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Tränen der Trauer – Tränen des Glücks

PROLOG

An einem Sommermorgen trafen sich Nell und Jacob in der Dämmerung am Fluss. Die versteckte Lichtung war der einzige Ort für die Tochter vom Boss und den Hilfsarbeiter, an dem sie ungestört sein konnten.

Sie kamen aus verschiedenen Richtungen. Nell war nervös, und Jacob wartete ungeduldig auf die Neuigkeiten, die sie für ihn hatte. Als er durch den leichten Morgennebel auf sie zuging, trug er den Kopf hoch erhoben und straffte die Schultern, als gehöre ihm die Welt.

Ein paar Schritte vor ihr blieb er stehen, und sie las die stumme Frage in seinen ernsten grauen Augen.

Zu beklommen, um sprechen zu können, schüttelte sie nur den Kopf.

„Du bist also schwanger“, sagte er leise.

Nell blickte auf ihre ineinander verschränkten Hände. „Ich bin mir fast sicher.“ Sie hörte, wie er die Luft scharf einsog, und flüsterte: „Es tut mir leid.“ Und zum ersten Mal begriff sie, dass sie sich fast ein wenig vor diesem großen jungen Mann fürchtete.

Plötzlich kam es ihr vor, als würde sie ihn überhaupt nicht kennen, trotz der vielen Stunden, die sie während ihrer langen, heißen Sommerferien heimlich mit ihm verbracht hatte. Eine Schwangerschaft änderte alles. Sie waren gezwungen, an eine gemeinsame Zukunft zu denken, auf die sie nicht vorbereitet waren.

Mehr noch fürchtete Nell sich vor der Reaktion ihres Vaters. Diesen Fehltritt würde er ihr nie verzeihen, und sie war sicher, dass er ihr nur eine einzige Möglichkeit lassen würde.

Bei diesem Gedanken zitterte sie und holte tief Luft. „Meine Eltern werden mich zu einem Abbruch zwingen.“ Grimmig runzelte Jacob die Stirn. „Das willst du aber nicht, oder?“ Nein. Nicht einmal die Vorstellung konnte sie ertragen. Energisch schüttelte sie den Kopf.

„Du musst es nicht tun, Nell. Kommt gar nicht infrage.“ Er nahm ihre Hand und verflocht seine kräftigen Finger mit ihren. Sie spürte die vertraute Rauheit seiner Haut.

Trotz der Erschütterung ihrer vertrauten Welt schien der Fluss weiterhin sorglos vor sich hinzuplätschern, und der Duft von Eukalyptus und Kängurubäumen hing schwer in der Luft.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie noch einmal.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ Jacob drückte sanft ihre Hand.

Tränen sammelten sich in ihren Augen. Er hatte ja recht, natürlich musste sie sich nicht entschuldigen. Wenn schon, dann traf die Schuld sie beide. Seit dem Moment ihrer ersten Begegnung, als sie von der Universität auf die Farm ihrer Eltern zurückgekehrt war, fühlten sie sich zueinander hingezogen.

Nell hatte beobachtet, wie hingebungsvoll Jacob die Pferde ihres Vaters versorgte, und sofort eine heftige Zuneigung für ihn empfunden. Der Zauber, der sie gefangen nahm, hatte sie blind für alles andere gemacht und ihren gesunden Menschenverstand ausgeschaltet.

Jetzt zog Jacob Nell an sich, und sie legte ihren Kopf an seine Schulter. Genüsslich sog sie seinen männlichen Geruch ein, der ihr ein Gefühl von Geborgenheit vermittelte.

Jacob küsste sie auf die Augenbrauen. „Willst du mich heiraten, Nell?“

Sie schnappte überrascht nach Luft. Vor Aufregung wurde ihr abwechselnd heiß und kalt. Im Stillen hatte sie gehofft, dass Jacob genau diese Worte sagen würde, hatte gehofft, dass er sie und ihr Baby wollte. Es schien der einzige Ausweg, ihren Eltern überhaupt noch einmal unter die Augen treten zu können.

