auf Regen warten. Beim Toilettenhäuschen steht ein gut gefüllter Wasserkrug, weil gerade jemand drinsitzt, der mit dem Wasser gleich nachspülen will. Es nimmt den Krug, schüttet ihn aus und kann noch mehr Kügelchen drehen. Oder Injeras formen, somalische Pfannkuchen. Oder etwas, das beinahe so aussieht wie ein Auto.

Das Mädchen ist noch keine drei Jahre alt, da schnappt sich die Mutter das halb nackte, von der Sonne verbrannte Kind, und die gesamte Familie fährt in einem rüttelnden, schüttelnden Landrover nach Süden, zwei Tage lang. Von nun an wird das Mädchen keinen Lehm mehr zwischen den Zehen spüren, sondern Sand.

Ich war in Mogadischu angekommen.

Da sah ich zum ersten Mal das Meer, den Indischen Ozean. Es war ein brühwarmer Tag, wie alle Tage in Mogadischu, und ich klammerte mich an den Sattel eines Kamels. Von dort oben, bedenklich hoch oben, hatte ich das tiefblaue Meer im Blick, das Menschengewimmel auf dem endlosen Strand und andere Kamele mit Kindern auf dem Buckel – aber vor allem Wasser, viel Wasser. Ich hatte vom Meer schon gehört, aber so viel Wasser hatte ich mir nicht vorstellen können. Die Gischt der brechenden Wellen kam mir wie Seifenschaum vor. Alles wunderte mich, aber besonders, dass Menschen ins Meer hineingingen und untertauchten und lebend wieder herauskamen. Sicher, bei den Frauen bestand keine Gefahr. Die saßen vorne an, ganz in bunte Kleider gehüllt, und ließen sich nur von den Ausläufern der Wellen befeuchten. Aber die Männer, fast nackt, tauchten kopfüber ins kristallklare Wasser ein und tauchten auch wieder auf. Wie sie das machten, das musste ich meine Mutter fragen, sobald ich von diesem Tier herunter war – meine Mutter, die da hinten unter einer Palme mit dem Rest der Familie saß, Tee ausschenkte, meinem Vater Khat zum Kauen reichte und Obst unter meine Geschwister verteilte. Eine von tausend Familien am Strand von Mogadischu – alle im Schatten der Palmen zusammengedrängt und alle peinlichst darauf bedacht, sich der Sonnenglut so wenig wie möglich auszusetzen. Am Meer wird man schnell dunkel. Die Einzigen, die sich in die Sonne trauten, waren die Kinder, die überall Fußball spielten oder um die Wette liefen, und die Trinkwasserverkäufer, die man schon von weitem hörte, weil sie die müden Esel vor ihren Karren mit Schreien und Schlägen anfeuerten.

»Wie kommt es, dass Menschen unter Wasser leben können?« Alle lachten, und mein Vater fand meine Frage für eine Dreijährige ziemlich klug. Man hält eben die Luft an, sagte er. Ich musste das glauben, und ich muss es bis heute glauben, denn Frauen in Somalia lernen nicht schwimmen. Die Frauen machen es wie meine Großmutter. Sie schritt in ihrem knöchellangen, rot geblümten Gewand, das Haar unter einem Kopftuch derselben Farbe versteckt, den Strand hinunter, ließ sich in den schäumenden Ausläufern der Wellen nieder, ein roter Fleck vor dem strahlenden Blau des Meeres, und wenn sie sich abgekühlt hatte, kam sie in ihren nassen Kleidern genauso majestätisch schreitend wieder zu uns zurück in den Schatten der Palme. Dieses Ritual vollzog sie mehrmals im Verlauf dieser großartigen Nachmittage am Strand. Kaum waren ihre Kleider halbwegs trocken, ging sie wieder los. Sie war nämlich davon überzeugt, dass für ihre Haut nichts besser sei als Salzwasser – von dem wir in Mogadischu gottlob mehr als genug hatten.

Natürlich sah es später dann bei uns genauso aus, wenn meine Freundinnen und ich baden gingen – alle standen wir in unseren nassen Dirrahs im flachen Wasser. In Somalia ist es völlig undenkbar, dass eine Frau ihren Körper zeigt, sie riskiert, gesteinigt zu werden. Ich kannte es nicht anders, und ich erinnere mich genau an meinen allerersten Bikini – wie habe ich mich geschämt! Es war mein erster Sommer in Deutschland, und überall nackte Frauenkörper. Entsetzlich, ich war wirklich schockiert. Aber es war Hochsommer, und eine Freundin aus Rumänien lud mich ins Schwimmbad ein. Weil ich in einem deutschen Freibad nicht mit meiner Dirrah auftreten wollte, habe ich mir damals also einen Bikini gekauft, den ersten meines Lebens. Was ist schon dabei?, versuchte ich mir einzureden. In Deutschland laufen alle so herum. Alle zeigen sich hier mehr oder weniger nackt, die Alten, die Fetten, die Hübschen – warum nicht auch du?

Im »Kaufhof« fand ich einen Bikini mit Leopardenfellmuster. Etwas Afrikanisches, dachte ich, das erleichtert dir die Sache vielleicht. Ich probierte ihn auf der Stelle an, aus Neugier und weil ich gar nicht wusste, welche Größe ich hatte. Er passte. Und kaum war ich zu Hause, probierte ich ihn noch einmal an, vor dem Spiegel. Der war nicht übel. Ich gefiel mir gut. Aber dann, im Freibad: Ich trat aus der Umkleidekabine und schämte mich. Nein, auf gar keinen Fall, dachte ich, die starren dich alle an. Ich blickte mich vorsichtig um, aber niemand starrte mich an. Kein Mensch. Und trotzdem, ich wäre vor Scham fast gestorben. In meiner Not wickelte ich mir mein Handtuch so um den Leib, dass möglichst wenig Haut zu sehen war, und hüpfte über die Liegewiese zu meiner Freundin hinüber. Und jetzt, als ich so in meinem Handtuch vorbeisprang, drehten sich alle nach mir um. Da wusste ich, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Warum dachten sie nicht: Dem Mädchen ist eben kalt? Ich hätte doch auch frieren können, oder? Aber wahrscheinlich dachten sie das nicht, weil es in Wirklichkeit ein ziemlich warmer Tag war.