Mit bebenden Fingern zeichnete Jacob die Linie ihres Kinns nach. „Ich verspreche dir, dass ich für dich sorgen werde. Wir werden es schon schaffen.“

Oh ja, sie würden es schaffen. Daran zweifelte Nell nicht. Jacob kannte sich ausgezeichnet mit Tieren aus, fühlte sich auf den Rücken eines Pferdes wie zu Hause und liebte das Land wie kaum ein Zweiter. In den Outbacks, dem weiten Buschland Australiens, konnte er jederzeit Arbeit finden. Es würde ihr nicht viel ausmachen, ihr Studium abzubrechen und arm zu sein, wenn sie nur mit ihm zusammenleben konnte.

Das einzige Problem waren ihre Eltern.

Wären sie nur nicht solche schrecklichen Snobs! Sie hatten Nell bloß auf die Universität geschickt, damit sie sich einen reichen Ehemann angelte. Wenn sie jetzt verkündete, dass sie den Sohn der Köchin heiraten wollte, kam das einer Kriegserklärung gleich.

Und was war mit Jacob? Meinte er es tatsächlich ernst? Er hatte ihr von seinem Traum erzählt, irgendwann einmal selbst Rinder zu züchten, aber das war noch Zukunftsmusik. Eine frühe Ehe passte nicht in seine Pläne.

„Bist du sicher, Jacob?“

Er schlang die Arme um ihre Taille und lehnte sich zurück, um sie anzusehen. Seine Miene war ernst, als ginge es um eine Frage von Leben und Tod. „Noch nie war ich mir einer Sache so sicher. Ich weiß, dass ich dir nicht viel bieten kann. Du verdienst einen reichen, gebildeten Mann.“

Genau das würden auch ihre Eltern sagen, aber aus seinem Mund hörte es sich falsch an. Sie wollte schon protestieren, aber Jacob kam ihr zuvor.

„Ich liebe dich, Nell, und ich verspreche dir, dass ich für dich sorgen werde. Ich werde hart arbeiten. Ich werde mir einen zweiten Job suchen. Ich werde genug Geld für dich und das Baby verdienen, und eines Tages werden wir ein eigenes Haus haben. Eine große Farm wie Half Moon.“

Seine Unerschrockenheit vertrieb ihre Ängste sofort.

Noch mal sagte Jacob: „Ich liebe dich. Das weißt du doch.“

„Ja.“ Sie lächelte glücklich unter Tränen und schlang die Arme um ihn. „Und ich liebe dich so sehr, dass es wehtut.“

Nell hob ihm die Lippen entgegen, und sie küssten sich voller Leidenschaft. Aufseufzend klammerte sie sich an Jacob. Mit seiner Kraft und seiner Stärke würde er sie für immer beschützen.

„Alles wird gut“, sagte sie voller Zuversicht, und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Dann wirst du mich also heiraten?“

„Ja, natürlich!“

Ja!

Eine Schar Finken stob erschrocken auf. Mit einem weiteren triumphierenden Aufschrei hob er Nell hoch. Ihr glückliches Lachen mischte sich mit dem Vogelgezwitscher, als er sie übermütig im Kreis herumwirbelte.

Sie würden heiraten. Zusammen mit ihrem Baby würden sie eine Familie gründen, und niemand würde sie aufhalten.

Jacob setzte Nell ab, ließ ihren Körper sanft an seinem hinabgleiten, was in beiden sofort heißes Verlangen weckte.

Erneut trafen sich ihre Lippen, hungriger als je zuvor. Nell legte ihre ganze Seele in diesen Kuss. Jacob sollte wissen, wie intensiv und bedingungslos sie ihn liebte.

Seine Hände glitten unter ihre Bluse und strichen sanft über ihre Haut, bis sie lustvoll erbebte.

Abrupt wurde die Stille des Sommermorgens von einem metallischen Klicken zerrissen.

Sie erstarrten.

Nells Herz pochte zum Zerspringen, während sie sich langsam umdrehte.

Im Schatten unter den Bäumen stand ihr Vater. Sein Gesicht war rot vor Wut, als er die Waffe hob und zielte.

1. KAPITEL

Der Gottesdienst war vorüber.