Irgendwann wollte meine Freundin ins Wasser, und ich konnte mich von meinem Handtuch nicht trennen. Am liebsten wäre ich mit dem Handtuch ins Wasser gegangen. Das tat ich dann doch nicht. Meine somalische Erziehung zur Furchtlosigkeit bewährte sich endlich, ich sprang fast nackt ins Wasser, Nichtschwimmer, paddelte herum, spielte Ball, schlitterte die Rutsche hinunter – und keine Viertelstunde später wusste ich schon nicht mehr, warum mir eben noch alles dermaßen peinlich gewesen war.

Solche Sorgen hatte ich damals nicht, am Strand des Indischen Ozeans. Ich brauchte keinen Bikini, ich brauchte auch keine Dirrah und kein Kopftuch. Wie alle Kinder planschte ich in meiner Unterhose im flachen Wasser.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit allerdings war damit Schluss, denn jetzt würden bald die Dschinns kommen. Gegen Abend türmten sich immer höhere Wellen auf, dann setzte der Wind ein, und die Gluthitze ließ langsam nach. Und gegen sieben, wenn die untergehende Sonne den Strand rosa färbte, packten alle ihre Sachen und gingen nach Hause. Ich wäre gern geblieben, es war zu schön, im Wasser zu sitzen und zu spielen, doch das kam gar nicht infrage, das war gefährlich, die Dschinns hatten schon manches Kind davongetragen, über die Wellen, übers Meer, und niemand hatte es mehr gesehen. Bevor diese bösen Geister den Strand zu einem unsicheren Ort machen konnten, mussten wir zu Hause sein. Und kaum war die Sonne versunken, hatte sich die fröhliche, lärmende Picknickgesellschaft aufgelöst.

Ich habe nie einen Dschinn gesehen. Aber meine Großmutter kannte sich damit aus. Sie wusste vieles, das ich schon nicht mehr lernen sollte. Aus mir wurde ein Kind der Großstadt. Aber meine Großmutter lebte in ihrer Erinnerung noch in der Welt der Nomaden, der Tiere, der Lagerfeuer, der Einsamkeit von Steppen, die bis zum Horizont reichen. Es sei schon gefährlich, des Nachts vor die Tür zu gehen, sagte sie, aber in der Nähe des Wassers sei die Gefahr am größten. Dort trieben sich in der Dunkelheit besonders viele Dschinns herum – die Seelen von Ertrunkenen möglicherweise. Und einmal, nach dem Abendessen, erzählte sie uns von ihrer ersten Begegnung mit einem Dschinn.    

Es war einer dieser Abende, an denen ein leichter Wind vom Meer durch die Bäume in unserem Innenhof wehte und wir noch lange draußen beisammensaßen – nur meine Mutter nicht, die war zu beschäftigt. Wir anderen aber hatten unter einem der Bäume Feuer gemacht und ringsumher niedrige Hocker aufgestellt, kleine Holzgestelle mit einer Sitzfläche aus Lederstreifen. Meine Mutter war noch im Laden und ging mit meinem Vater Rechnungen durch, als wir schon alle im weiten Kreis ums Feuer saßen – Kinder, Nachbarn, unsere Hausangestellten und, als unangefochtene Herrscherin über unseren Kleinstaat, ihren Stock wie ein Zepter fest in der Hand, unsere Großmutter. Mogadischu ist eine moderne Stadt, aber alle sitzen gerne draußen, unter freiem Himmel, vor allem in mondlosen Nächten, wenn man aufblickt und Tausende von Sternen über sich sieht. Und Großmutter erzählte. Es war oben in Hargeysa gewesen, als sie noch jung war. Da ruhte sie sich in der Dämmerung ein wenig unter einem Baum aus, auf freiem Feld, obwohl man sich so kurz vor Einbruch der Nacht besser nicht da draußen unter Bäumen aufhalten sollte, weil dort die Dschinns ihre Schlafplätze haben. Und plötzlich trifft sie ein Schlag, eine Ohrfeige ins Gesicht, und sie verfällt in einen todesähnlichen Schlaf. Ihre Eltern fanden sie später besinnungslos unter dem Baum liegen und trugen sie heim. In ihrer Not holten sie einen Scheik, einen Geistlichen, und der las über der Leblosen laut aus dem Koran, so lange, bis sie die Augen aufschlug.

So gesehen hätte man Großmutter allerdings selbst für einen Dschinn halten können. Nicht nur, weil sie uns Kindern bei den kleinsten Verstößen gegen die zahllosen Regeln der Ehrerbietung, der Reinlichkeit oder der Frömmigkeit mit ihrem Stock derartig eins überzog, dass uns Hören und Sehen verging, sie hatte auch einen Lieblingsbaum, und der war für uns tabu. Es war der Granatapfelbaum gleich vor ihrem Zimmer – der einzige Baum im Hof, in dem wir nicht herumturnen durften, ja, in dessen Nähe wir uns nicht einmal wagen durften, solange sie uns nicht ausdrücklich dazu aufforderte. Das kam vor. Manchmal, wenn sie von der Hitze ein wenig erschöpft auf der Matte unter ihrem Baum lag, rief sie: »Nura, Fatma, wascht euch die Füße und massiert mich!« Dann mussten wir auf ihren massigen Leib klettern und ihren breiten Rücken, ihre ausladenden Hüften mit den Füßen bearbeiten. Da war genug Platz für zwei Kinder. Wir stampften auf ihr herum, eine feine, kleine Rache für ihr unablässiges Gezeter, ihre Schläge und Kniffe in unsere Wangen und Oberschenkel, aber so fest wir auch trampelten, es steigerte nur ihr Behagen. »Da«, stöhnte sie voll Wonne, »nein da, weiter oben, ja da.« Zeiten gab es, da ließ sie sich jeden zweiten Tag von uns so »massieren«.

Ansonsten wollte sie unter ihrem Baum ungestört sein. Großmutter liebte Granatäpfel. Und da sie groß und schwer war und natürlich kein Gedanke daran sein konnte, dass sie selbst hinaufkletterte, hatte sie sich einen Pflückstock gebastelt, eine Stange mit einem gebogenen Eisendraht an der Spitze. Damit rückte sie jedem reifen Granatapfel zu Leibe, sobald sie ihn erspähte. Die meiste Zeit aber betete sie unter ihrem Baum oder hörte ihre Korankassetten. Großmutter nahm es mit den religiösen Pflichten nämlich sehr genau. Sie betete fünfmal täglich, und jedem Gebet ging eine ausführliche Reinigungsprozedur am Gemeinschaftswaschbecken in der Hofmitte voraus. Danach vertiefte sie sich wieder in die Lehren des Propheten. Ich sehe sie noch vor mir, in ihrem langen, roten Gewand, das Kofferradio am Ohr. Rot war ihre Lieblingsfarbe, Rot bringe ihr Glück, sagte sie. Und jede Kassette hörte sie sich immer und immer wieder an, so lange, bis sie einen neuen Koranabschnitt auswendig konnte.

Das Einzige, das sie von ihrem Koranstudium abhalten konnte, waren schwache Batterien. Sobald wir Kinder hörten, dass der Koran zu eiern anfing, stürzten wir uns auf ihr Radio, fingerten die Batterien heraus und hielten sie in die Sonne, um sie wieder aufzuladen. Wobei eigentlich niemand Großmutters Radio anfassen durfte. Es war heilig. Manchmal, wenn sie ein Nickerchen machte, benutzte sie es sogar als Kopfkissen. Das waren dann so ziemlich die einzigen Augenblicke, in denen sie ihren geliebten Granatapfelbaum aus den Augen ließ: wenn die Müdigkeit sie übermannte und sie im Lärm der spielenden Kinder, der herumschwirrenden Hausangestellten, der palavernden Onkel und Nachbarn und dem alles übertönenden Blöken eines Schafs, das demnächst geschlachtet werden sollte, einschlief.

Nicht, dass wir Kinder unsere Großmutter wirklich gefürchtet hätten. Sie war streng, gewiss, und manchmal ging sie uns mit ihrem Zetern und Schimpfen gehörig auf die Nerven. Wir nannten sie heimlich »Schreihals«, waren vor ihr auf der Hut und erwiesen ihr im Übrigen den größten Respekt. Denn im Grunde war sie eine liebe Frau. Sie trug die Verantwortung dafür, dass aus uns Kindern gute kleine Somali wurden, denn unsere Erziehung lag im Wesentlichen in ihren Händen. Meine Mutter stand von morgens bis abends hinter ihrer Ladentheke, und mein Vater war meist zwischen Teehaus und Moschee, Markt und Hafen unterwegs. Mit anderen Worten: Großmutter war der Dreh- und Angelpunkt dieses turbulenten, lebenssprühenden, lärmenden Haufens, der meine Familie war, und diese Familie ging mir über alles. Beisammen sein und zusammenhalten, das ist für mich das Glück. In Somalia wachsen wir ja mit der Erfahrung auf, dass in einer Familie jeder für den anderen ungeheuer wichtig ist. Das macht uns stark. Was kann dich noch erschüttern? Selbst wenn du nicht mehr weiter weißt, verzweifelst du nicht, weil du sicher sein kannst: Meine Familie lässt mich niemals im Stich. Du weißt, es wird nicht einen Abend in deinem Leben geben, an dem du mit leerem Magen zu Bett gehen musst. Deine Familie ist immer für dich da, genauso wie du für deine Familie immer da bist. Vielleicht ist das Leben in Afrika deswegen leichter und sorgloser als in Europa. Das Leben ist so süß, wenn man weiß, dass es Menschen gibt, auf die man sich bedingungslos verlassen kann.

Ich glaube, dass somalische Frauen deshalb auch selbstbewusster sind als deutsche. Wie oft habe ich in Deutschland über die Mutlosigkeit der Frauen gestaunt. Viele fühlen sich von einem Kind schon überfordert. Bei uns gibt es Frauen, die kaum zur Schule gegangen sind, die bald verheiratet wurden und dann ein Kind nach dem anderen bekommen. Sie haben nichts gelernt, ihr Mann hat vielleicht keine Arbeit, und trotzdem schaffen sie es. Sie gehen raus und verkaufen etwas, Tomaten oder Bananen, nehmen irgendeine Arbeit an und ernähren auf diese Art eine große Familie. Eine deutsche Frau hat einen guten Job, verdient gutes Geld, lebt in einem sicheren Land, traut sich aber womöglich kein einziges Kind zu. Das bedeutet doch, dass sie kein Selbstvertrauen hat. In Somalia schnappt sich eine Mutter ihre fünf oder sieben Kinder und stürzt sich in den Lebenskampf.

Ein neues Kind ist deshalb für uns immer ein freudiges Ereignis. Nicht nur für die Familie, sondern für die ganze Gemeinschaft. Niemand käme auf die Idee, dass ein Kind eine Belastung sein könnte. Jedes Kind bringt sein eigenes Glück mit auf die Welt, heißt es bei uns, und deshalb bekam meine Mutter ein Kind nach dem anderen. Ich war das vierte. Und irgendwann waren wir acht. Fast alle zwei Jahre kam ein neues Kind. Mein Vater war hellhäutig wie ein Araber, meine Mutter, die Nomadentochter, dunkelbraun, und uns Kinder gab es in jeder Schattierung. Umso ähnlicher waren wir uns, was unser Temperament anging. Und das war feurig.

DAS HAUS AN DER STRASSE DES FEUERS

Nicht, dass meine Familie etwas Besonderes gewesen wäre. Das gleiche unglaubliche Stimmengewirr wie bei uns zu Hause herrschte natürlich auch in allen Teehäusern und auf allen Märkten von Mogadischu. Wir Somali reden eben von morgens bis abends, wir können nur schwer etwas für uns behalten: Was drin ist, muss raus, sonst kämen wir uns schmutzig vor. Wenn Zorn in uns ist, muss er raus. Und wenn wir etwas richtig finden, behalten wir das auch nicht für uns. Wir verstellen uns nicht und wir heucheln nicht. Man sagt seine Meinung, geradeheraus, dem anderen ins Gesicht, und jeder, der etwas zu sagen hat, darf sich einmischen. Vielleicht wären wir vorsichtiger, wenn wir uns nicht so gerne streiten würden. Und vielleicht würden wir dem Streit aus dem Weg gehen, wenn wir nicht so schnell vergessen würden. Aber so ist es: Wir streiten gern und vergessen schnell. Deswegen ging es bei uns zu Hause immer ziemlich turbulent zu. Nicht selten kamen in unserem Hof fünfzehn oder zwanzig Leute zusammen, und da saß keiner und wartete, bis er dran war. Da fing einer an, sofort fiel ihm der Nächste ins Wort, und schon platzte der Dritte mit seiner Meinung heraus, und das Erstaunliche war, dass es immer Menschen gab, die trotzdem alles mitbekamen und am Ende noch wussten, was jeder Einzelne gesagt hatte.