Nell wusste, dass sie aufstehen und hinausgehen musste, aber sie war sich nicht sicher, ob ihre Beine sie tragen würden. Sie hatte sich noch nie so leer gefühlt und wusste nicht, wie sie mit diesem Verlust fertig werden sollte.

Heute war es viel schlimmer als an jenem schrecklichen Tag vor zwanzig Jahren, als man ihr Tegan weggenommen hatte. Damals war sie im Krankenhaus gewesen und hatte unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden, sodass sie gar nicht richtig begriffen hatte, was geschah. Doch in dieser Woche hatte ein Autounfall ihr die Tochter endgültig entrissen. Es gab nichts, was Nells Schmerz lindern könnte.

Ihr blieben nur die wenigen Erinnerungen an Tegan. Das neugeborene Baby hatte in ihren Armen gelegen, und die kräftigen Beinchen hatten das Tuch weggestoßen. Schon im Bauch hatte die Kleine kräftig nach ihr getreten. Nell erinnerte sich an das Gesichtchen mit den dunklen Augen, den weichen Flaum dunklen Haars und den winzigen roten Mund. Und an den unverwechselbaren, einzigartigen Babygeruch.

Die Erinnerungen quälten Nell bereits genug. Glücklicherweise blieb ihr das Mitgefühl der Leute erspart, das sich ganz auf Jean und Bill Browne konzentrierte. Sie hatten Tegan adoptiert. Nell wusste, dass sie zu ihnen gehen und mit ihnen sprechen musste, sobald sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte.

„Nell?“

Steif drehte Nell sich um. Jean näherte sich der Kirchenbank, in der Nell saß. Ihre Hände spielten nervös mit einem nassen Taschentuch, und ihre Augen wirkten wie erloschen.

„Jean.“ Nell stand mühsam auf. „Es tut mir leid, dass ich noch nicht mit Ihnen gesprochen habe.“

Die beiden Frauen – Adoptivmutter und leibliche Mutter – standen einander gegenüber und sahen sich an. Jean Browne wirkte erschöpft. Ihre hellen Augen waren blutunterlaufen, und das kurze, graue Haar hing schlaff und kraftlos herab.

„Bitte …“ Die Frauen waren sich bereits am Tag nach dem Unfall begegnet, aber jetzt fand keine von beiden die richtigen Worte.

Nell nahm Zuflucht zu den Regeln der Höflichkeit. „Ich möchte Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen.“

Jeans Augen schwammen in Tränen. „Für Sie muss es auch schwer sein.“

„Ja.“ Nell versuchte, den pochenden Kopfschmerz zu ignorieren, nahm ihre Handtasche und schob sich unsicher durch die schmale Bankreihe. „Ich bin Ihnen und Bill sehr dankbar. Sie haben Tegan ein glückliches Zuhause gegeben und – die Liebe, die sie brauchte.“

Jean nickte und schenkte Nell ein trauriges Lächeln, das allerdings gleich wieder erlosch. „Sie waren mir neulich eine große Hilfe. Ich hatte gehofft, wir könnten uns mal unterhalten. Über das Baby.“

Nell presste ihre bebenden Finger vor den Mund. Während der Trauerrede war sie fast zusammengebrochen, als der Pfarrer Tegans Sohn erwähnte, der erst vor wenigen Wochen geboren worden war.

„Ich habe Sam heute bei der Babysitterin gelassen“, sagte Jean. „Aber ich weiß, dass Sie ihn gerne sehen würden. Mr. Tucker ist übrigens ebenfalls hier.“

„Mr. Tucker?“ Nell zuckte zusammen.

„Tegans Vater.“

Hätte Nell sich nicht an der Lehne der Kirchenbank in ihrem Rücken festklammern können, wäre sie wahrscheinlich ohnmächtig geworden.

Jacob Tucker ist hier?

Hatte er an der Trauerfeier teilgenommen?

Ein erstickendes Gefühl der Panik erfasste sie, als Jean einen raschen Blick das Kirchenschiff hinaufwarf. Abrupt fuhr Nell herum. Im hinteren Teil der Kirche, in der Nähe der Tür, stand Jacob. Schlank und aufrecht, mit ernster Miene.