Auf der anderen Seite, jenseits unseres Ladens, ging es nicht beschaulicher zu. Wenn ich durch den schmalen Durchgang zwischen den Geschäften an der Vorderseite unseres Grundstücks auf die Straße trat, befand ich mich schon im Großstadtleben. Diese Straße hieß »Tschitka Dopka«, die »Straße des Feuers«. Ein passender Name. Er hatte nichts mit dem Temperament meiner Familie zu tun, sondern mit dem Kraftwerk am Ende der Straße. Feuer, damit war Elektrizität gemeint, die Energie, die dieses Kraftwerk produzierte.

Es war eine Hauptverkehrsstraße, vor langer Zeit asphaltiert und mittlerweile voller Schlaglöcher. Überall gab es Geschäfte und kleine Restaurants und Bäume, die die Stadtverwaltung aus Gründen der Stadtverschönerung gepflanzt hatte. Der Verkehr war chaotisch. Man ging einfach über die Straße, ob ein Auto kam oder nicht, zwischen den Lastwagen hindurch, die durch die Schlaglöcher rumpelten. Ampeln gab es weit und breit keine, und geparkt wurde nach Lust und Laune. Manchmal stellte ein Fahrer seinen Lkw so ab, dass kein anderes Auto mehr durchkam, warf seine Matte auf den Bürgersteig und machte Mittagspause. Doch da kam keiner angelaufen und protestierte! Der Fahrer hockte sich in aller Seelenruhe in den Schatten eines Baums, wo bereits andere Fahrer saßen, kaute mit ihnen Khat und ließ sich ein Glas Tee aus dem nächsten Restaurant bringen. Einige der Fahrer kannte ich, von denen bekam ich als Kind ab und zu Geld für Bonbons zugesteckt. Später hielt ich mich von ihnen fern, weil ich schüchterner wurde und weil es dann, als ich in die Pubertät kam, sowieso verboten war, in der Öffentlichkeit mit Männern auch nur ein Wort zu wechseln.

Auf der ganzen »Straße des Feuers« gab es zweifellos kein wichtigeres Haus als unser Geschäft. Das war das Reich meiner Mutter.

Dieser Laden hatte ursprünglich meinem Vater gehört; er war der Grund für unseren Umzug von Hargeysa nach Mogadischu gewesen. Anfangs dürfte es sich um einen typisch afrikanischen Kramladen gehandelt haben. Dann kam meine Mutter, und der Kramladen wurde größer und größer. Mit ihrem ungestümen Unternehmergeist hatte sie ihn bald in einen Supermarkt verwandelt, in dem es praktisch alles gab: Lebensmittel wie Reis, Zucker, Salz, Öl und Biskuits, dann auch Seife, Parfüms, Cremes und bald sogar Stoffe und Kleider. Auch die große Attraktion dieses Ladens, unser selbst gemachtes Speiseeis, ging auf ihr Konto. Es wurde aus Zucker, Farbstoff und Wasser hergestellt und schmeckte immer gleich, egal, ob es rot, grün oder gelb war. Die Förmchen mit dem gefärbten Zuckerwasser kamen ins Gefrierfach, und das Endprodukt wurde dann ganz billig an Kinder verkauft. Kurz: Meine Mutter regierte ihr Reich mit fast schon beängstigender Energie, und mir ist nie recht klar geworden, was für meinen Vater da eigentlich noch zu tun blieb.

Solange meine Mutter uns nicht rief, mieden wir Kinder den Laden, es sei denn, wir brauchten Taschengeld. Unser Leben spielte sich meistens dahinter ab, hauptsächlich im Hof, wo es zuging wie auf einem Wochenmarkt. Unter einem Baum saßen vor ihren Waschschüsseln zwei, drei oder auch vier Mädchen mit wahren Gebirgen von Wäsche, unter einem anderen Baum wurde Kamelfleisch gebraten, in einer Ecke hockten seit Stunden Fahrer im Schatten, die neue Ware brachten, meine Großmutter lag mit ihrem Kofferradio unter ihrem Lieblingsbaum, und mittendrin tobten wir Kinder. Blumen gab es nicht, die hätten auch nicht lang überlebt. Auf unserer Seite des Hofes hatten wir sieben Zimmer nebeneinander unter einem Wellblechdach bevölkert von herrenlosen Katzen, und gegenüber, auf der anderen Hofseite, stand noch einmal das gleiche Haus. Dort wohnten zwei weitere Familien, die Pächter der beiden kleinen Läden neben unserem. Wir waren damals noch nicht vollzählig, brachten es aber nach der Geburt meines Bruders Elmi immerhin schon auf zwölf: fünf Kinder, Eltern, Großmutter, dazu zwei Mädchen fürs Putzen und Waschen und zwei Vettern, die meine Mutter bei uns aufgenommen hatte. Dazu kamen die Nachbarn und Nachbarskinder von der »Straße des Feuers«. Eigentlich hatte jeder seinen eigenen Hof, aber die Grundstücksgrenzen waren gewissermaßen fließend. Die Nachbarn gingen bei uns ein und aus und wir bei ihnen. Mittags schaute man sich gegenseitig in die Töpfe und Pfannen, und wenn es bei irgendwem verführerischer roch als daheim, blieb man einfach zum Essen. Nicht zu vergessen die Tanten, Vettern, Kusinen und Onkel, die nach der Moschee nur mal hereinschauen wollten und dann schließlich über Nacht blieben. Unglaublich, was alles an Verwandtschaft auftauchte! Allein mein Vater hat neunzehn Geschwister, denn sein Vater hatte zwei Frauen gehabt. Früher oder später lernte ich die meisten von ihnen kennen; selbst Onkel Harun, der für einen Prinzen in Saudi-Arabien als Leibwächter arbeitete, ließ sich eines Tages bei uns sehen. Aber das war schon in Kenia, nach unserer Flucht.

Das Haus war also immer voll, wie ein Hotel. Natürlich gab es nicht für jeden ein Bett. Nur Großmutter hatte ihr eigenes und Yurop, meine impulsive älteste Schwester, mit der die Streitlust selbst im Schlaf durchging. Ich teilte mir eins mit Fatma, meiner zweiten Schwester. Manchmal schliefen wir zu dritt in einem Bett, dann wurde eine Matratze davor gelegt für den Fall, dass einer herausfiel. Oder auch, um noch mehr Schläfer unterzubringen. Bisweilen lagen wir quer auf unseren Matratzen, mit den Beinen auf dem nackten Fußboden. Man wusste nie, mit wie vielen Menschen man die nächste Nacht im selben Zimmer verbringen würde, ob mit zwei oder sechs oder acht. Wir waren das gewohnt. Tag und Nacht waren wir von Menschen umgeben, man konnte sich kaum umdrehen, ohne jemanden anzustoßen, und keine Bemerkung machen, ohne ein halbes Dutzend Kommentare zu ernten. Wir aßen zusammen, wir schliefen gemeinsam, wir gingen gemeinsam aus. Man war niemals allein. Das war herrlich. Ich liebte es, nachts die Körper von anderen zu spüren und den Atem der anderen zu hören. Und in manchen Nächten haben wir unsere Matratzen in den Hof gebracht, unter unseren Versammlungsbaum gelegt und draußen geschlafen. Da habe ich mich frei gefühlt.

Der Versammlungsbaum war der eigentliche Mittelpunkt unseres Lebens. Unter diesem Baum wurde gekocht, wenn es in der Küche tagsüber zu heiß war, da traf man sich nachmittags zum Tee und abends zum Essen, und anschließend trat meine Großmutter dort auf. Das war die schönste Stunde des Tages. Großmutter unter dem Versammlungsbaum – die Nacht, das Feuer, die Sterne, alles ließ etwas Unvorhergesehenes, vielleicht Aufregendes und auf jeden Fall Schönes erwarten. Manchmal ging sie zunächst den vergangenen Tag noch einmal durch, schlichtete unseren Streit und erteilte uns Ratschläge. Dann war sie Richterin und Lehrerin in einem. Wir trugen ihr unsere Fälle vor, so gesittet wie nur möglich, und sie erklärte, wer etwas falsch gemacht hatte und was daran nicht richtig war. Oft sang sie danach ein Lied. Streng genommen waren das keine richtigen Lieder mit fertigen Strophen, sondern eher Lieder zum Selbermachen. Lieder, mit denen man einem anderen aus unserer Runde etwas mitteilen oder erzählen konnte. Das ging hin und her. Wenn Großmutter ihren Gesang an mich richtete, musste ich ihr in einem Lied antworten. Diese Gelegenheiten wurden gern dazu genutzt, sich gegenseitig auf den Arm zu nehmen, und sollte jemand von einem anderen Clan unter den Zuhörern sein, bekam er garantiert sein Fett ab.

Wenn es zu bunt wurde, winkte Großmutter ab, streute neues Mückenpulver ins Feuer und erzählte. Die allererste ihrer Geschichten, an die ich mich entsinne, war die vom Löwen, dem Fuchs und der Hyäne, die gemeinsam auf die Jagd gegangen waren und eine Antilope erlegt hatten. Nach getaner Tat machte es sich der Löwe bequem und forderte den Fuchs auf, die Beute in drei Teile zu zerlegen. Wird gemacht, sagte der Fuchs, schnitt die Antilope in zwei gleich große Stücke und gab die eine Hälfte dem Löwen. Dann zerschnitt er die andere Hälfte wiederum in zwei gleiche Stücke und sagte zur Hyäne: »Dieses ist für dich und dieses für mich.« Die Hyäne wurde böse und protestierte: »Warum bekommt der Löwe das größte Stück?« Da sagte der Fuchs: »Die letzte Antilope solltest du unter uns aufteilen, und was hast du gemacht? Du hast eine Hälfte für dich allein behalten wollen. Erinnerst du dich nicht mehr, wie dich der Löwe da zugerichtet hat? Du brauchst dir nur mal dein zerkratztes Fell anzugucken.«

Da hieß es aufmerksam zuhören. Vom Fuchs konnte man oft lernen. Aus dieser Geschichte zum Beispiel, dass man beim Teilen alles Mögliche bedenken musste. Etwa, dass man das größte Stück nicht für sich selbst reservieren darf. Und dass man die Würde und das Alter eines Menschen dabei berücksichtigen muss. Nützliche Lehren, zumal wir zwei Löwen in der Familie hatten: meinen Vater, der grundsätzlich den ersten Teller mit dem besten Fleisch bekam, und meine Großmutter, die gleich als Nächste bedient wurde. Das waren die eisernen Regeln des Respekts, zu denen genauso gehörte, dass man einem Erwachsenen niemals widerspricht, auch dann nicht, wenn er im Unrecht ist. Im äußersten Fall durfte man die eigene Meinung in aller Bescheidenheit darlegen, meist aber war es ratsam, damit gänzlich hinterm Berg zu halten. Das Klügste war, zuzuhören und den Mund zu halten.

Respekt war das eine, Mut war das andere. Respekt gegenüber Älteren, Mut gegenüber Gleichaltrigen. Und Mut war genauso wichtig wie Respekt. Feigheit war meiner Mutter ein Gräuel, für meine Großmutter eine Todsünde. Beide waren fest entschlossen, aus uns mutige Mädchen zu machen. Meine Mutter wedelte bedrohlich mit ihrem Stock, wenn sie erfuhr, dass ich mich bei einer Schlägerei mit Nachbarskindern nicht gewehrt hatte. Und meine Großmutter erzählte uns Geschichten wie die von der Frau, die eine Kämpferin war. Hatte diese Frau wirklich gelebt? Wenn ja, wird sie aus dem Norden gewesen sein wie meine Großmutter, keine von den vornehmen Damen aus Mogadischu. Jedenfalls, diese Frau legte sich immer wieder mit Männern an. Sobald sie von einem Mann hörte, der seine Frau schlecht behandelte, knöpfte sie ihn sich vor, und wenn es hart auf hart ging und er nicht einsichtig war, wurde sie rabiat. Meine Großmutter ließ keinen Zweifel daran, wie sie dann mit ihm verfuhr: Sie schnitt ihm seine privaten Teile mit einem Messer ab.

Nein, sie waren beide nicht zimperlich, die Kämpferin aus der Geschichte nicht und auch meine Großmutter nicht. So klein wir waren – für solche Geschichten waren wir nicht zu jung. Inwiefern wir uns gerade diese Geschichte zu Herzen nehmen sollten, weiß ich allerdings nicht, zumal die Kämpferin zu guter Letzt von einem Mann erschlagen wurde. Doch sie hatte sich nicht einschüchtern lassen, sie hatte für ihre Überzeugung gekämpft, und darauf kam es an.