Sein Gesicht lag teilweise im Schatten, trotzdem erkannte sie die kräftigen Brauen, die markante Nase und die kleine Furche in seinem Kinn. Selbst nach zwanzig Jahren war all das Nell noch schmerzlich vertraut.

Obwohl er einen schwarzen Anzug trug, war unschwer zu erkennen, dass er auf dem Land lebte. Die sonnengebräunte Haut, der kräftige Körperbau und die feinen Fältchen um seine Augen verrieten es, ebenso die Art, wie er dastand.

Ihn umgab eine Aura von Ungezähmtheit, die Nell beunruhigte und verstörte.

Noch immer konnte sie sich ganz genau an jenen Moment erinnern, als sie ihn zum ersten Mal im Stall ihres Vaters gesehen hatte. Sie wusste noch sehr gut, wie sehr seine Anziehungskraft sie verwirrt und schließlich in den Bann gezogen hatte. Und sie erinnerte sich an den furchtbaren Morgen am Ufer des Flusses. Damals hatte sie ihn zum letzten Mal gesehen.

Gelegentlich entdeckte sie sein Foto in den Zeitschriften für Viehzüchter, die sie auf der Suche nach Nachrichten über Jacob Tucker regelmäßig durchblätterte. Er war ein sehr erfolgreicher Züchter geworden. Doch da sie seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zueinander hatten, wusste sie nichts über sein Privatleben.

„Ich habe bereits mit Mr. Tucker gesprochen“, sagte Jean.

Wie aufs Stichwort grüßte Jacob sie mit einer kaum wahrnehmbaren Kopfbewegung und ohne zu lächeln.

Nells Herz pochte. Jetzt konnte sie den Ausdruck auf seinem Gesicht erkennen. Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Schmerz und Groll.

Nell umklammerte die Lehne der Kirchenbank noch fester. Nach einem letzten verzweifelten Blick auf Jacob wandte sie sich wieder an Jean. „Verzeihung. Was haben Sie gerade gesagt?“

„Ich dachte, dass Mr. Tucker Sam vielleicht auch sehen möchte. Falls möglich, würde ich gerne mit Ihnen beiden reden. Ich habe da nämlich ein Problem.“ Nervös schaute sie in Richtung Tür. „Allerdings bleibt mir jetzt keine Zeit mehr. Ich muss Bill nach Hause bringen und Sam abholen. Vielleicht können wir also unsere Unterhaltung verschieben …“

„Kein Problem.“

Jean putzte sich die Nase und schaute noch einmal in Jacobs Richtung. Als hätte er genau auf dieses Signal gewartet, kam er mit großen Schritten auf die beiden Frauen zu.

Nell stockte der Atem. Sie hatte ganz vergessen, wie groß und breitschultrig er war. Seine Miene jedoch versetzte ihr einen Dämpfer. Jacobs Blick wirkte angespannt und kühl, und zu beiden Seiten seines Mundes hatten sich tiefe Furchen gebildet.

„Hallo, Nell.“

„Jacob“, brachte sie gepresst hervor. Ihre Lippen begannen zu zittern. Sie war erschöpft und durcheinander. Ihn zu sehen war fast zu viel für sie.

„Mrs. Browne hat mich freundlicherweise eingeladen, unseren Enkel kennenzulernen“, sagte er.

Unseren Enkel.

Nell war nicht sicher, welches Wort sie mehr schockierte. Unser bedeutete, dass sie beide in gewisser Weise immer noch miteinander verbunden waren. Das Wort Enkel legte den Schluss nahe, sie stünden in vertrauter Beziehung zueinander. Aber das stimmte nicht. Im Grunde waren sie sich fremd. Und sie waren noch keine vierzig Jahre alt. Eigentlich zu jung für Enkelkinder …

„Ich … ich muss jetzt gehen.“ Jean blickte von einem zum anderen. Sie schien die Spannung zu spüren. „Vergessen Sie bitte nicht, wir müssen dringend reden.“

„Ja, natürlich.“ Nell ergriff die Hände der Frau. „Und ich würde Sam sehr gerne noch einmal sehen. Das ist sehr freundlich von Ihnen. Wir …“ Sie räusperte sich.

„Möchten Sie vielleicht lieber getrennt kommen?“, schlug Jean vor und bedachte die beiden mit einem neugierigen Blick.

Nell spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.

„Ich denke, wir sollten zusammen kommen“, sagte Jacob direkt an Jean gewandt, als sei Nell gar nicht anwesend. „Dann haben Sie nicht so viel Mühe.“

„Es wäre auf jeden Fall einfacher, wenn ich die Sache mit Ihnen beiden gemeinsam besprechen könnte.“

Nell wünschte, Jean würde es nicht nur bei Andeutungen belassen. Aber sie hatte offensichtlich keine Zeit, um genauer zu erklären, worauf sie hinauswollte.

„Würde es Ihnen morgen früh passen?“, fragte Jean. „So gegen elf?“

„Sehr gut sogar“, erwiderte Jacob.

„Mir auch“, stimmte Nell zu.

Jean steckte das nass geweinte Taschentuch in die Handtasche und schloss diese energisch. „Dann also bis morgen.“

Damit drehte sie sich um und eilte aus der Kirche.

Jacob stand am Ende der Kirchenbank und versperrte Nell den Weg. Sie machte zwei Schritte auf ihn zu, als erwartete sie, dass er ihr höflich Platz machen würde. Doch er dachte gar nicht daran. Er war gerade durch die Hölle gegangen und hatte sich von einer Tochter verabschiedet, von deren Existenz er nichts gewusst hatte. Nie hatte er sie im Arm gehalten und sie nicht ein einziges Mal berührt.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr man einen Menschen lieben und vermissen kann, auch ohne ihn zu kennen.

Diese Frau, Nell, die er in jenem kurzen Sommer geliebt und verloren hatte, hatte ihre gemeinsame Tochter weggegeben. Warum war sie hierhergekommen und tat jetzt so, als würde Tegans Tod ihr etwas ausmachen?

„Ich hatte dich nicht hier erwartet“, brachte er gepresst hervor.

Nell schüttelte den Kopf. Sie war ihm so nahe, dass er ihr Parfüm riechen konnte, leicht würzig und unglaublich vertraut.

„Warum hätte ich nicht kommen sollen?“ Ihre Stimme klang erstickt, sodass er sie kaum verstand. „Das ist die Beerdigung unserer Tochter, Jacob.“

„Aber du hast Tegan weggegeben.“

„Nein.“

Nein? Wie kann sie es wagen, zu lügen?

Jacob wollte sie zur Rede stellen. Sie musste ihre Lüge zurücknehmen. Andererseits sah sie so verletzlich und viel zu blass aus. Er brachte es nicht übers Herz, sie anzufahren.

Und sie wurde immer blasser.

Zu seiner Bestürzung schwankte Nell und sank auf die Kirchenbank. Mit geschlossenen Augen saß sie zusammengekauert da und presste die Finger gegen die Schläfen. Das durch die Buntglasfenster der Kapelle einfallende Licht zeichnete rote und blaue Reflexe auf ihr glänzendes, goldblondes Haar.

Es wirkte jetzt viel ordentlicher frisiert, als er es in Erinnerung hatte. Früher hatte sie die wilden Locken offen getragen. Jacob streckte die Hand aus, berührte sie jedoch nicht. „Alles in Ordnung?“

Sie nickte erschöpft. „Ich bin nur müde und traurig.“

Einen Moment später schlug sie die Augen auf. Langsam und vorsichtig, als bereitete es ihr Mühe, drehte sie den Kopf und blickte zu ihm hoch. Ihre blauen Augen waren fast noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Ein Blick in die unergründlichen Tiefen, und er fühlte sich ganz benommen.

„Ich muss nach Hause“, sagte sie.