Tatsächlich haben mir die Lehren meiner Großmutter – die auch die Lehren meiner Mutter waren – später immer wieder geholfen, in Kenia und auch in Deutschland. Nur einmal hat mich dieser Mut dann doch verlassen: Es war mein erstes Jahr in Deutschland, Winteranfang, sechs Uhr morgens, eisiger Wind, Schneeregen, und ich stand mit einem Besen in Dunkelheit und Kälte, eine Asylbewerberin aus dem Wohncontainer, und sollte den Parkplatz vor dem Düsseldorfer Großmarkt fegen – für zwei Mark die Stunde. Ab und zu fiel das grelle Scheinwerferlicht der Lastwagen und Kleintransporter von Gemüsehändlern auf mich, und ich zog meine Jacke vor der Brust zusammen und fragte mich: Nura, was machst du hier eigentlich? Was ist das für ein Leben? Wenn ich mich umschaute, sah ich das warme Licht hinter den Fenstern der Wohnhäuser, sah Menschen, die zur Arbeit gingen, Menschen, die in einem Gespräch kurz auflachten, und plötzlich fühlte ich mich, als hätte ich in der Welt nichts mehr zu suchen. Vollkommen überflüssig. Als könnte ich mich im nächsten Moment in nichts auflösen, und keiner würde es merken. Da habe ich furchtbar geweint. Später habe ich, noch immer schluchzend, meine Mutter angerufen. Und meine Mutter, die zu dieser Zeit längst in Kenia lebte, hat mir mit denselben Worten Mut gemacht, die meine Großmutter damals in unserem Hof benutzt hatte: »Gib nicht auf. Halte durch. Wer auf einen Baum klettern will, muss unten anfangen. Und schau nicht zurück. Schau nach vorn.« Sie hat mich nicht getröstet, sie hat mich aufgerichtet. Und ich habe am nächsten Morgen weitergefegt.

Oft dehnten sich unsere Abende im Hof bis weit in die Nacht. Von meinen Eltern war sowieso nichts zu sehen, sie saßen seit Sonnenuntergang mit ein paar Nachbarn vor dem Laden auf der Straße, kauten Khat und redeten übers Geschäft. Da draußen hatten sie Ruhe vor uns Kindern, und wenn man Khat kaut, will man seine Ruhe haben. Manchmal verbrachten sie da die halbe Nacht, und bei Vollmond hielten sie es noch länger aus. Aber irgendwann gingen dann doch alle zu Bett, und allmählich wurde es still. Abgesehen von Fatmas Atem hörte ich jetzt nur noch ein klatschendes Geräusch, das aus allen Häusern der Nachbarschaft und auch aus unserer eigenen Küche drang. Das waren Frauen, die mitten in der Nacht den Injerateig fürs Frühstück anrührten. Dabei schlugen sie mit der Hand kräftig gegen die Innenseite des Kruges, und dieses Geräusch war jede Nacht in ganz Mogadischu zu hören. Was ich als Nächstes vernahm, war das »Allahu akbar« der Muezzins, und ich erwachte mit dem beglückenden Gefühl, dass der neue Tag wieder mindestens so schön wie der vergangene werden würde.

FÜNFZIG KAMELE FÜR EINE BRAUT

Das war unsere Welt: Mogadischu, der Ozean, die »Straße des Feuers«. Doch wenn man nur tief genug im Sandboden unseres Hofs gegraben hätte, ich bin sicher, die rote Erde von Hargeysa wäre zum Vorschein gekommen. Denn hinter unserer modernen Großstadtwelt lag eine andere. Dahinter dehnte sich die offene somalische Landschaft mit ihren Viehherden und ihren Nomaden und ihren zeitlosen Gesetzen. Und deshalb beginnt die Geschichte meiner Familie nicht mit einer aufgeregten Hochzeitsgesellschaft in Mogadischu, sondern mit einer schwierigen Verhandlung zwischen würdevollen Clanältesten im Schatten eines mächtigen Baums. Eines Nachmittags, als sie nicht im Laden stehen musste und wir Frauen im Wohnzimmer unter uns waren, hat meine Mutter uns alles erzählt.

Die Eltern meiner Mutter waren reich. Oben im Norden, am Stadtrand von Hargeysa, hatten sie eine Plantage, wo sie alle Arten von Gemüse anbauten. Außerdem besaßen sie große Herden – Kamele, Kühe, Ziegen und Schafe. Manchmal begleiteten sie die Herden auf ihren Wanderungen durch die Weidegebiete und überließen die Arbeit auf der Plantage den Angestellten. Von ihren drei Kindern war meine Mutter das jüngste, und da sie obendrein das einzige Mädchen war, wurde sie von ihren Eltern besonders geliebt.

Sie war siebzehn, als sie meinen Vater kennen lernte. Wie? Bei welcher Gelegenheit? Das weiß ich nicht, das hat sie nie erzählt. Das vergisst man auch schnell. Zumindest früher spielte sich das Kennenlernen nämlich so ab: Ein Junge trifft ein Mädchen, man sagt: »Hallo, wie geht’s?«, und dann, praktisch aus heiterem Himmel, sagte der Junge: »Ich mag dich, ich möchte dich heiraten.« Und wenn das Mädchen einwilligt, ist das Gespräch auch schon beendet. Alles andere wird dann zwischen den Familien geregelt, und was die vor allem interessiert, ist der Brautpreis. Natürlich konnten Mädchen auch gegen ihren Willen verheiratet werden, wenn der Brautpreis stimmte. Eines Tages jedenfalls tauchte mein Vater bei den Eltern meiner Mutter auf und hielt um die Hand ihrer Tochter an. Und sie lehnten rundheraus ab – obwohl meine Mutter mit ihren siebzehn Jahren schon fast als alte Jungfer galt. Damals wurde bei uns im Norden nicht gewartet, bis ein Mädchen siebzehn war, da wurde früher geheiratet. Aber zum einen war es wohl so, dass meine Großmutter ihr Nesthäkchen, ihre einzige Tochter, um keinen Preis herausrücken wollte. Und zum anderen – und das wog möglicherweise noch schwerer – gehörte mein Vater einem anderen Unterclan an als die Familie meiner Mutter und kam schon deshalb als Ehemann überhaupt nicht infrage.