Ihre offensichtliche Schwäche rief ihm seine gute Kinderstube in Erinnerung. Die Fragen, die ihn quälten, mussten warten. „Natürlich.“

Er beugte sich vor und berührte sie am Arm. „Ich fahre dich heim.“

Ein rosiger Schimmer legte sich auf ihre Wangen. „Das ist nicht nötig.“

„Bist du mit dem Auto hier?“

„Nein“, räumte sie widerstrebend ein. „Mit dem Taxi.“

„Dann gibt es nichts zu diskutieren.“ Seine Hand schloss sich um ihren Arm. Leicht irritiert stellte er fest, dass die Röte ihrer Wangen sich noch vertiefte. „Komm schon.“

Zu seiner Überraschung entzog sie sich ihm nicht, sondern stand gehorsam auf. Als sie zusammen aus der Kapelle in den Sonnenschein und die frische Luft traten, waren die anderen Trauergäste bereits verschwunden. Der Mercedes, ein Leihwagen, stand einsam auf dem Parkplatz.

Jacob ging zur Beifahrertür und hielt sie für Nell auf. Den Kopf leicht geneigt, setzte sie sich und schwang in einer anmutigen Bewegung die langen Beine ins Wageninnere. Etwas zu energisch schloss er die Tür hinter ihr, ging um den Wagen herum und stieg ebenfalls ein. Verdammt, er musste jetzt unbedingt die Nerven behalten und sich nicht von ihrer Gegenwart ablenken lassen.

Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren. Ganz egal, ob Nell gerade neben mir sitzt. Oder was früher geschehen ist. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihr zu streiten.

„Wohin?“, fragte Jacob und verlieh seiner Stimme einen freundlichen Klang. „Wollen wir unterwegs noch irgendwo einen Kaffee trinken?“

Nell schüttelte den Kopf. „Einfach nur nach Hause bitte.“

„Das ist in Toorak, nicht wahr?“

„Nein.“ Rasch setzte sie eine Sonnenbrille mit riesigen Gläsern auf, die ihre ausdrucksstarken Augen verbargen. „Ich lebe jetzt in Williamstown.“

Stirnrunzelnd startete Jacob den Wagen und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. Williamstown war ein hübscher Vorort am Strand, aber warum hatten Nell und ihr Mann die große Wohnung in Melbournes exklusivstem Wohnviertel aufgegeben?

Während er noch darüber nachgrübelte, fragte sie: „Wo lebst du inzwischen?“

„In Queensland. In der Nähe von Roma.“

„Da gibt es jede Menge gutes Weideland.“

„Das stimmt.“

„Du hast es also geschafft.“

Unsicher, ob das eine Feststellung oder eine Frage war, antwortete Jacob nicht. Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Nell saß sehr aufrecht und still neben Jacob, die Hände im Schoß gefaltet. Jacob hatte Mühe, nicht immer wieder zu ihr hinüberzublicken.

Als sie die Westgate Bridge erreichten, die sich im weiten Bogen über den Yarra River spannte, fragte Nell: „Wusstest du von dem Baby – von Tegans Baby? Oder hast du es heute erst erfahren?“

Mit einer heftigen Bewegung wandte Jacob sich ihr zu. „Nein. Ich hatte keine Ahnung. Und du?“

„Jean hat mich einen Tag nach dem Unfall angerufen. Es schien alles zu viel für sie, also bin ich zu ihr gefahren, um zu sehen, ob ich helfen kann. Da habe ich Sam gesehen. Ein süßer kleiner Junge.“

„Ich habe erst vor sechs Wochen von Tegans Existenz erfahren.“ Es fiel ihm schwer, die Bitterkeit aus seiner Stimme herauszuhalten.

„Hat Tegan dir geschrieben?“

„Ja. Einen ziemlich langen Brief.“

„Das muss ein Schock für dich gewesen sein.“

Sein Gesicht spiegelte seinen Schmerz. „Ein Schock? Das ist noch untertrieben. Ich brauchte fast eine Woche, um mich von der Neuigkeit zu erholen und ihr zu antworten.“ Er hielt inne. „Und dann, vor zwei Tagen, kam dieser Brief von Jean.“

„Ein noch schlimmerer Schock.“

„Es war entsetzlich.“ Nach einer Weile sagte er: „Tegan hat nichts von einem Baby erwähnt.“

„Trotzdem bin ich froh, dass sie dir geschrieben hat.“

Jacob warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Das klingt, als hättest du etwas damit zu tun.“

Nell spielte mit dem Griff ihrer Handtasche und fuhr mit dem Finger die Naht entlang. „Tegan hat mir geschrieben, dass sie Kontakt zu dir aufnehmen will. Ich habe ihr alles mitgeteilt, was ich über dich weiß, auch wenn es nicht viel war. Den Rest hat sie im Internet herausgefunden.“

„Hatte sie deinen Namen von der Adoptionsagentur?“

„Ja.“

Jacob umklammerte das Lenkrad. „Und warum konnte man ihr in der Agentur nicht auch meinen Namen geben?“

Da Nell nicht antwortete, verlor er die Geduld. „Warum zum Teufel musste meine Tochter sich an dich wenden, um herauszufinden, wie ich heiße?“

„Jacob, pass auf!“

Neben ihnen hupte jemand, und Jacob stellte erschrocken fest, dass er gefährlich nah an den Mittelstreifen herangekommen war. Mit zusammengebissenen Zähnen lenkte er den Wagen wieder in die Mitte der Spur. Dann wiederholte er seine Frage. „Warum musste Tegan dich nach meinem Namen fragen?“

Er bedachte Nell mit einem wütenden Blick. Sie trug zwar dunkle Sonnengläser, doch die roten Wangen konnte sie dadurch nicht verbergen. Verlegen suchte sie nach den passenden Worten.

„Weil dein Name …“, ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, „… nicht auf Tegans Geburtsurkunde steht.“

„Wie bitte?“ Die Worte schossen förmlich aus ihm heraus, und Nell zuckte zusammen.

Er wollte nicht hart mit ihr umspringen, doch er ärgerte sich über sie. Es gab also keinen Beweis dafür, dass überhaupt eine Verbindung zwischen Tegan und ihm bestand. Vater unbekannt. Wut überkam ihn, eine Wut, die kaum noch beherrschbar schien.

Nell saß angespannt neben ihm und presste ihre Handtasche an sich. „Jacob, wir sollten das Thema meiden, solange du fahren musst.“

Wahrscheinlich hatte sie recht, aber das wollte er nicht zugeben. Seine einzige Reaktion bestand aus einem verächtlichen Schnauben. Jacob warf einen Blick in den Rückspiegel und wechselte die Spur, um die Abfahrt nach Williamstown zu nehmen. Erdrückende Spannung erfüllte das Wageninnere.

Fünf Minuten später lotste Nell ihn in eine ruhige Straße, die nur einen Block vom Strand entfernt war.

„Das kleine Haus mit der blauen Tür dort drüben ist meins“, sagte sie und deutete auf ein malerisches, aber bescheidenes Cottage im Kolonialstil.

Jacob hielt an. Im Vorgarten blühte Lavendel, und ein schmaler Pflasterweg führte zu der mit gelben Rosen umrankten Tür. Seine Mutter hatte ein Faible für solche altmodischen Häuser und Gärten. Nell Ruthven und ihren Mann konnte er sich in einer solchen Umgebung allerdings nur schwer vorstellen.

„Danke fürs Nachhausebringen“, sagte Nell leise.

„Gern geschehen.“ Jacob konnte den spröden Unterton in seiner Stimme nicht verbergen.

Sie tastete nach dem Türgriff.

„Soll ich dich morgen abholen, wenn ich zu den Brownes fahre?“, bot Jacob an.

Nach kurzem Zögern erwiderte sie: „Danke. Wahrscheinlich ist es ganz gut, wenn wir zusammen fahren.“

„Wir müssen reden, Nell.“ Immer noch gingen ihm jede Menge wütender Fragen im Kopf herum.

Ihre Blicke trafen sich, und er registrierte eine herzzerreißende Mischung aus Trauer, Verunsicherung und etwas anderem, das er nicht deuten konnte.

„Nach all der Zeit haben wir einander viel zu erzählen“, sagte er.

„Ich kann jetzt nicht reden.

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