Ich verstand das durchaus. Ich wusste ja, was ein Clan ist. Ich wusste, dass unser Volk aus Clans besteht, dass wir zum Clan der Lali gehörten und dass es in ganz Somalia keinen besseren, wahrheitsliebenderen und mutigeren Clan als die Lali gibt. Keinen, der ein so schönes, reines Somalisch gesprochen hätte und größere Dichter und Sänger und Geschichtenerzähler hervorgebracht hätte. Die Lali aus Nordsomalia waren fantastisch, unübertrefflich, und verständlicherweise waren wir ziemlich stolz darauf, Lalis zu sein. In Mogadischu allerdings sagte man das besser nicht so laut. Denn die Einwohner von Mogadischu waren eine bunte Mischung aus allen nur denkbaren Clans, schon der nächste Nachbar konnte von einem anderen Clan sein, und alle waren sie auf ihre Clans nicht weniger stolz als wir auf unseren. Also, das war ein heikles Thema. Manchmal allerdings, manchmal am nächtlichen Feuer überwältigte meine Großmutter der Stolz, und sie ließ sich dazu hinreißen, Loblieder auf die Lali zu singen, gefolgt von Spottliedern auf die anderen Clans. Das war von ihr schon nicht mehr ganz so ernst gemeint, aber im Norden, wenn sie unter sich waren, konnten sie sich noch ganz ernsthaft entrüsten: Was, du hast einen von einem anderen Clan geheiratet? Die sind doch überhaupt keine echten Somali!

Um die Sache noch komplizierter zu machen, teilt sich ein solcher Clan immer noch weiter und weiter auf und gliedert sich in eine Vielzahl von Unterclans, in ein Gewirr von Sippen und eine Unzahl von Großfamilien. Und nicht genug damit, dass es früher unmöglich war, jemanden von einem anderen Clan zu heiraten – es war sogar verpönt, einen aus einem anderen Unterclan des eigenen Clans zu heiraten! Mein Vater also war zwar ein Lali, genau wie meine Großeltern, gehörte aber einem anderen Unterclan an, und ihre Antwort lautete: Nein.

Nun ist es so, dass sie bei uns im Norden nicht nur die besseren Dichter und wahrheitsliebender und mutiger als alle anderen sind, sondern – und das steht nun wirklich fest – auch hitzköpfiger. Die verhinderten Eheleute wollten sich jedenfalls mit dieser Antwort nicht abfinden, und meine Mutter beschloss, heimlich mit meinem Vater durchzubrennen, um mit ihm zusammen im Häusermeer von Mogadischu unterzutauchen. Offenbar kannten sie sich doch etwas besser, als es unter Nichtverheirateten sonst üblich war, und offenbar liebten sie sich sogar. Meine Großmutter aber bekam Wind von der Sache, und gerührt gab sie meinem Vater zu verstehen, dass sie sich unter diesen Umständen erweichen lasse. Man sei bereit, seine Vertreter zu den erforderlichen Verhandlungen zu empfangen.

Die Ältesten von Vaters Unterclan trafen nur wenig später ein, auf dem Gelände von Großvaters Plantage, wo sie von Mutters Leuten noch etwas frostig empfangen wurden, und gemeinsam ließ man sich im Schatten des größten Baumes nieder. Die Verhandlungen begannen.

»Wir haben uns heute hier versammelt, um eine sehr wichtige Angelegenheit zu beraten«, ergriff der Sprecher der Partei meines Vaters das Wort. »Wir möchten euch nämlich um die Erlaubnis ersuchen, um die Hand eurer Tochter bitten zu dürfen.«

Mein Großvater kannte die Vorgeschichte. Er wusste nur zu gut, dass seine liebestolle Tochter durchbrennen wollte, und eigentlich hatte er gegen diese Ehe auch gar nichts mehr einzuwenden. Trotzdem schlug er die Hände über dem Kopf zusammen.

»Was? Meine einzige Tochter?«, heulte er auf. »Meine einzige Tochter soll ich verheiraten? An einen von euch? Nie und nimmer! Ihr seid für meine Tochter nicht gut genug! Da kann ich sie ja gleich einem von meinen Hirten zur Frau geben! Nein, wenn ich meine Tochter verheirate, dann nur mit einem Mann meines eigenen Unterclans.«

»Nun, nun«, kam die Antwort, »wir alle gehören doch demselben Clan an. Und es ist schon vorgekommen – und gar nicht so selten vorgekommen! –, dass ihr unsere Töchter geheiratet habt und wir eure Töchter geheiratet haben. Das wäre nicht das erste Mal. Welchen Grund könntet ihr also haben, uns eure Tochter zu verweigern?«

Mein Großvater wiegte nachdenklich den Kopf. »Ist meine Tochter überhaupt einverstanden?«, fragte er streng. »Ja, hat es der junge Mann, um den es hier geht, überhaupt für nötig gehalten, meine Tochter erst einmal zu fragen?«    

Die anderen nickten heftig. Jeder wusste vom Fluchtplan der beiden.

»Oh, sie haben schon miteinander gesprochen. Und nach allem, was man weiß, hat eure Tochter nicht das Geringste gegen diese Ehe einzuwenden. Andernfalls wären wir gar nicht gekommen.«

Nun, da wollten dann auch Großvater und seine Brüder und die Clan-Ältesten dem Glück der beiden nicht mehr im Wege stehen. Aus Prinzip erhoben sie noch ein paar Einwände, die den Charakter und die Vermögensverhältnisse des Kandidaten betrafen und leicht zu entkräften waren, dann gaben sie durch Blicke und Handzeichen zu verstehen, dass sie durchaus in der Stimmung seien, sich breitschlagen zu lassen. Und Großvater sagte feierlich:

»Nun, wenn ihr wirklich glaubt, meiner Tochter ein Zuhause bieten zu können, wie sie es verdient, und wenn ihr sicher seid, sie beschützen zu können, so sollt ihr sie haben – und wir, wir geben uns mit fünfzig Kamelen zufrieden.«

Die anderen sahen sich an. Ihre Gesichter verfinsterten sich.

»Fünfzig Kamele? Fünfzig? Das ist zu viel. Wer würde fünfzig Kamele für ein Mädchen bezahlen, das nicht mehr in der Blüte seiner Jahre ist?«

Die Leute meiner Mutter verzogen keine Miene.

»Fünfzig Kamele und keines weniger. Ihr bringt uns fünfzig Kamele, und wir geben unsere Tochter frei.«

Nun, das war wirklich viel. Fünfzig Kamele! So viele Kamele besaß die Familie meines Vaters überhaupt nicht. Aber man einigte sich trotzdem. Auf Ratenzahlung. Die erste Hälfte sollte sofort bezahlt werden, die andere Hälfte über die nächsten Jahre verteilt. Eine Ziege wurde geschlachtet, alle aßen aus einer großen Schüssel, und die Unterhändler meines Vaters zogen zufrieden von dannen.

»Also«, sagte mein Großvater zum Abschied, »sobald ihr mit den ersten fünfundzwanzig Kamelen kommt, gehört meine Tochter euch.«

Und eines Abends, ein paar Wochen später, waren sie da, mein Vater und einer der Ältesten mit den Kamelen. Alle fünfundzwanzig bestanden das Examen, keines hatte sich den Höcker wund gescheuert, selbst nach kahlen Stellen forschte man vergeblich, eines war sogar trächtig, und am selben Abend noch verließ meine Mutter das Haus ihrer Eltern als Braut.

Sie machten sich mit zwei Kamelen auf den Weg. Das eine trug getrocknetes Kamelfleisch, nicht weniger als zwanzig Kilo, zart und in schmale Streifen geschnitten, wie wir es zum Frühstück gern essen, denn eine Braut kann nicht zur Familie ihres Bräutigams kommen und kein Fleisch dabeihaben. Das andere Kamel trug Gegenstände, die meine Mutter in ihrer Jugend selbst angefertigt hatte, Körbe aus Stroh und dergleichen, dazu einen Kanister Butter für das Fleisch und einen Sack Datteln. Sonst nahm sie nichts mit. Ihren Schmuck, ihre Kleider, alles, was ihre Eltern ihr einmal geschenkt hatten, ließ sie zurück. Dies alles würde ihr Mann neu für sie kaufen müssen, das wurde von ihm erwartet. Und so zogen sie los, der Hochzeitsnacht entgegen, meine Mutter, mein Vater, der Älteste und die Kamele.

Dann sei alles sehr schnell gegangen, fuhr meine Mutter in ihrer Erzählung fort. Die Familie meines Vaters erwartete sie schon. Das Ehelager war vorbereitet, über dem Feuer brutzelte Lammfleisch in einer riesigen Pfanne, der Scheik waltete seines Amtes, die Trauzeugen wünschten dem Paar gesegnete Ehejahre ohne Zahl, und kaum war die Hochzeitsurkunde ausgestellt, ging das Fest los. Die ganze Nacht wurde getrommelt und gesungen, immer mehr Menschen trafen ein, die Frauen tanzten im Kreis, die Männer sprangen in die Luft und warfen die Beine hoch, und mitten unter ihnen saß meine Mutter und tanzte nicht und lachte nicht und blickte den Gästen nicht einmal ins Gesicht – denn eine Braut, die sich an ihrem eigenen Hochzeitstag freut und lacht und tanzt, die macht sich zum Gespött aller Gäste. Und schließlich, kurz vor Sonnenaufgang, fand sie sich allein im Zimmer der Brautleute wieder, allein mit meinem Vater.

Sie hielt es nicht lange dort aus. Sie hielt es keine Nacht lang dort aus. Eine Zeit des Schreckens begann, für beide – für meinen Vater, aber viel mehr noch für meine Mutter. Sie hätte diesen Teil der Geschichte verschweigen können, um uns Mädchen nicht zu beunruhigen, um uns keine Angst zu machen. Aber sie dachte gar nicht daran, uns die Wahrheit zu ersparen: Mein Vater hatte versucht, in sie einzudringen. Schon in der ersten Nacht einzudringen gilt als Beweis besonderer Männlichkeit. Aber es ging nicht. Sie hatten meine Mutter nicht aufgeschnitten. Was sollte mein Vater machen? Es wird ihm selbst wehgetan haben, für meine Mutter war es eine Qual. Sie hielt es nicht aus. In den nächsten drei Monaten floh sie Nacht für Nacht aus seinem Bett. Manchmal war sie so verzweifelt, dass sie wieder nach Hause lief und Zuflucht bei ihrer Mutter suchte. Aber es half nichts, sie musste zurück. Schließlich wurde eine Beschneiderin gerufen, die schnitt sie so weit auf wie nötig. Und in derselben Nacht noch tat mein Vater das, was alle von ihm erwarteten, und schlief mit ihr. Meine Mutter hat gelitten, geweint und geschrien. Neun Monate später brachte sie ihr erstes Kind zur Welt. Es war ein Sohn. Er wurde Mohamed genannt. So ist es in moslemischen Ländern üblich: Der erste Sohn bekommt den Namen des Propheten.

UNTER FREIEM HIMMEL

Meine Mutter liebte Mohamed, ihren Sohn, ihren Erstgeborenen, über alles. Als das jüngste von drei Kindern hatte sie zu Hause nie Nachwuchs erlebt und war glücklich, sich endlich um ein Baby kümmern zu dürfen. Nach wie vor lebte sie im Norden, nicht weit von ihren Eltern entfernt, nach wie vor atmete sie die Luft der Nomaden. Dann kam Yurop zur Welt – Yurop, wie Europa auf Englisch. Ein sonderbarer Name, wenn man nicht weiß, dass mein Vater kurz vor ihrer Geburt eine Geschäftsreise nach Europa unternommen hatte. Ein epochales Ereignis, von dem der Name seiner ältesten Tochter über seinen Tod hinaus zeugen sollte. Als Nächstes wurde meine Schwester Fatma geboren, und dann kam ich.

Ich habe meine Mutter gefragt, und sie hat mir bereitwillig geantwortet. Es gab manches, das Kinder nicht wissen und nicht hören durften, und in der Regel wurden wir aus dem Zimmer geschickt, wenn sich Erwachsene unterhielten. Wie Hochzeitsnächte gehörten aber offenbar auch Geburten nicht zu den vielen großen und kleinen Geheimnissen, die uns als Kinder umgaben, und so erfuhr ich, dass ich im Morgengrauen auf die Welt kam. Gleich darauf ging die Sonne auf, und ein strahlender Augusttag brach an. Meine Großmutter, die meiner Mutter Beistand geleistet hatte, gab mir den Namen Djowheir, »Sonnenschein«. Auf Dauer aber setzte sich mein zweiter, mein arabischer Name Nura durch, der »Licht« bedeutet.

Wie für jede beschnittene Frau war die Geburt auch für meine Mutter eine Tortur gewesen. Fünf Stunden lang hatte sie gekämpft, obwohl die Hebamme sie aufgeschnitten hatte, und kaum war ich auf der Welt, wurde sie wieder zugenäht. So musste es sein, so erging es jeder somalischen Frau nach der Geburt, und auch meine Mutter ließ es jetzt widerspruchslos mit sich machen, zum vierten Mal nun schon. Drei Stunden durfte sie sich davon im Krankenhaus von Hargeysa erholen, dann kehrte sie mit mir nach Hause zurück.

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